Fasten-Exerzitien 2008

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Liebe Exerzitantinnen und Exerzianten,

Die geistlichen Übungen, die hier vorgelegt werden, sind in der Fastenzeit 2008 von Radio Vatikan ausgestrahlt worden. An den Samstagen und Dienstagen während der vierzig Tage ging je eine Betrachtung in den Äther.

Der Grundtenor der Betrachtungen lautet: „Wir gehen mit Jesus nach Jerusalem“. Daher habe ich den ganzen Weg auch in Abschnitte von je 20 Kilometern eingeteilt. Das mag ein wenig spielerisch klingen, soll aber immer wieder daran erinnern, dass wir eben auf dem Weg sind – auf dem Weg zu Tod und Auferstehung Jesu. Wir wollen ihn begleiten, uns von ihm ansprechen lassen, ihn besser kennen lernen.

Bei geistlichen Übungen nach Ignatius von Loyola geht es immer darum, dass der einzelne Übende hört, was Gott ihm sagen will. Nicht der Exerzitienbegleiter ist entscheidend, sondern der heilige Geist. Er lehrt jedem durch die inneren Bewegungen, was Gott von ihm oder ihr will. Die Betrachtungen, die ich hier vorlege, sind also nur Anregungen, um selbst auf die Stimme Gottes zu hören. Der heilige Geist ist der eigentliche Exerzitienbegleiter.

 

Pater Eberhard von Gemmingen SJ,

Rom 11. 11. 2007

Fest des Heiligen Martin von Tour

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***

 

1. Jesus richtet seine Augen nach Jerusalem

200 Kilometer bis Jerusalem

 

Liebe Exerzitanten,

bevor ich ihnen die erste Betrachtung vorlege, möchte ich ihnen einiges über Exerzitien im Allgemeinen sagen – jedenfalls so wie wir Jesuiten sie verstehen. Durch die Exerzitienbetrachtungen sollten sie erfahren, was Gott ihnen ganz persönlich sagen möchte. Die Überlegungen, die ich ihnen vorlege, sollen nur ein Anstoß sein, selbst zu beten und auf Gottes Stimme zu hören. Wir gehen nämlich davon aus, dass er uns persönlich etwas sagen will. Nicht der Exerzitienbegleiter gibt Weisung, sondern er hilft nur, auf die Stimme Gottes zu hören. Damit wir aber hören, was Gott uns sagen will, ist es gut, Bitten und Fragen zu haben. Wir sollen zu Anfang jeder Betrachtung ihn um etwas bitten, z.B. dass wir Jesus besser kennen lernen, dass wir unsere Lebensweg und die nächsten Schritte auf ihm besser finden, dass Zweifel überwunden werden. Wir sollten unsere ganz persönliche Bitte an ihn an den Anfang stellen. Die Bitte soll sich aber nicht auf irgendwelche Kleinigkeiten beziehen, sondern auf wichtige Fragen in unserem Leben. Z.B. lass mich erkennen, wie ich im jetzigen Zeitpunkt weitergehen soll, wie ich mich entscheiden soll, lass mich erkennen, was Du jetzt von mir wünschest. Und dazu ist es gut, sich zu Anfang jeder Betrachtung klar zu machen: Gott ist bei mir, er sieht mich, er sieht in mich hinein. Ich darf bei ihm verweilen. Er hat jetzt Zeit für mich.

Damit sie während der Wochen dieser Fastenexerzitien ein bisschen intensiver beten und betrachten können, sollen sie sich für jeden Tag 10 bis 30 Minuten Zeit nehmen. Lieber mehr als weniger. Sie sollten anfangs entscheiden, ob sie das morgens oder abends oder wann machen wollen. Es sollte wenn möglich eine gleich bleibende Zeit sein. Und sie sollten einen gleich bleibenden Platz in der Wohnung wählen, an dem sie sich sammeln können, der zur Ruhe einlädt, wo kein Durcheinander ist. Wenn sie sich bemühen, den Rahmen gut zu machen, dann werden sie mehr Früchte ernten können.

Und nun kommen wir zur ersten Betrachtung:

Jesus richtet seinen Blick nach Jerusalem

Wir schauen zurück: Jesus ist mit etwa 30 Jahren von Nazareth weggezogen. Er hatte erstaunlicherweise nicht geheiratet. Darüber hatte sich seine Umgebung schon den Mund fusselig geredet. Es war vielen Menschen in dem Kleinstädtchen aufgefallen, dass er einfach „anders“ war als die meisten jungen Männer. Er war zwar eingepasst in die fromme, jüdische Ordnung, war regelmäßig am Sabbat in die Synagoge gekommen, war einmal jährlich mit den Bewohnern des Städtchens nach Jerusalem gepilgert, er hatte mit seinen Eltern die religiösen Feste gefeiert. Obwohl dieser Jesus einerseits ein ganz normaler jüdischer junger Mann gewesen war, war er doch andererseits auch sehr anders als seine Altersgenossen. Worin diese Andersartigkeit bestand, konnte niemand in Nazareth so genau sagen. Viele widersprachen sich auch. Gemeinsam war nur ihr Überzeugung: Jesus passt nicht so ganz in den Rahmen, in das Schema – oder auch in die Schublade, wie man so sagt.

Dann eben mit rund 30 Jahren war er plötzlich verschwunden. Es wurde wahrgenommen: man sieht ihn nicht mehr. Was mit ihm geschehen ist, wusste niemand. Sein Vater Joseph war ja schon frühzeitig gestorben, seine Mutter Maria wehrte mit Zeichen ab, wenn man sie danach fragte. Sie wollte offenbar nicht darüber sprechen.

Nun aber war Jesus plötzlich mit einem Freundeskreis wieder aufgetaucht. Es sprach sich herum, dass er erstaunliche Reden hielt, dass unglaublich viele Menschen ihm wie fasziniert zuhörten, dass er offenbar Einsichten hatte und verkündete, die von dem, was andere Lehrer lehrten, so unglaublich verschieden war. Und dann ging es von Mund zu Mund – in und um Nazareth – dass er Kranke heilte, dass er Aussätzige rein machte, dass er Lahmen die Möglichkeit wieder schenkt, zu gehen und zu springen. Es sprach sich wie ein Lauffeuer herum: dieser seltsame Jesus ist wieder in der Gegend, kommt zu ihm, um ihn zu hören,  bringt eure Kranken mit, damit er sie heilt.

Nehmen wir dies als Hintergrundschilderung. Das meiste kennen wir ja aus der Heiligen Schrift.

Heute geht es zum Anfang dieser geistlichen Übungen in der Fastenzeit um Jesu Ausrichtung nach Jerusalem. Das Evangelium nach Lukas unterstreicht diesen Gang Jesu in die Stadt Gottes in besonderer Weise. Die Kapitel 9 bis 19 behandeln Jesu Weg nach Jerusalem. Wenn Sie wollen, könnten Sie diese Kapitel Stück für Stück im Lauf der nächsten Tage und Wochen lesen. Da wir in der Fastenzeit stehen und uns auf Ostern vorbereiten, folgen wir in diesen Exerzitien diesem Lukanischen Schema: Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Heute sind es bis dorthin noch 200 Kilometer. Wir werden in acht Tagen täglich 25 Kilometer zurücklegen, um dann vor dem Palmsonntag vor den Toren Jerusalems zu stehen. Unser Weg führt nämlich nicht schnurstracks vom See Genesareth nach Jerusalem, sondern wir machen ein paar Umwege.

Warum will Jesus unbedingt nach Jerusalem? Was spricht dagegen, was spricht dafür? Warum muss es Jerusalem sein? Das ist heute unser Betrachtungsstoff.

Und wenden wir es gleich auf uns selbst an: Wo will Gott mich hinschicken? Wo ist mein Ziel, vielleicht mein Fernziel? Wo sollte ich eigentlich hin, vor dem ich mich vielleicht fürchte und drücke? Wo will Gott mich haben? Jesus hat sein Ziel Jerusalem fest ins Auge gefasst, obwohl er wusste und wenigstens ahnte, dass es dort um Leben und Tod gehen würde. Fassen wir unser Ziel fest ins Auge?

Warum will Jesus unbedingt nach Jerusalem?

Weil Jerusalem das Zentrum des von Gott auserwählten Volkes ist. Weil Jesus sich berufen sieht, den Plan Gottes mit seinem Volk zu vollenden. Durch das auserwählte Volk Israel soll die Welt zur Erkenntnis des Schöpfergottes kommen. Das Schicksal der von Gott geschaffenen Welt hängt also von Israel, hängt wesentlich von Jerusalem ab.

