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Liebe
Exerzitantinnen und Exerzianten,
Die
geistlichen Übungen, die hier vorgelegt werden, sind in der
Fastenzeit 2008 von
Radio Vatikan ausgestrahlt worden. An den Samstagen und Dienstagen
während der
vierzig Tage ging je eine Betrachtung in den Äther.
Der
Grundtenor der Betrachtungen lautet: „Wir gehen mit Jesus nach
Jerusalem“.
Daher habe ich den ganzen Weg auch in Abschnitte von je 20 Kilometern
eingeteilt. Das mag ein wenig spielerisch klingen, soll aber immer
wieder daran
erinnern, dass wir eben auf dem Weg sind – auf dem Weg zu Tod und
Auferstehung
Jesu. Wir wollen ihn begleiten, uns von ihm ansprechen lassen, ihn
besser
kennen lernen.
Bei
geistlichen Übungen nach Ignatius von Loyola geht es immer darum,
dass der
einzelne Übende hört, was Gott ihm sagen will. Nicht der
Exerzitienbegleiter
ist entscheidend, sondern der heilige Geist. Er lehrt jedem durch die
inneren
Bewegungen, was Gott von ihm oder ihr will. Die Betrachtungen, die ich
hier
vorlege, sind also nur Anregungen, um selbst auf die Stimme Gottes zu
hören.
Der heilige Geist ist der eigentliche Exerzitienbegleiter.
Pater
Eberhard von Gemmingen SJ,
Rom
11. 11. 2007
Fest
des Heiligen Martin von Tour
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***
1. Jesus
richtet seine Augen nach Jerusalem
200 Kilometer bis Jerusalem
Liebe Exerzitanten,
bevor ich ihnen die
erste Betrachtung vorlege, möchte ich
ihnen einiges über Exerzitien im Allgemeinen sagen – jedenfalls so
wie wir
Jesuiten sie verstehen. Durch die Exerzitienbetrachtungen sollten sie
erfahren,
was Gott ihnen ganz persönlich sagen möchte. Die
Überlegungen, die ich ihnen
vorlege, sollen nur ein Anstoß sein, selbst zu beten und auf
Gottes Stimme zu
hören. Wir gehen nämlich davon aus, dass er uns
persönlich etwas sagen will.
Nicht der Exerzitienbegleiter gibt Weisung, sondern er hilft nur, auf
die
Stimme Gottes zu hören. Damit wir aber hören, was Gott uns
sagen will, ist es
gut, Bitten und Fragen zu haben. Wir sollen zu Anfang jeder Betrachtung
ihn um
etwas bitten, z.B. dass wir Jesus besser kennen lernen, dass wir unsere
Lebensweg
und die nächsten Schritte auf ihm besser finden, dass Zweifel
überwunden
werden. Wir sollten unsere ganz persönliche Bitte an ihn an den
Anfang stellen.
Die Bitte soll sich aber nicht auf irgendwelche Kleinigkeiten beziehen,
sondern
auf wichtige Fragen in unserem Leben. Z.B. lass mich erkennen, wie ich
im
jetzigen Zeitpunkt weitergehen soll, wie ich mich entscheiden soll,
lass mich
erkennen, was Du jetzt von mir wünschest. Und dazu ist es gut,
sich zu Anfang
jeder Betrachtung klar zu machen: Gott ist bei mir, er sieht mich, er
sieht in
mich hinein. Ich darf bei ihm verweilen. Er hat jetzt Zeit für
mich.
Damit sie während
der Wochen dieser Fastenexerzitien ein
bisschen intensiver beten und betrachten können, sollen sie sich
für jeden Tag
10 bis 30 Minuten Zeit nehmen. Lieber mehr als weniger. Sie sollten
anfangs
entscheiden, ob sie das morgens oder abends oder wann machen wollen. Es
sollte
wenn möglich eine gleich bleibende Zeit sein. Und sie sollten
einen gleich
bleibenden Platz in der Wohnung wählen, an dem sie sich sammeln
können, der zur
Ruhe einlädt, wo kein Durcheinander ist. Wenn sie sich
bemühen, den Rahmen gut
zu machen, dann werden sie mehr Früchte ernten können.
Und nun kommen wir zur
ersten Betrachtung:
Jesus richtet seinen
Blick nach
Jerusalem
Wir schauen zurück:
Jesus ist mit etwa 30 Jahren von
Nazareth weggezogen. Er hatte erstaunlicherweise nicht geheiratet.
Darüber
hatte sich seine Umgebung schon den Mund fusselig geredet. Es war
vielen
Menschen in dem Kleinstädtchen aufgefallen, dass er einfach
„anders“ war als
die meisten jungen Männer. Er war zwar eingepasst in die fromme,
jüdische
Ordnung, war regelmäßig am Sabbat in die Synagoge gekommen,
war einmal jährlich
mit den Bewohnern des Städtchens nach Jerusalem gepilgert, er
hatte mit seinen
Eltern die religiösen Feste gefeiert. Obwohl dieser Jesus
einerseits ein ganz
normaler jüdischer junger Mann gewesen war, war er doch
andererseits auch sehr
anders als seine Altersgenossen. Worin diese Andersartigkeit bestand,
konnte
niemand in Nazareth so genau sagen. Viele widersprachen sich auch.
Gemeinsam
war nur ihr Überzeugung: Jesus passt nicht so ganz in den Rahmen,
in das Schema
– oder auch in die Schublade, wie man so sagt.
Dann eben mit rund 30
Jahren war er plötzlich verschwunden.
Es wurde wahrgenommen: man sieht ihn nicht mehr. Was mit ihm geschehen
ist,
wusste niemand. Sein Vater Joseph war ja schon frühzeitig
gestorben, seine
Mutter Maria wehrte mit Zeichen ab, wenn man sie danach fragte. Sie
wollte
offenbar nicht darüber sprechen.
Nun aber war Jesus
plötzlich mit einem Freundeskreis wieder
aufgetaucht. Es sprach sich herum, dass er erstaunliche Reden hielt,
dass
unglaublich viele Menschen ihm wie fasziniert zuhörten, dass er
offenbar
Einsichten hatte und verkündete, die von dem, was andere Lehrer
lehrten, so
unglaublich verschieden war. Und dann ging es von Mund zu Mund – in und
um
Nazareth – dass er Kranke heilte, dass er Aussätzige rein machte,
dass er
Lahmen die Möglichkeit wieder schenkt, zu gehen und zu springen.
Es sprach sich
wie ein Lauffeuer herum: dieser seltsame Jesus ist wieder in der
Gegend, kommt
zu ihm, um ihn zu hören, bringt eure
Kranken mit, damit er sie heilt.
Nehmen wir dies als
Hintergrundschilderung. Das meiste
kennen wir ja aus der Heiligen Schrift.
Heute geht es zum Anfang
dieser geistlichen Übungen in der
Fastenzeit um Jesu Ausrichtung nach Jerusalem. Das Evangelium nach
Lukas
unterstreicht diesen Gang Jesu in die Stadt Gottes in besonderer Weise.
Die
Kapitel 9 bis 19 behandeln Jesu Weg nach Jerusalem. Wenn Sie wollen,
könnten
Sie diese Kapitel Stück für Stück im Lauf der
nächsten Tage und Wochen lesen.
Da wir in der Fastenzeit stehen und uns auf Ostern vorbereiten, folgen
wir in
diesen Exerzitien diesem Lukanischen Schema: Jesus ist auf dem Weg nach
Jerusalem. Heute sind es bis dorthin noch 200 Kilometer. Wir werden in
acht
Tagen täglich 25 Kilometer zurücklegen, um dann vor dem
Palmsonntag vor den
Toren Jerusalems zu stehen. Unser Weg führt nämlich nicht
schnurstracks vom See
Genesareth nach Jerusalem, sondern wir machen ein paar Umwege.
Warum will Jesus
unbedingt nach Jerusalem? Was spricht
dagegen, was spricht dafür? Warum muss es Jerusalem sein? Das ist
heute unser
Betrachtungsstoff.
Und wenden wir es gleich
auf uns selbst an: Wo will Gott
mich hinschicken? Wo ist mein Ziel, vielleicht mein Fernziel? Wo sollte
ich
eigentlich hin, vor dem ich mich vielleicht fürchte und
drücke? Wo will Gott
mich haben? Jesus hat sein Ziel Jerusalem fest ins Auge gefasst, obwohl
er
wusste und wenigstens ahnte, dass es dort um Leben und Tod gehen
würde. Fassen
wir unser Ziel fest ins Auge?
Warum will Jesus
unbedingt nach Jerusalem?
Weil Jerusalem das
Zentrum des von Gott auserwählten Volkes
ist. Weil Jesus sich berufen sieht, den Plan Gottes mit seinem Volk zu
vollenden. Durch das auserwählte Volk Israel soll die Welt zur
Erkenntnis des
Schöpfergottes kommen. Das Schicksal der von Gott geschaffenen
Welt hängt also
von Israel, hängt wesentlich von Jerusalem ab.
Jesus sieht sich nicht
nur berufen, vielen einzelnen das
Reich Gottes zu verkünden, vielen Einzelnen erleben zu lassen,
dass das Reich
Gottes schon angekommen ist. Das erleben sie vor allem auch durch die
Frohe
Botschaft, die Jesus verkündet und durch die Wunder, die er da und
dort wirkt.
Ihm sind die Wunder nicht das Wichtigste. Sie sind für ihn nur ein
Zeichen,
dass das Reich Gottes mit seiner Verkündigung wirklich schon vor
der Türe
steht. Jesus sieht sich also nicht nur berufen, viele Einzelne
anzusprechen,
sondern das ganze Volk zu gewinnen. Dies wird repräsentiert durch
die
Verantwortlichen in Jerusalem. Es geht Jesus darum, dass Jerusalem
durch seine
Verantwortlichen die frohe Botschaft des Vaters annimmt, Wenn Jerusalem
das
tut, dann hat Israel seine Berufung erfüllt, wenn nicht dann hat
Israel seine
Berufung verfehlt.
Und nun gehen wir einen
Schritt weiter: Jesus hat im Gebet
erfahren, dass Jerusalem seinen Ruf, seine Verkündigung nicht
annimmt. Daher
muss Jesus seinen Jüngern dreimal erklären, dass er in
Jerusalem von den Hohen
Priestern verworfen und verurteilt werden wird. Nicht nur das, sondern
er sagt
ihnen auch eindringlich und nachdrücklich, dass er gemartert und
hingerichtet
werden wird. Sie können es nicht verstehen und nicht glauben.
Jesus sagt aber
auch dazu, er werde am Dritten Tag auferweckt werden. Das können
sie erst recht
nicht verstehen und annehmen. Jesus ist also einsam, obwohl er von
Menschen
umgeben ist, die sich für seine Freunde halten.
Ich schlage Ihnen vor,
wenigstens eine Viertel- oder besser
eine halbe Stunde folgendes zu betrachten und sich vorzustellen:
Jesus steht oder sitzt
ganz allein auf einem Hügel. Hier
betet er lange Zeit. Es ist frühmorgens. Er ist vor allen anderen
aufgestanden
und hier ein paar hundert Meter von den Seinen, die da unten noch
schlafen, in
die Höhe gegangen. Hier ist er umgeben vom aufgehenden Tag. Im
Osten dämmert
es. Er aber schaut nach Süden und weiß: in vierzig Tagen
werde ich vor den
Toren von Jerusalem stehen. Sie kennen von Bildern die gewaltigen
Mauern von
Jerusalem. So ähnlich muss Jesus sie gekannt haben. Er stellt sie
sich vor. Sie
werden überragt vom Tempel, den wir nicht mehr kennen. Jesus
schickt von einem
Morgenhügel seine Gedanken nach Jerusalem. Er denkt daran, dass es
die Stadt
des großen Königs und Vorfahren David war. Dass dieser David
sein ganzes Vertrauen
auf den Vater, auf Jahwe gesetzt hat. Jesus bittet den Vater im Himmel,
Jerusalem möge seine Verkündigung des Reiches Gottes
annehmen. Jerusalem möge
seine Berufung erkennen und ernst nehmen. Genauer denkt Jesus und betet
Jesus,
dass die Hohen Priester sich nicht nach den Römern und nach dem
Machterhalt
richten, sondern sich ihrer eigenen geistlichen Berufung bewusst
werden, dass
sie an Jahwe und seine Macht glauben können und nicht pragmatisch
nur nach dem
fragen, was politisch möglich und nützlich ist. Jesus
weiß, dass die Hohen
Priester im Grunde nur an ihren Posten hängen, dass sie nicht an
die
Möglichkeiten Gottes denken. Aber Jesus bittet den Vater
inständig, die
Verantwortlichen mögen eben doch ihre Berufung erkennen und
ausfüllen. Und
gleichzeitig weiß Jesus: sie werden es nicht tun, sie werden ihn
beseitigen.
Jesus zittert bei dem Gedanken und empfiehlt sich seinem Vater, der ihn
durch
alles Elend begleiten wird. Und Jesus weiß voraus, dass Israel
seine Chance
nicht wahrnimmt, dass die Verantwortlichen im Namen des Volkes den
Messias
ablehnen werden. Und er weiß voraus, dass dies das Drama des
Vaters in der
Geschichte ist, dass Gott sein Reich nur ausbreiten kann durch das
Scheitern
hindurch, durch Ablehnung, durch Leid und Kreuz und Tod. Aber Jesus
glaubt
daran, dass der Vater seinen Weg durch die Auferstehung gehen wird.
Jesus
zittert beim Gedanken an das eigene Leiden, aber er zittert auch beim
Gedanken,
dass Gottes Wege vom Menschen
durchkreuzt werden und der Vater nur durch das Kreuz hindurch siegen
kann und
siegen wird.
Schauen
Sie lange und
interessiert auf diesen Jesus, der nach Jerusalem blickt. Und dann
fragen Sie
sich: Wohin soll und darf ich mich ausrichten, wohin führt mein
Leben, wovor
habe ich Angst, wovor fliehe ich?
Dann
verharren Sie
eine Weile bei Jesus, schauen Sie ihn an, wie er betet und seinen Blick
nach
Jerusalem richtet, wie Er den Willen des Vaters annimmt und aufbricht,
obwohl
er weiß, welch schlimmes Schicksal seiner in Jerusalem wartet.
Und lesen
Sie zwei
kurze Texte aus dem
Lukasevangelium:
Kapitel 9, 51 – 56
„Als die Zeit herankam,
in der Jesus in den Himmel
aufgenommen werden sollte, entschloss er sich, nach
Jerusalem zu gehen Und er schickte Boten vor sich
her. Diese kamen
in ein samaritisches Dorf und wollten eine Unterkunft für ihn
besorgen.
Aber man nahm ihn nicht
auf, weil er auf dem Weg nach
Jerusalem war.
Als die Jünger
Jakobus und Johannes das sahen, sagten sie:
Herr, sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie
vernichtet? Da
wandte er sich um und wies sie zurecht. Und sie gingen zusammen in ein
anderes
Dorf.“
Lukas
Kapitel 18, 31 – 34
„Jesus versammelte die
Zwölf um sich und sagte zu ihnen:
Wir gehen jetzt nach Jerusalem hinauf, dort wird sich alles
erfüllen, was bei
den Propheten über den Menschensohn steht. Er wird den Heiden
ausgeliefert,
wird verspottet, misshandelt und angespuckt werden,
und man wird ihn
geißeln und töten. Aber am dritten Tag
wird er auferstehen. Doch die Zwölf verstanden das alles nicht;
der Sinn der
Worte war ihnen verschlossen und sie begriffen nicht, was er sagte.„
Psalm 122
Ich freute mich, als man
mir sagte: / «Zum Haus des Herrn
wollen wir pilgern.»
Schon stehen wir in
deinen
Toren, Jerusalem: /
Jerusalem, du starke
Stadt, / dicht gebaut und fest gefügt.
Dorthin ziehen die
Stämme
hinauf, die Stämme des Herrn, / wie es Israel geboten ist, / den
Namen des
Herrn zu preisen.
Denn dort stehen Throne
bereit
für das Gericht, / die Throne des Hauses David.
Erbittet für
Jerusalem Frieden!
/ Wer dich liebt, sei in dir geborgen.
Friede wohne in deinen
Mauern, /
in deinen Häusern Geborgenheit.
Wegen meiner Brüder
und Freunde
/ will ich sagen: In dir sei Friede.
Wegen des Hauses des
Herrn,
unseres Gottes, / will ich dir Glück erflehen.
Heute
sind es noch 200 Kilometer bis Jerusalem
***
Seele
Christi heilige mich,
Leib Christi erlöse mich,
Blut Christi tränke mich,
Wasser der Seite Christi wasche mich,
Leiden Christi stärke mich,
O gütigster Jesus erhöre mich!
Verbirg in Deinen Wunden mich,
Vor dem bösen Feinde beschütze mich,
Und heiße zu Dir kommen mich,
Damit ich möge loben Dich
Mit Deinen Heiligen ewiglich.
AMEN.
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2. Jesus
betet in der
Einsamkeit
180
Kilometer bis Jerusalem
Ich
lade Sie wieder ein, Ihr Exerzitiengebet zu beginnen
mit dem Glaubensakt, dass Gott Sie sieht, dass er bei Ihnen ist und
tief in Sie
hineinschaut. Schauen wir zurück auf die letzte Betrachtung und
die letzten
Tage: Ist mir etwas aufgegangen, wollte Gott mir etwas sagen, bin ich
mit einer
Frage umgegangen, hat mich etwas besonders bewegt? Was war gut an
meinem Beten
und Betrachten? Vielleicht sollten sie sich aufschreiben, was für
sie wichtig
war. Dann bitten sie Gott um das, worum
es heute geht. Bitten Sie ihn: Herr lehre mich beten. Mathäus 6, 5
bis 15.
Wer ein wenig aufmerksam
die Evangelien liest, stolpert
immer wieder über den Hinweis, dass Jesus allein auf einen Berg
gestiegen ist,
um zu beten. Wir wollen uns heute mit dem Beten befassen. Und wollen am
Ende
auch fragen: wie bete ich, was ist gut, was weniger, was soll ich
ändern?
Denken Sie also von Anfang an auch an Ihr persönliches Beten.
Jesus hat offenbar vor
allem alleine gebetet, er ist dazu
nicht in die Synagoge gegangen, sondern an einen einsamen Ort, an einen
Platz
in gewisser Distanz zu den anderen Menschen, in die Einsamkeit, wohl
oft auf
einen Berg oder einen Hügel. Wir können uns ruhig jetzt schon
Jesus vorstellen,
wie er vielleicht früh morgens bei der Morgendämmerung auf
einem kleinen Felsen
sitzt oder auch steht. Gelingt es Ihnen auch ein wenig, sich eine
Mittelmeerlandschaft vorzustellen? Da gibt es nicht einfach wie bei uns
Felder,
die man nicht betreten kann und darf, auch keine Wälder, sondern
es gibt eine
steinige Landschaft mit allerlei Kräutern, mit Disteln, kleinen
Nadelbäumchen
und Felsen. Hier finden wir Jesus oft morgens in aller Frühe, wenn
sonst alles
noch schläft. Langsam dämmert es im Osten.
Wie betet Jesus: Ich
stelle mir vor, dass er vor allem vor
dem Vater im Himmel geschwiegen hat, dass er einfach vor Ihm da war,
dass er
sich anschauen ließ, dass er wusste, Gott, der Vater, schaut mir
ins Herz. Ich bin bei
Ihm, er ist bei mir. Ich
weiß, dass wir das Verhältnis des irdischen Jesus zum Vater
nicht verstehen
können, denn er war ja Gottes wirklicher Sohn, aber ich glaube,
wir dürfen uns
vorstellen, wie wir beten würden.
Viele Christen stellen
sich ja vor, dass Beten vor allem
darin besteht, Gott etwas zu sagen, ihm zu danken, ihn zu loben und vor
allem
ihn um etwas zu bitten. Ich denke, diese Vorstellung ist wirklich um
Einiges zu
eng. Das deutsche Wort „Beten“ hat zwar sprachlich mit „Bitten“ zu tun,
Aber
unter Beten verstehe ich viel mehr. Und wenn wir Jesu Beten ein wenig
ahnen
wollen, dann sollten wir unsere Vorstellung von Beten noch etwas
erweitern.
Ich meine, Beten
bedeutet vor allem einmal, vor Gott
einfach da sein. Bei Gott sein. Dazu ist es gut, sich zunächst mal
vorzustellen, Gott sieht mich, hört mich, ja man darf sogar sagen:
er riecht
und schmeckt und fühlt mich. Wenn irgend jemand uns nahe sein
kann, dann Gott.
Und dieses Sich-Bewußtmachen, dass Gott da ist, hier bei mir ist,
dies ist
schon Beten. Oder noch anders gesagt: ich lasse mich von ihm anschauen.
Ich
lasse ihn in mich hineinschauen. Dabei muss gar nichts herauskommen. Es
muss
nichts gelingen, es muss nichts geschehen. Ich muss nur geduldig und
friedlich
mich anschauen lassen, bei ihm sein und bleiben.
Ich denke, so etwa war
auch Jesu Beten. Er ließ den Vater
in sich hineinschauen. Und das gab ihm unglaubliche Kraft.
Denken wir an
große Heilige: Sie hatten Kraft, sie waren
stark, sie konnten aus großer Gottnähe sprechen und
überzeugen. Manchmal mit
großen Massen, manchmal mit einzelnen Menschen. Menschen, die aus
dem Gebet
kommen, haben Kraft, Menschen, die in Gott verankert sind, haben Kraft.
Von
ihnen geht Kraft aus. Und weil Jesus so gebetet hat, daher ist von ihm
– wie es
im Evangelium heißt – Kraft ausgegangen und daher konnte er
sprechen wie einer,
der Vollmacht hat.
Ich weiß: Jesus
war Gottes Sohn, daher hatte er Vollmacht,
aber ich glaube, es ist nicht verboten anzunehmen, dass er ganz
menschlich
gesehen diese Vollmacht hatte, weil er aus dem Gebet kam und ins Gebet
zurückging. Von ihm ging – auch wenn es gar nicht ausdrücklich wollte - eine heilende
Kraft aus, weil er sich betend in
Gott versenkt hatte.
Also: Beten heißt
vor allem nicht, Gott um etwas Bitten,
auch nicht Gott Loben, sondern vor allem: Bei Gott Dasein. Es
längere Zeit und
in Ruhe ohne Hetze bei Ihm aushalten. Bei ihm Bleiben, sich von ihm
Anschauen
lassen. Man kann noch einen kleinen
Schritt weiter gehen und sagen: Beten bedeutet für den getauften
Christen: zu
Jesus in die eigene Seele hinein steigen. Er wartet ja auf dem Grund
der
eigenen Seele auf uns. Es ist ein bisschen wie ein tiefer Brunnen, tief
in
unserem Inneren. Wenn wir zu Ihm hinuntersteigen, dann – so dürfen
wir schon
sagen – können wir Ihn auch aus der inneren Tiefe heraufholen, und
Er wird
durch unsere Augen die anderen Menschen anschauen. Wenn wir nicht in
die Tiefe
zu Ihm hinuntersteigen, dann bleibt er zwar da, gegenwärtig, auf
uns wartend,
aber eben verborgen. Wir dürfen und sollen Ihn herauf- und
herausholen.
