1. Medienpapst und Papstmedien
Johannes Paul II. und die Vatikanmedien

2. Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI.
Für die Zeitschrift „Gala“

3. Papst Benedikt XVI. - 80 Jahre
 „Gräfin Almeida, der Papst und ich"

4. Schöne neue Welt 
Brüssel am 27.10. - Der Papst im Hochhaus in Seoul

5. Die Abenteuer der Heiligen Drei Könige in Kölle 
 

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Medienpapst und Papstmedien

Johannes Paul II. und die Vatikanmedien

P. Eberhard v. Gemmingen SJ
Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan

Anlässlich des Todes von Papst Johannes Paul II, des Konklaves und der Wahl von Kardinal Joseph Ratzinger zu Papst Benedikt schaute die Welt nach Rom. Millionen von Menschen waren fasziniert.

Beobachter der weltkirchlichen Szene mögen den Eindruck haben, die katholische Kirche habe gelernt, die Medien für ihre Zwecke gut einzusetzen. Insbesondere habe der Papst mit seinem Stab erfaßt, wie man die christliche Botschaft in der modernen Medienwelt darstellt und zu den Menschen trägt. Zu diesem Eindruck hat ganz wesentlich das Pontifikat Papst Johannes Paul II. und der Wechsel zum Pontifikat Papst Benedikt XVI. beigetragen. Ich möchte mich hier mit diesem Eindruck auseinandersetzen, prüfen woher er kommt, inwieweit er gerechtfertigt ist und ob er vielleicht falsch ist. Präziser lautet die Fragestellung: Was tat Papst Johannes Paul II. selbst und mit Hilfe seines Stabes, um weltweit als Medienpapst wahrgenommen zu werden? Und wie setzt der Vatikan - auch unabhängig vom Papst - die Medien für die Verkündigung der christlichen Botschaft ein?

Der Medienpapst

„The medium is the message“ – das Medium selbst ist die Botschaft. So die bekannte These von Marshal McLuhan schon vor 30 Jahren. Sie wollte sagen: Ganz unabhängig von der Botschaft, die über die Medien vermittelt wird, ist das Medium selbst interessant, zieht die Aufmerksamkeit auf sich, bewegt die Menschen. Besonders beim Fernsehen wird deutlich: Hauptsache, es bewegt sich etwas; das, WAS sich bewegt, ist im Vergleich dazu zweitrangig. Physiologen müssen zustimmen: Das menschliche Auge wird automatisch vom Bewegten mehr angezogen als vom Unbewegten; ein fliegender Vogel zieht den Blick mehr an als 1000 stillstehende Bäume, ein vorbeifahrender Zug lockt das Auge mehr als die schönste Abendlandschaft. Ob der Mensch will oder nicht, er schaut dorthin, wo sich etwas bewegt. Ähnliches gilt für Radio und Zeitung: 

Nicht WAS das Radio sagt, ist das Wichtigste, sondern DASS es Töne von sich gibt. Nicht WAS in der Zeitung steht, ist das Entscheidende, sondern DASS die Zeitung Neues mitteilt, oder dass ich mich hinter der Zeitung verstecken oder gar zeigen kann. Die Zeitung hebt meine Persönlichkeit. Kurz: „The medium is the message“ – das Medium selbst ist die Botschaft.

Im Jahr 1983 sprach der bekannte Intendant des Österreichischen Fernsehens Gerd Bacher nach der ersten Papstreise nach Wien in Rom anläßlich der Vorführung einer Dokumentation mit den wichtigsten Stationen der Reise. Er begann seine Ausführungen mit den Worten „Papst Johannes Paul II. hat bewiesen, dass die These „The medium is the message“ falsch ist. Er hat gezeigt, dass das Medium auch wirkliche Botschaften vermitteln kann, dass die Botschaft wichtiger ist als das Medium. Es gibt Botschaften, die die Medien in die zweite Reihe rücken, weil sie selbst bedeutender sind als das Medium, weil sie den Menschen mehr ansprechen als das, was sich nur bewegt oder nur tönt.“

Diese These von Bacher ließ mich aufhorchen. Daher habe ich sie nicht vergessen.

Heute – mehr als 20 Jahre später – wissen wir noch besser, warum Papst Johannes Paul II. eine solche Wirkung auf Millionen Menschen ausübte, was sich ganz besonders zeigte, als sein Leichnam in St. Peter aufgebahrt war.

Der Papst aus Polen war von seiner Sache zutiefst überzeugt, er lebte sie mit Haut und Haar. Und das konnten alle erkennen und spontan wahrnehmen, die ihn live oder am Fernsehen sahen. Dazu kam, dass er es in außerordentlich guter Weise verstand, seine Worte durch Gesten zu unterstreichen. Denken wir an den Kuss des Bodens beim ersten Besuch eines Landes, an die Umarmung von Kindern, an das Aufsetzen von exotischen Kopfbedeckungen. Er kam dem Volk nahe und identifizierte sich mit ihm. Er wurde einer von ihnen. Dazu kam, dass er wichtige Botschaften an Personengruppen und Länder so inszenierte, dass sie leicht von den Medien übernommen werden konnten. So sandte er eine Botschaft an die Christen in China, als er von einem ostasiatischen Land in ein anderes flog, so verkündete er eine Botschaft an Arbeiter aus einer Fabrik in Italien, so informierte er einige Staaten des Nahen Ostens über seine Pläne, auf den Spuren Abrahams, Moses, Pauli und Jesu zu reisen, vor Journalisten. Johannes Paul II. hatte einen Instinkt und eine angeborene Fähigkeit der Inszenierung. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass hinter der Inszenierung religiöse Überzeugungen standen, für die er zu sterben bereit war. Das merkten die Zuschauer, Zuhörer und Zeitungsleser. Seine tiefe religiöse Überzeugung verband sich mit der Fähigkeit, die Überzeugung darzustellen, Aufmerksamkeit für sie zu wecken. Unvergesslich ist das Bild, wie er allein in weißem Gewand vor der Jerusalemer Klagemauer steht, still betet und dann einen Zettel in eine Ritze der Klagemauer steckt. Solche Bilder verkünden mehr als tausend Worte. Und dann das Bild des Papstes, der ein schwarzes Holzkreuz trägt und mit ihm aus dem römischen Kolosseum tritt, wo nach der Tradition viele Christen für den Glauben ihr Leben ließen. Und das Bild des Papstes, der am Gründonnerstag älteren Männern die Füße wäscht. Vermutlich war der Papst auch durchaus damit einverstanden, dass er millionenfach fotografiert wurde, wenn er Kinder auf den Arm nahm, Frauen ein Kreuz auf die Stirn zeichnete, Gläubigen die Kommunion reichte. Es brauchte nicht viel Anstrengung, um zu registrieren, dass sein Konterfei in Millionen von Häusern an den Wänden hängt. Vermutlich ist Johannes Paul II. der am meisten fotografierte Mensch der bisherigen Weltgeschichte. Ich wage zu behaupten: Es wird schwerlich einem anderen Menschen gelingen, mehr fotografiert zu werden und in mehr menschlichen Behausungen an der Wand zu prangen. Da die Menschen vor allem in Mitteleuropa kritisch sind, werden sie fragen, ob der Papst eitel war. Wer immer ihn aber genauer beobachtet hat, kann leicht feststellen, dass ihn nicht Eitelkeit trieb, sondern Eifer für die Ehre Gottes sowie das Heil und Wohl der Menschen.

Noch eine Eigenschaft von Johannes Paul II. muss erwähnt werden, die ihn zum Medienpapst machte: Er hatte keine Angst oder Scheu vor Journalisten und Medien. So etwas wie Menschenfurcht war ihm ziemlich unbekannt. So hielt er – wie bekannt – bei allen größeren Pastoralreisen auf dem Hin- und Rückflug vor den mitreisenden Journalisten Pressekonferenzen im Flugzeug.Jeder Korrespondent konnte eine Frage stellen, und der Papst beantwortete sie etwa in folgenden Sprachen: Polnisch, Italienisch, Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch, Portugiesisch, Kroatisch, Slowakisch und Russisch. Es ist nicht bekannt, dass er einmal etwas sagte, das der Vatikansprecher anschließend zurechtrücken musste. Da die Journalisten höchsten Respekt vor ihm hatten, kam er in den Medien – wie man so sagt – gut rüber.

Ich war persönlich dabei, wie er im vatikanischen Pressesaal ziemlich unbekümmert und ein wenig nachdenklich und auch launisch sagte: Ich träume davon, auf den Spuren Abrahams zu reisen, im Irak – zu Zeiten von Saddam Hussein! „Ich wünsche mir auch, auf den Spuren des Moses zu gehen – in Ägypten, am Nil, auf den Mosesberg am Sinai.“ Was würden die ägyptischen Machthaber denken, wenn sie dies am nächsten Morgen in Zeitungen lasen: Der Papst hat sein Kommen angekündigt? Weiter sinnierte der Papst. „Ich möchte auch auf den Spuren des Völkerapostels Paulus reisen, in Griechenland, in Syrien, in Jordanien, in Israel“. Was mochten die orthodoxen Kirchenführer Griechenlands denken, wenn sie im Fernsehen erfuhren, dass der Papst sie heimsucht? Was mochten die Herrscher in Jordanien und Syrien denken, wenn sich der hohe Gast aus Rom selbst ankündigte? „Und schließlich will ich ins Heilige Land, Israel, Palästina, Jerusalem, die Grabeskirche, Bethlehem, die Geburtskirche.“ Der Papst plauderte von seinen Träumen und Wünschen. Ich zweifle, ob das vatikanische Staatssekretariat vorher in den betroffenen Ländern vorgefühlt oder die Regierungen wenigstens über die päpstlichen Träume informiert hatte. Vielleicht wußte sogar das vatikanische Staatssekretariat nichts von diesen päpstlichen Träumen und Wünschen.

Der Papst hatte keine Scheu vor den Medien – in ziemlichem Gegensatz zu manchem anderen Kirchenmann.

Und er hatte keine Furcht vor ungewohnten Schritten: Ich erinnere an die beiden Treffen mit Religionsführern in Assisi, an den Besuch der jüdischen Synagoge in Rom, der Moschee in Damaskus, der evangelischen Kirche in Rom. Ich erinnere an die Worte der Entschuldigung für Fehler und Sünden der Kirche und der Christen.

Weil er mutig und unkonventionell war, liebten ihn die Medien, kamen die Medien nicht umhin, seine Gesten und Taten im Fernsehen zu zeigen, von seinem Tun zu berichten.

Hinter all dem stand nicht die Lust an der Schau, sondern der Wunsch, die Frohbotschaft Jesu zu den Menschen zu bringen, die Botschaft der Versöhnung, der Brüderlichkeit, der Solidarität und Liebe. Gerade einfache Menschen haben dies sehr deutlich spüren können und ließen sich von ihm gleichsam elektrisieren. Nur so ist der Zulauf zu verstehen, der Drang, der die Menschen an den aufgebahrten Leichnam des toten Papstes trieb. Man muss daran erinnern, dass Millionen von ihnen bis zu 15 Stunden in großer Kälte standen und vorher schon große Unkosten auf sich genommen hatten.

Es kam noch etwas dazu, wofür der Papst als Person nicht viel konnte. Seine Medienpräsenz wurde erleichtert durch das, was eine US-amerikanische Zeitschrift feststellte: Gesicht, Kopfform und Stimme des Papstes waren ideal, klassisch. Für die Zeitschrift hatte der Papst die Idealform. Sein Stimme war wohltönend, tief, rund, überzeugend. Er konnte bestens singen. Er konnte auch lachen, scherzen, er verstand Spaß. Denken wir nur daran, dass er den Spazierstock, den er in vorgerückten Jahren brauchte, in Kreis herum schwingen ließ, um den Menschen Freude zu machen, oder gar mit ihm spaßend drohte.

Es gab weiter Einladungen von ihm, die zwar nicht direkt in die Medien kamen, die aber doch die breite Öffentlichkeit und damit die Medien interessierten. Regelmäßig konnten verschiedenste Personen an der einfachen Frühmesse in seiner Privatkapelle teilnehmen. Sie wurden anschließend kurz von ihm begrüßt und bekamen einen Rosenkranz geschenkt. An seinem Mittagstisch und wohl dann und wann auch am Abendtisch saßen nicht nur Bischöfe aus aller Welt, sondern auch Politiker, Künstler, Kulturschaffende oder Wohltäter. Auch wenn die Medien nicht direkt davon berichten konnten, so schufen diese Einladungen doch Neugier und öffentliche Aufmerksamkeit.

Die Medienarbeit beim Tod des Papstes,
beim Konklave und bei der Neuwahl


Der Einsatz vor allem der elektronischen Medien anlässlich des Todes und der Beerdigung von Johannes Paul II., während des Konklaves und nach der Wahl und Amtseinführung von Papst Benedikt XVI. mag den Eindruck vermittelt haben, dass der Vatikan die Massenmedien meisterhaft einsetzt. Ich fürchte, der Eindruck ist nicht ganz richtig. Ich muss das erklären.

Zugegeben, die Tage im April 2005 waren ein Spektakel für die ganze Welt. Die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit war unglaublich stark auf den Vatikan konzentriert. Die Einschaltquoten zeigten, dass Millionen Menschen fast nichts sehen wollten und über nichts so sehr informiert werden wollten wie die Vorgänge im Vatikan.

Vor allem Fernsehen und Rundfunk wussten seit Jahren, dass die Beerdigung von Johannes Paul II. und das folgende Konklave ein Jahrhundert-Medienereignis werden würden. Daher hatten die Fernsehanstalten aus aller Welt schon Jahre vorher Dachterrassen zu unglaublich hohen Preisen gemietet. Man musste einfach dabei sein. Die Medienschaffenden wussten: Wer hier nicht mitmacht, wird schwer zurückfallen.

Wer sich gut vorbereitet hatte, wurde dann auch nicht enttäuscht, denn die Bilder für Fernsehen und Fotografen waren überwältigend. Denken wir an die Überführung des Leichnams von Johannes Paul II. aus dem Vatikan in die Basilika. Erinnern wir uns an den Strom der Freunde des Verstorbenen, der sich tage- und nächtelang über die Via della Conciliazione und den Petersplatz und durch die Basilika hinzog. Vergessen wir nicht die Beerdigungsfeier mit dem Holzsarg auf dem die Bibel lag. Der Wind spielte in den Seiten. Dann der Einzug der Kardinäle ins Konklave, die Eröffnung in der Sixtinischen Kapelle, die Eidesleistung und dann das „Extra omnes“. Nun war – für manche Medien – allzu kurz - ein wenig Ruhe, denn schon nach 26 Stunden deuteten die Kardinäle auf ihren Kandidaten: Josephum Cardinalem Ratzinger. Und er erscheint auf der Loggia, winkt, strahlt, die Zehntausenden auf dem Petersplatz jubeln, die Kardinäle zeigen sich auch auf der Loggia, die Fernsehbilder in aller Welt bannen Millionen, wenn nicht Milliarden vor dem Bildschirm. Ein Schauspiel „für Menschen und Engel“ rund um den Globus im Weltdorf. Und die Fachleute wissen und sagen: Solche Bilder sind sehr selten, wann wird man wieder solche Szenen sehen und zeigen dürfen? Und sie sind ja nicht fürs Fernsehen gestellt. Das Ganze würde sich auch ohne Fernsehen so abspielen. Es hat sein Gewicht in sich – im Gegensatz zu so vielen Dingen, die nur fürs Fernsehen gemacht werden.

Gerade die Tatsache, dass hier ein Schauspiel abläuft, das seine uralten Regeln, seinen hohen Ernst, seine transzendenten Bezüge hat – gerade dies macht die Fernsehbilder so aufregend. Es geht nicht um die Schau, sondern um eine göttliche und weltliche Sache! Und die Personen nicht in langweiligen Zweireihern, sondern meist in Purpur: würdige, ältere Herren aus aller Welt – eigens angereist – spielen kein Schauspiel, sondern tun, was sie vor Gott und den Menschen tun müssen.

Freilich mag hier auch manchem nachdenklichen Zuschauer die Frage gekommen sein: Besteht die katholische Kirche nur aus alten Herren? Gibt’s da keine Damen? Sind alle Katholiken grau- oder weißhaarig?

Es darf gefragt werden.

Dies alles aber war Vorübergang, war nicht vatikanischer Alltag, war auch primär nicht vatikanische Medienarbeit. Der Vatikan lieferte nur die Szene, die allermeisten Bilder und Töne wurden von nicht-vatikanischen Fachleuten erstellt, auch wenn das Vatikanfernsehen gute strukturelle Voraussetzungen bot, über die später zu sprechen sein wird.

Dies alles musste kurz in Erinnerung gerufen werden, bevor die vatikanische Medienarbeit beschrieben und beurteilt werden kann.

Die Arbeit der Medieneinrichtungen des Vatikans

Der Vatikan unterhält die Zeitung L`Osservatore Romano, Radio Vatikan, eine eigene Homepage, das Vatikanische Fernsehzentrum, den Pressesaal und den Medienrat.

Um einen groben Überblick zu geben:

Der Osservatore Romano erreicht mit den Ausgaben der Zeitung direkt bis zu etwa 100.000 Personen

Die Homepage erreicht vermutlich direkt bis zu einer Million Personen

Radio Vatikan erreicht direkt und über Wiederausstrahlungen bis zu zehn Millionen Personen.

Der Pressesaal erreicht indirekt durch Agenturen und Medien bis zu einer Milliarde Personen.

Alle fünf Einrichtungen unterstehen inhaltlich dem päpstlichen Staatssekretariat und nicht dem Medienrat.

Der päpstliche Medienrat berät kirchliche und säkulare Medien und macht keine direkte Medienarbeit.

Wer die vatikanische Medienarbeit ein wenig näher kennen lernt, sieht bald eine allgemeine Regel: Die Qualität und Quantität dieser Arbeit hängt kaum von der Struktur ab, sondern zum größten Teil von den Personen, die hier arbeiten; einer macht viel aus seiner Stelle, ein anderer wenig – und das über Jahre. Das Image, dass der Vatikan vor allem in Strukturen funktioniert, ist ziemlich falsch. Das, was bei der Arbeit herauskommt, hängt zu einem sehr großen Teil vom jeweiligen Einsatz der Person ab. Vor allem: Wenn einer wenig leistet, aber dabei keine öffentlich bemerkbaren Fehler macht, dann kann er oder sie jahrelang gut auf seinem Posten bleiben – ohne dass das jemanden aufregt. Die Ausgestaltung der Arbeitsstelle hängt weitgehend vom Einzelnen ab. Die Freiheit ist sehr groß.

 

Die Vatikanzeitung „L`Osservatore Romano“

Information

Der Vatikan gibt seit 1861 die Tageszeitung L`Osservatore Romano (OR) in italienischer Sprache heraus. Sie enthält neben päpstlichen Ansprachen, Ernennungen und Empfängen auch Politik, Theologie und Kultur. Daneben gibt es Wochenausgaben in englischer, französischer, spanischer und portugiesischer Sprache, die nur offizielle Dokumente, Ernennungen und Empfänge abdrucken. Die Wochenausgabe in Deutsch bringt im Unterschied dazu auch Kulturelles, Geschichtliches, alles, was Pilger, Touristen, Romfreunde freut. Die deutsche Ausgabe wird beim Schwabenverlag in Deutschland gedruckt. Dieser ist auch für die wirtschaftliche Seite zuständig, wird dabei aber von der deutsche Bischofskonferenz gestützt. Dazu kommt eine monatliche Ausgabe in Polnisch.

Was im OR steht, nicht offiziell, sondern nur offiziös. Er ist kein Amtsblatt.

Über die Höhe der Auflagen der einzelnen Sprachausgaben gibt es keine offiziellen Angaben. Die italienische dürfte bei rund 10.000 Exemplaren liegen, ebenso wie die deutsche, die englische komme heute auf fast 20.000, die anderen dürften um 5000 liegen. Gedruckt wird die englische Ausgabe jetzt außer in Rom auch in Indien und den USA, die spanische auch in Lateinamerika. Bei herausragenden Ereignissen wie der letzten Papstwahl kann die Auflage des italienischen OR sprunghaft auf über 100.000 Exemplare steigen.

Bei der italienischen Ausgabe des OR arbeiten etwa 25 Redakteure, bei den einzelnen Sprachausgaben jeweils etwa fünf. An der Spitze des Unternehmens steht der Italiener Mario Agnes. Der Vatikan hat einen Fonds, um ärmeren Bischöfen und Missionaren den OR gratis schicken zu können. Eine Steigerung der Auflagen wird unter anderem durch die hohen Portokosten verhindert, die weder der Empfänger noch der Vatikan übernehmen möchte.

Bezieher der Zeitungen sind: Bischöfe, Priester, Ordensleute, Bildungseinrichtungen, aber auch interessierte Laien. Gelesen werden viele Nummern von mehreren Personen. Die Titelseiten aller Ausgaben des OR sind auf der Vatikanhomepage www.vatican.va zu lesen.

Es gibt Vorüberlegungen, die ganze Zeitung auch elektronisch zu verbreiten. Große gemeinsame Reflexion über den Nutzen des Blattes gab es in den letzten Jahren nicht.

Man kann die Vatikanzeitung – im Gegensatz zum Pressesaal - nicht als Medium betrachten, mit dem die breite Weltöffentlichkeit erreicht wird. Sie ist eher ein Organ der Kommunikation an Kirchenmitglieder und weitere Interessierte.

Neben den Zeitungen gibt es auch den „Foto-Shop“ des OR. Hier werden nicht nur die Bilder für die Zeitung gemacht, sondern auch Millionen Fotos an Pilger und Touristen verkauft. Nachdem der Papst bei öffentlichen Auftritten sehr viel fotografiert wird, gibt es unzählige Bilder von ihm. Wer ein Bild sucht, muss genau angeben, an welchem Tag und bei welchem Anlass das Bild gemacht wurde.

Reflexion

Der Hauptwert des OR liegt darin, dass er die Texte von päpstlichen Verlautbarungen schnell in der offiziellen Fassung oder Übersetzung veröffentlicht. Er ist kein eigentliches Massenmedium. Er wird nur selten an Kiosken verkauft und erreicht hauptsächlich Interessierte. Nach meinen Informationen wurde im Lauf der letzten zwanzig Jahre an zuständiger Stelle kaum darüber nachgedacht oder gar eine Studie erstellt, ob und wie man in der Internet-Zeitalter und mit den elektronischen Möglichkeiten den schriftlichen Informationsfluss neu denken und ändern sollte. Die breite Öffentlichkeit wird nur dann erreicht, wenn in der italienischen Ausgabe etwas steht, das von Agenturen aufgegriffen und weltweit verbreitet wird. Die italienische Ausgabe hat die Möglichkeit, Vorgänge vor allem in der italienischen Politik zu kommentieren und so ein wenig mitzusteuern. Ein kritischer Artikel im italienischen OR kann für Politiker auf der Halbinsel gefährlich sein.

Da der OR aber von vielen Personen gelesen wird, die entweder keinen Zugang zum Internet haben oder auch nicht wollen, hat er seine Bedeutung, auch wenn andere Personenkreise sicher leichter, schneller und vor allem preiswerter elektronisch zu erreichen sind. So wie weltweit die Zeitungen trotz aller Elektronik nicht sterben, so geht es auch der Vatikanzeitung. Aber sie braucht meines Erachtens dringend die Ergänzung durch Internet und Newsletter.

 

Vatikan-Homepage

Information und Reflexion

Seit einigen Jahren gibt es die Seite www.vatican.va Sie ist ein gutes Archiv, aber nicht als Massenmedium konstruiert, denn ihre ganze Anlage ist auf Systematik ausgerichtet und nicht auf schnelle und aktuelle Information.

Wer sie besucht, wird gleich eingeladen zu wählen, in welcher Sprache er weiter lesen will. Dann findet er eine hübsche, aber nicht gerade sehr praktische Wahlmöglichkeit. Auf Aktualität wird geringerer Wert gelegt. Wer wissen will, was der Papst am Vortag zu einem Weltkonflikt gesagt hat, wird zwar bei Aktuellem fündig, aber dorthin muss er viele Zwischenschritte tun. Er muss zuerst sagen, von welchem Papst die Rede ist, in welchem Jahr die Aussage gemacht wurde, bei welcher Veranstaltung. Man ist in einem gut geordneten Archiv. Kurz: Der Grundansatz ist nicht, etwas schnell zugänglich zu machen, sondern die Systematik. Wer auf die Vatikanseite kommt, schmeckt sofort, dass hier die Uhren anders gehen. Das macht die Sache interessant, aber nicht unbedingt einfacher.

Es gibt keinen Chatroom. Es ist nicht leicht, im Vatikan eine Mail-Adresse zu finden und von ihr eine Antwort zu bekommen. Der Vatikan ist der Überzeugung, dass Katholiken und Nichtkatholiken sich primär an ihre Pfarrei, dann an ihre Diözese wenden sollen. Der Vatikan ist brieflich zu erreichen, aber nicht leicht elektronisch.

 

Radio Vatikan

Information

Der päpstliche Sender wurde 1931 gegründet und strahlt jetzt regelmäßig Programme in rund 40 Sprachen aus. Neben den großen europäischen Sprachen sind es vor allem die Sprachen von Mittelost-Europa, da nach dem großen Sprung der Sowjetunion nach Westen auch die Sprachen kleiner und kleinster Länder übernommen wurden, so etwa auch Lettisch und Litauisch, Bulgarisch und Rumänisch, Slowenisch und Slowakisch. Aufschlussreich ist, in welchen Sprachen Europas und seiner Nähe Radio Vatikan (RV)n i c h tsendet. Es sind u.a.: Serbisch, Türkisch und Hebräisch. Es gibt aber auch Programme in Arabisch, Japanisch, Chinesisch, Hindi, Tamil, Swahili und Äthiopisch. Die meisten Sprachen haben pro Tag eine Sendezeit von rund einer halben Stunde. Wer diese und die Frequenzen nicht kennt, wird Radio Vatikan vergeblich suchen. Nur Interessenten stoßen auf die Vatikanfrequenzen. Daher kann man den Sender auch nur sehr eingeschränkt als Missionsinstrument bezeichnen.

Der Sender hat den Auftrag, „die Lehre der katholischen Kirche zu verbreiten“, Stellungnahmen der Päpste und des Vatikans bekannt zu machen und sich „zum Echo des Lebens in Weltkirche“ zu machen. Praktisch bedeutet dies, dass wichtige theologische und politische Stellungnahmen von Päpsten und hohen Kirchenvertretern zu Nachrichten verarbeitet werden.