Jesus sieht sich nicht nur berufen, vielen einzelnen das Reich Gottes zu verkünden, vielen Einzelnen erleben zu lassen, dass das Reich Gottes schon angekommen ist. Das erleben sie vor allem auch durch die Frohe Botschaft, die Jesus verkündet und durch die Wunder, die er da und dort wirkt. Ihm sind die Wunder nicht das Wichtigste. Sie sind für ihn nur ein Zeichen, dass das Reich Gottes mit seiner Verkündigung wirklich schon vor der Türe steht. Jesus sieht sich also nicht nur berufen, viele Einzelne anzusprechen, sondern das ganze Volk zu gewinnen. Dies wird repräsentiert durch die Verantwortlichen in Jerusalem. Es geht Jesus darum, dass Jerusalem durch seine Verantwortlichen die frohe Botschaft des Vaters annimmt, Wenn Jerusalem das tut, dann hat Israel seine Berufung erfüllt, wenn nicht dann hat Israel seine Berufung verfehlt.

Und nun gehen wir einen Schritt weiter: Jesus hat im Gebet erfahren, dass Jerusalem seinen Ruf, seine Verkündigung nicht annimmt. Daher muss Jesus seinen Jüngern dreimal erklären, dass er in Jerusalem von den Hohen Priestern verworfen und verurteilt werden wird. Nicht nur das, sondern er sagt ihnen auch eindringlich und nachdrücklich, dass er gemartert und hingerichtet werden wird. Sie können es nicht verstehen und nicht glauben. Jesus sagt aber auch dazu, er werde am Dritten Tag auferweckt werden. Das können sie erst recht nicht verstehen und annehmen. Jesus ist also einsam, obwohl er von Menschen umgeben ist, die sich für seine Freunde halten.

Ich schlage Ihnen vor, wenigstens eine Viertel- oder besser eine halbe Stunde folgendes zu betrachten und sich vorzustellen:

Jesus steht oder sitzt ganz allein auf einem Hügel. Hier betet er lange Zeit. Es ist frühmorgens. Er ist vor allen anderen aufgestanden und hier ein paar hundert Meter von den Seinen, die da unten noch schlafen, in die Höhe gegangen. Hier ist er umgeben vom aufgehenden Tag. Im Osten dämmert es. Er aber schaut nach Süden und weiß: in vierzig Tagen werde ich vor den Toren von Jerusalem stehen. Sie kennen von Bildern die gewaltigen Mauern von Jerusalem. So ähnlich muss Jesus sie gekannt haben. Er stellt sie sich vor. Sie werden überragt vom Tempel, den wir nicht mehr kennen. Jesus schickt von einem Morgenhügel seine Gedanken nach Jerusalem. Er denkt daran, dass es die Stadt des großen Königs und Vorfahren David war. Dass dieser David sein ganzes Vertrauen auf den Vater, auf Jahwe gesetzt hat. Jesus bittet den Vater im Himmel, Jerusalem möge seine Verkündigung des Reiches Gottes annehmen. Jerusalem möge seine Berufung erkennen und ernst nehmen. Genauer denkt Jesus und betet Jesus, dass die Hohen Priester sich nicht nach den Römern und nach dem Machterhalt richten, sondern sich ihrer eigenen geistlichen Berufung bewusst werden, dass sie an Jahwe und seine Macht glauben können und nicht pragmatisch nur nach dem fragen, was politisch möglich und nützlich ist. Jesus weiß, dass die Hohen Priester im Grunde nur an ihren Posten hängen, dass sie nicht an die Möglichkeiten Gottes denken. Aber Jesus bittet den Vater inständig, die Verantwortlichen mögen eben doch ihre Berufung erkennen und ausfüllen. Und gleichzeitig weiß Jesus: sie werden es nicht tun, sie werden ihn beseitigen. Jesus zittert bei dem Gedanken und empfiehlt sich seinem Vater, der ihn durch alles Elend begleiten wird. Und Jesus weiß voraus, dass Israel seine Chance nicht wahrnimmt, dass die Verantwortlichen im Namen des Volkes den Messias ablehnen werden. Und er weiß voraus, dass dies das Drama des Vaters in der Geschichte ist, dass Gott sein Reich nur ausbreiten kann durch das Scheitern hindurch, durch Ablehnung, durch Leid und Kreuz und Tod. Aber Jesus glaubt daran, dass der Vater seinen Weg durch die Auferstehung gehen wird. Jesus zittert beim Gedanken an das eigene Leiden, aber er zittert auch beim Gedanken, dass Gottes Wege  vom Menschen durchkreuzt werden und der Vater nur durch das Kreuz hindurch siegen kann und siegen wird.

Schauen Sie lange und interessiert auf diesen Jesus, der nach Jerusalem blickt. Und dann fragen Sie sich: Wohin soll und darf ich mich ausrichten, wohin führt mein Leben, wovor habe ich Angst, wovor fliehe ich?

Dann verharren Sie eine Weile bei Jesus, schauen Sie ihn an, wie er betet und seinen Blick nach Jerusalem richtet, wie Er den Willen des Vaters annimmt und aufbricht, obwohl er weiß, welch schlimmes Schicksal seiner in Jerusalem wartet.

Und lesen Sie zwei kurze Texte aus dem

Lukasevangelium: Kapitel 9, 51 – 56

„Als die Zeit herankam, in der Jesus in den Himmel aufgenommen werden sollte, entschloss er sich,  nach Jerusalem zu gehen Und er schickte Boten vor sich her. Diese kamen in ein samaritisches Dorf und wollten eine Unterkunft für ihn besorgen.

Aber man nahm ihn nicht auf, weil er auf dem Weg nach Jerusalem war.

Als die Jünger Jakobus und Johannes das sahen, sagten sie: Herr, sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet? Da wandte er sich um und wies sie zurecht. Und sie gingen zusammen in ein anderes Dorf.“

Lukas Kapitel 18, 31 – 34 

„Jesus versammelte die Zwölf um sich und sagte zu ihnen: Wir gehen jetzt nach Jerusalem hinauf, dort wird sich alles erfüllen, was bei den Propheten über den Menschensohn steht. Er wird den Heiden ausgeliefert, wird verspottet, misshandelt und angespuckt werden,

und man wird ihn geißeln und töten. Aber am dritten Tag wird er auferstehen. Doch die Zwölf verstanden das alles nicht; der Sinn der Worte war ihnen verschlossen und sie begriffen nicht, was er sagte.„

Psalm 122

Ich freute mich, als man mir sagte: / «Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern.»

Schon stehen wir in deinen Toren, Jerusalem: /

Jerusalem, du starke Stadt, / dicht gebaut und fest gefügt.

Dorthin ziehen die Stämme hinauf, die Stämme des Herrn, / wie es Israel geboten ist, / den Namen des Herrn zu preisen.

Denn dort stehen Throne bereit für das Gericht, / die Throne des Hauses David.

Erbittet für Jerusalem Frieden! / Wer dich liebt, sei in dir geborgen.

Friede wohne in deinen Mauern, / in deinen Häusern Geborgenheit.

Wegen meiner Brüder und Freunde / will ich sagen: In dir sei Friede.

Wegen des Hauses des Herrn, unseres Gottes, / will ich dir Glück erflehen.

 

Heute sind es noch 200 Kilometer bis Jerusalem

 

***

 

Seele Christi heilige mich,
Leib Christi erlöse mich,
Blut Christi tränke mich,
Wasser der Seite Christi wasche mich,
Leiden Christi stärke mich,
O gütigster Jesus erhöre mich!
Verbirg in Deinen Wunden mich,
Vor dem bösen Feinde beschütze mich,
Und heiße zu Dir kommen mich,
Damit ich möge loben Dich
Mit Deinen Heiligen ewiglich.

AMEN.

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2. Jesus betet in der Einsamkeit

180 Kilometer bis Jerusalem

Ich lade Sie wieder ein, Ihr Exerzitiengebet zu beginnen mit dem Glaubensakt, dass Gott Sie sieht, dass er bei Ihnen ist und tief in Sie hineinschaut. Schauen wir zurück auf die letzte Betrachtung und die letzten Tage: Ist mir etwas aufgegangen, wollte Gott mir etwas sagen, bin ich mit einer Frage umgegangen, hat mich etwas besonders bewegt? Was war gut an meinem Beten und Betrachten? Vielleicht sollten sie sich aufschreiben, was für sie wichtig war.  Dann bitten sie Gott um das, worum es heute geht. Bitten Sie ihn: Herr lehre mich beten. Mathäus 6, 5 bis 15.