Eine einzige spezielle
Form des Betens möchte ich noch
unterstreichen: Die Anbetung. Die Grundlage allen Betens ist ja doch
die
Anbetung. Sie ist das, was die Engel tun. Sie brauchen ja nichts zu
erbitten,
zu erfragen, sie brauchen nicht anzuklagen, zu stöhnen. Sie sind
in einem
Zustand, dass sie nur anbeten. Ich möchte es Ihnen ganz konkret
vorschlagen.
Beginnen Sie Ihren Tag mit dem Gebet:
In
Demut bet ich Dich dreifaltge Gottheit an,
die
Du den Schleier hier des Heil`gen umgetan – wenn Sie vor einem sakralen
Bild
beten –oder
die
Du den Schleier hier des Kosmos umgetan – wenn Sie im Freien sind.
Mein
Herz, das ganz in Dich anschauend sich versenkt,
sei
ganz Dir untertan, sei ganz Dir
hingeschenkt
Dann können Sie auch noch das „Heilig, heilig,
heilig“ der Messe beten
und sogar auch noch das Gloria:
Ehre
sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden
wir
loben Dich, wir preisen Dich, wir beten Dich an…..
Zurück zu den
Evangelien. Gehen Sie einfach einmal durch
Matthäus, Markus oder Lukas und schauen Sie nach den Stellen, wo
es heißt:
Jesus habe alleine in der Einsamkeit gebetet.
Ich möchte aber
hier noch an einige besondere Stellen des
Betens Jesu erinnern.
Erstens: Jesus in der
Wüste. Da heißt es zwar vor allem, er
habe gefastet. Wir dürfen aber wohl verstehen, dass er sich da
besonders dem
Blick Gottes ausgesetzt hat. Wüste ist Einsamkeit, alles
Störende entfällt, man
ist ganz bei sich und kann ganz bei Gott sein. Sich ununterbrochen wie
von der
Sonne, so von Gott anschauen und durchglühen lassen. Also
Wüste.
Zweitens: Vor der Wahl
der Jünger, der Zwölf: Hier heißt
es, er habe die ganze Nacht gebetet, also nicht nur ein paar Stunden am
Morgen.
Offenbar war die Jüngerwahl so wichtig, dass er die ganze Nacht
durchgebetet
hat.
Drittens: Ölberg:
Hier schreit Jesus eine Bitte gleichsam
heraus: lass diesen Kelch an mir vorübergehen
- doch nicht mein Wille geschehe, sondern
der Deine. Also Jesus kennt auch das Bittgebet,
aber
entscheidend war wohl Jesu Beim Vater-Sein, das
Sich-dem-Blick-des-Vaters-Aussetzen. Woher hätte Jesus seine Kraft
und seine
Vollmacht gehabt, wenn nicht davon.
Versuchen Sie, sich vor
dem Beten immer wieder ins
Bewusstsein zu rufen: Erstens Gott steht vor meiner Türe und
klopft an. Höre
ich Ihn? Und zweitens: Gott wartet auf uns, er wartet auf Sie – ganz
geduldig.
Und –ein Blick nach
vorne: Ich meine, die Persönlichkeiten,
die vor allem das klassische Europa geprägt haben, sind aus dem
Gebet gekommen:
Der Heilige Benedikt von Nursia, der Heilige Franz von Assisi und der
Heilige
Ignatius von Loyola. Und – nicht zu vergessen – die Frauen: Hildegard
von
Bingen, Teresa von Avila und Mary Ward. Vermutlich gilt dies auch von
Buddha.
Beter gestalten Geschichte, schaffen Kultur. Wenn jemand Europa sein
Gesicht
gegeben hat, dann ist es Jesus Christus.
Fragen
für Sie: Wie
bete ich bisher, was ist gut, was weniger, was soll ich ändern, in
welche
Richtung soll ich ändern?
Nehmen
Sie zum
Einstieg in die Betrachtung diesen Text der Heiligen Schrift:
Matthäus
6, 5 bis 15.
Jesus sprach: Wenn ihr
betet, macht es nicht wie die
Heuchler. Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die
Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, das
sage ich euch:
Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. Du aber geh in deine Kammer,
wenn du
betest, und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater,
der im Verborgenen
ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.
Wenn ihr betet, sollt
ihr nicht plappern wie die Heiden,
die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen.
Macht es nicht
wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn
bittet.
So sollt ihr beten:
Unser Vater im Himmel, / dein Name
werde geheiligt, dein Reich komme, / dein Wille geschehe / wie im
Himmel, so
auf der Erde. Gib uns heute das Brot, das wir brauchen. Und erlass uns
unsere
Schulden, / wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben. Und
führe uns
nicht in Versuchung, / sondern rette uns vor dem Bösen. Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen
vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt,
dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.
Heute
sind es noch 180 Kilometer bis Jerusalem.
***
Veni,
Sancte Spiritus et emitte coelitus
lucis tuae radium,
Veni, pater pauperum, veni, dator munerum, veni, lumen cordium.
Consolator optime, dulcis hospes animae, dulce refrigerium.
In
labore requies, in aestu temperies, indletu solacium.
O lux beatissima, reple cordis intima tuorum fidelium.
Sine
tuo numine nihil est in homine, nihil est innoxium.
Lava quod est sordidum, riga quod est aridum, sana quod est saucium.
Flecte quod est rigidum, fove quod est frigidum, rege quod est devium.
Da
tuis fidelibus in te
confidentibus sacrum septenarium.
Da virtutis meritum, da salutis exitum, da perenne gaudium.
Amen. Alleluja
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3. Jesu
Fasten und
Versuchung
160
Kilometer bis Jerusalem
Fasten ist modern. Von
Versuchung sprechen ist höchst
unmodern. Heute fasten in Mitteleuropa ziemlich viele Menschen der
Gesundheit
und der Schönheit wegen. Das Fasten in der Religion aber hat eine
andere
Bedeutung: man will Buße tun und der Fastende setzt sich Gott
aus. Das aber ist
dann auch die Situation, in der der Fastende besonders exponiert ist,
um vom
Satan versucht zu werden. Dafür ist die Wüste besonders
geeignet.
Blicken
wir einen
Augenblick zurück, um nicht zu vergessen, was Gott uns durch die
Betrachtungen
in den letzten Tagen sagen wollte.
Stellen
wir uns dann
wieder in die Gegenwart Gottes, versuchen wir – wie Jesus - ganz einsam
zu
sein. Fragen wir, wie wir uns eine Weile einmal ganz Gott aussetzen
können.
Fragen wir uns, wie wir eine Weile so leben können, als wären
wir in der Wüste.
Und dann schauen wir
Jesus in der Wüste an. Er ist einsam,
Kilometer weit keine Menschenseele. Sandwüste um ihn oder
gebirgige Steinwüste.
Halten wir es in der Einsamkeit eine Weile bei ihm aus. Hören wir
den Wind,
spüren wir auf der Haut den Wind und die Sonne, Hitze und
Kälte. Und fasten wir
mit Jesus, spüren wir seinen Hunger. Und dann lesen wir das
Evangelium von der
Versuchung Jesu:
Matthäus
4, 1 – 11
„Dann wurde Jesus vom
Geist in
die Wüste geführt, dort sollte er vom Teufel in Versuchung
geführt werden. Als er vierzig Tage
und vierzig Nächte
gefastet hatte, bekam er Hunger. Da trat der Versucher an ihn heran und
sagte:
Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot
wird. Er
aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht
nur von Brot,
sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt. Darauf nahm ihn der
Teufel mit
sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu
ihm:
Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt
in der Schrift:
Seinen Engeln befiehlt er, / dich auf ihren Händen zu tragen, /
damit dein Fuß
nicht an einen Stein stößt. Jesus
antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den
Herrn, deinen Gott,
nicht auf die Probe stellen. Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und
führte ihn
auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer
Pracht
und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir
niederwirfst und mich anbetest. Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir,
Satan! Denn
in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich
niederwerfen
und ihm allein dienen. Darauf ließ der Teufel von ihm ab und es
kamen Engel und
dienten ihm.“
Kein Wunder, dass beim
Alleinsein in der Wüste und beim
Fasten im Inneren versucherische Gedanken aufsteigen. Der Satan kommt
nicht von
außen. Da wäre er ja leicht zu erkennen und abzuwehren. Der
Satan kommt von
innen mit vernünftigen Gedanken: Warum nicht aus den Steinen Brot
machen? Ist
das verboten, ist das Sünde? Warum nicht tun, wenn Gott schon die
Kraft dazu
gibt?
Wir müssen die
Worte des Apostels Paulus ganz ernst nehmen,
Jesus sei uns in allem gleich geworden – außer der Sünde.
Also war er wirklich
und nicht nur scheinbar der Versuchung ausgesetzt. Und im
Hebräerbrief heißt
es, er habe durch Leiden Gehorsam gelernt. Wir müssen also nicht
annehmen, dass
Jesus als Gottes Sohn weit über wirklichen Versuchungen stand,
dass er ganz
anders war als wir. Nein, er hat unser Schicksal, unsere Menschsein
ganz
angenommen und war daher versuchbar wie wir. Daher dürfen wir
denken, die
Versuchung durch den Satan sei nicht gleichsam nur von außen an
ihn herangetreten.
Nein, sie kam in seinem Inneren. Er kam selbst auf den Gedanken, dass
er ja aus
Steinen Brot machen könnte, um seinen Hunger zu stillen. Dieser
Gedanke nagte
an ihm, zerfraß ihn gleichsam innerlich, bohrte in seinem
Fleisch. Er hatte ja
Hunger. Und es war nicht nur eine ganz fleischliche Lust, es war
gleichzeitig
eine fast fixe Idee in seinem Kopf. Mach Brot aus den Steinen. Nur wenn
wir uns
die Versuchung so vorstellen, kommen wir an das heran, was Versuchung
wirklich
meint. Ein inneres Ringen, einen Kampf. Denken wir an den
nächtlichen Kampf
zwischen dem Patriarchen Jakob und dem Engel. So müssen wir uns
das Ringen Jesu
mit der Versuchung vorstellen. Und Jesus geht vielleicht tagelang mit
diesem
Gedanken um. Immer wieder erkennt er: dieser Gedanke ist nicht vom
Vater, aber
immer wieder kommt im Hunger die Idee: kann es böse, kann es
Sünde sein, aus
Steinen Brot zu machen, wenn man es kann? Morgens vielleicht erkennt
Jesus,
dass diese Gedanken nicht gott-gemäß sind, aber abends steht
der Gedanke wieder
im Raum: warum denn nicht die Kraft einsetzen, die ihm gegeben ist. Es
war
nicht nur ein kurzes Zwiegespräch zwischen Jesus und dem Satan, es
war wohl –
wenn es eine wirkliche Versuchung war – ein langes, zähes,
leidvolles Ringen.
Wenn Versuchung nicht nur ein frommes Schauspiel war, dann war es ein
Ringen um
Leben und Tod, um Sünde und Heil. Je reiner der Versuchte, umso
schrecklicher
die Versuchung. Und schließlich ringt Jesus sich durch zu dem
Satz der Bibel
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus
dem
Munde Gottes kommt“. Jesus ringt sich durch zu der Erkenntnis und dem
Schluss:
Du lebst ebenso vom Gehorsam wie vom Brot, ebenso von der Hingabe an
Gottes
Willen wie von Speise. Und seine Seele beruhigt sich. Es heißt erst am Ende der drei Versuchungen, der Satan
habe von
ihm gelassen.
Und dann kam Jesus –
vielleicht im Schlaf, träumend – der
Gedanke: steig auf die Zinne des Tempels, spring herunter, Engel werden
Dich
tragen und das staunende Volk wird Dir zu Füßen liegen.
Menschen brauchen die
Show, brauchen Showeffekte. Vertrau auf Gottes Engel und gib den
Menschen, was
sie brauchen. Dann werden sie an Dein Wort, an das Evangelium glauben.
Auch
dies war wohl ein langes Ringen – wenn es denn eine wirkliche
Versuchung war,
wenn es nicht nur zu unserer Erbauung in der Bibel steht. Nein, es war
ein
versucherischer Gedanke aus dem Herzen Jesu, mit dem der Herr gerungen
hat.
Lange und intensiv. Schwer – vielleicht bis ihm der Schweiß in
Blutstropfen aus
den Poren drang. Und dann irgendwann – vielleicht nach vielen Tagen –
ringt er
sich durch zu dem biblischen Gedanken: Du sollst den Herrn Deinen Gott
nicht
versuchen.
Immer noch ist Jesus
allein in der Wüste, immer noch hat
der Satan leichteren Zugang, weil Jesus so allein und ausgesetzt ist.
Und da
steigt im Inneren Jesu der Gedanke auf: Du kannst die ganze Welt
geistig
erobern, wenn Du Dich zusammentust mit Satan, wenn Du seine Kraft,
seinen Geist
zu Hilfe nimmst, wenn Du ihn gleichsam anbetest. Vielleicht kommt ihm
auch der
Gedanke, dass er sein Volk, das Volk Gottes sammeln kann, einigen,
herausführen
aus den ewigen Streitigkeiten zwischen Pharisäern und
Sadduzäern, zwischen den
Frommen und den Politischen, dass er sogar die verhassten Römer
aus dem Land
vertreiben kann, wenn er Gewalt anwendet, wenn er Politik betreibt,
wenn er das
Volk aufhetzt und anstachelt – mit einem Wort, wenn er sich mit Satan
zusammentut. Das wäre die
Lösung für alle
Probleme seines Volkes. Auch diese Fragen an ihn kommen nicht von
außen,
sondern von innen, aus seinem Inneren.
Wenn wir uns die
Versuchungen Jesu in der Wüste nur als ein
Gespräch zwischen Jesus und dem Versucher vorstellen, dann sind
wir in Gefahr,
sie nicht wirklich als Versuchung zu verstehen. Nur wenn die Fragen
wirklich in
Jesu drin sind, wenn es seine Fragen, seine Zweifel sind, werden sie zu
Versuchungen. Und dann ringt sich die Antwort in Jesu hervor: Du sollst
Gott
allein anbeten und nicht Macht und nicht Politik und nicht Tricks und
Finessen.
Du sollst Gott anbeten, Er hat alles in der Hand. Wenn Du seine Gebote
befolgst, dann wird Er das tun, was in Seinen Augen für das Volk
gut ist. Es
mag ein langer Kampf in Jesu Innerem gewesen sein, ein langes Ringen.
Jesus
wusste von Anfang an, dass die gottwidrigen Gedanken schlecht sind,
aber es
kostete ihm auch Zeit und Kraft, sie vollständig nieder zu ringen.
Nur wenn wir
die Versuchungen Jesu so sehen, werden wir dem Begriff Versuchung
gerecht.
Ich möchte hier
noch vorausblicken auf Jesu Ringen im
Garten Getsemanie am Abend vor seinem Leiden. Ich schließe nicht
aus, dass er
dort mit der Versuchung der Flucht gerungen hat. Dass er gerungen hat
mit dem
Gedanken, still und heimlich im Dunkeln aus Jerusalem zu fliehen und
sich der
Festnahme noch einmal zu entziehen. Einerseits hat er gewusst, dass
Seine
Stunde gekommen war, dass er sich jetzt nicht mehr entziehen durfte,
andererseits waren ihm vielleicht doch Zweifel gekommen, ob es eben
noch nicht
seine Stunde war, ob er sich – wie vorher schon öfter – noch
einmal den
Häschern entziehen durfte. Es war ein inneres Ringen, bis ihm das
Blut aus den
Poren quoll.
Jesus ist unser Bruder
geworden, er war der Versuchung
ausgesetzt wie wir. Er hat unter ihr gelitten wie wir. Er kann uns sehr
gut
verstehen, wenn wir unter Versuchungen leiden. Und er sagt uns:
Versuchungen
müssen kommen. Gerade für Menschen, die Gott ernst zu nehmen
versuchen, kommen
Versuchungen. Und diese Versuchungen sind keine Sünde, keine
Schuld. Ihr dürft
Euch ihrer nicht schämen, nicht anklagen.
Ich lade
Sie ein:
lesen Sie noch einmal die Erzählung von den Versuchungen Jesu. Und
dann fragen
Sie sich: wo liegen meine hauptsächlichen Versuchungen? Wo liegen
meine
Gefahren? Wo muss ich aufpassen, vorsichtig sein, wo sind meine
Schwachstellen?
Und dann danken Sie Gott für alles, was Er gibt und gegeben hat.
Heute
sind es noch 160 Kilometer bis Jerusalem
***
Komm, o Geist der Heiligkeit!
Aus des Himmels Herrlichkeit,
sende
deines Lichtes Strahl!
Vater aller Armen du, aller Herzen Licht und Ruh’, komm mit
deiner Gaben
Zahl!
Tröster in Verlassenheit, Labsal voll der Lieblichkeit, komm, du
süßer
Seelenfreund!
In Ermüdung schenke Ruh’, in der Glut hauch Kühlung zu,
tröste den, der trostlos
weint.
O du Licht der Seligkeit, mach dir unser Herz bereit, dring in unsre
Seelen
ein!
Ohne Dein lebendig Wehn nichts im Menschen kann bestehn,
nichts ohn’ Fehl und Makel
sein.
Wasche, was beflecket ist, heile, was verwundet ist, tränke,
was da dürre
steht.
Beuge, was verhärtet ist, wärme, was erkaltet ist,
lenke, was da
irregeht.
Heil'ger Geist, wir bitten dich, gib uns allen gnädiglich
deiner Gaben
Siebenzahl.
Spende uns der Tugend Lohn, lass uns stehn an deinem Thron,
uns erfreun im Himmelssaal.
Amen. Alleluja!
4. Jesus
verkündet das
Reich Gottes
140
Kilometer bis Jerusalem
Heute geht es um das
ganz zentrale Tun Jesu: seine
Verkündigung des Reiches Gottes. Sein eigentliche Botschaft, die
er wohl immer
wiederholt hat, lautete: „Kehrt um, das Reich Gottes ist nahe.“ Schon
Johannes
der Täufer hatte dazu aufgerufen, sich zu bekehren, sein Leben zu
ändern und zu
bessern, sich von den Sünden abzuwenden. Bei Jesus kommt etwas
Entscheidendes,
etwas Neues dazu. Er ruft den Menschen zu: das Reich Gottes ist j e t z t nahe
gekommen, das Reich Gottes ist j e t z t
da. Man hat den Eindruck: das Reich Gottes ist
jetzt da, weil
eben Jesus da ist. Er erhebt damit indirekt den Anspruch, nicht nur ein
Mensch,
sondern Gott zu sein, denn in Ihm ist die Autorität Gottes in der
Welt
erschienen. Er bringt das Reich Gottes, Er i
s t das Reich Gottes.
Stellen
wir uns
eingangs wieder vor das Angesicht Gottes und lassen uns von Ihm
anschauen. Und
schauen wir zurück: Was hat uns die Auseinandersetzung mit
Johannes dem Täufer
gebracht, was sagt er uns? Was haben sie durch ihn erkannt? Und bitten
wir für
heute Gott, dass er uns ein wenig Verständnis gibt von dem, was Er
mit Reich
Gottes meint.
Es mag ganz einfach
sein, das zu verstehen, was Jesus mit
Reich Gottes meint. Aber man kann sicher auch sagen: es ist sehr
geheimnisvoll,
es ist nicht leicht zu verstehen. Man muss sich langsam herantasten,
man muss
wirklich nach dem Verständnis suchen.
Erinnern wir uns an die
vielen Vergleiche, die Jesus für
das Reich Gottes bringt. Offenbar kann man es gar nicht mit wenigen
präzisen
Worten ausdrücken: Das Reich Gottes ist zu vergleichen mit einem
Schatz im
Acker, mit einer kostbaren Perle. Der Finder ist bereit dafür
alles andere
aufzugeben. Das Reich Gottes ist auch wie Sauerteig, der den ganzen
Teig
durchsäuert und verändert, der also eine heimliche Kraft,
eine verborgene
Energie hat. Das Reich Gottes ist zu vergleichen mit dem Säen der
Samenkörner.
Von ihnen tragen einige wundervolle Frucht, aber viele bringen auch
nichts. Und
das Reich Gottes ist wie guter Same, zu dem dann aber auch schlechter
Same dazu
kommt. Jesus sagt; man solle ihn wachsen lassen bis zur Ernte. Und noch
einmal:
das Reich Gottes ist wie ein winziges Samenkorn, das dann aber zu einem
riesigen Baum heranwächst. Jesus hat unendliche Bilder – und ohne
Bilder sprach
er vor dem Volk überhaupt nicht. Nur die Apostel erhielten einen
Anfang des
Verstehens, aber auch nicht viel mehr.
Die Theologen sagen: Mit
Reich Gottes ist einfach die Nähe
Gottes gemeint. Es ist gemeint, dass Gott endlich die Herrschaft
antritt, und
dass sich die Welt nach Ihm und seiner Ordnung richten muss. Die
Kundigen der
heiligen Schrift sagen: zurzeit Jesu erwarteten viele gläubige
Juden das Kommen
des Gottesreiches, das Kommen des Messias. Es war Endzeitstimmung.
Gerade die
Frommen meinten, nun endlich müsse das Reich der Gerechtigkeit und
des Friedens
hereinbrechen. Jesus lag also auf der Linie seiner Zeit. Und doch war
er ganz
anders als die anderen Reich-Gottes-Propheten. Das zeigt sich schon
daran, dass
er nicht wünschte, dass man von ihm als Prophet oder König
spricht. Die
Fachleute nennen das das „Messias-Geheimnis“. Er will nicht als Messias
bekannt
werden, weil sie eine falsche Messias-Vorstellung hatten, weil er mit
einem
falschen Etikett ausgezeichnet werden wollte, keine falschen
Erwartungen wecken
oder bestätigen wollte. Ich vermute, dass überhaupt die
Menschheit erst
erkennen konnte, was Er wirklich ist, nachdem er für die Welt
gestorben war,
und vom Vater auferweckt worden ist. Der Messias ist der Gestorbene und
Auferstandene. Der Wundertäter und Verkünder ist nur ein
Torso des Messias.
Ein entscheidendes Wort
über das Reich Gottes haben wir
noch nicht genannt: Es ist die Bitte im Vater-Unser: „Dein Reich
komme“. Wir
sollen allezeit um das Kommen des Reiches Gottes bitten. Das Kommen und
Wachsen
des Gottesreiches hängt auch davon ab, ob wir darum bitten. Das
Reich Gottes
kommt nicht mit einem Schlag, auf ein Mal, sondern es kommt durch die
ganze
Geschichte der Menschheit hindurch.
Und noch ein Wort
über das Reich Gottes fehlt: Jesus sagt:
„Geht nicht hierhin und dorthin, um das Reich Gottes zu finden. Denn
das Reich
Gottes ist in Euch.“ Das Reich Gottes sei in den Menschen, in uns.
Ich meine, wir Christen
fast 2000 Jahre nach Jesus haben es
eigentlich leichter, zu verstehen, was Reich Gottes bedeutet, wenn wir
nämlich
zurückschauen in die Geschichte des Christentums und der Kirche.
Wenn man so
die großen Christen anschaut, die Heiligen, dann kann man doch
den Eindruck
haben, dass rund um solche großen Christen das Reich Gottes
aufgeblüht ist.
Denken wir an den Heiligen Franz von Assisi. Er hat doch etwas
ausgestrahlt,
dass die Welt hell und warm wurde. Man könnte fast sagen: eine
Kraft ging von ihm aus, die die Menschen
anzog, die die
Menschen in der Umgebung einlud, es ihm gleich zu tun. Durch ihn und
seine
Freunde wurde die Welt hell und warm und menschlich. Das Wort Gottes
wurde
lebendig, er wurde ein Zeichen, ein Symbol Christi. Das zeigen auch die
Wundmale, die ihm geschenkt wurden.
