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Medienpapst
und Papstmedien
Johannes Paul II. und die Vatikanmedien P.
Eberhard v. Gemmingen SJ Anlässlich des Todes von Papst Johannes Paul II, des Konklaves und der Wahl von Kardinal Joseph Ratzinger zu Papst Benedikt schaute die Welt nach Rom. Millionen von Menschen waren fasziniert. Beobachter der weltkirchlichen Szene mögen den Eindruck haben, die katholische Kirche habe gelernt, die Medien für ihre Zwecke gut einzusetzen. Insbesondere habe der Papst mit seinem Stab erfaßt, wie man die christliche Botschaft in der modernen Medienwelt darstellt und zu den Menschen trägt. Zu diesem Eindruck hat ganz wesentlich das Pontifikat Papst Johannes Paul II. und der Wechsel zum Pontifikat Papst Benedikt XVI. beigetragen. Ich möchte mich hier mit diesem Eindruck auseinandersetzen, prüfen woher er kommt, inwieweit er gerechtfertigt ist und ob er vielleicht falsch ist. Präziser lautet die Fragestellung: Was tat Papst Johannes Paul II. selbst und mit Hilfe seines Stabes, um weltweit als Medienpapst wahrgenommen zu werden? Und wie setzt der Vatikan - auch unabhängig vom Papst - die Medien für die Verkündigung der christlichen Botschaft ein? Der Medienpapst „The medium
is the message“ – das Medium selbst ist
die Botschaft. So die bekannte These von Marshal McLuhan schon vor 30
Jahren. Sie wollte sagen: Ganz unabhängig von der Botschaft, die
über
die Medien vermittelt wird, ist das Medium selbst interessant, zieht
die Aufmerksamkeit auf sich, bewegt die Menschen. Besonders beim
Fernsehen wird deutlich: Hauptsache, es bewegt sich etwas; das, WAS sich
bewegt, ist im Vergleich dazu zweitrangig.
Physiologen müssen zustimmen: Das menschliche Auge wird
automatisch vom
Bewegten mehr angezogen als vom Unbewegten; ein fliegender Vogel zieht
den Blick mehr an als 1000 stillstehende Bäume, ein
vorbeifahrender Zug
lockt das Auge mehr als die schönste Abendlandschaft. Ob der
Mensch
will oder nicht, er schaut dorthin, wo sich etwas bewegt.
Ähnliches
gilt für Radio und Zeitung: Nicht WAS das Radio sagt, ist das Wichtigste, sondern DASS es Töne von sich gibt. Nicht WAS in der Zeitung steht, ist das Entscheidende, sondern DASS die Zeitung Neues mitteilt, oder dass ich mich hinter der Zeitung verstecken oder gar zeigen kann. Die Zeitung hebt meine Persönlichkeit. Kurz: „The medium is the message“ – das Medium selbst ist die Botschaft. Im Jahr 1983 sprach der bekannte Intendant des Österreichischen Fernsehens Gerd Bacher nach der ersten Papstreise nach Wien in Rom anläßlich der Vorführung einer Dokumentation mit den wichtigsten Stationen der Reise. Er begann seine Ausführungen mit den Worten „Papst Johannes Paul II. hat bewiesen, dass die These „The medium is the message“ falsch ist. Er hat gezeigt, dass das Medium auch wirkliche Botschaften vermitteln kann, dass die Botschaft wichtiger ist als das Medium. Es gibt Botschaften, die die Medien in die zweite Reihe rücken, weil sie selbst bedeutender sind als das Medium, weil sie den Menschen mehr ansprechen als das, was sich nur bewegt oder nur tönt.“ Diese These von Bacher ließ mich aufhorchen. Daher habe ich sie nicht vergessen. Heute – mehr als 20 Jahre später – wissen wir noch besser, warum Papst Johannes Paul II. eine solche Wirkung auf Millionen Menschen ausübte, was sich ganz besonders zeigte, als sein Leichnam in St. Peter aufgebahrt war. Der Papst aus Polen war von seiner Sache zutiefst überzeugt, er lebte sie mit Haut und Haar. Und das konnten alle erkennen und spontan wahrnehmen, die ihn live oder am Fernsehen sahen. Dazu kam, dass er es in außerordentlich guter Weise verstand, seine Worte durch Gesten zu unterstreichen. Denken wir an den Kuss des Bodens beim ersten Besuch eines Landes, an die Umarmung von Kindern, an das Aufsetzen von exotischen Kopfbedeckungen. Er kam dem Volk nahe und identifizierte sich mit ihm. Er wurde einer von ihnen. Dazu kam, dass er wichtige Botschaften an Personengruppen und Länder so inszenierte, dass sie leicht von den Medien übernommen werden konnten. So sandte er eine Botschaft an die Christen in China, als er von einem ostasiatischen Land in ein anderes flog, so verkündete er eine Botschaft an Arbeiter aus einer Fabrik in Italien, so informierte er einige Staaten des Nahen Ostens über seine Pläne, auf den Spuren Abrahams, Moses, Pauli und Jesu zu reisen, vor Journalisten. Johannes Paul II. hatte einen Instinkt und eine angeborene Fähigkeit der Inszenierung. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass hinter der Inszenierung religiöse Überzeugungen standen, für die er zu sterben bereit war. Das merkten die Zuschauer, Zuhörer und Zeitungsleser. Seine tiefe religiöse Überzeugung verband sich mit der Fähigkeit, die Überzeugung darzustellen, Aufmerksamkeit für sie zu wecken. Unvergesslich ist das Bild, wie er allein in weißem Gewand vor der Jerusalemer Klagemauer steht, still betet und dann einen Zettel in eine Ritze der Klagemauer steckt. Solche Bilder verkünden mehr als tausend Worte. Und dann das Bild des Papstes, der ein schwarzes Holzkreuz trägt und mit ihm aus dem römischen Kolosseum tritt, wo nach der Tradition viele Christen für den Glauben ihr Leben ließen. Und das Bild des Papstes, der am Gründonnerstag älteren Männern die Füße wäscht. Vermutlich war der Papst auch durchaus damit einverstanden, dass er millionenfach fotografiert wurde, wenn er Kinder auf den Arm nahm, Frauen ein Kreuz auf die Stirn zeichnete, Gläubigen die Kommunion reichte. Es brauchte nicht viel Anstrengung, um zu registrieren, dass sein Konterfei in Millionen von Häusern an den Wänden hängt. Vermutlich ist Johannes Paul II. der am meisten fotografierte Mensch der bisherigen Weltgeschichte. Ich wage zu behaupten: Es wird schwerlich einem anderen Menschen gelingen, mehr fotografiert zu werden und in mehr menschlichen Behausungen an der Wand zu prangen. Da die Menschen vor allem in Mitteleuropa kritisch sind, werden sie fragen, ob der Papst eitel war. Wer immer ihn aber genauer beobachtet hat, kann leicht feststellen, dass ihn nicht Eitelkeit trieb, sondern Eifer für die Ehre Gottes sowie das Heil und Wohl der Menschen. Noch eine Eigenschaft von Johannes Paul II. muss erwähnt werden, die ihn zum Medienpapst machte: Er hatte keine Angst oder Scheu vor Journalisten und Medien. So etwas wie Menschenfurcht war ihm ziemlich unbekannt. So hielt er – wie bekannt – bei allen größeren Pastoralreisen auf dem Hin- und Rückflug vor den mitreisenden Journalisten Pressekonferenzen im Flugzeug.Jeder Korrespondent konnte eine Frage stellen, und der Papst beantwortete sie etwa in folgenden Sprachen: Polnisch, Italienisch, Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch, Portugiesisch, Kroatisch, Slowakisch und Russisch. Es ist nicht bekannt, dass er einmal etwas sagte, das der Vatikansprecher anschließend zurechtrücken musste. Da die Journalisten höchsten Respekt vor ihm hatten, kam er in den Medien – wie man so sagt – gut rüber. Ich war persönlich dabei, wie er im vatikanischen Pressesaal ziemlich unbekümmert und ein wenig nachdenklich und auch launisch sagte: Ich träume davon, auf den Spuren Abrahams zu reisen, im Irak – zu Zeiten von Saddam Hussein! „Ich wünsche mir auch, auf den Spuren des Moses zu gehen – in Ägypten, am Nil, auf den Mosesberg am Sinai.“ Was würden die ägyptischen Machthaber denken, wenn sie dies am nächsten Morgen in Zeitungen lasen: Der Papst hat sein Kommen angekündigt? Weiter sinnierte der Papst. „Ich möchte auch auf den Spuren des Völkerapostels Paulus reisen, in Griechenland, in Syrien, in Jordanien, in Israel“. Was mochten die orthodoxen Kirchenführer Griechenlands denken, wenn sie im Fernsehen erfuhren, dass der Papst sie heimsucht? Was mochten die Herrscher in Jordanien und Syrien denken, wenn sich der hohe Gast aus Rom selbst ankündigte? „Und schließlich will ich ins Heilige Land, Israel, Palästina, Jerusalem, die Grabeskirche, Bethlehem, die Geburtskirche.“ Der Papst plauderte von seinen Träumen und Wünschen. Ich zweifle, ob das vatikanische Staatssekretariat vorher in den betroffenen Ländern vorgefühlt oder die Regierungen wenigstens über die päpstlichen Träume informiert hatte. Vielleicht wußte sogar das vatikanische Staatssekretariat nichts von diesen päpstlichen Träumen und Wünschen. Der Papst hatte keine Scheu vor den Medien – in ziemlichem Gegensatz zu manchem anderen Kirchenmann. Und er hatte keine Furcht vor ungewohnten Schritten: Ich erinnere an die beiden Treffen mit Religionsführern in Assisi, an den Besuch der jüdischen Synagoge in Rom, der Moschee in Damaskus, der evangelischen Kirche in Rom. Ich erinnere an die Worte der Entschuldigung für Fehler und Sünden der Kirche und der Christen. Weil er mutig und unkonventionell war, liebten ihn die Medien, kamen die Medien nicht umhin, seine Gesten und Taten im Fernsehen zu zeigen, von seinem Tun zu berichten. Hinter all dem stand nicht die Lust an der Schau, sondern der Wunsch, die Frohbotschaft Jesu zu den Menschen zu bringen, die Botschaft der Versöhnung, der Brüderlichkeit, der Solidarität und Liebe. Gerade einfache Menschen haben dies sehr deutlich spüren können und ließen sich von ihm gleichsam elektrisieren. Nur so ist der Zulauf zu verstehen, der Drang, der die Menschen an den aufgebahrten Leichnam des toten Papstes trieb. Man muss daran erinnern, dass Millionen von ihnen bis zu 15 Stunden in großer Kälte standen und vorher schon große Unkosten auf sich genommen hatten. Es kam noch etwas dazu, wofür der Papst als Person nicht viel konnte. Seine Medienpräsenz wurde erleichtert durch das, was eine US-amerikanische Zeitschrift feststellte: Gesicht, Kopfform und Stimme des Papstes waren ideal, klassisch. Für die Zeitschrift hatte der Papst die Idealform. Sein Stimme war wohltönend, tief, rund, überzeugend. Er konnte bestens singen. Er konnte auch lachen, scherzen, er verstand Spaß. Denken wir nur daran, dass er den Spazierstock, den er in vorgerückten Jahren brauchte, in Kreis herum schwingen ließ, um den Menschen Freude zu machen, oder gar mit ihm spaßend drohte. Es gab weiter Einladungen von ihm, die zwar nicht direkt in die Medien kamen, die aber doch die breite Öffentlichkeit und damit die Medien interessierten. Regelmäßig konnten verschiedenste Personen an der einfachen Frühmesse in seiner Privatkapelle teilnehmen. Sie wurden anschließend kurz von ihm begrüßt und bekamen einen Rosenkranz geschenkt. An seinem Mittagstisch und wohl dann und wann auch am Abendtisch saßen nicht nur Bischöfe aus aller Welt, sondern auch Politiker, Künstler, Kulturschaffende oder Wohltäter. Auch wenn die Medien nicht direkt davon berichten konnten, so schufen diese Einladungen doch Neugier und öffentliche Aufmerksamkeit.Die
Medienarbeit beim Tod des Papstes,
beim Konklave und bei der Neuwahl
Zugegeben, die Tage im April 2005 waren ein Spektakel für die ganze Welt. Die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit war unglaublich stark auf den Vatikan konzentriert. Die Einschaltquoten zeigten, dass Millionen Menschen fast nichts sehen wollten und über nichts so sehr informiert werden wollten wie die Vorgänge im Vatikan. Vor allem Fernsehen und Rundfunk wussten seit Jahren, dass die Beerdigung von Johannes Paul II. und das folgende Konklave ein Jahrhundert-Medienereignis werden würden. Daher hatten die Fernsehanstalten aus aller Welt schon Jahre vorher Dachterrassen zu unglaublich hohen Preisen gemietet. Man musste einfach dabei sein. Die Medienschaffenden wussten: Wer hier nicht mitmacht, wird schwer zurückfallen. Wer sich gut vorbereitet hatte, wurde dann auch nicht enttäuscht, denn die Bilder für Fernsehen und Fotografen waren überwältigend. Denken wir an die Überführung des Leichnams von Johannes Paul II. aus dem Vatikan in die Basilika. Erinnern wir uns an den Strom der Freunde des Verstorbenen, der sich tage- und nächtelang über die Via della Conciliazione und den Petersplatz und durch die Basilika hinzog. Vergessen wir nicht die Beerdigungsfeier mit dem Holzsarg auf dem die Bibel lag. Der Wind spielte in den Seiten. Dann der Einzug der Kardinäle ins Konklave, die Eröffnung in der Sixtinischen Kapelle, die Eidesleistung und dann das „Extra omnes“. Nun war – für manche Medien – allzu kurz - ein wenig Ruhe, denn schon nach 26 Stunden deuteten die Kardinäle auf ihren Kandidaten: Josephum Cardinalem Ratzinger. Und er erscheint auf der Loggia, winkt, strahlt, die Zehntausenden auf dem Petersplatz jubeln, die Kardinäle zeigen sich auch auf der Loggia, die Fernsehbilder in aller Welt bannen Millionen, wenn nicht Milliarden vor dem Bildschirm. Ein Schauspiel „für Menschen und Engel“ rund um den Globus im Weltdorf. Und die Fachleute wissen und sagen: Solche Bilder sind sehr selten, wann wird man wieder solche Szenen sehen und zeigen dürfen? Und sie sind ja nicht fürs Fernsehen gestellt. Das Ganze würde sich auch ohne Fernsehen so abspielen. Es hat sein Gewicht in sich – im Gegensatz zu so vielen Dingen, die nur fürs Fernsehen gemacht werden. Gerade die Tatsache, dass hier ein Schauspiel abläuft, das seine uralten Regeln, seinen hohen Ernst, seine transzendenten Bezüge hat – gerade dies macht die Fernsehbilder so aufregend. Es geht nicht um die Schau, sondern um eine göttliche und weltliche Sache! Und die Personen nicht in langweiligen Zweireihern, sondern meist in Purpur: würdige, ältere Herren aus aller Welt – eigens angereist – spielen kein Schauspiel, sondern tun, was sie vor Gott und den Menschen tun müssen. Freilich mag hier auch manchem nachdenklichen Zuschauer die Frage gekommen sein: Besteht die katholische Kirche nur aus alten Herren? Gibt’s da keine Damen? Sind alle Katholiken grau- oder weißhaarig? Es darf gefragt werden. Dies alles aber war Vorübergang, war nicht vatikanischer Alltag, war auch primär nicht vatikanische Medienarbeit. Der Vatikan lieferte nur die Szene, die allermeisten Bilder und Töne wurden von nicht-vatikanischen Fachleuten erstellt, auch wenn das Vatikanfernsehen gute strukturelle Voraussetzungen bot, über die später zu sprechen sein wird. Dies alles
musste kurz in Erinnerung gerufen werden, bevor die vatikanische
Medienarbeit beschrieben und beurteilt werden kann. Die Arbeit der Medieneinrichtungen des Vatikans Der Vatikan unterhält die Zeitung L`Osservatore Romano, Radio Vatikan, eine eigene Homepage, das Vatikanische Fernsehzentrum, den Pressesaal und den Medienrat. Um einen groben Überblick zu geben: Der Osservatore Romano erreicht mit den Ausgaben der Zeitung direkt bis zu etwa 100.000 Personen Die Homepage erreicht vermutlich direkt bis zu einer Million Personen Radio Vatikan erreicht direkt und über Wiederausstrahlungen bis zu zehn Millionen Personen. Der Pressesaal erreicht indirekt durch Agenturen und Medien bis zu einer Milliarde Personen. Alle fünf Einrichtungen unterstehen inhaltlich dem päpstlichen Staatssekretariat und nicht dem Medienrat. Der päpstliche Medienrat berät kirchliche und säkulare Medien und macht keine direkte Medienarbeit. Wer die vatikanische Medienarbeit ein wenig näher kennen lernt, sieht bald eine allgemeine Regel: Die Qualität und Quantität dieser Arbeit hängt kaum von der Struktur ab, sondern zum größten Teil von den Personen, die hier arbeiten; einer macht viel aus seiner Stelle, ein anderer wenig – und das über Jahre. Das Image, dass der Vatikan vor allem in Strukturen funktioniert, ist ziemlich falsch. Das, was bei der Arbeit herauskommt, hängt zu einem sehr großen Teil vom jeweiligen Einsatz der Person ab. Vor allem: Wenn einer wenig leistet, aber dabei keine öffentlich bemerkbaren Fehler macht, dann kann er oder sie jahrelang gut auf seinem Posten bleiben – ohne dass das jemanden aufregt. Die Ausgestaltung der Arbeitsstelle hängt weitgehend vom Einzelnen ab. Die Freiheit ist sehr groß.
Die Vatikanzeitung „L`Osservatore Romano“ Information Der Vatikan gibt seit 1861 die Tageszeitung L`Osservatore Romano (OR) in italienischer Sprache heraus. Sie enthält neben päpstlichen Ansprachen, Ernennungen und Empfängen auch Politik, Theologie und Kultur. Daneben gibt es Wochenausgaben in englischer, französischer, spanischer und portugiesischer Sprache, die nur offizielle Dokumente, Ernennungen und Empfänge abdrucken. Die Wochenausgabe in Deutsch bringt im Unterschied dazu auch Kulturelles, Geschichtliches, alles, was Pilger, Touristen, Romfreunde freut. Die deutsche Ausgabe wird beim Schwabenverlag in Deutschland gedruckt. Dieser ist auch für die wirtschaftliche Seite zuständig, wird dabei aber von der deutsche Bischofskonferenz gestützt. Dazu kommt eine monatliche Ausgabe in Polnisch. Was im OR steht, nicht offiziell, sondern nur offiziös. Er ist kein Amtsblatt. Über die Höhe der Auflagen der einzelnen Sprachausgaben gibt es keine offiziellen Angaben. Die italienische dürfte bei rund 10.000 Exemplaren liegen, ebenso wie die deutsche, die englische komme heute auf fast 20.000, die anderen dürften um 5000 liegen. Gedruckt wird die englische Ausgabe jetzt außer in Rom auch in Indien und den USA, die spanische auch in Lateinamerika. Bei herausragenden Ereignissen wie der letzten Papstwahl kann die Auflage des italienischen OR sprunghaft auf über 100.000 Exemplare steigen. Bei der italienischen Ausgabe des OR arbeiten etwa 25 Redakteure, bei den einzelnen Sprachausgaben jeweils etwa fünf. An der Spitze des Unternehmens steht der Italiener Mario Agnes. Der Vatikan hat einen Fonds, um ärmeren Bischöfen und Missionaren den OR gratis schicken zu können. Eine Steigerung der Auflagen wird unter anderem durch die hohen Portokosten verhindert, die weder der Empfänger noch der Vatikan übernehmen möchte. Bezieher der Zeitungen sind: Bischöfe, Priester, Ordensleute, Bildungseinrichtungen, aber auch interessierte Laien. Gelesen werden viele Nummern von mehreren Personen. Die Titelseiten aller Ausgaben des OR sind auf der Vatikanhomepage www.vatican.va zu lesen. Es gibt Vorüberlegungen, die ganze Zeitung auch elektronisch zu verbreiten. Große gemeinsame Reflexion über den Nutzen des Blattes gab es in den letzten Jahren nicht. Man kann die Vatikanzeitung – im Gegensatz zum Pressesaal - nicht als Medium betrachten, mit dem die breite Weltöffentlichkeit erreicht wird. Sie ist eher ein Organ der Kommunikation an Kirchenmitglieder und weitere Interessierte. Neben den Zeitungen gibt es auch den „Foto-Shop“ des OR. Hier werden nicht nur die Bilder für die Zeitung gemacht, sondern auch Millionen Fotos an Pilger und Touristen verkauft. Nachdem der Papst bei öffentlichen Auftritten sehr viel fotografiert wird, gibt es unzählige Bilder von ihm. Wer ein Bild sucht, muss genau angeben, an welchem Tag und bei welchem Anlass das Bild gemacht wurde. Reflexion Der Hauptwert des OR liegt darin, dass er die Texte von päpstlichen Verlautbarungen schnell in der offiziellen Fassung oder Übersetzung veröffentlicht. Er ist kein eigentliches Massenmedium. Er wird nur selten an Kiosken verkauft und erreicht hauptsächlich Interessierte. Nach meinen Informationen wurde im Lauf der letzten zwanzig Jahre an zuständiger Stelle kaum darüber nachgedacht oder gar eine Studie erstellt, ob und wie man in der Internet-Zeitalter und mit den elektronischen Möglichkeiten den schriftlichen Informationsfluss neu denken und ändern sollte. Die breite Öffentlichkeit wird nur dann erreicht, wenn in der italienischen Ausgabe etwas steht, das von Agenturen aufgegriffen und weltweit verbreitet wird. Die italienische Ausgabe hat die Möglichkeit, Vorgänge vor allem in der italienischen Politik zu kommentieren und so ein wenig mitzusteuern. Ein kritischer Artikel im italienischen OR kann für Politiker auf der Halbinsel gefährlich sein. Da der OR aber von vielen Personen gelesen wird, die entweder keinen Zugang zum Internet haben oder auch nicht wollen, hat er seine Bedeutung, auch wenn andere Personenkreise sicher leichter, schneller und vor allem preiswerter elektronisch zu erreichen sind. So wie weltweit die Zeitungen trotz aller Elektronik nicht sterben, so geht es auch der Vatikanzeitung. Aber sie braucht meines Erachtens dringend die Ergänzung durch Internet und Newsletter.
Vatikan-Homepage Information und Reflexion Seit einigen Jahren gibt es die Seite www.vatican.va Sie ist ein gutes Archiv, aber nicht als Massenmedium konstruiert, denn ihre ganze Anlage ist auf Systematik ausgerichtet und nicht auf schnelle und aktuelle Information. Wer sie besucht, wird gleich eingeladen zu wählen, in welcher Sprache er weiter lesen will. Dann findet er eine hübsche, aber nicht gerade sehr praktische Wahlmöglichkeit. Auf Aktualität wird geringerer Wert gelegt. Wer wissen will, was der Papst am Vortag zu einem Weltkonflikt gesagt hat, wird zwar bei Aktuellem fündig, aber dorthin muss er viele Zwischenschritte tun. Er muss zuerst sagen, von welchem Papst die Rede ist, in welchem Jahr die Aussage gemacht wurde, bei welcher Veranstaltung. Man ist in einem gut geordneten Archiv. Kurz: Der Grundansatz ist nicht, etwas schnell zugänglich zu machen, sondern die Systematik. Wer auf die Vatikanseite kommt, schmeckt sofort, dass hier die Uhren anders gehen. Das macht die Sache interessant, aber nicht unbedingt einfacher. Es gibt keinen Chatroom. Es ist nicht leicht, im Vatikan eine Mail-Adresse zu finden und von ihr eine Antwort zu bekommen. Der Vatikan ist der Überzeugung, dass Katholiken und Nichtkatholiken sich primär an ihre Pfarrei, dann an ihre Diözese wenden sollen. Der Vatikan ist brieflich zu erreichen, aber nicht leicht elektronisch.