Wer ein wenig aufmerksam die Evangelien liest, stolpert immer wieder über den Hinweis, dass Jesus allein auf einen Berg gestiegen ist, um zu beten. Wir wollen uns heute mit dem Beten befassen. Und wollen am Ende auch fragen: wie bete ich, was ist gut, was weniger, was soll ich ändern? Denken Sie also von Anfang an auch an Ihr persönliches Beten.

Jesus hat offenbar vor allem alleine gebetet, er ist dazu nicht in die Synagoge gegangen, sondern an einen einsamen Ort, an einen Platz in gewisser Distanz zu den anderen Menschen, in die Einsamkeit, wohl oft auf einen Berg oder einen Hügel. Wir können uns ruhig jetzt schon Jesus vorstellen, wie er vielleicht früh morgens bei der Morgendämmerung auf einem kleinen Felsen sitzt oder auch steht. Gelingt es Ihnen auch ein wenig, sich eine Mittelmeerlandschaft vorzustellen? Da gibt es nicht einfach wie bei uns Felder, die man nicht betreten kann und darf, auch keine Wälder, sondern es gibt eine steinige Landschaft mit allerlei Kräutern, mit Disteln, kleinen Nadelbäumchen und Felsen. Hier finden wir Jesus oft morgens in aller Frühe, wenn sonst alles noch schläft. Langsam dämmert es im Osten.

Wie betet Jesus: Ich stelle mir vor, dass er vor allem vor dem Vater im Himmel geschwiegen hat, dass er einfach vor Ihm da war, dass er sich anschauen ließ, dass er wusste, Gott, der Vater, schaut mir ins Herz.  Ich bin  bei Ihm, er ist bei mir.  Ich weiß, dass wir das Verhältnis des irdischen Jesus zum Vater nicht verstehen können, denn er war ja Gottes wirklicher Sohn, aber ich glaube, wir dürfen uns vorstellen, wie wir beten würden.

Viele Christen stellen sich ja vor, dass Beten vor allem darin besteht, Gott etwas zu sagen, ihm zu danken, ihn zu loben und vor allem ihn um etwas zu bitten. Ich denke, diese Vorstellung ist wirklich um Einiges zu eng. Das deutsche Wort „Beten“ hat zwar sprachlich mit „Bitten“ zu tun, Aber unter Beten verstehe ich viel mehr. Und wenn wir Jesu Beten ein wenig ahnen wollen, dann sollten wir unsere Vorstellung von Beten noch etwas erweitern.

Ich meine, Beten bedeutet vor allem einmal, vor Gott einfach da sein. Bei Gott sein. Dazu ist es gut, sich zunächst mal vorzustellen, Gott sieht mich, hört mich, ja man darf sogar sagen: er riecht und schmeckt und fühlt mich. Wenn irgend jemand uns nahe sein kann, dann Gott. Und dieses Sich-Bewußtmachen, dass Gott da ist, hier bei mir ist, dies ist schon Beten. Oder noch anders gesagt: ich lasse mich von ihm anschauen. Ich lasse ihn in mich hineinschauen. Dabei muss gar nichts herauskommen. Es muss nichts gelingen, es muss nichts geschehen. Ich muss nur geduldig und friedlich mich anschauen lassen, bei ihm sein und bleiben.

Ich denke, so etwa war auch Jesu Beten. Er ließ den Vater in sich hineinschauen. Und das gab ihm unglaubliche Kraft.

Denken wir an große Heilige: Sie hatten Kraft, sie waren stark, sie konnten aus großer Gottnähe sprechen und überzeugen. Manchmal mit großen Massen, manchmal mit einzelnen Menschen. Menschen, die aus dem Gebet kommen, haben Kraft, Menschen, die in Gott verankert sind, haben Kraft. Von ihnen geht Kraft aus. Und weil Jesus so gebetet hat, daher ist von ihm – wie es im Evangelium heißt – Kraft ausgegangen und daher konnte er sprechen wie einer, der Vollmacht hat.

Ich weiß: Jesus war Gottes Sohn, daher hatte er Vollmacht, aber ich glaube, es ist nicht verboten anzunehmen, dass er ganz menschlich gesehen diese Vollmacht hatte, weil er aus dem Gebet kam und ins Gebet zurückging. Von ihm ging – auch wenn es gar nicht ausdrücklich wollte - eine heilende Kraft aus, weil er sich betend in Gott versenkt hatte.

Also: Beten heißt vor allem nicht, Gott um etwas Bitten, auch nicht Gott Loben, sondern vor allem: Bei Gott Dasein. Es längere Zeit und in Ruhe ohne Hetze bei Ihm aushalten. Bei ihm Bleiben, sich von ihm Anschauen lassen.  Man kann noch einen kleinen Schritt weiter gehen und sagen: Beten bedeutet für den getauften Christen: zu Jesus in die eigene Seele hinein steigen. Er wartet ja auf dem Grund der eigenen Seele auf uns. Es ist ein bisschen wie ein tiefer Brunnen, tief in unserem Inneren. Wenn wir zu Ihm hinuntersteigen, dann – so dürfen wir schon sagen – können wir Ihn auch aus der inneren Tiefe heraufholen, und Er wird durch unsere Augen die anderen Menschen anschauen. Wenn wir nicht in die Tiefe zu Ihm hinuntersteigen, dann bleibt er zwar da, gegenwärtig, auf uns wartend, aber eben verborgen. Wir dürfen und sollen Ihn herauf- und herausholen.

Eine einzige spezielle Form des Betens möchte ich noch unterstreichen: Die Anbetung. Die Grundlage allen Betens ist ja doch die Anbetung. Sie ist das, was die Engel tun. Sie brauchen ja nichts zu erbitten, zu erfragen, sie brauchen nicht anzuklagen, zu stöhnen. Sie sind in einem Zustand, dass sie nur anbeten. Ich möchte es Ihnen ganz konkret vorschlagen. Beginnen Sie Ihren Tag mit dem Gebet:

                In Demut bet ich Dich dreifaltge Gottheit an,

               die Du den Schleier hier des Heil`gen umgetan – wenn Sie vor einem sakralen Bild beten –oder

               die Du den Schleier hier des Kosmos umgetan – wenn Sie im Freien sind.

               Mein Herz, das ganz in Dich anschauend sich versenkt,

               sei ganz Dir untertan, sei ganz Dir hingeschenkt

Dann können Sie auch noch das „Heilig, heilig, heilig“ der Messe beten und sogar auch noch das Gloria:

              Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden               

              wir loben Dich, wir preisen Dich, wir beten Dich an…..

Zurück zu den Evangelien. Gehen Sie einfach einmal durch Matthäus, Markus oder Lukas und schauen Sie nach den Stellen, wo es heißt: Jesus habe alleine in der Einsamkeit gebetet.

Ich möchte aber hier noch an einige besondere Stellen des Betens Jesu erinnern.

Erstens: Jesus in der Wüste. Da heißt es zwar vor allem, er habe gefastet. Wir dürfen aber wohl verstehen, dass er sich da besonders dem Blick Gottes ausgesetzt hat. Wüste ist Einsamkeit, alles Störende entfällt, man ist ganz bei sich und kann ganz bei Gott sein. Sich ununterbrochen wie von der Sonne, so von Gott anschauen und durchglühen lassen. Also Wüste.

Zweitens: Vor der Wahl der Jünger, der Zwölf: Hier heißt es, er habe die ganze Nacht gebetet, also nicht nur ein paar Stunden am Morgen. Offenbar war die Jüngerwahl so wichtig, dass er die ganze Nacht durchgebetet hat.

Drittens: Ölberg: Hier schreit Jesus eine Bitte gleichsam heraus: lass diesen Kelch an mir vorübergehen  - doch nicht mein Wille geschehe,  sondern der Deine. Also Jesus kennt auch das Bittgebet, aber entscheidend war wohl Jesu Beim Vater-Sein, das Sich-dem-Blick-des-Vaters-Aussetzen. Woher hätte Jesus seine Kraft und seine Vollmacht gehabt, wenn nicht davon.

Versuchen Sie, sich vor dem Beten immer wieder ins Bewusstsein zu rufen: Erstens Gott steht vor meiner Türe und klopft an. Höre ich Ihn? Und zweitens: Gott wartet auf uns, er wartet auf Sie – ganz geduldig.