In der deutschsprachigen Redaktion stehen wichtige Papstaussagen zwar oben an, aber sie umfassen nur rund 20 Prozent der aktuellen Berichterstattung. 80 Prozent bildet das Leben in der Weltkirche rund um den Globus.Neben dieser aktuellen Arbeit bietet Radio Vatikan in allen Sprachen auch Bildungsprogrammeund Spiritualität. Aber diese Bereiche sind zweitrangig, da der Zentralauftrag eben die aktuelle Information ist. Das kommt schon vom Standort Rom – wo auch viele Kirchenverantwortlichen aus aller Welt öfter mal durchkommen.

An der Spitze des Radios steht der italienische Jesuit Pasquale Borgomeo. Auch der Programmdirektor und die Leiter einiger Sprachabteilungen sind Jesuiten. In Radio arbeiten rund 400 Personen, die allermeisten sind Laien. Die Redakteure brauchen Kirchenkenntnis, aber nicht Theologie. Weisungsbefugt über dem Radio ist das Staatssekretariat, es lässt den Redaktionen aber größte Freiheit. Das Radio kostet den Apostolischen Stuhl jährlich rund 20 Millionen Euro, es macht keine Werbung und erhält keine Gebühren.

Während 70 Jahren waren für RV Mittel- und Kurzwelle entscheidend. Seit 15 Jahren spielt auch die Wiederausstrahlung durch andere Sender eine große Rolle. So werden z.B. in Lateinamerika die Sendungen von RV von rund 400 anderen Sendern wiederausgestrahlt. Seit etwa fünf Jahren spielt auch das Internet eine wichtige Rolle. Alle Sprachen haben eine eigene Homepage, die aber von den Redaktionen sehr unterschiedlich eingesetzt wird. Auf ihr können Sendungen live und on demand gehört werden.

Die Redakteure von RV haben erstaunlich große redaktionelle Freiheit und Verantwortung.

Reflexion

Da RV wesentlich mehr Sprachen umfasst als der OR und mehr kostet, befasse ich mich in dieser Reflexion wesentlich gründlicher mit ihm. Man kann sich wundern, wie wenig der Vatikan die Arbeit seines Senders kontrolliert. Auswärtige Beobachter mögen vermuten, die Sendungen würden - wenn nicht gerade zensiert - so doch wenigstens aufmerksam beobachtet. Das Gegenteil aber ist der Fall. Eine ständige Beobachtung von rund 40 Sprachen ist zwar schwer, aber gerade die größeren Weltsprachen, zu denen Deutsch gerechnet werden müsste, sollten doch gut beobachtet werden - meint man, zumal die meisten Redakteure nicht Theologen sind. Auch kann man sich wundern, dass der Vatikan jährlich rund 20 Millionen Euro für seinen Sender aufbringt – ohne zu prüfen, ob denn die Sendungen den gewünschten Effekt haben und das aufgewandte Geld auch im Sinne des Arbeitgebers eingesetzt wird. Auch dies könnte den auswärtigen Beobachter zu der Vermutung bringen, dass die Vatikanoberen ein Auge auf die Sendungen, ihren Inhalt, ihre Form, ihre Spiritualität und Theologie werfen. Das ist aber kaum der Fall. Der Vatikan beweist gegenüber den einzelnen Sprachredaktionen großes Vertrauen. Höchstens kommt mal eine zarte kritische Rückfrage, ob denn diese oder jene Nachricht nötig war. Mehr aber eigentlich nicht. Das ist für die Redaktionen erfreulich, denn sie fühlen sich in ihrem Verantwortungsbewusstsein ernst genommen.

Die Kehrseite dieses Vertrauens kann jedoch auch wie ein gewisses Desinteresse des Vatikans wirken. Dies Gefühl zeigt sich auch, wenn Radio-Redakteure bei Vatikanverantwortlichen um Interviews anfragen und dabei eher auf die gleiche Stufe gestellt werden wie auswärtige Medienvertreter. Sie haben nicht den Eindruck, dass wichtige Vatikaninformationen gerne an das eigene Medium gegeben werden.

Das Vertrauen des Vatikans oder konkreter des Staatssekretariats in die Redaktionen könnte aber auch dazu führen, dass das Rundfunkziel nicht in dem Maße erreicht wird, wie es sonst möglich wäre. Die selbstkritische Reflexion wird auch durch einen internen Mechanismus erschwert, denn kein Redakteur stellt gerne seinen eigenen Arbeitsplatz in Frage, und kein Amtsinhaber, der jahrelang in vollem Einsatz seinen Dienst tut, liebt die Frage, ob denn sein Tun auch wirklich nützlich und zielführend ist.

Die Frage der Vatikanoberen an das Radio könnte lauten: Erfüllt der Sender seine Aufgabe, die Lehre der katholischen Kirche bekannt zu machen? Beeinflusst der Papstsender das Leben der Ortskirchen? Werden die theologischen, gesellschaftlichen und politischen Stellungnahmen der Päpste und ihrer Behörden durch RV weltweit gehört? Wird der Sender zitiert, stößt er Diskussionen an, streitet man sich über seine Aussagen? Erhalten Gläubige in der ganzen Welt durch die Sendungen eine Stärkung im Glauben, werden sie mit dem Papst und der Weltkirche enger verbunden, wissen sie besser über Fragen des Glaubens und der Kirche Bescheid? Und weiter: Werden Ökumene, interreligiöser Dialog, Gerechtigkeit und Frieden in aller Welt durch RV gefördert?

Ich habe in mehr als zwanzig Jahren nicht erlebt, dass mir oder anderen Sprachabteilungen diese kritische Frage gestellt worden wäre.

RV hat seine Sprachpalette auch im Lauf der letzten 50 Jahre fast nicht verändert. Dahinter mag stehen, dass vatikanischen Einrichtungen meist keine Zeit oder Humanreserve bleibt, über das eigene Tun kritisch zu reflektieren. Die meisten Führungspersön-lichkeiten sind entweder zeitlich so ausgelastet oder anderweitig gebunden, dass die selbstkritische Rückfrage nach einer Fortentwick-lung kaum zum Zug kommt.

Ich wurde auch in meiner Zeit nie gefragt, ob die Sendungen in deutscher Sprache für die Kirche in Deutschland, Österreich und der Schweiz relevant sind, ob wir durch sie etwas bewegen oder verhindern können, inwieweit die Aussagen des Papstes und seiner Behörden im deutschen Sprachraum aufgenommen und berücksichtigt werden.

Das Staatssekretariat und der Papst – sie vertrauen offenbar, dass das schon alles seinen Sinn haben wird. Die Möglichkeit, dass man mit anderen Mitteln, anderen Methoden mehr erreichen könnte, kommt offenbar kaum in den Blick.

Es wäre für die Zukunft denkbar und wohl auch erstrebenswert, dass die Arbeit von RV und des OR etwa alle fünf Jahre durch eine fachlich kompetente Einrichtung überprüft würde. So könnten Sprachenauswahl, Sendezeiten und Sendelängen sowie Programminhalte und Darbietung unter die Lupe genommen werden, um notwendige Veränderungen und Verbesserungen zu erreichen. Da in diesem Fall nicht der Markt und nicht die Einschaltquote entscheiden, wäre eine professionelle Begleitung wünschenswert oder sogar notwendig. Diese Überprüfung dürfte primär nicht durch das Staatssekretariat erfolgen, denn dieses ist nicht kompetent, die professionelle Qualität zu prüfen. Es müsste entweder der vatikanische Medienrat – von dem weiter unten gesprochen wird – oder ein auswärtiges Fachorgan die Effizienz von RV überprüfen. Eine solche Überprüfung müsste einerseits unter dem Blickwinkel der journalistischen Arbeit, der Medienrelevanz und andererseits unter dem Blickwinkel der Kirche stattfinden. Maßgebend wäre die Frage: Werden die Botschaften der Kirche bei Katholiken und Nicht-Katholiken bekannt? Wird RV im Konzert der weltweiten Medien gehört, spielt der Sender eine Rolle im Konzert der Botschaften aus aller Welt und aus allen Weltanschauungen?

Wenn ich eine Antwort auf diese vom Vatikan nicht gestellten Fragen geben darf, so würde ich sagen: Der Sender hat große Bedeutung, wo Diktatoren die Grenzen für den internationalen Nachrichtenfluss verschließen – so war es zu Zeiten Hitlers und Stalins (die größten Förderer von Radio Vatikan!!!) Der Sender hat große Bedeutung dort, wo die Bevölkerung rundfunktechnisch unterversorgt ist, also in vielen „Entwicklungsländern“. Z.B. erhält die Indische Abteilung von Radio Vatikan mit den Sprachen Englisch, Hindi, Tamil und Malayalam monatlich rund 1000 Postsachen – meist von Hindus und Moslems. Für regimekritische und aufmerksame Bürger etwa in Nigeria, Kenia, Simbabwe und andere afrikanische Länder sind die englischen Sendungen von RV wichtig. Der Sender hat auch Bedeutung dort, wo die Programme von anderen Radios wieder ausgestrahlt werden, so etwa in Lateinamerika, wo rund 400 Stationen Sendungen in spanischer und portugiesischer Sprache wieder ausstrahlen. Ähnliches gilt für Italien, Polen, Slowakei, Kroatien, auch Frankreich – wo kirchliche Rundfunkanstalten die Radio-Vatikansendungen wieder ausstrahlen.

Wenn die deutschsprachigen Sendungen von Radio Vatikan einmal eingestellt würden, würde das zwar ein paar zehntausend Hörerinnen und Hörer schmerzen und in der Öffentlichkeit heftiges Erstaunen auslösen, aber der Gang der Kirche im deutschen Sprachraum würde dadurch nicht beeinflusst. RV ist im deutschen Sprachraum m. E. nicht kirchenrelevant trotz seiner - laut Mediendienstleistungs-gesellschaft -rund 300.000 Stammhörer. Die Einstellung der Katholischen Nachrichtenagentur wäre hingegen kirchenrelevant. Andererseits aber zeigte sich beim Papsttod, dem Konklave und der Neuwahl im April 2005 die Qualität der deutschsprachigen Radioarbeit. Das Problem ist also nicht die mangelnde Qualität von Radio Vatikan, sondern das verbreitete Desinteresse, die Vorurteile gegen Rom und die schwierige Hörbarkeit des Papstsenders im deutschen Sprachraum.

Über die Relevanz von RV für die Gesamtkirche und für die einzelnen Ortskirchen wird im Vatikan wohl kaum reflektiert. Eher wird schon mal die Frage gestellt, ob und wie der Sender seine Kosten von 20 Millionen Euro pro Jahr senken könnte. Als vor einigen Jahren der Gesamtdirektor von RV den Sparvorschlag unterbreitete, die lettische und die japanische Redaktion zu schließen, protestierten die Bischöfe Lettlands beim Papst, und dieser verbot die Schließung. Japanisch gibt es seither nur im Internet. Eine Reflexion über Um- und Neubau der Sprachpalette ist m. E. nicht in Sicht.

Das Vatikanische Fernsehzentrum CTV

Information

Das im Jahr 1983 gegründete Fernsehzentrum (CTV) hat beim Tod von Papst Johannes Paul II., beim Konklave und bei der Amtseinführung von Papst Benedikt hervorragende Arbeit geleistet. Es arbeitete dabei mit der italienischen Rundfunk- und Fernsehanstalt RAI. sowie anderen Anstalten aus der ganzen Welt intensiv zusammen. Das CTV strahlt kein eigenes Programm aus. Es macht jedoch jährlich bei etwa 130 Veranstaltungen im Vatikan TV-Aufnahmen. Das sind Generalaudienzen und Angelusgebete, Gottesdienste und weitere Veranstaltungen. Dazu kommen gelegentliche Aufnahmen und Direktübertragungen bei Veranstaltungen außerhalb des Vatikans. Das CTV bietet anderen Fernsehgesellschaften Direktübertragungen von Papstveranstaltungen an und überträgt sie auch per Satellit. So wird das Angelusgebet des Papstes jeden Sonntag via Satellit nach Amerika übertragen. Ferner zeichnet es vatikanische Aktivitäten auf und gestaltet Dokumentationen aus Rom und dem Vatikan und bietet beides anderen Anstalten an. Es gewährt diesen auch technische Hilfe im Vatikan. Das Magazin „Octava Dies“ wird von CTV seit 1998 an katholische Anstalten in Italien und als natural sound in aller Welt übertragen. Das CTV archiviert und schützt rund 10.000 Video-Aufnahmen mit etwa 4000 Stunden registrierten Auftritten von Papst Johannes Paul II. seit dem Jahr 1984. Sie stehen anderen Fernsehanstalten in aller Welt zur Verfügung. Privatpersonen können VHS-Aufzeichnungen beim CTV bestellen.

Reflexion

Es fällt mir schwer, Kritisches über das CTV zu sagen.


Der Vatikanische Pressesaal

Information

Der vatikanische Pressesaal ist mit Abstand das wichtigste Organ des Vatikans für die Information der Weltöffentlichkeit über Vorgänge im Vatikan. Der Pressesprecher erreicht mit seinen Verlautbarungen unmittelbar die großen Weltagenturen, die beim Vatikan akkreditiert sind. So gehen Meldungen in Sekundenschnelle rund um den Globus. Das erreichen nicht RV und OR und auch nicht die vatikanische Homepage, auf der die täglichen „Bolletini“ erscheinen.

Beim Vatikanischen Pressesaal sind derzeit rund 400 Korrespondenten akkreditiert. Bei einem außerordentlichenEreignis wächst die Zahl gewaltig. Beim Konklave 2005 waren es 6000. Der Pressesaal hat 17 Angestellte unter der Leitung des spanischen Opus-Dei-Mitglieds Joaquin Navarro-Valls. Dazu kommen acht Personen im Vatican Information Service, den der Pressesaal seit 1990 täglich herausgibt. Er geht in englischer, französischer, spanischer und italienischer Sprache an die beim Apostolischen Stuhl akkreditierten Botschaften, an die Bischöfe in aller Welt und andere Einrichtungen, an Journalisten und die vatikaneigenen Medien. Der Dienst enthält die Empfänge des Papstes, seine Ansprachen und Ernennungen und andere Vatikandokumente, weitgehend identisch mit dem „Bolletino“. Die Vatikanmedien haben keinen zeitlichen Vorsprung vor den anderen Einrichtungen.

Außer den täglichen Bulletins veranstaltet der Pressesaal bei der Veröffentlichung von Vatikandokumenten oder großen Ereignissen Pressekonferenzen. Diese finden– außer bei Großereignissen wie Synoden, Konklaven, Konzilien etc. -maximal zweimal im Monat statt. Bei ihnen erklären Fachleute aus dem Vatikan - meist sind es Kardinäle und Bischöfe- den Inhalt des Dokumentes oder der Maßnahme. Es können Rückfragen gestellt werden. Alle beim Vatikan akkreditierten Journalisten können sich mit Fragen an den Pressesaal wenden und können um Interviews anfragen.

Reflexion

Die tägliche Information durch das Bulletin ist die notwendige Basis für die Berichterstattung aus dem Vatikan, aber sie ist nicht gerade üppig. Man könnte sich vorstellen, dass der Pressesaal Interesse daran hat, dass die beim Vatikan akkreditierten Medien umfassender unterrichtet werden, damit die Weltöffentlichkeit korrekt informiert wird. Von einst legendären Kommunikationsfähigkeit Papst Johannes Paul II. bei den Flugreisen merkt man im vatikanischen Pressesaal wenig. Gleiches gilt für den Umgang mit Anfragen von Journalisten beim Pressesprecher. Er oder sein Stellvertreter sind oft nicht erreichbar. Und wenn sie erreichbar sind, dann fließt der Informationsstrom eher sehr zurückhaltend. Man muss den Eindruck gewinnen, der Vatikan habe kein großes Interesse, die Weltöffentlichkeit gut zu unterrichten.

Die seltenen Pressekonferenzen richten sich vorwiegend an Fachkorrespondenten. Nicht spezialisierte Journalisten tun sich daher schwer, neue Vatikandokumente in ihren Medien korrekt darzustellen.

Das kann man von ihnen auch nicht verlangen, denn viele von ihnen müssen in ihren Medien über ganz Italien mit Wirtschaft und Kultur und gleichzeitig vielleicht noch über Griechenland, Malta, Zypern, Libyen, Tunesien und andere Länder berichten. Sie sind also tatsächlich überfordert, sich im oft theologischen Stoff des Vatikans auszukennen. Ihnen müssten neue Vatikandokumente so vorgestellt werden, dass sie den entscheidenden Inhalt leicht erkennen und vorstellen können. Daher wäre es nötig, dass der Vatikan neue Dokumente in Kurzform allgemein verständlich präsentiert. Das ist aber nicht der Fall. Auch deshalb werden Vatikandokumente in den säkularen Medien oft einseitig – wenn nicht gar falsch -vorgestellt. Die Korrespondenten sind nicht allein daran schuld, sondern auch die mangelnde Sensibilität des Pressesaals. Denn die Pressekonferenzen zur Vorstellung von neuen Dokumenten richten sich eben vorwiegend an Fachjournalisten und nicht an alle Korrespondenten. Es fehlt die Sensibilität, gerade heikle Themen aus den Bereichen Ökumene, Sexualethik, Kirchenrecht so darzustellen, dass sie in den säkularen Medien richtig vorgestellt werden.

Es wäre ferner wünschenswert, dass der Pressesaal kirchliche Medien mit Präferenz behandelt, so Agenturen, Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk- und Fernsehanstalten in kirchlicher Trägerschaft. Das ist leider nicht der Fall. Kirchenkorrespondenten sind zwar bei den Pressekonferenzen besser bedient, weil sie sich in der Regel im theologischen Stoff auskennen, sie werden aber bei Interviewanfragen oder Papstreisen keineswegs besser bedient als Vertreter säkularer Medien. Das ist bedauerlich.

Eine faktische Schwierigkeit für die Arbeit des Pressesaals besteht darin, dass der Grundansatz der Korrespondenten aus verschiedenen Ländern oder Kontinenten sehr unterschiedlich ist. So stehen vor allem die Korrespondenten aus Italien dem Vatikan und der Kirche im Allgemeinen wesentlich freundlicher gegenüber als Korrespondenten etwa aus dem deutschen Sprachraum. Richtiger muss man sogar sagen: die heimatlichen Redaktionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz stehen dem Vatikan meist wesentlich kritischer gegenüber als ihre Korrespondenten in Rom. Wenn diese vatikan-freundlich berichten, haben sie es schwerer, dem heimatlichen Medium etwas anzubieten. Die Heimatredaktion argumentiert, das passe nicht in den Fluss der Berichterstattung oder interessiere das Publikum nicht.

Der vatikanische Pressesaal beobachtet natürlich nach Möglichkeit die Medien der wichtigsten Zielländer, doch schlagen sich ausgesprochene Fehlmeldungen offenbar nicht in größerer Wachsamkeit oder Sensibilität nieder. Was die Medien in aller Welt aus dem Vatikan berichten, hängt wesentlich mehr von der Grundeinstellung der jeweiligen Korrespondenten selber ab und wesentlich weniger von der Arbeit des Pressesaals. Es kann daher nicht davon die Rede sein, dass der Vatikan eine ausgeklügelte Medienarbeit macht, dass er die Weltmeinung durch seine Tätigkeit bewußt beeinflusse. Vieles ist Zufall oder von persönlichen Beziehungen und Freundschaften abhängig.Von System kann kaum die Rede sein.

Ich wüsste auch nicht, dass der vatikanische Pressesaal die Medienbischöfe und Pressesprecher der Bischofskonferenzen um Rückmeldungen und ein Urteil bittet.

Der vatikanische Medienrat

Information

Seit 1964 gibt es den „Rat für die Soziale Kommunikation“, wie der Medienrat offiziell heißt. Aufgabe des vatikanischen Medienrates ist es, sich um `alle Fragen der sozialen Kommunikationsmittel zu kümmern, damit auch durch sie die christliche Heilsbotschaft und der menschliche Fortschritt dem Wachstum der Zivilisation und den Sitten dienen`. So die allgemeine Aufgabenbeschreibung. Ferner ist es Aufgabe des Medienrates, `die Arbeit der Kirche und der Gläubigen in den Massenmedien anzuregen und zu unterstützen`; dafür zu sorgen, dass die `Medienerzeugnisse von humanem und christlichem Geist durchdrungen sind`;Sorge zu tragen, dass die `katholischen Medien ihrem Wesen treu bleiben`; `Kontakt zu den katholischen Medienorganisationen zu halten`.

Der Rat hat etwa 15 Mitarbeiter. An seiner Spitze steht seit rund 20 Jahren der US-amerikanische Erzbischof John Foley.

Der Rat verwaltet auch die Filmothek mit 2000 Filmen und Videos und unterhält eine Studienstelle über den religiösen Filmund Filmmaterial seit 1890. Er gibt Dreh- und Fotoerlaubnisse im Vatikan. Eine herausragende Aufgabe des Medienrates besteht darin, die jährliche Papstbotschaft zum Weltmedientag vorzubereiten. Ferner bereitet er grundsätzliche Instruktionen wie die Pastoralinstruktion über die Sozialen Kommunikationsmittel „Communio et progressio“ (1971) und „Aetatis novae“ (1992) vor und gibt thematische Handreichungen heraus. In den letzten Jahren sind erschienen Schriften über Pornographie, über Ethik in der Werbung und in den Medien. Der Rat hält die Verbindung zu den internationalen katholischen Medienverbänden: UCIP für die Presse und Signis (ehemals UNDA und OCIC) für Film, Fernsehen, Radio.

Bei den Ad-Limina-Besuchen der Bischöfe aus aller Welt jedes fünfte Jahr kommen vor allem Bischöfe aus armen Ländern zum Medienrat und erbitten Beratung für Gründung oder Erhaltung von Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen. Bischöfe aus reichen Ländern werden das kaum tun.

Der Medienrat berät Fernsehunternehmen, die kulturelle oder historische Produktionen mit dem Vatikan planen. Er koordiniert die Verhandlungen mit Satellitenbetreibern und die Live-Übertragungen von Papstmessen und des Segens Urbi et Orbi. Der Medienrat vertritt auch den Vatikan bei internationalen Medienkonferenzen und hat ständige Beobachter bei internationalen Organisationen.

Die 25 eigentlichen Ratsmitglieder und ihre fast 30 Berater leben in aller Welt und treffen sich nur einmal jährlich zur Vollversammlung. Es sind Bischöfe, Präsidenten der Fachverbände und kirchliche Fachleute. Ihr Präsident, Erzbischof Foley, ist oberster Berater des Papstes in Medienfragen.

Der Medienrat ist den Vatikanmedien – Osservatore Romano, Radio Vaticana, Fernsehzentrum und Pressesaal - nicht übergeordnet oder ihnen gegenüber weisungsbefugt. Ein früherer führender Mann des Medienrates sagte einmal: „Der Medienrat gibt denen Rat, die ihn darum fragen“.

Reflexion

Damit der vatikanische Medienrat wirklich für die Medienarbeit der katholischen Kirche und des Vatikans eine Rolle spielt, müsste seine Aufgabe neu und anders formuliert werden. Vor allem müsste sein Vorsitzender wirklich Kompetenzen und Finanzen bekommen. Bei ihm käme es mehr als bei anderen Vatikanbehörden darauf an, dass sein Chef überzeugungs- und durchsetzungsfähig ist. Die katholische Kirche mit einer Milliarde Mitgliedern könnte eine kräftigere Stimme in der Welt bekommen, wenn die Zentralbehörde im Vatikan die vielfachen Medieninitiativen in aller Welt effektiv fördern und bündeln könnte. Das ist bisher nur wenig der Fall. Wenn es nicht vor Ort engagierte und gescheite Medienarbeit gäbe, so hätte die katholische Kirche trotz ihrer Größe und Zentralität wenig zu bieten. Der verstorbene Papst zog und Papst Benedikt zieht bisher die Aufmerksamkeit der Medien in aller Welt stark an. Das zeigt, dass die katholische Kirche „Stoff“ genug hätte, der die Medien reizt. Aber der Beitrag der Medienstelle im Vatikan zur Übermittlung dieses guten „Stoffes“ könnte und müsste noch wesentlich größer werden.

Ich würde mir zudem wünschen, dass der Medienrat – neben seiner sonstigen Arbeit - die Kompetenz bekommt, die vatikaneigenen Medien kritisch zu begleiten und zu beurteilen. Ich denke, der Medienrat könnte rund alle fünf Jahre einen Bericht über die Vatikanmedien erstellen. In ihm sollte etwa Folgendes beurteilt werden: Qualität und Reichweite der Arbeit von Pressesaal, OR und RV. Inwieweit tragen die Vatikanmedien dazu bei, dass die Stellungnahmen des Papstes und seiner Mitarbeiter weltweit von den Katholiken und der breiten Öffentlichkeit aufgenommen werden? Wie verhält sich der Finanzaufwand zur Wirksamkeit? Inwieweit werden kirchliche Amtsträger in aller Welt durch die Vatikanmedien erreicht, inwieweitdie Medien und die breite Öffentlichkeit?

Konkreter könnte der Medienrat ein Urteil darüber abgeben, ob die Sprachenauswahl bei OR und bei RV noch den heutigen Anforderungen entspricht. Er könnte sich befassen mit Inhalt, Umfang und Erscheinungsweise der Zeitung, mit Sendeinhalt, Sendezeit, Sendelänge der Sprachprogramme von RV. Der Medienrat sollte entscheiden, ob gewisse Medien eingestellt, andere neu eröffnet werden sollten. Er sollte dem Staatssekretariat und indirekt auch dem Papst regelmäßig einen kritischen Bericht über die vatikanische Medienarbeit geben.

Falls der Medienrat dadurch überfordert ist, sollte er sich des Rats und der Mitarbeit einer kompetenten Facheinrichtung außerhalb des Vatikans bedienen. Der Vatikan selbst müsste sich regelmäßig Rechenschaft über die eigene Medienarbeit geben.

Schluss

Warum spielt das Zentrum der katholischen Kirche dennoch in den Weltmedien eine gute Rolle: Weil sich die zentrale Botschaft der katholischen Kirche von vielen Messages, die über die Medien verbreitet werden, positiv abhebt - manchmal gerade wegen ihres Gegensatzes zum Zeitgeist; weil durch die Person des Papstes ein Mensch und nicht eine Behörde im Mittelpunkt steht; weil die Kirche Pracht entfaltet und alte Traditionen pflegt; weil Katholiken und Christen anderer Kirchen rund um den Globus verbreitet sind.

Aber die Medien des Vatikans und der Medienrat spielen bei all dem eine untergeordnete Rolle. Einzig der Pressesaal spielt durch seinen unmittelbaren Kontakt zu den Weltagenturen eine große Rolle sowie das Fernsehzentrum als Anschlussstelle für Fernsehanstalten bei großen Veranstaltungen mit dem Papst. Das müsste den Vatikan nachdenklich stimmen. Der Medienrat hätte eigentlich eine große Aufgabe vor sich.