Radio Vatikan Information Der päpstliche Sender wurde 1931 gegründet und strahlt jetzt regelmäßig Programme in rund 40 Sprachen aus. Neben den großen europäischen Sprachen sind es vor allem die Sprachen von Mittelost-Europa, da nach dem großen Sprung der Sowjetunion nach Westen auch die Sprachen kleiner und kleinster Länder übernommen wurden, so etwa auch Lettisch und Litauisch, Bulgarisch und Rumänisch, Slowenisch und Slowakisch. Aufschlussreich ist, in welchen Sprachen Europas und seiner Nähe Radio Vatikan (RV)n i c h tsendet. Es sind u.a.: Serbisch, Türkisch und Hebräisch. Es gibt aber auch Programme in Arabisch, Japanisch, Chinesisch, Hindi, Tamil, Swahili und Äthiopisch. Die meisten Sprachen haben pro Tag eine Sendezeit von rund einer halben Stunde. Wer diese und die Frequenzen nicht kennt, wird Radio Vatikan vergeblich suchen. Nur Interessenten stoßen auf die Vatikanfrequenzen. Daher kann man den Sender auch nur sehr eingeschränkt als Missionsinstrument bezeichnen. Der Sender hat den Auftrag, „die Lehre der katholischen Kirche zu verbreiten“, Stellungnahmen der Päpste und des Vatikans bekannt zu machen und sich „zum Echo des Lebens in Weltkirche“ zu machen. Praktisch bedeutet dies, dass wichtige theologische und politische Stellungnahmen von Päpsten und hohen Kirchenvertretern zu Nachrichten verarbeitet werden. In der deutschsprachigen Redaktion stehen wichtige Papstaussagen zwar oben an, aber sie umfassen nur rund 20 Prozent der aktuellen Berichterstattung. 80 Prozent bildet das Leben in der Weltkirche rund um den Globus.Neben dieser aktuellen Arbeit bietet Radio Vatikan in allen Sprachen auch Bildungsprogrammeund Spiritualität. Aber diese Bereiche sind zweitrangig, da der Zentralauftrag eben die aktuelle Information ist. Das kommt schon vom Standort Rom – wo auch viele Kirchenverantwortlichen aus aller Welt öfter mal durchkommen. An der Spitze des Radios steht der italienische Jesuit Pasquale Borgomeo. Auch der Programmdirektor und die Leiter einiger Sprachabteilungen sind Jesuiten. In Radio arbeiten rund 400 Personen, die allermeisten sind Laien. Die Redakteure brauchen Kirchenkenntnis, aber nicht Theologie. Weisungsbefugt über dem Radio ist das Staatssekretariat, es lässt den Redaktionen aber größte Freiheit. Das Radio kostet den Apostolischen Stuhl jährlich rund 20 Millionen Euro, es macht keine Werbung und erhält keine Gebühren. Während 70 Jahren waren für RV Mittel- und Kurzwelle entscheidend. Seit 15 Jahren spielt auch die Wiederausstrahlung durch andere Sender eine große Rolle. So werden z.B. in Lateinamerika die Sendungen von RV von rund 400 anderen Sendern wiederausgestrahlt. Seit etwa fünf Jahren spielt auch das Internet eine wichtige Rolle. Alle Sprachen haben eine eigene Homepage, die aber von den Redaktionen sehr unterschiedlich eingesetzt wird. Auf ihr können Sendungen live und on demand gehört werden. Die Redakteure von RV haben erstaunlich große redaktionelle Freiheit und Verantwortung. ReflexionDa RV wesentlich mehr Sprachen umfasst als der OR und mehr kostet, befasse ich mich in dieser Reflexion wesentlich gründlicher mit ihm. Man kann sich wundern, wie wenig der Vatikan die Arbeit seines Senders kontrolliert. Auswärtige Beobachter mögen vermuten, die Sendungen würden - wenn nicht gerade zensiert - so doch wenigstens aufmerksam beobachtet. Das Gegenteil aber ist der Fall. Eine ständige Beobachtung von rund 40 Sprachen ist zwar schwer, aber gerade die größeren Weltsprachen, zu denen Deutsch gerechnet werden müsste, sollten doch gut beobachtet werden - meint man, zumal die meisten Redakteure nicht Theologen sind. Auch kann man sich wundern, dass der Vatikan jährlich rund 20 Millionen Euro für seinen Sender aufbringt – ohne zu prüfen, ob denn die Sendungen den gewünschten Effekt haben und das aufgewandte Geld auch im Sinne des Arbeitgebers eingesetzt wird. Auch dies könnte den auswärtigen Beobachter zu der Vermutung bringen, dass die Vatikanoberen ein Auge auf die Sendungen, ihren Inhalt, ihre Form, ihre Spiritualität und Theologie werfen. Das ist aber kaum der Fall. Der Vatikan beweist gegenüber den einzelnen Sprachredaktionen großes Vertrauen. Höchstens kommt mal eine zarte kritische Rückfrage, ob denn diese oder jene Nachricht nötig war. Mehr aber eigentlich nicht. Das ist für die Redaktionen erfreulich, denn sie fühlen sich in ihrem Verantwortungsbewusstsein ernst genommen. Die Kehrseite dieses Vertrauens kann jedoch auch wie ein gewisses Desinteresse des Vatikans wirken. Dies Gefühl zeigt sich auch, wenn Radio-Redakteure bei Vatikanverantwortlichen um Interviews anfragen und dabei eher auf die gleiche Stufe gestellt werden wie auswärtige Medienvertreter. Sie haben nicht den Eindruck, dass wichtige Vatikaninformationen gerne an das eigene Medium gegeben werden. Das Vertrauen des Vatikans oder konkreter des Staatssekretariats in die Redaktionen könnte aber auch dazu führen, dass das Rundfunkziel nicht in dem Maße erreicht wird, wie es sonst möglich wäre. Die selbstkritische Reflexion wird auch durch einen internen Mechanismus erschwert, denn kein Redakteur stellt gerne seinen eigenen Arbeitsplatz in Frage, und kein Amtsinhaber, der jahrelang in vollem Einsatz seinen Dienst tut, liebt die Frage, ob denn sein Tun auch wirklich nützlich und zielführend ist. Die Frage der Vatikanoberen an das Radio könnte lauten: Erfüllt der Sender seine Aufgabe, die Lehre der katholischen Kirche bekannt zu machen? Beeinflusst der Papstsender das Leben der Ortskirchen? Werden die theologischen, gesellschaftlichen und politischen Stellungnahmen der Päpste und ihrer Behörden durch RV weltweit gehört? Wird der Sender zitiert, stößt er Diskussionen an, streitet man sich über seine Aussagen? Erhalten Gläubige in der ganzen Welt durch die Sendungen eine Stärkung im Glauben, werden sie mit dem Papst und der Weltkirche enger verbunden, wissen sie besser über Fragen des Glaubens und der Kirche Bescheid? Und weiter: Werden Ökumene, interreligiöser Dialog, Gerechtigkeit und Frieden in aller Welt durch RV gefördert? Ich habe in mehr als zwanzig Jahren nicht erlebt, dass mir oder anderen Sprachabteilungen diese kritische Frage gestellt worden wäre. RV hat seine Sprachpalette auch im Lauf der letzten 50 Jahre fast nicht verändert. Dahinter mag stehen, dass vatikanischen Einrichtungen meist keine Zeit oder Humanreserve bleibt, über das eigene Tun kritisch zu reflektieren. Die meisten Führungspersön-lichkeiten sind entweder zeitlich so ausgelastet oder anderweitig gebunden, dass die selbstkritische Rückfrage nach einer Fortentwick-lung kaum zum Zug kommt. Ich wurde auch in meiner Zeit nie gefragt, ob die Sendungen in deutscher Sprache für die Kirche in Deutschland, Österreich und der Schweiz relevant sind, ob wir durch sie etwas bewegen oder verhindern können, inwieweit die Aussagen des Papstes und seiner Behörden im deutschen Sprachraum aufgenommen und berücksichtigt werden. Das Staatssekretariat und der Papst – sie vertrauen offenbar, dass das schon alles seinen Sinn haben wird. Die Möglichkeit, dass man mit anderen Mitteln, anderen Methoden mehr erreichen könnte, kommt offenbar kaum in den Blick. Es wäre für die Zukunft denkbar und wohl auch erstrebenswert, dass die Arbeit von RV und des OR etwa alle fünf Jahre durch eine fachlich kompetente Einrichtung überprüft würde. So könnten Sprachenauswahl, Sendezeiten und Sendelängen sowie Programminhalte und Darbietung unter die Lupe genommen werden, um notwendige Veränderungen und Verbesserungen zu erreichen. Da in diesem Fall nicht der Markt und nicht die Einschaltquote entscheiden, wäre eine professionelle Begleitung wünschenswert oder sogar notwendig. Diese Überprüfung dürfte primär nicht durch das Staatssekretariat erfolgen, denn dieses ist nicht kompetent, die professionelle Qualität zu prüfen. Es müsste entweder der vatikanische Medienrat – von dem weiter unten gesprochen wird – oder ein auswärtiges Fachorgan die Effizienz von RV überprüfen. Eine solche Überprüfung müsste einerseits unter dem Blickwinkel der journalistischen Arbeit, der Medienrelevanz und andererseits unter dem Blickwinkel der Kirche stattfinden. Maßgebend wäre die Frage: Werden die Botschaften der Kirche bei Katholiken und Nicht-Katholiken bekannt? Wird RV im Konzert der weltweiten Medien gehört, spielt der Sender eine Rolle im Konzert der Botschaften aus aller Welt und aus allen Weltanschauungen? Wenn ich eine Antwort auf diese vom Vatikan nicht gestellten Fragen geben darf, so würde ich sagen: Der Sender hat große Bedeutung, wo Diktatoren die Grenzen für den internationalen Nachrichtenfluss verschließen – so war es zu Zeiten Hitlers und Stalins (die größten Förderer von Radio Vatikan!!!) Der Sender hat große Bedeutung dort, wo die Bevölkerung rundfunktechnisch unterversorgt ist, also in vielen „Entwicklungsländern“. Z.B. erhält die Indische Abteilung von Radio Vatikan mit den Sprachen Englisch, Hindi, Tamil und Malayalam monatlich rund 1000 Postsachen – meist von Hindus und Moslems. Für regimekritische und aufmerksame Bürger etwa in Nigeria, Kenia, Simbabwe und andere afrikanische Länder sind die englischen Sendungen von RV wichtig. Der Sender hat auch Bedeutung dort, wo die Programme von anderen Radios wieder ausgestrahlt werden, so etwa in Lateinamerika, wo rund 400 Stationen Sendungen in spanischer und portugiesischer Sprache wieder ausstrahlen. Ähnliches gilt für Italien, Polen, Slowakei, Kroatien, auch Frankreich – wo kirchliche Rundfunkanstalten die Radio-Vatikansendungen wieder ausstrahlen. Wenn die deutschsprachigen Sendungen von Radio Vatikan einmal eingestellt würden, würde das zwar ein paar zehntausend Hörerinnen und Hörer schmerzen und in der Öffentlichkeit heftiges Erstaunen auslösen, aber der Gang der Kirche im deutschen Sprachraum würde dadurch nicht beeinflusst. RV ist im deutschen Sprachraum m. E. nicht kirchenrelevant trotz seiner - laut Mediendienstleistungs-gesellschaft -rund 300.000 Stammhörer. Die Einstellung der Katholischen Nachrichtenagentur wäre hingegen kirchenrelevant. Andererseits aber zeigte sich beim Papsttod, dem Konklave und der Neuwahl im April 2005 die Qualität der deutschsprachigen Radioarbeit. Das Problem ist also nicht die mangelnde Qualität von Radio Vatikan, sondern das verbreitete Desinteresse, die Vorurteile gegen Rom und die schwierige Hörbarkeit des Papstsenders im deutschen Sprachraum. Über die
Relevanz von RV für die Gesamtkirche und
für die einzelnen Ortskirchen wird im Vatikan wohl kaum
reflektiert.
Eher wird schon mal die Frage gestellt, ob und wie der Sender seine
Kosten von 20 Millionen Euro pro Jahr senken könnte. Als vor
einigen
Jahren der Gesamtdirektor von RV den Sparvorschlag unterbreitete, die
lettische und die japanische Redaktion zu schließen,
protestierten die
Bischöfe Lettlands beim Papst, und dieser verbot die
Schließung.
Japanisch gibt es seither nur im Internet. Eine Reflexion über Um-
und
Neubau der Sprachpalette ist m. E. nicht in Sicht. Das
Vatikanische Fernsehzentrum CTV InformationDas im Jahr 1983 gegründete Fernsehzentrum (CTV) hat beim Tod von Papst Johannes Paul II., beim Konklave und bei der Amtseinführung von Papst Benedikt hervorragende Arbeit geleistet. Es arbeitete dabei mit der italienischen Rundfunk- und Fernsehanstalt RAI. sowie anderen Anstalten aus der ganzen Welt intensiv zusammen. Das CTV strahlt kein eigenes Programm aus. Es macht jedoch jährlich bei etwa 130 Veranstaltungen im Vatikan TV-Aufnahmen. Das sind Generalaudienzen und Angelusgebete, Gottesdienste und weitere Veranstaltungen. Dazu kommen gelegentliche Aufnahmen und Direktübertragungen bei Veranstaltungen außerhalb des Vatikans. Das CTV bietet anderen Fernsehgesellschaften Direktübertragungen von Papstveranstaltungen an und überträgt sie auch per Satellit. So wird das Angelusgebet des Papstes jeden Sonntag via Satellit nach Amerika übertragen. Ferner zeichnet es vatikanische Aktivitäten auf und gestaltet Dokumentationen aus Rom und dem Vatikan und bietet beides anderen Anstalten an. Es gewährt diesen auch technische Hilfe im Vatikan. Das Magazin „Octava Dies“ wird von CTV seit 1998 an katholische Anstalten in Italien und als natural sound in aller Welt übertragen. Das CTV archiviert und schützt rund 10.000 Video-Aufnahmen mit etwa 4000 Stunden registrierten Auftritten von Papst Johannes Paul II. seit dem Jahr 1984. Sie stehen anderen Fernsehanstalten in aller Welt zur Verfügung. Privatpersonen können VHS-Aufzeichnungen beim CTV bestellen. Reflexion Es fällt mir schwer, Kritisches über das CTV zu sagen. Der Vatikanische PressesaalInformationDer vatikanische Pressesaal ist mit Abstand das wichtigste Organ des Vatikans für die Information der Weltöffentlichkeit über Vorgänge im Vatikan. Der Pressesprecher erreicht mit seinen Verlautbarungen unmittelbar die großen Weltagenturen, die beim Vatikan akkreditiert sind. So gehen Meldungen in Sekundenschnelle rund um den Globus. Das erreichen nicht RV und OR und auch nicht die vatikanische Homepage, auf der die täglichen „Bolletini“ erscheinen. Beim Vatikanischen Pressesaal sind derzeit rund 400 Korrespondenten akkreditiert. Bei einem außerordentlichenEreignis wächst die Zahl gewaltig. Beim Konklave 2005 waren es 6000. Der Pressesaal hat 17 Angestellte unter der Leitung des spanischen Opus-Dei-Mitglieds Joaquin Navarro-Valls. Dazu kommen acht Personen im Vatican Information Service, den der Pressesaal seit 1990 täglich herausgibt. Er geht in englischer, französischer, spanischer und italienischer Sprache an die beim Apostolischen Stuhl akkreditierten Botschaften, an die Bischöfe in aller Welt und andere Einrichtungen, an Journalisten und die vatikaneigenen Medien. Der Dienst enthält die Empfänge des Papstes, seine Ansprachen und Ernennungen und andere Vatikandokumente, weitgehend identisch mit dem „Bolletino“. Die Vatikanmedien haben keinen zeitlichen Vorsprung vor den anderen Einrichtungen. Außer den täglichen Bulletins veranstaltet der Pressesaal bei der Veröffentlichung von Vatikandokumenten oder großen Ereignissen Pressekonferenzen. Diese finden– außer bei Großereignissen wie Synoden, Konklaven, Konzilien etc. -maximal zweimal im Monat statt. Bei ihnen erklären Fachleute aus dem Vatikan - meist sind es Kardinäle und Bischöfe- den Inhalt des Dokumentes oder der Maßnahme. Es können Rückfragen gestellt werden. Alle beim Vatikan akkreditierten Journalisten können sich mit Fragen an den Pressesaal wenden und können um Interviews anfragen. ReflexionDie tägliche Information durch das Bulletin ist die notwendige Basis für die Berichterstattung aus dem Vatikan, aber sie ist nicht gerade üppig. Man könnte sich vorstellen, dass der Pressesaal Interesse daran hat, dass die beim Vatikan akkreditierten Medien umfassender unterrichtet werden, damit die Weltöffentlichkeit korrekt informiert wird. Von einst legendären Kommunikationsfähigkeit Papst Johannes Paul II. bei den Flugreisen merkt man im vatikanischen Pressesaal wenig. Gleiches gilt für den Umgang mit Anfragen von Journalisten beim Pressesprecher. Er oder sein Stellvertreter sind oft nicht erreichbar. Und wenn sie erreichbar sind, dann fließt der Informationsstrom eher sehr zurückhaltend. Man muss den Eindruck gewinnen, der Vatikan habe kein großes Interesse, die Weltöffentlichkeit gut zu unterrichten. Die seltenen Pressekonferenzen richten sich vorwiegend an Fachkorrespondenten. Nicht spezialisierte Journalisten tun sich daher schwer, neue Vatikandokumente in ihren Medien korrekt darzustellen. Das kann man von ihnen auch nicht verlangen, denn viele von ihnen müssen in ihren Medien über ganz Italien mit Wirtschaft und Kultur und gleichzeitig vielleicht noch über Griechenland, Malta, Zypern, Libyen, Tunesien und andere Länder berichten. Sie sind also tatsächlich überfordert, sich im oft theologischen Stoff des Vatikans auszukennen. Ihnen müssten neue Vatikandokumente so vorgestellt werden, dass sie den entscheidenden Inhalt leicht erkennen und vorstellen können. Daher wäre es nötig, dass der Vatikan neue Dokumente in Kurzform allgemein verständlich präsentiert. Das ist aber nicht der Fall. Auch deshalb werden Vatikandokumente in den säkularen Medien oft einseitig – wenn nicht gar falsch -vorgestellt. Die Korrespondenten sind nicht allein daran schuld, sondern auch die mangelnde Sensibilität des Pressesaals. Denn die Pressekonferenzen zur Vorstellung von neuen Dokumenten richten sich eben vorwiegend an Fachjournalisten und nicht an alle Korrespondenten. Es fehlt die Sensibilität, gerade heikle Themen aus den Bereichen Ökumene, Sexualethik, Kirchenrecht so darzustellen, dass sie in den säkularen Medien richtig vorgestellt werden. Es wäre ferner wünschenswert, dass der Pressesaal kirchliche Medien mit Präferenz behandelt, so Agenturen, Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk- und Fernsehanstalten in kirchlicher Trägerschaft. Das ist leider nicht der Fall. Kirchenkorrespondenten sind zwar bei den Pressekonferenzen besser bedient, weil sie sich in der Regel im theologischen Stoff auskennen, sie werden aber bei Interviewanfragen oder Papstreisen keineswegs besser bedient als Vertreter säkularer Medien. Das ist bedauerlich. Eine faktische Schwierigkeit für die Arbeit des Pressesaals besteht darin, dass der Grundansatz der Korrespondenten aus verschiedenen Ländern oder Kontinenten sehr unterschiedlich ist. So stehen vor allem die Korrespondenten aus Italien dem Vatikan und der Kirche im Allgemeinen wesentlich freundlicher gegenüber als Korrespondenten etwa aus dem deutschen Sprachraum. Richtiger muss man sogar sagen: die heimatlichen Redaktionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz stehen dem Vatikan meist wesentlich kritischer gegenüber als ihre Korrespondenten in Rom. Wenn diese vatikan-freundlich berichten, haben sie es schwerer, dem heimatlichen Medium etwas anzubieten. Die Heimatredaktion argumentiert, das passe nicht in den Fluss der Berichterstattung oder interessiere das Publikum nicht. Der vatikanische Pressesaal beobachtet natürlich nach Möglichkeit die Medien der wichtigsten Zielländer, doch schlagen sich ausgesprochene Fehlmeldungen offenbar nicht in größerer Wachsamkeit oder Sensibilität nieder. Was die Medien in aller Welt aus dem Vatikan berichten, hängt wesentlich mehr von der Grundeinstellung der jeweiligen Korrespondenten selber ab und wesentlich weniger von der Arbeit des Pressesaals. Es kann daher nicht davon die Rede sein, dass der Vatikan eine ausgeklügelte Medienarbeit macht, dass er die Weltmeinung durch seine Tätigkeit bewußt beeinflusse. Vieles ist Zufall oder von persönlichen Beziehungen und Freundschaften abhängig.Von System kann kaum die Rede sein. Ich
wüsste auch nicht, dass der vatikanische
Pressesaal die Medienbischöfe und Pressesprecher der
Bischofskonferenzen um Rückmeldungen und ein Urteil bittet. Der vatikanische MedienratInformationSeit 1964 gibt es den „Rat für die Soziale Kommunikation“, wie der Medienrat offiziell heißt. Aufgabe des vatikanischen Medienrates ist es, sich um `alle Fragen der sozialen Kommunikationsmittel zu kümmern, damit auch durch sie die christliche Heilsbotschaft und der menschliche Fortschritt dem Wachstum der Zivilisation und den Sitten dienen`. So die allgemeine Aufgabenbeschreibung. Ferner ist es Aufgabe des Medienrates, `die Arbeit der Kirche und der Gläubigen in den Massenmedien anzuregen und zu unterstützen`; dafür zu sorgen, dass die `Medienerzeugnisse von humanem und christlichem Geist durchdrungen sind`;Sorge zu tragen, dass die `katholischen Medien ihrem Wesen treu bleiben`; `Kontakt zu den katholischen Medienorganisationen zu halten`. Der Rat hat etwa 15 Mitarbeiter. An seiner Spitze steht seit rund 20 Jahren der US-amerikanische Erzbischof John Foley. Der Rat verwaltet auch die Filmothek mit 2000 Filmen und Videos und unterhält eine Studienstelle über den religiösen Filmund Filmmaterial seit 1890. Er gibt Dreh- und Fotoerlaubnisse im Vatikan. Eine herausragende Aufgabe des Medienrates besteht darin, die jährliche Papstbotschaft zum Weltmedientag vorzubereiten. Ferner bereitet er grundsätzliche Instruktionen wie die Pastoralinstruktion über die Sozialen Kommunikationsmittel „Communio et progressio“ (1971) und „Aetatis novae“ (1992) vor und gibt thematische Handreichungen heraus. In den letzten Jahren sind erschienen Schriften über Pornographie, über Ethik in der Werbung und in den Medien. Der Rat hält die Verbindung zu den internationalen katholischen Medienverbänden: UCIP für die Presse und Signis (ehemals UNDA und OCIC) für Film, Fernsehen, Radio. Bei den Ad-Limina-Besuchen der Bischöfe aus aller Welt jedes fünfte Jahr kommen vor allem Bischöfe aus armen Ländern zum Medienrat und erbitten Beratung für Gründung oder Erhaltung von Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen. Bischöfe aus reichen Ländern werden das kaum tun. Der Medienrat berät Fernsehunternehmen, die kulturelle oder historische Produktionen mit dem Vatikan planen. Er koordiniert die Verhandlungen mit Satellitenbetreibern und die Live-Übertragungen von Papstmessen und des Segens Urbi et Orbi. Der Medienrat vertritt auch den Vatikan bei internationalen Medienkonferenzen und hat ständige Beobachter bei internationalen Organisationen. Die 25 eigentlichen Ratsmitglieder und ihre fast 30 Berater leben in aller Welt und treffen sich nur einmal jährlich zur Vollversammlung. Es sind Bischöfe, Präsidenten der Fachverbände und kirchliche Fachleute. Ihr Präsident, Erzbischof Foley, ist oberster Berater des Papstes in Medienfragen. Der Medienrat ist den Vatikanmedien – Osservatore Romano, Radio Vaticana, Fernsehzentrum und Pressesaal - nicht übergeordnet oder ihnen gegenüber weisungsbefugt. Ein früherer führender Mann des Medienrates sagte einmal: „Der Medienrat gibt denen Rat, die ihn darum fragen“. ReflexionDamit der vatikanische Medienrat wirklich für die Medienarbeit der katholischen Kirche und des Vatikans eine Rolle spielt, müsste seine Aufgabe neu und anders formuliert werden. Vor allem müsste sein Vorsitzender wirklich Kompetenzen und Finanzen bekommen. Bei ihm käme es mehr als bei anderen Vatikanbehörden darauf an, dass sein Chef überzeugungs- und durchsetzungsfähig ist. Die katholische Kirche mit einer Milliarde Mitgliedern könnte eine kräftigere Stimme in der Welt bekommen, wenn die Zentralbehörde im Vatikan die vielfachen Medieninitiativen in aller Welt effektiv fördern und bündeln könnte. Das ist bisher nur wenig der Fall. Wenn es nicht vor Ort engagierte und gescheite Medienarbeit gäbe, so hätte die katholische Kirche trotz ihrer Größe und Zentralität wenig zu bieten. Der verstorbene Papst zog und Papst Benedikt zieht bisher die Aufmerksamkeit der Medien in aller Welt stark an. Das zeigt, dass die katholische Kirche „Stoff“ genug hätte, der die Medien reizt. Aber der Beitrag der Medienstelle im Vatikan zur Übermittlung dieses guten „Stoffes“ könnte und müsste noch wesentlich größer werden. Ich würde mir zudem wünschen, dass der Medienrat – neben seiner sonstigen Arbeit - die Kompetenz bekommt, die vatikaneigenen Medien kritisch zu begleiten und zu beurteilen. Ich denke, der Medienrat könnte rund alle fünf Jahre einen Bericht über die Vatikanmedien erstellen. In ihm sollte etwa Folgendes beurteilt werden: Qualität und Reichweite der Arbeit von Pressesaal, OR und RV. Inwieweit tragen die Vatikanmedien dazu bei, dass die Stellungnahmen des Papstes und seiner Mitarbeiter weltweit von den Katholiken und der breiten Öffentlichkeit aufgenommen werden? Wie verhält sich der Finanzaufwand zur Wirksamkeit? Inwieweit werden kirchliche Amtsträger in aller Welt durch die Vatikanmedien erreicht, inwieweitdie Medien und die breite Öffentlichkeit? Konkreter könnte der Medienrat ein Urteil darüber abgeben, ob die Sprachenauswahl bei OR und bei RV noch den heutigen Anforderungen entspricht. Er könnte sich befassen mit Inhalt, Umfang und Erscheinungsweise der Zeitung, mit Sendeinhalt, Sendezeit, Sendelänge der Sprachprogramme von RV. Der Medienrat sollte entscheiden, ob gewisse Medien eingestellt, andere neu eröffnet werden sollten. Er sollte dem Staatssekretariat und indirekt auch dem Papst regelmäßig einen kritischen Bericht über die vatikanische Medienarbeit geben. Falls der
Medienrat dadurch überfordert ist, sollte
er sich des Rats und der Mitarbeit einer kompetenten Facheinrichtung
außerhalb des Vatikans bedienen. Der Vatikan selbst müsste
sich
regelmäßig Rechenschaft über die eigene Medienarbeit
geben. Schluss Warum spielt das Zentrum der katholischen Kirche dennoch in den Weltmedien eine gute Rolle: Weil sich die zentrale Botschaft der katholischen Kirche von vielen Messages, die über die Medien verbreitet werden, positiv abhebt - manchmal gerade wegen ihres Gegensatzes zum Zeitgeist; weil durch die Person des Papstes ein Mensch und nicht eine Behörde im Mittelpunkt steht; weil die Kirche Pracht entfaltet und alte Traditionen pflegt; weil Katholiken und Christen anderer Kirchen rund um den Globus verbreitet sind. Aber die Medien des Vatikans und der Medienrat spielen bei all dem eine untergeordnete Rolle. Einzig der Pressesaal spielt durch seinen unmittelbaren Kontakt zu den Weltagenturen eine große Rolle sowie das Fernsehzentrum als Anschlussstelle für Fernsehanstalten bei großen Veranstaltungen mit dem Papst. Das müsste den Vatikan nachdenklich stimmen. Der Medienrat hätte eigentlich eine große Aufgabe vor sich. Rom, den 30. 6. 2005 zum
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Für die Zeitschrift „Gala“ P. Eberhard v. Gemmingen SJ Vor 36 Jahren stand die „Einführung ins Christentum“ des derzeitigen Papstes auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Es war der Oktober 1969. Joseph Ratzinger hatte sich mitten in den geistigen Turbulenzen der 68-er Jahre einen Namen gemacht. Als ich in diesen Jahren in Innsbruck Theologie studierte, rissen sich die Studenten dort um Ratzingermanuskripte. Wohlgemerkt: Hans Küng hatte den Bayern an den Neckar gelockt. Als ich dann selbst in Tübingen inskribiert war, habe ich den bereits weltbekannten, damals 42-jährigen Professor Ratzinger in seiner Wohnung besucht. Seither kennen wir uns. Benedikt XVI. ist ein Mensch, der an die Kraft des Geistes glaubt. Soweit ich ihn kenne, ist er davon überzeugt, dass nicht nur Gewalt, Kriege und Dummheit den Weg der Menschheit prägen, sondern auch große Vordenker. Vermutlich sind es für ihn nach den herausragenden Gestalten des Alten Testamentes und Griechenlands, Augustinus von Hippo und Benedikt von Nursia, Thomas von Aquin, Franz von Assisi, Ignatius von Loyola und Martin Luther. Aber auch Personen wie Voltaire, Karl Marx, Sigmund Freud. Wenn Menschen ohne Einsatz von Gewalt etwas bewegen wollen, dann eben nur durch Geist. Hierfür wirft er sein Leben in die Waagschale und wird das wohl als Papst fortsetzen. Die ergänzende, andere Seite von Joseph Ratzinger ist die Kirche, gefunden durch Liturgie, Bibel und Theologie. Aus dieser Bindung kommt sein Gehorsam gegenüber dem Ruf der kirchlichen Autorität. Ich glaube, er wäre wohl lieber auf dem Weg reiner Reflexion geblieben. Wer auch nur ein wenig von dem Theologen und Gelehrten Ratzinger gelesen hat, wird sich über die Klischees, die über ihn verbreitet werden, wundern. Nur wenige Menschen werden so gegensätzlich beurteilt wie Papst Benedikt. Als sein Name auf der Loggia von St. Peter verkündigt wurde, schlugen viele engagierte Katholiken die Hände über den Kopf zusammen: „Um Gottes Willen, Ratzinger“! Ob sie nur einseitig über ihn informiert waren? Jedenfalls unterlag er einem Gesetz moderner Kommunikation, dass nämlich nur „schlechte Nachrichten gute Nachrichten“ sind. So waren in der breiten Öffentlichkeit fast nur Thesen von ihm verbreitet, die auf Widerstand stießen: Verdikt zur Befreiungstheologie, zu Küng und Drewermann, zu Homos und Frauen, die Priesterinnen werden wollten. An allem war Ratzinger „schuld“. Wer ihn freilich ein wenig besser kennt, wundert sich nicht, dass das elitäre „Institut de France“ ihn als Nachfolger von Andrej Sacharow zum Mitglied wählte; wundert sich nicht, dass er im „Hamburger Überseeclub“ mit 1600 Hörern sogar den Besucherrekord von Yassir Arafat übertraf; wundert sich nicht, dass er in Jerusalem die These vertreten konnte, fromme Juden hätten Grund gehabt, Jesus der Gotteslästerung anzuklagen. Ratzinger trug die Ansicht vor, Jesu Gehorsam gegenüber Gott habe gegen ihren Gottesgehorsam gestanden. Ratzinger überrascht immer wieder – jüngst mit seiner Einladung an Hans Küng nach Castel Gandolfo. Als der schon in jungen Jahren gefeierte Theologe mit 50 Jahren vom Regensburger Katheder auf den Münchner Erzbischofsstuhl und fünf Jahre später nach Rom wechseln musste, da führte ihn nur sein kirchlicher Gehorsam, nicht Lust an der Macht. Wenn ihn eine Versuchung ankam, dann eher, der brillanteste Denker zu sein. Johannes Paul II. hatte ihn schon während des zweiten Vatikanums kennen gelernt und seine Bücher auf deutsch gelesen. Zum Start im „Sant` Ufficio“ erklärte der frisch gebackene Präfekt, sein Anliegen sei, nicht nur die Lehre zu bewahren, sondern sie zusammen mit den Kollegen weiter zu entwickeln. Oft wurde er gefragt, ob die Kirche nicht toleranter sein müsse mit abweichenden Kirchenmännern, ob es wirklich nötig sei, Lehrerlaubnisse zu entziehen. Ich selbst habe ihn vor Jahren gefragt, ob es nicht reiche, einfach bekannt zu geben, dass diese und jene Lehre nicht mit der Glaubenslehre übereinstimme, ohne dem Betroffenen die Lehrerlaubnis zu entziehen. Ratzinger meinte dazu: Die Kirche bestreite niemandem die Meinungsfreiheit, es könne aber niemand im Auftrag der Kirche lehren, was ihrer Lehre widerspreche. Ich bin sicher, dass Ratzinger harte Einschnitte schmerzten. Viel mehr aber trieb ihn die Frage um, wie die Menschen - vor allem die Europäer - wieder einen tieferen Sinn in ihrem Leben finden könnten. Er stellte sich die Frage, warum die Europäer zwar Buddhismus, Hinduismus und andere Religionen respektieren und bewundern, aber ihrem eigenen christlichen Erbe gegenüber so skeptisch sind. Er sprach sogar geradezu von einem „Hass“ der Europäer auf ihr Eigenes. Wer dies weiß, versteht seine Namenswahl „Benedikt“. Sie bedeutet: Ich stehe zu den christlichen Wurzeln Europas und möchte meinen Zeitgenossen Selbstvertrauen und Selbstsicherheit zurückgeben. Europa hat der Welt unendlich viel zu geben. Und – so würde er fortfahren – seht ihr nicht den geistigen Hunger der Jugend? Warum verehren sie denn Johannes Paul II, wenn nicht, weil sie zu einem „Felsen“ aufblicken können? Als er dann freilich selbst als „Fels“ gefeiert wurde, fühlte er sich gar nicht so wohl in seiner Haut. Man konnte es ihm ansehen. Ratzinger hatte viel zu tun: Auf sein Konto geht ein gut Stück des „Weltkatechismus“, der Bischofssynoden, des Jubiläumsjahres 2000 mit den Schuldbekenntnissen der Kirche. Wenig dürfte Johannes Paul ohne seinen Cheftheologen aus der Glaubenskongregation getan haben. Sie hatten einmal pro Woche einen Arbeitstermin. Warum
haben die Kardinäle Josef Ratzinger am 18.