Und –ein Blick nach vorne: Ich meine, die Persönlichkeiten, die vor allem das klassische Europa geprägt haben, sind aus dem Gebet gekommen: Der Heilige Benedikt von Nursia, der Heilige Franz von Assisi und der Heilige Ignatius von Loyola. Und – nicht zu vergessen – die Frauen: Hildegard von Bingen, Teresa von Avila und Mary Ward. Vermutlich gilt dies auch von Buddha. Beter gestalten Geschichte, schaffen Kultur. Wenn jemand Europa sein Gesicht gegeben hat, dann ist es Jesus Christus.

Fragen für Sie: Wie bete ich bisher, was ist gut, was weniger, was soll ich ändern, in welche Richtung soll ich ändern?

Nehmen Sie zum Einstieg in die Betrachtung diesen Text der Heiligen Schrift:

Matthäus 6, 5 bis 15.

Jesus sprach: Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler. Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.

Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.

So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel, / dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, / dein Wille geschehe / wie im Himmel, so auf der Erde. Gib uns heute das Brot, das wir brauchen. Und erlass uns unsere Schulden, / wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben. Und führe uns nicht in Versuchung, / sondern rette uns vor dem Bösen.  Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben.  Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

 

Heute sind es noch 180 Kilometer bis Jerusalem.

 

***

Veni, Sancte Spiritus  et emitte coelitus lucis tuae radium,
Veni, pater pauperum, veni, dator munerum, veni, lumen cordium.
Consolator optime, dulcis hospes animae, dulce refrigerium.
In labore requies, in aestu temperies, indletu solacium.
O lux beatissima, reple cordis intima tuorum fidelium.
Sine tuo numine nihil est in homine, nihil est innoxium.
Lava quod est sordidum, riga quod est aridum, sana quod est saucium.
Flecte quod est rigidum, fove quod est frigidum, rege quod est devium.
Da tuis fidelibus in te confidentibus sacrum septenarium.
Da virtutis meritum, da salutis exitum, da perenne gaudium.
Amen. Alleluja

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3. Jesu Fasten und Versuchung

160 Kilometer bis Jerusalem

Fasten ist modern. Von Versuchung sprechen ist höchst unmodern. Heute fasten in Mitteleuropa ziemlich viele Menschen der Gesundheit und der Schönheit wegen. Das Fasten in der Religion aber hat eine andere Bedeutung: man will Buße tun und der Fastende setzt sich Gott aus. Das aber ist dann auch die Situation, in der der Fastende besonders exponiert ist, um vom Satan versucht zu werden. Dafür ist die Wüste besonders geeignet.

Blicken wir einen Augenblick zurück, um nicht zu vergessen, was Gott uns durch die Betrachtungen in den letzten Tagen sagen wollte.

Stellen wir uns dann wieder in die Gegenwart Gottes, versuchen wir – wie Jesus - ganz einsam zu sein. Fragen wir, wie wir uns eine Weile einmal ganz Gott aussetzen können. Fragen wir uns, wie wir eine Weile so leben können, als wären wir in der Wüste.

Und dann schauen wir Jesus in der Wüste an. Er ist einsam, Kilometer weit keine Menschenseele. Sandwüste um ihn oder gebirgige Steinwüste. Halten wir es in der Einsamkeit eine Weile bei ihm aus. Hören wir den Wind, spüren wir auf der Haut den Wind und die Sonne, Hitze und Kälte. Und fasten wir mit Jesus, spüren wir seinen Hunger. Und dann lesen wir das Evangelium von der Versuchung Jesu:  

Matthäus 4, 1 – 11

„Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden.  Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger. Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird. Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt. Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, / dich auf ihren Händen zu tragen, / damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.  Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen. Darauf ließ der Teufel von ihm ab und es kamen Engel und dienten ihm.“

Kein Wunder, dass beim Alleinsein in der Wüste und beim Fasten im Inneren versucherische Gedanken aufsteigen. Der Satan kommt nicht von außen. Da wäre er ja leicht zu erkennen und abzuwehren. Der Satan kommt von innen mit vernünftigen Gedanken: Warum nicht aus den Steinen Brot machen? Ist das verboten, ist das Sünde? Warum nicht tun, wenn Gott schon die Kraft dazu gibt?

Wir müssen die Worte des Apostels Paulus ganz ernst nehmen, Jesus sei uns in allem gleich geworden – außer der Sünde. Also war er wirklich und nicht nur scheinbar der Versuchung ausgesetzt. Und im Hebräerbrief heißt es, er habe durch Leiden Gehorsam gelernt. Wir müssen also nicht annehmen, dass Jesus als Gottes Sohn weit über wirklichen Versuchungen stand, dass er ganz anders war als wir. Nein, er hat unser Schicksal, unsere Menschsein ganz angenommen und war daher versuchbar wie wir. Daher dürfen wir denken, die Versuchung durch den Satan sei nicht gleichsam nur von außen an ihn herangetreten. Nein, sie kam in seinem Inneren. Er kam selbst auf den Gedanken, dass er ja aus Steinen Brot machen könnte, um seinen Hunger zu stillen. Dieser Gedanke nagte an ihm, zerfraß ihn gleichsam innerlich, bohrte in seinem Fleisch. Er hatte ja Hunger. Und es war nicht nur eine ganz fleischliche Lust, es war gleichzeitig eine fast fixe Idee in seinem Kopf. Mach Brot aus den Steinen. Nur wenn wir uns die Versuchung so vorstellen, kommen wir an das heran, was Versuchung wirklich meint. Ein inneres Ringen, einen Kampf. Denken wir an den nächtlichen Kampf zwischen dem Patriarchen Jakob und dem Engel. So müssen wir uns das Ringen Jesu mit der Versuchung vorstellen. Und Jesus geht vielleicht tagelang mit diesem Gedanken um. Immer wieder erkennt er: dieser Gedanke ist nicht vom Vater, aber immer wieder kommt im Hunger die Idee: kann es böse, kann es Sünde sein, aus Steinen Brot zu machen, wenn man es kann? Morgens vielleicht erkennt Jesus, dass diese Gedanken nicht gott-gemäß sind, aber abends steht der Gedanke wieder im Raum: warum denn nicht die Kraft einsetzen, die ihm gegeben ist. Es war nicht nur ein kurzes Zwiegespräch zwischen Jesus und dem Satan, es war wohl – wenn es eine wirkliche Versuchung war – ein langes, zähes, leidvolles Ringen. Wenn Versuchung nicht nur ein frommes Schauspiel war, dann war es ein Ringen um Leben und Tod, um Sünde und Heil. Je reiner der Versuchte, umso schrecklicher die Versuchung. Und schließlich ringt Jesus sich durch zu dem Satz der Bibel „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt“. Jesus ringt sich durch zu der Erkenntnis und dem Schluss: Du lebst ebenso vom Gehorsam wie vom Brot, ebenso von der Hingabe an Gottes Willen wie von Speise. Und seine Seele beruhigt sich. Es heißt erst am Ende der drei Versuchungen, der Satan habe von ihm gelassen.

Und dann kam Jesus – vielleicht im Schlaf, träumend – der Gedanke: steig auf die Zinne des Tempels, spring herunter, Engel werden Dich tragen und das staunende Volk wird Dir zu Füßen liegen. Menschen brauchen die Show, brauchen Showeffekte. Vertrau auf Gottes Engel und gib den Menschen, was sie brauchen. Dann werden sie an Dein Wort, an das Evangelium glauben. Auch dies war wohl ein langes Ringen – wenn es denn eine wirkliche Versuchung war, wenn es nicht nur zu unserer Erbauung in der Bibel steht. Nein, es war ein versucherischer Gedanke aus dem Herzen Jesu, mit dem der Herr gerungen hat. Lange und intensiv. Schwer – vielleicht bis ihm der Schweiß in Blutstropfen aus den Poren drang. Und dann irgendwann – vielleicht nach vielen Tagen – ringt er sich durch zu dem biblischen Gedanken: Du sollst den Herrn Deinen Gott nicht versuchen.

Immer noch ist Jesus allein in der Wüste, immer noch hat der Satan leichteren Zugang, weil Jesus so allein und ausgesetzt ist. Und da steigt im Inneren Jesu der Gedanke auf: Du kannst die ganze Welt geistig erobern, wenn Du Dich zusammentust mit Satan, wenn Du seine Kraft, seinen Geist zu Hilfe nimmst, wenn Du ihn gleichsam anbetest. Vielleicht kommt ihm auch der Gedanke, dass er sein Volk, das Volk Gottes sammeln kann, einigen, herausführen aus den ewigen Streitigkeiten zwischen Pharisäern und Sadduzäern, zwischen den Frommen und den Politischen, dass er sogar die verhassten Römer aus dem Land vertreiben kann, wenn er Gewalt anwendet, wenn er Politik betreibt, wenn er das Volk aufhetzt und anstachelt – mit einem Wort, wenn er sich mit Satan zusammentut. Das wäre die Lösung für alle Probleme seines Volkes. Auch diese Fragen an ihn kommen nicht von außen, sondern von innen, aus seinem Inneren.