Oder denken wir an die
heilige Elisabeth von Thüringen. Um
sie wurde die Welt hell und warm und menschlich. Und denken wir an den
Heiligen
Benedikt und seine Mönchsregel. Von ihm ging gleichsam ein Strahl
aus, der bis
heute leuchtet. Er ließ das Reich Gottes wachsen, weil er die
Perle und den
Schatz entdeckt hatte. Oder denken wir an den Heiligen Ignatius von
Loyola. Von
ihm ging die Reform der katholischen Kirche aus. Das Reich Gottes
konnte in
Tausenden von Schulen und in deren Schülern wachsen. Reich Gottes
wird immer
wieder auch greifbar und sichtbar. Aber es ist doch innerlich im Herzen
des
Menschen. Aber je mehr Menschen es sind, in denen das Reich Gottes
wächst, umso
mehr wird die Welt hell und warm Also aus dem winzigen Senfkorn, das
Jesus
selbst war, ist ein Baum gewachsen. Jeder Baum ist immer auch
anfällig. Er lebt
immer von dem Licht und dem Regen, nie nur aus sich selbst. So auch der
Baum
des Gottesreiches. Er lebt von der immer wieder einfallenden Gnade
Gottes.
Aber wir müssen
auch einen Blick in die Zukunft richten –
nicht nur in die Vergangenheit. Das Reich Gottes wird erst am Ende der
Zeit
vollendet sein. Wir gehen zu auf dieses Ende der Zeit. Christen leben
vom Blick
auf die Vollendung der Geschichte. Erst dann wird Gott alles in allem
sein.
Dann wird Christus das vollende Reich dem Vater übergeben.
Und die Kirche – wir
Getaufte – wir sind berufen, das Reich
Gottes nicht nur zu entdecken, sondern auch es voranzutreiben. Wodurch
treiben
wir es voran? Durch Glaube, Hoffnung und Liebe. Jeder Christ, jeder Getaufte
kann Bausteine beitragen zum Bau von Glaube,
Hoffnung und Liebe.
Man kann noch ein
anderes Bild anschauen: Am Ende der
Zeiten soll das Bild Christi, des Herrschers über Welten und
Zeiten, über dem
Kosmos aufscheinen. Es wird zusammengesetzt sein aus Tausenden von
Mosaiksteinen. Jeder Getaufte ist ein Mosaikstein. Jeder Getaufte
leistet einen
Beitrag dazu, dass das Bild Christi vollendet wird und in vollem Glanz
aufscheint. Jeder ist nötig, keiner darf fehlen.
Und nicht nur die
Getauften, diejenigen, die um Christus
wissen, tragen bei zur Gestaltung des vollen Antlitzes Christi. Auch
die
Nicht-Getauften tragen dazu bei. Auch sie können das Antlitz
Christi strahlen
lassen. Nur wissen sie nicht um ihre Möglichkeit und ihre
Berufung. Wir aber
wissen es, wir kennen unsere Berufung. Wenn das Reich Gottes in uns
wächst,
dann werden wir gute Mosaiksteine am Antlitz Christi. Wenn wir es
wachsen
lassen, wenn wir den Heiligen Geist in uns wirken lassen, dann
erscheint am
Ende der Zeit Christus strahlend über der Welt.
Ich
schlage ihnen
vor, folgenden Abschnitt aus dem Mathäus-Evangelium zu betrachten:
Mathäus
13, 31 – 33
Jesus erzählte
ihnen ein
weiteres Gleichnis und sagte: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem
Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte.
Es ist das kleinste von
allen
Samenkörnern; sobald es aber hoch gewachsen ist, ist es
größer als die anderen
Gewächse und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels
kommen und in
seinen Zweigen nisten.
Und er erzählte
ihnen noch ein
Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine
Frau unter
einen großen Trog Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert
war.
Matthäus
13. 44 – 53
Mit dem Himmelreich ist
es wie
mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte
ihn,
grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alle, was
er besaß,
und kaufte den Acker.
Auch ist es mit dem
Himmelreich
wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine
besonders
wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß, und
kaufte sie.
Weiter ist es mit dem
Himmelreich wie mit einem Netz, das man ins Meer warf, um Fische aller
Art zu
fangen. Als es voll war, zogen es die Fischer ans Ufer; sie setzten
sich, lasen
die guten Fische aus und legten sie in Körbe, die schlechten aber
warfen sie
weg. So wird es auch am Ende der Welt sein: Die Engel werden kommen und
die
Bösen von den Gerechten trennen und in den Ofen werfen, in dem das
Feuer
brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen.
Habt ihr das alles
verstanden?
Sie antworteten: Ja.
Da sagte er zu ihnen:
Jeder Schriftgelehrte
also, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem
Hausherrn,
der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt. Als Jesus
diese
Gleichnisse beendet hatte, zog er weiter.
Und nun zum Schluss lade
ich sie
ein, nachzudenken über ihre persönliche Berufung? Wozu sind
sie in ihrem Leben
eingeladen? Welchen besonderen Beitrag können sie für das
Wachsen des Reiches
Gottes zu leisten? Es kann sein, dass sie nach außen hin etwas
schaffen müssen,
dass sie eine bestimmte Verantwortung haben für andere Menschen,
in ihrem
Beruf. Es kann aber auch sein, dass sie ihren Beitrag im Leiden, in der
Geduld
leisten müssen. Auch das Stillhalten, das Tragen und Ertragen ist
ein Beitrag
zum Wachsen des Reiches Gottes. Ja – vielleicht sogar der wichtigste
Beitrag.
Großes wird meist nicht ohne Leiden erreicht. Wirklich
Großes braucht ein Maß
an Leiden, an Sterben und Tod. Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde
fällt und
stirbt, bleibt es allein. Wenn es stirbt, bringt es viele Frucht.
Es geht also heute um
das Reich
Gottes in uns und um uns. Ich lade sie ein, folgenden Text aus dem
Evangelium
zu lesen und zu betrachten und sich vor allem nach ihrer
persönlichen Berufung
zu fragen. Und danken sie Gott für alle Einsichten und
Erkenntnisse, die er ihnen
schenkt.
Heute
sind es noch 140 Kilometer nach Jerusalem
***
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf
Erden den
Menschen seiner Gnade.
Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten
dich an,
wir rühmen dich und danken dir,
denn groß ist deine Herrlichkeit:
Herr und Gott, König des Himmels, Gott
und Vater,
Herrscher über das All,
Herr, eingeborener Sohn, Jesus Christus. Herr
und
Gott,
Lamm Gottes, Sohn des Vaters, du nimmst
hinweg die
Sünde der Welt:
erbarme dich unser;
du nimmst hinweg die Sünde der Welt:
nimm an unser
Gebet;
du sitzest zur Rechten des Vaters: erbarme
dich unser.
Denn du allein bist der Heilige, du allein
der Herr,
du allein der Höchste,
Jesus Christus, mit dem Heiligen Geist,
zur Ehre Gottes des Vaters. Amen.
5. Jesus
beruft
Jünger, die ihm folgen
120
Kilometer bis Jerusalem
Heute geht es um die
Jüngerschaft. Jesus hat Jünger
berufen.
Eingangs
erinnern wir
uns daran, dass Gott uns sieht, bei uns ist.
Schauen
wir zurück.
Das letzte Mal ging es um das Beten Jesu und unser Beten. Ist mir in
meinem
Betrachten etwas aufgegangen, was sollte ich nicht vergessen, habe ich
Fragen?
Was soll ich aufschreiben?
Und nun
bitten wir,
dass wir dem Ruf Jesu folgen, gerade auch dem ganz speziellen Ruf, der
an mich
geht. Für uns persönlich gilt
von
Anfang an die Frage: Glaube ich daran, dass auch ich von Jesus berufen
bin,
sein Zeuge zu sein? Wie lebe ich diese Berufung?
Lesen wir zu Anfang
Lukas 6, 12 –
16
In
diesen Tagen ging Jesus auf einen Berg, um zu beten. Und er verbrachte
die ganze
Nacht im Gebet zu Gott. Als es Tag wurde, rief er seine Jünger zu
sich und
wählte aus ihnen zwölf aus; sie nannte er auch Apostel. Es
waren: Simon, dem er
den Namen Petrus gab, und sein Bruder Andreas, dazu Jakobus und
Johannes,
Philippus und Bartholomäus, Matthäus und Thomas, Jakobus, der
Sohn des Alphäus,
und Simon, genannt der Zelot,
Judas,
der Sohn des Jakobus, und Judas Iskariot, der zum Verräter wurde.
Wir müssen bei der
Jüngerberufung durch Jesus ganz klar
unterscheiden zwischen dem großen Kreis von Menschen, die ihm auf
den Füßen
nachfolgten, weil sie gleichsam an seinen Lippen hingen, weil sie
geheilt
worden waren oder geheilt werden wollten, weil sie von ihm einen
politischen
Umstutz in Israel erhofften, weil sie in Ihm einfach eine gute
Unterhaltung und
Unterberechung der Langeweile sahen. Auch das gibt es – sogar heute.
Das ist der große
Kreis, aus dem Jesus später auch noch die
72 auswählen wird, die er vor sich her sendet. Und eigens
erwähnen muss ich den
Kreis von Frauen, der Jesus folgt. Wir müssen uns die Welt von
damals wirklich
sehr anders vorstellen als unsere Welt: Frauen waren damals in der
Regel noch
viel unfreier und an Haus und Mann und Kinder gebunden als wir es uns
vorstellen können. Höchstens fragwürdige Frauen
verhielten sich in unserem
Sinne frei. Dennoch: es gab einige, die Jesus folgen konnten und
folgten. Es
heißt, sie hätten ihn bedient, also ihm Dienste geleistet
und – so möchte ich
anfügen – sicher haben sie ein gutes Zeugnis von Ihm gegeben.
Und nun kommen wir zum
dem inneren Kreis, der uns heute
besonders interessiert. Es sind die Zwölf. Jesus wählt
zwölf Männer. Sie
symbolisieren das neue Volk Gottes, den neuen Bund in Anlehnung an den
alten
Bund mit den zwölf Stämmen Israels. Jesus baut einen neuen
Bund auf. Es ist
eine wichtige Symbolhandlung.
Aber – nun fragen wir
wieder sehr menschlich – hätte Jesus
seine Ziele nicht viel besser alleine erreichen können? Er konnte
aufgrund
seiner Gottesnähe überzeugend sprechen, er konnte heilen. Er
war umstürzend gut
und anders. Seine Zwölf waren – wie wir nachlesen können –
eher sehr
hausbacken. Sie haben gestritten, wer der Erste und Beste unter ihnen
sei. Sie
sind geflohen, als es gefährlich wurde, keiner von ihnen hat etwas
gebrüllt,
als Pilatus fragte, ob man Jesus oder Barabbas hinrichten sollte,
keiner hat
Jesus beim Kreuztragen geholfen. Ein
einziger soll unter dem Kreuz gestanden haben. Kurz: sie haben zu 99
Prozent
versagt. Da kann man schon fragen, ob diese Männer nur wirklich
das Richtige
waren, um den Neuen Bund aufzubauen. Ob nicht Jesus weiter gekommen
wäre, wenn
er alles selbst und allein in die Hand genommen hätte.
Schon die Frage zeigt:
es geht nicht um Effizienz, sondern
um eine neue Schöpfung. Sie fängt arm und schwach an, und wir
sollen vertrauen,
dass Gott gerade mit Armem und Schwachem etwas anfangen kann. Ja, dass
er
gerade Armes und Schwaches braucht. Denn
Reiche und Starke würden sich den Erfolg selbst
zuschreiben.
In der Wahl der
Zwölf zeigt sich ein Grundgesetz Gottes:
Gott will Menschen brauchen. Aber er braucht Menschen, die sich den
Erfolg
nicht selbst zuschreiben, sondern die so weise sind, dass sie jeden
Erfolg des
Reiches Gottes Gott und nicht sich selbst und ihrer Qualifikation
zuschreiben.
Nun haben wir das
Stichwort: Reich Gottes. Es geht bei der
Wahl der Zwölf um das Reich Gottes, um dieses Grundanliegen Jesu.
Daher werden
diese Zwölf auch ausgesandt, um das Reich Gottes zu
verkünden. Als Zeichen,
dass dieses Reich vor der Türe steht, sollen sie auch heilen und
böse Geister
austreiben. Aber das sind nur Zeichen, das ist nicht das Eigentliche.
Das
Eigentlich ist die Herrschaft Gottes in den Herzen der Menschen.
Schauen wir uns diese
zwölf Männer ein wenig genauer an:
Wir wissen nur wenig über sie. Am besten kennen wir denjenigen,
den Jesus selbst
eindeutig zu ihrem Chef beruft: Simon Petrus. Man könnte es fast
eine Ironie
nennen, dass Jesus diesen etwas vorlauten und wankelmütigen
Fischer einen
„Fels“, einen „Petrus“ nennt. Ausdrücklich heißt es in der
Heiligen Schrift,
dass Jesus ihn so genannt hat. Vielleicht will Jesus dadurch andeuten,
dass
alles Qualifizierte an diesem Menschen nicht aus seiner Natur, seinen
Anlagen
kommt, sondern von seiner Berufung, seinem Glauben an Jesus. Als reiner
Mensch
ist er das Gegenteil von fest und zuverlässig, als Mann Gottes
kann er es sein
oder besser, er kann es werden. Auch er hat wie die anderen Jesus
sitzen lassen
als es gefährlich wurde, ja er hat sogar ausdrücklich behauptet, Jesus nicht zu kennen. Wäre er
nicht so vorlaut
gewesen, dann wäre er erst gar nicht in den Palast des Hohen
Priesters
gegangen. Aber er kannte sich noch sehr wenig. Er hätte ja auch
daran denken
können, wie er vorlaut aus dem Boot stieg, auf Jesus zuging und
dann Angst
bekam. Petrus hat spät gelernt. Aber immerhin: er hat gelernt.
Dann die beiden
Brüder Jakobus und Johannes.
Donnersöhne werden sie im Evangelium
genannt, weil sie wohl den Mund ein wenig zu voll nahmen, Feuer auf die
Dörfer
herab rufen wollten, die Jesus nicht aufnahmen. Sie waren zwar bei Jesu
Verklärung dabei, aber als es Jesus so schlecht ging – am
Ölberg – da sind sie
eingeschlafen.
Schön, dass das
Evangelium gerade auch diese Grenzen der
Zwölf erzählt.
Von Bartholomäus
oder Nathanael wissen wir nur, dass er
frech sagte: Wie kann aus Nazareth was Gutes kommen.
Von Mathäus oder
Levi wissen wir, dass er ein Ausbeuter
war, bevor er zu Jesus kam.
Von Thomas wissen wir,
dass er skeptisch war und nicht
glauben wollte, dass Jesus von den Toten erstanden war. Vorher hatte er
resignierend gesagt: lasst uns mit Jesus gehen und mit ihm sterben.
Aber als es
dann drauf ankam, ergriff auch er das Hasenpanier. Viel mehr wissen wir
von den
Zwölfen nicht.
Aber es ist
tröstlich, dass wir so viel Negatives von ihnen
wissen. Jesus braucht auch heute keine Helden. Er braucht uns, so wie
wir sind.
Was ist zu schlussfolgern: Die Kirche ist keine Gemeinschaft von
Heiligen,
sondern von Sündern, allerdings von Sündern, die wissen, dass sie sich umkehren müssen, wenn sie zu
Jesus
gehören wollen.
Jesus sagt selbst, er
sei nicht gekommen, Gerechte zu berufen,
sondern Sünder.
Diese sündigen
Zwölf sind der Anfang des neuen Volkes
Gottes. Sie sind der Kern. Wir nennen die Kirche heute gerne „Volk
Gottes“. Das
ist gut und richtig so. Auch das Zweite Vatikanische Konzil hat die
Kirche so
genannt. Aber dieser Titel muss durch einen anderen ergänzt
werden: die Kirche
ist auch Leib Christi. Die einzelnen Christen sind Glieder oder Zellen
am Leib
Christi. Sie werden durch die Sakramente geheimnisvoll in diesen Leib
eingefügt. Wenn wir das vergessen und die Kirche nur oder vor
allem als Volk
Gottes bezeichnen, dann sind wir in der Gefahr, die Kirche nur
soziologisch zu
sehen. Dann könnten wir meinen, wir könnten selbst die Kirche
aufbauen, die
Kirche sei Werk des Menschen, das man bei gutem Willen und Sachkenntnis
aufbauen könne. Das ist falsch. Wir können es nicht. Die
Apostel konnten es
nicht. Denn sie wurden durch Jesus geheimnisvoll in Ihn selbst
eingegliedert,
in seinen geheimnisvollen Leib. Er sagt im Johannesevangelium: Wie ich
im Vater
bleibe, so bleibe ich in Euch und Ihr bleibt in mir. Das geschieht
durch Taufe
und Eucharistie. Wir bauen nicht Kirche, sondern wir werden in seinen
geheimnisvollen Leib, die Kirche durch unsere Sterben in der Taufe
eingegliedert. Nicht wir entscheiden, sondern Er entscheidet. Nicht wir
machen
etwas, sondern Er macht etwas mit uns. So heißt es ja eben auch
im Evangelium:
nicht Ihr habt mich erwählt, sondern ich habe Euch erwählt.
Kirche ist also
nicht Menschenwerk, sondern Gottes Werk Sie wächst organisch. Am
besten können
wir dazu beitragen, wenn wir gesunde und lebendige Glieder oder eher
Zellen an
Seinem Leib sind. Wenn wir in unseren Seelen krank sind, wird die
Kirche
dadurch krank. Jede unserer Fehlhaltungen schadet dem Organismus der
Kirche.
Gehen Sie bei der
Betrachtung aus von der Stelle Lukas 6,
12 – 16.
Wir können dann in
unserer Betrachtung den Kreis der Zwölf anschauen mit ihren
Stärken und
Schwächen. Und vor allem an uns selbst die Frage: Glaube ich
daran, dass auch
ich durch die Taufe von Jesus berufen bin, sein Zeuge in der Welt zu
sein? Und
wie lebe ich diese Berufung? Und danken wir dem Herrn für unsere Berufung in den Kreis der Jünger, auch
wenn
wir ganz unwürdig sind. Fragen Sie sich, welchen Platz Er für
Sie in der Kirche
vorgesehen hat.
Heute
sind es noch 120 Kilometer bis Jerusalem.
***
Nichts soll dich
ängstigen,
nichts dich erschrecken.
Alles geht vorüber.
Gott allein bleibt derselbe
Alles erreicht de Geduldige,
und wer Gott hat,
der hat alles.
Gott allein genügt.
6. Jesus und
Johannes der
Täufer
100
km bis
Jerusalem
Neben Jesus, der
Gottesmutter Maria, den Aposteln gibt es
im Neuen Testament eine erstaunliche Gestalt, das ist Johannes der
Täufer. Wir
wollen uns heute mit ihm und seinem Verhältnis zu Jesus und vor
allem mit dem
Urteil Jesu über ihn befassen. Johannes der Täufer kann jedem
von uns etwas
Bestimmtes sagen.
Doch ich lade Sie zunächst wieder ein,
zurückzuschauen auf die Berufung
der Jünger. Ist ihnen etwas aufgegangen? Hat Jesus ihnen
vielleicht etwas
Besonderes sagen wollen? Nun stellen
wir uns wieder bewusst in die Gegenwart Gottes und bitten ihn, Johannes
den
Täufer und seinen Glauben besser kennen zu lernen. Fragen Sie sich
bitte, was
Johannes der Täufer ihnen speziell sagt. Hören sie gut hin,
damit sie
herausfinden, was er ihnen sagen könnte.
Doch lesen wir
zunächst Lukas 7, 18 – 35
„Johannes der
Täufer erfuhr alles von seinen Jüngern. Da
rief er zwei von ihnen zu sich, schickte sie zum Herrn und ließ
ihn fragen:
Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern
warten?
Als die beiden
Männer zu Jesus kamen, sagten sie: Johannes
der Täufer hat uns zu dir geschickt und lässt dich fragen:
Bist du der, der
kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten?
Damals heilte Jesus
viele Menschen von ihren Krankheiten
und Leiden, befreite sie von bösen Geistern und schenkte vielen
Blinden das
Augenlicht.
Er antwortete den
beiden: Geht und berichtet Johannes, was
ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen wieder, Lahme gehen, und
Aussätzige werden
rein; Taube hören, Tote stehen auf, und den Armen wird das
Evangelium
verkündet. Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.
Als die Boten des
Johannes weggegangen waren, begann Jesus
zu der Menge über Johannes zu reden; er sagte: Was habt ihr denn
sehen wollen,
als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im
Wind schwankt?
Oder was habt ihr sehen wollen, als ihr hinausgegangen seid? Einen Mann
in
feiner Kleidung? Leute, die vornehm gekleidet sind und üppig
leben, findet man
in den Palästen der Könige. Oder was habt ihr sehen wollen,
als ihr
hinausgegangen seid? Einen Propheten? Ja, ich sage euch: Ihr habt sogar
mehr
gesehen als einen Propheten. Er ist der, von dem es in der Schrift
heißt: Ich
sende meinen Boten vor dir her; er soll den Weg für dich bahnen. Ich sage euch: Unter allen Menschen gibt es
keinen größeren als Johannes; doch der Kleinste im Reich
Gottes ist größer als
er. Das ganze Volk, das Johannes hörte, selbst die Zöllner,
sie alle haben den
Willen Gottes anerkannt und sich von Johannes taufen lassen. Doch die
Pharisäer
und die Gesetzeslehrer haben den Willen Gottes missachtet und sich von
Johannes
nicht taufen lassen. Mit wem soll ich
also die Menschen dieser Generation vergleichen? Wem sind sie
ähnlich? Sie sind
wie Kinder, die auf dem Marktplatz sitzen und einander zurufen: Wir
haben für
euch auf der Flöte (Hochzeitslieder) gespielt und ihr habt nicht
getanzt; wir
haben Klagelieder gesungen und ihr habt nicht geweint. Johannes der
Täufer ist
gekommen, er isst kein Brot und trinkt keinen Wein und ihr sagt: Er ist
von
einem Dämon besessen. Der Menschensohn ist gekommen, er isst und
trinkt; darauf
sagt ihr: Dieser Fresser und Säufer, dieser Freund der
Zöllner und Sünder!
Und doch hat die
Weisheit durch alle ihre Kinder Recht
bekommen.“
Nehmen wir drei Szenen:
Erstens: Johannes der
Täufer predigt in der Wüste – unweit
vom Jordan. Man kann sich sofort fragen: wenn er Menschen zur Umkehr
führen
will, warum stellt er sich dann nicht ins Zentrum von Jerusalem – vor
den
Tempel, warum zieht er nicht von Ort zu Ort wie Jesus das getan hat?
Und das
Erstaunliche: die Leute kommen zu ihm in seine Einsamkeit. Warum kommen
sie?
Weil er seltsam gekleidet ist, weil er sich seltsam ernährt?