April 2005 zum Papst gewählt? Meine Meinung: Er war ihr Primus,
der
Gescheiteste, Erfahrenste, auch Bekannteste. Sie haben gespürt:
Geistig
steckt er uns alle in die Tasche. Dass er auch gut predigen kann, haben
sie dann noch bei den Trauerfeierlichkeiten für Johannes Paul II.
gemerkt. Er musste als Dekan die Feier leiten. Und unzählige
Kardinäle
haben bei vielen dienstlichen Kontakten gespürt, dass er Personen
und
Sachen ernst nimmt. Wenn man weiß, wie Ratzinger die Berufung der
katholischen Kirche sieht, dann kann man das Mysterium Ratzinger
verstehen.
„Gräfin Almeida, der
Papst und ich“ Zum 80-er von
Papst Benedikt Eine ältere Tante,
Gräfin Regina Almeida brachte mich erstmals in
entfernten Kontakt zum späteren Papst Benedikt. Das begab sich so:
Sie wohnte
in Bonn, als der junge Star Ratzinger dort dozierte. Sie wusste aus der
Zeitung, dass er wie sie aus Bayern stammte und vermutete zu Recht,
dass ihm
das rheinische „Preußen“ nicht so gut gefiel. Sie rief ihn an,
lud ihn zum Tee
und siehe da: er kam. Es begann eine zwanzigjährige
Bayern-Freundschaft. Denn
die spritzige, witzige und ältere Dame -
die seine Mutter hätte sein können - besuchte
ihn dann jährlich von
Bonn über Münster, Tübingen bis Regensburg. Als sie ihn in der Revoluzzerstadt am Neckar traf, machte ich dort meine letzten Theologiesemester, und die Gräfin nahm mich mit zum Teetrinken beim Bayernstar. Seither kennen wir uns - oberflächlich. Warum ich damals nicht in
seine Vorlesungen ging, weiß ich heute nicht
mehr. Jedenfalls kannte ich seine Theologie nicht von Tübingen,
sondern
aufgrund der Manuskripte, die schon in früheren Jahren in
Innsbruck
zirkulierten. Dort riss man sich diese Vorlesungsnachschriften
förmlich aus der
Hand. Es war eine völlig neue Denkweise und Theologie, die wir da
mit den
ersten Photokopierern vervielfältigten. Ratzinger war – ebenso wie
Küng – in
aller Munde. Daher gab es dann auch in Tübingen eine – wie man
damals sagte –
„Theologenkommune“, wo mehrere junge Jesuiten ihre Studien abschlossen.
Zu den
Tübinger Stars zählten zu der Zeit neben Ratzinger und
Küng, Ebeling, Moltmann,
Käsemann. Als er in München
Erzbischof geworden war, sahen wir uns dann und wann eher
oberflächlich. Einmal berichtete ich ihm im erzbischöflichen
Palais zusammen
mit einigen Freunden von der „action 365“, der ökumenischen
Gemeinschaft, die
aus den Predigten von Pater Johannes Leppich hervorgegangen war. Als ich dann im Jahr 1982
an die deutschsprachige Redaktion von Radio
Vatikan in Rom versetzt wurde, begegneten wir uns eines Tages durch
Zufall
irgendwo in der Nähe des Petersplatzes. „Ach, Sie hat es auch nach
Rom
verschlagen? Was tun Sie denn hier?“ So etwa mag er gefragt haben. Nach
einem
kleinen Schwätzchen verabschiedeten wir uns. Und so traf man sich
in 20 Jahren
dann und wann. Einmal lud er mich an
Weihnachten zum Tee und Abendessen ein. Doch wollte
ich ihm den Festtag nicht verderben, und hielt meine kritischen Fragen
zurück.
Er hätte wohl auch sofort meine theologischen Schwachstellen
erkannt, und das
wollte ich uns ersparen. So blieb es denn beim
schwäbisch-bayrischen Smalltalk.
Vermutlich haben wir auch über die inzwischen hoch betagte
Gräfin Almeida
gesprochen. Sie konnte ihn in Rom nicht mehr besuchen und beließ
es wohl bei
weihnachtlichen Kartengrüßen. Aber: keine Frage: wenn ich
ihn heute auf die
Gräfin ansprechen würde, so würde er sofort nach deren
Kindern und Enkeln
fragen. Ich begegnete dann den
großen Chef der Glaubenskongregation entweder in
seinem Sprechzimmer, wenn er Radio Vatikan ein Interview gab – was
allzu selten
vorkam, da eben unzählige Medien bei ihm anklopften. Einmal
konstatierte er
dabei mit größter Aufmerksamkeit: „Sie haben aber eine neue
Brille, Pater
Gemmingen!“ Weitere Begegnungen waren in der deutschen Botschaft beim
Vatikan
möglich. Auch da gab es den einen oder anderen Smalltalk.
Letztmals kurz vor seiner
Wahl auf den Stuhl Petri. Ich fragte ihn nach seinem Besuch am
Krankenhausbett
von Papst Johannes Paul II. Und wenn nun eine Leserin
oder ein Leser denkt, dass ich den frisch
gewählten Papst doch schon zweimal interviewen konnte und ihm
dabei persönlich
besonders nahe kam, so muss ich enttäuschen. Es ging ausgesprochen
sachlich zu,
als ich überraschend und ohne dass ich angefragt hätte, zum
Interview vor dem
Weltjugendtag nach Castel Gandolfo geladen war. Ein
Radio-Vatikan-Techniker kam
mit, denn es hätte doch die Gefahr bestanden, dass mein
Minidisk-Recorder
gerade beim Heiligen Vater versagt hätte. So „schirrte“ mich denn
ein Techniker
mit Mikrophon an, die Leitung führte zur Tür hinaus, ich
sollte mit dem
Kirchenoberhaupt alleine sein. Dann kam Papst Benedikt aus der
gegenüberliegenden Tür auf mich zu, wir reichten einander die
Hand, er bekam
sein Mikrophon an den weißen Talar, setzte sich aufs Sofa und
fragte: „Worum
geht’s? Haben Sie Fragen?“ Ich las rasch meine Fragen vor und er
meinte: „Also
fangen wir an“. In zwölf Minuten war leider schon alles vorbei,
die Techniker
befreiten ihn vom Kabel, ich verabschiedete mich, und weg war er durch
die
gegenüberliegende Tür. Alles einfach, sachlich,
unkompliziert. Ein Jahr später
war`s etwas komplizierter. Drei Fernsehleute sollten ihn
mit mir interviewen. Er hatte wohl auch den Eindruck, dass es
angebracht
gewesen wäre, wenn wir uns zunächst die Hand gegeben
hätten. Doch die Manager
hatten das anders vorgesehen. So raunte er uns zu: „Wir geben uns wohl
erst
anschließend die Hand“. Dann saß er – brav
wie ein Erstsemester – uns Medienonkels gegenüber,
beantwortete alle Fragen ebenso flüssig wie der ehemalige
Musterstudent Joseph
aus Marktl – scharf konzentriert und im Bewusstsein, dass es auf jedes
Wort
ankam. Ich fand meine Fragekollegen zu steif und streng und entlockte
daher dem
päpstlichen Musterschüler ein Lächeln. Er hat mit
Eins-plus bestanden! So legte
sich dann beim Shake-Hand die Spannung. Als ich ihn zum Abschied daran
erinnerte, dass wir uns in Tübingen erstmals gesehen hatten,
fragte er prompt:
„Ist der Bruder von Gräfin Almeida eigentlich noch am Leben?“ Er
hat ein
Gedächtnis wie ein Computer. So hat er auch nicht
vergessen, mir ein Exemplar von „Deus-caritas-est“
handsigniert zu schicken. Warum haben sie ihn zum
Papst gewählt? Weil er einfach der Primus der
Klasse ist. P. Eberhard v. Gemmingen SJ zum Seitenanfang
Der Papst im Hochhaus in Seoul Papst
Sing-Hua I.hatte seine neue Residenz in der koreanischen Hauptstadt in
einem
50-stöckigen Hochhaus. Korea – ehemals gespalten in Nord und
Süd – war zu drei
viertel katholisch. Die Sprache der
katholischen Welt war chinesisch, obwohl Korea der Hauptstützpunkt
der
katholischen Kirche geworden war. Schließlich hatte die Sprache
des Landes der
Mitte seit dem Jahr 2050 das Englische weltweit völlig
verdrängt. Wer sich
nicht in Chinesisch verständigen konnte, war im Grunde genommen
ein Analphabet
geworden. Von Seoul aus leitete der Oberhirte der katholischen
Restkirche die
Herde der Katholiken in allen Teilen der Erde. Die meisten Katholiken
wohnten
jetzt in Korea, China, Vietnam, in Indonesien, ziemlich viele auch in
Burma, in
der Mongolei. Kurz Asien war der am meisten christianisierte Kontinent.
Es gab
große katholische Inseln auch in Afrika, vor allem im Kongo, in
Uganda, in
Kenia, Tansania und in den Kleinstaaten Westafrikas. Ferner gab es
katholische
Enklaven in einem Meer von verschiedenen freichristlichen
Gemeinschaften auf
dem Kontinent, der früher einmal mehrheitlich spanisch gesprochen
hatte, wo
aber jetzt auch das Chinesische unumgänglich geworden war. Europa
spielte für
die katholische Kirche keine Rolle mehr. Die Katholiken Europas hatten
sich in
den Jahren von 2005 bis 2025 durch interne Auseinandersetzungen,
Selbstzweifel
und Kindermangel praktisch selbst aufgegeben und aufgelöst. Daher
war im Jahr
2015 erstmals ein Afrikaner zum Papst gewählt worden. Der aber
konnte sich
gegen den allgemeinen Druck aus Ostasien nicht mehr durchsetzen, und so
wählten
die mehrheitlich asiatischen Kardinäle im Jahr 2023 einen Koreaner
zu ihrem
Oberhaupt. Und so blieb das Papstamt denn bis zum Jahr 2075 in
koreanischer
Hand. Die Gläubigen und Bischöfe waren über diesen
kulturellen Wechsel sehr
zufrieden. Der Blick zurück auf die Metastasen der Kirche in
Europa war so
entsetzlich, dass die aus Ostasien stammenden Katholiken froh waren,
ihren
eigenen Weg der Nachfolge Christi gefunden zu haben. In groben
Zügen kann man
sagen, dass Korea zum christlichen Glauben gefunden hatte, weil seine
traditionelle Kultur sich mit der Moderne nicht vereinbaren ließ.
Vietnam war
sogar zu 80 Prozent christlich, vermutlich als Folge der harten
Religionsverfolgung
in der Zeit des kommunistischen Regimes. Die Kommunisten trieben die
vietnamesische Bevölkerung praktisch in die Arme der katholischen
Kirche. Auch
einige reformierte Gemeinschaften waren damals stark gewachsen, doch
der
eindeutige Sieger blieb die Kirche unter dem Papst. Noch heute
schwören die
vietnamesischen Katholiken auf Rom, obwohl der Sitz der Päpste
längst zu einem
UNESCO-Museum geworden war. Freilich
darf hier nicht verschwiegen werden, dass auf Wunsch der UNO in den so
genannten europäischen Schutzgebieten auch noch christliche Inseln
künstlich am
Leben gehalten werden. Die Kulturethnologen wollen dabei erforschen,
wie sich
traditionelle Gesellschaften in Schutz-Zonen oder Human-Zoos erhalten.
Doch
davon erst später. Papst
Sing-Hua hatte in seiner Hochhaus-Residenz einen kleinen Stab von
männlichen
und weiblichen Mitarbeitern, die vor allem mit den Mitteln der neuste
Elektronik die Kommunikation unter den katholischen Landeskirchen
aufrecht
erhielten. Das Kirchenoberhaupt registrierte einmal monatlich einen
Video-Lagebericht über die Weltkirche, der an alle Diözesen
elektronisch
versandt wurde. Er griff wenig in die
Leitung der Diözesen ein, denn er legte Wert darauf, dass die
Bischöfe
möglichst selbständig, aber in ständigem Austausch mit
der Kirchenzentrale die
Gemeinde ihrer Gläubigen führten. Die
Gesamtzahl aller Katholiken weltweit hatte sich im Jahr 2075 auf rund
eine
halbe Milliarde eingependelt. Das waren etwa 8 Prozent der 6, 2
Millionen
Erdbevölkerung. Die katholische Kirche war also eine Minderheit
geworden, aber
eine beachtliche Minderheit, die man nicht einfach übersehen
konnte. Ihre
Stärke bezog die Kirche teilweise aus ihrer kulturellen Nähe
zum wieder
auferstandenen Konfuzianismus. Die moralische und gesellschaftliche
Ordnung der
Konfuzianer und der Katholiken berührten sich in vielen Punkten.
Wichtig waren
ihnen Disziplin, Rücksichtnahme, Solidarität, Respekt vor der
Autorität und
gleichzeitig vor dem Gewissen des Einzelnen. Beiden kulturellen Gruppen
lag am
Herzen, dass die Rechte des Einzelnen und die Rechte der Gemeinschaft
in ein
ausgewogenes Verhältnis kamen. Der extreme Individualismus hatte
Europa und die
europäischen Kirchen zerstört, und die Christen Asiens
wußten, was sie
vermeiden mußten. An einem
Dienstagmorgen kam der Archivar der päpstlichen Kurie in Seoul
etwas aufgeregt
zum Papst. Es platzte förmlich aus ihm heraus: Heiliger Vater, wir
haben in
einem Washingtoner Archiv den Bericht eines aufmerksamen Beobachter des
mongolischen Geheimdienstes gefunden, in dem dieser minutiös die
Auflösung der
katholischen Kirche in Europa schildert. Der Bericht stammt aus dem
Jahr 2045,
also vor jetzt 30 Jahren, greift aber weit in die Vergangenheit
zurück,
beginnend mit der Wahl Papst Benedikts im Frühjahr 2005. Der Papst
lehnte sich in seinem Sessel zurück und lud seinen Mitarbeiter,
einen in
Jakarta vorzüglich ausgebildeten Historiker, ein sich zu setzen
und den
mitgebrachten Report vorzulesen. Der Archivar, Kuo-Tong-Qui las seinen
Report:
„Papst Benedikt, der scharfe Beobachter hatte in vielen Schriften
bereits auf
die Auflösungserscheinungen der westlichen Kultur hingewiesen und
vor falscher
Liberalisierung gewarnt. Von vielen war er als Fundamentalist
bezeichnet
worden. Dieses Schimpfwort war geeignet, seine Autorität zu
untergraben, was
mit Hilfe der kirchenkritischen und gewinnorientierten Medien auch
leicht
gelang. Die verschiedenen Bevölkerungen Europas waren auch durch
raffinierte
psychologische Bearbeitung und Mangel an Kriegen bereits so unkritisch
geworden, dass sie die Wirklichkeit kaum noch interessierte.
Persönliche
Freiheitsrechte, materielle Ausstattung, Zukunftssicherung waren so
dominant,
dass der Sinn für Solidarität, Gerechtigkeit, Zucht und
Maß völlig verloren
gegangen waren. Freilich gab es kleine Inseln, in denen die Welt – wie
man
damals sagte – noch in Ordnung war. Aus ihnen wurden später im
deutschen
Sprachraum der „Austro-Zoo“, der „Teutonen-Zoo“ und der „Helveten-Zoo“.
Die
Bewohner dieser Human-Biotope wurden zwar von den übrigen
Bevölkerungen als Fundis
belächelt. Die von den Chinesen und Indern dominierte UNO und
UNESCO legten
jedoch größten Wert auf die Erhaltung dieser Schutzzonen, um
an ihnen zu
studieren, wie humanes Leben vor der Einführung der obligat
gewordenen
künstlichen Befruchtung sich entwickelte. Kuo-Tong-Qui
unterbrach die Lektüre seines Rapports und schaute den Papst
skeptisch an.
„Wollen Sie, dass ich weiterlese? Heiliger Vater?“ Ja –
selbstverständlich
sagte der. „Vieles weiß ich natürlich schon, aber die
Details sind für mich
wichtig, wir wollen ja mit den Kirchen in den Schutzzonen oder Zoos
neue
Kontakte knüpfen.“ Der
Archivar fuhr fort: „In meinem langen Bericht möchte ich nun
vieles
überspringen, mit dem ich Sie – Heiliger Vater – nicht langweilen
will.“ Er las
weiter: „Papst Benedikt gewann jedoch im Lauf seine 12-jährigen
Amtszeit
weltweit hohe Autorität, seine Stimme wurde gehört, er wurde
geehrt und
anerkannt. Es gab jedoch in der katholischen Kirche vor allem in den
nördlichen
Ländern am Atlantik sehr viele Kräfte, die den Ernst der
kirchlichen Lage nicht
erkannten und meinten, mit theologischen und vor allem
moraltheologischen
Änderungen der Kirche aufhelfen zu können. Man sprach von
Liberalisierung der
Sexualmoral, von der Öffnung der Kirche für künstliche
Befruchtung, von der
Abschaffung des Pflichtzölibats der Priester, von der Einladung an
Nichtkatholiken zur Eucharistie, von Interkommunion und
Interzelebration, von
der Aufwertung der Frauen in der Kirche und ihrer Zulassung zum
Priestertum. Es
waren nicht die Schlechtesten, die diese Themen immer wieder zur
Sprache
brachten. Sie übersahen dabei aber, dass die Existenz der Kirche
in Europa
überhaupt auf dem Spiele stand. Schon zu Benedikts Zeiten sagten
nüchterne
Beobachter voraus, dass ums Jahr 2050 nur noch 10 Prozent aller
Europäer
getauft sein würden und gleichzeitig die eigentlich
europäisch denkende
Bevölkerung von 350 Millionen auf 150 Millionen zurückgehen
würde. Es war ums
Jahr 2005 abzusehen, dass Europa rein zahlenmäßig
gegenüber den Chinesen und
Indern zu einer lächerlichen Minderheit absinken würde. Auch
Benedikt wurde
nicht müde, auf diese Entwicklung hinzuweisen. Schon mit der Wahl
seines Namens
zeigte er, dass ihm Europa ans Herz gewachsen war.“ Der
Archivar und der Heilige Vater seufzten tief, sahen einander schweigend
an und
Kuo-Tong-Qui fuhr in seiner Lektüre fort. „Benedikt war ein hoch
angesehener
Mahner in der Wüste, der gerade auch vor dem Mythos der
Wissenschaft
eindringlich gewarnt hatte. Aber seine Macht war begrenzt, die
Blindheit der
breiten Bevölkerung war bereits so groß, sodass der Absturz
Europas kam wie er
kommen musste. Religion war ein privater Bereich, der von den
Politikern,
von Kultur- und Medienschaffenden
belächelt wurde. Vor allem die Wirtschaftsinteressierten hatten es
geschafft,
das kritische Denken fast ganz auszuschalten. Das war in
Europa das Ende der öffentlichen Religion. Dazu hatte das, was die
Öffentlichkeit Wissenschaft nannte, erheblich beigetragen. Die
chemische
Industrie überzeugte der Bevölkerung davon, dass Krankheiten
durch Selektion
der Embryos weitgehend verhindert werden konnten. Daher verabschiedeten
die
verbliebenen europäischen Parlamente Gesetze, wonach die
Bürger nur noch durch
künstliche Befruchtung zur Welt kommen durften.
Embryonen wurden durch den Staat auf Krankheiten
untersucht und
bei Krankheit entsorgt. Auf ungeschütztem Geschlechtsverkehr
standen höchste
Gefängnisstrafen, weil durch ihn ständig Krankheiten und
Seuchen drohten.
Videoüberwachungen in allen Wohnungen und öffentlichen
Räumen konnten von den
Bürgern nicht abgeschaltet werden.“ Papst und
Archivar seufzten tief auf und sahen einander an. Kuo-Tong-Qui fuhr
fort: „In
einigen Regionen Europas gab es heftigen Widerstand, während
andere schon seit
langem so liberal waren, dass die Maßnahmen sofort griffen.
Widerständig
zeigten sich natürlich Polen, Kroatien und die Slovakei, in
Deutschland waren
es Oberschwaben, Westfalen, Teile von Südbayern, in
Österreich Tirol und
Vorarlberg, in der Schweiz die Kantone Uri und Unterwalden. Heftigen
Widerstand
gab es wie zu erwarten in Sizilien und Sardinien, in manchen Teilen
Irlands, in
gewissen Regionen Frankreichs. Die UNO war hier erstaunlich effizient
und
entschied, man solle aus den genannten Regionen „Schutzzonen“ machen,
an denen
Ethnologen studieren konnten, wie die dortigen Gesellschaften sich mit
der
traditionellen Zeugungsmethode entwickeln würden, wie viele und
welche
Krankheiten auftauchen und wie man sie in den Zonen bekämpfen
würde. Bald
wurden für sie im Volksmund eben „Human-Zoo“ genannt. Sie waren
mit
Stacheldraht umgeben, Kommunikation zwischen denen drinnen und
draußen war
streng verboten. In diesen Zonen war natürlich auch Religion
weiterhin erlaubt
und sogar erwünscht. Die Ethnologen suchten Populationen, die man
vergleichen
konnte.“ Der heilige
Vater seufzte tief, warf einen fast verzweifelten Blick auf seinen
Mitarbeiter,
der treu vorgelesen hatte und schlug vor, einmal das Fenster zu
öffnen. Frische
Luft sei notwendig, wenn man soviel Inhumanität ertragen solle.
Obwohl das
Papstbüro im 50. Stockwerk lag, konnte man hier bei Windstille die
Fenster
öffnen. Der Blick ging von hier oben über einen Wald von
Wolkenkratzern, in der
Ferne tauchten die Berge auf, man ahnte grüne Wiesen und
Reisfelder. Leichter
Lärm drang aus der Millionenmetropole hinauf, und nun hörten
die beiden sogar
Glockenschlag. Seoul war voll von christlichen Kirchen. Sie hatten
Tausende von
Glocken aus Europa erhalten, als dort die Kirchen eingerissen wurden,
weil der
Staat keine Verwendung mehr für sie hatte, und ihre Erhaltung
nicht mehr zu
verantworten war. Auch hatte die europäische Bevölkerung
dringend danach
verlangt, diese Zeugnisse einer überwundenen Epoche zu vernichten
und an ihre
Stellen die beliebten round-about-Kinos zu bauen. Papst Sing-Hua und
Kuo-Tong-Qui schauten sich froh und dankbar über den Glockenklang
an. Lesen wir
weiter sagte der heilige Vater. Wenigstens wir müssen ja wissen,
wie die
Geschichte bis zu unseren Tagen verlaufen ist. Der
Archivar las: „Der Verfall der Kirchen in Europa hatte einen
gesellschaftlichen
Hintergrund, der hier nur in groben Skizzen nachgezeichnet werden soll.
Die
Hauptkrisenherde waren der Bereich der Bildung und der
Gesundheitspflege. Der
Stand der Bildung war in den ersten Jahrzehnten des 21.Jahrhunderts
rapide
gesunken. Zwar lernten Schüler und Studenten noch die technischen
Fähigkeiten,
um mit den neusten Computern umgehen zu können. Doch die
Grundfähigkeiten
schwanden immer weiter dahin: Rechtschreibung, Satzbau, Rechnen,
Mathematik,
Logik, Grundkenntnisse in Literatur, Geschichte und Geographie – hier
waren
teilweise die USA vorausgegangen. Die Schulbehörden verzichteten
schrittweise
in allen Ländern Europas auf Prüfungen. Alle Schüler
besuchten nach der
Mittelschule die Universitäten. Nur die Intelligentesten lernten
Handwerke.