Wenn wir uns die Versuchungen Jesu in der Wüste nur als ein Gespräch zwischen Jesus und dem Versucher vorstellen, dann sind wir in Gefahr, sie nicht wirklich als Versuchung zu verstehen. Nur wenn die Fragen wirklich in Jesu drin sind, wenn es seine Fragen, seine Zweifel sind, werden sie zu Versuchungen. Und dann ringt sich die Antwort in Jesu hervor: Du sollst Gott allein anbeten und nicht Macht und nicht Politik und nicht Tricks und Finessen. Du sollst Gott anbeten, Er hat alles in der Hand. Wenn Du seine Gebote befolgst, dann wird Er das tun, was in Seinen Augen für das Volk gut ist. Es mag ein langer Kampf in Jesu Innerem gewesen sein, ein langes Ringen. Jesus wusste von Anfang an, dass die gottwidrigen Gedanken schlecht sind, aber es kostete ihm auch Zeit und Kraft, sie vollständig nieder zu ringen. Nur wenn wir die Versuchungen Jesu so sehen, werden wir dem Begriff Versuchung gerecht.

Ich möchte hier noch vorausblicken auf Jesu Ringen im Garten Getsemanie am Abend vor seinem Leiden. Ich schließe nicht aus, dass er dort mit der Versuchung der Flucht gerungen hat. Dass er gerungen hat mit dem Gedanken, still und heimlich im Dunkeln aus Jerusalem zu fliehen und sich der Festnahme noch einmal zu entziehen. Einerseits hat er gewusst, dass Seine Stunde gekommen war, dass er sich jetzt nicht mehr entziehen durfte, andererseits waren ihm vielleicht doch Zweifel gekommen, ob es eben noch nicht seine Stunde war, ob er sich – wie vorher schon öfter – noch einmal den Häschern entziehen durfte. Es war ein inneres Ringen, bis ihm das Blut aus den Poren quoll.

Jesus ist unser Bruder geworden, er war der Versuchung ausgesetzt wie wir. Er hat unter ihr gelitten wie wir. Er kann uns sehr gut verstehen, wenn wir unter Versuchungen leiden. Und er sagt uns: Versuchungen müssen kommen. Gerade für Menschen, die Gott ernst zu nehmen versuchen, kommen Versuchungen. Und diese Versuchungen sind keine Sünde, keine Schuld. Ihr dürft Euch ihrer nicht schämen, nicht anklagen.

Ich lade Sie ein: lesen Sie noch einmal die Erzählung von den Versuchungen Jesu. Und dann fragen Sie sich: wo liegen meine hauptsächlichen Versuchungen? Wo liegen meine Gefahren? Wo muss ich aufpassen, vorsichtig sein, wo sind meine Schwachstellen? Und dann danken Sie Gott für alles, was Er gibt und gegeben hat.

Heute sind es noch 160 Kilometer bis Jerusalem

 

***

 

Komm, o Geist der Heiligkeit!

Aus des Himmels Herrlichkeit, sende deines Lichtes Strahl!
 Vater aller Armen du, aller Herzen Licht und Ruh’, komm mit deiner Gaben Zahl!
Tröster in Verlassenheit, Labsal voll der Lieblichkeit, komm, du süßer Seelenfreund!
In Ermüdung schenke Ruh’, in der Glut hauch Kühlung zu,

tröste den, der trostlos weint.
O du Licht der Seligkeit, mach dir unser Herz bereit, dring in unsre Seelen ein!
 Ohne Dein lebendig Wehn nichts im Menschen kann bestehn,

nichts ohn’ Fehl und Makel sein.
 Wasche, was beflecket ist, heile, was verwundet ist, tränke, was da dürre steht.
 Beuge, was verhärtet ist, wärme, was erkaltet ist, lenke, was da irregeht.
 Heil'ger Geist, wir bitten dich, gib uns allen gnädiglich deiner Gaben Siebenzahl.
 Spende uns der Tugend Lohn, lass uns stehn an deinem Thron,

uns erfreun im Himmelssaal.

Amen.  Alleluja!

 

 4. Jesus verkündet das Reich Gottes

140 Kilometer bis Jerusalem

Heute geht es um das ganz zentrale Tun Jesu: seine Verkündigung des Reiches Gottes. Sein eigentliche Botschaft, die er wohl immer wiederholt hat, lautete: „Kehrt um, das Reich Gottes ist nahe.“ Schon Johannes der Täufer hatte dazu aufgerufen, sich zu bekehren, sein Leben zu ändern und zu bessern, sich von den Sünden abzuwenden. Bei Jesus kommt etwas Entscheidendes, etwas Neues dazu. Er ruft den Menschen zu: das Reich Gottes ist  j e t z t  nahe gekommen, das Reich Gottes ist  j e t z t da. Man hat den Eindruck: das Reich Gottes ist jetzt da, weil eben Jesus da ist. Er erhebt damit indirekt den Anspruch, nicht nur ein Mensch, sondern Gott zu sein, denn in Ihm ist die Autorität Gottes in der Welt erschienen. Er bringt das Reich Gottes, Er  i s t  das Reich Gottes.

Stellen wir uns eingangs wieder vor das Angesicht Gottes und lassen uns von Ihm anschauen. Und schauen wir zurück: Was hat uns die Auseinandersetzung mit Johannes dem Täufer gebracht, was sagt er uns? Was haben sie durch ihn erkannt? Und bitten wir für heute Gott, dass er uns ein wenig Verständnis gibt von dem, was Er mit Reich Gottes meint.

Es mag ganz einfach sein, das zu verstehen, was Jesus mit Reich Gottes meint. Aber man kann sicher auch sagen: es ist sehr geheimnisvoll, es ist nicht leicht zu verstehen. Man muss sich langsam herantasten, man muss wirklich nach dem Verständnis suchen.

Erinnern wir uns an die vielen Vergleiche, die Jesus für das Reich Gottes bringt. Offenbar kann man es gar nicht mit wenigen präzisen Worten ausdrücken: Das Reich Gottes ist zu vergleichen mit einem Schatz im Acker, mit einer kostbaren Perle. Der Finder ist bereit dafür alles andere aufzugeben. Das Reich Gottes ist auch wie Sauerteig, der den ganzen Teig durchsäuert und verändert, der also eine heimliche Kraft, eine verborgene Energie hat. Das Reich Gottes ist zu vergleichen mit dem Säen der Samenkörner. Von ihnen tragen einige wundervolle Frucht, aber viele bringen auch nichts. Und das Reich Gottes ist wie guter Same, zu dem dann aber auch schlechter Same dazu kommt. Jesus sagt; man solle ihn wachsen lassen bis zur Ernte. Und noch einmal: das Reich Gottes ist wie ein winziges Samenkorn, das dann aber zu einem riesigen Baum heranwächst. Jesus hat unendliche Bilder – und ohne Bilder sprach er vor dem Volk überhaupt nicht. Nur die Apostel erhielten einen Anfang des Verstehens, aber auch nicht viel mehr.

Die Theologen sagen: Mit Reich Gottes ist einfach die Nähe Gottes gemeint. Es ist gemeint, dass Gott endlich die Herrschaft antritt, und dass sich die Welt nach Ihm und seiner Ordnung richten muss. Die Kundigen der heiligen Schrift sagen: zurzeit Jesu erwarteten viele gläubige Juden das Kommen des Gottesreiches, das Kommen des Messias. Es war Endzeitstimmung. Gerade die Frommen meinten, nun endlich müsse das Reich der Gerechtigkeit und des Friedens hereinbrechen. Jesus lag also auf der Linie seiner Zeit. Und doch war er ganz anders als die anderen Reich-Gottes-Propheten. Das zeigt sich schon daran, dass er nicht wünschte, dass man von ihm als Prophet oder König spricht. Die Fachleute nennen das das „Messias-Geheimnis“. Er will nicht als Messias bekannt werden, weil sie eine falsche Messias-Vorstellung hatten, weil er mit einem falschen Etikett ausgezeichnet werden wollte, keine falschen Erwartungen wecken oder bestätigen wollte. Ich vermute, dass überhaupt die Menschheit erst erkennen konnte, was Er wirklich ist, nachdem er für die Welt gestorben war, und vom Vater auferweckt worden ist. Der Messias ist der Gestorbene und Auferstandene. Der Wundertäter und Verkünder ist nur ein Torso des Messias.