Vielleicht kommen
sie einfach, weil er seltsam ist, weil er ein Spektakel ist. Es gibt ja
solche
Menschen, die einfach ein Spektakel sind, ein Schauspiel für Engel
und
Menschen. Ja – erstaunlicherweise kommen sie zu ihm, aber offenbar
nicht nur
zum Glotzen, sondern sie lassen sich von ihm taufen zum Zeichen ihrer
Umkehr zu
Gott, als Zeichen der Busse. Also, was Jesus später erlebt,
nämlich, dass
tatsächlich Menschen sich bekehren, umkehren, das geschieht auch
bei Johannes.
Umkehrpredigt scheint nicht immer ganz umsonst.
Auch Jesus kommt zu
Johannes, sich taufen zu lassen. Warum,
er hat es doch gar nicht nötig? Streifen wir nur am Rande, dass
bei seiner
Taufe die Stimme von Himmel kommt: Dies ist mein geliebter Sohn, ihn
sollt ihr
hören. Jesus will ganz einer von uns sein und reiht sich daher ein
in die Schar
der Umkehrwilligen und dieser Abstieg wird dann zu seiner
Bestätigung: Ihn
sollen wir hören.
Es geht uns aber hier um
Johannes. Daher die zweite Szene
Zweitens: Johannes hat
Zweifel, ob Jesus wirklich der
erwartete Messias ist. Die Zweifel kommen ihm, als er im Gefängnis
sitzt. König
Herodes hat ihn festgenommen, Herodes Frau wollte den Bußprediger
schon lange
beseitigen lassen, da er öffentlich kritisierte, dass der
König mit seiner
Schwägerin illegal zusammenlebte. Herodes selbst hatte irgendwie
Hochachtung
und Respekt vor Johannes. Er kam aber nicht darum herum, Johannes zu
opfern. Er
musste sein Versprechen einlösen, seiner Stieftochter alles zu
geben, was sie
wünschte, wenn sie vor ihm tanzte. Sie verlangte das Haupt des
Johannes. Vorher
aber hatte dieser Gefangene im Kerker doch Zweifel, ob Jesus denn
wirklich der
Erwartete sei. Wie schlimm müssen diese Zweifel für ihn
gewesen sein, gerade in
dieser Situation. Im Kerker hatte er Tag und Nacht Zeit. Vermutlich
hatte er
auch Hunger und Durst. Gerade in dieser Situation braucht man etwas,
woran man
sich halten kann. Er konnte offenbar Kontakt aufnehmen zu seinen
Freunden. Die
brachten von Jesus das Wort zurück: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden
rein. Das ist ein Zitat aus dem Profeten Jesaia. Es
machte Johannes im Kerker klar: Jesus ist der erwartete Messias. So
konnte er
wohl in innerem Frieden sterben.
Und die dritte Szene:
Jesus kommentiert das Auftreten des
Johannes. Nachdem die Johannes-Freunde bei ihm gewesen waren, fragte er
die
Menschen, die ja ständig an seinen Lippen hingen: Was hat euch
eigentlich an
Johannes interessiert, warum seid ihr zu ihm hingegangen? Wolltet ihr
ein
schwankendes Schilfrohr sehen, wolltet ihr einen Mann in feinen
Kleidern sehen?
Nein – den seht ihr in Palästen. Oder wolltet ihr einen Propheten
sehen? Das
sind mehr rhetorische Fragen. Jesus erwartet keine Antwort. Aber dann
sagt
Jesus sehr erstaunliche Worte über Johannes, die wir lange in
unseren Ohren
klingen lassen sollten: Unter allen Menschen gibt es keinen
größeren als
Johannes. Nochmals: unter allen Menschen gibt es keinen
größeren als Johannes.
Jesus kannte Moses, David, Abraham. Er sagt wirklich: unter allen
Menschen gibt
es keinen größeren als Johannes.
Wir können Jesus
ruhig oft fragen, warum er das so sagt.
Aber dann geht es weiter und dann wird die Sache noch erstaunlicher:
Doch der
Kleinste im Reich Gottes ist größer als er. Also Johannes
ist ein Riese, nicht
zu übertreffen. Aber - aber – aber: wer in dem lebt, was Jesus
verkündet –
nämlich das Reich Gottes – wer also hier sein Zuhause hat, wer
hier hingehört,
wer hier atmet und lebt, ist größer als Johannes. Seltsam!
Ich wollte uns genau zu
diesem Punkt hinführen, denn hier
stehen wir vor einem Geheimnis. Und es ist gut, sich das ganz bewusst
zu machen.
Denn: Wir – die Getauften, die Christen, die in den Leib Christi
geheimnisvoll,
mysteriös Eingefügten, wir wären ja Menschen des Reiches
Gottes – und wir wären
größer als der, den Jesus als den größten vor und
außerhalb des Reiches Gottes
bezeichnet. Ich glaube, wir sollen einfach mit Fragen und Staunen vor
diesem
Mysterium stehen bleiben. Denn wir stehen vor dem Mysterium des Reiches
Gottes.
Wir sollten lange vor diesem Geheimnis stehen bleiben und Jesus bitten,
dass er
es uns ein wenig ahnen lässt.
Vielleicht hat es mit
Folgendem zu tun: Wir sind als
Christen durch die Taufe in den geheimnisvollen Leib Christi
eingefügt. Wir
sind Zellen an diesem Leib Christi. Wir sollen zwar versuchen, uns
daher
entsprechend zu verhalten. Aber letztlich hängt unsere
Mitgliedschaft im Leib
Christi nicht davon ab, wie perfekt wir sind, sondern sie ist einfach
ein
Geschenk. Johannes war in all seiner Größe eben nicht
Mitglied am
geheimnisvollen Leib des auferstandenen Christus. Er lebte noch vor Tod
und
Auferstehung Christi. Er wurde sogar dadurch erlöst, aber war kein
Glied der
Kirche, des geheimnisvollen neuen Leibes Jesu Christi.
Schauen wir zurück
auf die große Persönlichkeit des
Johannes: die Menschen kamen zu ihm, obwohl er nicht im Zentrum der
Städte
predigte. Sein Aufruf war so eindringlich, dass die Menschen zu ihm
kamen.
Eindringlichkeit und Überzeugung ziehen in sich. Warum sind viele
Christen,
warum ist die Kirche oft so wenig anziehend?
Zweitens: Auch ein
solcher Mensch kann Glaubenszweifel
haben, quälende Zweifel. Aber er glaubt dem Wort Jesu: Blinde
sehen, Lahme
gehen, Aussätzige werden rein. Er glaubt und stirbt in Frieden.
Drittens: Er
ist der Größte, aber jeder getaufte Christ ist als Glied des
Volkes und Reiches
Gottes größer als er.
Ich
empfehle Ihnen
als Einstieg für Ihre Betrachtung zu lesen Lukas 7, 18 bis 35.
Fragen
Sie Gott, was Er Ihnen ganz persönlich durch Johannes den
Täufer
sagen will, und danken Sie Gott.
Heute
sind es noch 100 Kilometer bis
Jerusalem.
***
Der
Herr ist
mein Hirte, nichts wird mir fehlen.
Er lässt mich
lagern auf grünen
Auen
und
führt mich zum
Ruheplatz am Wasser.
Er stillt mein
Verlangen; er
leitet mich auf rechten Pfaden,
treu
seinem
Namen.
Muss ich auch wandern
in
finsterer Schlucht,
ich fürchte
kein Unheil; denn du
bist bei mir,
dein
Stock und
dein Stab geben mir
Zuversicht.
Du deckst mir den Tisch
vor den
Augen meiner Feinde.
Du salbst mein Haupt
mit Öl, du
füllst mir reichlich den Becher.
Lauter Güte und
Huld werden mir
folgen mein Leben lang,
und im
Haus des
Herrn darf ich wohnen
für lange Zeit.
(Psalm 23)
7. Jesus
wirkt in Kana
sein erstes Wunder
80 Kilometer bis Jerusalem
Merkwürdig: Jesus
wirkt sein erstes Wunder bei einer
Hochzeitsfeier. Darauf weist das Johannesevangelium ausdrücklich
hin. Nicht
weil es hier wie bei anderen Wundern und Zeichen um Leben und Tod eines
Menschen geht, sondern weil bei der Feier etwas schief zu gehen droht.
Er
rettet die Feier. Aber vielleicht müssen wir die Sache noch ein
wenig von einer
anderen Seite her betrachten, nämlich vom Schreiber des
Johannes-Evangeliums.
Es war entweder der Apostel Johannes selbst oder ein Schüler, der
im Sinne und
Auftrag seines Meistern schrieb. Im Johannes-Evangelium dreht es sich
nie nur
um Fakten, um Historie, sondern um tiefe theologische Aussagen, die in
lebendige Bilder gekleidet werden. Was will der Evangelist mit der
Erzählung
von der Verwandlung von Wasser in Wein dem Gläubigen sagen? Was
will er uns
sagen?
Schauen
wir an dieser
Stelle zurück mit der Frage: Was haben wir durch die letzte
Betrachtung
erkannt, was sollten wir aufschreiben? Da wir wissen: Gott sieht in
mein Herz,
können wir ihn um das bitten, was wir uns persönlich in der
heutigen
Betrachtung wünschen. Lesen wir die Stelle über Kana im
Johannes-Evangelium:
Johannes 2, 1 - 12
Am dritten Tag fand in
Kana in
Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch
Jesus und seine
Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte
die Mutter
Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was
willst du von
mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu
den
Dienern: Was er euch sagt, das tut! Es
standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der
Reinigungsvorschrift der Juden
entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den
Dienern:
Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum
Rand. Er sagte zu
ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl
verantwortlich
ist. Sie brachten es ihm. Er kostete das Wasser, das zu Wein geworden
war. Er
wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser
geschöpft
hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte
zu ihm: Jeder
setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel
getrunken
haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt
zurückgehalten. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in
Galiläa, und
offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn.
Danach zog er
mit seiner Mutter, seinen Brüdern und seinen Jüngern nach
Kafarnaum hinab. Dort
blieben sie einige Zeit.“
Ich gehe von dem Satz
aus, dass Jesus bei der Hochzeit in
Kana sein erstes Zeichen gewirkt hat, dass er so seine Herrlichkeit
gezeigt
habe, und dass seine Jünger an ihn glaubten. Erstes Zeichen!
Herrlichkeit,
griechisch Doxa, Glauben der Jünger. Mit dem Zeichen will Jesus
etwas zeigen.
Er will wohl zeigen, dass er Macht hat, dass er Alltägliches in
Großes
verwandeln kann, dass hinter Alltäglichem Großes steckt,
sich verbirgt, dass
auch Gott sich im Alltäglichen verbirgt. Ähnlich wie man aus
Metall Funken
schlagen kann, so kann Jesus in ganz Einfachem, Irdischen Himmlisches
zeigen
und schaffen. Er zeigt seine Herrlichkeit, dass mit ihm Göttliches
in die Welt
gekommen ist, dass Gott in ihm am Werk ist, dass das, was nur
menschlich und
irdisch scheint einen göttlichen Kern hat. Das ist seine
Herrlichkeit. Es
geschieht etwas Ähnliches wie bei der Verklärung auf dem
Berg. Da werden das
tiefste Innere und die wahre Größe Jesu den Augen der
Jünger offenbart, sichtbar.
Und nur dieser Blick der Jünger durch das Äußere,
Oberflächliche hindurch auf
das Tiefste, Innere macht Glauben möglich. Glaube ist der Blick in
die Tiefe,
ins Innere, über die Oberfläche hinaus. Dem Evangelisten geht
es hier nicht um
Geschichte, sondern um das Große, das Hintergründige, das
Heilige Jesu.
Und Jesus wirkt sein
erstes Zeichen gerade bei einer
Hochzeit. Der Blick vom Oberflächlichen auf das Tiefe geschieht
meist nicht so
sehr im Alltag, sondern in großer Stunde, besonders aber bei Fest
und Feier, ja
er geschieht gerade in der großen Stunden des Menschen, wenn zwei
Liebende sich
das Ja sagen.
Und noch ein Wichtiges:
die Mutter Jesu. Sie wird nicht nur
als erste Eingeladene genannt, sie wird auch eingeführt als
diejenige, die als
erste merkt: es fehlt etwas Wichtiges. Sie ist aufmerksam,
einfühlsam.
Seltsam dann das Wort
Jesu an sie: „Frau, was geht das mich
an? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Er distanziert sich von ihr,
weil
sie offenbar einen Punkt angesprochen hat, der menschlichem Zugriff
entzogen
ist: seine Stunde. Diese wird gekommen sein, wenn Jesus mit seinen
Jüngern den
Abendmahlsaal verlässt. Dann ist seine Stunde des Gehorsams, des
Leidens und
der Auferstehung gekommen. Aber Maria reagiert mit den Worten: „Tut,
was er
euch sagt“.
Und der Wein, den Jesus
dann schenken lässt, ist nicht
irgendein Wein. Es ist sehr guter, der beste Wein. Vermutlich will der
Evangelist damit sagen: Hier ist Göttliches in die Welt
eingebrochen, hier gibt
es nicht nur rein menschlichen Wein, sondern hier gibt es eine Gabe
Gottes.
Ich möchte hier
noch einen Abstecher in unsere Zeit machen.
Jahrhunderte lang war es wohl möglich, dass Menschen sich das
Ja-Wort fürs
Leben gaben, ohne dass dies ein großes Risiko darstellte. Es war
einfach
gesellschaftlich so geregelt, dass ein Mann sich mit einer Frau
verband, und
dass dies im Normalfall auf Lebenszeit angelegt war. Genauer:
Jahrhunderte lang
haben die Eltern von Braut und Bräutigam den Partner, die
Partnerin für ihre
Kinder ausgesucht. Und das geschieht so auch heute noch in vielen
Ländern. Und
diese Verbindungen gingen und gehen auch heute noch oft erstaunlich
gut. Wir
dürfen als moderne Mitteleuropäer diese Art von Partnerwahl
nicht lächerlich
machen. Vielleicht kamen dabei sogar mehr dauerhafte und
glückliche
Verbindungen zustande als heute. Freilich: wir wollen auch nicht dahin
zurück.
Nun ist das heute aber
alles sehr anders. Zwei Menschen
verlieben sich, lernen sich kennen, beschnuppern sich, wagen dann –
wenn es gut
geht - irgendwann das Ja-Wort. Wenn heutige Heiratende dieses ihr
Ja-Wort ernst
nehmen, dann können sie nur im Glauben und im Vertrauen auf Gott
ihrem Partner
das Ja fürs ganze Leben versprechen. Aus rein menschlicher Kraft
ist es
unmöglich, einem anderen Menschen, auch wenn er noch so geliebt
ist, das
Ja-Wort zu geben. Denn wer kennt
sich selbst so gut, dass er
einem anderen versprechen kann: ich werde immer zu dir stehen. Im
Gegenteil:
wir kennen uns selbst so gut, und wir wissen, wie viele Ehen sogar sehr
schnell
wieder in die Brüche gehen. Ich finde es sogar verständlich,
ja sogar
verantwortungsvoll, dass Menschen, die mit Gott nichts zu tun haben,
sich
weigern, dem Partner ein Ja fürs Leben zu geben. Wer nicht mit
Gottes Hilfe
rechnet, darf dem Anderen nichts versprechen, was ihn überfordert.
Es ist
anständig, dem Anderen nichts vorzumachen – gerade wenn man ihn
liebt.
Nun aber positiv: Mit
Gott, im Vertrauen auf seine Hilfe
und seine Liebe ist es möglich, dem geliebten Anderen das Ja-Wort
fürs Leben zu
geben. Und Glaubende dürfen darauf vertrauen, dass Gott sie zu
einander geführt
hat. Glaubende wissen, dass es kein Zufall ist, dass sie sich getroffen
haben.
Gott hat es gefügt, dass sie sich kennen lernten, einander
gefunden und lieben
gelernt haben. Und das Vertrauen in diese göttliche Fügung
gibt ihnen die
Gewissheit, sich das Ja-Wort schenken zu dürfen. Nur Gott macht
das Versprechen
lebenslänglicher Treue möglich.
Ich habe dies ausgeführt, denn wie sich im rein
menschlichen Geschehen
der Hochzeit von Kana Gott zeigte und offenbarte, so zeigt sich Gott
für den
Glaubenden auch in der Begegnung und im Finden zweier Liebender.
Ich lade sie ein, den
Text im
Johannes-Evangelium über die Hochzeit von Kana zu betrachten. Und
stellen sie
sich gegen Ende ihrer Betrachtung folgende Fragen: In welchen
Begebenheiten
meines Lebens kann ich am leichtesten Gottes Fügung erkennen?
Was macht es mir schwer,
Gott in
meinem Leben am Werk zu sehen? Worauf möchte ich in Zukunft
achten? Kann ich
mir vornehmen, mich jeden Abend zu fragen, was Gott mir heute sagen
wollte?
Kann und soll ich das vielleicht sogar aufschreiben?
Abschließend danke
ich Gott für
alles, was er mir in der Betrachtung sagen wollte.
Heute
sind es noch 80 Kilometer bis Jerusalem
***
Herr, unser Herrscher,
/ wie gewaltig ist
dein Name
auf der ganzen Erde; /
über den Himmel
breitest du deine Hoheit
aus.
Aus dem Mund der Kinder
und Säuglinge
schaffst du
dir Lob, /
deinen Gegnern zum
Trotz; / deine Feinde und
Widersacher müssen verstummen.
Seh` ich
den Himmel, das Werk deiner Finger, / Mond und Sterne, die du befestigt:
Was ist der Mensch,
dass du an ihn denkst, /
des Menschen Kind, dass
du dich seiner
annimmst?
Du hast ihn nur wenig
geringer gemacht als
Gott, /
hast ihn mit
Herrlichkeit und Ehre
gekrönt.
Du hast ihn als
Herrscher eingesetzt
über das Werk
deiner Hände, /
hast ihm alles zu
Füßen gelegt:
All die Schafe, Ziegen
und Rinder / und auch
die
wilden Tiere,
die Vögel des
Himmels und die Fische im
Meer, /
alles, was auf den
Pfaden der Meere dahin
zieht.
Herr, unser Herrscher,
/ wie gewaltig ist
dein Name
auf der ganzen Erde!
Psalm 8
8. Jesus
ringt um
Jerusalem
60 Kilometer bis Jerusalem
Der Aufenthalt Jesu in
Galiläa, im Norden des Heiligen
Landes, wird oft als galiläischer Frühling bezeichnet. Denn
dort hatte Jesus –
wenn man so sagen kann – Erfolg. Es gab eine erstaunliche
Jesus-Bewegung. Die
Massen lauschten ihm, sie folgten ihm, um ihn zu hören, denn er
sprach – wie es
heißt – mit Autorität. Ganz anders als die Schriftgelehrten
und die Lehrer in
den Synagogen, die sich oft mit Kleinigkeiten in der Auslegung des
Mosaischen
Gesetzes herumschlugen. Jesus sprach mit Autorität. Und er heilte.
Viele kamen
zu ihm, baten um Heilung von verschiedenen Krankheiten und er heilte –
wie es
heißt – alle. Jesu Mission schien erfolgreich.
Und noch eines
müssen wir beachten: Jesus spricht nicht nur
mit Autorität, er beanspruchte auch Autorität. Er sagte
Worte, die man als
arrogant, ja sogar bösartig bezeichnen könnte, wenn man in
Ihm nicht eine
göttliche Autorität annehmen konnte. Ein solches rein
menschlich gesehen
arrogantes Worte war z.B. „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich,
ist meiner
nicht wert“. Dann seine wiederholte Formulierung in der Bergpredigt:
„Ihr habt
von Mose gehört …Ich aber sage Euch“. Er stellte sich über
Moses. Es gibt noch
mehrere Stellen, wo Jesus so spricht wie man eigentlich nur als
göttliche
Autorität sprechen kann. Jesus sagte nie direkt: ich bin Gottes
Sohn oder
Offenbarer des Vaters, aber er verhielt sich so wie man es nur tun
kann, wenn
man göttliche Autorität beansprucht und hat. Sein Reden, Sein
Wunderwirken und
sein Auftreten brachten ihm in Galiläa viel Erfolg. Daher spricht
man vom
galiläischen Frühling.
Nach
dieser kurzen
Einführung lade ich nochmal ein, sich anfangs ganz bewusst vor
Gott zu stellen
und zu glauben, dass er sie sieht. Und dann bitten wir, dass wir sein
eigentlichstes, tiefstes Anliegen verstehen mögen. Um es kurz zu
sagen: Sein
eigentlichstes Anliegen ist es, sein ganzes Volk und das heißt
die Hauptstadt
Jerusalem zu gewinnen, sein Herz zu erobern. Das ist das Thema der
heutigen
Betrachtung.
Man kann nämlich
dem Evangelium entnehmen, dass es Jesus
nicht genügte, viele Menschen in Galiläa gewonnen zu haben.
Er musste auch um
Jerusalem ringen und kämpfen, um das Herz des jüdischen
Volkes, um die Seele
des Volkes, das Gott sich in Liebe erkoren hatte: Jerusalem. Denn Jesus
wusste
sich gesandt, das ganze Volk Israel zu gewinnen, die Liebe der Braut,
die Gott
als Bräutigam sich erkoren hatte. Und das Herz, die Seele der
Braut war Jerusalem.
Und in Jerusalem waren es die Priesterschaft und die Schriftgelehrten,
die das
Volk repräsentierten. Deswegen richtete Jesus – wie es besonders
im
Lukas-Evangelium heißt – seine Augen nach Jerusalem. Und nachdem
er seine Augen
dorthin gerichtet hatte, ging er nach Jerusalem – und dies obwohl er
wusste,
dass er dort gekreuzigt werden würde. Man muss wirklich beachten,
dass Mathäus,
Markus und Lukas jeweils dreimal davon sprechen, dass Jesus sein Leiden
voraussagt. Jesus geht also nach Jerusalem, weil er um die heilige
Stadt ringen
muss, weil er sein ganzes Volk gewinnen will und muss. Es reicht nicht,
nur in
Galiläa Früchte gesammelt zu haben. Zur Ernte gehört die
Heilige Stadt und
damit das ganze Volk.
Auf diesem Hintergrund
müssen wir die Streitreden Jesu
gegen Pharisäer und Schriftgelehrte, aber auch gegen die
Sadduzäer und
Hohenpriester lesen.
Beginnen wir mit der
Szene, wo Jesus auf dem Ölberg sitzt
und über das Tal hinüberschaut auf die Stadt Jerusalem und
weint über die
heilige Stadt. Setzen wir uns neben Jesus, schauen mit ihm hinüber
und erinnern
wir uns: Der große König David hat die Stadt angelegt,
König Salomon hat den
Tempel gebaut, später wurde das Heilige Volk vertrieben,
verschleppt nach
Babylon, aber es konnte zurückkehren, den Tempel wieder aufbauen.
Im Tempel
wurde der heilige Dienst verrichtet. Hierher war Jesus mit seinen
Eltern
jährlich gekommen. Diese Stadt als Symbol für sein Volk
sollte und wollte er
mit Liebe und Kraft erobern. Doch er wusste schon, dass all sein
Liebesmühen umsonst
sein würde. Er weinte - heißt es bei Lukas (19,41) - und
sagte: „Wenn doch auch
du an diesem Tage erkannt hättest, was dir Frieden bringt. Jetzt
aber bleibt es
vor deinen Augen verborgen.“
Und dann geht er in die
Stadt hinein. Über seinen
feierlichen Einzug werden wir am Palmsonntag sprechen. Und in der Stadt
konfrontiert er die Mächtigen, die dort das Sagen haben.