Damit sich die Professoren nicht mehr mit den Rechtschreibfragen
herumschlagen
mussten, führte man das Prinzip der italienischen Rechtschreibung
in allen
anderen Ländern Europas ein. Alles wurde demnach so geschrieben,
wie man es
sprach. Im Deutschen schrieb man z.B. auf doitsch, auf Französisch
musste es
heißen on vronsä, Shakespeare mussten Studenten in England
nun so schreiben
Schäkspir. Rechtschreibfehler gab es nicht mehr, denn die
Studenten sollten
sich auf Wichtigeres konzentrieren, vor allem auf nützliche
Produktions- und
Absatzmethoden. Zur
Gesundheitspflege waren dies die wichtigsten Schritte: nur auf
Krankheiten
geprüfte Embryonen durften implantiert werden. Auf
Verstöße standen
allerhöchste Strafen. Europa hatte einen Zehnjahresplan zur
Abschaffung der
Krankenhäuser. Denn Krankheit war gesellschaftlich geächtet.
Durch eine
langfristige, von Psychologen erarbeitete Medienkampagne war die
Bevölkerung
davon überzeugt, dass Kranksein unanständig und für die
Gesellschaft schädlich
ist. Kranke siechten in ihren Wohnungen dahin, bis sie qualvoll
starben. Sie
mussten heimlich beigesetzt oder ihre Leichname heimlich verbrannt
werden. Auch
wenn die Familie von den Krankheiten wußte, so hielt man den Fall
streng
geheim, um nicht polizeilich belangt zu werden. Diese
Entwicklung im Krankenwesen war es auch, die Peking veranlasste, nach
den
ethischen Prinzipien des Konfuzianismus zu suchen. Gab es hier nicht
Regeln,
nach denen die Gesellschaft und die Familien mit Alten und Kranken
umgingen?
Immer mehr bildete sich in China die Überzeugung heraus, dass in
Ostasien die
europäische Entwicklung vermieden werden musste. Die Machthaber in
Peking sahen
mit Schrecken, dass sich in Indien Teile des europäischen Denkens
ausgebreitet
hatten und übten wirtschaftlichen Druck auf Neu Delhi aus, damit
der große
Nachbarstaat sich an seine ethischen Traditionen erinnern möge.“ Hier
endete Kuo-Tong-Qui seinen Bericht. Papst .... sah jetzt nicht mehr
traurig
aus. Entschlossen sagte er: Es ist gut, zu wissen, wie man es nicht
machen
soll. Wir haben die Chance, noch einmal neu mit dem Evangelium
anzufangen.
Schließlich kam Jesus aus Asien. Vielleicht haben wir Asiaten
mehr Verständnis
als unsere lieben Brüder und Schwestern in Europa, die ihre Stunde
zwar hatten,
aber dann an entscheidenden Punkten doch gescheitert sind. Paulus
würde weinen,
wenn er sähe, dass sein Sprung von Kleinasien ins europäische
Mazedonien sich
nach 2000 Jahren als doch nicht so effizient erwiesen hatte. Was waren
aber nun nach ihrer Meinung, heiliger Vater, die größten
Fehler der Christen in
Europa? Fragte der geschichtlich wache Archivar. Ich meine,
die Christen in Europa haben ganz hervorragende Arbeit nicht nur
für das Reich
Gottes, sondern auch für die Entstehung von Kultur geleistet,
schließlich haben
sie Kulturschöpfer wie den Heiligen Benedikt, den Heiligen Franz
von Assisi und
den Heiligen Ignatius von Loyola hervorgebracht. Sind Beethoven und
Bach,
Goethe und Shakespeare, selbst Voltaire und Einstein ohne das
Christentum zu
denken? Ich meine nicht. Alle diese sind reife Früchte des
europäischen
Christentums. Aber dann an einem bestimmten Zeitpunkt haben die
christlichen
Vordenker Europas nicht mehr erkannt, dass Europa die Gemeinschaft dem
Recht
des Einzelnen opferte, das gemeinschaftlichen Credo dem Privaturteil
des
Einzelchristen. Individualismus siegte über Gemeinschaftsgeist,
Egoismus über
Solidarität, das Recht war nur noch ein Spielball ind er Hand der
Juristen. Die
meisten erkannten nicht, dass Europa dem Mythos des Fortschritts und
der
Wissenschaft huldigte und seinem gesunden Menschenverstand nicht mehr
traute.
Papst Benedikt XVI. war einer der großen Gegensteuerer, aber er
konnte sich dem
Massentrend nicht mehr aufhalten. Der Grad der öffentlichen
Blindheit war enorm
hoch geworden. Und noch etwas Erstaunliches: Weil die Europäer
jahrzehntelang
keinen Krieg erlebt hatten, hatten sie die letzten tragenden
Maßstäbe verloren.
Sie schätzen nicht mehr den Wert des Lebens, weil der Tod weit weg
und
verdrängt war, Familie war ihnen nicht Freude, sondern nur Last,
Bildung war
ihnen keine Herausforderung und Gewinn, sondern – sie nannten es –
„stress“.
Zuwendung und Barmherzigkeit wurden nicht mehr verstanden, denn sie
raubten
Freizeit. Die Europäer lebten nicht mehr, um etwas zu schaffen,
sondern um die
Freizeit zu genießen. Die aber brachte ihnen mehr und mehr
Langeweile, welche
wieder nur durch Drogen und leichte Ablenkung zu überwinden war.
Europa war in
einen circulus vitiosus geraten, aus dem es sich nicht befreien konnte.
Die
Frage nach dem Sinn des Lebens war dem Abendland verloren gegangen. Die
Langeweile und der Lebensüberdruss regierten, bis der alte
Kontinent seine
Weltbedeutung völlig verloren hatte. Nur seine Musik, seine
Literatur, seine
Philosophie lebten in Asien, in Teilen Afrikas uns Amerikas weiter.
Diese
Kontinente schauten dem Mutter- und Altkontinent wie einem
untergehenden Schiff
nach. Briefwechsel zwischen
Papst Sing-Hua I. und Bischof Gregor im
Teutonenzoo Papst
Sing-Hua I. hatte mit Hilfe des mongolischen Geheimdienstes eine
Methode
gefunden, um unbemerkt von der staatlichen Kommunikationsbehörde
eletronisch
Kontakt zu Bischof Gregor im oberschwäbischen Kißlegg zu
bekommen. Gregor war
der Oberhirte der Katholiken in dem deutschen Christenschutzgebiet,
allgemein
„Teutonenzoo“ genannt. Die Weltzentralregierung hatte auf Ersuchen der
UNESCO
genehmigt, dass hier Ehepaare durch natürliche Paarung Nachwuchs
erzeugten. Die
besten Ethnologen der Welt legten nämlich großen Wert
darauf, zu beobachten,
wie sich eine Gesellschaft entwickelt, in der Kinder durch offenen
Geschlechtsverkehr hervorgebracht wird. Weltweit war dies im Jahr 2055
verboten
worden, um kranken Nachwuchs zu vermeiden. Krankheiten und vor allem
Seuchen
waren durch umfassende Embryonenselektion fast überwunden. Mitleid
mit Kranken
war daher auch durch internationale Rechtsverordnungen verboten worden.
Kranke
wurde durch die Medien systematisch diskriminiert, sodass sie in der
Öffentlichkeit keine Rolle mehr spielten. In den
wenigen Schutzgebieten – wie etwas in dem Oberschwabens – durften die
Populationen sich nicht nur nach Belieben zu traditionellen Ehen
verbinden und
paaren. Es wurde sogar von den ethnologischen Gesellschaften
gefördert, die
sich durch Vergleiche wissenschaftliche Ergebnisse erhofften. In diesen
Schutzgebieten war sogar das Leben nach den Vorschriften der
traditionellen
Religionen und Konfessionen erlaubt, ja erwünscht. Sie sollten in
ihrer
soziologischen Entwicklung beobachtet werden. Jeder Einfluß von
außen jedoch
war streng verboten und wurde mit schweren Folterstrafen geahndet. Papst
Sing-Hua I. war es nach 10-jährigem Bemühen gelungen, den
technischen
Abschirmmaßnahmen zum Trotz, von Korea aus Kontakt zu seinem
Mitbruder im
schwäbischen Kißlegg aufzunehmen. Er hatte Gregor einen
chiffrierten Brief gesandt
und ihn gebeten, so geheim wie möglich zu antworten. Der Papst
wollte auf alle
Fälle vermeiden, dass Gregor entdeckt und der staatlichen Folter
unterworfen
wurde. Auch mußten die beiden unbedingt vermeiden, dass ihre
Mitarbeiter von
der Staatspolizei entführt und dem harten Verhör unterworfen
würden. Die
Beibehaltung der Schutzzonen setzte voraus, dass sie absolut isoliert
blieben.
Im österreichischen Schutzgebiet war nach einer Unvorsichtigkeit
eine 9-köpfige
Familie am Fernsehen gefoltert und dann hingerichtet worden, um die
übrige
Bevölkerung vor ähnlichen Abweichungen zu warnen. Schutzzone
bedeutete für
Staat nicht nur den Schutz der dort lebenden Bevölkerung, sondern
auch Schutz
des Staates und seiner Population vor dem üblen Beispiel durch die
traditionelle
Gesellschaft. Bischof
Gregor von Kißlegg war hoch erfreut, von Paps Sing-Hua I. zu
hören. Es hatten
ihn zwar immer wieder Gerüchte erreicht, dass die katholische
Kirche weltweit
nicht ganz untergegangen, sondern sogar vor allem im fernen Osten recht
lebendig war, auch wenn in Europa vom Christentum keine Rede mehr sein
konnte.
Dass es aber noch einen Papst gab, davon hatte Gregor nie gehört.
War der
Vatikan doch nach seiner Kenntnis ums Jahr 2025 nach der
Überflutung von Rom
von der UNESCO mit einer Mauer umgeben und übernommen worden. In
Europa gab es
weder einen Bedarf nach einer Kirchenleitung noch die Möglichkeit,
die teuren
jahrhundertealten Gebäude zu erhalten. Rund 10 Jahre waren die
vatikanischen
Paläste leer gestanden, die italienische Regierungsmafia hatte
gratis alle
beweglichen Teile in Privatbesitz überführt, Vögel,
wildernde Hunde und Katzen
lebten nun unter den verfallenden Fresken und Gewölben. So setzte
sich also Bischof Gregor nach Erhalt der päpstlichen Botschaft an
seinen PC – in
der Hoffnung, dass sein veraltetes Schreibsystem vom fernöstlichen
Kirchenoberhaupt gelesen werden konnte. Kontakt zwischen seinem
deutchen
Sprengel und der Außenwelt gab es ja seit Jahrzehnten nicht. Hier der
Text seines Berichtes an Papst Sing-Hua I.: „Heiliger
Vater, voll Ehrfucht neige ich mich vor Dir als dem Nachfolger des
Apostels
Petrus, der uns die Stimme Jesu Christi vernehmen läßt. Wie
froh war ich von
Dir und deinem Amt zu hören. Haben wir doch hier in unserer
Einöde im Süden
Deutschlands seit Jahrzehnten nur unseren Glauben an die Wiederkunft
des Herrn,
aber keinerlei Kontakt zu anderen Christen und Katholiken. Wir leben
unser
Glaubens- und Gemeinschaftsleben im Wesentlichen nach den
Glaubensüberzeugungen
und Geboten, die wir dem alten Katechismus aus der Zeit des verehrten
Papstes
Johannes Paulus II. entnehmen. Er ist uns ein großer Schatz und
wir halten ihn
in Ehren fast wie die Bibel. Du wirst nicht wissen, dass wir hier in
unserem
geistigen Leben durch die äußeren Mächte ganz
wesentlich begrenzt sind. Papier
wird uns nur in geringsten Mengen zugeteilt. Ganz im Gegensatz dazu
erhalten
wir preiswerte Lebensmittel in großen, ja in
übergroßen Mengen. Die Enthnologen
wollen an unserem Verhalten erforschen, wie körperlich über-
und geistig unterernährte
Bevölkerungen sich entwickeln. Freilich enttäuschen wir sie,
denn meine
Gläubigen fasten sehr gerne, weil sie daraus die Kraft
schöpfen, nach dem
Evangelium zu leben. Mit der geistigen Unterernährung freilich
verhält es sich
bei uns so: Wir haben wenig Literatur, wenige Zeitungen und
Zeitschriften, aber
was immer meine Leute in die Hände bekommen, lesen sie zwei oder
dreimal. Sie
wissen nämlich, dass ihre Vorfahren ums Jahr 2010 fast
untergegangen wären,
weil sie sich die Druckwerke aus ihren Kiosken nur äußerst
oberflächlich und
daher lebensgefährlich angeeignet hatten. Seele und Geist unserer
Vorfahren war
durch den übermäßigen und unkritischen Konsum von
Geschriebenem nahezu zerstört
worden. Daher wissen die Gläubigen hier, dass oberflächliche
Nutzung von
Schriftwerken gefährlich ist, weil sie die Funktion des Gehirns
langfristig
schädigt. Sie lesen daher vor allem überkommene
Kulturgüter mit größter
Aufmerksamkeit. Freilich interessiert sie auch die Geschichte Europas,
und wie
es zur Entstehung der Schutzzonen und der umgebenden Großkulturen
gekommen war.
Meist setzt die Reflexion bei Papst Benedikt ein. Er hatte vor und nach
seiner
Wahl im Jahr 2005 wiederholt davor gewarnt, dass Europa nicht in seiner
kulturellen Größe fortbestehen kann, wenn es seine
christlichen Wurzeln
vergißt. Im gleichen Jahr hatte viele europäische
Regierungen bemerkt, dass
ihre Bevölkerung drastisch wegen Kindermangel dahinschwand.
Gleichzeitig wurden
mehr und mehr Gesetze gemacht, die die Gesundheitskontrolle von
künstlich
erzeugten Kindern verlangte. Kranke Embryos durften nicht eingepflanzt
werden
und sie wurden massenweise vernichtet. Gegen gewisse Widerstände
aus
konservativen Kreisen und exotischen Naturanhängern setzten die
Parlamente
europaweit durch, dass Geschlechtsverkehr, der offen war für die
Zeugung von
Kindern, strafbar wurde. Wir
Katholiken haben uns natürlich von
Anfang an entschieden dagegen gewehrt. Viele katholische Männer
und Frauen sind
für ihre Überzeugung in den Tod gegangen. Vorher waren sie
jahrelang in
Gefängnissen und wurden schwer gefoltert. Viele sind auch schwach
geworden, was
nicht erstaunlich war. Wenn sie sich anschließend wieder zu uns
und Christus
bekannten, haben wir sie gerne wieder in die Kirche aufgenommen. Als
die
staatlichen Behörden erkannten, dass sie durch das Schaffen von
Märtyrern nur
größeren Widerstand erzeugten, beschlossen sie, die
Schutzzonen für nicht
Bekehrbare einzurichten. In ihnen wollten Völkerkundler Studien
absolvieren. Freilich
war der Kampf um die natürliche Fortpflanzung nur die Spitze des
Eisbergs und
der Ort, wo es ans Lebendige ging. Denn unterhalb der Eisbergspitze
lagen
natürlich viele Hindernisse für ein normal christliches
Leben. Die Vordenker
der damaligen Zeit verstanden es, in kleinsten Häppchen die
Überzeugung zu
verbreiten, dass eine feste religiöse Überzeugung erwachsenen
Menschen nicht
zumutbar sei. Sie sprachen von Fundamentalismus und machten
praktizierende
Christen lächerlich. Gleichzeitig wurde die Meinung verbreitet,
der moderne
Mensch suche Religion, habe ein religiöses Bedürfnis. Auf
diese Weise schufen
sich Gurus und Gründer neuer Glaubensgemeinschaften den Markt, um
ihre Ideen
und Waren verkaufen zu können. Religion wurde ein wachsender
Flohmarkt. Man
schuf so eine Konkurrenz zu ernsthaften Religionen und Konfessionen.
Vor allem
die evangelischen Kirchen in Europa wurde durch diese Methoden schwer
angegriffen und es fehlte ihnen die innere Kraft, sich gegen die
Unterwanderung
zu wehren. Zeitkritiker erinnerten immer wieder an Martin Luther, der
seiner
Kirche nie die Aufweichungen erlaubt hätte, denen die
evangelischen
Kirchenführer leider erlagen. Sie meinten es nicht schlecht, aber
waren nicht
in der Lage der Aufweichung zu wehren. Viele evangelische Christen
suchten auch
ihre Flucht im Übertritt zur katholischen Kirche. Kurz: der
Zeitgeist versuchte
langsam und subkutan, Religion an die Stelle des christlichen Glaubens
zu
setzen und die organisierte Kirche – vor allem die von Rom – zu
vernichten. Man
wußte: das gelingt nur, wenn man Märtyrer vermeidet, es
musste schmerzlos oder
– soft – wie man damals sagte – gehen. Papst Benedikt war einer der
schärfsten
Analytiker, der schon vor und erst recht nach seiner Wahl auf die
Gefahren
hinwies. Es gab jedoch innerhalb und außerhalb der Kirche nur
wenige, die
seinen Überlegungen folgen konnten. Seine Warnungen wurden in den
Wind
geschlagen, weil man sie übertrieben fand. Und dies wurde vor
allem von den
Medien sehr verstärkt. Im ersten
Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts herrschte in Europa eine eigenartige
Situation:
Dominant war die Arbeitslosigkeit und mit ihr ging Hand in Hand der
Mangel an
Lebenssinn. Die Schrecken des 2. Weltkrieges lagen so weit zurück,
dass niemand
mehr aus eigener Erfahrung wußte, wie wirkliche Not schmeckt.
Kleine Defekte
wirkten schon als großes Elend. Daher reagierten sehr viele
Menschen äußerst
empfindlich – selbst bei kleinsten Entbehrungen. Leiden und seine
Annahme
schien aus der Mode gekommen. Vor allem breitete sich durch
Wissenschaft oder
eher Pseudowissenschaft die Idee aus, dass man Leiden und Schmerz ganz
abschaffen könne. Papst Benedikt geißelte scharfsinnig diese
Ideologie des
Fortschritts. Er nannte sie einen Mythos und forderte die Kombination
von
Glaube und Vernunft. Doch die große Mehrheit der
europäischen Bevölkerung kannte
seine Gedanken nicht und ließ sich weiterhin durch Medien und
Politik
einlullen. Diese Betäubung der Bevölkerung lag völlig
auf der Linie der damals
modernen Demokratie und der Wirtschaft. Durch langandauernde und
psychologisch
raffinierte Manipulation wurde selbständiges Denken immer mehr
ausgeschaltet.
Ganze Heerscharen von Psychologen wurden für die Manipulation des
Bewußtseins
eingesetzt. Die Menschen glaubten und taten daher, was ihnen
vorgegaukelt wurde
– durch Politiker und Medienschaffende. All dies war natürlich dem
christlichen
Glauben diametral entgegengesetzt. Daher betonte Professor Ratzinger –
später
Papst Benedikt – immer wieder, dass der Glaube die Vernunft fordert und
die
Vernunft den Glauben, dass sich beide gegenseitig ergänzen und
stützen müßten.
Doch die Bewußtseinsindustrie schaffte es ohne jede Mühe,
das Denken Ratzingers
in überschaubaren Zirkeln zu halten. Dabei wirkten selbst
diejenigen Medien
mit, die durch die Wahl des deutschen Papstes viel Geld verdient
hatten. Auch
in kirchlichen Kreisen wurden die Warnungen des damals neu
gewählten Papstes
nicht wirklich registriert. Die Tragik bestand darin, dass berechtigte
theologische Diskussionen den Horizont völlig einnahmen und das
Wesentliche im
Niedergang der europäischen Kultur übersehen ließen. Ein
weiteres Element kam dazu: diejenigen in der katholischen Kirche, die
dazu
berufen waren, das Wort Gottes zu verkünden, den diakonischen
Dienst zu leisten
und die Menschen zu trösten, waren in ihrer großen Mehrheit
seelisch schwach und
krank. Sie hatten nicht die innere Stärke, ihrer Berufung voll zu
entsprechen.
Nicht, dass sie schlecht gewesen wären, aber es fehlte ihnen die
innere Stärke,
sich dem Trend entgegenzusetzen. Es fehlte ihnen der Durchblick und der
Mut,
die Dinge so zu sehen, wie sie nun einmal waren. Diese Diagnose bezieht
sich
auf viele Bischöfe, Priester und Laien, die im kirchlichen Dienst
standen. Das war
der Ausgangspunkt in Kirche und Gesellschaft zu Beginn des 21.
Jahrhunderts. Es
kam wie es kommen musste: die antihumanen Kräfte setzten sich
durch. Die Kirche
in den meisten Regionen und Ländern Europas hatte zu wenig innere
Kraft, um
sich dem gesellschaftlichen Trend entgegenzustellen. Die Theologen und
Kirchenverantwortlichen verzettelten sich in Fragen der Methode, der
Ekklesiologie, des Umgangs mit der individuellen Freiheit und verloren
mehr und
mehr Kraft und gesellschaftlichen Einfluß. Die Antikirchlichen
Kräfte gewannen
immer mehr an Boden. Parallel dazu gerieten die Demokratien immer mehr
in die
Krise, bis sie schließlich eine nach
der anderen abgeschafft wurden. Vor allem die Meinungsführer in
den Vereinten
Nationen kamen zu der Überzeugung, dass ein Atomkrieg nur durch
die Abschaffung
der Demokratie verhindert werden könne, denn ein beschränktes
Wahlvolk neigt zu
radikalen und kriegerischen Lösungen. Ich möchte
nun zur Entwicklung der katholischen Kirche hier im
oberschwäbischen
Schutzbezirk kommen. Wir versuchen, nach den zehn Geboten zu leben, wir
versammeln uns jeden Sonntag zur Feier der Eucharistie, die
gewöhnlich den
ganzen Sonntagvormittag einnimmt. Am Nachmittag feiern die Familien mit
ihren
Freunden ganz bewußt den Sonntag. Jeder Tag wird in den Familien
mit dem
gemeinsamen Gebet morgens und abends begonnen und abgeschlossen. Wir
legen
großen Wert darauf, die Kranken zu pflegen, die Sterbenden zu
begleiten und die
Toten zu ehren. Wir sind von der Auferstehung des Fleisches zutiefst
überzeugt.
Von Zeit zu Zeit kommen von draußen die Ethnologen und
überfallen uns mit
vielen Fragebogen, die wir genauestens ausfüllen müssen.
Durch ihre spontanen
und meist ungewollten Reaktionen merken wir, dass sie sich wundern
über unseren
Lebensstil, dass wir froh und zuversichtlich leben, obwohl es bei uns
Kranke
gibt, obwohl manche unsere Gemeindemitglieder in jungen Jahren sterben,
obwohl
es auch materielle Not gibt. Sie wundern sich vor allem, dass bei uns
ein sehr
gutes menschliches Klima herrscht, obwohl das Leiden keineswegs
ausgeschlossen
ist – wie das bei ihnen angeblich der Fall ist. Manchmal fragen sie
uns, wie es
gelingen kann, trotz seelischer und körperlicher Leiden froh und
glücklich zu
leben, bei ihnen draußen gebe es das nicht. Das,
heiliger Vater, ist mein kurzer und auf das Wichtigste
beschränkter Bericht,
den sie von mir erbeten haben. Gerne teile ich ihnen noch mehr
über unsere
derzeitige Lebenssituation und unsere Geschichte mit. Ich hoffe, dass
sie
diesen Bericht erhalten und dass er nicht in die Hände des
Geheimdienstes fällt
oder gar von diesem entstellt und verändert wird. Man kann sich ja
vor solchen
Eingriffen nicht schützen. Und nun
küsse ich Ihnen voll Verehrung die Hände. Sie stehen für
mich und die meinen an
der Spitze der katholischen Kirche, die auf ihrer Wüstenwanderung
durch die
Zeit unterwegs ist. Es mag Zeiten des Leidens geben, aber auch Zeiten
der
stillen Freude und Ruhe. Beide kommen aus der Hand unseres Herrn, der
derselbe
ist bei Euch im Fernen Osten wie bei uns im untergegangenen Europa. Er
ist Herr
der Geschichte und hält alles in seinen heiligen Händen. Aus dem
schwäbischen Kißlegg grüßt sie Bischof Gregor. Flucht aus dem
„Teutonenzoo“ Johannes
und Magdalena hatten es geschafft. Sie hatten die elektronischen Wachen
überlistet und waren draußen. Hinter ihnen lag ihre Heimat,
das von der UNO
garantierte Schutzgebiet, in dem freies katholisches Glaubensleben
erlaubt war
und blühte. Nun waren sie draußen in der Welt des
Einheitsmenschen, der
Weltkultur, in der Welt der freien Liebe. Äußerlich
unterschied sich die
Landschaft, in der sie sich befanden, nicht besonders anders als in der
Umgebung von Kißlegg. Freilich zeigte ein aufmerksamer Blick
doch, dass die
Felder eher Pflanzungen glichen, die Häuser, die sie in der Ferne
sahen, hatten
wenig Charme oder gar Patina, die Dörfer schienen - jedenfalls aus
ihrer Sicht
– gut überschaubar und eher gleichförmig angelegt. Johannes
und Magdalena hatten sich während der Vorbereitung ihrer Flucht
fest
vorgenommen, nicht mit Vorurteilen an die Beobachtung der anderen Welt
heranzugehen. Manche ihrer Bekannten hatten ja immer negativ von der
Welt
draußen – so pflegte man zu sagen – gesprochen. Dort seinen die
Menschen
normiert, es gebe nichts Ursprüngliches, Gewachsenes mehr. Das
hatten Johannes
und Magdalena schließlich auch an den Fernsehprogrammen, die von
draußen zu
ihnen hereinkam, feststellen können. Dennoch wollten die beiden
nicht einfach
glauben, dass die umgebende große Welt so schlecht war, wie man
ihnen das immer
wieder gesagt hatte. Johannes
war Schreinermeister, Magdalena hatte Kinderkrankenpflege gelernt und
hatte
sich nach der Geburt ihrer kleinen Dorothea vor zwei Jahren ganz auf
die Sorge
um ihren kleinen Schatz konzentriert. Geflohen
war das junge Paar aus ihrer Heimat, weil sie nach Korea fliegen
wollten. Sie
wollten dort Papst Sing Hua besuchen, um ihm vom Gemeindeleben in dem
deutschen
Schutzgebiet zu berichten. Etwa ein Jahr lang hatten sie sich
vorbereitet auf
diese streng verbotene Reise. Sie hatten Leib und Seele hart trainiert,
um
möglichen harten Proben widerstehen zu können.
Schließlich legten die Behörden
vor allem auf Wunsch der Ethnologieprofessoren größten Wert
darauf, dass die
geschützte Bevölkerung sich ohne jeden Kontakt zur
Außenwelt entwickelte. Die
Gefahr der Entdeckung bestand vor allem dadurch, dass sich Johannes und
Magdalena nicht nach den üblichen Verhaltensweisen bewegten. Sie
waren gewöhnt,
sich nach ihren natürlichen Empfinden zu unterhalten, zu bewegen
und zu leben.