Ein entscheidendes Wort über das Reich Gottes haben wir noch nicht genannt: Es ist die Bitte im Vater-Unser: „Dein Reich komme“. Wir sollen allezeit um das Kommen des Reiches Gottes bitten. Das Kommen und Wachsen des Gottesreiches hängt auch davon ab, ob wir darum bitten. Das Reich Gottes kommt nicht mit einem Schlag, auf ein Mal, sondern es kommt durch die ganze Geschichte der Menschheit hindurch.

Und noch ein Wort über das Reich Gottes fehlt: Jesus sagt: „Geht nicht hierhin und dorthin, um das Reich Gottes zu finden. Denn das Reich Gottes ist in Euch.“ Das Reich Gottes sei in den Menschen, in uns.

Ich meine, wir Christen fast 2000 Jahre nach Jesus haben es eigentlich leichter, zu verstehen, was Reich Gottes bedeutet, wenn wir nämlich zurückschauen in die Geschichte des Christentums und der Kirche. Wenn man so die großen Christen anschaut, die Heiligen, dann kann man doch den Eindruck haben, dass rund um solche großen Christen das Reich Gottes aufgeblüht ist. Denken wir an den Heiligen Franz von Assisi. Er hat doch etwas ausgestrahlt, dass die Welt hell und warm wurde. Man könnte fast sagen: eine Kraft ging  von ihm aus, die die Menschen anzog, die die Menschen in der Umgebung einlud, es ihm gleich zu tun. Durch ihn und seine Freunde wurde die Welt hell und warm und menschlich. Das Wort Gottes wurde lebendig, er wurde ein Zeichen, ein Symbol Christi. Das zeigen auch die Wundmale, die ihm geschenkt wurden.

Oder denken wir an die heilige Elisabeth von Thüringen. Um sie wurde die Welt hell und warm und menschlich. Und denken wir an den Heiligen Benedikt und seine Mönchsregel. Von ihm ging gleichsam ein Strahl aus, der bis heute leuchtet. Er ließ das Reich Gottes wachsen, weil er die Perle und den Schatz entdeckt hatte. Oder denken wir an den Heiligen Ignatius von Loyola. Von ihm ging die Reform der katholischen Kirche aus. Das Reich Gottes konnte in Tausenden von Schulen und in deren Schülern wachsen. Reich Gottes wird immer wieder auch greifbar und sichtbar. Aber es ist doch innerlich im Herzen des Menschen. Aber je mehr Menschen es sind, in denen das Reich Gottes wächst, umso mehr wird die Welt hell und warm Also aus dem winzigen Senfkorn, das Jesus selbst war, ist ein Baum gewachsen. Jeder Baum ist immer auch anfällig. Er lebt immer von dem Licht und dem Regen, nie nur aus sich selbst. So auch der Baum des Gottesreiches. Er lebt von der immer wieder einfallenden Gnade Gottes.

Aber wir müssen auch einen Blick in die Zukunft richten – nicht nur in die Vergangenheit. Das Reich Gottes wird erst am Ende der Zeit vollendet sein. Wir gehen zu auf dieses Ende der Zeit. Christen leben vom Blick auf die Vollendung der Geschichte. Erst dann wird Gott alles in allem sein. Dann wird Christus das vollende Reich dem Vater übergeben.

Und die Kirche – wir Getaufte – wir sind berufen, das Reich Gottes nicht nur zu entdecken, sondern auch es voranzutreiben. Wodurch treiben wir es voran? Durch Glaube, Hoffnung und Liebe. Jeder Christ, jeder Getaufte kann Bausteine beitragen zum Bau von Glaube, Hoffnung und Liebe.

Man kann noch ein anderes Bild anschauen: Am Ende der Zeiten soll das Bild Christi, des Herrschers über Welten und Zeiten, über dem Kosmos aufscheinen. Es wird zusammengesetzt sein aus Tausenden von Mosaiksteinen. Jeder Getaufte ist ein Mosaikstein. Jeder Getaufte leistet einen Beitrag dazu, dass das Bild Christi vollendet wird und in vollem Glanz aufscheint. Jeder ist nötig, keiner darf fehlen.

Und nicht nur die Getauften, diejenigen, die um Christus wissen, tragen bei zur Gestaltung des vollen Antlitzes Christi. Auch die Nicht-Getauften tragen dazu bei. Auch sie können das Antlitz Christi strahlen lassen. Nur wissen sie nicht um ihre Möglichkeit und ihre Berufung. Wir aber wissen es, wir kennen unsere Berufung. Wenn das Reich Gottes in uns wächst, dann werden wir gute Mosaiksteine am Antlitz Christi. Wenn wir es wachsen lassen, wenn wir den Heiligen Geist in uns wirken lassen, dann erscheint am Ende der Zeit Christus strahlend über der Welt.

Ich schlage ihnen vor, folgenden Abschnitt aus dem Mathäus-Evangelium zu betrachten:

Mathäus 13, 31 – 33

 

Jesus erzählte ihnen ein weiteres Gleichnis und sagte: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte.

Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hoch gewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.

Und er erzählte ihnen noch ein Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau unter einen großen Trog Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert war.

 

Matthäus 13. 44 – 53

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alle, was er besaß, und kaufte den Acker.

Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte sie.

Weiter ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Netz, das man ins Meer warf, um Fische aller Art zu fangen. Als es voll war, zogen es die Fischer ans Ufer; sie setzten sich, lasen die guten Fische aus und legten sie in Körbe, die schlechten aber warfen sie weg. So wird es auch am Ende der Welt sein: Die Engel werden kommen und die Bösen von den Gerechten trennen und in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen.

Habt ihr das alles verstanden? Sie antworteten: Ja.

Da sagte er zu ihnen: Jeder Schriftgelehrte also, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt. Als Jesus diese Gleichnisse beendet hatte, zog er weiter.

 

Und nun zum Schluss lade ich sie ein, nachzudenken über ihre persönliche Berufung? Wozu sind sie in ihrem Leben eingeladen? Welchen besonderen Beitrag können sie für das Wachsen des Reiches Gottes zu leisten? Es kann sein, dass sie nach außen hin etwas schaffen müssen, dass sie eine bestimmte Verantwortung haben für andere Menschen, in ihrem Beruf. Es kann aber auch sein, dass sie ihren Beitrag im Leiden, in der Geduld leisten müssen. Auch das Stillhalten, das Tragen und Ertragen ist ein Beitrag zum Wachsen des Reiches Gottes. Ja – vielleicht sogar der wichtigste Beitrag. Großes wird meist nicht ohne Leiden erreicht. Wirklich Großes braucht ein Maß an Leiden, an Sterben und Tod. Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es stirbt, bringt es viele Frucht.

Es geht also heute um das Reich Gottes in uns und um uns. Ich lade sie ein, folgenden Text aus dem Evangelium zu lesen und zu betrachten und sich vor allem nach ihrer persönlichen Berufung zu fragen. Und danken sie Gott für alle Einsichten und Erkenntnisse, die er ihnen schenkt.

 

Heute sind es noch 140 Kilometer nach Jerusalem

 

***

 

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade.

Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten dich an, wir rühmen dich und danken dir,

denn groß ist deine Herrlichkeit:

Herr und Gott, König des Himmels, Gott und Vater, Herrscher über das All,

Herr, eingeborener Sohn, Jesus Christus. Herr und Gott,

Lamm Gottes, Sohn des Vaters, du nimmst hinweg die Sünde der Welt:

erbarme dich unser;

du nimmst hinweg die Sünde der Welt: nimm an unser Gebet;

du sitzest zur Rechten des Vaters: erbarme dich unser.

Denn du allein bist der Heilige, du allein der Herr, du allein der Höchste,

Jesus Christus, mit dem Heiligen Geist,

zur Ehre Gottes des Vaters. Amen.


 
5. Jesus beruft Jünger, die ihm folgen

120 Kilometer bis Jerusalem

Heute geht es um die Jüngerschaft. Jesus hat Jünger berufen.

Eingangs erinnern wir uns daran, dass Gott uns sieht, bei uns ist.