Rom, den 30. 6. 2005

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Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI.

Für die Zeitschrift „Gala“

P. Eberhard v. Gemmingen SJ

Vor 36 Jahren stand die „Einführung ins Christentum“ des derzeitigen Papstes auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Es war der Oktober 1969. Joseph Ratzinger hatte sich mitten in den geistigen Turbulenzen der 68-er Jahre einen Namen gemacht. Als ich in diesen Jahren in Innsbruck Theologie studierte, rissen sich die Studenten dort um Ratzingermanuskripte. Wohlgemerkt: Hans Küng hatte den Bayern an den Neckar gelockt. Als ich dann selbst in Tübingen inskribiert war, habe ich den bereits weltbekannten, damals 42-jährigen Professor Ratzinger in seiner Wohnung besucht. Seither kennen wir uns.

Benedikt XVI. ist ein Mensch, der an die Kraft des Geistes glaubt.

Soweit ich ihn kenne, ist er davon überzeugt, dass nicht nur Gewalt, Kriege und Dummheit den Weg der Menschheit prägen, sondern auch große Vordenker. Vermutlich sind es für ihn nach den herausragenden Gestalten des Alten Testamentes und Griechenlands, Augustinus von Hippo und Benedikt von Nursia, Thomas von Aquin, Franz von Assisi, Ignatius von Loyola und Martin Luther. Aber auch Personen wie Voltaire, Karl Marx, Sigmund Freud. Wenn Menschen ohne Einsatz von Gewalt etwas bewegen wollen, dann eben nur durch Geist. Hierfür wirft er sein Leben in die Waagschale und wird das wohl als Papst fortsetzen. Die ergänzende, andere Seite von Joseph Ratzinger ist die Kirche, gefunden durch Liturgie, Bibel und Theologie. Aus dieser Bindung kommt sein Gehorsam gegenüber dem Ruf der kirchlichen Autorität. Ich glaube, er wäre wohl lieber auf dem Weg reiner Reflexion geblieben.

Wer auch nur ein wenig von dem Theologen und Gelehrten Ratzinger gelesen hat, wird sich über die Klischees, die über ihn verbreitet werden, wundern. Nur wenige Menschen werden so gegensätzlich beurteilt wie Papst Benedikt. Als sein Name auf der Loggia von St. Peter verkündigt wurde, schlugen viele engagierte Katholiken die Hände über den Kopf zusammen: „Um Gottes Willen, Ratzinger“! Ob sie nur einseitig über ihn informiert waren? Jedenfalls unterlag er einem Gesetz moderner Kommunikation, dass nämlich nur „schlechte Nachrichten gute Nachrichten“ sind. So waren in der breiten Öffentlichkeit fast nur Thesen von ihm verbreitet, die auf Widerstand stießen: Verdikt zur Befreiungstheologie, zu Küng und Drewermann, zu Homos und Frauen, die Priesterinnen werden wollten. An allem war Ratzinger „schuld“.

Wer ihn freilich ein wenig besser kennt, wundert sich nicht, dass das elitäre „Institut de France“ ihn als Nachfolger von Andrej Sacharow zum Mitglied wählte; wundert sich nicht, dass er im „Hamburger Überseeclub“ mit 1600 Hörern sogar den Besucherrekord von Yassir Arafat übertraf; wundert sich nicht, dass er in Jerusalem die These vertreten konnte, fromme Juden hätten Grund gehabt, Jesus der Gotteslästerung anzuklagen. Ratzinger trug die Ansicht vor, Jesu Gehorsam gegenüber Gott habe gegen ihren Gottesgehorsam gestanden. Ratzinger überrascht immer wieder – jüngst mit seiner Einladung an Hans Küng nach Castel Gandolfo.

Als der schon in jungen Jahren gefeierte Theologe mit 50 Jahren vom Regensburger Katheder auf den Münchner Erzbischofsstuhl und fünf Jahre später nach Rom wechseln musste, da führte ihn nur sein kirchlicher Gehorsam, nicht Lust an der Macht. Wenn ihn eine Versuchung ankam, dann eher, der brillanteste Denker zu sein. Johannes Paul II. hatte ihn schon während des zweiten Vatikanums kennen gelernt und seine Bücher auf deutsch gelesen.

Zum Start im „Sant` Ufficio“ erklärte der frisch gebackene Präfekt, sein Anliegen sei, nicht nur die Lehre zu bewahren, sondern sie zusammen mit den Kollegen weiter zu entwickeln. Oft wurde er gefragt, ob die Kirche nicht toleranter sein müsse mit abweichenden Kirchenmännern, ob es wirklich nötig sei, Lehrerlaubnisse zu entziehen. Ich selbst habe ihn vor Jahren gefragt, ob es nicht reiche, einfach bekannt zu geben, dass diese und jene Lehre nicht mit der Glaubenslehre übereinstimme, ohne dem Betroffenen die Lehrerlaubnis zu entziehen. Ratzinger meinte dazu: Die Kirche bestreite niemandem die Meinungsfreiheit, es könne aber niemand im Auftrag der Kirche lehren, was ihrer Lehre widerspreche. Ich bin sicher, dass Ratzinger harte Einschnitte schmerzten.

Viel mehr aber trieb ihn die Frage um, wie die Menschen - vor allem die Europäer - wieder einen tieferen Sinn in ihrem Leben finden könnten. Er stellte sich die Frage, warum die Europäer zwar Buddhismus, Hinduismus und andere Religionen respektieren und bewundern, aber ihrem eigenen christlichen Erbe gegenüber so skeptisch sind. Er sprach sogar geradezu von einem „Hass“ der Europäer auf ihr Eigenes. Wer dies weiß, versteht seine Namenswahl „Benedikt“. Sie bedeutet: Ich stehe zu den christlichen Wurzeln Europas und möchte meinen Zeitgenossen Selbstvertrauen und Selbstsicherheit zurückgeben. Europa hat der Welt unendlich viel zu geben. Und – so würde er fortfahren – seht ihr nicht den geistigen Hunger der Jugend? Warum verehren sie denn Johannes Paul II, wenn nicht, weil sie zu einem „Felsen“ aufblicken können? Als er dann freilich selbst als „Fels“ gefeiert wurde, fühlte er sich gar nicht so wohl in seiner Haut. Man konnte es ihm ansehen.

Ratzinger hatte viel zu tun: Auf sein Konto geht ein gut Stück des „Weltkatechismus“, der Bischofssynoden, des Jubiläumsjahres 2000 mit den Schuldbekenntnissen der Kirche. Wenig dürfte Johannes Paul ohne seinen Cheftheologen aus der Glaubenskongregation getan haben. Sie hatten einmal pro Woche einen Arbeitstermin.

Warum haben die Kardinäle Josef Ratzinger am 18. April 2005 zum Papst gewählt? Meine Meinung: Er war ihr Primus, der Gescheiteste, Erfahrenste, auch Bekannteste. Sie haben gespürt: Geistig steckt er uns alle in die Tasche. Dass er auch gut predigen kann, haben sie dann noch bei den Trauerfeierlichkeiten für Johannes Paul II. gemerkt. Er musste als Dekan die Feier leiten. Und unzählige Kardinäle haben bei vielen dienstlichen Kontakten gespürt, dass er Personen und Sachen ernst nimmt. Wenn man weiß, wie Ratzinger die Berufung der katholischen Kirche sieht, dann kann man das Mysterium Ratzinger verstehen.

Wer das Denken des neuen Papstes ein bisschen kennen lernen möchte, dem empfehle ich – neben der anspruchsvollen „Einführung ins Christentum“ – die Bücher „Werte in Zeiten des Umbruchs“, „Salz der Erde“,„Gott und die Welt“ und „Aus meinem Leben“.

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„Gräfin Almeida, der Papst und ich“

Zum 80-er von Papst Benedikt

Eine ältere Tante, Gräfin Regina Almeida brachte mich erstmals in entfernten Kontakt zum späteren Papst Benedikt. Das begab sich so: Sie wohnte in Bonn, als der junge Star Ratzinger dort dozierte. Sie wusste aus der Zeitung, dass er wie sie aus Bayern stammte und vermutete zu Recht, dass ihm das rheinische „Preußen“ nicht so gut gefiel. Sie rief ihn an, lud ihn zum Tee und siehe da: er kam. Es begann eine zwanzigjährige Bayern-Freundschaft. Denn die spritzige, witzige und ältere Dame  - die seine Mutter hätte sein können - besuchte ihn dann jährlich von Bonn über Münster, Tübingen bis Regensburg.

Als sie ihn in der Revoluzzerstadt am Neckar traf, machte ich dort meine letzten Theologiesemester, und die Gräfin nahm mich mit zum Teetrinken beim Bayernstar. Seither kennen wir uns - oberflächlich.

Warum ich damals nicht in seine Vorlesungen ging, weiß ich heute nicht mehr. Jedenfalls kannte ich seine Theologie nicht von Tübingen, sondern aufgrund der Manuskripte, die schon in früheren Jahren in Innsbruck zirkulierten. Dort riss man sich diese Vorlesungsnachschriften förmlich aus der Hand. Es war eine völlig neue Denkweise und Theologie, die wir da mit den ersten Photokopierern vervielfältigten. Ratzinger war – ebenso wie Küng – in aller Munde. Daher gab es dann auch in Tübingen eine – wie man damals sagte – „Theologenkommune“, wo mehrere junge Jesuiten ihre Studien abschlossen. Zu den Tübinger Stars zählten zu der Zeit neben Ratzinger und Küng, Ebeling, Moltmann, Käsemann.

Als er in München Erzbischof geworden war, sahen wir uns dann und wann eher oberflächlich. Einmal berichtete ich ihm im erzbischöflichen Palais zusammen mit einigen Freunden von der „action 365“, der ökumenischen Gemeinschaft, die aus den Predigten von Pater Johannes Leppich hervorgegangen war.

Als ich dann im Jahr 1982 an die deutschsprachige Redaktion von Radio Vatikan in Rom versetzt wurde, begegneten wir uns eines Tages durch Zufall irgendwo in der Nähe des Petersplatzes. „Ach, Sie hat es auch nach Rom verschlagen? Was tun Sie denn hier?“ So etwa mag er gefragt haben. Nach einem kleinen Schwätzchen verabschiedeten wir uns. Und so traf man sich in 20 Jahren dann und wann.

Einmal lud er mich an Weihnachten zum Tee und Abendessen ein. Doch wollte ich ihm den Festtag nicht verderben, und hielt meine kritischen Fragen zurück. Er hätte wohl auch sofort meine theologischen Schwachstellen erkannt, und das wollte ich uns ersparen. So blieb es denn beim schwäbisch-bayrischen Smalltalk. Vermutlich haben wir auch über die inzwischen hoch betagte Gräfin Almeida gesprochen. Sie konnte ihn in Rom nicht mehr besuchen und beließ es wohl bei weihnachtlichen Kartengrüßen. Aber: keine Frage: wenn ich ihn heute auf die Gräfin ansprechen würde, so würde er sofort nach deren Kindern und Enkeln fragen.

Ich begegnete dann den großen Chef der Glaubenskongregation entweder in seinem Sprechzimmer, wenn er Radio Vatikan ein Interview gab – was allzu selten vorkam, da eben unzählige Medien bei ihm anklopften. Einmal konstatierte er dabei mit größter Aufmerksamkeit: „Sie haben aber eine neue Brille, Pater Gemmingen!“ Weitere Begegnungen waren in der deutschen Botschaft beim Vatikan möglich. Auch da gab es den einen oder anderen Smalltalk. Letztmals kurz vor seiner Wahl auf den Stuhl Petri. Ich fragte ihn nach seinem Besuch am Krankenhausbett von Papst Johannes Paul II.

Und wenn nun eine Leserin oder ein Leser denkt, dass ich den frisch gewählten Papst doch schon zweimal interviewen konnte und ihm dabei persönlich besonders nahe kam, so muss ich enttäuschen. Es ging ausgesprochen sachlich zu, als ich überraschend und ohne dass ich angefragt hätte, zum Interview vor dem Weltjugendtag nach Castel Gandolfo geladen war. Ein Radio-Vatikan-Techniker kam mit, denn es hätte doch die Gefahr bestanden, dass mein Minidisk-Recorder gerade beim Heiligen Vater versagt hätte. So „schirrte“ mich denn ein Techniker mit Mikrophon an, die Leitung führte zur Tür hinaus, ich sollte mit dem Kirchenoberhaupt alleine sein. Dann kam Papst Benedikt aus der gegenüberliegenden Tür auf mich zu, wir reichten einander die Hand, er bekam sein Mikrophon an den weißen Talar, setzte sich aufs Sofa und fragte: „Worum geht’s? Haben Sie Fragen?“ Ich las rasch meine Fragen vor und er meinte: „Also fangen wir an“. In zwölf Minuten war leider schon alles vorbei, die Techniker befreiten ihn vom Kabel, ich verabschiedete mich, und weg war er durch die gegenüberliegende Tür. Alles einfach, sachlich, unkompliziert.

Ein Jahr später war`s etwas komplizierter. Drei Fernsehleute sollten ihn mit mir interviewen. Er hatte wohl auch den Eindruck, dass es angebracht gewesen wäre, wenn wir uns zunächst die Hand gegeben hätten. Doch die Manager hatten das anders vorgesehen. So raunte er uns zu: „Wir geben uns wohl erst anschließend die Hand“.

Dann saß er – brav wie ein Erstsemester – uns Medienonkels gegenüber, beantwortete alle Fragen ebenso flüssig wie der ehemalige Musterstudent Joseph aus Marktl – scharf konzentriert und im Bewusstsein, dass es auf jedes Wort ankam. Ich fand meine Fragekollegen zu steif und streng und entlockte daher dem päpstlichen Musterschüler ein Lächeln. Er hat mit Eins-plus bestanden! So legte sich dann beim Shake-Hand die Spannung. Als ich ihn zum Abschied daran erinnerte, dass wir uns in Tübingen erstmals gesehen hatten, fragte er prompt: „Ist der Bruder von Gräfin Almeida eigentlich noch am Leben?“ Er hat ein Gedächtnis wie ein Computer.

So hat er auch nicht vergessen, mir ein Exemplar von „Deus-caritas-est“ handsigniert zu schicken.

Warum haben sie ihn zum Papst gewählt? Weil er einfach der Primus der Klasse ist.

P. Eberhard v. Gemmingen SJ

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Der Papst im Hochhaus in Seoul

Papst Sing-Hua I.hatte seine neue Residenz in der koreanischen Hauptstadt in einem 50-stöckigen Hochhaus. Korea – ehemals gespalten in Nord und Süd – war zu drei viertel katholisch.  Die Sprache der katholischen Welt war chinesisch, obwohl Korea der Hauptstützpunkt der katholischen Kirche geworden war. Schließlich hatte die Sprache des Landes der Mitte seit dem Jahr 2050 das Englische weltweit völlig verdrängt. Wer sich nicht in Chinesisch verständigen konnte, war im Grunde genommen ein Analphabet geworden. Von Seoul aus leitete der Oberhirte der katholischen Restkirche die Herde der Katholiken in allen Teilen der Erde. Die meisten Katholiken wohnten jetzt in Korea, China, Vietnam, in Indonesien, ziemlich viele auch in Burma, in der Mongolei. Kurz Asien war der am meisten christianisierte Kontinent. Es gab große katholische Inseln auch in Afrika, vor allem im Kongo, in Uganda, in Kenia, Tansania und in den Kleinstaaten Westafrikas. Ferner gab es katholische Enklaven in einem Meer von verschiedenen freichristlichen Gemeinschaften auf dem Kontinent, der früher einmal mehrheitlich spanisch gesprochen hatte, wo aber jetzt auch das Chinesische unumgänglich geworden war. Europa spielte für die katholische Kirche keine Rolle mehr. Die Katholiken Europas hatten sich in den Jahren von 2005 bis 2025 durch interne Auseinandersetzungen, Selbstzweifel und Kindermangel praktisch selbst aufgegeben und aufgelöst. Daher war im Jahr 2015 erstmals ein Afrikaner zum Papst gewählt worden. Der aber konnte sich gegen den allgemeinen Druck aus Ostasien nicht mehr durchsetzen, und so wählten die mehrheitlich asiatischen Kardinäle im Jahr 2023 einen Koreaner zu ihrem Oberhaupt. Und so blieb das Papstamt denn bis zum Jahr 2075 in koreanischer Hand. Die Gläubigen und Bischöfe waren über diesen kulturellen Wechsel sehr zufrieden. Der Blick zurück auf die Metastasen der Kirche in Europa war so entsetzlich, dass die aus Ostasien stammenden Katholiken froh waren, ihren eigenen Weg der Nachfolge Christi gefunden zu haben. In groben Zügen kann man sagen, dass Korea zum christlichen Glauben gefunden hatte, weil seine traditionelle Kultur sich mit der Moderne nicht vereinbaren ließ. Vietnam war sogar zu 80 Prozent christlich, vermutlich als Folge der harten Religionsverfolgung in der Zeit des kommunistischen Regimes. Die Kommunisten trieben die vietnamesische Bevölkerung praktisch in die Arme der katholischen Kirche. Auch einige reformierte Gemeinschaften waren damals stark gewachsen, doch der eindeutige Sieger blieb die Kirche unter dem Papst. Noch heute schwören die vietnamesischen Katholiken auf Rom, obwohl der Sitz der Päpste längst zu einem UNESCO-Museum geworden war. 

Freilich darf hier nicht verschwiegen werden, dass auf Wunsch der UNO in den so genannten europäischen Schutzgebieten auch noch christliche Inseln künstlich am Leben gehalten werden. Die Kulturethnologen wollen dabei erforschen, wie sich traditionelle Gesellschaften in Schutz-Zonen oder Human-Zoos erhalten. Doch davon erst später.

Papst Sing-Hua hatte in seiner Hochhaus-Residenz einen kleinen Stab von männlichen und weiblichen Mitarbeitern, die vor allem mit den Mitteln der neuste Elektronik die Kommunikation unter den katholischen Landeskirchen aufrecht erhielten. Das Kirchenoberhaupt registrierte einmal monatlich einen Video-Lagebericht über die Weltkirche, der an alle Diözesen elektronisch versandt wurde.  Er griff wenig in die Leitung der Diözesen ein, denn er legte Wert darauf, dass die Bischöfe möglichst selbständig, aber in ständigem Austausch mit der Kirchenzentrale die Gemeinde ihrer Gläubigen führten.

Die Gesamtzahl aller Katholiken weltweit hatte sich im Jahr 2075 auf rund eine halbe Milliarde eingependelt. Das waren etwa 8 Prozent der 6, 2 Millionen Erdbevölkerung. Die katholische Kirche war also eine Minderheit geworden, aber eine beachtliche Minderheit, die man nicht einfach übersehen konnte. Ihre Stärke bezog die Kirche teilweise aus ihrer kulturellen Nähe zum wieder auferstandenen Konfuzianismus. Die moralische und gesellschaftliche Ordnung der Konfuzianer und der Katholiken berührten sich in vielen Punkten. Wichtig waren ihnen Disziplin, Rücksichtnahme, Solidarität, Respekt vor der Autorität und gleichzeitig vor dem Gewissen des Einzelnen. Beiden kulturellen Gruppen lag am Herzen, dass die Rechte des Einzelnen und die Rechte der Gemeinschaft in ein ausgewogenes Verhältnis kamen. Der extreme Individualismus hatte Europa und die europäischen Kirchen zerstört, und die Christen Asiens wußten, was sie vermeiden mußten.

An einem Dienstagmorgen kam der Archivar der päpstlichen Kurie in Seoul etwas aufgeregt zum Papst. Es platzte förmlich aus ihm heraus: Heiliger Vater, wir haben in einem Washingtoner Archiv den Bericht eines aufmerksamen Beobachter des mongolischen Geheimdienstes gefunden, in dem dieser minutiös die Auflösung der katholischen Kirche in Europa schildert. Der Bericht stammt aus dem Jahr 2045, also vor jetzt 30 Jahren, greift aber weit in die Vergangenheit zurück, beginnend mit der Wahl Papst Benedikts im Frühjahr 2005.

Der Papst lehnte sich in seinem Sessel zurück und lud seinen Mitarbeiter, einen in Jakarta vorzüglich ausgebildeten Historiker, ein sich zu setzen und den mitgebrachten Report vorzulesen. Der Archivar, Kuo-Tong-Qui las seinen Report: „Papst Benedikt, der scharfe Beobachter hatte in vielen Schriften bereits auf die Auflösungserscheinungen der westlichen Kultur hingewiesen und vor falscher Liberalisierung gewarnt. Von vielen war er als Fundamentalist bezeichnet worden. Dieses Schimpfwort war geeignet, seine Autorität zu untergraben, was mit Hilfe der kirchenkritischen und gewinnorientierten Medien auch leicht gelang. Die verschiedenen Bevölkerungen Europas waren auch durch raffinierte psychologische Bearbeitung und Mangel an Kriegen bereits so unkritisch geworden, dass sie die Wirklichkeit kaum noch interessierte. Persönliche Freiheitsrechte, materielle Ausstattung, Zukunftssicherung waren so dominant, dass der Sinn für Solidarität, Gerechtigkeit, Zucht und Maß völlig verloren gegangen waren. Freilich gab es kleine Inseln, in denen die Welt – wie man damals sagte – noch in Ordnung war. Aus ihnen wurden später im deutschen Sprachraum der „Austro-Zoo“, der „Teutonen-Zoo“ und der „Helveten-Zoo“. Die Bewohner dieser Human-Biotope wurden zwar von den übrigen Bevölkerungen als Fundis belächelt. Die von den Chinesen und Indern dominierte UNO und UNESCO legten jedoch größten Wert auf die Erhaltung dieser Schutzzonen, um an ihnen zu studieren, wie humanes Leben vor der Einführung der obligat gewordenen künstlichen Befruchtung sich entwickelte.

Kuo-Tong-Qui unterbrach die Lektüre seines Rapports und schaute den Papst skeptisch an. „Wollen Sie, dass ich weiterlese? Heiliger Vater?“ Ja – selbstverständlich sagte der. „Vieles weiß ich natürlich schon, aber die Details sind für mich wichtig, wir wollen ja mit den Kirchen in den Schutzzonen oder Zoos neue Kontakte knüpfen.“

Der Archivar fuhr fort: „In meinem langen Bericht möchte ich nun vieles überspringen, mit dem ich Sie – Heiliger Vater – nicht langweilen will.“ Er las weiter: „Papst Benedikt gewann jedoch im Lauf seine 12-jährigen Amtszeit weltweit hohe Autorität, seine Stimme wurde gehört, er wurde geehrt und anerkannt. Es gab jedoch in der katholischen Kirche vor allem in den nördlichen Ländern am Atlantik sehr viele Kräfte, die den Ernst der kirchlichen Lage nicht erkannten und meinten, mit theologischen und vor allem moraltheologischen Änderungen der Kirche aufhelfen zu können. Man sprach von Liberalisierung der Sexualmoral, von der Öffnung der Kirche für künstliche Befruchtung, von der Abschaffung des Pflichtzölibats der Priester, von der Einladung an Nichtkatholiken zur Eucharistie, von Interkommunion und Interzelebration, von der Aufwertung der Frauen in der Kirche und ihrer Zulassung zum Priestertum. Es waren nicht die Schlechtesten, die diese Themen immer wieder zur Sprache brachten. Sie übersahen dabei aber, dass die Existenz der Kirche in Europa überhaupt auf dem Spiele stand. Schon zu Benedikts Zeiten sagten nüchterne Beobachter voraus, dass ums Jahr 2050 nur noch 10 Prozent aller Europäer getauft sein würden und gleichzeitig die eigentlich europäisch denkende Bevölkerung von 350 Millionen auf 150 Millionen zurückgehen würde. Es war ums Jahr 2005 abzusehen, dass Europa rein zahlenmäßig gegenüber den Chinesen und Indern zu einer lächerlichen Minderheit absinken würde. Auch Benedikt wurde nicht müde, auf diese Entwicklung hinzuweisen. Schon mit der Wahl seines Namens zeigte er, dass ihm Europa ans Herz gewachsen war.“

Der Archivar und der Heilige Vater seufzten tief, sahen einander schweigend an und Kuo-Tong-Qui fuhr in seiner Lektüre fort. „Benedikt war ein hoch angesehener Mahner in der Wüste, der gerade auch vor dem Mythos der Wissenschaft eindringlich gewarnt hatte. Aber seine Macht war begrenzt, die Blindheit der breiten Bevölkerung war bereits so groß, sodass der Absturz Europas kam wie er kommen musste. Religion war ein privater Bereich, der von den Politikern, von  Kultur- und Medienschaffenden belächelt wurde. Vor allem die Wirtschaftsinteressierten hatten es geschafft, das kritische Denken fast ganz auszuschalten.