Sie wußten aber, dass die sonstige Bevölkerung strenge
Normen erlernt und
eingeübt hatte. Ein falsches Wort, eine falsche Bewegung konnte
sie verraten
und der Staatspolizei verraten. Sie wußten, dass sie sich
möglichst viel in der
Öffentlichkeit küssen und umarmen sollten, dass sich
Magdalena möglichst
freizügig kleiden und manchmal durchscheinende Blusen tragen
musste, um der
übrigen Bevölkerung nicht aufzufallen. Auch ihre Art zu
Sprechen konnte sie
verraten, denn schließlich hatten die Schutzzonenbewohner nicht
alle
Sprachentwicklungen mitmachen können, obwohl gerade die beiden
Ausreißer sich
monatelang bemüht hatten, die Sprechweise derer draußen zu
lernen. Nun
mussten also die beiden nach Überwindung der elektronischen
Grenzanlagen den
nächstgelegenen Bahnhof zu finden, von dort einen Flughafen, um
nach Seoul
fliegen zu können. Das Geld war glücklicherweise in der
Schutzzone identisch
mit dem Geld draußen. Sie
machten sich auf den Weg zu einer Häuseransammlung, die sie von
ferne
ausmachten, dort begegnete ihnen glücklicherweise ein freundlicher
Herr, den
sie getrost um die nächste Bahnstation fragten. Sie war nicht
weit. Dort am
Bahnhof, schon ein paar Kilometer entfernt vom Schutzgebiet, war es
weniger
gefährlich, sich bei der Auskunft nach dem Weg zum Flughafen
München zu
erkundigen. Die Fahrt
dorthin dauerte mit Umsteigen drei Stunden. Alles wirkte fast wie
eingefädelt.
Am Flughafen lösten sie gleich zwei Billets nach Seoul,
mußten jedoch erst
Amsterdam erreichen, von wo es preiswerte Asienflüge gab. In
Deutschland war bisher alles wunderbar gegangen. Sie waren nicht
aufgefallen.
Niemand hatte sie angesprochen. Sie fühlten sich nicht beobachtet.
Ganz anders
war es in Amsterdam. Kaum waren sie aus dem Flugzeug ausgestiegen, als
sich
Magdalena vom Flughafenpersonal scharf beobachtet fühlte. Sie kam
sich wie
nackt vor. Der Blick der Männer durchleuchtete sie. Sie
hätten fliehen mögen,
durfte sich aber nichts anmerken lassen. Sie klammerte sich an Johannes
und sie
küßten sich auf dem Weg vom Flughafen in den Bus und im Bus
fast
ununterbrochen, um nicht als fremdartig aufzufallen. Dummerweise
mußten sie in Amsterdam etwa fünf Stunden auf den
Anschluß nach Seoul warten.
Wohin? Vor allem um den lästigen
Blicken der Männer zu entfliehen. Sie suchten in einem riesigen
Wartraum einen
Platz, an dem sie möglichst mitten in der wartenden Menge
saßen, um vom männlichen
Personal nicht weiter verfolgt zu werden. Es war schwierig. Irgendwann
mussten die beiden nun einem menschlichen Bedürfnis nachgeben. Sie
suchten die
Toiletten, und Magdalena versprach, möglichst lange zu bleiben,
damit er sie
draußen erwarten konnte. Es kam wie es kommen musste, als
Johannes aus der
Herrentoilette kam, stand ein Mann in einer seltsamen Uniform vor ihm
und
orderte, ihm zu folgen. Johannes verunsichert machte Zeichen, er
müsse auf
seine Frau warten. Der Uniformierte zog in jedoch mit Gewalt am Arm
fort,
Johannes wollte nicht unangenehm in der Fremde und Menge auffallen und
ließ
sich ein paar Meter weiter in einen kahlen Nebenraum ziehen. Wenig
später kam
Magdalena aus der Frauenabteilung – und fand sich alleine vor. Gottlob
schien
sie niemand zu beobachten. Aber wo war Johannes. War er noch auf der
Toilette,
war er weggelaufen? Und warum? Kalt lief es ihr über den
Rücken. Noch waren sie
nicht in Asien, nicht in Korea und schon schien alles zu scheitern. Sie
schickte ein paar Stoßgebete zum Himmel. Herr, hilf mir, Herr
hilf uns. Du
weißt, wir haben uns nicht aus Abenteuerlust auf den Weg gemacht,
sondern, weil
wir Deiner Kirche dienen wollen. Du weißt, ich bin bereit, das
Schlimmste auf
mich zu nehmen, aber meine kleine Dorothea braucht mich. Und ich will
Johannes
nicht verlieren. Herr, wo ist er, lass ihn wiederkommen. Sie konnte
sich nicht
aufs Gebet konzentrieren, sie hatte solche Angst, solche Sorge. Wo war
er? Sie
konnte ja auch nicht in die Herrentoilette hineingehen?
Schließlich wagte sie
den Schritt dort hinein. Laut rief sie im Vorrauch „Johannes“. Doch nur
schales
Echo kam zurück. Er war also herausgegangen und dann wohl von
irgendwelchen
Männern entführt worden. Wo war er, wann kam er zurück.
O – wie sollte sie
alleine die Reise fortsetzen und wieder nachhause kommen. Hatten sie
sich
zuviel vorgenommen? Johannes –
wenige Meter von ihr – sah sich drei Männern gegenüber: Wo
kommst du her, du
bist nicht von hier, du gehörst nicht zu uns. Wer
bist du? Fragen über Fragen. Johannes versuchte so
gut er konnte,
um den Brei herumzureden. Er wollte nicht lügen und kam
schließlich doch nicht
um eine Lüge herum. Er sei mit seiner Frau beauftragt, in einer
Sondermission
nach China zu fliegen. Die Regierungsbeamten, die ihn beauftragt
hätten, hätten
sich aber geweigert, ihm ein entsprechendes Dokument auszustellen. Er
könne
sich nicht ausweisen, man möge ihn gehen lassen, weil es ihnen
selbst sonst
schlecht ergehen könne. Die Männer wurden unsicher. Sie
entschuldigten sich
fast, ihn auf die Seite genommen zu haben. Sein ganzes Auftreten und
Verhalten
sei ihnen seltsam und verdächtig vorgekommen. Johannes
konnte es kaum glauben, dass sie ihn einfach laufen ließen. Als
er die wenigen
Meter zurückging, um seine Frau hoffentlich vor den Toiletten zu
finden, fand
er sie umringt von drei jungen Frauen. Diese bestürmten Magdalena:
woher kommst
Du, warum verhältst Du Dich so anders, man sieht, dass Du Dich
anders bewegst,
dass Du anders schaust, anders gehst. Du bist anders. Auch Deine
Kleidung
scheint uns nicht ganz geheuer. Auch scheinst Du überhaupt nicht
geschminkt,
warum tust Du das nicht, warum ist Deine Haut so jung ohne jede Pflege,
sie
schaut aus, wie wenn Du ständig nur mit Pflanzen zu tun
hättest. Man könnte
fast sagen, Du schaust ganz natürlich aus, ganz anders als das
heute üblich
ist. Und dann
drängte sich Johannes zwischen den Neugierigen durch zu ihr, die
so unangenehm
in der Mitte stand. Wo Krankheit ein
Verbrechen ist Dr. Amos
Tsadua in der ruandischen Hauptstadt Kigali hatte immer schon
Schwierigkeiten
mit Schwester Angelika, die vor Jahrzehnten aus Hamburg in die Klinik
gekommen
war. Sie vertrat so völlig altmodische Ansichten, die in ganz
Afrika seit
Jahrzehnten überwunden waren. Sie schwärmte von
Krankenpflege, Babystationen,
Entbindungen, von Altenpflegeheimen und Seniorenclubs. Sie hatte davon
in alten
Büchern und Zeitschriften gelesen, die sie in Archiven
Südafrikas gefunden
hatte. Offenbar hatten die Vernichtungsbehörden einiges Material
übersehen, was
die naive Krankenpflegerin begierig gelesen und sich zu eigen gemacht
hatte. In Ruanda
hatte man seit Jahrzehnten europäische Normen für die
seltenen Fälle von
Krankheit übernommen. Wenn durch ein Versehen ein nicht
vollständig gesundes
Kind geboren wurde, musste umgehend geforscht werden, warum der Embryo
eingepflanzt worden war, obwohl ein Schaden hätte festgestellt
werden müssen.
Die Ärzteschaft Ruandas war von dieser neuen Gesundheitspolitik
völlig
überzeugt, die seit Jahrzehnten gut funktionierte. Mit Schauern
konnte man in
den medizinischen Fachzeitschriften nachlesen, wie Ruanda und andere
afrikanische Staaten früher Kranke gepflegt hatten. Wieviel Zeit,
Kraft und
Geld hatte man damals noch in die Krankenpflege investiert. Die
Ärzte Ruandas
wußten, dass man heute gesellschaftlich nicht mehr in der Lage
wäre, solche
Kräfte für kranke Mitbürger zu mobilisieren. Und nun
kam da diese seltsame Weiße aus dem alten Europa, die ihre
verträumten Ideen
vertrat, dass Krankenpflege und ganz allgemein Zuwendung zu
Notleidenden schön
sei. Dr. Amos Tsadua hatte immer schon vermutet, dass er eines Tages
Schwierigkeiten mit seiner Untergebenen haben würde. Sie dachte zu
seinem
großen Entsetzen unabhängig. Vielleicht lag der Grund darin,
dass sie nie auf
eine Universität gegangen war. Sie hatte alles im Fach Medizin und
Krankheiten
selbständig gelernt. Wo sie sich die Literatur besorgt hatte – das
fragten sich
ihre Kolleginnen und Kollegen. Man vermutete Bücher aus dem 19.
Jahrhundert, in
dem noch die Ideologie der Barmherzigkeit und der ganzmenschlichen
Zuwendung
geherrscht hatte. Nun aber gehörte sie zu dem Team von Dr. Tsadua,
der den
seltenen Fällen von Krankheit kriminalistisch nachzugehen hatte.
Es ging ja in
Ruanda ebenso wie in der übrigen zivilisierten Welt darum,
Krankheiten ganz
auszurotten. Krankheiten waren vergleichbar einfachen Verbrechen.
Welche
Boshaftigkeit dahinter stand, wurde erforscht. Jedenfalls waren kranke
Menschen
strafbar. Sie hätten vermeiden müssen, krank zu sein oder
sich als Kranke in
der Öffentlichkeit zu zeigen. Man arbeitete an der Gestaltung
einer leidfreien
Welt. Krankenpflege hieß in Ruanda daher genau genommen
kriminalistische
Arbeit, um die Ursachen von Krankheiten zu erforschen. Die von
Krankheit
betroffenen mussten daher hinters Licht geführt und ganz einfach
belogen
werden, weil sie sonst die Arbeit der Gesundheitsbehörden
behindert
hätten. Schwester
Angelika wohnte auf eigenen Wunsch ein wenig entfernt von der
Gesundheitsbehörde. Sie brachte auch dadurch zum Ausdruck, dass
sie mit ihren
Vorgesetzten und deren Gesundheitspolitik nicht ganz einverstanden war.
Die
50-jährige war Tochter eines deutschen Arztes, der im Jahr 2010
Hamburg
verlassen und nach Afrika gegangen war. Hier wollte er auf den Spuren
von Dr.
Albert Schweizer afrikanische Kranke pflegen und wenn möglich
heilen. Im Jahr
2020 hatte er die schwarze Südafrikanerin Mangala geheiratet und
fünf Jahre
später freuten sie sich über ihre Tochter Angelika. Diese
wäre wohl in Hamburg
gar nicht geboren worden, denn sie hatte einen leichten
gesundheitlichen
Defekt. Eines ihrer Beine war um einen Zentimeter kürzer und sie
hinkte daher
ein wenig. Wo immer
sie in den afrikanischen Großstädten auftauchte, schauten
die Menschen hinter
ihr her, weil sie hinkte. Sie hatte einmal gelesen, dass ihre Vorfahren
den
ersten farbigen Afrikanern nach dem zweiten Weltkrieg in
Schleswig-Holstein so
hinterhergesehen hatten. Angelika hatte sich daran gewöhnt,
begafft zu werden.
Ein klein wenig war sie sogar darauf stolz, denn sie fühlte, dass
in ihr etwas
gesünder war als in den meisten anderen Menschen. Eines Tages
kam es zu einem heftigen Zusammenstoß zwischen Angelika und ihrem
Chef Dr. Tsadua. Ein Tourist aus Japan,
der sich
für mehrere Monate zu Forschungszwecken in Ruanda aufhielt, war
nach einem
kleinen Autounfall in das medizinische Forschungszentrum Kigali
eingeliefert
worden. Als er nun in einem Krankenhemd in seinem Bett lag, erblickte
die
Schwester zu ihrem großen Erstaunen, an seinen Beinen einen
starken Ausschlag.
Weil derartiges in Kigali seit Jahren weder vorkam noch vorkommen
durfte,
schwieg sie zunächst über ihre Entdeckung. Nach einigen Tagen
hatte sie jedoch
solche Schlafstörungen, weil sie sich verpflichtet fühlte,
dieses Verbrechen
anzuzeigen. Ausschlag war Krankheit, Krankheit war strafbar. Im
Forschungszentrum lagen nur Verbrecher, deren gesundheitliche
Störungen zur
Forschung benutzt wurden. Seit sie den Ausschlag gesehen hatte,
wußte sie, dass
der Japaner eigentlich von der Abteilung der Autounfallopfer in die
Verbrecherabteilung verlegt werden musste. Die besagte Schwester war
mit Angelika
befreundet – obwohl solche Freundschaften von Angestellten in
Forschungszentren
eigentlich verboten waren. Die Behörden befürchteten zu
Recht, dass das
Personal nicht alle Krankheiten der Gesundheitspolizei anzeigten. Nun
ging die
Schlaflosigkeit auf Angelika über. Freilich war sie in solchen
Anfechtungen
schon geübter, denn sie wußte, dass sie eine
Außenseiterin war. Auch wußte sie,
dass Außenseitertum zwar verboten, aber doch unter der Hand
geduldet wurde,
denn Außenseiter wußten mitunter mehr als die
Polizeibehörden und konnten daher
abgeschöpft werden. Angelika aber war nicht die Person, die
Schlaflosigkeit
wegen schlechten Gewissens hinzunehmen. Eines Tages sagte die ihrem
Chef: ich
kenne einen Fall von interessantem Ausschlag, den wir hier in Ruanda
seit
Jahrzehnten nicht hatten. Ich würde mich dieses befallenen
Japaners gerne
annehmen. Vielleicht können wir ihn heilen, jedenfalls können
wir ihm
menschlich nahe sein, denn der Ausschlag dürfte – nach dem was ich
gehört habe
- außerordentliche Juckreize erzeugen. Tsadua wurde wütend:
Wie können Sie? Sie
machen sich mit Verbrechern gemein, sie tolerieren sie und
unterstützen sie
sogar. Was faseln Sie von menschlicher Nähe? Womöglich denken
Sie sogar an
Barmherzigkeit? - sie romantische
Europäerin. Sie sind wohl von vorgestern. Sie haben zu viele
deutschen Märchen
und Sagen gelesen, dieses christliche Zeug! Wenn Sie
mir nicht sofort den Namen dieses verdammten Japaners sagen, zeige ich
Sie der
Kollaboration mit Staatsfeinden an. Angelika:
gemach, lieber Chef. Ich werde doch keinen armen Kranken Ihrem System
ausliefern. Wenn Sie
mir nicht spätestens morgen Namen und die genaue Abteilung
angeben, wo der
Japaner zu finden ist, dann sind Sie selbst dran. Angelika
traf sich abends mit der Kollegin. Was tun? Angelika wußte ja
bisher weder
Namen noch die Abteilung, wo der Japaner lag. Sie wollte es
herausbringen und
ihm helfen – oder wenigstens mehr von ihm wissen. Die Kollegen
vertraute ihr
beides an. Eine Stunde später war Angelika bei ihm. Als
Ausländer konnte man
ihn nicht so abschirmen, wie andere Patienten abgeschirmt wurden. Angelika
stellte sich vor, sagte, dass Sie aus Hamburg gekommen sei – wissend,
dass es
traditionell gute Beziehungen zwischen Deutschen und Japanern gab. Sie fand
beim Patienten volles Einverständnis. Er war wütend über
das ruandische
Krankheitssystem. Es ging ihm ja in seinem Beruf darum, zu erforschen,
wie die
afrikanischen Staaten im Lauf der letzten Jahrzehnte durch die
früheren
Industriestaaten dem Weltsystem angeglichen worden waren. Angelika und
Professor Jagotushi – so hieß der Patient – fühlten sich
bald als
Verschwörerteam. Es verband sie auch ein unbändiger Mut, sich
dem
Krankheitsausrottungsplan zu widersetzen. Nach mehrstündiger
Beratung stand für
beide fest: Der Professor sollte mit Hilfe der Botschaft Tokyos nach
Japan
zurückfliegen, Angelika sollte untertauchen. Beide wollten aber
fernmündlich in
Verbindung bleiben, um wenigstens einen kleinen Keil in das
Krankenvernichtungssystem zu treiben. Sie waren sich bewußt, dass
die
Erfolgschancen gering waren, dass sich vor allem Angelika in eine
lebensgefährliche Situation hineinmanövrieren würde. Sie
war sich seit Jahren
bewußt gewesen, dass sie eines Tages einen Kampf auf Leben und
Tod würde
aufnehmen müssen und sah, dass der Augenblick dafür gekommen
war. Angelika ging
also nicht mehr zur Arbeit, sie wußte, dass ihre
Aufsichtsbehörde sich nun für
ihr Privatleben interessieren würde. Dr. Tsadua würde die
Polizei informiert
haben. Welch ein Glück für sie, dass sie seit Jahren rund 100
Kilometer von
Kigali in den Bergen ein Art Hütte hatte. Kein Mensch wußte
davon, ein ideales
Versteck für Monate, wenn nicht für Jahre. Sie konnte sich
dort auch in der
Umgebung mit den nötigsten Lebensmitteln versorgen. Sie war bei
den dortigen Geschäften
zwar als weiße Europäerin bekannt, aber ihren Namen und ihre
Wohnung kannte
niemand. Sechs Wochen nach der Flucht von Professor Jagotushi aus
Ruanda,
erhielt sie von ihm eine Mail: Er hatte Kontakt zur Uno und zur
Regierung in
Peking aufgenommen. Beide Einrichtungen hatten seit Jahren gewisse
Zweifel an
dem weltweit üblich gewordenen Krankenunterdrückungssystem
geäußert. Ihre
Wissenschaftler hatten festgestellt, dass durch die Ausrottung von
körperlichen
Krankheiten die seelische Temperatur in vielen Ländern merklich
gesunken war.
Dies wiederum hatte Auswirkungen auf die allgemeine Kriminalität.
Viele Länder
hatten ihre Polizei- und Sicherheitsaufwendungen nicht nur verdoppeln,
sondern
verzehnfachen müssen. Nun waren die Fachleute am berechnen,
wieviel Krankheiten
die Menschheit braucht, um die Polizeikosten senken zu können. All dies
war natürlich in Ruanda völlig unbekannt. Hier hatte die
Regierung erst nochmal
ein härteres Krankenunterdrückungsprogramm aufgelegt. Die viel
fortschrittlicheren Chinesen hatten sich an ihre alten konfuzianischen
Weisheiten erinnert. Es waren Regionen und in diesen Dörfer und
Familien
ausgesucht worden, in denen Kranke liebevoll gepflegt wurden. Ja man
sorgte
sich sogar wieder bis zu ihrem natürlichen Tod. Und siehe da, die
Aufsichtsbehörden stellten fest, dass die Sorge für Kranke,
Alte und Sterbende
die Menschen pazifizierte. Junge kraftstrotzende Männer gaben sich
liebevoll
der Pflege Hilfsbedürftiger hin. Mädchen lernten, was ihre
Ururgroßmütter
aufgegeben hatten: Vorlesen, Handhalten, einfach Dasein. Sogar das
längst
ausgestorbene Rosenkranzbeten wurde wieder aufgenommen. Es hatte eine
unglaublich heilende und friedenstiftende Wirkung. Es war aus durchaus
unreligiösen Gründen aus Christentum und Islam in die anderen
Kulturen und
Religionen übertragen worden. All dies
stand in den Mails, die Angelika aus Japan erreichten. Er forderte sie
nun
eindringlich auf, Ruanda heimlich zu verlassen und mit ihm nach
Australien zu
fliegen, um dort die zuständigen UNO-Beamten zu kontaktieren. Angelika
gelang es tatsächlich, sich mit ihrem Auto unbemerkt, bis zum
Flughafen von
Kigali durchzumogeln. Dort hatte sie einen Bekannten, der ihr die
Ausreise
ermöglichte. Im gleichen Maß wie die Kontrollorgane
gewachsen waren, hatten
auch die Schleichwege zugenommen. Mit ein wenig Geld konnte man sich
fast alles
erschleichen. Angelika hatte sparsam gelegt und etwas Schmiergeld auf
die Seite
legen können. Sie
weinte, als sie im Flugzeug saß und Kigali unter sich
verschwinden sah. Soviel
Herzblut hatte sie hier investiert! Wollte sie dies System sprengen,
mit dem
man in den meisten Ländern Afrikas mit Kranken umging, so blieb
ihr - wenn überhaupt – nur der Weg
von außen.
Innerhalb des Landes und des Systems war es nicht zu sprengen. Sie
wußte: ich
verlasse das Land der tausend Hügel nur, weil ich ihm helfen will,
nicht weil
ich fliehe. Recht aus dem Automaten Endlich
hatten die beiden Jurastudenten in Teheran eine Geschichte der
Rechtsprechung
in Europa und den USA gefunden. Sie hatten monatelang übers
Internet in
Archiven gesucht. Offenbar waren die meisten Geschichtsbücher
absichtlich dem
Zugriff der Studenten entzogen, vielleicht sogar vernichtet worden.
Doch es war
den Behörden anscheinend nicht vollständig gelungen, denn nun
hatten Ibrahim
und Moussa endlich einen Schmöker in der Hand, in dem
ausführlich über die
Entwicklung der Rechtsprechung gehandelt wurde. Sie kamen aus dem
Staunen nicht
heraus, wie sehr sich das Gerichtswesen im modernen Iran von dem alten
europäischen unterschied! Im Iran
konnte man – wie in den meisten mittelöstlichen Ländern –
sein Urteil in Zivil-
und sogar in Strafprozessen aus den sogenannten Rechtsautomaten holen.
Endgültig war dies System erst im Jahr 2066 eingeführt
worden. Voraussetzung
war nämlich die Lieferung der Rechtsautomaten, die besonders in
der Mongolei
hergestellt wurden. Ihr System war denkbar einfach: Es bestand in
Wahlmöglichkeiten auf einem Bildschirm, wie sie in den
Anfangsjahren der
PC-Industrie auf Bahnhöfen für die Suche und den Ausdruck von
Fahrkarten
benutzt worden waren. Auf den
vielen öffentlich zugänglichen Bildschirmen stand die
Grundfrage: Brauchen Sie
Auskunft in einem Zivil- oder Strafprozess? Bitte tippen Sie. Wir
landen beim
Strafprozess: Wählen sie das Verstoß in den angezeigten
Beispielen. Wir wählen
Diebstahl. Tippen Sie bei den Möglichkeiten: vermuteter Geldwert
des
Diebsgutes, Bestohlener, Zeitpunkt und Ort. Wenn Sie meinen, den Namen
des
Diebes zu kennen, geben Sie ihn ein. Wenn Sie ihn nicht kennen, tippen
Sie
„unbekannt“. Warten Sie, der Automat berechnet. Die
Rechtsprechung in allen zivilisierten Ländern funktionierte auf
diese Weise.
Nur so war es möglich, Rechtsbeugung zu überwinden. Die
Rechtsanwälte und Richter waren im Lauf der Jahrzehnte so
bestechlich geworden,
dass die Justizministerien auf die Rechtsautomaten gekommen waren. Es
hatte
sich durch Jahrzehnte immer deutlicher gezeigt, dass immer nur
derjenige Recht
bekam, der sich den teuersten Anwalt leisten konnte. Das aus der alten
Römerzeit stammende Recht war so verfeinert und differenziert
worden, dass
jeder Anwald aus der Gesetzteslage das ableiten konnte, was dem
Portmonaie
seines Klienten entsprach. Auch stellte sich durch die Globalisierung
heraus,
dass eine Sprung über die Landesgrenze jede Rechtsauslegung
erlaubte. Anfangs
waren die Rechtsautomate nur in den USA üblich. Freilich kostete
ihre Nutzung
recht viel. Abgesehen von den Wartungs- und Abschreibungskosten
verdiente der
Staat nicht schlecht an den Rechtsprechungsmaschinen. Denn
Rechtsstreite und
Vergehen gab es überall und immer. So war nichts näher
liegend als die
Automaten einzuführen. Freilich
zeigte sich gerade auch in den Ländern des nahen und mittleren
Ostens, wo die
Vereinheitlichung des Menschen noch wenig fortgeschritten war, dass die
Automaten
sich nicht allen Lebensumständen anpassen konnten. Es gab zwar
keine Berufung
gegen ihr Urteil, aber die Bürger waren doch mit vielen
Rechtssprüchen sehr
unzufrieden. Es gab verbreiteten Ärger und viele versuchten daher,
sich
brachial Recht zu verschaffen. Ja das Faustrecht erlebte eine
Auferstehung.
Gerade zahlreiche Männer fragten nicht mehr nach dem Recht,
bedienten sich
nicht mehr der Rechtsmaschinen, sondern holten sich das mit Gewalt, was
ihnen
nach ihrer Auffassung zustand. Die beiden
Studenten in Teheran gehörten nun zu den wenigen, die sich kaum an
der
Weiterentwicklung der Rechtsmaschinen beteiligten. Die meisten ihrer
Kollegen
waren Programmierer, die Antworten auf neue Fragen in die
Rechtsprogramme
einspeisten. Zu diesen Fragen gehörte – um nur ein beliebiges
Beispiel zu
nennen - ob ein eine Firma in Japan das Recht hatte, französisches
Mineralwasser zu den gleichen Tiefpreisen zu bekommen wie die
us-amerikanischen
Firmen. Oder: ob ein Arzt in Neuseeland
verpflichtet werden kann, die Implantation eines Fötus aus dem
Sperma eines
US-Boxers mit der Eizelle einer Mulattin aus Brasilien vorzunehmen. Er
sollte
den Foetus nämlich in den Schoß einer
Südseeschönheit einpflanzen und weigerte
sich nachdrücklich. Ein weiteres Beispiel: Ein deutscher Philosoph
wollte kluge
Kinder. Da ihm seine Frau aber nur mehrere schwach begabte geboren
hatte,
verlangte er dass sie sich einer Gehirnoperation unterziehen sollte.
Dadurch
sollte ihre Gehirnmasse verdoppelt und die Chance intelligente Kinder
zu
bekommen, vergrößert werden. Die Frau weigerte sich. Die
Kommilitonen unserer
beiden Jurastudenten nahmen an einem Seminar teil, in dem Professor
Talamuno
sich mit der Frage auseinandersetzte, ob Ehepaare einander
Gehirnoperationen
zumuten durften. Es gab keine einschlägigen Gesetze. Ibrahim
und Moussa lasen nun nächtelang in dem alten Schmöker mit der
Geschichte der
Rechtssprechung in Europa und Nordamerika. Sie kamen aus dem Staunen
nicht
heraus. Damals hatte es in Restbeständen noch philosophische
Grundlagen der Rechtssprechung
gegeben. Man ging von der gleichen Würde aller Menschen aus. Man
setzte voraus,
dass alle Menschen gleiche Rechte haben. Dahinter stand die aus dem
Christentum
übernommene Vorstellung davon, dass jedes neugeborene Kind auch
ein Kind Gottes
sei und es daher unendlichen Wert hatte, dass sein Leben unantastbar
war. Dass
das Recht eines armen Menschen gleiches Gewicht haben sollte wie das
Recht des
Reichen. Alles Vorstellungen, die hinter der Rechtsprechung der
Automaten
völlig zurückgetreten waren. Wie – so
fragten sich Ibrahim und Moussa – war es dazu gekommen, dass man diese
philosophischen Voraussetzungen der Rechtsprechung vergessen hatte?