Hören wir sein Wehe:
Weh euch, ihr
Schriftgelehrten und Pharisäer: ihr
verschließt den Menschen das Himmelreich, ihr bindet ihnen Lasten
auf, rührt
sie aber selbst nicht an, weh euch ihr blinden Führer, ihr blinden
Narren, ihr
Heuchler, ihr Nattern, ihr Schlangenbrut, ihr tötet Propheten.
Starke Worte,
kein Wunder, dass die Angesprochenen bald beschließen, ihn zu
töten. Jesus
wirft ihnen vor, das Gesetz nur äußerlich zu erfüllen,
„Ihr siebt Mücken aus
und verschluckt Kamele“. Das heißt: ihr kümmert euch um
äußerliche
Kleinigkeiten, aber kümmert euch nicht um das, was das Gesetz
wirklich will, um
Liebe und Barmherzigkeit. Ihr reinigt Gefäße, innen aber
sind sie voll Knochen,
Schmutz und Verwesung. So erscheint auch ihr von außen den
Menschen gerecht,
innen aber seid ihr voll Heuchelei und Ungehorsam gegen Gottes Gesetz.
Und weiter heißt
es bei Mathäus „Jerusalem, Jerusalem, du
tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt
sind. Wie oft
wollte ich deine Kinder um mich sammeln so wie eine Henne ihre
Küken unter ihre
Flügel nimmt. Aber ihr habt nicht gewollt. Darum wird euer Haus
von Gott
verlassen.“ (Mt.23,37ff)
Jesus ringt um seine
Stadt, um die Führer des Volkes. Daher
auch reinigt er den Tempel. Er war zu einer Markthalle verkommen.
Gottesdienst
und die Opfer, die Jesus nicht ablehnte, spielten nur mehr eine
Nebenrolle. Und
so weiß Jesus voraus, dass sie ihn packen, verhaften, den
Römern ausliefern und
umbringen werden. Er weiß voraus, dass sein Volk, seine Stadt nur
durch seinen
Tod und seine Auferstehung Heil finden werden. Und vergessen wir in
diesem
Zusammenhang nicht, dass alle ersten Christen Mitglieder seines Volkes
waren,
dass die ersten Martyrer Juden waren. Nicht
d i e Juden haben Jesus
abgelehrt und ermordet, sondern nur einige von ihnen, die
Verantwortlichen.
Es ist ein verzweifeltes
Ringen Jesu um seine Stadt, um
sein Volk, um den Bund, den der Vater mit seinem Volk geschlossen hat.
Was betrifft das uns,
uns Heutige?
Auch heute geht es Gott
nicht nur um den einzelnen
Menschen. Es geht ihm um alle Menschen. Daher wird die Kirche Sakrament
zum
Heil der Welt genannt. Die Kirche ist der lebendige Leib Christi, der
durch
alle Zeiten allen Menschen nahe sein soll. Durch die Kirche ringt Gott
um die
Menschen auf dem ganzen Globus.
Wir ältere Christen
sind erzogen worden in dem Gedanken,
dass wir unsere Seele retten sollen, damit wir in den Himmel kommen und
nicht
in die Hölle. Diese Sicht war nicht falsch, aber ein bisschen
verengt. Denn es
geht nicht nur um mich und um Einzelne, sondern es geht um die ganze
Menschheit. Sie soll durch das Leben und Tun der Christen lernen, was
es heißt
den Nächsten zu lieben .Sie soll auch lernen, was es heißt:
Gott liebt den
Menschen und alle Menschen. Wie Jesus um seine Stadt, um sein Volk
gerungen
hat, so ringt Gott heute und zu allen Zeiten um die ganze Menschheit
und wir in
der Kirche sollen Instrument, Sakrament der Liebe Gottes sein.
So lade ich Sie jetzt
zum Schluss ein sich ein paar Fragen
zu stellen:
Bin ich mir darüber
im Klaren, dass die Kirche, dass alle
Getauften Sakrament für das Heil der Welt sind? Bin ich mir
darüber im Klaren,
dass ich persönlich dazu einen Beitrag leisten kann und soll?
Entspreche ich
dem? Bin ich mir darüber im Klaren, dass es also nicht nur um das
Leben in der
Pfarrgemeinde geht, sondern dass wir gemeinsam Salz der Erde, Licht der
Welt
sein sollen für meine Stadt, meine Gemeinde, mein Land? Bin ich
mir darüber im
Klaren, dass auch ich als ganz kleiner einfacher Mensch einen Beitrag
leisten
kann dafür, dass Christus zu den Menschen kommt, dass Christus von
anderen
verstanden wird? Verstehe ich selbst Christus? Was kann ich dazu tun,
was muss
ich dazu tun? Erinnern wir uns an das Ringen Christi um seine Stadt, um
sein
Volk. Helfen wir ihm beim Ringen um die Menschheit heute.
Und ich schlage vor,
dass Sie
betrachten
Lukas 19. 41-48
Als Jesus näher kam
und Jerusalem sah, weinte er über sie
und sagte: Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was
dir Frieden
bringt. Jetzt aber bleibt es vor deinen Augen verborgen. Es wird eine
Zeit für
dich kommen, in der deine Feinde rings um dich einen Wall aufwerfen,
dich
einschließen und von allen Seiten bedrängen. Sie werden dich
und deine Kinder
zerschmettern und keinen Stein auf dem andern lassen; denn du hast die
Zeit der
Gnade nicht erkannt. Dann ging er in
den Tempel und begann, die Händler hinauszutreiben.
Er sagte zu ihnen: In
der Schrift steht: Mein Haus soll ein
Haus des Gebetes sein. Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle
gemacht. Er lehrte täglich im Tempel.
Die
Hohenpriester, die Schriftgelehrten und die übrigen Führer
des Volkes aber
suchten ihn umzubringen. Sie wussten jedoch nicht, wie sie es machen
sollten,
denn das ganze Volk hing an ihm und hörte ihn gern.
Mathäus
23, 37 bis
39.
Jesus sagte: Jerusalem,
Jerusalem, du tötest die Propheten
und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich
deine
Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre
Flügel nimmt,
aber ihr habt nicht gewollt. Darum wird euer Haus (von Gott) verlassen.
Und ich
sage euch: Von jetzt an werdet ihr mich nicht mehr sehen, bis ihr ruft:
Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn!
Heute sind
es noch 60 Kilometer bis Jerusalem
***
Mein
Herr und mein Gott, nimm` alles von mir,
was
mich hindert zu Dir.
Mein Herr
und mein Gott,
gib
alles mir, was mich fördert zu Dir.
Mein Herr
und mein Gott,
nimm
mich mir und
gib
mich ganz zu eigen Dir.
(Hl.
Bruder Klaus von der Flue)
9. Die
Gottesmutter und
Gefährtin Maria
40
Kilometer bis Jerusalem
Heute geht es um die
Gottesmutter Maria. Wir wollen
versuchen, sie ein wenig näher kennen zu lernen.
Wir können uns
anfangs so von Gott angeschaut glauben,
wie s i e angeschaut
wurde. Und wir können sie bitten, dass sie uns Jesus
näher bringt.
Wir müssen von
Folgendem ausgehen: einerseits geht aus der
Heiligen Schrift wirklich nicht sehr viel über sie hervor.
Andererseits aber
hat sie im Lauf der Geschichte der Theologie und der Frömmigkeit
eine sehr
große Rolle gespielt.
Wo und wie finden wir
sie in der Heiligen Schrift? Wir
hören, dass ein Bote Gottes, ein Engel zu ihr kam, um ihr
anzukündigen, dass
sie durch den heiligen Geist einen Sohn empfangen werde, der groß
sein und Sohn
des Allerhöchsten heißen werde. Gott werde ihm den Thron
seines Vaters David
geben, er werde über das Haus Jakobs in Ewigkeit herrschen und
seiner
Herrschaft werde kein Ende sein.
Es kann wohl kaum anders
gewesen sein, als dass sie viele
Fragen dazu hatte und mit diesen Fragen leben musste. Und das ist sehr
schwer.
Wir dürfen uns nichts vormachen: nach allem, was man sich
vorstellen kann, war
das für sie höchst beunruhigend. Sie stand vor einem Berg von
Fragen: Wie wird
das sein, was wird ihr Verlobter sagen, was ihre Familie. Sollte sie
ein
ruhiges, unaufregendes Leben gesucht haben, so war es damit vorbei. Da
braucht
man schon viel Gottvertrauen, wenn man mit einem solchen Geheimnis
leben soll.
Sie wird wohl täglich gebetet haben: Ich vertraue, dass es schon
irgendwie
gehen wird. Gerade, wenn sie schon als junges Mädchen wirklich
tief und echt
Gott gesucht hat, dann hat sie wohl gewusst, dass Leben mit Gott eher
aufregend
ist. Also, alles andere als Idylle vom ersten Moment an. Das zeigt sich
dann
auch in der Geburt im fernen Bethlehem in irgendeinem Unterstand, in
den
seltsamen Besuchen beim Neugeborenen. Wenn schon ihr Bräutigam
Josef von Anfang
an solche Zweifel hatte, was er machen sollte, dass sie ihn im Schlaf
verfolgten,
so dürfen wir ruhig annehmen, dass Maria ähnliche Zweifel und
Unsicherheiten
plagten. Was sie mehr als andere Menschen brauchte, war der Glaube,
dass Gott
doch eben alles in der Hand hat. „Du bist voll der Gnade“ – das
bedeutet: Gott
traut Dir viel zu, er rechnet mit Deinem Glauben und Deinem Lieben. Die
Aufregung in ihrem Leben mit Jesus zeigt sich dann besonders in der
Szene, wo
Jesus als 12-jähriger im Tempel zurück bleibt. Sie weiß
schon: mit ihm wird es
aufregend und unruhig bleiben. Es wird kein gemütliches Leben.
Sicher war es für
Maria schön und erhebend, neben einem
Menschen zu leben, der offenbar Gott, dem Vater im Himmel so nahe war.
Aber es
blieb aufregend, sehr ungemütlich. Denn vermutlich hat sich der
heranwachsende
Jesus – trotz aller Einfügung in die Familie – recht anders
verhalten als seine
Altersgefährten. Ich denke, er ging oft in aller Frühe auf
Berge und Hügel, um
allein zu beten. Ganz anders als andere junge Männer. Er
ließ sich nicht
verheiraten, was ganz unnormal war. Er verließ dann eines Tages
Familie und
Heimat und tauchte nach Monaten mit einer Gruppe von Anhängern
auf, die an
seinen Lippen hingen. Was werden die Nachbarinnen zu Maria gesagt
haben?
Vielleicht haben sie nur den Kopf geschüttelt. Aber einige wussten
bald: Jesus
spinnt, und du Maria hast ihn falsch erzogen, wir haben dich immer
schon
gewarnt, dass du alles falsch machst.
Es blieb nicht einfach,
die Mutter des Mannes zu sein, der
selbst die Autoritäten in Jerusalem beunruhigte. Ja – es wurde
immer mehr ein Kreuz,
seine Mutter zu sein. Sie zog dann mit ihm durchs Land, in Städte
und Dörfer.
Immer in der Gruppe, die hinter ihm her ging. Da er schon bald anfing,
von
seinem Konflikt in Jerusalem zu sprechen, und dass man ihn sogar
beseitigen
werde, da wurde es für seine Mutter immer schlimmer. Sie stand
völlig hinter
ihm, aber wie konnte sie zusehen, wie er in sein Verderben rennt.
Vater, dein
Wille geschehe, auch wenn ich ihn nicht verstehe. Das mag ihre
ununterbrochene
Bitte gewesen sein. Und sie sah, wie er nur den Willen des Vaters
suchte und
tat. Wie konnte sie ihn daran zu hindern versuchen?! Ihr Kreuzweg
dauerte
wenigstens drei Jahre. Nun waren sie alle in Jerusalem, Jesus
exponierte sich
durch sein Reden und die Tempelreinigung, er sprach vom Ende der Zeit,
von
„seiner“ Stunde. Und dann – eines Abends - war Maria nicht fern von dem
Raum,
wo Jesus sich mit den Seinen zum Pascha versammelte. Sie blieb
draußen. Und sie
verfolgte im Dunkel, wo er mit den Aposteln von dort hinging. Denn ich
schließe
nicht aus, dass sie der Engel war, der ihn tröstete, als ihm die
Angst
Blutschweiß aus den Poren trieb. Wir kennen den Fortgang. Ich bin
sicher, dass
sie seinen Kreuzweg mitging, immer so nah wie möglich bei ihm. Er
sollte sehen,
dass seine Mutter da war. Und dann sah er sie vom Kreuz herunter. S i e war da, die
Berufenen nicht – außer einem.
Und dann erschien er auch i h r als der
Auferstandener.
Auch für s i e wird das ebenso
schön
wie unglaublich gewesen sein. Doch sie hatte gelernt zu glauben, zu
glauben,
dass bei Gott kein Ding unmöglich ist.
Sicher war sie voll der
Gnade. Diese Gnade brauchte sie
auch, denn ihr ganzes Leben war ein Kreuzweg. Sie musste mit ansehen,
wie ihr
Sohn durch sein Tun den Zorn der Welt auf sich zog, und wie seine
Freunde ihn
verraten und verlassen haben. Sie musste zusehen, wie er gescheitert
ist. Noch
konnte sie nicht erleben, dass der Same, den er ausgesät hatte,
viel später
erstaunliche Frucht brachte. Noch konnte sie nicht erleben, dass er
selbst als
Samenkorn sterben musste, damit unendliche Frucht wachse.
Maria in Theologie und
Geschichte
Das war ein rascher sehr
persönlicher Gang durch das Leben
der Gottesmutter. In der Bibel steht sie ganz im Schatten. Aus diesem
Schatten
aber tritt sie im Lauf der Geschichte der Theologie und
Frömmigkeit heraus. Bis
zum Jahr 380 streiten sich Bischöfe und Theologen darüber,
wie man die Mutter
Jesu nennen darf. Dann einigen sie sich: sie ist Gottes-Mutter,
Theotokos,
Gottesgebärerin. Sie ist die Frau, die Gott geboren hat, denn ihr
Sohn war Mensch u n d
Gott. Damit beginnt eine Art Siegeszug. Sowohl die Denker
wie auch die
Beter erkennen immer tiefer ihre Bedeutung für Glaube und Kirche.
Sie wird in
immer goldeneren Farben dargestellt. Sie steht an der Seite ihres
Sohnes. Der
Weg zu ihm führt oft über sie. Sie ist der Thron, auf dem Er
thront. Sie zeigt
Ihn der Welt, gibt Ihn der Welt. Und sie wird dargestellt, wie sie vom
Vater im
Himmel und von Christus die Krone empfängt. Und der Geist Gottes
schwebt über
ihr, wie er über den Wassern geschwebt war. Und sie thront
über der Weltkugel,
zertritt der Schlange das Haupt. Sie ist bekleidet mit der Sonne und
der Mond
liegt ihr zu Füßen. Und die Kirche definiert sie als
unbefleckt Empfangene und
als mit Leib und Seele in den Himmel erhobene. Und es entstehen immer
mehr
Heiligtümer, wohin die Gläubigen pilgern, damit sie sie dort
um ihre
Vermittlung zu Gott bitten. Manche
meinen fälschlicherweise, sie werde gar angebetet. Das aber ist
völlig falsch.
Sie wird um Hilfe bei Gott angerufen. Die Gläubigen wissen, Gott
ist Geheimnis,
Mysterium. Man kann sich Ihn letztlich nicht vorstellen. Bei Maria ist
das
anders: sie ist und bleibt ein Mensch, man kann sie sich vorstellen,
darf es
auch tun. Daher wenden sich viele Gläubige an sie,
vertrauen auf sie. Man geht gern zur Mutter. Sie versteht, sie ist
nahe.
Und in den letzten
Jahrzehnten haben immer mehr Menschen
gesagt, dass ihnen die Gottesmutter Maria erschienen sei. Manche dieser
Erscheinungen wurden von der Kirche anerkannt, andere nicht.
Entscheidend ist,
dass die Gläubigen zu Christus geführt werden, dass ihr Leben
durch die
Begegnung mit der Gottesmutter reich und froh und schön wird. Die
Gottesmutter
darf den Blick auf Christus und den Vater im Himmel nicht verstellen,
sondern
muss ihn öffnen. Auf jeden Fall ist es hilfreich, sich in das
Leben der
Gottesmutter glaubend zu vertiefen.
Ich schlage vor, den
Text des Magnificat langsam zu
betrachten. In ihm preist Maria die Größe des Vaters im
Himmel.
Lukas, 1,
46 - 55
„Meine Seele preist die
Größe des Herrn, /und mein Geist
jubelt über Gott, meinen Retter.
Denn auf die Niedrigkeit
seiner Magd hat er geschaut. /
Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
Denn der Mächtige
hat Großes an mir getan / und sein Name
ist heilig.
Er erbarmt sich von
Geschlecht zu Geschlecht / über alle,
die ihn fürchten.
Er vollbringt mit seinem
Arm machtvolle Taten: / Er
zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;
er stürzt die
Mächtigen vom Thron / und erhöht die
Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt
er mit seinen Gaben / und lässt
die Reichen leer ausgehen.
Er nimmt sich seines
Knechtes Israel an / und denkt an sein
Erbarmen,
das er unsern
Vätern verheißen hat, / Abraham und seinen
Nachkommen auf ewig.“
Und dann können sie
sich fragen: wie ist mein Verhältnis zu
Maria, bin ich damit zufrieden, kann und soll ich es vertiefen, wie
kann das
geschehen? Wie kann Maria mir persönlich Hilfe zu Christus sein?
Heute
sind es noch 40 Kilometer bis Jerusalem
***
Von guten
Mächten
Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.
Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last,
ach, Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen
das Heil, für das Du uns bereitet hast.
Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus Deiner guten und geliebten Hand.
Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört Dir unser Leben ganz.
Lass warm und still die Kerzen heute flammen,
die Du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all Deiner Kinder hohen Lobgesang.
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Dietrich Bonhoeffer
10. Die
Kreise Jesu
20 Kilometer bis
Jerusalem
Wir
schauen anfangs
nochmal zurück: Was wollte Gott uns sagen, uns erkennen lassen
durch die letzte
Betrachtung? Durch die letzten Tage? Und
jetzt sieht er in mich hinein. Und ich bitte Jesus,
dass er mich
erkennen lässt, wie e r seine Gemeinschaft
sieht, wie e r sie aufgebaut und gewollt
hat.
Ich gehe davon aus, dass
heute sich manche Christen fragen,
warum die Kirche so männlich konstruiert ist, warum sie so
elitär ist, warum es
da so viele Stufen, soviel „unten“ und „oben“ gibt, so viel Hierarchie,
obwohl
doch Jesus anscheinend eine Gemeinschaft von Menschen wollte, in der
alle gleiche
Würde und gleiche Rechte haben. Manche fragen sich wohl: hat Jesus
das so
gewollt? Hat er nicht alle gleich behandelt? Schließt er nicht
alle in gleicher
Weise in seine Liebe ein? Liebt er manche mehr als andere? Sind manche
mehr
wert als andere? Fragen über Fragen!
Es ist gut, sich solche
Fragen zu stellen, denn man soll
die Fragen ebenso ernst nehmen wie das Tun Jesu. Die Zeiten seit Jesus
haben
sich verändert. Damals gab es noch keine Demokratie, damals war
die Welt noch
weit mehr männlich bestimmt als heute. Was heute Frauen alles tun
und dürfen,
das hätten die Jünger Jesu überhaupt nicht verstanden.
Wenn wir das Evangelium
mit unseren Fragen ganz nüchtern
anschauen, dann sehen wir dass Jesus offenbar mehrere Kreise oder
Zirkel um
sich hatte. Er lebte und bewegte sich in mehreren Kreisen.
Der Hauptzirkel waren
sicher die zwölf Apostel. Kein
Zweifel: Ihre Zahl sollte andeuten, dass Jesus einen neuen Bund im Sinn
hatte.
Denn der alte Bund bestand aus den zwölf Stämmen, die auf die
zwölf
Jakobssöhne, die zwölf Patriarchen zurückgingen. Jesus
wählt – nach Gebet – in
feierlicher Weise die zwölf Männer aus und setzt sie ein,
damit sie bei ihm
sind und er sie dann aussenden kann. Keine Frage: seine Gemeinschaft
ruht auf
den Zwölf Säulen. Leider waren diese Säulen keine
Heiligen. Bei Jesu Kreuzigung
haben sie samt und sonders versagt, sind nach großen
Sprüchen geflohen. Aber
erstaunlicherweise hat er nur sie zum Abendmahl geladen. Es ging dabei
offenbar
nicht um die Zwölf als Freunde, sondern um sie als Säulen
dessen, was kommen
sollte.
Innerhalb dieses Kreises
der Zwölf gab es aber noch einmal
einen inneren, kleineren Kreis: Petrus, Jakobus und Johannes. Jesus
sonderte
diese drei zweimal eigens ab: auf dem Berg, wo er verklärt wurde
und im Garten
Getsemanie, wo sie – trotz aller Jesus-nahen Absonderung –
einschliefen. Jesus
erlaubt sich schon im Kreis der Zwölf Unterschiede zu machen.
Und dann schickt er
wenigstens einmal 72 andere Jünger vor
sich her, um das Reich Gottes zu verkünden. Also ein weiterer
Kreis, ein
dritter Kreis.
Dann gibt es aber
offenbar noch den Kreis der Frauen, die
mit ihm wandern, die ihm helfen. Wahrscheinlich haben sie ihm viel mehr
geholfen, als im Evangelium steht. Wie man so die Frauen kennt, waren
sie im
Hintergrund viel wichtiger als in dem offiziellen Dokument, den
Evangelien.
Also auf einer anderen Ebene als die Zwölf gab es den Kreis der
Frauen, die mit
Jesus zogen. Zu ihm gehörte sicher auch seine Mutter.
Parallel zum Kreis der
Frauen gab es noch einen Kreis der
Freunde – ich denke an das Haus in Bethanien unweit von Jerusalem, wo
Marta und
Maria und Lazarus wohnten. Vielleicht spielten diese Freunde nur in den
letzten
Wochen Jesu eine Rolle, aber es gibt neben den Aposteln diesen Kreis,
der
offenbar für Jesus wichtig war.
Der große Kreis um
Apostel und Jünger war dann sein Volk
Israel. Denn dies Volk war ja wieder nur ein kleinerer Kreis im Kreis
der
Völker. Jesus hat offenbar auch gut unterschieden zwischen den
Angehörigen
seines Volkes und den anderen Völkern. Die syro-phoenizischen
Frau, die nicht
zu seinem Volk gehört, wies Jesus zunächst ab, erfüllte
aber dann ihren Wunsch
nach Heilung der Tochter, obwohl sie keine Israelin war. Und seinen
Jüngern
sagt er ausdrücklich, sie sollten nur zu den Angehörigen des
Volkes Israel gehen
und nicht zu den Anderen. Diese waren ja unter die Israeliten
verstreut, in
Israel eingesprenkelt.
Jesus sagt also nicht
einfach „Seid umschlungen Millionen“,
er macht viele Unterschiede. Aber dennoch ist wohl klar, dass Jesus
sich als
Heilbringer für alle Menschen, für die ganze Welt verstand.
„Geht und tauft
alle Völker“, heißt es bei Mathäus. Den Kelch, den er
im Abendmahl reicht,
enthält Blut, das für alle Menschen vergossen ist, nicht nur
für auserwählte
Wenige.