Das war in Europa das Ende der öffentlichen Religion. Dazu hatte das, was die Öffentlichkeit Wissenschaft nannte, erheblich beigetragen. Die chemische Industrie überzeugte der Bevölkerung davon, dass Krankheiten durch Selektion der Embryos weitgehend verhindert werden konnten. Daher verabschiedeten die verbliebenen europäischen Parlamente Gesetze, wonach die Bürger nur noch durch künstliche Befruchtung zur Welt kommen durften.  Embryonen wurden durch den Staat auf Krankheiten untersucht und bei Krankheit entsorgt. Auf ungeschütztem Geschlechtsverkehr standen höchste Gefängnisstrafen, weil durch ihn ständig Krankheiten und Seuchen drohten. Videoüberwachungen in allen Wohnungen und öffentlichen Räumen konnten von den Bürgern nicht abgeschaltet werden.“

Papst und Archivar seufzten tief auf und sahen einander an. Kuo-Tong-Qui fuhr fort: „In einigen Regionen Europas gab es heftigen Widerstand, während andere schon seit langem so liberal waren, dass die Maßnahmen sofort griffen. Widerständig zeigten sich natürlich Polen, Kroatien und die Slovakei, in Deutschland waren es Oberschwaben, Westfalen, Teile von Südbayern, in Österreich Tirol und Vorarlberg, in der Schweiz die Kantone Uri und Unterwalden. Heftigen Widerstand gab es wie zu erwarten in Sizilien und Sardinien, in manchen Teilen Irlands, in gewissen Regionen Frankreichs. Die UNO war hier erstaunlich effizient und entschied, man solle aus den genannten Regionen „Schutzzonen“ machen, an denen Ethnologen studieren konnten, wie die dortigen Gesellschaften sich mit der traditionellen Zeugungsmethode entwickeln würden, wie viele und welche Krankheiten auftauchen und wie man sie in den Zonen bekämpfen würde. Bald wurden für sie im Volksmund eben „Human-Zoo“ genannt. Sie waren mit Stacheldraht umgeben, Kommunikation zwischen denen drinnen und draußen war streng verboten. In diesen Zonen war natürlich auch Religion weiterhin erlaubt und sogar erwünscht. Die Ethnologen suchten Populationen, die man vergleichen konnte.“

Der heilige Vater seufzte tief, warf einen fast verzweifelten Blick auf seinen Mitarbeiter, der treu vorgelesen hatte und schlug vor, einmal das Fenster zu öffnen. Frische Luft sei notwendig, wenn man soviel Inhumanität ertragen solle. Obwohl das Papstbüro im 50. Stockwerk lag, konnte man hier bei Windstille die Fenster öffnen. Der Blick ging von hier oben über einen Wald von Wolkenkratzern, in der Ferne tauchten die Berge auf, man ahnte grüne Wiesen und Reisfelder. Leichter Lärm drang aus der Millionenmetropole hinauf, und nun hörten die beiden sogar Glockenschlag. Seoul war voll von christlichen Kirchen. Sie hatten Tausende von Glocken aus Europa erhalten, als dort die Kirchen eingerissen wurden, weil der Staat keine Verwendung mehr für sie hatte, und ihre Erhaltung nicht mehr zu verantworten war. Auch hatte die europäische Bevölkerung dringend danach verlangt, diese Zeugnisse einer überwundenen Epoche zu vernichten und an ihre Stellen die beliebten round-about-Kinos zu bauen. Papst Sing-Hua und Kuo-Tong-Qui schauten sich froh und dankbar über den Glockenklang an. Lesen wir weiter sagte der heilige Vater. Wenigstens wir müssen ja wissen, wie die Geschichte bis zu unseren Tagen verlaufen ist.

Der Archivar las: „Der Verfall der Kirchen in Europa hatte einen gesellschaftlichen Hintergrund, der hier nur in groben Skizzen nachgezeichnet werden soll. Die Hauptkrisenherde waren der Bereich der Bildung und der Gesundheitspflege. Der Stand der Bildung war in den ersten Jahrzehnten des 21.Jahrhunderts rapide gesunken. Zwar lernten Schüler und Studenten noch die technischen Fähigkeiten, um mit den neusten Computern umgehen zu können. Doch die Grundfähigkeiten schwanden immer weiter dahin: Rechtschreibung, Satzbau, Rechnen, Mathematik, Logik, Grundkenntnisse in Literatur, Geschichte und Geographie – hier waren teilweise die USA vorausgegangen. Die Schulbehörden verzichteten schrittweise in allen Ländern Europas auf Prüfungen. Alle Schüler besuchten nach der Mittelschule die Universitäten. Nur die Intelligentesten lernten Handwerke. Damit sich die Professoren nicht mehr mit den Rechtschreibfragen herumschlagen mussten, führte man das Prinzip der italienischen Rechtschreibung in allen anderen Ländern Europas ein. Alles wurde demnach so geschrieben, wie man es sprach. Im Deutschen schrieb man z.B. auf doitsch, auf Französisch musste es heißen on vronsä, Shakespeare mussten Studenten in England nun so schreiben Schäkspir. Rechtschreibfehler gab es nicht mehr, denn die Studenten sollten sich auf Wichtigeres konzentrieren, vor allem auf nützliche Produktions- und Absatzmethoden.

Zur Gesundheitspflege waren dies die wichtigsten Schritte: nur auf Krankheiten geprüfte Embryonen durften implantiert werden. Auf Verstöße standen allerhöchste Strafen. Europa hatte einen Zehnjahresplan zur Abschaffung der Krankenhäuser. Denn Krankheit war gesellschaftlich geächtet. Durch eine langfristige, von Psychologen erarbeitete Medienkampagne war die Bevölkerung davon überzeugt, dass Kranksein unanständig und für die Gesellschaft schädlich ist. Kranke siechten in ihren Wohnungen dahin, bis sie qualvoll starben. Sie mussten heimlich beigesetzt oder ihre Leichname heimlich verbrannt werden. Auch wenn die Familie von den Krankheiten wußte, so hielt man den Fall streng geheim, um nicht polizeilich belangt zu werden.

Diese Entwicklung im Krankenwesen war es auch, die Peking veranlasste, nach den ethischen Prinzipien des Konfuzianismus zu suchen. Gab es hier nicht Regeln, nach denen die Gesellschaft und die Familien mit Alten und Kranken umgingen? Immer mehr bildete sich in China die Überzeugung heraus, dass in Ostasien die europäische Entwicklung vermieden werden musste. Die Machthaber in Peking sahen mit Schrecken, dass sich in Indien Teile des europäischen Denkens ausgebreitet hatten und übten wirtschaftlichen Druck auf Neu Delhi aus, damit der große Nachbarstaat sich an seine ethischen Traditionen erinnern möge.“

Hier endete Kuo-Tong-Qui seinen Bericht. Papst .... sah jetzt nicht mehr traurig aus. Entschlossen sagte er: Es ist gut, zu wissen, wie man es nicht machen soll. Wir haben die Chance, noch einmal neu mit dem Evangelium anzufangen. Schließlich kam Jesus aus Asien. Vielleicht haben wir Asiaten mehr Verständnis als unsere lieben Brüder und Schwestern in Europa, die ihre Stunde zwar hatten, aber dann an entscheidenden Punkten doch gescheitert sind. Paulus würde weinen, wenn er sähe, dass sein Sprung von Kleinasien ins europäische Mazedonien sich nach 2000 Jahren als doch nicht so effizient erwiesen hatte.

Was waren aber nun nach ihrer Meinung, heiliger Vater, die größten Fehler der Christen in Europa? Fragte der geschichtlich wache Archivar.

Ich meine, die Christen in Europa haben ganz hervorragende Arbeit nicht nur für das Reich Gottes, sondern auch für die Entstehung von Kultur geleistet, schließlich haben sie Kulturschöpfer wie den Heiligen Benedikt, den Heiligen Franz von Assisi und den Heiligen Ignatius von Loyola hervorgebracht. Sind Beethoven und Bach, Goethe und Shakespeare, selbst Voltaire und Einstein ohne das Christentum zu denken? Ich meine nicht. Alle diese sind reife Früchte des europäischen Christentums. Aber dann an einem bestimmten Zeitpunkt haben die christlichen Vordenker Europas nicht mehr erkannt, dass Europa die Gemeinschaft dem Recht des Einzelnen opferte, das gemeinschaftlichen Credo dem Privaturteil des Einzelchristen. Individualismus siegte über Gemeinschaftsgeist, Egoismus über Solidarität, das Recht war nur noch ein Spielball ind er Hand der Juristen. Die meisten erkannten nicht, dass Europa dem Mythos des Fortschritts und der Wissenschaft huldigte und seinem gesunden Menschenverstand nicht mehr traute. Papst Benedikt XVI. war einer der großen Gegensteuerer, aber er konnte sich dem Massentrend nicht mehr aufhalten. Der Grad der öffentlichen Blindheit war enorm hoch geworden. Und noch etwas Erstaunliches: Weil die Europäer jahrzehntelang keinen Krieg erlebt hatten, hatten sie die letzten tragenden Maßstäbe verloren. Sie schätzen nicht mehr den Wert des Lebens, weil der Tod weit weg und verdrängt war, Familie war ihnen nicht Freude, sondern nur Last, Bildung war ihnen keine Herausforderung und Gewinn, sondern – sie nannten es – „stress“. Zuwendung und Barmherzigkeit wurden nicht mehr verstanden, denn sie raubten Freizeit. Die Europäer lebten nicht mehr, um etwas zu schaffen, sondern um die Freizeit zu genießen. Die aber brachte ihnen mehr und mehr Langeweile, welche wieder nur durch Drogen und leichte Ablenkung zu überwinden war. Europa war in einen circulus vitiosus geraten, aus dem es sich nicht befreien konnte. Die Frage nach dem Sinn des Lebens war dem Abendland verloren gegangen. Die Langeweile und der Lebensüberdruss regierten, bis der alte Kontinent seine Weltbedeutung völlig verloren hatte. Nur seine Musik, seine Literatur, seine Philosophie lebten in Asien, in Teilen Afrikas uns Amerikas weiter. Diese Kontinente schauten dem Mutter- und Altkontinent wie einem untergehenden Schiff nach.

Briefwechsel zwischen Papst Sing-Hua I.

und Bischof Gregor im Teutonenzoo

Papst Sing-Hua I. hatte mit Hilfe des mongolischen Geheimdienstes eine Methode gefunden, um unbemerkt von der staatlichen Kommunikationsbehörde eletronisch Kontakt zu Bischof Gregor im oberschwäbischen Kißlegg zu bekommen. Gregor war der Oberhirte der Katholiken in dem deutschen Christenschutzgebiet, allgemein „Teutonenzoo“ genannt. Die Weltzentralregierung hatte auf Ersuchen der UNESCO genehmigt, dass hier Ehepaare durch natürliche Paarung Nachwuchs erzeugten. Die besten Ethnologen der Welt legten nämlich großen Wert darauf, zu beobachten, wie sich eine Gesellschaft entwickelt, in der Kinder durch offenen Geschlechtsverkehr hervorgebracht wird. Weltweit war dies im Jahr 2055 verboten worden, um kranken Nachwuchs zu vermeiden. Krankheiten und vor allem Seuchen waren durch umfassende Embryonenselektion fast überwunden. Mitleid mit Kranken war daher auch durch internationale Rechtsverordnungen verboten worden. Kranke wurde durch die Medien systematisch diskriminiert, sodass sie in der Öffentlichkeit keine Rolle mehr spielten.

In den wenigen Schutzgebieten – wie etwas in dem Oberschwabens – durften die Populationen sich nicht nur nach Belieben zu traditionellen Ehen verbinden und paaren. Es wurde sogar von den ethnologischen Gesellschaften gefördert, die sich durch Vergleiche wissenschaftliche Ergebnisse erhofften.

In diesen Schutzgebieten war sogar das Leben nach den Vorschriften der traditionellen Religionen und Konfessionen erlaubt, ja erwünscht. Sie sollten in ihrer soziologischen Entwicklung beobachtet werden. Jeder Einfluß von außen jedoch war streng verboten und wurde mit schweren Folterstrafen geahndet.

Papst Sing-Hua I. war es nach 10-jährigem Bemühen gelungen, den technischen Abschirmmaßnahmen zum Trotz, von Korea aus Kontakt zu seinem Mitbruder im schwäbischen Kißlegg aufzunehmen. Er hatte Gregor einen chiffrierten Brief gesandt und ihn gebeten, so geheim wie möglich zu antworten. Der Papst wollte auf alle Fälle vermeiden, dass Gregor entdeckt und der staatlichen Folter unterworfen wurde. Auch mußten die beiden unbedingt vermeiden, dass ihre Mitarbeiter von der Staatspolizei entführt und dem harten Verhör unterworfen würden. Die Beibehaltung der Schutzzonen setzte voraus, dass sie absolut isoliert blieben. Im österreichischen Schutzgebiet war nach einer Unvorsichtigkeit eine 9-köpfige Familie am Fernsehen gefoltert und dann hingerichtet worden, um die übrige Bevölkerung vor ähnlichen Abweichungen zu warnen. Schutzzone bedeutete für Staat nicht nur den Schutz der dort lebenden Bevölkerung, sondern auch Schutz des Staates und seiner Population vor dem üblen Beispiel durch die traditionelle Gesellschaft.

Bischof Gregor von Kißlegg war hoch erfreut, von Paps Sing-Hua I. zu hören. Es hatten ihn zwar immer wieder Gerüchte erreicht, dass die katholische Kirche weltweit nicht ganz untergegangen, sondern sogar vor allem im fernen Osten recht lebendig war, auch wenn in Europa vom Christentum keine Rede mehr sein konnte. Dass es aber noch einen Papst gab, davon hatte Gregor nie gehört. War der Vatikan doch nach seiner Kenntnis ums Jahr 2025 nach der Überflutung von Rom von der UNESCO mit einer Mauer umgeben und übernommen worden. In Europa gab es weder einen Bedarf nach einer Kirchenleitung noch die Möglichkeit, die teuren jahrhundertealten Gebäude zu erhalten. Rund 10 Jahre waren die vatikanischen Paläste leer gestanden, die italienische Regierungsmafia hatte gratis alle beweglichen Teile in Privatbesitz überführt, Vögel, wildernde Hunde und Katzen lebten nun unter den verfallenden Fresken und Gewölben.

So setzte sich also Bischof Gregor nach Erhalt der päpstlichen Botschaft an seinen PC – in der Hoffnung, dass sein veraltetes Schreibsystem vom fernöstlichen Kirchenoberhaupt gelesen werden konnte. Kontakt zwischen seinem deutchen Sprengel und der Außenwelt gab es ja seit Jahrzehnten nicht.

Hier der Text seines Berichtes an Papst Sing-Hua I.:

„Heiliger Vater, voll Ehrfucht neige ich mich vor Dir als dem Nachfolger des Apostels Petrus, der uns die Stimme Jesu Christi vernehmen läßt. Wie froh war ich von Dir und deinem Amt zu hören. Haben wir doch hier in unserer Einöde im Süden Deutschlands seit Jahrzehnten nur unseren Glauben an die Wiederkunft des Herrn, aber keinerlei Kontakt zu anderen Christen und Katholiken. Wir leben unser Glaubens- und Gemeinschaftsleben im Wesentlichen nach den Glaubensüberzeugungen und Geboten, die wir dem alten Katechismus aus der Zeit des verehrten Papstes Johannes Paulus II. entnehmen. Er ist uns ein großer Schatz und wir halten ihn in Ehren fast wie die Bibel. Du wirst nicht wissen, dass wir hier in unserem geistigen Leben durch die äußeren Mächte ganz wesentlich begrenzt sind. Papier wird uns nur in geringsten Mengen zugeteilt. Ganz im Gegensatz dazu erhalten wir preiswerte Lebensmittel in großen, ja in übergroßen Mengen. Die Enthnologen wollen an unserem Verhalten erforschen, wie körperlich über- und geistig unterernährte Bevölkerungen sich entwickeln. Freilich enttäuschen wir sie, denn meine Gläubigen fasten sehr gerne, weil sie daraus die Kraft schöpfen, nach dem Evangelium zu leben. Mit der geistigen Unterernährung freilich verhält es sich bei uns so: Wir haben wenig Literatur, wenige Zeitungen und Zeitschriften, aber was immer meine Leute in die Hände bekommen, lesen sie zwei oder dreimal. Sie wissen nämlich, dass ihre Vorfahren ums Jahr 2010 fast untergegangen wären, weil sie sich die Druckwerke aus ihren Kiosken nur äußerst oberflächlich und daher lebensgefährlich angeeignet hatten. Seele und Geist unserer Vorfahren war durch den übermäßigen und unkritischen Konsum von Geschriebenem nahezu zerstört worden. Daher wissen die Gläubigen hier, dass oberflächliche Nutzung von Schriftwerken gefährlich ist, weil sie die Funktion des Gehirns langfristig schädigt. Sie lesen daher vor allem überkommene Kulturgüter mit größter Aufmerksamkeit. Freilich interessiert sie auch die Geschichte Europas, und wie es zur Entstehung der Schutzzonen und der umgebenden Großkulturen gekommen war. Meist setzt die Reflexion bei Papst Benedikt ein. Er hatte vor und nach seiner Wahl im Jahr 2005 wiederholt davor gewarnt, dass Europa nicht in seiner kulturellen Größe fortbestehen kann, wenn es seine christlichen Wurzeln vergißt. Im gleichen Jahr hatte viele europäische Regierungen bemerkt, dass ihre Bevölkerung drastisch wegen Kindermangel dahinschwand. Gleichzeitig wurden mehr und mehr Gesetze gemacht, die die Gesundheitskontrolle von künstlich erzeugten Kindern verlangte. Kranke Embryos durften nicht eingepflanzt werden und sie wurden massenweise vernichtet. Gegen gewisse Widerstände aus konservativen Kreisen und exotischen Naturanhängern setzten die Parlamente europaweit durch, dass Geschlechtsverkehr, der offen war für die Zeugung von Kindern, strafbar wurde.

Wir Katholiken haben uns natürlich  von Anfang an entschieden dagegen gewehrt. Viele katholische Männer und Frauen sind für ihre Überzeugung in den Tod gegangen. Vorher waren sie jahrelang in Gefängnissen und wurden schwer gefoltert. Viele sind auch schwach geworden, was nicht erstaunlich war. Wenn sie sich anschließend wieder zu uns und Christus bekannten, haben wir sie gerne wieder in die Kirche aufgenommen. Als die staatlichen Behörden erkannten, dass sie durch das Schaffen von Märtyrern nur größeren Widerstand erzeugten, beschlossen sie, die Schutzzonen für nicht Bekehrbare einzurichten. In ihnen wollten Völkerkundler Studien absolvieren.

Freilich war der Kampf um die natürliche Fortpflanzung nur die Spitze des Eisbergs und der Ort, wo es ans Lebendige ging. Denn unterhalb der Eisbergspitze lagen natürlich viele Hindernisse für ein normal christliches Leben. Die Vordenker der damaligen Zeit verstanden es, in kleinsten Häppchen die Überzeugung zu verbreiten, dass eine feste religiöse Überzeugung erwachsenen Menschen nicht zumutbar sei. Sie sprachen von Fundamentalismus und machten praktizierende Christen lächerlich. Gleichzeitig wurde die Meinung verbreitet, der moderne Mensch suche Religion, habe ein religiöses Bedürfnis. Auf diese Weise schufen sich Gurus und Gründer neuer Glaubensgemeinschaften den Markt, um ihre Ideen und Waren verkaufen zu können. Religion wurde ein wachsender Flohmarkt. Man schuf so eine Konkurrenz zu ernsthaften Religionen und Konfessionen. Vor allem die evangelischen Kirchen in Europa wurde durch diese Methoden schwer angegriffen und es fehlte ihnen die innere Kraft, sich gegen die Unterwanderung zu wehren. Zeitkritiker erinnerten immer wieder an Martin Luther, der seiner Kirche nie die Aufweichungen erlaubt hätte, denen die evangelischen Kirchenführer leider erlagen. Sie meinten es nicht schlecht, aber waren nicht in der Lage der Aufweichung zu wehren. Viele evangelische Christen suchten auch ihre Flucht im Übertritt zur katholischen Kirche. Kurz: der Zeitgeist versuchte langsam und subkutan, Religion an die Stelle des christlichen Glaubens zu setzen und die organisierte Kirche – vor allem die von Rom – zu vernichten. Man wußte: das gelingt nur, wenn man Märtyrer vermeidet, es musste schmerzlos oder – soft – wie man damals sagte – gehen. Papst Benedikt war einer der schärfsten Analytiker, der schon vor und erst recht nach seiner Wahl auf die Gefahren hinwies. Es gab jedoch innerhalb und außerhalb der Kirche nur wenige, die seinen Überlegungen folgen konnten. Seine Warnungen wurden in den Wind geschlagen, weil man sie übertrieben fand. Und dies wurde vor allem von den Medien sehr verstärkt.

Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts herrschte in Europa eine eigenartige Situation: Dominant war die Arbeitslosigkeit und mit ihr ging Hand in Hand der Mangel an Lebenssinn. Die Schrecken des 2. Weltkrieges lagen so weit zurück, dass niemand mehr aus eigener Erfahrung wußte, wie wirkliche Not schmeckt. Kleine Defekte wirkten schon als großes Elend. Daher reagierten sehr viele Menschen äußerst empfindlich – selbst bei kleinsten Entbehrungen. Leiden und seine Annahme schien aus der Mode gekommen. Vor allem breitete sich durch Wissenschaft oder eher Pseudowissenschaft die Idee aus, dass man Leiden und Schmerz ganz abschaffen könne. Papst Benedikt geißelte scharfsinnig diese Ideologie des Fortschritts. Er nannte sie einen Mythos und forderte die Kombination von Glaube und Vernunft. Doch die große Mehrheit der europäischen Bevölkerung kannte seine Gedanken nicht und ließ sich weiterhin durch Medien und Politik einlullen. Diese Betäubung der Bevölkerung lag völlig auf der Linie der damals modernen Demokratie und der Wirtschaft. Durch langandauernde und psychologisch raffinierte Manipulation wurde selbständiges Denken immer mehr ausgeschaltet. Ganze Heerscharen von Psychologen wurden für die Manipulation des Bewußtseins eingesetzt. Die Menschen glaubten und taten daher, was ihnen vorgegaukelt wurde – durch Politiker und Medienschaffende. All dies war natürlich dem christlichen Glauben diametral entgegengesetzt. Daher betonte Professor Ratzinger – später Papst Benedikt – immer wieder, dass der Glaube die Vernunft fordert und die Vernunft den Glauben, dass sich beide gegenseitig ergänzen und stützen müßten. Doch die Bewußtseinsindustrie schaffte es ohne jede Mühe, das Denken Ratzingers in überschaubaren Zirkeln zu halten. Dabei wirkten selbst diejenigen Medien mit, die durch die Wahl des deutschen Papstes viel Geld verdient hatten. Auch in kirchlichen Kreisen wurden die Warnungen des damals neu gewählten Papstes nicht wirklich registriert. Die Tragik bestand darin, dass berechtigte theologische Diskussionen den Horizont völlig einnahmen und das Wesentliche im Niedergang der europäischen Kultur übersehen ließen.

Ein weiteres Element kam dazu: diejenigen in der katholischen Kirche, die dazu berufen waren, das Wort Gottes zu verkünden, den diakonischen Dienst zu leisten und die Menschen zu trösten, waren in ihrer großen Mehrheit seelisch schwach und krank. Sie hatten nicht die innere Stärke, ihrer Berufung voll zu entsprechen. Nicht, dass sie schlecht gewesen wären, aber es fehlte ihnen die innere Stärke, sich dem Trend entgegenzusetzen. Es fehlte ihnen der Durchblick und der Mut, die Dinge so zu sehen, wie sie nun einmal waren. Diese Diagnose bezieht sich auf viele Bischöfe, Priester und Laien, die im kirchlichen Dienst standen.

Das war der Ausgangspunkt in Kirche und Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Es kam wie es kommen musste: die antihumanen Kräfte setzten sich durch. Die Kirche in den meisten Regionen und Ländern Europas hatte zu wenig innere Kraft, um sich dem gesellschaftlichen Trend entgegenzustellen. Die Theologen und Kirchenverantwortlichen verzettelten sich in Fragen der Methode, der Ekklesiologie, des Umgangs mit der individuellen Freiheit und verloren mehr und mehr Kraft und gesellschaftlichen Einfluß. Die Antikirchlichen Kräfte gewannen immer mehr an Boden. Parallel dazu gerieten die Demokratien immer mehr in die Krise, bis sie schließlich eine  nach der anderen abgeschafft wurden. Vor allem die Meinungsführer in den Vereinten Nationen kamen zu der Überzeugung, dass ein Atomkrieg nur durch die Abschaffung der Demokratie verhindert werden könne, denn ein beschränktes Wahlvolk neigt zu radikalen und kriegerischen Lösungen.

Ich möchte nun zur Entwicklung der katholischen Kirche hier im oberschwäbischen Schutzbezirk kommen. Wir versuchen, nach den zehn Geboten zu leben, wir versammeln uns jeden Sonntag zur Feier der Eucharistie, die gewöhnlich den ganzen Sonntagvormittag einnimmt. Am Nachmittag feiern die Familien mit ihren Freunden ganz bewußt den Sonntag. Jeder Tag wird in den Familien mit dem gemeinsamen Gebet morgens und abends begonnen und abgeschlossen. Wir legen großen Wert darauf, die Kranken zu pflegen, die Sterbenden zu begleiten und die Toten zu ehren. Wir sind von der Auferstehung des Fleisches zutiefst überzeugt. Von Zeit zu Zeit kommen von draußen die Ethnologen und überfallen uns mit vielen Fragebogen, die wir genauestens ausfüllen müssen. Durch ihre spontanen und meist ungewollten Reaktionen merken wir, dass sie sich wundern über unseren Lebensstil, dass wir froh und zuversichtlich leben, obwohl es bei uns Kranke gibt, obwohl manche unsere Gemeindemitglieder in jungen Jahren sterben, obwohl es auch materielle Not gibt. Sie wundern sich vor allem, dass bei uns ein sehr gutes menschliches Klima herrscht, obwohl das Leiden keineswegs ausgeschlossen ist – wie das bei ihnen angeblich der Fall ist. Manchmal fragen sie uns, wie es gelingen kann, trotz seelischer und körperlicher Leiden froh und glücklich zu leben, bei ihnen draußen gebe es das nicht.

Das, heiliger Vater, ist mein kurzer und auf das Wichtigste beschränkter Bericht, den sie von mir erbeten haben. Gerne teile ich ihnen noch mehr über unsere derzeitige Lebenssituation und unsere Geschichte mit. Ich hoffe, dass sie diesen Bericht erhalten und dass er nicht in die Hände des Geheimdienstes fällt oder gar von diesem entstellt und verändert wird. Man kann sich ja vor solchen Eingriffen nicht schützen.

Und nun küsse ich Ihnen voll Verehrung die Hände. Sie stehen für mich und die meinen an der Spitze der katholischen Kirche, die auf ihrer Wüstenwanderung durch die Zeit unterwegs ist. Es mag Zeiten des Leidens geben, aber auch Zeiten der stillen Freude und Ruhe. Beide kommen aus der Hand unseres Herrn, der derselbe ist bei Euch im Fernen Osten wie bei uns im untergegangenen Europa. Er ist Herr der Geschichte und hält alles in seinen heiligen Händen.

Aus dem schwäbischen Kißlegg grüßt sie Bischof Gregor.

Flucht aus dem „Teutonenzoo“

Johannes und Magdalena hatten es geschafft. Sie hatten die elektronischen Wachen überlistet und waren draußen. Hinter ihnen lag ihre Heimat, das von der UNO garantierte Schutzgebiet, in dem freies katholisches Glaubensleben erlaubt war und blühte. Nun waren sie draußen in der Welt des Einheitsmenschen, der Weltkultur, in der Welt der freien Liebe. Äußerlich unterschied sich die Landschaft, in der sie sich befanden, nicht besonders anders als in der Umgebung von Kißlegg. Freilich zeigte ein aufmerksamer Blick doch, dass die Felder eher Pflanzungen glichen, die Häuser, die sie in der Ferne sahen, hatten wenig Charme oder gar Patina, die Dörfer schienen - jedenfalls aus ihrer Sicht – gut überschaubar und eher gleichförmig angelegt.