Wieso hatte
man diese Vorstellungen nicht kultiviert und tradiert? Auf ihnen hatte
ja nicht
nur der Rechtsstaat basiert, sondern auch die untergegangene Kultur des
Zusammenlebens von Menschen verschiedenster Herkunft. Die beiden
wußten um die
vielen Gewalttaten, weil viele Menschen im mittleren und nahen Osten
sich durch
die Rechtsautomaten mißverstanden und ungerecht behandelt
fühlten. Sie hatten
offenbar die Schematisierung des Denkens noch nicht so gut und
vollständig
integriert, wie das bei den Bevölkerung in entwickelteren Staaten
gelungen war.
Ehrgeizig wie Ibrahim und Moussa nun waren, machten sie sich daran,
heimlich
Pläne zu entwickeln, wie die Gesellschaft des Iran sich wieder von
den
Rechtsmaschinen trennen und zu einem Rechtssystem zurückkehren
konnte, das auf
geistigen Grundlagen beruhte, die den Menschen als freie
Persönlichkeit und
nicht als intelligente Maschine sah. Die beiden wußten, dass sie
bei dieser
Bemühung auf allergrößte politische Schwierigkeiten
stoßen würden. Nicht nur
das Justizministerium in Teheran würde alle Geschütze
auffahren, um ihre Pläne
im Keim zu ersticken. Sie würden bei Entdeckung mit schwersten
Gefängnisstrafen
rechnen müssen. Aber vor allem Weltjustizbehörde in
Australien würde gegen
Teheran vorgehen, wenn im Ausland bekannt würde, dass an der
Universität der
iranischen Hauptstadt am System der Rechtsmaschinen gerüttelt
wurde. Es gab
Beispiele von anderen Ländern in aller Welt, wo
Systemveränderer durch die
Medien zur Aufgabe ihrer Pläne gezwungen worden waren. Auf
polizeilichen Druck
hin waren durch die Medien Menschenmassen mobilisiert worden und hatten
die
vermeintlichen Umstürzler gezwungen, ihre Pläne aufzugeben.
Den Massen war
mitgeteilt worden, die Aufständischen wollten sich Atomwaffen
anschaffen. Die beiden
Untergrundjuristen fragten sich nächtelang, wen sie als Mitwisser
ihre Pläne
gewinnen könnten, wie sie ihre Ideen in die tragenden Kreise
einfließen lassen
könnten, welche Argumente sie einsetzen könnten. Sie sahen
vor allem zwei Menschengruppen als mögliche Verbündete: die
einfache
Landbevölkerung, die es im Iran immer noch gab. Dort gab es noch
Männer und Frauen,
deren Denken vom internationalen Denksystem unabhängig waren, die
sich noch der
überkommenen Logik bedienten, die noch relativ angstfrei lebten
und in denen
Männer leider auch immer noch ihre Rechtshändel mit
brachialer Gewalt
untereinander ausforchten. Wer hier die bessseren Muskeln hatte, hatte
Recht.
Das galt den Jurastudenten zwar keineswegs als ideal, aber sie meinten,
dass
hier noch ein Rechtsempfinden vorhanden war, auf das sie aufbauen
konnten. Hier
herrschte noch nicht der Geist des Rechts aus dem Automaten, sondern
hier
hatten die Menschen ein grundlegendes Gefühl für Recht und
Unrecht, nur dass
sie ihr Recht eben nicht mit Hilfe von Anwälten und Richtern
einklagten,
sondern mit Hilfe der Fäuste. Die andere
Gruppe, die unsere Rechtsrevolutionäre als Verbündete
suchten, waren die
Nachdenklichen unter den Intellektuellen. Da gab es Schriftsteller,
Musiker,
Historiker. Sie hatten außerhalb des öffentlichen Lebens
gleichsam Spielwiesen,
die ihnen die Regierung in Teheran gerne überließ, denn so
waren sie keine
Gefahr für das gesamte politische und rechtliche System. Diese
nachdenklichen
Intellektuellen aber ließen manchmal durchblicken, dass der
modernere
Menschentyp, der im Lauf der letzten Jahrzehnte herangewachsen und auch
gezüchtet worden war, im Grunde genommen ein wenig langweilig war.
Sie träumten
von Menschen, die selbständiger und unabhängiger als der
moderne Mensch denken
und sich entscheiden konnte, wo Hass und auch Liebe eine
größere Rolle spielte,
wo es noch viel mehr Enttäuschungen und Hoffnungen gab, wo sich
Dramen
abspielten, weil menschliche Konflikte noch nicht mit Drogen und
harmlosen
Medikamenten beigelegt wurden. Manche dieser Intellektuellen sammelten
heimlich
alte Schicken mit den Dramen von Shakespeare und Thukydites, Gedichte
von Rilke
und Romane von Dostojewski. Sie fanden hier den Stoff, der in der
jüngsten Zeit
ausgestorben oder unterdrückt worden war. Des Menschen Freude und
Leid, seine
Hoffnungen und Niederlagen machten als Untergrundliteratur die Runde. Diese
Intellektuellen, von denen man im Grunde genommen nichts wissen durfte,
waren
die zweiten Hoffnungsträger der Untergrundjuristen. Sie
wußten, dass die Wiederentdeckung des alten Menschenbildes
Jahrzehnte dauern
würde, erst recht die Wiedereinführung eines philosophisch
getragenen
Rechtsprechungssystems. Aber als junge Menschen waren sie idealistisch
genug,
sich auch Träumen hinzugeben. Doch eines
Tages kam, was kommen musste. Ihre nächtlichen Gespräche und
Überlegungen waren
von aufmerksamen Nachbarn bemerkt und angezeigt worden. Ihre Skizzen
waren der
Polizei übergeben worden, und sie wurden getrennt und in eine
staatliche
Denkschule verbracht, wo ihre kranken Hirnstukturen repariert werden
sollten. Freilich
landeten ihre hingekritzelten Papiere in einem Polizeiarchiv. Es
heißt, dass
sie zwanzig Jahre später von einem Historiker gefunden wurden und
er derzeit
daran im Geheimen arbeitet, um sie fortzuführen und
möglicherweise einmal zu
realisieren. Aber noch gibt es die Rechtsmaschinen. Sie wurden auf den
neusten
Stand gebracht, sodass alle Rechtsstreitigkeiten über die
Herstellung von
Menschen und Tieren, über die Transpantation von Erbanlagen,
über
Organersatzhandel, über Rechtsabtretungen im Umweltbereich,
über
Tierregenerationsfragen und vieles mehr schnell und preiswert
entschieden
werden konnten. Die Menschheitsfamilie funktionierte fast reibungs- und
konfliklos, auch weil das Humangenom vereinheitlicht und die
menschliche
Hirnfunktion auf das öffentlich geregelte Denken ausgerichtet
waren. Über die
Rehabilitation der traditionellen Religionen Papst
Papst Sing-Hua I. öffnete einen Brief mit zitternden Fingern. Auf
der Rückseite
des Umschlags stand: Generalsekretär der Vereinten Nationen. Man
erhielt nicht
jeden Tag Post aus dem Glaspalast in Australien. Nicht einmal als Papst
und
Oberhaupt von einer halben Milliarde Katholiken, die zum
größten Teil im fernen
Osten lebten. Als er den
Umschlag geöffnet hatte, entfaltete er den großen
pastelfarbenen Briefbogen –
wieder mit zitternden Händen. Natürlich war der Brief in
Chinesisch abgefasst.
Der Papst las: Euer Heiligkeit Sing Hua! Erlauben Euer Heiligkeit, dass
ich
mich mit einem großen Anliegen der Weltgemeinschaft an Sie wende.
Worum es sich
handelt, muss unter uns völlig geheim bleiben. Von diesem
Schreiben wissen nur
der Dalai Lama, der ehemalige Leiter von Scientology, ein
herausragender
hinduistischer Theologe in den Bergen Nordindiens und der
Präsident Brasiliens,
ein persönlicher Vertrauter und Berater von mir. Meine
Frage und Bitte an Sie als den Führer der größten
geschlossenen religiösen
Gruppe der Erde: Könnten Sie uns helfen, die traditionelles
Religionen wieder
zu rehabilitieren oder richtiger zum wirklichen Leben zu erwecken? Ich
erkläre
Ihnen den Grund dieses Wunsches. Weltweit hat sich im Lauf der letzten
Jahrzehnte gezeigt, was die Menschheit verloren hat durch den Untergang
und die
Vernichtung der traditionellen Religionen. Lassen Sie mich drei Punkte
darstellen: Worin zeigt sich das Fehlen der traditionellen Religionen?
Warum
sind sie unterdrückt worden? Was erhoffen wir von ihnen? Worin
zeigt sich das Fehlen der traditionellen Religionen: Die Weltmaschine
läuft
zwar, die Menschen produzieren und konsumieren, sie kaufen und
verbrauchen, die
Wirtschaft läuft, sodass nahezu alle beschäftigt und damit
keine Störfaktoren
in der Gesellschaft sind. Sie wählen fast ausschließlich,
was die
Meinungsforscher ihnen vorschreiben. Wenn nötig ziehen sie in den
Krieg und
geben ihr Leben zum Kampf gegen Unangepasste. Doch die Humandefizite
sind nicht
zu übersehen: 25 Prozent der Todesfälle sind Selbstmorde, die
Nachfrage nach
Drogen steigt ohne Ende, die Produktionsländer kommen nicht nach
und die
Arbeitsausfälle durch Drogen nehmen zu. Auch Gewalttaten lassen
sich nicht ganz
vermeiden, die Polizeikontingente müssen ständig
vergrößert werden. Immer neue
Krankheiten tauchen auf, es ist unmöglich als Kranken als
Verbrecher zu
behandeln. Immer wieder werden gesundheitlich geschädigte Kinder
geboren, weil
ihre Embryos nicht getestet wurden. Dies nur einige Schäden, die
wir mit den
traditionellen Mitteln der Gesellschaft nicht in den Griff bekommen. So
haben
unsere Vordenker in ihren Historien geforscht, wie unterentwickelte
Perioden
mit diesen Schäden umgegangen. Sie stießen auf das
Phänomen der traditionellen
Religionen. Gemeint sind damit die echt in der Kultur verankerten
Glaubensgemeinschaften: neben den abrahamitischen des Christentums,
Judentums
und Islam, Hinduismus, Buddhismus, Taoismus, Shintoismus in gewissem
Sinne auch
Konfuzianismus und die vielen Naturreligionen Afrikas und
Lateinamerikas. Warum
waren diese Religionen seinerzeit unterdrückt worden? Nur wenn wir
diese Gründe
kennen, können wir uns mit ihrer Wiederbelebung befassen. Die
damaligen Weltmanager hatten erfahren, dass ihre
Einflußmöglichkeit durch die
Religionen begrenzt wurden. Religionsanhänger waren weniger
manipulierbar,
waren freier, unabhängiger. Sie richteten sich in ihrem
persönlichen und leider
auch in ihrem politischen Verhalten nach sogenannten transzendenten
Maßstäben.
Das heißt, sie ordneten ihr Tun nach Maßstäben, die
ihnen ihr Glauben gab.
Dieser war durch Überzeugungen von unsichtbaren Gegebenheiten
getragen. Damit
waren sie bis zu einem gewissen Grad nicht unterwerfbar, nicht
handhabbar,
unverfügbar. Manche von ihnen trieben es soweit, dass sie
beseitigt und daher
sogar für die ihren vorbildlich wurden. Manche der
Religionsanhänger
mißbrauchten ihren religiösen Glauben sogar für die
Rechtfertigung von
Gewalttaten. Es wurde immer deutlicher: die traditionellen Religionen
müssen
verschwinden, wenn die Welt konfliktfrei funktionieren soll. Einige
Wissenschaftler versuchten, selbst Religionen zu erschaffen und die
religiösen
Bedürfnisse der Menschen auf sie umzulenken. Es gab ganze
Konzerne, die davon
lebten, religiöse Bedürfnisse zu produzieren und zu
befriedigen. Doch nach
gewisser Zeit zeigte sich, dass die selbst produzierten Religionen
nicht dem
entsprach, was religiöse Menschen suchten. So machte man sich
erfolgreich
daran, die traditionellen Religionen zunächst zu diskreditieren,
lächerlich zu
machen. Das einfachste war, Spaltung in die Religionsführer zu
tragen, sodass
sie sich gegenseitig ausschalteten oder dem Spott preisgaben. Nach
harten
Kämpfen gelang es, die Religionen als hoffnungslos
rückwärtsgewandt und
unangepaßt zu stigmatieren. So beschloss man, um den harten Kern
der Religionen
eine Art Zaun zu errichten, sie zur Schutzzone zu erklären.
Innerhalb dieser
konnten die Unveränderlichen sich willkürlich entfalten, aber
sie waren in ein
Ghetto abgeschoben, diskriminiert. Mit einem Wort: Religionen
störten die
öffentliche Ordnung, daher musste man sie beseitigen. Was
erhofft nun die Weltgemeinschaft von den Religionen? Ich komme
einfach mit Bitten, ich kann nicht fordern. Die Weltgemeinschaft
erhofft von
den Religionen Hilfe: Hilfe zur Gestaltung der Weltgesellschaft, Hilfe
zur
Erhaltung von Frieden und Gerechtigkeit, Hilfe zur Lösung der
Probleme der
Menschen, Hilfe zur Orientierung der Menschen, die nicht wissen, warum
und wozu
sie leben. Wir erbitten von den traditionellen Religionen einen
Beitrag, um den
Menschen einen Lebenssinn zu zeigen. Nur wenn sie einen Sinn sehen in
ihrem
Leben werden sie mit dem Leben selbst fertig werden. Hochverehrter
Heiliger Vater – so schloss der Brief des Generalsekretärs der
Vereinten
Nationen – Ich kann ihnen als Politiker nicht sagen, was Religionen uns
geben
können. Das können nur die Religionen selbst. Wir aber, die
wir die
Gesellschaft vertreten, haben die große Hoffnung, dass die
Religionen uns aus
der Sackgasse heraus führen können, in die wir – nach der
Auffassung der
hellsten Köpfe in den Vereinten Nationen – geraten sind. Darf ich
Sie nun höflichst bitten, mir Ihre Ansicht über die ganze
Fragestellung
mitzuteilen und wenn irgend möglich auch, ob und wie Sie uns durch
die
katholische Religion helfen können. Ich sehe Ihrer Antwort mit
großem Interesse
entgegen und grüße Sie ehrfurchtsvoll vom
Sitz der Vereinten Nationen Ihr Dr. Bert
Folkswangen Generalsekretär
der Vereinten Nationen Der Papst
legte den langen Brief auf die Seite und atmete tief. Welch eine
Herausforderung, welch ein Vertrauen, welch eine Aufgabe. Fast nichts
in dem
Brief war ihm neu. Lange Jahre hatte er die Entwicklung der Welt
außerhalb der
Kirche beobachtet und mit seinen Mitarbeitern besprochen. Jahrelang
hatte er auch
versucht, die allerschlimmsten Auswirkungen der dominanten Weltkultur
in den
Bereich der Kirche zu verhindern. Nun also wurde die Religion wieder
gebraucht.
Neben dem Ärger über die weltweit verbreitete Ignoranz
über Religion überwog
jetzt bei ihm doch die Freude, dass dem religiösen Glauben
offenbar doch wieder
eine Tür geöffnet würde und dass man erkannte, bisher
auf einem falschen Weg
gewesen zu sein. Sogleich
schrieb er auf seinem tragbaren PC eine Einladung an einige seiner
Berater.
Wichtig waren ihm dabei der Religionswissenschaftler, der Psychologe,
der
Soziologe, der Pädagoge, der Eheberater und dann am
allerwichtigsten die
Fachleute für Exegese und Dogmatik. Diese Gruppe saß nun
etwa zwei Wochen lang
in Klausur und beriet. Wichtig schien allen, dass die Kirche deutlich
macht,
sie ist bereit Verantwortung zu übernehmen aber dass Religion
nicht als
Sozialtherapie oder Medizin mißbraucht werden darf. Religion
müsse bleiben die
freie Entscheidung einer reifen Persönlichkeit für einen
transzendenten Wert
und Glaubensgehalt. So entstand denn in mühsamen Beratungen, die
von stillen
Gebetszeiten unterbrochen waren, ein Brief des Papstes. Hier sein Text: „Verehrter
Herr Generalsekretär der Vereinten Nationen, ich danke
Ihnen im Namen der katholischen Kirche für Ihr Schreiben und die
Bitte um
Hilfe. Ich habe mich mit meinen Ratgebern und Fachleuten
verschiedenster
Disziplinen ausführlich beraten. Hier ist die Antwort auf Ihre
Bitte und Frage: Als erstes
müssen wir feststellen: Religionen sind keine menschlichen
Produkte, die man
nach Belieben herstellen und dann auch wieder abschaffen kann. Auch
wenn hinter
jeder Religion ganz menschliche Erfahrungen und Erlebnisse stehen, so
sind ihre
Anhänger doch davon überzeugt, dass Gott oder eine jenseitige
Kraft und Macht
durch die menschlichen Phänomen zu ihren spricht. Der Gründer
oder Autor jeder
Religion ist Gott und nicht der Mensch. Das ist
die Innensicht der Religionen. Man kann dagegen einwenden, wenn man mit
einem
Außenstehenden kommuniziert, müsse man diese Innensicht
aufgeben, um sich
verständlich zu machen. Dagegen sage ich im Namen des katholischen
Glaubens:
Letztlich kann keine Glaubender einem Nichtglaubender seinen Standpunkt
verständlich machen. Jedes seiner Worte wird dem
Draußenstehenden unbegründet und
unverständlich scheinen. Wer aber den Sprung des Glaubens gewagt
hat, wird die
Richtigkeit des aus Glauben Gesprochenen erkennen.
Kurz: dem Nicht-Glaubenden ist der Inhalt des
Glaubens immer
unverständliches Geheimnis, Mysterium. Dieses Hinderniss
können die Glaubenden
nicht wegschaffen. Der
Hinweis auf diese Tatsache war notwendig, damit Sie verstehen
können, warum
Religion nicht einfach als Sozialtherapie eingesetzt oder gar
mißbraucht werden
darf. Ich
erinnere in diesem Zusammenhang auch an die Tatsache, dass im Anfang
des 21.
Jahrhunderts, etwa als Benedikt zum Papst gewählt wurde, viele
Einrichtungen
versuchten, religiöse Bewegungen zu schaffen. Sie sind letztlich
alle
gescheitert, weil jeder Mensch im Tiefsten weiß: Religion kann
man nicht machen,
produzieren, sie wird einem geschenkt. Selbstgemachte Religionen sind
Betrug. Das zum
Hintergrund für unsere Antwort: Wir sind bereit, durch den
katholischen Glauben
beizutragen, die Sackgasse zu verlassen, in die die Menschheit durch
die
Unterdrückung der Religion geraten ist. Damit wir
aber nicht schon bei den ersten Schritten scheitern, möchte ich
hier einige
Eckpunkte nennen. Wenn diese nicht beachtet werden, ist unsre Mitarbeit
sinnlos
und Ihr Projekt zum Scheitern verurteilt. Wir müssen
den Begriff der Wahrheit rehabilitieren. Ich knüpfe hier an die
Schriften von
Papst Benedikt vom Beginn des 21. Jahrhunderts an. Er hatte damals oft
darauf
hingewiesen, dass der Begriff der Wahrheit diskreditiert worden sei. Im
Bereich
der Religion gebe es nicht Wahrheit, sondern nur Gefühl oder
Vermutung. Es sei
unsinnig bei Religion von Wahrheit zu sprechen. Wahrheit gebe es nur in
den
exakten Naturwissenschaften. Er hatte damals eindringlich gefordert,
die
Vernunft wieder auf den Sockel zu heben. Human werde eine Gesellschaft
nur,
wenn Vernunft und Glaube Hand in Hand gingen. Einer der Hauptfeinde von
Papst
Benedikt waren der Mythos der Wissenschaft und des Fortschritts. Also, um
der Menschheit zu helfen, muss die menschliche Vernunft wieder dahin
zurückkommen, dass es Wahrheit gibt, Wahrheit auch im Bereich der
Religion. Ein
zweiter Eckpunkt ist: Rückkehr zu Fairness. Es ist heute wohl
allgemein
bekannt, dass die Religionen zerstört wurden durch unfairen Umgang
mit ihr.
Religion wurde systematisch und mit staatlicher Unterstützung
unfair behandelt.
Über religiöse Ereignisse und Personen durften in den Medien
ungestraft die
größten Dummheiten verbreitet werden. Was im Bereich von
Sport, Wirtschaft und
Kultur streng verboten gewesen wäre, galt nicht im Bereich der
Religion. Sie
durfte straflos an den Pranger gestellt werden. Der Staat darf Religion
nicht
verordnen, aber er muss auch verhindern, dass sie lächerlich
gemacht wird. Ohne
Fairness der Religion gegenüber sind wir nicht bereit am Aufbau
einer humanen
Gesellschaft mitzuarbeiten. Dritter
Eckpfeiler: Die Grundwerte jeder menschlichen Gesellschaft sind durch
den Staat
zu schützen. Ich denke dabei vor allem an: Lebensrecht: das Leben
jedes
Menschen von Zeugung bis zum natürlichen Tod muss geschützt
werden. Angriffe
auf das Leben sind absolut strafbar. Die Grundlage jeder Gesellschaft,
nämlich
die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau muss in ihrer
Einzigartigkeit
geschützt und gefördert werden. Soziale Gerechtigkeit ist ein
Postulat. Jedes
Eigentum verpflichtet zu solidarischer Tätigkeit. Der Staat darf
nur das an
sich ziehen, was untergeordnete soziale Einrichtungen nicht leisten
können.
Gewalt zur Erreichung politischer Ziele ist verboten, Verteidigung ist
erlaubt.
Es handelt sich im Wesentlichen um Gebote, die in der einen oder
anderen Weise
in allen Religionen gelten. Zu einem
vierten Eckpunkt sind wir damit gelangt. Die Gesellschaft kann nur gut
gedeihen, wenn verschiedene Gewalten streng geteilt sind: Regierung
muss streng
vom Parlament unterschieden werden. Diese beiden von der
Rechtsprechung. Das
sind die drei klassischen Gewalten. Längst sprach man auch von der
vierten
Gewalt, den Medien. Da über sie – im Unterschied zu den drei
klassischen
Gewalten - das Denken der Bürger erreicht und beeinflußt
wird, sind sie mit
besonderer Sorgfalt einzurichten. Die Medien müssen vom Staat
ebenso unabhängig
sein wie von rein ideologischen und ökonomischen Interessen. Wenn
einem Medium
eindeutige Fehlinformation aufgrund ideologischer Einseitigkeit
nachgewiesen
werden kann, ist es durch ein unabhängiges Gericht zu verbieten.
Bürger müssen
die Möglichkeit haben, sich wegen ideologischer Medienarbeit an
einen
Ombudsmann zu wenden. Als fünfte Gewalt – aber ganz anderer Art –
möchte ich
die Religionen nennen. Sie müssen völlig unabhängig sein
von den Regierungen. Um
abzuschließen: die traditionelle Gesellschaft ist im Lauf des 21.
Jahrhunderts
vernichtet worden. Der Hauptgrund dafür war, dass das Denken der
Menschen
weitgehend ausgeschaltet und manipuliert wurde. Die Menschen wurden
durch das
Bildungssystem und die Medien zur unreflektierten Übernahme von
ideologischen
Vorstellungen verführt. Selbständiges Denken wurde bestraft
und schließlich
abgeschafft. Einzig in den europäischen Schutzzonen und in den
fernöstlichen
katholischen Regionen gelang es nicht, das selbständige,
unabhängige Denken zu
überwinden. Verehrter
Herr Generalsektetär, vermutlich
wird es sehr lange dauern, bis die psychischen Krankheiten wieder
zurückgehen,
bis der Drogenkonsum und die Selbstmordrate sinken, bis die
Polizeistärken
gesenkt werden können. Abgesehen vom Engagement der Kirche kann
ich nur sagen:
Gutes Beispiel der führenden Personen von der Kindergärtnerin
bis zum
Staatspräsidenten sind nötig, ebenso diszipliniertes Lernen
in der Schule, Einsatz
der natürlichen Autorität von Elternhaus bis zum Staat. Wenn der Staat zuschaut, wie junge Menschen
verdorben und letztlich kaputt gemacht werden, versagt er. Religion ist
bereit
und in der Lage zu helfen, aber es ist unter ihrer Würde nur die
Schäden zu
reparieren, die durch das Versagen des Staates und seiner Behörden
Darf ich
Ihnen, verehrter Herr Generalsekretär, nun ganz schlicht mein
Gebet
versprechen. Ich bete gerne für Sie, Ihre Familie, Ihre
Mitarbeiter, die
Vereinten Nationen und die Menschheitsfamilie. Aus dem
Vatikan in Seoul grüßt Papst Sing
Hua I. Nachtragen
möchte ich: Für die katholische Religion möchte eich
mich verbürgen, dass sie
keine politische Macht anstrebt und ausüben will. Parlamentswahlen in
Kalifornien Mit
Schrecken las Evelyn Baker in ihrer Küche in San Francisco im
Tagebuch ihrer
Großmutter. Sie hatte es vor wenigen Tagen auf dem Speicher ihrer
Villa
gefunden. Evelyn Baker war in einem Reisebüro angestellt, hatte
früher als
Stewardess gearbeitet und kannte daher fast alle Länder der Erde.
Ihr
besonderes Interesse galt der Emanzipation der Frau in den
verschiedenen
Kulturen. Vor allem hatte es ihr das Frauenwahlrecht in den
verschiedenen
Demokratien der Erde angetan. Sie wußte, dass es in den meisten
afrikanischen
Staaten zwischen 1990 und 2020 mit Gewalt eingeführt worden war.
Jetzt 55 Jahre
später – man schrieb das Jahr 2075 hatten die Männer in den
Vereinigten Staaten
aus mangelndem Interesse an Politik zumeist aufgehört, sich an
politischen
Wahlen zu beteiligen. Wählen war Frauensache. Männer waren in
die verbreitete
Computerindustrie abgestiegen, Frauen hinwiederum bestimmten
ungestört durch das andere Geschlecht den politischen
Weg des Landes. In
Kalifornien war seit einigen Jahrzehnten völlig klar, dass kein
Kandidat für
ein öffentliches Amt bildlich dargestellt werden durfte. Die
Öffentlichkeit
durfte nicht wissen, wie er aussieht, denn man hatte erkannt: bei
Verantwortungsträgern im öffentlichen Bereich geht es nicht
um die Qualität
seines Aussehens, seines Gesichtes, seiner Haar- und Augenfarbe, der
Qualität
seiner Kleidung und seinen Geschmack. Die Wähler
fragten ausschließlich nach seinem Programm, nach seiner
Geschichte, seiner
Ausbildung und seinen früheren Tätigkeiten. Im Zentrum des
Wählerinteresses
stand aber überhaupt nicht ein Spitzenkandidat, sondern die
Gruppe, zu der er
gehörte. Man vermied den Ausdruck Partei, denn dieser vermittelte
den Eindruck,
dass der Kandidat nur für eine Seite oder Richtung eintreten
würde. Das aber
sollte er ja gerade nicht. Er sollte für das Ganze da sein. Daher
war der
Ausdruck Partei verpönt. Wichtig war für aufmerksame
Wähler aber vor allem,
welche Leistungen eine Gruppe im Lauf der letzten Jahre geleistet
hatte. War es
gut, so konnte der Wähler vertrauen, dass diese Gruppe auch in
Zukunft in der
Lage sein würde, die anstehenden Probleme zu lösen. War es
weniger gut, so
konnte man der anderen Gruppe die Verantwortung übergeben für
die Meistung der
Zukunft. Für Evelyn
Baker war nun das Tagebuch ihrer Großmutter sehr aufschlussreich.