Schauen wir zurück. Das letzte Mal ging es um das Beten Jesu und unser Beten. Ist mir in meinem Betrachten etwas aufgegangen, was sollte ich nicht vergessen, habe ich Fragen? Was soll ich aufschreiben?

Und nun bitten wir, dass wir dem Ruf Jesu folgen, gerade auch dem ganz speziellen Ruf, der an mich geht.  Für uns persönlich gilt von Anfang an die Frage: Glaube ich daran, dass auch ich von Jesus berufen bin, sein Zeuge zu sein? Wie lebe ich diese Berufung?

Lesen wir zu Anfang Lukas 6, 12 – 16

In diesen Tagen ging Jesus auf einen Berg, um zu beten. Und er verbrachte die ganze Nacht im Gebet zu Gott. Als es Tag wurde, rief er seine Jünger zu sich und wählte aus ihnen zwölf aus; sie nannte er auch Apostel. Es waren: Simon, dem er den Namen Petrus gab, und sein Bruder Andreas, dazu Jakobus und Johannes, Philippus und Bartholomäus, Matthäus und Thomas, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon, genannt der Zelot,

Judas, der Sohn des Jakobus, und Judas Iskariot, der zum Verräter wurde.

 

Wir müssen bei der Jüngerberufung durch Jesus ganz klar unterscheiden zwischen dem großen Kreis von Menschen, die ihm auf den Füßen nachfolgten, weil sie gleichsam an seinen Lippen hingen, weil sie geheilt worden waren oder geheilt werden wollten, weil sie von ihm einen politischen Umstutz in Israel erhofften, weil sie in Ihm einfach eine gute Unterhaltung und Unterberechung der Langeweile sahen. Auch das gibt es – sogar heute.

Das ist der große Kreis, aus dem Jesus später auch noch die 72 auswählen wird, die er vor sich her sendet. Und eigens erwähnen muss ich den Kreis von Frauen, der Jesus folgt. Wir müssen uns die Welt von damals wirklich sehr anders vorstellen als unsere Welt: Frauen waren damals in der Regel noch viel unfreier und an Haus und Mann und Kinder gebunden als wir es uns vorstellen können. Höchstens fragwürdige Frauen verhielten sich in unserem Sinne frei. Dennoch: es gab einige, die Jesus folgen konnten und folgten. Es heißt, sie hätten ihn bedient, also ihm Dienste geleistet und – so möchte ich anfügen – sicher haben sie ein gutes Zeugnis von Ihm gegeben.

Und nun kommen wir zum dem inneren Kreis, der uns heute besonders interessiert. Es sind die Zwölf. Jesus wählt zwölf Männer. Sie symbolisieren das neue Volk Gottes, den neuen Bund in Anlehnung an den alten Bund mit den zwölf Stämmen Israels. Jesus baut einen neuen Bund auf. Es ist eine wichtige Symbolhandlung.

Aber – nun fragen wir wieder sehr menschlich – hätte Jesus seine Ziele nicht viel besser alleine erreichen können? Er konnte aufgrund seiner Gottesnähe überzeugend sprechen, er konnte heilen. Er war umstürzend gut und anders. Seine Zwölf waren – wie wir nachlesen können – eher sehr hausbacken. Sie haben gestritten, wer der Erste und Beste unter ihnen sei. Sie sind geflohen, als es gefährlich wurde, keiner von ihnen hat etwas gebrüllt, als Pilatus fragte, ob man Jesus oder Barabbas hinrichten sollte, keiner hat Jesus  beim Kreuztragen geholfen. Ein einziger soll unter dem Kreuz gestanden haben. Kurz: sie haben zu 99 Prozent versagt. Da kann man schon fragen, ob diese Männer nur wirklich das Richtige waren, um den Neuen Bund aufzubauen. Ob nicht Jesus weiter gekommen wäre, wenn er alles selbst und allein in die Hand genommen hätte.

Schon die Frage zeigt: es geht nicht um Effizienz, sondern um eine neue Schöpfung. Sie fängt arm und schwach an, und wir sollen vertrauen, dass Gott gerade mit Armem und Schwachem etwas anfangen kann. Ja, dass er gerade Armes und Schwaches braucht.  Denn Reiche und Starke würden sich den Erfolg selbst zuschreiben.

In der Wahl der Zwölf zeigt sich ein Grundgesetz Gottes: Gott will Menschen brauchen. Aber er braucht Menschen, die sich den Erfolg nicht selbst zuschreiben, sondern die so weise sind, dass sie jeden Erfolg des Reiches Gottes Gott und nicht sich selbst und ihrer Qualifikation zuschreiben.

Nun haben wir das Stichwort: Reich Gottes. Es geht bei der Wahl der Zwölf um das Reich Gottes, um dieses Grundanliegen Jesu. Daher werden diese Zwölf auch ausgesandt, um das Reich Gottes zu verkünden. Als Zeichen, dass dieses Reich vor der Türe steht, sollen sie auch heilen und böse Geister austreiben. Aber das sind nur Zeichen, das ist nicht das Eigentliche. Das Eigentlich ist die Herrschaft Gottes in den Herzen der Menschen. 

Schauen wir uns diese zwölf Männer ein wenig genauer an: Wir wissen nur wenig über sie. Am besten kennen wir denjenigen, den Jesus selbst eindeutig zu ihrem Chef beruft: Simon Petrus. Man könnte es fast eine Ironie nennen, dass Jesus diesen etwas vorlauten und wankelmütigen Fischer einen „Fels“, einen „Petrus“ nennt. Ausdrücklich heißt es in der Heiligen Schrift, dass Jesus ihn so genannt hat. Vielleicht will Jesus dadurch andeuten, dass alles Qualifizierte an diesem Menschen nicht aus seiner Natur, seinen Anlagen kommt, sondern von seiner Berufung, seinem Glauben an Jesus. Als reiner Mensch ist er das Gegenteil von fest und zuverlässig, als Mann Gottes kann er es sein oder besser, er kann es werden. Auch er hat wie die anderen Jesus sitzen lassen als es gefährlich wurde, ja er hat sogar ausdrücklich  behauptet, Jesus nicht zu kennen. Wäre er nicht so vorlaut gewesen, dann wäre er erst gar nicht in den Palast des Hohen Priesters gegangen. Aber er kannte sich noch sehr wenig. Er hätte ja auch daran denken können, wie er vorlaut aus dem Boot stieg, auf Jesus zuging und dann Angst bekam. Petrus hat spät gelernt. Aber immerhin: er hat gelernt.

Dann die beiden Brüder Jakobus und Johannes. Donnersöhne  werden sie im Evangelium genannt, weil sie wohl den Mund ein wenig zu voll nahmen, Feuer auf die Dörfer herab rufen wollten, die Jesus nicht aufnahmen. Sie waren zwar bei Jesu Verklärung dabei, aber als es Jesus so schlecht ging – am Ölberg – da sind sie eingeschlafen.

Schön, dass das Evangelium gerade auch diese Grenzen der Zwölf erzählt.

Von Bartholomäus oder Nathanael wissen wir nur, dass er frech sagte: Wie kann aus Nazareth was Gutes kommen.

Von Mathäus oder Levi wissen wir, dass er ein Ausbeuter war, bevor er zu Jesus kam.

Von Thomas wissen wir, dass er skeptisch war und nicht glauben wollte, dass Jesus von den Toten erstanden war. Vorher hatte er resignierend gesagt: lasst uns mit Jesus gehen und mit ihm sterben. Aber als es dann drauf ankam, ergriff auch er das Hasenpanier. Viel mehr wissen wir von den Zwölfen nicht.

Aber es ist tröstlich, dass wir so viel Negatives von ihnen wissen. Jesus braucht auch heute keine Helden. Er braucht uns, so wie wir sind. Was ist zu schlussfolgern: Die Kirche ist keine Gemeinschaft von Heiligen, sondern von Sündern, allerdings von Sündern, die wissen, dass  sie sich umkehren müssen, wenn sie zu Jesus gehören wollen.

Jesus sagt selbst, er sei nicht gekommen, Gerechte zu  berufen, sondern Sünder.