Johannes und Magdalena hatten sich während der Vorbereitung ihrer Flucht fest vorgenommen, nicht mit Vorurteilen an die Beobachtung der anderen Welt heranzugehen. Manche ihrer Bekannten hatten ja immer negativ von der Welt draußen – so pflegte man zu sagen – gesprochen. Dort seinen die Menschen normiert, es gebe nichts Ursprüngliches, Gewachsenes mehr. Das hatten Johannes und Magdalena schließlich auch an den Fernsehprogrammen, die von draußen zu ihnen hereinkam, feststellen können. Dennoch wollten die beiden nicht einfach glauben, dass die umgebende große Welt so schlecht war, wie man ihnen das immer wieder gesagt hatte.

Johannes war Schreinermeister, Magdalena hatte Kinderkrankenpflege gelernt und hatte sich nach der Geburt ihrer kleinen Dorothea vor zwei Jahren ganz auf die Sorge um ihren kleinen Schatz konzentriert.

Geflohen war das junge Paar aus ihrer Heimat, weil sie nach Korea fliegen wollten. Sie wollten dort Papst Sing Hua besuchen, um ihm vom Gemeindeleben in dem deutschen Schutzgebiet zu berichten. Etwa ein Jahr lang hatten sie sich vorbereitet auf diese streng verbotene Reise. Sie hatten Leib und Seele hart trainiert, um möglichen harten Proben widerstehen zu können. Schließlich legten die Behörden vor allem auf Wunsch der Ethnologieprofessoren größten Wert darauf, dass die geschützte Bevölkerung sich ohne jeden Kontakt zur Außenwelt entwickelte. Die Gefahr der Entdeckung bestand vor allem dadurch, dass sich Johannes und Magdalena nicht nach den üblichen Verhaltensweisen bewegten. Sie waren gewöhnt, sich nach ihren natürlichen Empfinden zu unterhalten, zu bewegen und zu leben. Sie wußten aber, dass die sonstige Bevölkerung strenge Normen erlernt und eingeübt hatte. Ein falsches Wort, eine falsche Bewegung konnte sie verraten und der Staatspolizei verraten. Sie wußten, dass sie sich möglichst viel in der Öffentlichkeit küssen und umarmen sollten, dass sich Magdalena möglichst freizügig kleiden und manchmal durchscheinende Blusen tragen musste, um der übrigen Bevölkerung nicht aufzufallen. Auch ihre Art zu Sprechen konnte sie verraten, denn schließlich hatten die Schutzzonenbewohner nicht alle Sprachentwicklungen mitmachen können, obwohl gerade die beiden Ausreißer sich monatelang bemüht hatten, die Sprechweise derer draußen zu lernen.

Nun mussten also die beiden nach Überwindung der elektronischen Grenzanlagen den nächstgelegenen Bahnhof zu finden, von dort einen Flughafen, um nach Seoul fliegen zu können. Das Geld war glücklicherweise in der Schutzzone identisch mit dem Geld draußen.

Sie machten sich auf den Weg zu einer Häuseransammlung, die sie von ferne ausmachten, dort begegnete ihnen glücklicherweise ein freundlicher Herr, den sie getrost um die nächste Bahnstation fragten. Sie war nicht weit. Dort am Bahnhof, schon ein paar Kilometer entfernt vom Schutzgebiet, war es weniger gefährlich, sich bei der Auskunft nach dem Weg zum Flughafen München zu erkundigen.

Die Fahrt dorthin dauerte mit Umsteigen drei Stunden. Alles wirkte fast wie eingefädelt. Am Flughafen lösten sie gleich zwei Billets nach Seoul, mußten jedoch erst Amsterdam erreichen, von wo es preiswerte Asienflüge gab.

In Deutschland war bisher alles wunderbar gegangen. Sie waren nicht aufgefallen. Niemand hatte sie angesprochen. Sie fühlten sich nicht beobachtet. Ganz anders war es in Amsterdam. Kaum waren sie aus dem Flugzeug ausgestiegen, als sich Magdalena vom Flughafenpersonal scharf beobachtet fühlte. Sie kam sich wie nackt vor. Der Blick der Männer durchleuchtete sie. Sie hätten fliehen mögen, durfte sich aber nichts anmerken lassen. Sie klammerte sich an Johannes und sie küßten sich auf dem Weg vom Flughafen in den Bus und im Bus fast ununterbrochen, um nicht als fremdartig aufzufallen.

Dummerweise mußten sie in Amsterdam etwa fünf Stunden auf den Anschluß nach Seoul warten. Wohin?  Vor allem um den lästigen Blicken der Männer zu entfliehen. Sie suchten in einem riesigen Wartraum einen Platz, an dem sie möglichst mitten in der wartenden Menge saßen, um vom männlichen Personal nicht weiter verfolgt zu werden. Es war schwierig.

Irgendwann mussten die beiden nun einem menschlichen Bedürfnis nachgeben. Sie suchten die Toiletten, und Magdalena versprach, möglichst lange zu bleiben, damit er sie draußen erwarten konnte. Es kam wie es kommen musste, als Johannes aus der Herrentoilette kam, stand ein Mann in einer seltsamen Uniform vor ihm und orderte, ihm zu folgen. Johannes verunsichert machte Zeichen, er müsse auf seine Frau warten. Der Uniformierte zog in jedoch mit Gewalt am Arm fort, Johannes wollte nicht unangenehm in der Fremde und Menge auffallen und ließ sich ein paar Meter weiter in einen kahlen Nebenraum ziehen. Wenig später kam Magdalena aus der Frauenabteilung – und fand sich alleine vor. Gottlob schien sie niemand zu beobachten. Aber wo war Johannes. War er noch auf der Toilette, war er weggelaufen? Und warum? Kalt lief es ihr über den Rücken. Noch waren sie nicht in Asien, nicht in Korea und schon schien alles zu scheitern. Sie schickte ein paar Stoßgebete zum Himmel. Herr, hilf mir, Herr hilf uns. Du weißt, wir haben uns nicht aus Abenteuerlust auf den Weg gemacht, sondern, weil wir Deiner Kirche dienen wollen. Du weißt, ich bin bereit, das Schlimmste auf mich zu nehmen, aber meine kleine Dorothea braucht mich. Und ich will Johannes nicht verlieren. Herr, wo ist er, lass ihn wiederkommen. Sie konnte sich nicht aufs Gebet konzentrieren, sie hatte solche Angst, solche Sorge. Wo war er? Sie konnte ja auch nicht in die Herrentoilette hineingehen? Schließlich wagte sie den Schritt dort hinein. Laut rief sie im Vorrauch „Johannes“. Doch nur schales Echo kam zurück. Er war also herausgegangen und dann wohl von irgendwelchen Männern entführt worden. Wo war er, wann kam er zurück. O – wie sollte sie alleine die Reise fortsetzen und wieder nachhause kommen. Hatten sie sich zuviel vorgenommen?

Johannes – wenige Meter von ihr – sah sich drei Männern gegenüber: Wo kommst du her, du bist nicht von hier, du gehörst nicht zu uns. Wer  bist du? Fragen über Fragen. Johannes versuchte so gut er konnte, um den Brei herumzureden. Er wollte nicht lügen und kam schließlich doch nicht um eine Lüge herum. Er sei mit seiner Frau beauftragt, in einer Sondermission nach China zu fliegen. Die Regierungsbeamten, die ihn beauftragt hätten, hätten sich aber geweigert, ihm ein entsprechendes Dokument auszustellen. Er könne sich nicht ausweisen, man möge ihn gehen lassen, weil es ihnen selbst sonst schlecht ergehen könne. Die Männer wurden unsicher. Sie entschuldigten sich fast, ihn auf die Seite genommen zu haben. Sein ganzes Auftreten und Verhalten sei ihnen seltsam und verdächtig vorgekommen.

Johannes konnte es kaum glauben, dass sie ihn einfach laufen ließen. Als er die wenigen Meter zurückging, um seine Frau hoffentlich vor den Toiletten zu finden, fand er sie umringt von drei jungen Frauen. Diese bestürmten Magdalena: woher kommst Du, warum verhältst Du Dich so anders, man sieht, dass Du Dich anders bewegst, dass Du anders schaust, anders gehst. Du bist anders. Auch Deine Kleidung scheint uns nicht ganz geheuer. Auch scheinst Du überhaupt nicht geschminkt, warum tust Du das nicht, warum ist Deine Haut so jung ohne jede Pflege, sie schaut aus, wie wenn Du ständig nur mit Pflanzen zu tun hättest. Man könnte fast sagen, Du schaust ganz natürlich aus, ganz anders als das heute üblich ist.

Und dann drängte sich Johannes zwischen den Neugierigen durch zu ihr, die so unangenehm in der Mitte stand.

 

Wo Krankheit ein Verbrechen ist

Dr. Amos Tsadua in der ruandischen Hauptstadt Kigali hatte immer schon Schwierigkeiten mit Schwester Angelika, die vor Jahrzehnten aus Hamburg in die Klinik gekommen war. Sie vertrat so völlig altmodische Ansichten, die in ganz Afrika seit Jahrzehnten überwunden waren. Sie schwärmte von Krankenpflege, Babystationen, Entbindungen, von Altenpflegeheimen und Seniorenclubs. Sie hatte davon in alten Büchern und Zeitschriften gelesen, die sie in Archiven Südafrikas gefunden hatte. Offenbar hatten die Vernichtungsbehörden einiges Material übersehen, was die naive Krankenpflegerin begierig gelesen und sich zu eigen gemacht hatte.

In Ruanda hatte man seit Jahrzehnten europäische Normen für die seltenen Fälle von Krankheit übernommen. Wenn durch ein Versehen ein nicht vollständig gesundes Kind geboren wurde, musste umgehend geforscht werden, warum der Embryo eingepflanzt worden war, obwohl ein Schaden hätte festgestellt werden müssen. Die Ärzteschaft Ruandas war von dieser neuen Gesundheitspolitik völlig überzeugt, die seit Jahrzehnten gut funktionierte. Mit Schauern konnte man in den medizinischen Fachzeitschriften nachlesen, wie Ruanda und andere afrikanische Staaten früher Kranke gepflegt hatten. Wieviel Zeit, Kraft und Geld hatte man damals noch in die Krankenpflege investiert. Die Ärzte Ruandas wußten, dass man heute gesellschaftlich nicht mehr in der Lage wäre, solche Kräfte für kranke Mitbürger zu mobilisieren.

Und nun kam da diese seltsame Weiße aus dem alten Europa, die ihre verträumten Ideen vertrat, dass Krankenpflege und ganz allgemein Zuwendung zu Notleidenden schön sei. Dr. Amos Tsadua hatte immer schon vermutet, dass er eines Tages Schwierigkeiten mit seiner Untergebenen haben würde. Sie dachte zu seinem großen Entsetzen unabhängig. Vielleicht lag der Grund darin, dass sie nie auf eine Universität gegangen war. Sie hatte alles im Fach Medizin und Krankheiten selbständig gelernt. Wo sie sich die Literatur besorgt hatte – das fragten sich ihre Kolleginnen und Kollegen. Man vermutete Bücher aus dem 19. Jahrhundert, in dem noch die Ideologie der Barmherzigkeit und der ganzmenschlichen Zuwendung geherrscht hatte. Nun aber gehörte sie zu dem Team von Dr. Tsadua, der den seltenen Fällen von Krankheit kriminalistisch nachzugehen hatte. Es ging ja in Ruanda ebenso wie in der übrigen zivilisierten Welt darum, Krankheiten ganz auszurotten. Krankheiten waren vergleichbar einfachen Verbrechen. Welche Boshaftigkeit dahinter stand, wurde erforscht. Jedenfalls waren kranke Menschen strafbar. Sie hätten vermeiden müssen, krank zu sein oder sich als Kranke in der Öffentlichkeit zu zeigen. Man arbeitete an der Gestaltung einer leidfreien Welt. Krankenpflege hieß in Ruanda daher genau genommen kriminalistische Arbeit, um die Ursachen von Krankheiten zu erforschen. Die von Krankheit betroffenen mussten daher hinters Licht geführt und ganz einfach belogen werden, weil sie sonst die Arbeit der Gesundheitsbehörden behindert hätten. 

Schwester Angelika wohnte auf eigenen Wunsch ein wenig entfernt von der Gesundheitsbehörde. Sie brachte auch dadurch zum Ausdruck, dass sie mit ihren Vorgesetzten und deren Gesundheitspolitik nicht ganz einverstanden war. Die 50-jährige war Tochter eines deutschen Arztes, der im Jahr 2010 Hamburg verlassen und nach Afrika gegangen war. Hier wollte er auf den Spuren von Dr. Albert Schweizer afrikanische Kranke pflegen und wenn möglich heilen. Im Jahr 2020 hatte er die schwarze Südafrikanerin Mangala geheiratet und fünf Jahre später freuten sie sich über ihre Tochter Angelika. Diese wäre wohl in Hamburg gar nicht geboren worden, denn sie hatte einen leichten gesundheitlichen Defekt. Eines ihrer Beine war um einen Zentimeter kürzer und sie hinkte daher ein wenig.

Wo immer sie in den afrikanischen Großstädten auftauchte, schauten die Menschen hinter ihr her, weil sie hinkte. Sie hatte einmal gelesen, dass ihre Vorfahren den ersten farbigen Afrikanern nach dem zweiten Weltkrieg in Schleswig-Holstein so hinterhergesehen hatten. Angelika hatte sich daran gewöhnt, begafft zu werden. Ein klein wenig war sie sogar darauf stolz, denn sie fühlte, dass in ihr etwas gesünder war als in den meisten anderen Menschen.

Eines Tages kam es zu einem heftigen Zusammenstoß zwischen Angelika und ihrem Chef  Dr. Tsadua. Ein Tourist aus Japan, der sich für mehrere Monate zu Forschungszwecken in Ruanda aufhielt, war nach einem kleinen Autounfall in das medizinische Forschungszentrum Kigali eingeliefert worden. Als er nun in einem Krankenhemd in seinem Bett lag, erblickte die Schwester zu ihrem großen Erstaunen, an seinen Beinen einen starken Ausschlag. Weil derartiges in Kigali seit Jahren weder vorkam noch vorkommen durfte, schwieg sie zunächst über ihre Entdeckung. Nach einigen Tagen hatte sie jedoch solche Schlafstörungen, weil sie sich verpflichtet fühlte, dieses Verbrechen anzuzeigen. Ausschlag war Krankheit, Krankheit war strafbar. Im Forschungszentrum lagen nur Verbrecher, deren gesundheitliche Störungen zur Forschung benutzt wurden. Seit sie den Ausschlag gesehen hatte, wußte sie, dass der Japaner eigentlich von der Abteilung der Autounfallopfer in die Verbrecherabteilung verlegt werden musste. Die besagte Schwester war mit Angelika befreundet – obwohl solche Freundschaften von Angestellten in Forschungszentren eigentlich verboten waren. Die Behörden befürchteten zu Recht, dass das Personal nicht alle Krankheiten der Gesundheitspolizei anzeigten. Nun ging die Schlaflosigkeit auf Angelika über. Freilich war sie in solchen Anfechtungen schon geübter, denn sie wußte, dass sie eine Außenseiterin war. Auch wußte sie, dass Außenseitertum zwar verboten, aber doch unter der Hand geduldet wurde, denn Außenseiter wußten mitunter mehr als die Polizeibehörden und konnten daher abgeschöpft werden. Angelika aber war nicht die Person, die Schlaflosigkeit wegen schlechten Gewissens hinzunehmen. Eines Tages sagte die ihrem Chef: ich kenne einen Fall von interessantem Ausschlag, den wir hier in Ruanda seit Jahrzehnten nicht hatten. Ich würde mich dieses befallenen Japaners gerne annehmen. Vielleicht können wir ihn heilen, jedenfalls können wir ihm menschlich nahe sein, denn der Ausschlag dürfte – nach dem was ich gehört habe - außerordentliche Juckreize erzeugen. Tsadua wurde wütend: Wie können Sie? Sie machen sich mit Verbrechern gemein, sie tolerieren sie und unterstützen sie sogar. Was faseln Sie von menschlicher Nähe? Womöglich denken Sie sogar an Barmherzigkeit? -  sie romantische Europäerin. Sie sind wohl von vorgestern. Sie haben zu viele deutschen Märchen und Sagen gelesen, dieses christliche Zeug!

Wenn Sie mir nicht sofort den Namen dieses verdammten Japaners sagen, zeige ich Sie der Kollaboration mit Staatsfeinden an.

Angelika: gemach, lieber Chef. Ich werde doch keinen armen Kranken Ihrem System ausliefern.

Wenn Sie mir nicht spätestens morgen Namen und die genaue Abteilung angeben, wo der Japaner zu finden ist, dann sind Sie selbst dran.

Angelika traf sich abends mit der Kollegin. Was tun? Angelika wußte ja bisher weder Namen noch die Abteilung, wo der Japaner lag. Sie wollte es herausbringen und ihm helfen – oder wenigstens mehr von ihm wissen. Die Kollegen vertraute ihr beides an. Eine Stunde später war Angelika bei ihm. Als Ausländer konnte man ihn nicht so abschirmen, wie andere Patienten abgeschirmt wurden.

Angelika stellte sich vor, sagte, dass Sie aus Hamburg gekommen sei – wissend, dass es traditionell gute Beziehungen zwischen Deutschen und Japanern gab.

Sie fand beim Patienten volles Einverständnis. Er war wütend über das ruandische Krankheitssystem. Es ging ihm ja in seinem Beruf darum, zu erforschen, wie die afrikanischen Staaten im Lauf der letzten Jahrzehnte durch die früheren Industriestaaten dem Weltsystem angeglichen worden waren. Angelika und Professor Jagotushi – so hieß der Patient – fühlten sich bald als Verschwörerteam. Es verband sie auch ein unbändiger Mut, sich dem Krankheitsausrottungsplan zu widersetzen. Nach mehrstündiger Beratung stand für beide fest: Der Professor sollte mit Hilfe der Botschaft Tokyos nach Japan zurückfliegen, Angelika sollte untertauchen. Beide wollten aber fernmündlich in Verbindung bleiben, um wenigstens einen kleinen Keil in das Krankenvernichtungssystem zu treiben. Sie waren sich bewußt, dass die Erfolgschancen gering waren, dass sich vor allem Angelika in eine lebensgefährliche Situation hineinmanövrieren würde. Sie war sich seit Jahren bewußt gewesen, dass sie eines Tages einen Kampf auf Leben und Tod würde aufnehmen müssen und sah, dass der Augenblick dafür gekommen war. Angelika ging also nicht mehr zur Arbeit, sie wußte, dass ihre Aufsichtsbehörde sich nun für ihr Privatleben interessieren würde. Dr. Tsadua würde die Polizei informiert haben. Welch ein Glück für sie, dass sie seit Jahren rund 100 Kilometer von Kigali in den Bergen ein Art Hütte hatte. Kein Mensch wußte davon, ein ideales Versteck für Monate, wenn nicht für Jahre. Sie konnte sich dort auch in der Umgebung mit den nötigsten Lebensmitteln versorgen. Sie war bei den dortigen Geschäften zwar als weiße Europäerin bekannt, aber ihren Namen und ihre Wohnung kannte niemand. Sechs Wochen nach der Flucht von Professor Jagotushi aus Ruanda, erhielt sie von ihm eine Mail: Er hatte Kontakt zur Uno und zur Regierung in Peking aufgenommen. Beide Einrichtungen hatten seit Jahren gewisse Zweifel an dem weltweit üblich gewordenen Krankenunterdrückungssystem geäußert. Ihre Wissenschaftler hatten festgestellt, dass durch die Ausrottung von körperlichen Krankheiten die seelische Temperatur in vielen Ländern merklich gesunken war. Dies wiederum hatte Auswirkungen auf die allgemeine Kriminalität. Viele Länder hatten ihre Polizei- und Sicherheitsaufwendungen nicht nur verdoppeln, sondern verzehnfachen müssen. Nun waren die Fachleute am berechnen, wieviel Krankheiten die Menschheit braucht, um die Polizeikosten senken zu können.

All dies war natürlich in Ruanda völlig unbekannt. Hier hatte die Regierung erst nochmal ein härteres Krankenunterdrückungsprogramm aufgelegt.

Die viel fortschrittlicheren Chinesen hatten sich an ihre alten konfuzianischen Weisheiten erinnert. Es waren Regionen und in diesen Dörfer und Familien ausgesucht worden, in denen Kranke liebevoll gepflegt wurden. Ja man sorgte sich sogar wieder bis zu ihrem natürlichen Tod. Und siehe da, die Aufsichtsbehörden stellten fest, dass die Sorge für Kranke, Alte und Sterbende die Menschen pazifizierte. Junge kraftstrotzende Männer gaben sich liebevoll der Pflege Hilfsbedürftiger hin. Mädchen lernten, was ihre Ururgroßmütter aufgegeben hatten: Vorlesen, Handhalten, einfach Dasein. Sogar das längst ausgestorbene Rosenkranzbeten wurde wieder aufgenommen. Es hatte eine unglaublich heilende und friedenstiftende Wirkung. Es war aus durchaus unreligiösen Gründen aus Christentum und Islam in die anderen Kulturen und Religionen übertragen worden.

All dies stand in den Mails, die Angelika aus Japan erreichten. Er forderte sie nun eindringlich auf, Ruanda heimlich zu verlassen und mit ihm nach Australien zu fliegen, um dort die zuständigen UNO-Beamten zu kontaktieren.

Angelika gelang es tatsächlich, sich mit ihrem Auto unbemerkt, bis zum Flughafen von Kigali durchzumogeln. Dort hatte sie einen Bekannten, der ihr die Ausreise ermöglichte. Im gleichen Maß wie die Kontrollorgane gewachsen waren, hatten auch die Schleichwege zugenommen. Mit ein wenig Geld konnte man sich fast alles erschleichen. Angelika hatte sparsam gelegt und etwas Schmiergeld auf die Seite legen können.

Sie weinte, als sie im Flugzeug saß und Kigali unter sich verschwinden sah. Soviel Herzblut hatte sie hier investiert! Wollte sie dies System sprengen, mit dem man in den meisten Ländern Afrikas mit Kranken umging, so blieb ihr -  wenn überhaupt – nur der Weg von außen. Innerhalb des Landes und des Systems war es nicht zu sprengen. Sie wußte: ich verlasse das Land der tausend Hügel nur, weil ich ihm helfen will, nicht weil ich fliehe.

Recht aus dem Automaten

Endlich hatten die beiden Jurastudenten in Teheran eine Geschichte der Rechtsprechung in Europa und den USA gefunden. Sie hatten monatelang übers Internet in Archiven gesucht. Offenbar waren die meisten Geschichtsbücher absichtlich dem Zugriff der Studenten entzogen, vielleicht sogar vernichtet worden. Doch es war den Behörden anscheinend nicht vollständig gelungen, denn nun hatten

Ibrahim und Moussa endlich einen Schmöker in der Hand, in dem ausführlich über die Entwicklung der Rechtsprechung gehandelt wurde. Sie kamen aus dem Staunen nicht heraus, wie sehr sich das Gerichtswesen im modernen Iran von dem alten europäischen unterschied!

Im Iran konnte man – wie in den meisten mittelöstlichen Ländern – sein Urteil in Zivil- und sogar in Strafprozessen aus den sogenannten Rechtsautomaten holen. Endgültig war dies System erst im Jahr 2066 eingeführt worden. Voraussetzung war nämlich die Lieferung der Rechtsautomaten, die besonders in der Mongolei hergestellt wurden. Ihr System war denkbar einfach: Es bestand in Wahlmöglichkeiten auf einem Bildschirm, wie sie in den Anfangsjahren der PC-Industrie auf Bahnhöfen für die Suche und den Ausdruck von Fahrkarten benutzt worden waren.

Auf den vielen öffentlich zugänglichen Bildschirmen stand die Grundfrage: Brauchen Sie Auskunft in einem Zivil- oder Strafprozess? Bitte tippen Sie. Wir landen beim Strafprozess: Wählen sie das Verstoß in den angezeigten Beispielen. Wir wählen Diebstahl. Tippen Sie bei den Möglichkeiten: vermuteter Geldwert des Diebsgutes, Bestohlener, Zeitpunkt und Ort. Wenn Sie meinen, den Namen des Diebes zu kennen, geben Sie ihn ein. Wenn Sie ihn nicht kennen, tippen Sie „unbekannt“. Warten Sie, der Automat berechnet.

Die Rechtsprechung in allen zivilisierten Ländern funktionierte auf diese Weise. Nur so war es möglich, Rechtsbeugung zu überwinden.

Die Rechtsanwälte und Richter waren im Lauf der Jahrzehnte so bestechlich geworden, dass die Justizministerien auf die Rechtsautomaten gekommen waren. Es hatte sich durch Jahrzehnte immer deutlicher gezeigt, dass immer nur derjenige Recht bekam, der sich den teuersten Anwalt leisten konnte. Das aus der alten Römerzeit stammende Recht war so verfeinert und differenziert worden, dass jeder Anwald aus der Gesetzteslage das ableiten konnte, was dem Portmonaie seines Klienten entsprach. Auch stellte sich durch die Globalisierung heraus, dass eine Sprung über die Landesgrenze jede Rechtsauslegung erlaubte.

Anfangs waren die Rechtsautomate nur in den USA üblich. Freilich kostete ihre Nutzung recht viel. Abgesehen von den Wartungs- und Abschreibungskosten verdiente der Staat nicht schlecht an den Rechtsprechungsmaschinen. Denn Rechtsstreite und Vergehen gab es überall und immer. So war nichts näher liegend als die Automaten einzuführen.

Freilich zeigte sich gerade auch in den Ländern des nahen und mittleren Ostens, wo die Vereinheitlichung des Menschen noch wenig fortgeschritten war, dass die Automaten sich nicht allen Lebensumständen anpassen konnten. Es gab zwar keine Berufung gegen ihr Urteil, aber die Bürger waren doch mit vielen Rechtssprüchen sehr unzufrieden. Es gab verbreiteten Ärger und viele versuchten daher, sich brachial Recht zu verschaffen. Ja das Faustrecht erlebte eine Auferstehung. Gerade zahlreiche Männer fragten nicht mehr nach dem Recht, bedienten sich nicht mehr der Rechtsmaschinen, sondern holten sich das mit Gewalt, was ihnen nach ihrer Auffassung zustand.