Sie erzählte
z.B. „Präsident George W. Bush junior sieht eigentlich gut aus. Er
ist
anständig gekleidet. Vor allem versteht er es, sich den
Umständen entsprechend
mit Krawatte oder ganz locker gekleidet zu zeigen. Er hat auch gut
daran getan,
sich eine farbige Aussenministerin zu wählen. Sie garantiert, dass
auch jüngere
Frauen und Farbige ihn wählen, obwohl er eigentlich gegen sie ist.
Bush
versteht auch gut zu sprechen. Ehrlich gesagt, ist mir ziemlich
gleichgültig,
was er sagt. Ich höre ihm aber gerne zu, er hat so treue Augen.
Auch finde ich
gut, dass er mit seinen Ministern betet. Auf solche Politiker kann man
zählen.
Man wirft ihm vor, er habe sich um die Katastrophenopfer in New Orleans
nicht
gekümmert. Ich finde das Unsinn, schließlich kann man im
Gebet für sie mehr tun
als wenn man hinfliegt und ihnen seine Sympathie und Anteilnahme zeigt.
Überhaupt war mir immer wichtig, dass wir Politiker und
Landesführer haben, die
gut ausschauen: Clinton hat mir gut gefallen, er hatte so ein
jugendlichen Aussehen.
Seine Frauengeschichten sind mit gleichgültig.Wichtig ist, dass
einer auftreten
kann. Schließlich will man ja stolz sein im Ausland mit seinen
Präsidenten.
Daher lege ich so großen Wert auf gut aussehende
Staatsoberhäupter. Bei den
Deutschen ist es mir Gerhard Schröder aufwärts gegangen.“ Evelyn
Baker schlug das Tagebuch ihrer so geliebten Grußmutter zu. Sie
konnte nicht
weiterlesen. Wie konnte eine Frau, solches denken und schreiben – auch
wenn es
die eigene Großmutter war. Sie fragte sich ob viele Frauen zur
Zeit ihrer
Großmütter ähnlich geurteilt hatten. Ob auch die
Männer nur auf die Anzüge und
Krawatten geschaut hatten? Jetzt verstand sie auch, warum so wenige
Frauen
große Rollen in der Politik gespielt hatten. Frauen trauten eben
eher gut gekleideten
Männern, auch gute Politik zu machen als ihren
Geschlechtsgenossinnen, deren
Kleider und Frisuren sie ja oft bemäkelten. Über die
Wiedereinführung der Demokratie Zwei
deutsche Diplomaten setzten sich gemütlich in ein Eck der Lounge
der Vereinten
Nationen im australischen Perth. Es war der betagte Vertreter
Deutschlands,
Freiherr Ludwin von Richthofen und der Absolvent der
Diplomatenhochschule in
Tokyo, Dr. Hannes Berghofer. Hier am Hauptsitz der Vereinten Nationen
fanden
unter aufgeschlossensten Diplomaten informelle Gespräche über
eine mögliche
Wiedereinführung der Demokratie statt. Die heimatlichen
Regierungen durften von
diesen Überlegungen nichts wissen, denn im allgemeinen hingen sie
der Ideologie
an, Demokratie führe zurück zu Atomkriegen. Richthofen war
von Hause aus
Historiker und daher mit der Materie bestens vertraut. Berghofer hatte
in
seiner Ausbildung zwar alle Methoden der modernen Diplomatie erlernt,
vor allem
wie man die Balance zwischen den Staaten halten konnte, ohne dass die
breite
Bevölkerung und vor allem akademische Kreise davon erfuhren. Man
fürchtete
Studentenaufstände, wie sie vor Jahrzehnten in allen Teilen der
Erde wiederholt
stattgefunden hatten. Die Medien waren in Lauf der Jahrzehnte von ihrer
früheren Ideologie abgebracht worden, die Regierungen kritisch zu
begleiten und
notfalls zu kritisieren. Seit einigen Jahrzehnten standen Fernsehen und
Hörfunk
ganz im Dienst der Ausschaltung kritischer Rückfragen. Zeitungen
spielten
gesellschaftspolitisch keine Rolle mehr, denn das Lesen war im Bereich
der
Politik in den westlichen Ländern, also Europa und den USA auf
Minimum
heruntergefahren worden. Der junge und außergewöhnliche
begabte Berghofer hatte
sich seit Wochen darauf gefreut, den langjährigen Vertreter
Deutschlands am Hauptsitz
der UNO in Perth sprechen zu können. Nachdem
sie sich einen Campari bestellt hatten, ging Berghofer gleich in medias
res und
fragte: warum haben die Vereinten Nationen eigentlich ihren Sitz von
New York
nach Perth verlegt? Man hat uns an der Akademie in Tokyo ja vieles
darüber
gesagt, aber ehrlich gesagt, kann ich meinen Professoren nicht ganz
glauben,
dass ihre Gründe stimmen. Richthofen
runzelnte seine Stirne, sinnierte ein wenig als wolle er sich fragen,
inwieweit
er mit der Wahrheit herausrücken solle und könne.
Mißtrauen in den Bereich der
Hochschulen zu säen, war schließlich schlecht, aber die
historische Wahrheit zu
unterdrücken ebenso. Nun – so Richthofen – die Vereinten Nationen
waren
zwischen dem Jahr 2000 und 2020 sosehr in die Hände der USA
geraten und von
ihnen auch finanziell weitestgehend abhängig geworden, dass die
Staaten, die
nicht von den USA abhingen, internationale Probleme nicht mehr vor die
Vereinten Nationen brachten, sondern auf anderen Ebenen regelten. Die
Vereinten
Nationen wurden immer bedeutungsloser. Vorausgegangen war ein
langjähriges
Tauziehen, welche der größeren Staaten in den
Weltsicherheitsrat aufgenommen
werden sollten. Alle konstruktiven Vorschläge scheiterten an
Willen
Washingtons, die Macht im Sicherheitsrat zu behalten. Parallel dazu
kamen immer
mehr Staaten in den Besitz von Atomwaffen. Ihre Weiterverbreitung
konnte nicht
aufgehalten werden. Vor allem konnte sie moralisch nicht begründet
werden. Die
Mächtigen taten sich immer schwerer stichhaltige Gründe zu
nennen, warum es bei
den bisherigen Atommächten bleiben solle. Die elektronischen
Medien spielten
damals für die Weltmeinung noch eine große Rolle. Die USA
sahen sich immer mehr
gerade auch von den neuen asiatischen Atommächten hinterfragt und
angegriffen. Welches
waren denn nun die Länder, die über Atomwaffen
verfügten? fragte Berghofer
dazwischen. Er gestand damit ein, dass er seinen Professoren in Tokyo
nicht
ganz traute. Ach, das
wissen Sie nicht? – meinte sein Gegenüber. Ja also,
lassen Sie mich mal nachdenken. Sie wissen: Beim Jahrtausendwechsel
waren es
die klassichen fünf: USA, Rußland, China, England,
Frankreich – die
Konstellation nach dem zweiten Weltkrieg. Dazu gekommen waren Indien,
Pakistan,
Israel und um die Jahrtausendwende kämpften um die Atomwaffe
Nordkorea und der
Iran. Nun brach der Damm, es war den Atombesitzern nicht mehr
möglich, die
Waffe unter Verschluss zu halten. Ich versuche, die Staaten
zusammenzubringen,
die in den Besitz der tödlichsten Waffe gelangt waren: Ich mache
es geographisch:
Venezuela, Kolumbien, Brasilien und Argentinien. Mexiko war völlig
unter
US-Kontrolle und daher ein Habenichts. In Afrika waren es
natürlich Südafrika,
Simbabwe, Libyen. Im nahen und mittleren Osten: Iran, Syrien, Saudi
Arabien –
und weiterhin Israel. In Asien Indonesien, Vietnam, Korea, Thailand.
Bemerkenswert ist, dass sowohl Deutschland wie Japan Nicht zu
den Atommächten zählten. Das waren Spätfolgen des 2.
Weltkrieges. Die anderen
Staaten Europa waren weise genug, ebensowenig nach Atomwaffen zu
langen. Aber
die Welt starrte von Waffen. Kein
Wunder also, dass eines Tages der Ihnen bekannte Schlag gegen Israel
erfolgte.
Das Heilige Land wurde praktisch ausgelöscht. Bis heute tappt die
Welt im
Dunkeln, welche Macht dahinter gestanden hatte, die Geheimdienste waren
so
ohnmächtig geworden, dass sie nicht einmal herausfanden, ob hinter
dem Schlag
eine Regierung oder eine Terrororganisation stand. Auf das Weiterleben
der
Israelis und der Juden in aller Welt kann ich jetzt hier nicht weiter
eingehen.
Eines aber muss in diesem Zusammenhang gesagt werden: viele Juden in
New York
waren schon lange mit der Politik Washingtons nicht mehr einverstanden.
Das
weiße Haus handelte immer weniger sensibel und verschaffte sich
immer mehr
Gegner in aller Welt. Gerade auch die starke Hand über der UNO im
New Yorker
Glaspalast wurde in jüdischen Kreisen als sehr ungeschickt
betrachtet. Dazu kam
die Unfähigkeit Washingtons, Israel wirksam vor dem Atomschlag zu
schützen.
Kurz es verbreitete sich immer mehr der Ruf: Fort von New York, fort
von den
USA – und hinüber nach Australien. Man muss wissen: der
fünfte Kontinent war
atomwaffenfrei, er bedrohte niemanden und wurde nicht bedroht, idealer
Sitz der
Vereinten Nationen. Das ist
also die Antwort auf meine Frage, meinte Berghofer dankbar und nahm
einen
Schluck Campari. Richthofen
zog wieder die Stirn in Falten und fügte an: UNO hier oder dort –
das ist ja
nebensächlich. Viel wichtiger ist die Frage nach dem Demokratie. Ja – fiel
Berghofer ein – warum will man sie denn wieder einführen, obwohl
sie doch ins
Atomchaos geführt hatte? Ist
wirklich die Atombombe schuld daran, dass die Demokratie abgeschafft
wurde. Ich
habe da so meine Frage? Lassen Sie mich zurückschauen. Wir
schreiben heute das
Jahr 2075. 50 oder 75 Jahre sind im Lauf der Welt- und
Gesellschaftsgeschichte
nicht viel. Ich fasse die Entwicklung in wenigen Strichen zusammen.
Durch die
beiden Weltkriege im letzten Jahrhundert waren die Völker zur
Einsicht gelangt,
die Staatsform, bei der Kriege am ehesten ausgeschlossen sind, ist
Demokratie.
Manche sagten: sie ist das geringste Übel im Vergleich zu
Monarchie oder
Oligarchie. Man vertraute darauf, dass ein einigermaßen
gebildetes Volk in
Gemeinschaft am besten entscheiden kann, was für diese
Gemeinschaft gut ist.
Voraussetzung für Demokratie waren gute Grundgesetze oder
Verfassungen und ein
guter Bildungsstand der Gesamtbevölkerung, sodass diese sich
kritisch mit den
Programmen der Parteien auseinandersetzen konnte. Nötig waren
Lesevermögen,
kritische Denkfähigkeit, Verbreitung von schriftlichen und
elektronischen
Medien, die die Kommunikation innerhalb einer Gesellschaft
aufrechterhielt. Nun
aber waren die Kommunikationsmedien und die Lesefähigkeit um die
Jahrtausendwende bereits so weit heruntergekommen, dass politische
Manipulatoren
immer leichteres Spiel hatten. Es ging in den Wahlkämpfen immer
weniger um
Sachfragen als um die Darstellung von gut aussehenden Personen und
Parolen.
Vorreiter mit gutem Abstand waren hier die Vereinigten Staaten. In
Europa
lachte man über sie, imitierte sie aber immer mehr. Die besten
Schauspieler und
Redner wurden zu Regierungschefs gewählt ganz unabhängig von
ihrer
professionellen und moralischen Qualität. Es ist bezeichnend, dass
in den USA
wiederholt Filmschauspieler höchste politische Ämter
erlangten. Darstellung
zählte mehr als die Sache selbst. In dieser völlig
unkritischen politischen
Lage nun ergatterten sich immer mehr Staaten Atomwaffen. Die
Atombesitzer
kannten zwar die Gefahr, spielten sie jedoch aus parteitaktischen
Gründen herunter
und verwiesen darauf, dass der Atomschild zur Zeit des kalten Krieges
einen
heißen Krieg verhindert hatte. Nachdem
alle Atomstaaten erkannt hatten, dass sie mit den Waffen zwar
geschützt waren,
aber doch auch weiterhin angreifbar, kamen die Staatsoberhäupter
und
Regierungschefs immer mehr zu der Überzeugung, es wäre
für die Sicherheit der
Welt besser, demokratische Wahlen weltweit langsam aussterben zu
lassen. Der
Prozess sollte nicht vorschnell von statten gehen. Man hatte den
Bevölkerungen
aller Länder so lange beteuert, Demokratie sei die sicherste und
menschenwürdigste Staatsform. Daher konnte man jetzt nicht
vorschnell auf ein
unkontrolliertes Regieren umsteigen, man musste die Bevölkerung
davon
überzeugen, dass es für ihre Sicherheit und für ihr
Wohlergehen besser sei,
Wahlen abzuschaffen. Argumente waren leicht zu finden: In der
Demokratie
entscheiden viele über Themen, die sie gar nicht verstehen, die
Politiker
manipulieren das Volk, durch demokratische Abstimmungen könnten
sogar
Atomkriege gerechtfertigt werden. Argumente gegen Demokratie gab es
hinreichend, die Medien in der Hand der Meinungsbilder gab es
hinreichend. Und
wie gesagt: die Fähigkeit zum Lesen war bereits auf ein den
Regierenden
annehmbares Niveau gesunken. So hatten denn im Jahr 2050 nahezu alle
Staaten
Wahlen abgeschafft. Im Geschichtsunterricht vermied man vom mehr oder
weniger
demokratischen Athen zu sprechen. Selbstverständlich wurde das
Wort Diktatur
vermieden. Die Staatsform war eben einfach die Staatsform. Man
mußte kein neues
Wort dafür erfinden. Übrigens hielten sich Wahlen in einigen
wenig entwickelten
Staaten Afrikas, die diese staatsform erst kürzlich
übernommen hatten und mit
ihr glücklich waren. Da sie im Konzert der Mächte keine Rolle
spielten, durften
sie weiterhin ihre Regierungen wählen. Das liegt
jetzt etwa 25 Jahre zurück. Ältere Zeitgenossen erinnern sich
noch an
demokratische Wahlen. Wie aber
ist es nun weitergegangen? Woher kommt der Wunsch, Demokratie wieder
einzuführen? So die Frage von Dr.Berghofer. Ja –wie so
vieles in unserer Zeit: Der Wunsch nach Demokratie kommt aus China. Wie
Sie
wissen, hat sich dort der Konfuzianismus wieder etabliert und im
Zusammenhang
damit auch die Frage nach der Menschenwürde. Menschenwürde
verlangt nach
Teilhabe an der Macht, verlangt Mitbestimmung, verlangt Demokratie. Die
Mächtigen an den Regierungssitzen in Europa, Nordamerika und
einigen anderen
Ländern wehren sich zwar noch gegen ihre demokratische
Entmachtung, aber sie
ist wohl nicht mehr aufzuhalten. Auf den
Spuren der europäischen Kultur Der Verein
der „Bachfreunde“ in Peking hatte seit Jahren eine Reise in die Heimat
ihres
bewunderten Komponisten geplant. In ganz China gab es rund 1000
Bach-Vereine,
die mit ihren Chören und Orchestern die Musik aus dem fernen
Westen pflegten.
Einzelne hatten wiederholt, Leipzig und die anderen Wirkungsorte des
Genies der
Musik besucht. Doch Gruppenreisen hatte es aus verschiedenen
Gründen nie
gegeben. Die Kritiker solcher Unternehmungen führten ins Feld,
dass es in
Deutschland ja kein einziges Bach-Orchester mehr gebe, dass man also
nur Museen
und alte Gebäude bewundern, aber nicht mit Bachfreunden Kontakt
aufnehmen
konnte. Daher hatte es wohl Reisen zu Anhängern des großen
Meisters nach Japan,
Argentinien, Südafrika, in den Norden Indiens und in die Mongolei
gegeben, aber
nie nach Europa. Europa wurde als kulturell uninteressant angesehen. Doch nun
war es so weit. Kapellmeister Shu-Hoa hatte die Reise von langer Hand
vorbereitet. 50 Bachfreunde waren aus den Tausenden, die sich
interessierten
ausgelost worden. Shu-Hoa hatte sich noch drei besondere Freunde
dazugebeten:
den Goetheforscher Hang-Ko, die Shakespeare-Liebhaberin Ko-Luang und
den
Dante-Rezitator Shi-Hong. Neben den Bach-Clubs gab es ja viele
Goethe-Akademien
in China, gab es hunderte von Bühnen, auf denen nur Shakespeare
gespielt wurde
und Dante gehörte zur Pflichtlektüre in allen höheren
Schulen. An den
Unversitäten gab es fast immer Dante-Institute. Unzählige
Chinesen zitierten
lange Abschnitte aus der Göttlichen Komödie. Eines war allen
gebildeten
Chinesen völlig unverständlich, wie das so kreative und
kulturschaffende Europa
in wenigen Jahrzehnten gleichsam sich selbst vernichtet hatte. Dies also
war der Hintergrund der 54-köpfigen Gruppe, die an einem
Montagmorgen um 7.00 Uhr
in Peking eine Sin-Jang-Maschine bestieg, um 5 Stunden später in
Leipzig zu
landen. Hier gings vom Flughafen mit kurzem Zwischenstopp am
Jakarta-Hotel zur
Thomaskirche. Etwa zwei Stunden lang standen dann die Bachfreunde
schweigend
und betend am Grab ihres großen Freundes. Tief war die innere
Bewegung bei
allen, hier die sterblichen Überreste zu wissen von einem Mann,
der mit seiner
Musik Jahrhunderte nach seinem Tod noch die Seelen von Millionen
Chinesen zu
Tränen rühren konnte. Hier also lag Johann-Sebastian, das
Matematik- und
Musikgenie, das nach ihrer Ansicht weit über Einstein, Galilei ja
sogar
Konfuzius hinausragte. Nun
stellten sie sich im Chor auf, um einige leichte Chorstücke zu
singen. Sie
brauchten dazu keine Noten. Sie trugen die Melodie im Herzen. Es
dauerte
Stunden, bevor sie sich von diesem heiligen Ort losreißen
konnten. Als sie
dann in der Gegend der Thomanerkirche ein Restaurant suchten, wunderten
sie
sich über diese Stadt einstiger großer Kultur. Öde
Gebäude, schmucklose
Straßen, Menschen in ärmlicher Kleidung, bescheidene, wenn
nicht sogar ärmliche
Geschäfte mit Auslagen hinter schmutzigen Scheiben. Wußte
man doch aus der
Sportgeschichte der Welt, dass Leipzig sich sogar im Jahr 2005 noch um
die
Olympischen Spiele beworben hatte. Doch jetzt bot die Stadt einen sehr
traurigen Anblick. Einige Bachfreunde meinten, sie hätten in alten
Büchern
Ansichten des heruntergekommenen Königsberg gesehen. So
ähnlich schien ihnen
jetzt die Heimat Johann-Sebastian Bachs. Schließlich fanden sie
auch ein
Restaurant. Auf der Speisekarte standen Einheitsmenus, die aus Fabriken
geliefert nun mit Mikrowellen warm gemacht wurden. Manch einem lief das
Wasser
im Mund zusammen, als er heimlich an die Restaurants in Peking und
Shanghai
dachte. In einer viertel Stunde war man mit dem Essen fertig. Der
Bahnhof von Leipzig sei etwas Besonderes sagten einige, die sich vor
der Reise
genauer informiert hatten. Man suchte ihn gemeinsam. In einer riesigen
Halle,
die noch aus dem letzten Jahrhundert stammte, waren nun Einheitsshops
untergebracht. Jeder Laden bot einen bestimmten Einheitsartikel, einer
Hosen
für Männer, einer für Frauen, ein weiterer Hemden – hier
sogar für beide
Geschlechter, Unterwäsche gab es nebenan. Elektronik war
größer geschrieben,
aber kam nicht an Qualität und Auswahl von Ostasien heran. Das
Kinderspielzeug
zeigte, dass die Kleinen möglichst wenig Phantasie entwickeln
sollten.
Reichhaltig war das Angebot bei den Süsswaren, es gab viel
Farbiges zum
Lutschen. Wichtig schien zu sein, dass der Konsument möglichst
lange etwas im
Mund hatte. Das war den Bachfreunden beim Gang durch Leipzig schon
aufgefallen:
alle Leipziger lutschten an irgendetwas, meist hing es halb aus dem
Mund. In
Peking oder Hongkong wäre damit jeder ausgelacht worden. Am
nächsten Morgen waren die Musikfreunde frühzeitig in der
Thomaskirche. Man
hatte ausgemacht, hier die h-Moll-Messe zu singen – wenn auch ohne
Instrumente,
da man sie ja nicht hatte mitbringen können. Der katholische
Pastor der Kirche
hatte versprochen, er werde zur Messe die wenigen Katholiken Leipzigs
einladen.
War das eine Enttäuschung für die Sänger: während
aller gesungenen Teile gab es
nichts als Geplauder, lautes Lachen, Räuspern und Niessen.
Offenbar hatten die
Deutschen ihr Gehör verloren. Bach schien sie nicht zu
interessieren. Seine
Anhänger aus Fernost fragten sich, was aus diesem einst so
genialen Volk
geworden sei. Nach
dieser bitteren Enttäuschung trat die Gruppe ihre weitere Reise
durch die
Heimat ihres Musikgenies an. Auf dem Programm standen weitere Besuche
in
Berlin, Hamburg, Köln und München, sowie in Österreich
in Salzburg und Wien. In Berlin
staunten sie über die Menge der Wolkenkratzer, der Schnellbusse
und der U-Bahn,
über die Masse an riesigen round-about-Kinos. Sie wußten
durch ihre Reisevorbereitungen
dass in Berlin keine großen Kirchen zu sehen waren, hatten aber
doch gehofft,
die berühmte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zu sehen, ein
typisches Mahnmal
Berlins. Als sie dann aber vom Ku-Damm in die Nähe kamen waren sie
bestürzt, zu
sehen, dass gerade große Kranen dabei waren, diese Erinnerung an
das alte
Berlin abzutragen. Die Erhaltung des Gebäudes war der
Millionenstadt zu teuer
geworden. Weiter
gings zum weltberühmten Pergamon-Altar im Museum. Sie konnten es
bewundern,
mussten jedoch einen Portier bemühen, die Räume aufzusperren.
Normalerweise
interessierten sich nur noch Ausländer dafür. Deutsche
Schulen und
Universitätsstudenten kämen heute nicht mehr. Der
Pergamon-Altar stehe nicht
mehr auf dem Lehrplan. In Hamburg
zeigte man den Kulturbeflissenen aus dem Osten die beiden
Großbanken, die an
die Stelle des kleinen und des großen Michel gestellt worden
waren. 30 Jahre
lang habe man die beiden Wahrzeichen der Hansestadt erhalten, obwohl
kein
Mensch hineingegangen war. Schließlich beschloss der Senat der
Hansestadt, dass
die Erhaltungskosten den Bürgern nicht mehr zuzumuten waren. Das Haus
von Johannes Brahms, das die Chinesen sehr interessierte, sei jetzt nur
noch im
Internet zu besichtigen. Seit Jahrzehnten interessierten sich nur noch
Europafans
aus Ostasien dafür, daher habe man die Brahms-Gedenkstätte
geschlossen und ins
Internet gestellt. Nach Köln
kamen die Kultursucher aus dem Osten nicht etwa wegen des Domes und
seiner
Musik. Sie wußten, dass die Erhaltung des Domes einfach zu
kostspielig geworden
und er deshalb wenige Jahre nach dem katholischen Weltjugendtag
abgerissen
worden war. Köln besuchten die Asiaten, weil in ihren Prospekten
zu lesen
stand, dass sich in den ganzjährig für Touristen gestalteten
Karnevalssitzungen
etwas vom rheinischen Katholizismus zeige. An diesem Katholizismus
waren die
Bachfreunde aufs lebhafteste interessiert. Schließlich
blühte die katholische
Kirche an den Küsten des Asiatischen Ozeans und man las in allen
Büchern, dass
Europa gerade auch längs des Rheins durch den christlichen
Glauben, durch
Bischöfe, Heilige und Missionare so kulturprägend geworden
war. Als die
Besucher dann den Karnevalsprinzen und die Prinzessin, den
Ältestenrat und die
Tanzmariechen mit ihren schönen Beinen sahen, fragten sie sich,
was das mit der
Bibel zu tun habe. Nach der Vorstellung wurde ihr Kölner
Führer von ihnen nur
so gelöchert, was der ganze Zirkus und Zauber, die Sprüche
und Ansprachen, die
politischen und sexuell gefärbten Witze mit Jesus Christus zu tun
hätten –
wohlgemerkt: die Chinesen konnten nicht nur blendend deutsch, sondern
hatten
eigens die kölsche Mundart gelernt. Mit vielen
Fragen fuhren die Reisenden von Köln weiter nach München.
Auch die bayrische
Hauptstadt wurde in ihren Führern als katholische Metropole
hingestellt. Ihr
Interesse war daher groß, wenn sie auch durch die Kölner
Enttäuschung schon
manche Frage mitbrachten. In München zeigte man ihnen die
Freiheitshalle, auf
die Hitler seinen Marsch gemacht hatte, die königliche Residenz,
den Park von
Nymphenburg, das Vergnügungsviertel Schwabing, man führte sie
durch die Räume
der einst berühmten Universität, die ja jetzt wegen Mangel an
Studenten und
Professoren geschlossen war. In den einstigen Hörsälen
arbeiteten jetzt meist
Türken am Bau elektronischer Geräte, die nach Afrika
exportiert wurden. Als die
Christentumssucher aus dem Osten nach Kirchen und Zeugnissen des
katholischen
Bayern fragten, bedauerte der Führer: der Dom sei umgewidmet. In
ihm sei eine
Großbadeanstalt mit 20-Meter-Brett, von den Domtürmen
könne man Jumpspringen.