Wenn wir also die
modernen Fragen stellen, dann müssen wir
uns immer vor Augen halten: Jesus hat es sich erlaubt, nicht alle
Menschen
gleich zu behandeln. Er hat einige konzentrische Kreise gebildet und
daneben
noch andere Kreise gehabt. Nicht alle, die um ihn waren, wurden gleich
behandelt.
Das bedeutet nicht, dass er nicht alle geliebt hat. Das bedeutet nicht,
dass er
an manchen kein Interesse hatte, dass er nicht für alle gestorben
ist. Aber er
hat sich erlaubt, manche mehr, andere weniger an sich zu binden. Ob uns
das
gefällt oder nicht. Was steht dahinter?
Wir können nicht
alles durchschauen und wissen wohl weniger
als wir meinen. Aber eines dürfte doch klar sein: Diejenigen
Menschen, die er
stärker einbezog, die er stärker an sich zog, mit denen er
regelmäßig zusammen
sein wollte, diese haben auch eine größere Verantwortung.
Sie sind nicht
besonders nahe an Jesus, weil sie besonders gut sind. Sie sind in Jesu
Nähe,
weil er sie brauchen will, weil er sie in seine Sendung einbeziehen
will, weil
er ihnen Verantwortung übertragen will.
Schauen wir noch
speziell die Situation des Abendmahls an:
Er lädt nur die Zwölf dazu ein. Auch nicht seine Mutter und
die anderen Frauen,
die wohl unter großen Opfern ihm lange gefolgt waren und ihm
gedient hatten,
etwa Maria von Magdala. Die Frauen bleiben erstaunlicherweise
draußen. Das
stört uns moderne Menschen vermutlich etwas. Er lädt auch
nicht Lazarus und
nicht Nikodemus und nicht Josef von Arimathäa ein. Die
eingeladenen Zwölf sind
auch nicht etwa dabei, weil sie besonders lieb oder freundlich oder
heilig
wären, sondern weil sie eine Funktion haben, jeder Einzelne und
alle zusammen.
Sie haben eine Aufgabe. Sie sind die Säulen, auf denen der neue
Bund aufruht.
Beim Abendmahl sagt Jesus – nach Mathäus - zu ihnen: „Trinkt aus
dem Kelch, das
ist mein Blut, das Blut des Bundes“. Jesus knüpft an den Alten
Bund an. Bei
Lukas heißt es: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.“
Halten wir fest: Jesus
macht Unterschiede zwischen den
Menschen – ob uns das gefällt
oder nicht. Wir
können nur im stillen Gebet Jesus fragen, wie er das gemeint hat.
Aber wir
dürfen nicht moderne und vielleicht rein soziologische Kategorien
an ihn
herantragen. Wenn es heißt, er habe alle geliebt, an sich
gezogen, zum Mahl
versammelt, dann müssen wir immer genau hinschauen, was damit
gemeint ist. Aber
jeder und jede von uns darf sich sagen: Er liebt mich, er nimmt mich so
an wie
ich bin. Er sieht mich so wie ich bin und als solcher bin ich geliebt.
Das aber
bedeutet nicht, dass in seiner Gemeinschaft der Kirche alle gleich sind
und
alle die gleiche Funktion haben.
Zur Betrachtung schlage
ich eine Szene aus dem
Lukas-Evangelium vor, wo sehr unterschiedliche Menschen bei Jesu sind.
Man
sieht daran, in wie verschiedenen Kreisen Jesus sich bewegte: Seine
Jünger sind
bei ihm, aber auch eine Frau, die Hilfe sucht und ein Vater, der
für seine
Tochter um Hilfe bittet, dazu die Toten-Klageweiber.
Lukas, 8, 40
- 56
Als Jesus (an das andere
Ufer)
zurückkam, empfingen ihn viele Menschen, sie hatten alle schon auf
ihn
gewartet. Da kam ein Mann namens Jaïrus, der Synagogenvorsteher
war. Er fiel
Jesus zu Füßen und bat ihn, in sein Haus zu kommen. Denn
sein einziges Kind,
ein Mädchen von etwa zwölf Jahren, lag im Sterben.
Während Jesus auf dem Weg zu
ihm war, drängten sich die Menschen um ihn und erdrückten ihn
beinahe. Darunter
war eine Frau, die schon seit zwölf Jahren an Blutungen litt und
bisher von
niemand geheilt werden konnte. Sie drängte sich von hinten an ihn
heran und
berührte den Saum seines Gewandes. Im gleichen Augenblick kam die
Blutung zum
Stillstand. Da fragte Jesus: Wer hat mich berührt? Als alle es
abstritten,
sagten Petrus und seine Gefährten: Meister, die Leute drängen
sich doch von
allen Seiten um dich und erdrücken dich fast. Jesus erwiderte: Es
hat mich
jemand berührt; denn ich fühlte, wie eine Kraft von mir
ausströmte.
Als die Frau merkte,
dass sie es
nicht verheimlichen konnte, kam sie zitternd zu ihm, fiel vor ihm
nieder und
erzählte vor allen Leuten, warum sie ihn berührt hatte und
wie sie durch die
Berührung sofort gesund geworden war. Da sagte er zu ihr: Meine
Tochter, dein
Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Während
Jesus noch redete, kam einer, der zum Haus
des
Synagogenvorstehers gehörte, und sagte (zu Jaïrus): Deine
Tochter ist
gestorben. Bemüh den Meister nicht länger!
Jesus hörte es und
sagte zu
Jaïrus: Sei ohne Furcht; glaube nur, dann wird sie gerettet. Als
er in das Haus
ging, ließ er niemand mit hinein außer Petrus, Johannes und
Jakobus und die
Eltern des Mädchens. Alle Leute weinten und klagten über
ihren Tod. Jesus aber
sagte: Weint nicht! Sie ist nicht gestorben, sie schläft nur.
Da lachten sie ihn aus, weil sie
wussten, dass sie tot war. Er aber fasste sie an der Hand und rief:
Mädchen,
steh auf! Da kehrte das Leben in sie zurück und sie stand sofort
auf. Und er
sagte, man solle ihr etwas zu essen geben. Ihre Eltern aber waren
außer sich.
Doch Jesus verbot ihnen, irgend jemand zu erzählen, was geschehen
war.
Ich
schlage ihnen
vor, in den nächsten Tagen über ihren persönlichen Platz
in der Kirche
nachzudenken. Gerade auch wenn sie gar keine offiziellen Aufgabe in der
Kirche
haben, gar keine Funktion, so haben sie doch eine geistliche Aufgabe.
Für wen
sind sie verantwortlich? Wen stellt Gott auf ihren Weg, wen stellt er
ihnen in
den Weg, welchen Menschen und welche Gruppe. Und die andere Frage: wie
sehe ich
die Amtsträger in der Kirche, gelingt es mir, sie wegen ihres
Amtes zu achten?
Gelingt es mir, anzuerkennen, dass sie Verantwortung tragen? Sie haben
nicht
etwa mehr Ehre, aber tragen mehr Verantwortung, sie haben eine
größere Last zu
schleppen. Es gilt: wer groß sein will, sei der Diener aller.
Jesus sagt: „Ich
bin nicht gekommen, um mich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen.“ Das gilt für alle in der Kirche.
Heute
sind es noch 20 Kilometer bis Jerusalem
***
Atme
in mir,
Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke.
Treibe mich, Heiliger
Geist,
dass ich Heiliges tue.
Locke mich, Heiliger
Geist, dass
ich Heiliges liebe.
Stärke mich,
Heiliger Geist,
dass ich Heiliges hüte.
Hüte mich,
Heiliger Geist, dass
ich Heiliges nimmer verliere.
11. Der
Einzug Jesu in
Jerusalem
Wir
stehen wir den Toren der Davidstadt
An diesem Sonntag
gedenken wir in der Liturgie des Einzugs
Jesu in Jerusalem. Es ist der Anfang der heiligen Woche, der Karwoche.
Schauen wir an dieser Stelle noch einmal
zurück auf die letzte Betrachtung. Halten sie ein bisschen inne
und fragen
sich, was Gott ihnen sagen wollte. Was will er mir ganz persönlich
durch meine
Gedanken, Gefühle, Eindrücke im Gebet sagen?
Erinnern
wir uns,
dass Er uns jetzt sieht, dass Er tief in mich hineinschaut und bitten
wir
Jesus, dass wir ihn bei seinem Einzug in Jerusalem, am Anfang der
heiligen
Woche, besser erkennen. Bitten wir ihn, dass wir immer bereiten werden,
Ihm zu
folgen.
Hier das Evangelium vom
Palmsonntag, dem Einzug in
Jerusalem:
Matthäus
21, 1 - 23
„Als sich Jesus mit
seinen
Begleitern Jerusalem näherte und nach Betfage am Ölberg kam,
schickte er zwei
Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch
liegt; dort
werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet
sie los
und bringt sie zu mir! Und wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt:
Der
Herr braucht sie, er lässt sie aber bald zurückbringen. Das ist geschehen, damit sich erfüllte,
was
durch den Propheten gesagt worden ist: Sagt
der Tochter Zion: / Siehe, dein König kommt zu
dir. / Er ist
friedfertig / und er reitet auf einer Eselin / und auf einem Fohlen, /
dem
Jungen eines Lasttiers.
Die Jünger gingen
und taten, was
Jesus ihnen aufgetragen hatte.
Sie brachten die Eselin und das
Fohlen, legten ihre Kleider auf sie, und er setzte sich darauf. Viele
Menschen
breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten
Zweige von den
Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm
hergingen und
die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! / Geseg-net sei er,
der kommt
im Namen des Herrn. / Hosanna in der Höhe! Als er in Jerusalem
einzog, geriet
die ganze Stadt in Auf-regung, und man fragte: Wer ist das? Die Leute
sagten:
Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa.“
Der Evangelist
Matthäus erklärt, warum so ausführlich von
dem Esel die Rede ist, der geholt wird, und auf den sich Jesus setzt:
Der Esel
soll zeigen, dass Jesus – wie es beim Propheten Jesaja heißt –
der friedfertige
König ist. Er kommt nicht hoch zu Ross, er kommt nicht mit
Lärm. Jesus will
denen den Frieden bringen, die ihn aufnehmen. Freilich hat er
früher betont,
dass es durch seine Botschaft auch Auseinandersetzungen bis in die
Familie
hinein gibt. Er hatte sogar gesagt, er sei gekommen, das Schwert zu
bringen.
Vielleicht müssen wir das so verstehen: bei den Menschen, die sich
nicht
scheuen, wegen Jesus den Konflikt zu wagen, zieht nach dem Konflikt und
durch
den Konflikt der Frieden ins Herz ein. Wer den Konflikt um Jesu
Botschaft nicht
scheut, der wird tief im eigenen Herzen erfahren, dass es gut und
Frieden
bringend ist, sich Jesus anzuschließen. Er bringt den Frieden
denjenigen, die
mutig den Kampf für ihn aufgenommen haben.
Diese Überlegungen
weisen schon auf „Hosanna und
Crucifige“, auf Kreuz und Auferstehung hin, auf Krieg und Frieden. Und
dann:
die einfachen Leute freuen sich über die Ankunft Jesu, sie
reißen Zweige von
den Bäumen und legen ihre Kleider auf den Weg vor Jesus. Die
Verantwortlichen
schimpfen. Jesus sagt – nach dem Lukas-Evangelium - : „Wenn diese Leute
nicht
jubeln, dann werden die Steine schreien.“
Freilich müssen wir
daran erinnern, dass die Jubler
vermutlich in der Mehrzahl eben einen politischen Messias erwarten,
einer der
das Messias-Reich mit Gewalt aufbaut, der die Römer aus dem Land
treibt, der
einen Gottes-Staat aufbaut. Viele von ihnen erwarten und erhoffen sich
vielleicht auch nur einen Wunderheiler, der alle Kranken gesund macht,
der die
bösen Geister, vor denen alle Angst haben, vertreibt. Viele
erwarten vielleicht
auch nur einen, der Brot vermehrt, der Mirakel macht. Viele denken gar
nicht
daran, sich zum Reich Gottes zu bekehren, sondern wollen nur ein
leichteres
Leben. Gott spielt für sie vielleicht gar keine Rolle. Vermutlich
sind einige
unter ihnen, die fünf Tage später schon brüllen
„Kreuzige ihn, kreuzige ihn“.
Und Jesus weiß
das. Erinnern wir uns: Er hat dreimal von
seinem bevorstehenden Leiden gesprochen. Dreimal hat er den
Jüngern gesagt,
dass er von den Verantwortlichen verworfen werde, dass er geschunden
und
umgebracht werde. Dass er aber auch von den Toten auferstehen werde. Es
ist
schon sehr bemerkenswert, dass alle drei Synoptiker von den dreimaligen
Leidensankündigungen
sprechen. Und wir
dürfen uns schon ein wenig vorstellen, dass dieser Gedanken an das
Leiden Tag
und Nacht in Jesus gegenwärtig war. Er war ja in diesem Sinne
Mensch wie wir.
Es muss ihm immer vor Augen gestanden haben, dass die Verantwortlichen
Seines
heiligen Volkes ihre Stunde nicht erkennen werden und ihn verwerfen,
dass sie
ihn zu Tode schinden lassen, dass sie ihn kreuzigen lassen. Ob dieser
schreckliche Gedanke jemals von ihm gegangen ist? Er musste immer mit
ihm leben
– bei Tag und bei Nacht. Und er musste leben mit dem Gedanken, dass
keiner seiner
Jünger zu ihm stehen werde, dass sie alle davonlaufen würden.
Und nun sah er
beim Anblick der heiligen Stadt Davids, dass die Menschen ihm
zujubelten. Und
in seinem Inneren wusste er, dass der Jubel bei fast allen nur
Oberfläche war,
dass er bei den meisten nicht aus dem Herzen und auch nicht aus dem
Geist kam.
Und noch etwas
dürfen wir bedenken: Beim Blick auf die
Stadtmauern von Jerusalem denkt Jesus zurück an seinen Vorvater
David. Auch ihm
hatte das Volk zugejubelt. Aber David hatte den schweren Konflikt mit
seinem
Vorgänger-König Saul. Saul erlebte, dass der junge David
geliebter,
geschickter, begabter war und war eifersüchtig auf den Jungen.
Aber David
gehörte auch zu denen, die die Gebote des Vaters notfalls auch mal
links liegen
lassen konnte. Daher hat dann erst sein Sohn Salomon den Tempel bauen
dürfen.
So dachte Jesus vielleicht an das Ringen des Vaters im Himmel um sein
Volk. Ein
Jahrhunderte langer Kampf, ein Ringen Gottes um sein Volk und um die
Menschen.
Dieses Ringen Gottes um
den Menschen geht bis in unsere
Tage. Und es geht auch durch mein eigenes Herz. Auch in meinem Herzen
spielt
sich ein Kampf ab zwischen Ich und Du, zwischen meinem Egoismus und der
Offenheit für den Nächsten. Denken wir an Paulus, der
schreibt: Ich tue, was
ich nicht will, und was ich will, das tue ich nicht. Ich armseliger
Mensch.“
Das ist Gottes Kampf um die Welt. So sind wir hinein genommen in den
Kampf, den
Jesus austragen musste. Eine besondere Szene dieses Kampfes wird sich
in
wenigen Tagen im Ölgarten abspielen – am Vorabend vor seinem
Leiden, wenn Jesus
noch damit ringt, ob er sich im Schatten der Dunkelheit noch einmal
zurückziehen und fliehen darf. Der Ölgarten ist nicht weit
vom Gipfel des
Ölberges. Von ihm nämlich führt der Weg, den Jesus auf
dem Rücken des Esels
zurücklegt.
Und dann denkt Jesus
vielleicht auch noch daran, dass der
Tempel, das Haus Gottes, das Haus des Gebets und Opfers zu einer
Räuberhöhle
der Händler geworden ist. Er denkt vielleicht daran, dass ihn
heiliger Zorn
packen wird, und er die Händler hinauswerfen wird. Und dass er so
den Zorn der
Verantwortlichen auf sich ziehen wird. Dass sie ihn fragen werden, wer
ihm die
Vollmacht, die Erlaubnis dazu gegeben hat.
Jesus hat viel zu
denken, wie er so den Ölberg hinunter
getragen wird und dann wieder hinauf zu einem Stadttor. Er mag den
Jubel kaum
gehört haben, denn vor seinem geistigen Auge spielte sich so viel
ab. Die ganze
Geschichte Israels lag vor seinen Augen, die ganze Tragik seines
Volkes, das
Ringen Gottes um sein Volk. Und er hatte vielleicht immer das Gebet auf
den
Lippen: „Vater, nicht mein Wille geschehe, sondern der Deine.“
Für den Palmsonntag
und den Montag danach schlage ich ihnen
vor: fragen sie sich, wann sie sich den anderen, der Mehrheit angepasst
haben,
obwohl sie wussten, dass das falsch ist? Fragen sie sich, wann und wo
sie mit
den Wölfen geheult haben, und wo sie in Gefahr sind, das zu tun.
Fragen sie
sich, wo sie Zivilcourage einüben können, wo sie aus
Menschenfurcht schweigen
oder bei etwas mitmachen, was sie im eigenen Herzen für falsch
halten. Und
bitten Sie den Vater im Himmel und Jesus Christus um Mut, um
Zivilcourage. Und
schauen sie eine Weile auf Jesus, wie er auf dem Ölberg steht und
nach
Jerusalem hinüberschaut und wie er dann auf dem Esel in die
Heilige Stadt hineinreitet.
für alle in der Kirche.
Gebet
um Großmut
Ewiges Wort,
eingeborener
Sohn Gottes!
Lehre mich die wahre Großmut.
Lehre mich Dir dienen, wie Du es verdienst:
Geben, ohne zu zählen,
Kämpfen, ohne der Wunden zu achten,
Arbeiten, ohne Ruhe zu suchen,
Mich hingeben, ohne Lohn zu erwarten.
Mir genüge das frohe Wissen,
Deinen heiligen Willen erfüllt zu haben.
Ignatius von Loyola
12. Die
Nachfolge Jesu
Wir
sind in Jerusalem
Wir stehen in der
Karwoche. Geistig befinden wir uns mit
Jesus und seinen Aposteln in Jerusalem. Jesus weiß, und auch die
Jünger können
wissen: jetzt geht es ums Ganze, ums Letzte. Jesus hatte wiederholt
gesagt,
dass man ihn in Jerusalem umbringen werde. Er kämpft bis zum
letzten Augenblick
nicht um sein Leben, sondern um sein Volk zu gewinnen, auch wenn er
ganz
realistisch weiß, dass sein Sieg erst mit seiner Auferstehung
kommen wird. Aber
er muss den Kelch trinken, den der Vater ihm reicht, und der in einer
entsetzlichen Folter durch die Bosheit der ganzen Menschheit besteht.
Auf diesem Hintergrund
machen wir heute unsere Betrachtung
über die Nachfolge Christi. Wir wissen uns auch heute von Gott
angeschaut und
bitten Jesus, ihm treu folgen zu können.
Lesen wir heute zu
Anfang das Evangelium nach
Lukas 14,
25 – 33
Viele Menschen
begleiteten ihn; da wandte er sich an sie
und sagte: „Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau
und
Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet,
dann kann er
nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und mir
nachfolgt, der kann
nicht mein Jünger sein.
Wenn einer von euch
einen Turm bauen will, setzt er sich
dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze
Vorhaben
ausreichen? Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament
gelegt hat, dann
aber den Bau nicht fertig stellen kann. Und alle, die es sehen,
würden ihn
verspotten und sagen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn
nicht zu
Ende führen. Oder wenn ein König gegen einen anderen in den
Krieg zieht, setzt
er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen
zehntausend
Mann dem entgegenstellen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn
anrückt? Kann
er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft, solange der andere
noch weit
weg ist, und bittet um Frieden. Darum
kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen
ganzen Besitz
verzichtet.“
Wir Menschen sind ja so
beschaffen, dass wir gerne nur das
Angenehme hören, das Unangenehme aber überhören. Jesus
mutet uns Unangenehmes
zu. Und es stellt sich leicht die Frage: ist denn nun das Christentum
eine
Freudenbotschaft oder eine Leidensbotschaft. Dieses Stück scheint
doch klar zu
sagen: Wer Jesus nachfolgt, geht ins Leiden und er soll sich gut
überlegen, ob
er das wirklich will. Nun sind wir aber tatsächlich von Gott so
geschaffen,
dass wir immer das Glück, die Freude, das Schöne suchen.
Diese Suche haben wir
nicht frei gewählt, sie gehört zu unserer Grundanlage. Wer
das Gegenteil sucht,
ist krank, psychisch krank. Der Gesunde sucht nicht Schmerz, sondern
das Schöne,
Gute, sogar das Angenehme. Worum geht es also Jesus? Jesus setzt
voraus, dass
die Welt aus dem Lot ist, nicht in Ordnung ist, dass die Sünde
vorherrscht.
Daher wird derjenige, der das Gute sucht, auf Widerstand stoßen.
Jesus erfährt
es an der eigenen Person: er möchte nichts Anderes als das Gute
für den
Menschen, er möchte dem Menschen den Vater im Himmel
zurückbringen, aber das
bringt ihm den Tod. Wer mit Jesus kämpft für Barmherzigkeit,
Gerechtigkeit,
Wahrheit, für den Willen Gottes, bekommt ein Kreuz aufgeladen.
Jesus sagt aber noch
mehr: Wer ihm nachfolgen will, muss
Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwester gering
achten. Jesu
Einsatz für das Gute, für Barmherzigkeit, Gerechtigkeit,
für das Reich Gottes
ist so anspruchsvoll, dass diejenigen, die bei ihm mitmachen wollen,
sich
darüber im Klaren sein müssen: das geht nur, wenn die dazu
Entschiedenen sogar
die nächsten Verwandten in die zweite Reihe stellen. Sie
müssen im Zweifelfall
auf der Seite Jesu und gegen die Liebsten zu hause stehen. Das ist sehr
anspruchsvoll.
In gewissem Sinne muss
man Jesus ja dankbar sein, dass er
nicht um den heißen Brei herumredet, sondern Klartext. Da kann
man nicht viel
herumdeuteln. Ja, die Menschen, die sich ganz auf seine Seite stellen
wollen,
müssen sogar ihr eigenes Leben gering achten, hintan stellen,
notfalls ihr
Leben lassen. Jesus sagt ja an anderer Stelle: Wer Vater und Mutter
mehr liebt
als mich, ist meiner nicht wert. Man kann nur sein Jünger sein,
wenn man mit
Jesus das Kreuz trägt.
Aber – wer nun wirklich
ganz ernst macht mit Jesus und
seinem Reich, der wird unendlich glücklich, froh, erfüllt. Ja
– Jesus
verspricht Glück und Segen und Erfüllung, aber nicht ohne
voriges Leiden, ohne
den Gang durch Leid und Tod. Ja – Ziel ist die Erfüllung, der
Himmel, die volle
Selbstentfaltung, aber nur durch das Sterben hindurch.
Dass dies so ist, liegt
nicht an einer heimlichen
Schadenfreude Jesu. Er denkt nicht etwa: Wenn schon ich leiden musste,
dann
müssen auch die Meinen leiden. Sondern das liegt an der Situation
der
Menschheit, die wir mit Erbschuld umschreiben. Weil die Menschheit
gefallen
ist, weil die Menschen zum Bösen neigen, weil sie von Natur aus
egoistisch
sind, daher kommt der Mensch zur Freude und Erfüllung nur durch
Leid und
Schmerz. Er muss sich selbst überwinden und er wird auf den
Widerstand der Welt
stoßen.