Die beiden Studenten in Teheran gehörten nun zu den wenigen, die sich kaum an der Weiterentwicklung der Rechtsmaschinen beteiligten. Die meisten ihrer Kollegen waren Programmierer, die Antworten auf neue Fragen in die Rechtsprogramme einspeisten. Zu diesen Fragen gehörte – um nur ein beliebiges Beispiel zu nennen - ob ein eine Firma in Japan das Recht hatte, französisches Mineralwasser zu den gleichen Tiefpreisen zu bekommen wie die us-amerikanischen Firmen.  Oder: ob ein Arzt in Neuseeland verpflichtet werden kann, die Implantation eines Fötus aus dem Sperma eines US-Boxers mit der Eizelle einer Mulattin aus Brasilien vorzunehmen. Er sollte den Foetus nämlich in den Schoß einer Südseeschönheit einpflanzen und weigerte sich nachdrücklich. Ein weiteres Beispiel: Ein deutscher Philosoph wollte kluge Kinder. Da ihm seine Frau aber nur mehrere schwach begabte geboren hatte, verlangte er dass sie sich einer Gehirnoperation unterziehen sollte. Dadurch sollte ihre Gehirnmasse verdoppelt und die Chance intelligente Kinder zu bekommen, vergrößert werden. Die Frau weigerte sich. Die Kommilitonen unserer beiden Jurastudenten nahmen an einem Seminar teil, in dem Professor Talamuno sich mit der Frage auseinandersetzte, ob Ehepaare einander Gehirnoperationen zumuten durften. Es gab keine einschlägigen Gesetze.

Ibrahim und Moussa lasen nun nächtelang in dem alten Schmöker mit der Geschichte der Rechtssprechung in Europa und Nordamerika. Sie kamen aus dem Staunen nicht heraus. Damals hatte es in Restbeständen noch philosophische Grundlagen der Rechtssprechung gegeben. Man ging von der gleichen Würde aller Menschen aus. Man setzte voraus, dass alle Menschen gleiche Rechte haben. Dahinter stand die aus dem Christentum übernommene Vorstellung davon, dass jedes neugeborene Kind auch ein Kind Gottes sei und es daher unendlichen Wert hatte, dass sein Leben unantastbar war. Dass das Recht eines armen Menschen gleiches Gewicht haben sollte wie das Recht des Reichen. Alles Vorstellungen, die hinter der Rechtsprechung der Automaten völlig zurückgetreten waren.

Wie – so fragten sich Ibrahim und Moussa – war es dazu gekommen, dass man diese philosophischen Voraussetzungen der Rechtsprechung vergessen hatte? Wieso hatte man diese Vorstellungen nicht kultiviert und tradiert? Auf ihnen hatte ja nicht nur der Rechtsstaat basiert, sondern auch die untergegangene Kultur des Zusammenlebens von Menschen verschiedenster Herkunft. Die beiden wußten um die vielen Gewalttaten, weil viele Menschen im mittleren und nahen Osten sich durch die Rechtsautomaten mißverstanden und ungerecht behandelt fühlten. Sie hatten offenbar die Schematisierung des Denkens noch nicht so gut und vollständig integriert, wie das bei den Bevölkerung in entwickelteren Staaten gelungen war. Ehrgeizig wie Ibrahim und Moussa nun waren, machten sie sich daran, heimlich Pläne zu entwickeln, wie die Gesellschaft des Iran sich wieder von den Rechtsmaschinen trennen und zu einem Rechtssystem zurückkehren konnte, das auf geistigen Grundlagen beruhte, die den Menschen als freie Persönlichkeit und nicht als intelligente Maschine sah. Die beiden wußten, dass sie bei dieser Bemühung auf allergrößte politische Schwierigkeiten stoßen würden. Nicht nur das Justizministerium in Teheran würde alle Geschütze auffahren, um ihre Pläne im Keim zu ersticken. Sie würden bei Entdeckung mit schwersten Gefängnisstrafen rechnen müssen. Aber vor allem Weltjustizbehörde in Australien würde gegen Teheran vorgehen, wenn im Ausland bekannt würde, dass an der Universität der iranischen Hauptstadt am System der Rechtsmaschinen gerüttelt wurde. Es gab Beispiele von anderen Ländern in aller Welt, wo Systemveränderer durch die Medien zur Aufgabe ihrer Pläne gezwungen worden waren. Auf polizeilichen Druck hin waren durch die Medien Menschenmassen mobilisiert worden und hatten die vermeintlichen Umstürzler gezwungen, ihre Pläne aufzugeben. Den Massen war mitgeteilt worden, die Aufständischen wollten sich Atomwaffen anschaffen.

Die beiden Untergrundjuristen fragten sich nächtelang, wen sie als Mitwisser ihre Pläne gewinnen könnten, wie sie ihre Ideen in die tragenden Kreise einfließen lassen könnten, welche Argumente sie einsetzen könnten.

Sie sahen vor allem zwei Menschengruppen als mögliche Verbündete: die einfache Landbevölkerung, die es im Iran immer noch gab. Dort gab es noch Männer und Frauen, deren Denken vom internationalen Denksystem unabhängig waren, die sich noch der überkommenen Logik bedienten, die noch relativ angstfrei lebten und in denen Männer leider auch immer noch ihre Rechtshändel mit brachialer Gewalt untereinander ausforchten. Wer hier die bessseren Muskeln hatte, hatte Recht. Das galt den Jurastudenten zwar keineswegs als ideal, aber sie meinten, dass hier noch ein Rechtsempfinden vorhanden war, auf das sie aufbauen konnten. Hier herrschte noch nicht der Geist des Rechts aus dem Automaten, sondern hier hatten die Menschen ein grundlegendes Gefühl für Recht und Unrecht, nur dass sie ihr Recht eben nicht mit Hilfe von Anwälten und Richtern einklagten, sondern mit Hilfe der Fäuste.

Die andere Gruppe, die unsere Rechtsrevolutionäre als Verbündete suchten, waren die Nachdenklichen unter den Intellektuellen. Da gab es Schriftsteller, Musiker, Historiker. Sie hatten außerhalb des öffentlichen Lebens gleichsam Spielwiesen, die ihnen die Regierung in Teheran gerne überließ, denn so waren sie keine Gefahr für das gesamte politische und rechtliche System. Diese nachdenklichen Intellektuellen aber ließen manchmal durchblicken, dass der modernere Menschentyp, der im Lauf der letzten Jahrzehnte herangewachsen und auch gezüchtet worden war, im Grunde genommen ein wenig langweilig war. Sie träumten von Menschen, die selbständiger und unabhängiger als der moderne Mensch denken und sich entscheiden konnte, wo Hass und auch Liebe eine größere Rolle spielte, wo es noch viel mehr Enttäuschungen und Hoffnungen gab, wo sich Dramen abspielten, weil menschliche Konflikte noch nicht mit Drogen und harmlosen Medikamenten beigelegt wurden. Manche dieser Intellektuellen sammelten heimlich alte Schicken mit den Dramen von Shakespeare und Thukydites, Gedichte von Rilke und Romane von Dostojewski. Sie fanden hier den Stoff, der in der jüngsten Zeit ausgestorben oder unterdrückt worden war. Des Menschen Freude und Leid, seine Hoffnungen und Niederlagen machten als Untergrundliteratur die Runde.

Diese Intellektuellen, von denen man im Grunde genommen nichts wissen durfte, waren die zweiten Hoffnungsträger der Untergrundjuristen.

Sie wußten, dass die Wiederentdeckung des alten Menschenbildes Jahrzehnte dauern würde, erst recht die Wiedereinführung eines philosophisch getragenen Rechtsprechungssystems. Aber als junge Menschen waren sie idealistisch genug, sich auch Träumen hinzugeben.

Doch eines Tages kam, was kommen musste. Ihre nächtlichen Gespräche und Überlegungen waren von aufmerksamen Nachbarn bemerkt und angezeigt worden. Ihre Skizzen waren der Polizei übergeben worden, und sie wurden getrennt und in eine staatliche Denkschule verbracht, wo ihre kranken Hirnstukturen repariert werden sollten. 

Freilich landeten ihre hingekritzelten Papiere in einem Polizeiarchiv. Es heißt, dass sie zwanzig Jahre später von einem Historiker gefunden wurden und er derzeit daran im Geheimen arbeitet, um sie fortzuführen und möglicherweise einmal zu realisieren. Aber noch gibt es die Rechtsmaschinen. Sie wurden auf den neusten Stand gebracht, sodass alle Rechtsstreitigkeiten über die Herstellung von Menschen und Tieren, über die Transpantation von Erbanlagen, über Organersatzhandel, über Rechtsabtretungen im Umweltbereich, über Tierregenerationsfragen und vieles mehr schnell und preiswert entschieden werden konnten. Die Menschheitsfamilie funktionierte fast reibungs- und konfliklos, auch weil das Humangenom vereinheitlicht und die menschliche Hirnfunktion auf das öffentlich geregelte Denken ausgerichtet waren.

Über die Rehabilitation der traditionellen Religionen

Papst Papst Sing-Hua I. öffnete einen Brief mit zitternden Fingern. Auf der Rückseite des Umschlags stand: Generalsekretär der Vereinten Nationen. Man erhielt nicht jeden Tag Post aus dem Glaspalast in Australien. Nicht einmal als Papst und Oberhaupt von einer halben Milliarde Katholiken, die zum größten Teil im fernen Osten lebten.

Als er den Umschlag geöffnet hatte, entfaltete er den großen pastelfarbenen Briefbogen – wieder mit zitternden Händen. Natürlich war der Brief in Chinesisch abgefasst. Der Papst las: Euer Heiligkeit Sing Hua! Erlauben Euer Heiligkeit, dass ich mich mit einem großen Anliegen der Weltgemeinschaft an Sie wende. Worum es sich handelt, muss unter uns völlig geheim bleiben. Von diesem Schreiben wissen nur der Dalai Lama, der ehemalige Leiter von Scientology, ein herausragender hinduistischer Theologe in den Bergen Nordindiens und der Präsident Brasiliens, ein persönlicher Vertrauter und Berater von mir.

Meine Frage und Bitte an Sie als den Führer der größten geschlossenen religiösen Gruppe der Erde: Könnten Sie uns helfen, die traditionelles Religionen wieder zu rehabilitieren oder richtiger zum wirklichen Leben zu erwecken? Ich erkläre Ihnen den Grund dieses Wunsches. Weltweit hat sich im Lauf der letzten Jahrzehnte gezeigt, was die Menschheit verloren hat durch den Untergang und die Vernichtung der traditionellen Religionen. Lassen Sie mich drei Punkte darstellen: Worin zeigt sich das Fehlen der traditionellen Religionen? Warum sind sie unterdrückt worden? Was erhoffen wir von ihnen?

Worin zeigt sich das Fehlen der traditionellen Religionen: Die Weltmaschine läuft zwar, die Menschen produzieren und konsumieren, sie kaufen und verbrauchen, die Wirtschaft läuft, sodass nahezu alle beschäftigt und damit keine Störfaktoren in der Gesellschaft sind. Sie wählen fast ausschließlich, was die Meinungsforscher ihnen vorschreiben. Wenn nötig ziehen sie in den Krieg und geben ihr Leben zum Kampf gegen Unangepasste. Doch die Humandefizite sind nicht zu übersehen: 25 Prozent der Todesfälle sind Selbstmorde, die Nachfrage nach Drogen steigt ohne Ende, die Produktionsländer kommen nicht nach und die Arbeitsausfälle durch Drogen nehmen zu. Auch Gewalttaten lassen sich nicht ganz vermeiden, die Polizeikontingente müssen ständig vergrößert werden. Immer neue Krankheiten tauchen auf, es ist unmöglich als Kranken als Verbrecher zu behandeln. Immer wieder werden gesundheitlich geschädigte Kinder geboren, weil ihre Embryos nicht getestet wurden. Dies nur einige Schäden, die wir mit den traditionellen Mitteln der Gesellschaft nicht in den Griff bekommen. So haben unsere Vordenker in ihren Historien geforscht, wie unterentwickelte Perioden mit diesen Schäden umgegangen. Sie stießen auf das Phänomen der traditionellen Religionen. Gemeint sind damit die echt in der Kultur verankerten Glaubensgemeinschaften: neben den abrahamitischen des Christentums, Judentums und Islam, Hinduismus, Buddhismus, Taoismus, Shintoismus in gewissem Sinne auch Konfuzianismus und die vielen Naturreligionen Afrikas und Lateinamerikas.

Warum waren diese Religionen seinerzeit unterdrückt worden? Nur wenn wir diese Gründe kennen, können wir uns mit ihrer Wiederbelebung befassen.

Die damaligen Weltmanager hatten erfahren, dass ihre Einflußmöglichkeit durch die Religionen begrenzt wurden. Religionsanhänger waren weniger manipulierbar, waren freier, unabhängiger. Sie richteten sich in ihrem persönlichen und leider auch in ihrem politischen Verhalten nach sogenannten transzendenten Maßstäben. Das heißt, sie ordneten ihr Tun nach Maßstäben, die ihnen ihr Glauben gab. Dieser war durch Überzeugungen von unsichtbaren Gegebenheiten getragen. Damit waren sie bis zu einem gewissen Grad nicht unterwerfbar, nicht handhabbar, unverfügbar. Manche von ihnen trieben es soweit, dass sie beseitigt und daher sogar für die ihren vorbildlich wurden. Manche der Religionsanhänger mißbrauchten ihren religiösen Glauben sogar für die Rechtfertigung von Gewalttaten. Es wurde immer deutlicher: die traditionellen Religionen müssen verschwinden, wenn die Welt konfliktfrei funktionieren soll.

Einige Wissenschaftler versuchten, selbst Religionen zu erschaffen und die religiösen Bedürfnisse der Menschen auf sie umzulenken. Es gab ganze Konzerne, die davon lebten, religiöse Bedürfnisse zu produzieren und zu befriedigen. Doch nach gewisser Zeit zeigte sich, dass die selbst produzierten Religionen nicht dem entsprach, was religiöse Menschen suchten. So machte man sich erfolgreich daran, die traditionellen Religionen zunächst zu diskreditieren, lächerlich zu machen. Das einfachste war, Spaltung in die Religionsführer zu tragen, sodass sie sich gegenseitig ausschalteten oder dem Spott preisgaben. Nach harten Kämpfen gelang es, die Religionen als hoffnungslos rückwärtsgewandt und unangepaßt zu stigmatieren. So beschloss man, um den harten Kern der Religionen eine Art Zaun zu errichten, sie zur Schutzzone zu erklären. Innerhalb dieser konnten die Unveränderlichen sich willkürlich entfalten, aber sie waren in ein Ghetto abgeschoben, diskriminiert. Mit einem Wort: Religionen störten die öffentliche Ordnung, daher musste man sie beseitigen.

Was erhofft nun die Weltgemeinschaft von den Religionen?

Ich komme einfach mit Bitten, ich kann nicht fordern. Die Weltgemeinschaft erhofft von den Religionen Hilfe: Hilfe zur Gestaltung der Weltgesellschaft, Hilfe zur Erhaltung von Frieden und Gerechtigkeit, Hilfe zur Lösung der Probleme der Menschen, Hilfe zur Orientierung der Menschen, die nicht wissen, warum und wozu sie leben. Wir erbitten von den traditionellen Religionen einen Beitrag, um den Menschen einen Lebenssinn zu zeigen. Nur wenn sie einen Sinn sehen in ihrem Leben werden sie mit dem Leben selbst fertig werden.

Hochverehrter Heiliger Vater – so schloss der Brief des Generalsekretärs der Vereinten Nationen – Ich kann ihnen als Politiker nicht sagen, was Religionen uns geben können. Das können nur die Religionen selbst. Wir aber, die wir die Gesellschaft vertreten, haben die große Hoffnung, dass die Religionen uns aus der Sackgasse heraus führen können, in die wir – nach der Auffassung der hellsten Köpfe in den Vereinten Nationen – geraten sind.

Darf ich Sie nun höflichst bitten, mir Ihre Ansicht über die ganze Fragestellung mitzuteilen und wenn irgend möglich auch, ob und wie Sie uns durch die katholische Religion helfen können. Ich sehe Ihrer Antwort mit großem Interesse entgegen und grüße Sie ehrfurchtsvoll  vom Sitz der Vereinten Nationen

Ihr

Dr. Bert Folkswangen

Generalsekretär der Vereinten Nationen

Der Papst legte den langen Brief auf die Seite und atmete tief. Welch eine Herausforderung, welch ein Vertrauen, welch eine Aufgabe. Fast nichts in dem Brief war ihm neu. Lange Jahre hatte er die Entwicklung der Welt außerhalb der Kirche beobachtet und mit seinen Mitarbeitern besprochen. Jahrelang hatte er auch versucht, die allerschlimmsten Auswirkungen der dominanten Weltkultur in den Bereich der Kirche zu verhindern. Nun also wurde die Religion wieder gebraucht. Neben dem Ärger über die weltweit verbreitete Ignoranz über Religion überwog jetzt bei ihm doch die Freude, dass dem religiösen Glauben offenbar doch wieder eine Tür geöffnet würde und dass man erkannte, bisher auf einem falschen Weg gewesen zu sein.

Sogleich schrieb er auf seinem tragbaren PC eine Einladung an einige seiner Berater. Wichtig waren ihm dabei der Religionswissenschaftler, der Psychologe, der Soziologe, der Pädagoge, der Eheberater und dann am allerwichtigsten die Fachleute für Exegese und Dogmatik. Diese Gruppe saß nun etwa zwei Wochen lang in Klausur und beriet. Wichtig schien allen, dass die Kirche deutlich macht, sie ist bereit Verantwortung zu übernehmen aber dass Religion nicht als Sozialtherapie oder Medizin mißbraucht werden darf. Religion müsse bleiben die freie Entscheidung einer reifen Persönlichkeit für einen transzendenten Wert und Glaubensgehalt. So entstand denn in mühsamen Beratungen, die von stillen Gebetszeiten unterbrochen waren, ein Brief des Papstes. Hier sein Text:

„Verehrter Herr Generalsekretär der Vereinten Nationen,

ich danke Ihnen im Namen der katholischen Kirche für Ihr Schreiben und die Bitte um Hilfe. Ich habe mich mit meinen Ratgebern und Fachleuten verschiedenster Disziplinen ausführlich beraten. Hier ist die Antwort auf Ihre Bitte und Frage:

Als erstes müssen wir feststellen: Religionen sind keine menschlichen Produkte, die man nach Belieben herstellen und dann auch wieder abschaffen kann. Auch wenn hinter jeder Religion ganz menschliche Erfahrungen und Erlebnisse stehen, so sind ihre Anhänger doch davon überzeugt, dass Gott oder eine jenseitige Kraft und Macht durch die menschlichen Phänomen zu ihren spricht. Der Gründer oder Autor jeder Religion ist Gott und nicht der Mensch.

Das ist die Innensicht der Religionen. Man kann dagegen einwenden, wenn man mit einem Außenstehenden kommuniziert, müsse man diese Innensicht aufgeben, um sich verständlich zu machen. Dagegen sage ich im Namen des katholischen Glaubens: Letztlich kann keine Glaubender einem Nichtglaubender seinen Standpunkt verständlich machen. Jedes seiner Worte wird dem Draußenstehenden unbegründet und unverständlich scheinen. Wer aber den Sprung des Glaubens gewagt hat, wird die Richtigkeit des aus Glauben Gesprochenen  erkennen. Kurz: dem Nicht-Glaubenden ist der Inhalt des Glaubens immer unverständliches Geheimnis, Mysterium. Dieses Hinderniss können die Glaubenden nicht wegschaffen.

Der Hinweis auf diese Tatsache war notwendig, damit Sie verstehen können, warum Religion nicht einfach als Sozialtherapie eingesetzt oder gar mißbraucht werden darf.

Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch an die Tatsache, dass im Anfang des 21. Jahrhunderts, etwa als Benedikt zum Papst gewählt wurde, viele Einrichtungen versuchten, religiöse Bewegungen zu schaffen. Sie sind letztlich alle gescheitert, weil jeder Mensch im Tiefsten weiß: Religion kann man nicht machen, produzieren, sie wird einem geschenkt. Selbstgemachte Religionen sind Betrug.

Das zum Hintergrund für unsere Antwort: Wir sind bereit, durch den katholischen Glauben beizutragen, die Sackgasse zu verlassen, in die die Menschheit durch die Unterdrückung der Religion geraten ist.

Damit wir aber nicht schon bei den ersten Schritten scheitern, möchte ich hier einige Eckpunkte nennen. Wenn diese nicht beachtet werden, ist unsre Mitarbeit sinnlos und Ihr Projekt zum Scheitern verurteilt.

Wir müssen den Begriff der Wahrheit rehabilitieren. Ich knüpfe hier an die Schriften von Papst Benedikt vom Beginn des 21. Jahrhunderts an. Er hatte damals oft darauf hingewiesen, dass der Begriff der Wahrheit diskreditiert worden sei. Im Bereich der Religion gebe es nicht Wahrheit, sondern nur Gefühl oder Vermutung. Es sei unsinnig bei Religion von Wahrheit zu sprechen. Wahrheit gebe es nur in den exakten Naturwissenschaften. Er hatte damals eindringlich gefordert, die Vernunft wieder auf den Sockel zu heben. Human werde eine Gesellschaft nur, wenn Vernunft und Glaube Hand in Hand gingen. Einer der Hauptfeinde von Papst Benedikt waren der Mythos der Wissenschaft und des Fortschritts.

Also, um der Menschheit zu helfen, muss die menschliche Vernunft wieder dahin zurückkommen, dass es Wahrheit gibt, Wahrheit auch im Bereich der Religion.

Ein zweiter Eckpunkt ist: Rückkehr zu Fairness. Es ist heute wohl allgemein bekannt, dass die Religionen zerstört wurden durch unfairen Umgang mit ihr. Religion wurde systematisch und mit staatlicher Unterstützung unfair behandelt. Über religiöse Ereignisse und Personen durften in den Medien ungestraft die größten Dummheiten verbreitet werden. Was im Bereich von Sport, Wirtschaft und Kultur streng verboten gewesen wäre, galt nicht im Bereich der Religion. Sie durfte straflos an den Pranger gestellt werden. Der Staat darf Religion nicht verordnen, aber er muss auch verhindern, dass sie lächerlich gemacht wird. Ohne Fairness der Religion gegenüber sind wir nicht bereit am Aufbau einer humanen Gesellschaft mitzuarbeiten.

Dritter Eckpfeiler: Die Grundwerte jeder menschlichen Gesellschaft sind durch den Staat zu schützen. Ich denke dabei vor allem an: Lebensrecht: das Leben jedes Menschen von Zeugung bis zum natürlichen Tod muss geschützt werden. Angriffe auf das Leben sind absolut strafbar. Die Grundlage jeder Gesellschaft, nämlich die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau muss in ihrer Einzigartigkeit geschützt und gefördert werden. Soziale Gerechtigkeit ist ein Postulat. Jedes Eigentum verpflichtet zu solidarischer Tätigkeit. Der Staat darf nur das an sich ziehen, was untergeordnete soziale Einrichtungen nicht leisten können. Gewalt zur Erreichung politischer Ziele ist verboten, Verteidigung ist erlaubt. Es handelt sich im Wesentlichen um Gebote, die in der einen oder anderen Weise in allen Religionen gelten.

Zu einem vierten Eckpunkt sind wir damit gelangt. Die Gesellschaft kann nur gut gedeihen, wenn verschiedene Gewalten streng geteilt sind: Regierung muss streng vom Parlament unterschieden werden. Diese beiden von der Rechtsprechung. Das sind die drei klassischen Gewalten. Längst sprach man auch von der vierten Gewalt, den Medien. Da über sie – im Unterschied zu den drei klassischen Gewalten - das Denken der Bürger erreicht und beeinflußt wird, sind sie mit besonderer Sorgfalt einzurichten. Die Medien müssen vom Staat ebenso unabhängig sein wie von rein ideologischen und ökonomischen Interessen. Wenn einem Medium eindeutige Fehlinformation aufgrund ideologischer Einseitigkeit nachgewiesen werden kann, ist es durch ein unabhängiges Gericht zu verbieten. Bürger müssen die Möglichkeit haben, sich wegen ideologischer Medienarbeit an einen Ombudsmann zu wenden. Als fünfte Gewalt – aber ganz anderer Art – möchte ich die Religionen nennen. Sie müssen völlig unabhängig sein von den Regierungen.

Um abzuschließen: die traditionelle Gesellschaft ist im Lauf des 21. Jahrhunderts vernichtet worden. Der Hauptgrund dafür war, dass das Denken der Menschen weitgehend ausgeschaltet und manipuliert wurde. Die Menschen wurden durch das Bildungssystem und die Medien zur unreflektierten Übernahme von ideologischen Vorstellungen verführt. Selbständiges Denken wurde bestraft und schließlich abgeschafft. Einzig in den europäischen Schutzzonen und in den fernöstlichen katholischen Regionen gelang es nicht, das selbständige, unabhängige Denken zu überwinden.

Verehrter Herr Generalsektetär,

vermutlich wird es sehr lange dauern, bis die psychischen Krankheiten wieder zurückgehen, bis der Drogenkonsum und die Selbstmordrate sinken, bis die Polizeistärken gesenkt werden können. Abgesehen vom Engagement der Kirche kann ich nur sagen: Gutes Beispiel der führenden Personen von der Kindergärtnerin bis zum Staatspräsidenten sind nötig, ebenso diszipliniertes Lernen in der Schule, Einsatz der natürlichen Autorität von Elternhaus bis zum Staat.  Wenn der Staat zuschaut, wie junge Menschen verdorben und letztlich kaputt gemacht werden, versagt er. Religion ist bereit und in der Lage zu helfen, aber es ist unter ihrer Würde nur die Schäden zu reparieren, die durch das Versagen des Staates und seiner Behörden

Darf ich Ihnen, verehrter Herr Generalsekretär, nun ganz schlicht mein Gebet versprechen. Ich bete gerne für Sie, Ihre Familie, Ihre Mitarbeiter, die Vereinten Nationen und die Menschheitsfamilie.

Aus dem Vatikan in Seoul grüßt

Papst Sing Hua I.

Nachtragen möchte ich: Für die katholische Religion möchte eich mich verbürgen, dass sie keine politische Macht anstrebt und ausüben will.

Parlamentswahlen in Kalifornien

Mit Schrecken las Evelyn Baker in ihrer Küche in San Francisco im Tagebuch ihrer Großmutter. Sie hatte es vor wenigen Tagen auf dem Speicher ihrer Villa gefunden. Evelyn Baker war in einem Reisebüro angestellt, hatte früher als Stewardess gearbeitet und kannte daher fast alle Länder der Erde. Ihr besonderes Interesse galt der Emanzipation der Frau in den verschiedenen Kulturen. Vor allem hatte es ihr das Frauenwahlrecht in den verschiedenen Demokratien der Erde angetan. Sie wußte, dass es in den meisten afrikanischen Staaten zwischen 1990 und 2020 mit Gewalt eingeführt worden war. Jetzt 55 Jahre später – man schrieb das Jahr 2075 hatten die Männer in den Vereinigten Staaten aus mangelndem Interesse an Politik zumeist aufgehört, sich an politischen Wahlen zu beteiligen. Wählen war Frauensache. Männer waren in die verbreitete Computerindustrie abgestiegen, Frauen hinwiederum  bestimmten ungestört durch das andere Geschlecht den politischen Weg des Landes.