Aus den alten Barockkirchen Münchens habe man Museen,
Luxuskaufhäuser oder auch
Moscheen machen müssen. Die winzigen christlichen Gruppen Bayerns
pflegten
nicht mehr Bach, Mozart, Haydn und Verdi, sondern sängen ohne
Instrumentalbegleitung
die Lieder aus dem afrikanischen Taize. Es gebe noch ein kleines
Christentumsmuseum, hierher kämen vor allem Asiaten und mitunter
ein Afrikaner
oder Lateiamerikaner. Es werde aber nur auf Anfrage vom Pförtner
geöffnet. Ein
kleines Trostpflaster aber gab es für die Bachfreunde: Im
Münchner Opernhaus
gab es mitunter Konzerte, bei denen ausschließlich für
Besucher aus China,
Japan, Indien, Indonesien und den anderen fernöstlichen
Ländern Stücke der
alten europäischen Klassiker gespielt würden. Die
Bevölkerung Münchens, aber
auch ganz Bayerns und Deutschlands begnüge sich mit
zeitgenössischer
Unterhaltungsmusik. Kein Mensch frage nach der alten Klassik, sie sei
hier
unbekannt. Eine
kleine Hoffnung hatten die Asiaten noch: könnte es vielleicht im
österreichischen
Salzburg und Wien besser sein? In
Salzburg gab es den ersten Seelengenuss. Nicht etwa wegen Musik und
Bauten,
sondern wegen der herrlichen Landschaft, die trotz der Fabrikanlagen
und
Hochhäuser noch zu sehen war. In ihrem
Führer hatten sie gelesen, dass Mozart zwar getauft, aber doch
auch Freimaurer
gewesen sei. Die Kirche sei im Grunde schon zu seiner Zeit dekadent
gewesen,
daher verstehe man die Zauberflöte nur, wenn man sich in den Logen
auskenne. Zu
ihrem Erstaunen gab es in Salzburg zwar ein modernes Opernhaus aus
Beton – die
Akustik war im Grunde genommen schlecht – aber in ihm wurde
allabendlich nur
die Zauberflöte aufgeführt. Sonst konnte man in Salzburg und
Umgebung nichts
Anderes von Mozart hören. Das Publikum war auch hier weitgehend
asiatisch, dazu
mischten sich ein paar US-Amerikaner und Afrikaner. Alle Ton- und
Lichteffekte
wurden technisch perfekt eingesetzt, aber Sänger und Dirigent
lagen ziemlich
unter dem Niveau ihrer Kollegen in Peking, Seoul, Singapore und
Jakarta. Der
Führer wies darauf hin, dass Salzburg seit nahezu 300 Jahren nur
durch die
Finanzinvestitionen des Vaters von Wolfgang-Amadeus lebe. Salzburg habe
gute
Kaufleute, Musik werde so preiswert wie möglich vermarktet, das
Publikum sei
nach entsprechender Medienmassage anspruchslos geworden. Die Stadt sei
es
zufrieden. Die Chinesen wagten nicht nach den Salzburger Kirchen zu
fragen, von
denen in alten Kunstführern noch gesprochen worden war. Sie
wollten die Guides
nicht in Verlegenheit bringen, nachdem sie in München schon so
betroffen waren. Tief
traurig setzen sie mit wenig Hoffnung ihre Reise nach Wien fort. Wien
die Stadt
der Musik! „Wien, Wien nur du allein, sollst stehts die Stadt meiner
Träume
sein!“ – so hatten sie oft in Hongkong, Shanghai und auch in den
Dörfern gesungen.
Fast alle Chinesen kannten die Werke Beethovens, aber auch Schubert,
Schuman
und Strauss. Millionen von CDs waren verkauft worden, als es von Peking
erlaubt
worden war, sich für europäische Kultur zu begeistern. Man
meinte, an der
blauen Donau und auf dem Kahlenberg werde von morgens bis abends nur
musiziert,
gegeigt und gedudelt, sei die weltberühmte Oper abend für
abend voll mit
Freunden von Ludwig van Beethoven, der hier in Wien gelebt und gelitten
hatte. Die
Enttäuschung war programmiert. Aus ökonomischen Gründen
hörte man allabendlich
in der Oper die neunte Symphonie. „Freude schöner
Götterfunke“ wurde des
Publikums wegen nur auf chinesisch, manchmal auf vietnamesisch oder
koreanisch
gesungen. Viele meinten, der Dichter dieser Verse, Friedrich Schiller,
sei ein
vietnamesischer Freiheitsheld. Auch hier war die Vorführung
technisch perfekt,
aber man merkte deutlich die Routine von Dirigent, Spielern und
Sängern.
Während der Vorführung wurden mehrfach an den Sitzen
Getränke und Häppchen
angeboten, sodass dann auch die entsprechenden Geräusche die
Symphonie
begleiteten. Tags
darauf flogen die Chinesen in ihre Heimat zurück. Auf den
Sitzplätzen herrschte
teilweise betroffenes Schweigen, teilweise nachdenkliche Diskussion
darüber,
warum dieses kulturschaffende Deutschland so plötzlich völlig
in sich
zusammengebrochen war? War der Verfall der Familie, der staatlichen
Autorität,
des Bildungssystems daran schuld? War der Zusammenbruch des
christlichen
Glaubens, die theologisch bedingte Selbstauflösung der Kirchen der
Grund? War
einfach Dekadenz, Sittenverfall, Verfall jeder Autorität, der
Werte und
Maßstäbe schuld? Hatten möglicherweise die Vereinigten
Staaten bewußt an der
moralischen Zerstörung Europas gearbeitet, um einen Konkurrenten
los zu werden?
Oder hatten einfach die Kulturhistoriker Recht, die behaupteten, jede
Kultur
breche nach 800 bis 1000 Jahren zusammen. Seit der Gründung des
Reiches
deutscher Nation unter Kaiser Otto dem Großen waren etwa so viele
Jahre
vergangen. Die Gäste aus dem Osten erinnerten sich gegenseitig an
die
europäische Untergrabung der Familie durch die staatliche
Gleichstellung
gleichgeschlechtlicher Paare, an den Zwang zur ausschließlich
künstlichen
Befruchtung, der Bagatellisierung von Abtreibung und Euthanasie, den
Verfall des
Lebensschutzes. Sie wußten auch, dass die Europäer zu
gewissen Zeiten nur noch
für ihre Freizeit lebten, dass jede feste Bindung eines Mannes und
einer Frau
als lächerlich angesehen wurde. Sie wußten, dass das
Bildungssystem
zusammengebrochen war, niemand mehr lernen wollte. „Streß“ war
das
Schlüsselwort. Er musste vermieden werden. Die
Asiaten trösteten sich: wir erhalten die europäische Kultur
mit Dante, Moliere,
Cervantes, Einstein, Kopernikus, Beethoven, Mozart, Goethe und
Schiller. Eines
Tages mag ja Europa zu sich selbst zurückfinden. Fragment Der
chinesische Kaufmann Sing Chung-chang suchte in der
Bibliothek der ehemaligen Münchner Universität
nach dem in ganz
China bekannten alten Sinologen Josef Oberhuber. Doch die aus
Afganistan
eingewanderten Bibliotheks- und Museumswächter kennen zwar die
Ausstellungsstücke aus germanischer Vorzeit, aber Oberhuber ist
ihnen
unbekannt. Er sei im Jahr 2050 vorzeitig in Pension gegangen, erfuhr
Chung-chang im Sekretariat. Und jetzt 2074 könne man schwerlich
noch von ihm
wissen. Sing
Chung-chang arbeitet in Shangai an einer computergesteuerten
Übersetzung der
letzten Enzyklika von Papst Martin VI. Es gibt zwar
Übersetzungsmaschinen aus
dem Latein ins Chinesische, aber die Fachausdrücke der
katholischen Theologie,
die der verstorbene Oberhirte noch verwendet hat, fehlen in dem
Übersetzungsprogramm. Der jüngst verstorbene Martin VI. hatte
sich nicht den
neueren Sprachregelungen der katholischen Kirche anpassen können.
Er schrieb
immer noch das Latein, das er in den Jahren 2005 bis 2012 in Honduras
gelernt
hatte. Dort war er von den Legionären Christi nicht nur in den
alten Sprachen,
sondern vor allem auch in Theologie und Chemie unterrichtet worden. Die
Legionäre waren der Überzeugung, dass nicht nur Theologie
für die
Zukunftsbewältigung nötig ist, sondern insbesondere auch
Chemie, denn die
Gesundheit der gesamten westliche Welt war so labil geworden, dass nur
neuste
Forschungen der Chemie Aussicht versprachen, den Kinderwunsch der
wenigen
Katholiken zu erfüllen und den frühen Kindstod zu vermeiden. Der
Chinese war mit der letzten Maschine aus Shangai in dreistündigem
Flug nach
München gekommen, hatte sich im Hotel „Neu Delhi“, das ohne
Personal arbeitete,
elektronisch eingecheckt. Die Übersetzung der letzten
Papstenzyklika ins
Chinesische war für ihn eine außerordentlich wichtige Sache,
war doch die Zahl
der Katholiken im freien China blitzartig in die Höhe geschnellt.
Auf die zwei
Milliarden Chinesen kamen immerhin 50 Millionen Katholiken, also 2,5
Prozent
aller Chinesen. Shung-chang war in Europa und auch in München kein
Fremder,
dennoch war er enttäuscht als er die verfallenden Gebäude der
alten
europäischen Kultur sah. Die Unesco schaffte es offenbar nicht,
das
Weltkulturerbe in der ehemaligen bayrischen Hauptstadt auch nur
einigermaßen zu
erhalten. Aus den Domtürmen hatte man eine Anlage für
Jumpspringer gemacht und
im Inneren des ehemaligen Gotteshauses konnten Turmspringer in ein
Becken von
20 Meter Tiefe tauchen. In der Oper hatte man ein Roundaboutcinema
eingerichtet.
Hier traf man 24 Stunden lang vor allem Iraker, Turkmenen und Tamilen,
die die
letzten Streifen aus den indischen Filmstudios in Geiselgasteig
anschauten. Die
königliche Residenz freilich war der staatlich geförderte
Haupttreffpunkt der
Lesben geworden. Sie hatten die Macht im ehemaligen Rathaus
übernommen und
hielten sich kleine schwedische Laufburschen, die ihren Markt regelten.
Das
Typische an München war das Museum der alten Marktfrauen vom
Viktualienmarkt,
der Fans von Bayern München und der Professoren von der ehemals so
berühmten
Universität in München. Sie war im Jahr 2040 aus Mangel an
geeigneten Studenten
geschlossen worden. Chang-chung wußte sogar aufgrund seiner
früheren
Deutschlandreisen, dass es zwar genügend Studenten gegeben hatte,
aber die
Studierenden deutscher Herkunft taten sich in der Rechtschreibung in
den vielen
Sprachen, die sie radebrechten, so schwer, dass die Professoren sich
weigerten,
ihre Diplomarbeiten zu lesen. Es hatte dann neben den deutschen
Studenten viele
aus Bulgarien, Moravien, aus Kasachstan und zentralafrikanischen
Ländern
gegeben, aber sie hatten sich in München so rasch verheiratet und
vermehrt,
dass der meist lesbisch geprägte Stadtrat der Universität die
Aufnahme von
Ausländern verbat. Das war das Ende einer fast
dreihundertjährigen
Wissenschaftsgeschichte gewesen. Der eigentliche Konflikt bestand
darin, dass
die vielen hoch qualifizierten Studenten aus dem Ausland langsam der
Lesbenherrschaft im Rathaus ein Ende bereiten wollten. Sie hielten
deren und der
Homosexuellen Lebensweise für dekadent und begannen auf
akademischer Ebene die
Notwendigkeit von heterosexuellen Verbindungen und von
kinderfreundlichen
Familien zu fördern. In München drohte ein Kulturkampf,
dessen Ausgang noch
völlig offen war. Chung-chang gab die Suche
nach Professor
Oberhuber nicht auf. Er allein konnte helfen, die theologischen
Fachausdrücke
aus dem Latein in ein modernes Chinesisch zu übersetzen. Er wandte
sich an das
Einwohnermeldeamt. Die einzige hier noch notwendige Person bat den
ausländischen Gast vor ein Terminal, erklärte ihm die neuste
Technik. Der
Chinese hatte minutenschnell durch Eingabe der Daten des Gesuchten,
durch
Angabe seiner Fingerabdrücke, seiner Blickes, seines Hautgeruchs
und seiner
Stimme herausgefunden, dass Oberhuber nach Helsinki ausgewandert war.
Dort fand
er die meisten an Sinologie interessierten Studenten und lehrte jetzt
im hohen
Alter von 105 Jahren immer noch jungen Senioren moderne chinesische
Geschichte.
Der Terminal in München zeigte sogar Straße und Hausnummer
von Oberhuber in
Helsinki an.
zum Seitenanfang
Die Abenteuer der Heiligen Drei
Könige in Kölle Nachts
ist es im Kölner Dom mäuschenstill. In der riesigen schwarzen
Kathedrale hört
man kein Mäuschen und kein Mückerchen. Freilich wenn man die
Ohren ganz gut
spitzt, kann man weit ganz in der Ferne das Rauschen der
Großstadt ahnen. Wenn
man weiß, dass der Bahnhof nicht weit ist, ahnt man, dass ein Zug
ein- oder
ausfährt. Aber das ist mehr eine Vorstellung als Wirklichkeit. Es
ist nachts
wirklich totenstill in dem riesigen Gotteshaus. Ganz im Gegensatz zum
zarten
oder weniger zarten Lärm tagsüber, wenn sich die Touristen
durch den Dom wälzen
und am Schrein der heiligen Drei Könige vorbeiziehen. Freilich
liegt ein zartes
Licht über diesem Schweigen im Dom. Denn von draußen dringt
ja das Licht der
Straßenlampen ins Innere. So wirft es durch die farbigen
Fenster
teilweise bunten Schein an die Säulen und Wände. Man
könnte es fast
gespenstisch nennen. Da auf
einmal hört man ein seltsames Knacken. Ungewöhnlich, seltsam.
Weil die
Kathedrale so leer ist, verursacht das Knacken sogar ein leichtes Echo.
Von der
anderen Seite der Kirche kommt das Knacken zurück. Was ist das? Wo
regt sich
was? Das Geräusch kam von vorne. Aus der Apsis. Von hinten wurde
es
zurückgeworfen. Und wieder noch einmal ein solches Knackend, ein
Rascheln. Und
wieder ein drittes Mal. Einzigartig. Und dann auf einmal hört man
leise
Stimmen. Männerstimmen. Dumpf, verhalten. Was ist geschehen? Am
goldenen Schrein der heiligen Drei Könige hat sich etwas bewegt.
Ja – die
Deckel haben sich gehoben, zuerst nur ganz wenig und dann immer
stärker. Und
heraus gestiegen sind sie aus den Schreinen. Die heiligen drei
Könige. Kaspar,
Melchior und Balthasar. Und nun stehen sie neben dem Schrein und
sprechen
miteinander. Verhalten, leise. Sie streichen sich noch ein wenig
über die
Kleider. Denn schließlich waren sie ja in ihren königlichen
Gewändern in den
recht engen Schreinen nebeneinander gelegen. Auch müssen sie sich
noch etwas
bewegen, um ihre Steifheit abzuschütteln. Aber dann sind sie ganz
da und
tauschen sich aus. Wir nähern uns heimlich und lauschen ihren
Worten. Kaspar
beginnt, Melchior und Balthasar lauschen. Kaspar sagt: ich war also in
meiner
afrikanischen Heimat und habe vom dem erzählt was ich in Bethlehem
erlebt und
gesehen habe. Begeistert waren sie über die Geburt eines kleinen
Kindleins. Sie
fingen gleich an, Geschenke zu sammeln, die ich Maria und Josef dann
mitbringen
sollte. Obwohl die meisten, denen ich von Bethlehem und König
Herodes erzählte
ganz arme Leute waren, haben sie gesucht und gekramt in ihren
Hütten und auch
in den Slums, in denen sie oft wohnen. Und alle haben irgendetwas
hervorgeholt
Babywäsche und Kinderdecken und Fläschchen und
Süßigkeiten und Brotreste. Ein
junger Mann hat mich gefragt, ob Josef rauche, er wollte mir
nämlich eine
Stange Zigaretten mitgeben. Er habe sie nicht ganz legal erworben und
wolle
sich von dem Diebstahl reinigen. Andere haben einfach kleine und
kleinste
Münzen aus den Taschen gezogen. Sie meinten, wir sollten ein
Sonderkonto für
das Baby anlegen. Wir sollten es so anlegen, dass das Kind dann
später auch
eine Ausbildung haben könnte. Kurz: sie waren so begeistert von
der Erzählung
der armen Familie in Bethlehem. Schließlich mögen sie Kinder
und Babys und wo
immer ein Kind geboren wird, ist helle Freude. Als ich ihnen dann noch
von dem
Stall, dem Unterstand erzählt habe, haben sie aus Mitleid geweint.
Es war
gar nicht so einfach, diesen Menschen klar zu machen, dass das Kind ein
besonderes Kind ist, dass es aufgrund einer Verheißung geboren
war. Sie
meinten, jedes Kind das geboren wird, ist ein besonderes Kind und ist
Frucht
einer Verheißung. Als ich insistiert habe, wir hätten aber
einen Stern aufgehen
sehen bei seiner Geburt und eine alte, eine uralte Verheißung
gehabt, dass das
Kind ein Königskind ist, dass es ein Gotteskind ist mit einer
ewigen
Herrschaft. Da haben sie sich gewundert, dass ich dies so betonte:
jedes Kind
ist Gotteskind, meinten sie, jedes Kind ist von Ewigkeit her
vorgesehen. Jedes
Kind hat eine ewige Herrschaft im Herzen Gottes. Schließlich
haben wir uns geeinigt. Nur weil ich so fest überzeugt war von der
Besonderheit
dieses Kindes von Bethlehem, deswegen haben sie schließlich
gesagt: einfach
weil du so fest überzeugt bist, sind wir auch fest überzeugt.
Dein Glaube
bringt uns zum Glauben an dieses Kind. Als –
fast außer Atem – Kaspar mit seiner Erzählung geendet hatte,
seufzte er selbst
tief auf, auch Melchior und Balthasar seufzen tief. Sie erhoben ihre
Köpfe und
schauten in die Höhe des Kölner Domes hinauf. Und
schließlich sagte Balthasar:
wir danken Dir – Du allmächtiger Herr im Himmel – dass du dies den
Kleinen und
Einfachen in Afrika durch unsren Bruder Kaspar geoffenbart hast, dass
da ein
Gotteskind geboren worden ist. Nun aber
meinte Kaspar zu Balthasar, du warst doch in deiner asiatischen Heimat.
Erzähl,
wie ist es dir gegangen, als du von dem Kind in Bethlehem berichtet
hast? Balthasar
holte tief Luft – als wolle er damit zeigen, dass er viel zu
erzählen hatte. Ja
ich war in Asien. Ihr wisst Asien ist groß, riesig groß:
Menschenmassen,
Millionen und Millionen. Was aber alle verbindet, ist die Suche nach
dem
Unsichtbaren, nach dem Geheimnisvollen, nach dem Mysterium. Vor allem
das ferne
Asien ist zwar auf das Praktische aus, auf den Staat und die
Gesellschaft. Aber
dahinter stehe die Vorstellung, dass die Ordnung in der Gesellschaft
den Himmel
widerspiegelt. Wenn auf Erden Ordnung ist, können die Menschen
darin das
Jenseits finden. Ich hab den Leuten in Asien an vielen Stellen
erzählt, dass
wir in Bethlehem ein kleines Kind gefunden hatten, das eine neue
Ordnung in die
Welt bringen wird. In der neuen Ordnung werden nicht mehr die
Großen und
Mächtigen verehrt, sondern die Kleinen und Ohnmächtigen.
Meine Zuhörer haben
überall gestaunt und mich gefragt, wie denn das gehen soll. Ich
hab ihn
erklärt, dass uns dreien in Bethlehem aufgegangen ist, was dort
die Boten vom
Himmel verkündet haben: Frieden, Frieden nicht durch Gewalt,
sondern durch
Ohnmacht, Frieden nicht durch Waffen, sondern durch Waffenlosigkeit,
Gerechtigkeit nicht durch Polizei, sondern durch Kinder. Ich hab
erzählt, dass
der Himmel sich aufgetan hat. Das haben sie verstanden, denn für
Himmel haben
sie immer etwas übrig. Ich habe ihnen erzählt, dass es keine
Armen mehr geben
wird, wenn das kleine Kind von Bethlehem mal an die Macht kommt, dass
dann
jeder, der etwas hat, teilt und denen gibt, die nichts haben. Sie haben
sich
gefragt, ob denn Konfuzius dann ganz überflüssig würde
und Zoroaster und die
Götter der Hindus und sogar Mohammed. Und ich habe ihnen gesagt,
das kleine Kind
von Bethlehem werde die alle in ihr Recht führen. Sie hätten
alle ein Körnchen
von der ewigen Wahrheit entdeckt, dies Körnchen werde nun
gebraucht und
eingefügt in das Ganze der Wahrheit. Die Wahrheit aber
heißt: Gott ist klein,
Gott ist ohnmächtig, Gott ist nicht droben, sondern drunten, nicht
draußen,
sondern drinnen, nicht hoch, sondern niedrig, nicht nur vor uns,
sondern auch
hinter uns. Gott wohne auf dem Grund der Seele jedes Menschen. Jeder
Mensch
müsse nur in sich selbst in die Tiefe steigen, um Gott, den Gott
aller Menschen
und aller Religionen zu finden. Und hier
setzte Balthasar ab. Auch er musste erst mal tief durchatmen, denn er
war ganz
außer Atem geraten durch sein Erzählen. Und die beiden
anderen schauten ihn
bewundern und schweigend an. Sie mussten gleichsam ihre Seelen aus
Asien
zurückholen hier in den Kölner Dom, denn sie waren mit
Balthasar über die
Weiten Asiens hingeflogen. Und nun
bist du dran, Melchior, meine Balthasar. Wie war es in deinem
heimatlichen
Amerika? Ja – ich
habe in den vielen Ländern zwischen Alaska und Feuerland
erzählt. Erzählt von
dem Kindchen in Bethlehem. Ich musste erst mal erklären, wo
Bethlehem liegt.
Ich habe gesagt, so ziemlich genau zwischen Afrika und Asien, dort wo
sich die
beiden Kontinente berühren. Da haben dann die meisten in dem
riesigen Amerika
erst mal in ihre Computer geschaut um Landkarten zu finden. Oh – ja,
endlich
wussten sie: dort wo so viele Kriege sind, wo die Völker sich
begegnen und
streiten. Und manchmal auch mit einander sprechen. Und ich habe ihnen
erzählt,
dass hier eine neue Zeit angefangen hat. Eine neue Zeit für die
ganze Welt, ein
neues Zeitalter. Ich habe ihnen erzählt, dass nicht nur die
Zukunft wichtig
ist, sondern auch die Vergangenheit. Im Norden Amerikas meinen sie
nämlich, nur
die Zukunft sei wichtig, weil man ja immer neue Dinge entdecke im Laufe
der
Zukunft. Im Süden Amerikas meinen sie, nur die Zukunft sei
wichtig, damit
endlich das Elend überwunden werden kann. Ich habe ihnen
erklärt, dass auch die
Vergangenheit Schätze birgt, die Schätze eben von Bethlehem.
Und was das für
Schätze seien, fragten sie. Ich versuchte zu erklären. Es war
nicht einfach,
denn Bethlehem ist für sie so weit, eine andere Welt. Ich sagte,
die Schätze
liegen darin, dass sich Menschen und Völker verstehen, die
früher immer im
Krieg miteinander lagen, dass Brücken gebaut werden, dass die
Armen mit den
Reichen an einem Tisch sitzen, dass diejenigen die am Computer arbeiten
mit
denen plaudern, die einen Ochsenkarren ziehen, dass Menschen mit
einander scherzen
und lachen, die ganz verschiedene Sprachen sprechen, dass Menschen mit
einander
spielen und tanzen, die vorher aufeinander geschossen haben. Meine
Zuhörer in
den Ländern Amerikas konnten das gar nicht glauben. Sie meinten,
ich mache
ihnen nur etwas vor, ich erzähle ihnen von einem Land, das es gar
nicht geben
könne. Schlaraffenland nannten sie es. Nein, sagte ich, es ist
Wirklichkeit,
dort wo das Kind von Bethlehem aufgenommen werde, sei Liebe
Wirklichkeit,
Wahrheit. Sie staunten und konnten es kaum glauben. Aber meine
Überzeugung
sprang auf sie über. Schließlich ging es bei ihnen wie bei
Dir, Kasper, in
Afrika. Sie glaubten, weil ich glaubte. Und so konnte ich – wo immer
ich von
Bethlehem erzählt habe – ein wenig Licht, Hoffnung und Liebe
verbreiten. Und was
machen wir nun mit Köln, fragte Kaspar. Schließlich sind wir
seit fast 1000
Jahren hier zuhause. Wir haben uns um Afrika, Asien und Amerika
gekümmert. Und
fast hätten wir Köln vergessen. Fast hätten wir
Deutschland vergessen und
Europa. Melchior,
meinte, dann geht es dir wie den meisten Europäer. Sie vergessen
Europa und das
es mal ganz stark vom Kind von Bethlehem geprägt war. Dass das
Kind von
Bethlehem und seine Botschaft hier eine riesige Rolle spielte. Das
jedes Kind
ein Geschenk war, eben wie das Kind von Bethlehem. Balthasar
sagte: ja die Europäer scheinen mit den Kindern Probleme zu haben.
Sind sie
krank, fragte Kasper. Komisch, jetzt waren wir schon so viele
Jahrhunderte hie
in unseren Schreinen und kennen Köln und Deutschland und Europa
nicht.
Vielleicht müssen wir anfangen, uns um unsere neue Heimat hier im
Herzen von
Europa zu kümmern. Was nützt es, wenn wir solche Erfolge aus
unseren
Herkunftsländern haben, aber in unserer neuen Heimat hier am Rhein
geht alles
den Bach hinunter. Du
meinst: den Rhein hinunter. Ja –
natürlich: den Rhein hinunter. Lasst uns
doch jetzt mal auf den Straßen von Köln anfangen. Fragen wir
mal die Leute, was
eigentlich an Weihnachten gefeiert wird. Und wenn sie uns dann nicht
richtig
antworten können, dann erzählen wir ihnen mal vom Geheimnis
von Bethlehem. Ich
bin sicher, dass die intelligenten Kölner mindestens so viel
verstehen wie die
Leute in Afrika, Asien und Amerika. Machen
wir, sagte Melchior. Gesagt, getan. Die heiligen drei Könige,
machten sich auf
den Weg zum Hauptportal des Kölner Domes. Das aber war noch zu.
Fest
verschlossen. Dann müssen wir halt warten, bis aufgemacht wird.
Und so stehen
sie und warten – bis der Kölner Dom aufgemacht wird. Und dann
erzählen sie den
Kölnern, den Deutschen und den Europäern, was an Weihnachen
gefeiert wird. Nachsatz: als
der Domküster entdeckte, dass die Schreine der heiligen drei
Könige
leicht geöffnet waren, war er sehr aufgeregt. Er ließ
umgehend den Erzbischof
von Köln, Kardinal Joachim Meisner holen und auch den
Oberbürgermeister
informieren, sowie den Ministerpräsidenten in Düsseldorf.
Bald hörte man
Polizeiautos mit Sirenen und sah ihr Blaulicht. Die Gerufenen kamen in
den Dom
und seither sucht die Geheimpolizei die Diebe der heiligen drei
Könige. Die aber
sind auf den Straßen von Köln unterwegs und erklären
allen Leuten das Geheimnis
von Weihnachten. P.
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