Tun wir einen Blick auf
große Heilige, auf Menschen Gottes.
Wenn wir sie ein wenig kennen, werden wir sehen, dass sie frohe
Menschen waren,
dass sie glückliche Menschen waren, dass viele von ihnen auch
erfolgreich und
tüchtig waren. Sie hatten sich meist zu Anfang ihres Weges bewusst
und
entschieden auf die Seite Jesu gestellt, hatten ihm erklärt: Dir
gehört mein
Leben, ich will Dein Kreuz mittragen, ich will hinter Dir hergehen,
will bei
Dir sein in Leid und Tod. Und die Bereitschaft, das zu tun, in
großem
Selbstverzicht bei Jesus zu sein, hat ihnen eine tiefe Erfüllung
gebracht,
tiefe innere Ruhe, vor allem aber die erfahrene Nähe zu Jesus. Sie
konnten mit
Paulus sprechen: nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir. Ich bin mit
Christus begraben und mit Ihm auferstanden. Ich ergänze durch mein
Leiden, was
an den Leiden Christi noch fehlt. Wenn wir also in den nächsten
Tagen das
Leiden Christi betrachten, so sollten wir uns auch daran erinnern: je
näher ich
Ihm bin, umso erfüllter wird mein Leben, auch wenn ich das Kreuz
auf mich
nehme.
Und es geht nicht nur um
mich, um meine Person, es geht um
die Welt. Wir können mittragen an dem Kreuz der Welt. Gott hat die
Menschheit
so geschaffen, dass alle mit allen auf geheimnisvolle Weise
zusammenhängen.
Jeder gute Gedanke ist nicht nur positiv für mich, sondern ist ein
Beitrag für
die Qualität der Welt. Jeder negative Gedanke, vor allem jedes
negative Gefühl,
schädigt die Menschheit. Wir sind ein geheimnisvoller, mystischer
Leib. Wenn
wir Christus folgen, ziehen wir andere mit hinein in den Weg Christi –
ob wir
es wissen oder nicht, ob wir davon sprechen oder nicht. Daher sind alle
Menschen wichtig, die Gesunden und die Kranken, die Jungen und die
Alten. Jede
gute Tat erhebt die Menschheit, jede böse Tate erniedrigt die
Menschheit.
Jesus hat durch sein
Leiden und sein Auferstehung gleichsam
das erste Steinchen an einem großen Mosaik an die richtige Stelle
gelegt und
umgedreht. Nun kommt es darauf an, dass wir unsere Steinchen am
Welt-Mosaik an
die richtige Stelle legen und umdrehen, sodass aus dem Ganzen das
große Bild
Jesu Christi entsteht. Bei meinem Tun geht es also nicht nur um mich,
um mein
Heil, meine Erlösung. Bei meinem Tun geht es um das Heil und die
Erlösung der
ganzen Welt. Missionar ist jeder, Missionare sind wir alle, wenn wir
Jesus
folgen, unser Kreuz tragen und auf die Auferstehung hoffen. Gerade auch
der
Hoffnungsschimmer, den wir in die Welt hineinstrahlen, ist wichtig,
damit die
Welt Hoffnung haben kann. Es ist also höchst wichtig, wie die
Christen die
nächsten Tage begehen, die Kartage. Auch wenn wir uns als
verschwindend wenige
fühlen sollten, so ist unsere innere Einstellung wichtig. Es kommt
nie auf die
Zahl an, auf die Vielen. Es kommt auf die innere Qualität von
jedem von uns an.
Unsere innere Nähe zum Herrn auf dem Kreuzweg ist ein Beitrag
für das Licht der
Welt. Wenn Jesus, das Kreuz tragend, uns in seiner Nähe sieht, ist
das Stärke,
Kraft, Freude. Wir können sein Kreuz tragen und leichter machen.
Bitten wir Jesus, dass
er uns die Gnade schenke, ihm nahe
sein zu können in den nächsten Tagen.
Heilig,
heilig, heilig
bist Du, Herr Gott der
Heerscharen
Himmel und Erde
sind erfüllt von Deiner
Herrlichkeit,
Hosanna in der Höhe,
hochgelobt sei der da kommt
im Namen des Herrn,
13. Das
heilige Abendmahl
An diesem Donnerstag,
dem Gründonnerstag, feiert die Kirche
die Einsetzung des Heiligen Abendmahls durch Jesus Christus. Jesus hat
dabei
der ganzen Kirche das Sakrament der Eucharistie geschenkt.
Erinnern wir uns
eingangs wieder daran, dass Gott uns
sieht, dass er in unsere Herzen sieht. Und bitten wir ihn, dass wir das
Geheimnis des Abendmahls besser verstehen mögen.
Die Eucharistie ist nach
katholischer Auffassung Quelle und
Höhepunkt des christlichen Lebens. Tatsächlich ist die
Sonntagsmesse für die
allermeisten Katholiken der zentrale Punkt ihres Glaubenslebens. Umso
wichtiger
ist es, dass wir möglichst genau verstehen, was wir dabei feiern.
In letzter Zeit ist viel
über die Messe diskutiert und
vielleicht gestritten worden. Es ging um die tridentinische und die
nachkonziliare Messliturgie. Das hat wahrscheinlich der guten Feier
selbst
nichts genützt. Deswegen ist es sinnvoll, sich Grundlegendes
über die
Eucharistie in Erinnerung zu rufen.
Natürlich ist die
Messe eine Erinnerung an Jesus, vor allem
an sein Leiden und Sterben am Kreuz. Jesus hat ja selbst den Aposteln
gesagt:
„Tut dies zu meinem Gedächtnis“. Wir tun es also, um uns seiner zu
erinnern. Und
wehe, wenn die Welt, wenn die Christen einmal sein Leiden und Sterben
vergessen
würden! Wir tun es tatsächlich, um der Welt in Erinnerung zu
halten, dass Er
für uns gestorben ist. Wer immer sonntags oder auch werktags die
Messe
mitfeiert, darf sich sagen: ich trage dazu bei, dass Jesu Sterben und
auch
seine Auferstehung in der Weltgeschichte nicht vergessen wird. Wie gut,
dass
wir so eine Aufgabe haben. Wir alle!
Aber die
Eucharistiefeier ist natürlich nicht nur eine
Erinnerung. In ihr wird das Lebensopfer Jesu gegenwärtig,
präsent. Wohlgemerkt:
es wird nicht wiederholt. Aber das Sterben, der Tod und die
Auferstehung werden
geheimnisvoll mitten unter uns gegenwärtig. Früher hat man
gesagt: das damalige
blutige Opfer wird heute unblutig gegenwärtig. Wir dürfen uns
das noch ein
wenig besser verdeutlichen: Jesus tritt gleichsam unter uns und sagt
uns: ich
setze hier und heute wieder mein Leben für euch ein, ich sterbe
für euch, um
euch so meine Liebe zu zeigen und Leben zu schenken. Er wird unter uns
gegenwärtig,
er ist mitten unter uns gegenwärtig, anwesend. Und das gilt auch,
wenn wir die
Kommunion n i c h t empfangen. Auch
wenn wir aus irgendeinem Grund die Kommunion nicht empfangen,
dürfen wir doch
glauben, dass Jesus mitten unter den Feiernden steht und ihnen sagt:
hier bin
ich, ich schenke mich euch, ich gebe mich euch. Nehmt mich, ich will in
euch
leben, ich will in euch lebendig sein.
Wir glauben also, dass
Jesus wirklich und nicht nur
symbolisch gegenwärtig ist, wenn die Eucharistie gefeiert wird.
Wir sollten den
alten Streit, ob Jesus wirklich oder nur im Symbol gegenwärtig
ist, begraben.
Denn Jesus ist wirklich da – und zwar in den Heiligen Gestalten. Aber
vor allem
in der Feier der Eucharistie. Die Heiligen Gestalten von Brot und Wein
sind nur
die Frucht der Feier, das Eigentliche ist die Feier.
Und wenn wir dann die
Kommunion empfangen, dürfen wir
glauben: Er geht mit seiner Kraft in mich ein. Er will in mir lebendig
sein. Er
will in mir leben. Weil wir die heilige Gestalt auch körperlich
berühren, weil
wir die Heilige Hostie in den Mund bekommen, können wir Jesus
gleichsam
greifen. Aber auch wenn wir das Sakrament nicht empfangen können,
können wir
uns dennoch ganz liebend mit ihm verbinden. Ja, vielleicht ist sogar
manchmal
die liebende Verbindung mit Jesus wesentlicher als der physische
Kommunionempfang. Man kann manchmal den Eindruck haben, die Menschen
empfingen
zwar die Hostie, aber dass sie sich dabei liebend mit Jesus verbinden,
davon
ist nach außen mitunter wenig zu spüren. Also: seien wir
versichert: die
innige, liebende Verbindung mit Jesus hängt nicht allein davon ab,
ob wir die
Kommunion empfangen oder nicht. Die tiefe Verbindung geht über das
Herz, sein
und unser liebendes Herz.
Das bisher gesagt ist
aber noch keineswegs alles, aber es
ist wichtig.
Die Feier in
Gemeinschaft
Wir feiern die
Eucharistie nicht alleine, sondern in
Gemeinschaft. Viele Getaufte verbinden sich in der Eucharistie mit
ihrem Herrn.
Sie wachsen dadurch zusammen. Sie sind zwar schon durch die Taufe in
den Leib
Christi eingefügt, aber sie werden es noch intensiver durch die
Eucharistie,
weil sie an einem gemeinsamen Tisch feiern.
Aber nicht nur die
Christen, die gemeinsam Eucharistie
feiern, wachsen intensiver zu einem Leib zusammen. Sie wachsen auch mit
denen
geheimnisvoll, mystisch zusammen, die rund um den Globus die
Eucharistie
feiern. Eucharistiefeiernde Gemeinden bilden ein Netz rund um unseren
Globus.
Man kann nicht gültig Eucharistie feiern, ohne in den ganzen Leib
Christi rund
um den Erdball eingefügt zu werden. Jede feiernde Gemeinde muss
offen sein,
bereit dazu, mit anderen Gemeinden ein Netz zu bilden.
Und noch einmal
darüber hinaus: Jede feiernde Gemeinde
schließt sich durch die Feier zusammen mit allen feiernden
Gemeinden im Lauf
der Jahrhunderte. Keine Gemeinde ist allein, sie ist Glied in einer
langen
Kette von Feiernden. So wächst der Leib Christi durch Raum und
Zeit. Am Ende
der Tage werden wir staunend erkennen, dass wir ja zusammen
gehörten und
zusammen waren - nicht nur mit denen,
mit denen wir gefeiert haben, sondern auch mit allen Brüdern und
Schwestern,
die sich an Jesus Christus fest gemacht haben vor uns und nach uns und
weit weg
am anderen Ende des Globus.
Die Eucharistiefeier ist
also ein geheimnisvoller, ein
mystischer Vorgang. Es ist nichts, was Menschen machen, was man
menschlich
organisieren kann. Wir haben das Eigentliche nicht in der Hand. Das
Eigentliche
wird uns geschenkt, und wir können es nur im Glauben annehmen. Und
daher haben
die Menschen Recht, die die Liturgiegestaltung in Grenzen weisen. Was
wir
gestalten können, ist nur der Rahmen, das Eigentliche können
wir nicht
gestalten. Aber den Rahmen müssen und dürfen wir gestalten.
Aber er darf nicht
das Zentrale werden. Wenn wir nur noch auf den Rahmen schauen, dann
verlieren
wir alles. Der Rahmen ohne das Bild ist nichts wert.
Und noch ein Gedanke zum
Wortgottesdienst. Wir hören in der
Eucharistiefeier ein Stück aus dem Evangelium und vorher aus dem
Alten
Testament und aus Paulusbriefen. Es ist sicher gut und notwendig, sich
immer
wieder klar zu machen: hier sollen wir das Wort Christi an uns
hören. Er wendet
sich an uns. Er spricht zu uns. Wir müssen die Ohren spitzen. Uns
Priestern
möchte ich raten, zu Beginn der Messe darauf hinzuweisen, auf was
man bei den
Lesungen besonders achten soll. Sonst besteht doch die Gefahr, dass man
vom
Alten Testament oder von Paulus gar nichts versteht und dass es einfach
an
einem vorbeirauscht. Wenn wir die Ohren spitzen, dann bleibt eher etwas
hängen,
was gerade für uns persönlich gut und wichtig ist.
Und zum Schluss: Ich
glaube, wir stehen
kirchengeschichtlich an einem Zeitpunkt, wo wir das Mysterium der
Eucharistie
neu entdecken müssen und können. In meiner Jugendzeit war die
Messe starr
vorgegeben. Wir Theologen haben dann sehr verständlicherweise
danach gefragt,
ob man nicht mehr Leben in die Eucharistiefeier hineinbringen
könnte, ob Jesus
es wirklich so gewollt hat wie wir die Messe gefeiert haben. Saß
er nicht an
einem Tisch mit den Seinen, haben sie nicht aus einem Becher getrunken,
war nicht
alles lockerer als wir es in der alten Messe vorfanden. Gerade
aufmerksame und
wache junge Priester wollten bei der Liturgiereform näher an die
Feier Jesu im
Abendmahl herankommen. Wir haben die Liturgie reformiert. Und nun nach
einigen
Jahrzehnten hat sich gezeigt, was man reformieren kann und muss und was
unantastbar bleiben muss. Manche junge Christen rufen nach der
tridentinischen
Liturgie, weil sie hier mehr Mysterium spüren. Meine
Schlussfolgerung: Wir
müssen das Geheimnisvolle, das Mysterium in der neuen Liturgie
untersteichen
und leben. Das ist möglich. Wir dürfen – wie gesagt – den
Rahmen gestalten,
aber heute ist es an der Zeit, in der Form der Messfeier deutlich
werden zu
lassen, dass das Zentrale ein Mysterium ist, das wir letztlich nicht
verstehen
können, das wir nicht gestalten, in das wir hinein genommen
werden, in das wir
uns hinein nehmen lassen müssen. Treten wir ein und erinnern wir
uns an das
Wort des Alten Testamentes: Zieh Deine Schuhe aus, denn der Ort wo du
stehst,
ist heiliger Ort.
Bitten wir Gott, dass er
uns lehrt, die Eucharistie so zu
feiern wie es ihr entspricht und damit der geheimnisvolle Leib Christi
wächst.
Und betrachten sie
Mathäus 26, 20
bis 29
Als es Abend wurde,
begab er sich mit den zwölf Jüngern zu
Tisch. Und während sie aßen, sprach er: Amen, ich sage euch:
Einer von euch
wird mich verraten und ausliefern. Da waren sie sehr betroffen und
einer nach
dem andern fragte ihn: Bin ich es etwa, Herr? Er antwortete: Der, der
die Hand
mit mir in die Schüssel getaucht hat, wird mich verraten. Der
Menschensohn muss
zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem
Menschen,
durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es
besser, wenn er nie
geboren wäre. Da fragte Judas, der ihn verriet: Bin ich es etwa,
Rabbi? Jesus
sagte zu ihm: Du sagst es. Während des Mahls nahm Jesus das Brot
und sprach den
Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es den Jüngern und
sagte: Nehmt und
esst; das ist mein Leib. Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet
und reichte
ihn den Jüngern mit den Worten: Trinkt alle daraus; das ist mein
Blut, das Blut
des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der
Sünden. Ich sage
euch: Von jetzt an werde ich nicht mehr von der Frucht des Weinstocks
trinken
bis zu dem Tag, an dem ich mit euch von neuem davon trinke im Reich
meines
Vaters.“
***
In Demut bet ich Dich,
verborgne
Gottheit an,
Die Du den Schleier hier des
Brotes
umgetan.
Mein Herz, das ganz in Dich
anschauend
sich versenkt,
Sei ganz Dir untertan, sei
ganz Dir hingeschenkt.
Gesicht, Gefühl, Geschmack, betrügen sich in Dir,
Doch das Gehör verleiht
den sichern
Glauben mir.
Was Gottes Sohn gesagt, das
glaub ich
hier allein,
Es ist der Wahrheit Wort, und
was kann
wahrer sein?
Am Kreuzesstamme war die Gottheit nur verhüllt,
Hier hüllt die Menschheit
auch sich
gnädig in ein Bild.
Doch beide glaubt mein Herz,
und sie
bekennt mein Mund,
Wie einst der Schächer
tat in seiner
Todesstund.
Die Wunden seh ich nicht, wie Thoma sie einst sah.
Doch ruf ich: Herr, mein Gott,
Du bist
wahrhaftig da!
O gib, daß immer mehr
mein Glaub
lebendig sei,
Mach meine Hoffnung fest, mach
meine
Liebe treu.
O Denkmal meines Herrn an Seinen bittern Tod,
o lebenspendendes und selbst
lebend’ges
Brot!
Gib, daß von Dir allein
sich meine Seele
nährt
Und Deine Süßigkeit
stets kräftiger
erfährt.
O guter Pelikan, o Jesus, höchstes Gut!
Wasch rein mein unrein Herz
mit Deinem
teuren Blut.
Ein einz’ger Tropfen schafft
die ganze
Erde neu,
Wäscht alle Sünder
rein, macht alle
schuldenfrei.
O Jesus, den verhüllt jetzt nur mein Auge sieht,
Wann stillst das Sehnen Du,
das in der
Brust mir glüht:
Daß ich enthüllet
Dich anschau von
Angesicht,
Und ewig selig sei in Deiner
Glorie
Licht. Amen.
Thomas
von Aquin
14. Leiden
und Sterben Jesu
am Kreuz
An diesem Freitag
gedenken die Christen des Todes Jesu
Christi. Wir wollen uns ganz darauf einstellen und den Tag entsprechend
gestalten. Gott schaut auf uns und ist bei uns. Wir bitten den Herrn,
dass wir
seine Liebe tiefer erkennen mögen, damit wir ihn besser lieben
können. Wir
bitten, sein Kreuz als Segen für uns und die Welt immer besser
verstehen mögen.
Am
Gründonnerstagabend hat Jesus wieder einmal von seinen
Jüngern eine Enttäuschung erlebt: Während er vor Angst
gezittert und Blut geschwitzt
hat, sind sie eingeschlafen. Vielleicht meint Schlafen hier nicht
einmal das
physische Einschlafen, sondern meint ein Wegsein, ein Träumen, ein
Verschlafen
von Wichtigem. Jesus bräuchte eigentlich menschliche Zuwendung,
Trost,
Verständnis, Solidarität, Nähe. Und sie sind weit weg.
Wie weit sie weg sind,
zeigt sich auch kurz vorher daran, dass sie noch einmal gestritten
haben, wer
unter ihnen denn der Wichtigste, der Bedeutendste, der
Größte sei. Sie haben
auch nach drei Jahren der Nähe zu Jesus fast noch nichts von dem
verstanden,
was Jesus ihnen lehren wollte. Sie sind weit weg, sie sind verschlafen,
Jesus
ist einsam. Vielleicht einsamer als wenn er in der Wüste
wäre. Denn nun sind
sie zwar körperlich nahe, aber geistig, menschlich, seelisch weit
weg. Sie
leben in einer anderen Welt. Er hatte ihnen ja mehrfach gesagt, dass er
leiden
müsse. Und nicht nur Petrus auch die anderen hatten ihm Treue und
Einsatz
versprochen. Sie wollten ihn raushauen, verteidigen – und nun schlafen
sie.
Und so geht es nun am
Karfreitag, an Jesu Todestag weiter.
Jesus wird im Garten Getsemanie festgenommen. Einer zieht das Schwert
und
schlägt drein. Jesus verbietet es ihm. Aber dann ist die ganze
Verteidigung
Jesu auch schon zu Ende. Sie fliehen, sie verschwinden ins Dunkle
hinein.
Mich persönlich
bewegt seit Langem, dass bei dem
öffentlichen Auflauf, den es um Jesu Gerichtsverhandlung gibt,
offenbar niemand
brüllt, Jesus sei unschuldig. Die Zwölf sind wahrscheinlich
nicht unterm Volk,
auf jeden Fall trauen sie sich nicht, dazwischen zu rufen: Kreuzigt ihn
nicht,
Jesus ist unschuldig. Die großen Worte, die sie vorher noch
gesprochen haben,
waren leere Worte. Ich kann verstehen, dass sie Angst hatten, denn
vielleicht
wären sie ja mit Jesus verhaftet worden, vielleicht wären sie
mit Jesus
gegeißelt worden. Man kann es verstehen, aber für Jesus war
es schon eine sehr
große Enttäuschung, dass von seinem Kreis niemand für
ihn eingetreten ist. Jedenfalls steht
nichts davon in der
heiligen Schrift.
Und dann muss Jesus sein
Kreuz hinausschleppen, obwohl er
schon am Ende seiner Kräfte ist. Weil die Soldaten sehen, dass er
es nicht mehr
schafft, greifen sie Simon von Cyrene auf, der Jesus das Kreuz
trägt.
Warum war keiner von den
Seinen da, der sich freiwillig
dafür angeboten hätte? Warum ist keiner eingesprungen, Jesus
zu helfen? Hier
war die Gefahr verhaftet zu werden, schon sehr gering. Sie aber waren
wohl weit
weg.
Für mich
persönlich ist dies Versagen der Freunde Jesu
etwas vom Schlimmsten an Jesu Passion. Die körperlichen Leiden
sind ungeheuer,
aber das seelische Leid ist vielleicht noch viel größer. Das
Leid, dass seine
ganze Gruppe versagt, dass seine Worte und seine Freundschaft bei ihnen
offenbar nichts ausgerichtet hatte. Sein Zusammensein mit ihnen durch
so lange
Zeit hat offenbar nichts genützt. Das muss doch für Jesus
eine ungeheure
Enttäuschung gewesen sein, ein Leiden von ungeheurer Tiefe.
Freilich heißt es
dann, dass unter dem Kreuz seine Mutter
Maria und sein Lieblingsjünger Johannes gestanden haben. Ein
riesiger Trost im
Leid der seelischen Not, der Enttäuschung, der Traurigkeit
über seine Freunde.
Aber auch wenn hier ein Trost war, so bleibt die Enttäuschung.
Jesus ist
gestorben in der Erfahrung, dass er allein gelassen wurde, dass seine
Besten
nicht bei ihm waren. War dieser Schmerz noch größer als das
körperliche Leid?
Der Aufbau des neuen
Gottesvolkes ist offenbar gescheitert.
Die Gruppe, die den Kern bilden sollte, hat total versagt, hat offenbar nichts gelernt, hat nicht auf Gott
vertraut, sondern auf die eigenen Kräfte, die dann bei der
Prüfung versagt
haben.
Was heißt das
alles für uns?
Wenn es später
Heilige gab, die für Jesus ihr Leben gegeben
haben, die es besser gemacht haben als die Apostel am ersten
Karfreitag, so ist
das eine Frucht von Jesu einsamem Leiden und Sterben. Durch seinen Tod
sind wir
gerettet. Sein Leiden und Sterben für uns hat die Möglichkeit
geschaffen, dass
Menschen wirklich über sich hinaus wachsen. Jesu Lehren und sein
Beispiel vor
seinem Leiden und Sterben ist wichtig, aber sein Tod und seine
Auferstehung
haben erst den eigentlichen Durchbruch geschaffen. Daher haben eben
auch die
zwölf Apostel später nicht mehr versagt. Später sind sie
- nach dem, was die
Tradition sagt - alle den Märtyrertod gestorben. Jesus ist
vorausgegangen und
hat das für Menschen möglich gemacht, was den Menschen an
sich unmöglich ist,
nämlich sich selbst aus Liebe ganz loszulassen, sich selbst zu
vergessen, um
der Sache Gottes zu dienen.