In Kalifornien war seit einigen Jahrzehnten völlig klar, dass kein Kandidat für ein öffentliches Amt bildlich dargestellt werden durfte. Die Öffentlichkeit durfte nicht wissen, wie er aussieht, denn man hatte erkannt: bei Verantwortungsträgern im öffentlichen Bereich geht es nicht um die Qualität seines Aussehens, seines Gesichtes, seiner Haar- und Augenfarbe, der Qualität seiner Kleidung und seinen Geschmack.

Die Wähler fragten ausschließlich nach seinem Programm, nach seiner Geschichte, seiner Ausbildung und seinen früheren Tätigkeiten. Im Zentrum des Wählerinteresses stand aber überhaupt nicht ein Spitzenkandidat, sondern die Gruppe, zu der er gehörte. Man vermied den Ausdruck Partei, denn dieser vermittelte den Eindruck, dass der Kandidat nur für eine Seite oder Richtung eintreten würde. Das aber sollte er ja gerade nicht. Er sollte für das Ganze da sein. Daher war der Ausdruck Partei verpönt. Wichtig war für aufmerksame Wähler aber vor allem, welche Leistungen eine Gruppe im Lauf der letzten Jahre geleistet hatte. War es gut, so konnte der Wähler vertrauen, dass diese Gruppe auch in Zukunft in der Lage sein würde, die anstehenden Probleme zu lösen. War es weniger gut, so konnte man der anderen Gruppe die Verantwortung übergeben für die Meistung der Zukunft.

Für Evelyn Baker war nun das Tagebuch ihrer Großmutter sehr aufschlussreich. Sie erzählte z.B. „Präsident George W. Bush junior sieht eigentlich gut aus. Er ist anständig gekleidet. Vor allem versteht er es, sich den Umständen entsprechend mit Krawatte oder ganz locker gekleidet zu zeigen. Er hat auch gut daran getan, sich eine farbige Aussenministerin zu wählen. Sie garantiert, dass auch jüngere Frauen und Farbige ihn wählen, obwohl er eigentlich gegen sie ist. Bush versteht auch gut zu sprechen. Ehrlich gesagt, ist mir ziemlich gleichgültig, was er sagt. Ich höre ihm aber gerne zu, er hat so treue Augen. Auch finde ich gut, dass er mit seinen Ministern betet. Auf solche Politiker kann man zählen. Man wirft ihm vor, er habe sich um die Katastrophenopfer in New Orleans nicht gekümmert. Ich finde das Unsinn, schließlich kann man im Gebet für sie mehr tun als wenn man hinfliegt und ihnen seine Sympathie und Anteilnahme zeigt. Überhaupt war mir immer wichtig, dass wir Politiker und Landesführer haben, die gut ausschauen: Clinton hat mir gut gefallen, er hatte so ein jugendlichen Aussehen. Seine Frauengeschichten sind mit gleichgültig.Wichtig ist, dass einer auftreten kann. Schließlich will man ja stolz sein im Ausland mit seinen Präsidenten. Daher lege ich so großen Wert auf gut aussehende Staatsoberhäupter. Bei den Deutschen ist es mir Gerhard Schröder aufwärts gegangen.“

Evelyn Baker schlug das Tagebuch ihrer so geliebten Grußmutter zu. Sie konnte nicht weiterlesen. Wie konnte eine Frau, solches denken und schreiben – auch wenn es die eigene Großmutter war. Sie fragte sich ob viele Frauen zur Zeit ihrer Großmütter ähnlich geurteilt hatten. Ob auch die Männer nur auf die Anzüge und Krawatten geschaut hatten? Jetzt verstand sie auch, warum so wenige Frauen große Rollen in der Politik gespielt hatten. Frauen trauten eben eher gut gekleideten Männern, auch gute Politik zu machen als ihren Geschlechtsgenossinnen, deren Kleider und Frisuren sie ja oft bemäkelten.

Über die Wiedereinführung der Demokratie

Zwei deutsche Diplomaten setzten sich gemütlich in ein Eck der Lounge der Vereinten Nationen im australischen Perth. Es war der betagte Vertreter Deutschlands, Freiherr Ludwin von Richthofen und der Absolvent der Diplomatenhochschule in Tokyo, Dr. Hannes Berghofer. Hier am Hauptsitz der Vereinten Nationen fanden unter aufgeschlossensten Diplomaten informelle Gespräche über eine mögliche Wiedereinführung der Demokratie statt. Die heimatlichen Regierungen durften von diesen Überlegungen nichts wissen, denn im allgemeinen hingen sie der Ideologie an, Demokratie führe zurück zu Atomkriegen. Richthofen war von Hause aus Historiker und daher mit der Materie bestens vertraut. Berghofer hatte in seiner Ausbildung zwar alle Methoden der modernen Diplomatie erlernt, vor allem wie man die Balance zwischen den Staaten halten konnte, ohne dass die breite Bevölkerung und vor allem akademische Kreise davon erfuhren. Man fürchtete Studentenaufstände, wie sie vor Jahrzehnten in allen Teilen der Erde wiederholt stattgefunden hatten. Die Medien waren in Lauf der Jahrzehnte von ihrer früheren Ideologie abgebracht worden, die Regierungen kritisch zu begleiten und notfalls zu kritisieren. Seit einigen Jahrzehnten standen Fernsehen und Hörfunk ganz im Dienst der Ausschaltung kritischer Rückfragen. Zeitungen spielten gesellschaftspolitisch keine Rolle mehr, denn das Lesen war im Bereich der Politik in den westlichen Ländern, also Europa und den USA auf Minimum heruntergefahren worden. Der junge und außergewöhnliche begabte Berghofer hatte sich seit Wochen darauf gefreut, den langjährigen Vertreter Deutschlands am Hauptsitz der UNO in Perth sprechen zu können.

Nachdem sie sich einen Campari bestellt hatten, ging Berghofer gleich in medias res und fragte: warum haben die Vereinten Nationen eigentlich ihren Sitz von New York nach Perth verlegt? Man hat uns an der Akademie in Tokyo ja vieles darüber gesagt, aber ehrlich gesagt, kann ich meinen Professoren nicht ganz glauben, dass ihre Gründe stimmen.

Richthofen runzelnte seine Stirne, sinnierte ein wenig als wolle er sich fragen, inwieweit er mit der Wahrheit herausrücken solle und könne. Mißtrauen in den Bereich der Hochschulen zu säen, war schließlich schlecht, aber die historische Wahrheit zu unterdrücken ebenso. Nun – so Richthofen – die Vereinten Nationen waren zwischen dem Jahr 2000 und 2020 sosehr in die Hände der USA geraten und von ihnen auch finanziell weitestgehend abhängig geworden, dass die Staaten, die nicht von den USA abhingen, internationale Probleme nicht mehr vor die Vereinten Nationen brachten, sondern auf anderen Ebenen regelten. Die Vereinten Nationen wurden immer bedeutungsloser. Vorausgegangen war ein langjähriges Tauziehen, welche der größeren Staaten in den Weltsicherheitsrat aufgenommen werden sollten. Alle konstruktiven Vorschläge scheiterten an Willen Washingtons, die Macht im Sicherheitsrat zu behalten. Parallel dazu kamen immer mehr Staaten in den Besitz von Atomwaffen. Ihre Weiterverbreitung konnte nicht aufgehalten werden. Vor allem konnte sie moralisch nicht begründet werden. Die Mächtigen taten sich immer schwerer stichhaltige Gründe zu nennen, warum es bei den bisherigen Atommächten bleiben solle. Die elektronischen Medien spielten damals für die Weltmeinung noch eine große Rolle. Die USA sahen sich immer mehr gerade auch von den neuen asiatischen Atommächten hinterfragt und angegriffen.

Welches waren denn nun die Länder, die über Atomwaffen verfügten? fragte Berghofer dazwischen. Er gestand damit ein, dass er seinen Professoren in Tokyo nicht ganz traute.

Ach, das wissen Sie nicht? – meinte sein Gegenüber.

Ja also, lassen Sie mich mal nachdenken. Sie wissen: Beim Jahrtausendwechsel waren es die klassichen fünf: USA, Rußland, China, England, Frankreich – die Konstellation nach dem zweiten Weltkrieg. Dazu gekommen waren Indien, Pakistan, Israel und um die Jahrtausendwende kämpften um die Atomwaffe Nordkorea und der Iran. Nun brach der Damm, es war den Atombesitzern nicht mehr möglich, die Waffe unter Verschluss zu halten. Ich versuche, die Staaten zusammenzubringen, die in den Besitz der tödlichsten Waffe gelangt waren: Ich mache es geographisch: Venezuela, Kolumbien, Brasilien und Argentinien. Mexiko war völlig unter US-Kontrolle und daher ein Habenichts. In Afrika waren es natürlich Südafrika, Simbabwe, Libyen. Im nahen und mittleren Osten: Iran, Syrien, Saudi Arabien – und weiterhin Israel. In Asien Indonesien, Vietnam, Korea, Thailand. Bemerkenswert ist, dass sowohl Deutschland wie Japan

Nicht zu den Atommächten zählten. Das waren Spätfolgen des 2. Weltkrieges. Die anderen Staaten Europa waren weise genug, ebensowenig nach Atomwaffen zu langen. Aber die Welt starrte von Waffen.

Kein Wunder also, dass eines Tages der Ihnen bekannte Schlag gegen Israel erfolgte. Das Heilige Land wurde praktisch ausgelöscht. Bis heute tappt die Welt im Dunkeln, welche Macht dahinter gestanden hatte, die Geheimdienste waren so ohnmächtig geworden, dass sie nicht einmal herausfanden, ob hinter dem Schlag eine Regierung oder eine Terrororganisation stand. Auf das Weiterleben der Israelis und der Juden in aller Welt kann ich jetzt hier nicht weiter eingehen. Eines aber muss in diesem Zusammenhang gesagt werden: viele Juden in New York waren schon lange mit der Politik Washingtons nicht mehr einverstanden. Das weiße Haus handelte immer weniger sensibel und verschaffte sich immer mehr Gegner in aller Welt. Gerade auch die starke Hand über der UNO im New Yorker Glaspalast wurde in jüdischen Kreisen als sehr ungeschickt betrachtet. Dazu kam die Unfähigkeit Washingtons, Israel wirksam vor dem Atomschlag zu schützen. Kurz es verbreitete sich immer mehr der Ruf: Fort von New York, fort von den USA – und hinüber nach Australien. Man muss wissen: der fünfte Kontinent war atomwaffenfrei, er bedrohte niemanden und wurde nicht bedroht, idealer Sitz der Vereinten Nationen.

Das ist also die Antwort auf meine Frage, meinte Berghofer dankbar und nahm einen Schluck Campari.

Richthofen zog wieder die Stirn in Falten und fügte an: UNO hier oder dort – das ist ja nebensächlich. Viel wichtiger ist die Frage nach dem Demokratie.

Ja – fiel Berghofer ein – warum will man sie denn wieder einführen, obwohl sie doch ins Atomchaos geführt hatte?

Ist wirklich die Atombombe schuld daran, dass die Demokratie abgeschafft wurde. Ich habe da so meine Frage? Lassen Sie mich zurückschauen. Wir schreiben heute das Jahr 2075. 50 oder 75 Jahre sind im Lauf der Welt- und Gesellschaftsgeschichte nicht viel. Ich fasse die Entwicklung in wenigen Strichen zusammen. Durch die beiden Weltkriege im letzten Jahrhundert waren die Völker zur Einsicht gelangt, die Staatsform, bei der Kriege am ehesten ausgeschlossen sind, ist Demokratie. Manche sagten: sie ist das geringste Übel im Vergleich zu Monarchie oder Oligarchie. Man vertraute darauf, dass ein einigermaßen gebildetes Volk in Gemeinschaft am besten entscheiden kann, was für diese Gemeinschaft gut ist. Voraussetzung für Demokratie waren gute Grundgesetze oder Verfassungen und ein guter Bildungsstand der Gesamtbevölkerung, sodass diese sich kritisch mit den Programmen der Parteien auseinandersetzen konnte. Nötig waren Lesevermögen, kritische Denkfähigkeit, Verbreitung von schriftlichen und elektronischen Medien, die die Kommunikation innerhalb einer Gesellschaft aufrechterhielt. Nun aber waren die Kommunikationsmedien und die Lesefähigkeit um die Jahrtausendwende bereits so weit heruntergekommen, dass politische Manipulatoren immer leichteres Spiel hatten. Es ging in den Wahlkämpfen immer weniger um Sachfragen als um die Darstellung von gut aussehenden Personen und Parolen. Vorreiter mit gutem Abstand waren hier die Vereinigten Staaten. In Europa lachte man über sie, imitierte sie aber immer mehr. Die besten Schauspieler und Redner wurden zu Regierungschefs gewählt ganz unabhängig von ihrer professionellen und moralischen Qualität. Es ist bezeichnend, dass in den USA wiederholt Filmschauspieler höchste politische Ämter erlangten. Darstellung zählte mehr als die Sache selbst. In dieser völlig unkritischen politischen Lage nun ergatterten sich immer mehr Staaten Atomwaffen. Die Atombesitzer kannten zwar die Gefahr, spielten sie jedoch aus parteitaktischen Gründen herunter und verwiesen darauf, dass der Atomschild zur Zeit des kalten Krieges einen heißen Krieg verhindert hatte.

Nachdem alle Atomstaaten erkannt hatten, dass sie mit den Waffen zwar geschützt waren, aber doch auch weiterhin angreifbar, kamen die Staatsoberhäupter und Regierungschefs immer mehr zu der Überzeugung, es wäre für die Sicherheit der Welt besser, demokratische Wahlen weltweit langsam aussterben zu lassen. Der Prozess sollte nicht vorschnell von statten gehen. Man hatte den Bevölkerungen aller Länder so lange beteuert, Demokratie sei die sicherste und menschenwürdigste Staatsform. Daher konnte man jetzt nicht vorschnell auf ein unkontrolliertes Regieren umsteigen, man musste die Bevölkerung davon überzeugen, dass es für ihre Sicherheit und für ihr Wohlergehen besser sei, Wahlen abzuschaffen. Argumente waren leicht zu finden: In der Demokratie entscheiden viele über Themen, die sie gar nicht verstehen, die Politiker manipulieren das Volk, durch demokratische Abstimmungen könnten sogar Atomkriege gerechtfertigt werden. Argumente gegen Demokratie gab es hinreichend, die Medien in der Hand der Meinungsbilder gab es hinreichend. Und wie gesagt: die Fähigkeit zum Lesen war bereits auf ein den Regierenden annehmbares Niveau gesunken. So hatten denn im Jahr 2050 nahezu alle Staaten Wahlen abgeschafft. Im Geschichtsunterricht vermied man vom mehr oder weniger demokratischen Athen zu sprechen. Selbstverständlich wurde das Wort Diktatur vermieden. Die Staatsform war eben einfach die Staatsform. Man mußte kein neues Wort dafür erfinden. Übrigens hielten sich Wahlen in einigen wenig entwickelten Staaten Afrikas, die diese staatsform erst kürzlich übernommen hatten und mit ihr glücklich waren. Da sie im Konzert der Mächte keine Rolle spielten, durften sie weiterhin ihre Regierungen wählen.

Das liegt jetzt etwa 25 Jahre zurück. Ältere Zeitgenossen erinnern sich noch an demokratische Wahlen.

Wie aber ist es nun weitergegangen? Woher kommt der Wunsch, Demokratie wieder einzuführen? So die Frage von Dr.Berghofer.

Ja –wie so vieles in unserer Zeit: Der Wunsch nach Demokratie kommt aus China. Wie Sie wissen, hat sich dort der Konfuzianismus wieder etabliert und im Zusammenhang damit auch die Frage nach der Menschenwürde. Menschenwürde verlangt nach Teilhabe an der Macht, verlangt Mitbestimmung, verlangt Demokratie. Die Mächtigen an den Regierungssitzen in Europa, Nordamerika und einigen anderen Ländern wehren sich zwar noch gegen ihre demokratische Entmachtung, aber sie ist wohl nicht mehr aufzuhalten.

Auf den Spuren der europäischen Kultur

Der Verein der „Bachfreunde“ in Peking hatte seit Jahren eine Reise in die Heimat ihres bewunderten Komponisten geplant. In ganz China gab es rund 1000 Bach-Vereine, die mit ihren Chören und Orchestern die Musik aus dem fernen Westen pflegten. Einzelne hatten wiederholt, Leipzig und die anderen Wirkungsorte des Genies der Musik besucht. Doch Gruppenreisen hatte es aus verschiedenen Gründen nie gegeben. Die Kritiker solcher Unternehmungen führten ins Feld, dass es in Deutschland ja kein einziges Bach-Orchester mehr gebe, dass man also nur Museen und alte Gebäude bewundern, aber nicht mit Bachfreunden Kontakt aufnehmen konnte. Daher hatte es wohl Reisen zu Anhängern des großen Meisters nach Japan, Argentinien, Südafrika, in den Norden Indiens und in die Mongolei gegeben, aber nie nach Europa. Europa wurde als kulturell uninteressant angesehen.

Doch nun war es so weit. Kapellmeister Shu-Hoa hatte die Reise von langer Hand vorbereitet. 50 Bachfreunde waren aus den Tausenden, die sich interessierten ausgelost worden. Shu-Hoa hatte sich noch drei besondere Freunde dazugebeten: den Goetheforscher Hang-Ko, die Shakespeare-Liebhaberin Ko-Luang und den Dante-Rezitator Shi-Hong. Neben den Bach-Clubs gab es ja viele Goethe-Akademien in China, gab es hunderte von Bühnen, auf denen nur Shakespeare gespielt wurde und Dante gehörte zur Pflichtlektüre in allen höheren Schulen. An den Unversitäten gab es fast immer Dante-Institute. Unzählige Chinesen zitierten lange Abschnitte aus der Göttlichen Komödie. Eines war allen gebildeten Chinesen völlig unverständlich, wie das so kreative und kulturschaffende Europa in wenigen Jahrzehnten gleichsam sich selbst vernichtet hatte.

Dies also war der Hintergrund der 54-köpfigen Gruppe, die an einem Montagmorgen um 7.00 Uhr in Peking eine Sin-Jang-Maschine bestieg, um 5 Stunden später in Leipzig zu landen. Hier gings vom Flughafen mit kurzem Zwischenstopp am Jakarta-Hotel zur Thomaskirche. Etwa zwei Stunden lang standen dann die Bachfreunde schweigend und betend am Grab ihres großen Freundes. Tief war die innere Bewegung bei allen, hier die sterblichen Überreste zu wissen von einem Mann, der mit seiner Musik Jahrhunderte nach seinem Tod noch die Seelen von Millionen Chinesen zu Tränen rühren konnte. Hier also lag Johann-Sebastian, das Matematik- und Musikgenie, das nach ihrer Ansicht weit über Einstein, Galilei ja sogar Konfuzius hinausragte.

Nun stellten sie sich im Chor auf, um einige leichte Chorstücke zu singen. Sie brauchten dazu keine Noten. Sie trugen die Melodie im Herzen. Es dauerte Stunden, bevor sie sich von diesem heiligen Ort losreißen konnten.

Als sie dann in der Gegend der Thomanerkirche ein Restaurant suchten, wunderten sie sich über diese Stadt einstiger großer Kultur. Öde Gebäude, schmucklose Straßen, Menschen in ärmlicher Kleidung, bescheidene, wenn nicht sogar ärmliche Geschäfte mit Auslagen hinter schmutzigen Scheiben. Wußte man doch aus der Sportgeschichte der Welt, dass Leipzig sich sogar im Jahr 2005 noch um die Olympischen Spiele beworben hatte. Doch jetzt bot die Stadt einen sehr traurigen Anblick. Einige Bachfreunde meinten, sie hätten in alten Büchern Ansichten des heruntergekommenen Königsberg gesehen. So ähnlich schien ihnen jetzt die Heimat Johann-Sebastian Bachs. Schließlich fanden sie auch ein Restaurant. Auf der Speisekarte standen Einheitsmenus, die aus Fabriken geliefert nun mit Mikrowellen warm gemacht wurden. Manch einem lief das Wasser im Mund zusammen, als er heimlich an die Restaurants in Peking und Shanghai dachte. In einer viertel Stunde war man mit dem Essen fertig.

Der Bahnhof von Leipzig sei etwas Besonderes sagten einige, die sich vor der Reise genauer informiert hatten. Man suchte ihn gemeinsam. In einer riesigen Halle, die noch aus dem letzten Jahrhundert stammte, waren nun Einheitsshops untergebracht. Jeder Laden bot einen bestimmten Einheitsartikel, einer Hosen für Männer, einer für Frauen, ein weiterer Hemden – hier sogar für beide Geschlechter, Unterwäsche gab es nebenan. Elektronik war größer geschrieben, aber kam nicht an Qualität und Auswahl von Ostasien heran. Das Kinderspielzeug zeigte, dass die Kleinen möglichst wenig Phantasie entwickeln sollten. Reichhaltig war das Angebot bei den Süsswaren, es gab viel Farbiges zum Lutschen. Wichtig schien zu sein, dass der Konsument möglichst lange etwas im Mund hatte. Das war den Bachfreunden beim Gang durch Leipzig schon aufgefallen: alle Leipziger lutschten an irgendetwas, meist hing es halb aus dem Mund. In Peking oder Hongkong wäre damit jeder ausgelacht worden.

Am nächsten Morgen waren die Musikfreunde frühzeitig in der Thomaskirche. Man hatte ausgemacht, hier die h-Moll-Messe zu singen – wenn auch ohne Instrumente, da man sie ja nicht hatte mitbringen können. Der katholische Pastor der Kirche hatte versprochen, er werde zur Messe die wenigen Katholiken Leipzigs einladen. War das eine Enttäuschung für die Sänger: während aller gesungenen Teile gab es nichts als Geplauder, lautes Lachen, Räuspern und Niessen. Offenbar hatten die Deutschen ihr Gehör verloren. Bach schien sie nicht zu interessieren. Seine Anhänger aus Fernost fragten sich, was aus diesem einst so genialen Volk geworden sei.

Nach dieser bitteren Enttäuschung trat die Gruppe ihre weitere Reise durch die Heimat ihres Musikgenies an. Auf dem Programm standen weitere Besuche in Berlin, Hamburg, Köln und München, sowie in Österreich in Salzburg und Wien.

In Berlin staunten sie über die Menge der Wolkenkratzer, der Schnellbusse und der U-Bahn, über die Masse an riesigen round-about-Kinos. Sie wußten durch ihre Reisevorbereitungen dass in Berlin keine großen Kirchen zu sehen waren, hatten aber doch gehofft, die berühmte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zu sehen, ein typisches Mahnmal Berlins. Als sie dann aber vom Ku-Damm in die Nähe kamen waren sie bestürzt, zu sehen, dass gerade große Kranen dabei waren, diese Erinnerung an das alte Berlin abzutragen. Die Erhaltung des Gebäudes war der Millionenstadt zu teuer geworden.

Weiter gings zum weltberühmten Pergamon-Altar im Museum. Sie konnten es bewundern, mussten jedoch einen Portier bemühen, die Räume aufzusperren. Normalerweise interessierten sich nur noch Ausländer dafür. Deutsche Schulen und Universitätsstudenten kämen heute nicht mehr. Der Pergamon-Altar stehe nicht mehr auf dem Lehrplan.

In Hamburg zeigte man den Kulturbeflissenen aus dem Osten die beiden Großbanken, die an die Stelle des kleinen und des großen Michel gestellt worden waren. 30 Jahre lang habe man die beiden Wahrzeichen der Hansestadt erhalten, obwohl kein Mensch hineingegangen war. Schließlich beschloss der Senat der Hansestadt, dass die Erhaltungskosten den Bürgern nicht mehr zuzumuten waren.

Das Haus von Johannes Brahms, das die Chinesen sehr interessierte, sei jetzt nur noch im Internet zu besichtigen. Seit Jahrzehnten interessierten sich nur noch Europafans aus Ostasien dafür, daher habe man die Brahms-Gedenkstätte geschlossen und ins Internet gestellt.

Nach Köln kamen die Kultursucher aus dem Osten nicht etwa wegen des Domes und seiner Musik. Sie wußten, dass die Erhaltung des Domes einfach zu kostspielig geworden und er deshalb wenige Jahre nach dem katholischen Weltjugendtag abgerissen worden war. Köln besuchten die Asiaten, weil in ihren Prospekten zu lesen stand, dass sich in den ganzjährig für Touristen gestalteten Karnevalssitzungen etwas vom rheinischen Katholizismus zeige. An diesem Katholizismus waren die Bachfreunde aufs lebhafteste interessiert. Schließlich blühte die katholische Kirche an den Küsten des Asiatischen Ozeans und man las in allen Büchern, dass Europa gerade auch längs des Rheins durch den christlichen Glauben, durch Bischöfe, Heilige und Missionare so kulturprägend geworden war. Als die Besucher dann den Karnevalsprinzen und die Prinzessin, den Ältestenrat und die Tanzmariechen mit ihren schönen Beinen sahen, fragten sie sich, was das mit der Bibel zu tun habe. Nach der Vorstellung wurde ihr Kölner Führer von ihnen nur so gelöchert, was der ganze Zirkus und Zauber, die Sprüche und Ansprachen, die politischen und sexuell gefärbten Witze mit Jesus Christus zu tun hätten – wohlgemerkt: die Chinesen konnten nicht nur blendend deutsch, sondern hatten eigens die kölsche Mundart gelernt.

Mit vielen Fragen fuhren die Reisenden von Köln weiter nach München. Auch die bayrische Hauptstadt wurde in ihren Führern als katholische Metropole hingestellt. Ihr Interesse war daher groß, wenn sie auch durch die Kölner Enttäuschung schon manche Frage mitbrachten. In München zeigte man ihnen die Freiheitshalle, auf die Hitler seinen Marsch gemacht hatte, die königliche Residenz, den Park von Nymphenburg, das Vergnügungsviertel Schwabing, man führte sie durch die Räume der einst berühmten Universität, die ja jetzt wegen Mangel an Studenten und Professoren geschlossen war. In den einstigen Hörsälen arbeiteten jetzt meist Türken am Bau elektronischer Geräte, die nach Afrika exportiert wurden. Als die Christentumssucher aus dem Osten nach Kirchen und Zeugnissen des katholischen Bayern fragten, bedauerte der Führer: der Dom sei umgewidmet. In ihm sei eine Großbadeanstalt mit 20-Meter-Brett, von den Domtürmen könne man Jumpspringen. Aus den alten Barockkirchen Münchens habe man Museen, Luxuskaufhäuser oder auch Moscheen machen müssen. Die winzigen christlichen Gruppen Bayerns pflegten nicht mehr Bach, Mozart, Haydn und Verdi, sondern sängen ohne Instrumentalbegleitung die Lieder aus dem afrikanischen Taize. Es gebe noch ein kleines Christentumsmuseum, hierher kämen vor allem Asiaten und mitunter ein Afrikaner oder Lateiamerikaner. Es werde aber nur auf Anfrage vom Pförtner geöffnet.

Ein kleines Trostpflaster aber gab es für die Bachfreunde: Im Münchner Opernhaus gab es mitunter Konzerte, bei denen ausschließlich für Besucher aus China, Japan, Indien, Indonesien und den anderen fernöstlichen Ländern Stücke der alten europäischen Klassiker gespielt würden. Die Bevölkerung Münchens, aber auch ganz Bayerns und Deutschlands begnüge sich mit zeitgenössischer Unterhaltungsmusik. Kein Mensch frage nach der alten Klassik, sie sei hier unbekannt.

Eine kleine Hoffnung hatten die Asiaten noch: könnte es vielleicht im österreichischen Salzburg und Wien besser sein?

In Salzburg gab es den ersten Seelengenuss. Nicht etwa wegen Musik und Bauten, sondern wegen der herrlichen Landschaft, die trotz der Fabrikanlagen und Hochhäuser noch zu sehen war.

In ihrem Führer hatten sie gelesen, dass Mozart zwar getauft, aber doch auch Freimaurer gewesen sei. Die Kirche sei im Grunde schon zu seiner Zeit dekadent gewesen, daher verstehe man die Zauberflöte nur, wenn man sich in den Logen auskenne. Zu ihrem Erstaunen gab es in Salzburg zwar ein modernes Opernhaus aus Beton – die Akustik war im Grunde genommen schlecht – aber in ihm wurde allabendlich nur die Zauberflöte aufgeführt. Sonst konnte man in Salzburg und Umgebung nichts Anderes von Mozart hören. Das Publikum war auch hier weitgehend asiatisch, dazu mischten sich ein paar US-Amerikaner und Afrikaner. Alle Ton- und Lichteffekte wurden technisch perfekt eingesetzt, aber Sänger und Dirigent lagen ziemlich unter dem Niveau ihrer Kollegen in Peking, Seoul, Singapore und Jakarta. Der Führer wies darauf hin, dass Salzburg seit nahezu 300 Jahren nur durch die Finanzinvestitionen des Vaters von Wolfgang-Amadeus lebe. Salzburg habe gute Kaufleute, Musik werde so preiswert wie möglich vermarktet, das Publikum sei nach entsprechender Medienmassage anspruchslos geworden. Die Stadt sei es zufrieden. Die Chinesen wagten nicht nach den Salzburger Kirchen zu fragen, von denen in alten Kunstführern noch gesprochen worden war. Sie wollten die Guides nicht in Verlegenheit bringen, nachdem sie in München schon so betroffen waren.

Tief traurig setzen sie mit wenig Hoffnung ihre Reise nach Wien fort. Wien die Stadt der Musik! „Wien, Wien nur du allein, sollst stehts die Stadt meiner Träume sein!“ – so hatten sie oft in Hongkong, Shanghai und auch in den Dörfern gesungen. Fast alle Chinesen kannten die Werke Beethovens, aber auch Schubert, Schuman und Strauss. Millionen von CDs waren verkauft worden, als es von Peking erlaubt worden war, sich für europäische Kultur zu begeistern. Man meinte, an der blauen Donau und auf dem Kahlenberg werde von morgens bis abends nur musiziert, gegeigt und gedudelt, sei die weltberühmte Oper abend für abend voll mit Freunden von Ludwig van Beethoven, der hier in Wien gelebt und gelitten hatte.

Die Enttäuschung war programmiert. Aus ökonomischen Gründen hörte man allabendlich in der Oper die neunte Symphonie. „Freude schöner Götterfunke“ wurde des Publikums wegen nur auf chinesisch, manchmal auf vietnamesisch oder koreanisch gesungen. Viele meinten, der Dichter dieser Verse, Friedrich Schiller, sei ein vietnamesischer Freiheitsheld. Auch hier war die Vorführung technisch perfekt, aber man merkte deutlich die Routine von Dirigent, Spielern und Sängern. Während der Vorführung wurden mehrfach an den Sitzen Getränke und Häppchen angeboten, sodass dann auch die entsprechenden Geräusche die Symphonie begleiteten.

Tags darauf flogen die Chinesen in ihre Heimat zurück. Auf den Sitzplätzen herrschte teilweise betroffenes Schweigen, teilweise nachdenkliche Diskussion darüber, warum dieses kulturschaffende Deutschland so plötzlich völlig in sich zusammengebrochen war? War der Verfall der Familie, der staatlichen Autorität, des Bildungssystems daran schuld? War der Zusammenbruch des christlichen Glaubens, die theologisch bedingte Selbstauflösung der Kirchen der Grund? War einfach Dekadenz, Sittenverfall, Verfall jeder Autorität, der Werte und Maßstäbe schuld? Hatten möglicherweise die Vereinigten Staaten bewußt an der moralischen Zerstörung Europas gearbeitet, um einen Konkurrenten los zu werden? Oder hatten einfach die Kulturhistoriker Recht, die behaupteten, jede Kultur breche nach 800 bis 1000 Jahren zusammen. Seit der Gründung des Reiches deutscher Nation unter Kaiser Otto dem Großen waren etwa so viele Jahre vergangen. Die Gäste aus dem Osten erinnerten sich gegenseitig an die europäische Untergrabung der Familie durch die staatliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare, an den Zwang zur ausschließlich künstlichen Befruchtung, der Bagatellisierung von Abtreibung und Euthanasie, den Verfall des Lebensschutzes. Sie wußten auch, dass die Europäer zu gewissen Zeiten nur noch für ihre Freizeit lebten, dass jede feste Bindung eines Mannes und einer Frau als lächerlich angesehen wurde. Sie wußten, dass das Bildungssystem zusammengebrochen war, niemand mehr lernen wollte. „Streß“ war das Schlüsselwort. Er musste vermieden werden.

Die Asiaten trösteten sich: wir erhalten die europäische Kultur mit Dante, Moliere, Cervantes, Einstein, Kopernikus, Beethoven, Mozart, Goethe und Schiller. Eines Tages mag ja Europa zu sich selbst zurückfinden.

Fragment

Der chinesische Kaufmann Sing Chung-chang suchte in der  Bibliothek der ehemaligen Münchner Universität nach dem in ganz China bekannten alten Sinologen Josef Oberhuber. Doch die aus Afganistan eingewanderten Bibliotheks- und Museumswächter kennen zwar die Ausstellungsstücke aus germanischer Vorzeit, aber Oberhuber ist ihnen unbekannt. Er sei im Jahr 2050 vorzeitig in Pension gegangen, erfuhr Chung-chang im Sekretariat. Und jetzt 2074 könne man schwerlich noch von ihm wissen.

Sing Chung-chang arbeitet in Shangai an einer computergesteuerten Übersetzung der letzten Enzyklika von Papst Martin VI. Es gibt zwar Übersetzungsmaschinen aus dem Latein ins Chinesische, aber die Fachausdrücke der katholischen Theologie, die der verstorbene Oberhirte noch verwendet hat, fehlen in dem Übersetzungsprogramm. Der jüngst verstorbene Martin VI. hatte sich nicht den neueren Sprachregelungen der katholischen Kirche anpassen können. Er schrieb immer noch das Latein, das er in den Jahren 2005 bis 2012 in Honduras gelernt hatte. Dort war er von den Legionären Christi nicht nur in den alten Sprachen, sondern vor allem auch in Theologie und Chemie unterrichtet worden. Die Legionäre waren der Überzeugung, dass nicht nur Theologie für die Zukunftsbewältigung nötig ist, sondern insbesondere auch Chemie, denn die Gesundheit der gesamten westliche Welt war so labil geworden, dass nur neuste Forschungen der Chemie Aussicht versprachen, den Kinderwunsch der wenigen Katholiken zu erfüllen und den frühen Kindstod zu vermeiden.

Der Chinese war mit der letzten Maschine aus Shangai in dreistündigem Flug nach München gekommen, hatte sich im Hotel „Neu Delhi“, das ohne Personal arbeitete, elektronisch eingecheckt. Die Übersetzung der letzten Papstenzyklika ins Chinesische war für ihn eine außerordentlich wichtige Sache, war doch die Zahl der Katholiken im freien China blitzartig in die Höhe geschnellt. Auf die zwei Milliarden Chinesen kamen immerhin 50 Millionen Katholiken, also 2,5 Prozent aller Chinesen. Shung-chang war in Europa und auch in München kein Fremder, dennoch war er enttäuscht als er die verfallenden Gebäude der alten europäischen Kultur sah. Die Unesco schaffte es offenbar nicht, das Weltkulturerbe in der ehemaligen bayrischen Hauptstadt auch nur einigermaßen zu erhalten. Aus den Domtürmen hatte man eine Anlage für Jumpspringer gemacht und im Inneren des ehemaligen Gotteshauses konnten Turmspringer in ein Becken von 20 Meter Tiefe tauchen. In der Oper hatte man ein Roundaboutcinema eingerichtet. Hier traf man 24 Stunden lang vor allem Iraker, Turkmenen und Tamilen, die die letzten Streifen aus den indischen Filmstudios in Geiselgasteig anschauten. Die königliche Residenz freilich war der staatlich geförderte Haupttreffpunkt der Lesben geworden. Sie hatten die Macht im ehemaligen Rathaus übernommen und hielten sich kleine schwedische Laufburschen, die ihren Markt regelten. Das Typische an München war das Museum der alten Marktfrauen vom Viktualienmarkt, der Fans von Bayern München und der Professoren von der ehemals so berühmten Universität in München. Sie war im Jahr 2040 aus Mangel an geeigneten Studenten geschlossen worden. Chang-chung wußte sogar aufgrund seiner früheren Deutschlandreisen, dass es zwar genügend Studenten gegeben hatte, aber die Studierenden deutscher Herkunft taten sich in der Rechtschreibung in den vielen Sprachen, die sie radebrechten, so schwer, dass die Professoren sich weigerten, ihre Diplomarbeiten zu lesen. Es hatte dann neben den deutschen Studenten viele aus Bulgarien, Moravien, aus Kasachstan und zentralafrikanischen Ländern gegeben, aber sie hatten sich in München so rasch verheiratet und vermehrt, dass der meist lesbisch geprägte Stadtrat der Universität die Aufnahme von Ausländern verbat. Das war das Ende einer fast dreihundertjährigen Wissenschaftsgeschichte gewesen. Der eigentliche Konflikt bestand darin, dass die vielen hoch qualifizierten Studenten aus dem Ausland langsam der Lesbenherrschaft im Rathaus ein Ende bereiten wollten. Sie hielten deren und der Homosexuellen Lebensweise für dekadent und begannen auf akademischer Ebene die Notwendigkeit von heterosexuellen Verbindungen und von kinderfreundlichen Familien zu fördern. In München drohte ein Kulturkampf, dessen Ausgang noch völlig offen war.

Chung-chang gab die Suche nach Professor Oberhuber nicht auf. Er allein konnte helfen, die theologischen Fachausdrücke aus dem Latein in ein modernes Chinesisch zu übersetzen. Er wandte sich an das Einwohnermeldeamt. Die einzige hier noch notwendige Person bat den ausländischen Gast vor ein Terminal, erklärte ihm die neuste Technik. Der Chinese hatte minutenschnell durch Eingabe der Daten des Gesuchten, durch Angabe seiner Fingerabdrücke, seiner Blickes, seines Hautgeruchs und seiner Stimme herausgefunden, dass Oberhuber nach Helsinki ausgewandert war. Dort fand er die meisten an Sinologie interessierten Studenten und lehrte jetzt im hohen Alter von 105 Jahren immer noch jungen Senioren moderne chinesische Geschichte. Der Terminal in München zeigte sogar Straße und Hausnummer von Oberhuber in Helsinki an.

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Die Abenteuer der Heiligen Drei Könige in Kölle

Nachts ist es im Kölner Dom mäuschenstill. In der riesigen schwarzen Kathedrale hört man kein Mäuschen und kein Mückerchen. Freilich wenn man die Ohren ganz gut spitzt, kann man weit ganz in der Ferne das Rauschen der Großstadt ahnen. Wenn man weiß, dass der Bahnhof nicht weit ist, ahnt man, dass ein Zug ein- oder ausfährt. Aber das ist mehr eine Vorstellung als Wirklichkeit. Es ist nachts wirklich totenstill in dem riesigen Gotteshaus. Ganz im Gegensatz zum zarten oder weniger zarten Lärm tagsüber, wenn sich die Touristen durch den Dom wälzen und am Schrein der heiligen Drei Könige vorbeiziehen. Freilich liegt ein zartes Licht über diesem Schweigen im Dom. Denn von draußen dringt ja das Licht der Straßenlampen ins Innere. So wirft es durch die farbigen  Fenster teilweise bunten Schein an die Säulen und Wände. Man könnte es fast gespenstisch nennen.

Da auf einmal hört man ein seltsames Knacken. Ungewöhnlich, seltsam. Weil die Kathedrale so leer ist, verursacht das Knacken sogar ein leichtes Echo. Von der anderen Seite der Kirche kommt das Knacken zurück. Was ist das? Wo regt sich was? Das Geräusch kam von vorne. Aus der Apsis. Von hinten wurde es zurückgeworfen. Und wieder noch einmal ein solches Knackend, ein Rascheln. Und wieder ein drittes Mal. Einzigartig. Und dann auf einmal hört man leise Stimmen. Männerstimmen. Dumpf, verhalten. Was ist geschehen?

Am goldenen Schrein der heiligen Drei Könige hat sich etwas bewegt. Ja – die Deckel haben sich gehoben, zuerst nur ganz wenig und dann immer stärker. Und heraus gestiegen sind sie aus den Schreinen. Die heiligen drei Könige. Kaspar, Melchior und Balthasar. Und nun stehen sie neben dem Schrein und sprechen miteinander. Verhalten, leise. Sie streichen sich noch ein wenig über die Kleider. Denn schließlich waren sie ja in ihren königlichen Gewändern in den recht engen Schreinen nebeneinander gelegen. Auch müssen sie sich noch etwas bewegen, um ihre Steifheit abzuschütteln. Aber dann sind sie ganz da und tauschen sich aus. Wir nähern uns heimlich und lauschen ihren Worten.

Kaspar beginnt, Melchior und Balthasar lauschen. Kaspar sagt: ich war also in meiner afrikanischen Heimat und habe vom dem erzählt was ich in Bethlehem erlebt und gesehen habe. Begeistert waren sie über die Geburt eines kleinen Kindleins. Sie fingen gleich an, Geschenke zu sammeln, die ich Maria und Josef dann mitbringen sollte. Obwohl die meisten, denen ich von Bethlehem und König Herodes erzählte ganz arme Leute waren, haben sie gesucht und gekramt in ihren Hütten und auch in den Slums, in denen sie oft wohnen. Und alle haben irgendetwas hervorgeholt Babywäsche und Kinderdecken und Fläschchen und Süßigkeiten und Brotreste. Ein junger Mann hat mich gefragt, ob Josef rauche, er wollte mir nämlich eine Stange Zigaretten mitgeben. Er habe sie nicht ganz legal erworben und wolle sich von dem Diebstahl reinigen. Andere haben einfach kleine und kleinste Münzen aus den Taschen gezogen. Sie meinten, wir sollten ein Sonderkonto für das Baby anlegen. Wir sollten es so anlegen, dass das Kind dann später auch eine Ausbildung haben könnte. Kurz: sie waren so begeistert von der Erzählung der armen Familie in Bethlehem. Schließlich mögen sie Kinder und Babys und wo immer ein Kind geboren wird, ist helle Freude. Als ich ihnen dann noch von dem Stall, dem Unterstand erzählt habe, haben sie aus Mitleid geweint.

Es war gar nicht so einfach, diesen Menschen klar zu machen, dass das Kind ein besonderes Kind ist, dass es aufgrund einer Verheißung geboren war. Sie meinten, jedes Kind das geboren wird, ist ein besonderes Kind und ist Frucht einer Verheißung. Als ich insistiert habe, wir hätten aber einen Stern aufgehen sehen bei seiner Geburt und eine alte, eine uralte Verheißung gehabt, dass das Kind ein Königskind ist, dass es ein Gotteskind ist mit einer ewigen Herrschaft. Da haben sie sich gewundert, dass ich dies so betonte: jedes Kind ist Gotteskind, meinten sie, jedes Kind ist von Ewigkeit her vorgesehen. Jedes Kind hat eine ewige Herrschaft im Herzen Gottes.

Schließlich haben wir uns geeinigt. Nur weil ich so fest überzeugt war von der Besonderheit dieses Kindes von Bethlehem, deswegen haben sie schließlich gesagt: einfach weil du so fest überzeugt bist, sind wir auch fest überzeugt. Dein Glaube bringt uns zum Glauben an dieses Kind.

Als – fast außer Atem – Kaspar mit seiner Erzählung geendet hatte, seufzte er selbst tief auf, auch Melchior und Balthasar seufzen tief. Sie erhoben ihre Köpfe und schauten in die Höhe des Kölner Domes hinauf. Und schließlich sagte Balthasar: wir danken Dir – Du allmächtiger Herr im Himmel – dass du dies den Kleinen und Einfachen in Afrika durch unsren Bruder Kaspar geoffenbart hast, dass da ein Gotteskind geboren worden ist.

Nun aber meinte Kaspar zu Balthasar, du warst doch in deiner asiatischen Heimat. Erzähl, wie ist es dir gegangen, als du von dem Kind in Bethlehem berichtet hast?

Balthasar holte tief Luft – als wolle er damit zeigen, dass er viel zu erzählen hatte. Ja ich war in Asien. Ihr wisst Asien ist groß, riesig groß: Menschenmassen, Millionen und Millionen. Was aber alle verbindet, ist die Suche nach dem Unsichtbaren, nach dem Geheimnisvollen, nach dem Mysterium. Vor allem das ferne Asien ist zwar auf das Praktische aus, auf den Staat und die Gesellschaft. Aber dahinter stehe die Vorstellung, dass die Ordnung in der Gesellschaft den Himmel widerspiegelt. Wenn auf Erden Ordnung ist, können die Menschen darin das Jenseits finden. Ich hab den Leuten in Asien an vielen Stellen erzählt, dass wir in Bethlehem ein kleines Kind gefunden hatten, das eine neue Ordnung in die Welt bringen wird. In der neuen Ordnung werden nicht mehr die Großen und Mächtigen verehrt, sondern die Kleinen und Ohnmächtigen. Meine Zuhörer haben überall gestaunt und mich gefragt, wie denn das gehen soll. Ich hab ihn erklärt, dass uns dreien in Bethlehem aufgegangen ist, was dort die Boten vom Himmel verkündet haben: Frieden, Frieden nicht durch Gewalt, sondern durch Ohnmacht, Frieden nicht durch Waffen, sondern durch Waffenlosigkeit, Gerechtigkeit nicht durch Polizei, sondern durch Kinder. Ich hab erzählt, dass der Himmel sich aufgetan hat. Das haben sie verstanden, denn für Himmel haben sie immer etwas übrig. Ich habe ihnen erzählt, dass es keine Armen mehr geben wird, wenn das kleine Kind von Bethlehem mal an die Macht kommt, dass dann jeder, der etwas hat, teilt und denen gibt, die nichts haben. Sie haben sich gefragt, ob denn Konfuzius dann ganz überflüssig würde und Zoroaster und die Götter der Hindus und sogar Mohammed. Und ich habe ihnen gesagt, das kleine Kind von Bethlehem werde die alle in ihr Recht führen. Sie hätten alle ein Körnchen von der ewigen Wahrheit entdeckt, dies Körnchen werde nun gebraucht und eingefügt in das Ganze der Wahrheit. Die Wahrheit aber heißt: Gott ist klein, Gott ist ohnmächtig, Gott ist nicht droben, sondern drunten, nicht draußen, sondern drinnen, nicht hoch, sondern niedrig, nicht nur vor uns, sondern auch hinter uns. Gott wohne auf dem Grund der Seele jedes Menschen. Jeder Mensch müsse nur in sich selbst in die Tiefe steigen, um Gott, den Gott aller Menschen und aller Religionen zu finden.

Und hier setzte Balthasar ab. Auch er musste erst mal tief durchatmen, denn er war ganz außer Atem geraten durch sein Erzählen. Und die beiden anderen schauten ihn bewundern und schweigend an. Sie mussten gleichsam ihre Seelen aus Asien zurückholen hier in den Kölner Dom, denn sie waren mit Balthasar über die Weiten Asiens hingeflogen.

Und nun bist du dran, Melchior, meine Balthasar. Wie war es in deinem heimatlichen Amerika?

Ja – ich habe in den vielen Ländern zwischen Alaska und Feuerland erzählt. Erzählt von dem Kindchen in Bethlehem. Ich musste erst mal erklären, wo Bethlehem liegt. Ich habe gesagt, so ziemlich genau zwischen Afrika und Asien, dort wo sich die beiden Kontinente berühren. Da haben dann die meisten in dem riesigen Amerika erst mal in ihre Computer geschaut um Landkarten zu finden. Oh – ja, endlich wussten sie: dort wo so viele Kriege sind, wo die Völker sich begegnen und streiten. Und manchmal auch mit einander sprechen. Und ich habe ihnen erzählt, dass hier eine neue Zeit angefangen hat. Eine neue Zeit für die ganze Welt, ein neues Zeitalter. Ich habe ihnen erzählt, dass nicht nur die Zukunft wichtig ist, sondern auch die Vergangenheit. Im Norden Amerikas meinen sie nämlich, nur die Zukunft sei wichtig, weil man ja immer neue Dinge entdecke im Laufe der Zukunft. Im Süden Amerikas meinen sie, nur die Zukunft sei wichtig, damit endlich das Elend überwunden werden kann. Ich habe ihnen erklärt, dass auch die Vergangenheit Schätze birgt, die Schätze eben von Bethlehem. Und was das für Schätze seien, fragten sie. Ich versuchte zu erklären. Es war nicht einfach, denn Bethlehem ist für sie so weit, eine andere Welt. Ich sagte, die Schätze liegen darin, dass sich Menschen und Völker verstehen, die früher immer im Krieg miteinander lagen, dass Brücken gebaut werden, dass die Armen mit den Reichen an einem Tisch sitzen, dass diejenigen die am Computer arbeiten mit denen plaudern, die einen Ochsenkarren ziehen, dass Menschen mit einander scherzen und lachen, die ganz verschiedene Sprachen sprechen, dass Menschen mit einander spielen und tanzen, die vorher aufeinander geschossen haben. Meine Zuhörer in den Ländern Amerikas konnten das gar nicht glauben. Sie meinten, ich mache ihnen nur etwas vor, ich erzähle ihnen von einem Land, das es gar nicht geben könne. Schlaraffenland nannten sie es. Nein, sagte ich, es ist Wirklichkeit, dort wo das Kind von Bethlehem aufgenommen werde, sei Liebe Wirklichkeit, Wahrheit. Sie staunten und konnten es kaum glauben. Aber meine Überzeugung sprang auf sie über. Schließlich ging es bei ihnen wie bei Dir, Kasper, in Afrika. Sie glaubten, weil ich glaubte. Und so konnte ich – wo immer ich von Bethlehem erzählt habe – ein wenig Licht, Hoffnung und Liebe verbreiten.

Und was machen wir nun mit Köln, fragte Kaspar. Schließlich sind wir seit fast 1000 Jahren hier zuhause. Wir haben uns um Afrika, Asien und Amerika gekümmert. Und fast hätten wir Köln vergessen. Fast hätten wir Deutschland vergessen und Europa.

Melchior, meinte, dann geht es dir wie den meisten Europäer. Sie vergessen Europa und das es mal ganz stark vom Kind von Bethlehem geprägt war. Dass das Kind von Bethlehem und seine Botschaft hier eine riesige Rolle spielte. Das jedes Kind ein Geschenk war, eben wie das Kind von Bethlehem.

Balthasar sagte: ja die Europäer scheinen mit den Kindern Probleme zu haben.

Sind sie krank, fragte Kasper. Komisch, jetzt waren wir schon so viele Jahrhunderte hie in unseren Schreinen und kennen Köln und Deutschland und Europa nicht. Vielleicht müssen wir anfangen, uns um unsere neue Heimat hier im Herzen von Europa zu kümmern. Was nützt es, wenn wir solche Erfolge aus unseren Herkunftsländern haben, aber in unserer neuen Heimat hier am Rhein geht alles den Bach hinunter.

Du meinst: den Rhein hinunter.

Ja – natürlich: den Rhein hinunter.

Lasst uns doch jetzt mal auf den Straßen von Köln anfangen. Fragen wir mal die Leute, was eigentlich an Weihnachten gefeiert wird. Und wenn sie uns dann nicht richtig antworten können, dann erzählen wir ihnen mal vom Geheimnis von Bethlehem. Ich bin sicher, dass die intelligenten Kölner mindestens so viel verstehen wie die Leute in Afrika, Asien und Amerika.

Machen wir, sagte Melchior. Gesagt, getan. Die heiligen drei Könige, machten sich auf den Weg zum Hauptportal des Kölner Domes. Das aber war noch zu. Fest verschlossen. Dann müssen wir halt warten, bis aufgemacht wird. Und so stehen sie und warten – bis der Kölner Dom aufgemacht wird. Und dann erzählen sie den Kölnern, den Deutschen und den Europäern, was an Weihnachen gefeiert wird.

Nachsatz: als der Domküster entdeckte, dass die Schreine der heiligen drei Könige leicht geöffnet waren, war er sehr aufgeregt. Er ließ umgehend den Erzbischof von Köln, Kardinal Joachim Meisner holen und auch den Oberbürgermeister informieren, sowie den Ministerpräsidenten in Düsseldorf. Bald hörte man Polizeiautos mit Sirenen und sah ihr Blaulicht. Die Gerufenen kamen in den Dom und seither sucht die Geheimpolizei die Diebe der heiligen drei Könige. Die aber sind auf den Straßen von Köln unterwegs und erklären allen Leuten das Geheimnis von Weihnachten.

P. Eberhard v. Gemmingen SJ



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