Und schauen wir jetzt
noch auf die Gottesmutter Maria. Sie
steht bei Jesus unter dem Kreuz. Sie war wohl auch den ganzen Weg von
Galiläa
nach Jerusalem mitgegangen, hatte mit Zittern Jesu Voraussagen seines
Leidens
und Sterbens gehört, hatte innerlich mit dem Gedanken gerungen,
hatte versucht,
Jesu Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters anzunehmen, hatte
sich vielleicht
auch über die Zwölf gewundert und geärgert. Sie hat es
wohl auch schweigend
angenommen, dass sie und die anderen Frauen im Abendmahlsaal nicht
dabei waren.
Ich schließe nicht aus, dass sie Jesus auf dem Weg in den Garten
Getsemani in
der Ferne gefolgt war, und dass sie es war, die ihn in seinem Leiden
getröstet
hat. Warum sollte sie nicht die Gestalt eines Engels annehmen? Sie hat
dann
wohl während des Prozesses immer versucht, Jesus möglichst
nahe zu sein, war den
Kreuzweg mitgegangen und stand nun unter dem Kreuz. Er sollte sehen,
dass sie
ihn nicht verraten und verlassen hatte. Er sollte wissen, dass sie da
war –
nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich – im Annehmen
des Gehorsams gegen
den Vater im Himmel.
Ich denke, das ist
für uns wichtig. Wir können und sollen
auch heute 2000 Jahre nach dem geschichtlichen Sterben Jesu innerlich,
geistig
bei Ihm sein. Wir können immer versuchen, ihm nahe zu sein.
Personale
Beziehung, Liebe kennt weder Zeit noch Raum. Sie überwindet Zeit
und Raum.
Vielleicht können
Sie sich fragen: was will und kann ich
tun, um an diesem Karfreitag dem Herrn nahe zu sein, ihm meine Liebe zu
zeigen?
Was kann ich dann in den Tagen danach – auch nach Ostern - tun, um dem
Herrn
nahe zu bleiben? Was kann und will ich tun, um nicht dem schlechten Beispiel der
Apostel zu folgen? Und zur
Betrachtung schlage ich vor zu betrachten
Mathäus
27, 20 bis
56.
„Inzwischen
überredeten die
Hohenpriester und die Ältesten die Menge, die Freilassung des
Barabbas zu
fordern, Jesus aber hinrichten zu lassen. Der Statthalter fragte sie:
Wen von
beiden soll ich freilassen? Sie riefen: Barabbas! Pilatus sagte zu
ihnen: Was
soll ich dann mit Jesus tun, den man den Messias nennt? Da schrien sie
alle:
Ans Kreuz mit ihm! Er erwiderte: Was für ein Verbrechen hat er
denn begangen?
Da schrien sie noch lauter: Ans Kreuz mit ihm! Als Pilatus sah, dass er
nichts
erreichte, sondern dass der Tumult immer größer wurde,
ließ er Wasser bringen,
wusch sich vor allen Leuten die Hände und sagte: Ich bin
unschuldig am Blut
dieses Menschen. Das ist eure Sache! Da rief das ganze Volk: Sein Blut
komme
über uns und unsere Kinder! Darauf ließ er Barabbas frei und
gab den Befehl,
Jesus zu geißeln und zu kreuzigen.
Die
Verspottung Jesu durch die Soldaten
Da nahmen die Soldaten
des
Statthalters Jesus, führten ihn in das Prätorium, das
Amtsgebäude des
Statthalters, und versammelten die ganze Kohorte um ihn. Sie zogen ihn
aus und
legten ihm einen purpurroten Mantel um. Dann flochten sie einen Kranz
aus
Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte
Hand.
Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie
riefen: Heil dir,
König der Juden! Und sie spuckten ihn an, nahmen ihm den Stock
wieder weg und
schlugen ihm damit auf den Kopf. Nachdem sie so ihren Spott mit ihm
getrieben
hatten, nahmen sie ihm den Mantel ab und zogen ihm seine eigenen
Kleider wieder
an. Dann führten sie Jesus hinaus, um ihn zu kreuzigen.
Die Kreuzigung
Auf dem Weg trafen sie
einen
Mann aus Zyrene namens Simon; ihn zwangen sie, Jesus das Kreuz zu
tragen. So
kamen sie an den Ort, der Golgota genannt wird, das heißt
Schädelhöhe. Und sie
gaben ihm Wein zu trinken, der mit Galle vermischt war; als er aber
davon
gekostet hatte, wollte er ihn nicht trinken. Nachdem
sie ihn gekreuzigt hatten, warfen sie das Los und
verteilten
seine Kleider unter sich. Dann setzten sie sich nieder und bewachten
ihn. Über
seinem Kopf hatten sie eine Aufschrift angebracht, die seine Schuld
angab: Das
ist Jesus, der König der Juden.
Zusammen mit ihm wurden
zwei
Räuber gekreuzigt, der eine rechts von ihm, der andere links. Die
Leute, die
vorbeikamen, verhöhnten ihn, schüttelten den Kopf und riefen:
Du willst den
Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen? Wenn du
Gottes Sohn
bist, hilf dir selbst, und steig herab vom Kreuz!
Auch die Hohenpriester,
die
Schriftgelehrten und die Ältesten verhöhnten ihn und sagten:
Anderen hat er
geholfen, sich selbst kann er nicht helfen. Er ist doch der König
von Israel!
Er soll vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an ihn glauben. Er hat
auf Gott
vertraut: der soll ihn jetzt retten, wenn er an ihm Gefallen hat; er
hat doch
gesagt: Ich bin Gottes Sohn. Ebenso beschimpften ihn die beiden
Räuber, die man
zusammen mit ihm gekreuzigt hatte.
Der Tod Jesu
Von der sechsten bis zur
neunten
Stunde herrschte eine Finsternis im ganzen Land. Um die neunte Stunde
rief
Jesus laut: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott,
mein Gott, warum
hast du mich verlassen? Einige von denen, die dabeistanden und es
hörten,
sagten: Er ruft nach Elija. Sogleich lief einer von ihnen hin, tauchte
einen
Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken.
Die
anderen aber sagten: Lass doch, wir wollen sehen, ob Elija kommt und
ihm hilft.
Jesus aber schrie noch einmal laut auf. Dann hauchte er den Geist aus. Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis
unten entzwei. Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich. Die
Gräber
öffneten sich und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen
waren, wurden
auferweckt.
Nach der Auferstehung
Jesu
verließen sie ihre Gräber, kamen in die Heilige Stadt und
erschienen
vielen. Als der Hauptmann und die
Männer, die mit ihm zusammen Jesus bewachten, das Erdbeben
bemerkten und sahen,
was geschah, erschraken sie sehr und sagten: Wahrhaftig, das war Gottes
Sohn! Auch viele Frauen waren dort und
sahen von weitem zu; sie waren Jesus seit der Zeit in Galiläa
nachgefolgt und
hatten ihm gedient. Zu ihnen gehörten Maria aus Magdala, Maria,
die Mutter des
Jakobus und des Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus.
Johannes
19, 25 bis 27
„Bei dem Kreuz Jesu
standen
seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des
Klopas, und
Maria von Magdala Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den
Jünger, den er
liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte
er zu dem
Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der
Jünger zu
sich.“
Nimm hin, o Herr,
meine ganze Freiheit.
Nimm an mein Gedächtnis,
meinen Verstand,
meinen ganzen Willen.
Was ich habe und besitze,
hast du mir geschenkt.
Ich gebe es dir
wieder ganz und gar zurück
und überlasse alles dir,
dass du es lenkst
nach deinem Willen.
Nur deine Liebe schenke mir
mit deiner Gnade.
Dann bin ich reich genug
und suche nichts weiter.
Ignatius von Loyola
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15. Der
Karsamstag
Bereiten
wir uns
jetzt am Karfreitagabend oder Karsamstagfrüh auf diesen Tag der
Stille vor, den
Tag, da uns Jesus völlig fehlt. Vielleicht gibt Gott uns die
Gnade, uns nach ihm
zu sehnen.
Jesus ist tot. Wir haben
ihn getötet. Die Menschheit hat
ihn getötet. Die Menschheit hat nichts mit ihm anfangen
können, der die Liebe
als oberstes Gebot verkündet und gelebt hat. Bisher war alles
irgendwie Bosheit
und Dummheit der Menschen. Aber nun ist ein Schlussstrich gezogen: Der
Mann,
der von Gott gesandt war, und der nun wirklich ganz anders war, als
alle
anderen Menschen, ist beseitigt. Die Menschen haben Gott getötet.
Das war nicht
nur ein Akt einzelner, nicht nur ein Versehen, sondern das war die
Unterschrift
der Menschheit unter das Todesurteil Gottes. Gott hat hier nichts zu
suchen.
Wir wollen unter uns bleiben. Er ist uns fremd, ist uns vielleicht zu
groß, zu
anspruchsvoll, er sprengt unsere Grenzen. Wir wollen in unseren Grenzen
bleiben.
Schluss, aus, fertig! Wir wollen mit diesem Gott nichts mehr zu tun
haben.
Oder war es etwa doch
nur ein Versehen? Ist etwas schief
gegangen? Wollten wir ihn wirklich ermorden?
Ja – so ist es manchmal,
dass man im Handeln gar nicht mehr
richtig weiß, was eigentlich geschieht. Und plötzlich ist
Gott ermordet, obwohl
man doch nur einen Spinner los sein wollte. War es doch nur ein
Versehen? Eine
Unachtsamkeit?
Die Menschen können
nicht absolut böse sein. Dafür sind sie
viel zu schwach und klein und menschlich. Also, vielleicht muss man
sagen: sie
wollten nicht Gott töten. Aber sie haben, indem sie einen
Störenfried
beseitigten, doch ohne es zu wissen, etwas Ungeheures getan. Sie haben
einen
schlechthin Liebenden getötet. Sie haben ihn nicht verstanden,
nicht verstehen
wollen. Ihre kleine Bosheit hat sich als sehr verhängnisvoll
gezeigt. Zeigt
sich unsere kleine Bosheit als sehr verhängnisvoll?
Ja – ich glaube, dass
man das sagen kann: unsere kleine
Bosheit und unser kleiner Egoismus zeigen sich als sehr
verhängnisvoll. Und
umgekehrt das Tun von Heiligen: Ihre alltägliche kleine Andersheit
zeigt sich
als sehr konstruktiv. Sie haben manchmal keine sehr großen Taten
getan. Aber
ihr kleines Tun zeigte sich als außerordentlich wichtig.
Und da sind wir dann
schon auf dem Hügel Golgotha: Dass
Maria und Johannes da waren, das war außerordentlich wichtig.
Die Auferstehung
Wir stehen am
Karfreitagabend, Karsamstagfrüh: Fragen wir
uns einmal: wie sähe die Welt aus, wenn wir nicht an eine
Auferstehung Jesu
glauben könnten? Wie sähe die Welt für uns aus, wenn wir
registrieren müssten:
Jesus ist gestorben und so wie alle anderen Menschen im Grab geblieben?
Jesus
wäre durch die Menschen definitiv vernichtet, ausgeschaltet
worden? Die Sache
Jesu wäre vorbei. Sein moralisches Leben und sein Ruf nach dem
Reich Gottes
wären eine unter vielen moralischen Aufbrüchen im Lauf der
Geschichte, aber
nicht mehr. Moralische Appelle hat es viele gegeben, und auch viele
Aufbrüche.
Aber wirkliche Durchbrüche hat es nicht gegeben, die Welt ist
immer gleich
geblieben. Nur Naivlinge meinen, dass es eines Tages besser wird, dass
eines
Tages Gerechtigkeit ausbrechen wird. Realisten sind der
Überzeugung, dass alle
Menschen, die wie Jesus leben, umgebracht, beseitigt werden, vielleicht
nicht
gleich gekreuzigt, aber doch wenigstens eliminiert, weil sie nicht ins
System
passen.
Und was glauben wir
Christen, wenn wir die Auferstehung
Jesu bekennen?
Wir glauben, dass das
Scheitern Jesu am Kreuz letztlich
kein Scheitern ist, sondern ein Sieg, ein Sieg über den Tod und
das Böse und
über den Egoismus. Wir glauben, dass Ihn der Vater von den Toten
auferweckt
hat, dass sein Leben und Tun also von Gott-Vater bestätigt wurde,
dass Jesus
nicht nur Recht hatte, sondern gesiegt hat und am Ende der Zeit sogar
siegen
wird. Er wird siegen nicht nur, weil er Recht hatte, sondern weil er
bis in den
Tod hinein geliebt hat, weil er noch im Sterben seine Feinde geliebt
hat, weil
er noch im Sterben nicht auf sie geflucht, sondern ihnen verziehen hat.
Die
Liebe trägt den Sieg davon. Das zeigt uns die Auferstehung Jesu.
Wir stehen also am Grab
Jesu und halten die Stille aus, das
Warten, die Ungewissheit im Dunkel, aber wir hoffen, dass Gott ihn
auferwecken
werde und damit Jesu Tun bestätigen werde. Wir hoffen, dass die
nicht Recht
haben, die immer wieder behaupten: Lieben hat keinen Zweck, hat keinen
Sinn.
Die Bosheit und der Egoismus sind immer die stärkeren. Wir hoffen,
dass dies
nicht stimmt. Und wir glauben, dass dies nicht stimmt. Wir glauben,
dass die
Liebe stärker ist als alle Bosheit und stärker ist als der
Tod.
Die Liturgie der
Osternacht
Auf diesem Hintergrund
ist nun wirklich interessant, was in
der Liturgie der Osternacht alles geschieht. Wir wollen nur ein paar Punkte aufgreifen.
Erstens die Weihe des
Feuers. Wir sind im Dunkel der Nacht.
Das Feuer erinnert an die Wärme, die von der Liebe des Herrn
ausgeht, an das
Licht, das von ihm ausgeht. Jesus hatte gesagt: ich bin gekommen, um
Feuer auf
die Erde zu werfen, ich bin das Licht der Welt. Denken wir an diese
Worte, wenn
wir das Feuer sehen. Und vom Feuer geht das Licht der Osterkerze aus,
mit der
wir in die Kirche einziehen. Und das Licht verbreitet sich unter den
Gläubigen,
aber alles österliche Licht in den Herzen und auf den Gesichtern
geht von der
Kerze aus, die Christus symbolisiert. Und dann singt der Priester oder
ein
Vorsänger den Hymnus an die Kerze, an Christus. Und er singt auch
von der
„seligen Schuld“, von der „felix culpa“. Die Schuld der Menschen ist
selig,
weil sie einen solchen Freund gefunden haben, der die Schuld von ihren
Schultern nimmt und die Schuld auf die eigenen Schultern nimmt. Und er
hat den
Schuldschein ans Kreuz geheftet. „Dies ist die Nacht, in der die
leuchtende
Säule das Dunkel der Sünde vertreibt. Dies ist die Nacht, die
auf der Erde
alle, die an Christus glauben, scheidet von den Lastern der Welt, dem
Elend der
Sünde entreißt, ins Reich der Gnade heimführt und
einfügt in die heilige
Kirche. O wahrhaft selige Nacht, die Himmel und Erde versöhnt, die
Gott und
Menschen verbindet.“
Und dann folgen die
vielen Lesungen. Sie erinnern uns
daran, dass Leben und Sterben Jesu eine lange Vorgeschichte haben. Gott
hat
nicht nur in Jesus an uns gehandelt, sondern Jahrhunderte lang an
seinem Volk.
Er hat eine sehr lange Geschichte mit seinem Volk. Er hat Abraham
berufen. Ein
einzelner, einsamer Mann in der Wüste. Das kann uns sagen: Niemand
darf
verzweifeln, weil er ja allein gegen eine Welt steht, denn auch mit
Einzelnen
kann Gott eine große Geschichte beginnen. Und dann hat Gott sein
Volk nicht nur
in die Sklaverei Ägyptens gehen lassen, sondern auch
herausgeführt. Auch das
Leben in Sklaverei ist kein Leben ohne Gott. Denn er ist bei den
Sklaven, er
beruft Moses, bildet ihn heran und Gott befreit sie durch ihn und er
gibt ihnen
sein Gesetz. Und dann schickt er immer wieder Propheten, die an Ihn
erinnern,
die sein Volk mahnen, zurechtweisen, auch trösten. Gott ist bei
seinem Volk.
Und dann singen die von Jesus Befreiten das Alleluja. Vierzig Tage
haben sie
auf das Alleluja verzichtet. Es scheint wichtig, dass das Leben
Perioden hat.
Nur so wird es kein Einerlei. Wehe, wenn wir die 40 Tage der
Fastenzeit, des
Weges nach Jerusalem vergessen, wenn wir unser Ramadan vergessen. Wir
fasten
nicht nur wegen unserer Schönheit und Gesundheit, wir fasten, weil
wir einen
Herrn haben, der uns liebend in seine Arme schließen will. Und
dann ist das
Alleluja-Fasten zu Ende und wir dürfen wieder das
Auferstehungs-Alleluja
singen. Und wir sollen es kräftig singen.
Und dann kommt die Feier
der Taufe. Es ist schön, wenn in
der Osternacht auch Kinder oder Erwachsene getauft werden. Wenn nicht,
dann ist
es umso nötiger, dass alle Getauften ihre Taufe erneuern. Taufe
ist sicher
Eingliederung in das Volk Gottes, aber wir dürfen nicht vergessen,
dass es auch
und vor allem Abstieg in den Tod Christi ist, um mit ihm aufzuerstehen.
Das
Untertauchen ist das Eintreten in die Todesgemeinschaft mit Ihm und das
Auftauchen ist das Auferstehen. Wenn wir es schon als kleine Kinder
nicht
selbst vollziehen konnten, so sollten wir doch wenigstens jetzt in der
Osternacht geistig in Jesu Tod hinein sterben, um mit Ihm
aufzuerstehen. Und
dann feiern wir die Eucharistie. Auf sie hatten wir am Karfreitag
verzichtet.
Wir feiern sie also in gewisser Weise neu. Wir feiern in ihr Jesu
Sterben und
Auferstehen, wir feiern und erleben sein Angebot: „Nehmt und esst mich.
Ich
sterbe, damit ihr lebt. Ich will in Euch leben, ich will immer in euch
sein.
Ich schenke mich Euch.“
Und dann feiern wir das
Osterfest. Christus ist von den
Toten erstanden. Er stirbt nicht mehr. Er lebt, um immer für uns
einzutreten.
Wir dürfen leben mit dem Wissen: Er tritt für mich ein. Er
setzt sich in Leben
und Tod für mich ein. Der Auferstandene ist an meiner Seite. Heute
und alle
Tage meines Lebens gilt: Ich bin bei Euch alle Tage bis ans Ende der
Welt.
Und in diesem Sinne
wünsche ich Ihnen ein gesegnetes
Osterfest und eine gesegnete Osterzeit.
Das Exultet
Hymne
an die Osterkerze
„Frohlocket,
ihr Chöre der Engel, frohlocket, ihr himmlischen Scharen, lasset
die Posaune erschallen,
preiset den Sieger, den erhabenen König! Lobsinge, du Erde,
überstrahlt vom
Glanz aus der Höhe! Licht des großen Königs umleuchtet
dich. Siehe, geschwunden
ist allerorten das Dunkel. Auch du freue dich, Mutter Kirche, umkleidet
von
Licht und herrlichem Glanze! Töne wider, heilige Halle, töne
von des Volkes
mächtigem Jubel.
In
Wahrheit ist es würdig und recht, den verborgenen Gott, den
allmächtigen Vater,
mit aller Glut des Herzens zu rühmen und seinen eingeborenen Sohn,
unsern Herrn
Jesus Christus, mit jubelnder Stimme zu preisen. Er hat für uns
beim ewigen
Vater Adams Schuld bezahlt und den Schuldbrief ausgelöscht mit
seinem Blut, das
er aus Liebe vergossen hat. Gekommen ist das heilige Osterfest, an dem
das
wahre Lamm geschlachtet ward, dessen Blut die Türen der
Gläubigen heiligt und
das Volk bewahrt vor Tod und Verderben.
Dies
ist die Nacht, die unsere Väter, die Söhne Israels, aus
Ägypten befreit und auf
trockenem Pfad durch die Fluten des Roten Meeres geführt hat.
Dies
ist die Nacht, in der die leuchtende Säule das Dunkel der
Sünde vertrieben hat.
Dies
ist die Nacht, die auf der ganzen Erde alle, die an Christus glauben,
scheidet
von den Lastern der Welt, dem Elend der Sünde entreißt, ins
Reich der Gnade
heimführt und einfügt in die heilige Kirche.
Dies
ist die selige Nacht, in der Christus die Ketten des Todes zerbrach und
aus der
Tiefe als Sieger emporstieg. Wahrhaftig, umsonst wären wir
geboren, hätte uns
nicht der Erlöser gerettet.
O
unfassbare Liebe des Vaters: Um den Knecht zu erlösen, gabst du
den Sohn dahin!
O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam, du wurdest uns zum Segen,
da Christi
Tod dich vernichtet hat. O glückliche
Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden! O
wahrhaft selige Nacht,
dir allein war es vergönnt, die Stunde zu kennen, in der Christus
erstand von
den Toten. Dies ist die Nacht, von der geschrieben steht: „Die Nacht
wird hell
wie der Tag, wie strahlendes Licht wird die Nacht mich umgeben.“ Der
Glanz
dieser heiligen Nacht nimmt den Frevel hinweg, reinigt von Schuld, gibt
den
Sündern die Unschuld, den Trauernden Freude. Weit vertreibt sie
den Hass, sie
einigt die Herzen und beugt die Gewalten.
In
dieser gesegneten Nacht, heiliger Vater, nimm an das Abendopfer
unseres Lobes,
nimm diese Kerze entgegen als unsere festliche Gabe! Aus dem
köstlichen Wachs
der Bienen bereitet, wird sie dir dargebracht von deiner heiligen
Kirche durch
die Hand ihrer Diener. So ist nun das Lob dieser kostbaren Kerze
erklungen,
die entzündet wurde am lodernden Feuer zum Ruhme des Höchsten.
Wenn
auch ihr Licht sich in die Runde verteilt hat, so verlor es doch nichts
von der
Kraft seines Glanzes. Denn die Flamme wird genährt vom
schmelzenden Wachs, das
der Fleiß der Bienen für diese Kerze bereitet hat.
O
wahrhaft selige Nacht, die Himmel und Erde versöhnt, die Gott und
Menschen
verbindet!
Darum
bitten wir dich, o Herr: Geweiht zum Ruhm deines Namens, leuchte
die Kerze
fort, um in dieser Nacht das Dunkel zu vertreiben. Nimm sie an als
lieblich
duftendes Opfer, vermähle ihr Licht mit den Lichtern am Himmel.
Sie leuchte,
bis der Morgenstern erscheint, jener wahre Morgenstern, der in
Ewigkeit nicht
untergeht: dein Sohn, unser Herr Jesus Christus, der von den Toten
erstand, der
den Menschen erstrahlt im österlichen Licht; der mit dir lebt und
herrscht in
Ewigkeit.“
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