Diese sündigen Zwölf sind der Anfang des neuen Volkes Gottes. Sie sind der Kern. Wir nennen die Kirche heute gerne „Volk Gottes“. Das ist gut und richtig so. Auch das Zweite Vatikanische Konzil hat die Kirche so genannt. Aber dieser Titel muss durch einen anderen ergänzt werden: die Kirche ist auch Leib Christi. Die einzelnen Christen sind Glieder oder Zellen am Leib Christi. Sie werden durch die Sakramente geheimnisvoll in diesen Leib eingefügt. Wenn wir das vergessen und die Kirche nur oder vor allem als Volk Gottes bezeichnen, dann sind wir in der Gefahr, die Kirche nur soziologisch zu sehen. Dann könnten wir meinen, wir könnten selbst die Kirche aufbauen, die Kirche sei Werk des Menschen, das man bei gutem Willen und Sachkenntnis aufbauen könne. Das ist falsch. Wir können es nicht. Die Apostel konnten es nicht. Denn sie wurden durch Jesus geheimnisvoll in Ihn selbst eingegliedert, in seinen geheimnisvollen Leib. Er sagt im Johannesevangelium: Wie ich im Vater bleibe, so bleibe ich in Euch und Ihr bleibt in mir. Das geschieht durch Taufe und Eucharistie. Wir bauen nicht Kirche, sondern wir werden in seinen geheimnisvollen Leib, die Kirche durch unsere Sterben in der Taufe eingegliedert. Nicht wir entscheiden, sondern Er entscheidet. Nicht wir machen etwas, sondern Er macht etwas mit uns. So heißt es ja eben auch im Evangelium: nicht Ihr habt mich erwählt, sondern ich habe Euch erwählt. Kirche ist also nicht Menschenwerk, sondern Gottes Werk Sie wächst organisch. Am besten können wir dazu beitragen, wenn wir gesunde und lebendige Glieder oder eher Zellen an Seinem Leib sind. Wenn wir in unseren Seelen krank sind, wird die Kirche dadurch krank. Jede unserer Fehlhaltungen schadet dem Organismus der Kirche.

Gehen Sie bei der Betrachtung aus von der Stelle Lukas 6, 12 – 16.

Wir können dann in unserer Betrachtung den Kreis der Zwölf anschauen mit ihren Stärken und Schwächen. Und vor allem an uns selbst die Frage: Glaube ich daran, dass auch ich durch die Taufe von Jesus berufen bin, sein Zeuge in der Welt zu sein? Und wie lebe ich diese Berufung? Und danken wir dem Herrn für unsere  Berufung in den Kreis der Jünger, auch wenn wir ganz unwürdig sind. Fragen Sie sich, welchen Platz Er für Sie in der Kirche vorgesehen hat.

Heute sind es noch 120 Kilometer bis Jerusalem.

 

***

 

Nichts soll dich ängstigen,

nichts dich erschrecken.

Alles geht vorüber.

Gott allein bleibt derselbe

Alles erreicht de Geduldige,

und wer Gott hat,

der hat alles.

Gott allein genügt.

 

Teresa von Avila

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6. Jesus und Johannes der Täufer

100  km bis Jerusalem

  

Neben Jesus, der Gottesmutter Maria, den Aposteln gibt es im Neuen Testament eine erstaunliche Gestalt, das ist Johannes der Täufer. Wir wollen uns heute mit ihm und seinem Verhältnis zu Jesus und vor allem mit dem Urteil Jesu über ihn befassen. Johannes der Täufer kann jedem von uns etwas Bestimmtes sagen.

Doch ich lade Sie zunächst wieder ein, zurückzuschauen auf die Berufung der Jünger. Ist ihnen etwas aufgegangen? Hat Jesus ihnen vielleicht etwas Besonderes sagen wollen?  Nun stellen wir uns wieder bewusst in die Gegenwart Gottes und bitten ihn, Johannes den Täufer und seinen Glauben besser kennen zu lernen. Fragen Sie sich bitte, was Johannes der Täufer ihnen speziell sagt. Hören sie gut hin, damit sie herausfinden, was er ihnen sagen könnte.

Doch lesen wir zunächst Lukas 7, 18 – 35

„Johannes der Täufer erfuhr alles von seinen Jüngern. Da rief er zwei von ihnen zu sich, schickte sie zum Herrn und ließ ihn fragen: Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten?

Als die beiden Männer zu Jesus kamen, sagten sie: Johannes der Täufer hat uns zu dir geschickt und lässt dich fragen: Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten?

Damals heilte Jesus viele Menschen von ihren Krankheiten und Leiden, befreite sie von bösen Geistern und schenkte vielen Blinden das Augenlicht.

Er antwortete den beiden: Geht und berichtet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen wieder, Lahme gehen, und Aussätzige werden rein; Taube hören, Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet. Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.

Als die Boten des Johannes weggegangen waren, begann Jesus zu der Menge über Johannes zu reden; er sagte: Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt? Oder was habt ihr sehen wollen, als ihr hinausgegangen seid? Einen Mann in feiner Kleidung? Leute, die vornehm gekleidet sind und üppig leben, findet man in den Palästen der Könige. Oder was habt ihr sehen wollen, als ihr hinausgegangen seid? Einen Propheten? Ja, ich sage euch: Ihr habt sogar mehr gesehen als einen Propheten. Er ist der, von dem es in der Schrift heißt: Ich sende meinen Boten vor dir her; er soll den Weg für dich bahnen.  Ich sage euch: Unter allen Menschen gibt es keinen größeren als Johannes; doch der Kleinste im Reich Gottes ist größer als er. Das ganze Volk, das Johannes hörte, selbst die Zöllner, sie alle haben den Willen Gottes anerkannt und sich von Johannes taufen lassen. Doch die Pharisäer und die Gesetzeslehrer haben den Willen Gottes missachtet und sich von Johannes nicht taufen lassen.  Mit wem soll ich also die Menschen dieser Generation vergleichen? Wem sind sie ähnlich? Sie sind wie Kinder, die auf dem Marktplatz sitzen und einander zurufen: Wir haben für euch auf der Flöte (Hochzeitslieder) gespielt und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen und ihr habt nicht geweint. Johannes der Täufer ist gekommen, er isst kein Brot und trinkt keinen Wein und ihr sagt: Er ist von einem Dämon besessen. Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt; darauf sagt ihr: Dieser Fresser und Säufer, dieser Freund der Zöllner und Sünder!

Und doch hat die Weisheit durch alle ihre Kinder Recht bekommen.“

 

Nehmen wir drei Szenen:

Erstens: Johannes der Täufer predigt in der Wüste – unweit vom Jordan. Man kann sich sofort fragen: wenn er Menschen zur Umkehr führen will, warum stellt er sich dann nicht ins Zentrum von Jerusalem – vor den Tempel, warum zieht er nicht von Ort zu Ort wie Jesus das getan hat? Und das Erstaunliche: die Leute kommen zu ihm in seine Einsamkeit. Warum kommen sie? Weil er seltsam gekleidet ist, weil er sich seltsam ernährt? Vielleicht kommen sie einfach, weil er seltsam ist, weil er ein Spektakel ist. Es gibt ja solche Menschen, die einfach ein Spektakel sind, ein Schauspiel für Engel und Menschen. Ja – erstaunlicherweise kommen sie zu ihm, aber offenbar nicht nur zum Glotzen, sondern sie lassen sich von ihm taufen zum Zeichen ihrer Umkehr zu Gott, als Zeichen der Busse. Also, was Jesus später erlebt, nämlich, dass tatsächlich Menschen sich bekehren, umkehren, das geschieht auch bei Johannes. Umkehrpredigt scheint nicht immer ganz umsonst.

Auch Jesus kommt zu Johannes, sich taufen zu lassen. Warum, er hat es doch gar nicht nötig? Streifen wir nur am Rande, dass bei seiner Taufe die Stimme von Himmel kommt: Dies ist mein geliebter Sohn, ihn sollt ihr hören. Jesus will ganz einer von uns sein und reiht sich daher ein in die Schar der Umkehrwilligen und dieser Abstieg wird dann zu seiner Bestätigung: Ihn sollen wir hören.

Es geht uns aber hier um Johannes. Daher die zweite Szene

Zweitens: Johannes hat Zweifel, ob Jesus wirklich der erwartete Messias ist. Die Zweifel kommen ihm, als er im Gefängnis sitzt. König Herodes hat ihn festgenommen, Herodes Frau wollte den Bußprediger schon lange beseitigen lassen, da er öffentlich kritisierte, dass der König mit seiner Schwägerin illegal zusammenlebte. Herodes selbst hatte irgendwie Hochachtung und Respekt vor Johannes. Er kam aber nicht darum herum, Johannes zu opfern. Er musste sein Versprechen einlösen, seiner Stieftochter alles zu geben, was sie wünschte, wenn sie vor ihm tanzte. Sie verlangte das Haupt des Johannes. Vorher aber hatte dieser Gefangene im Kerker doch Zweifel, ob Jesus denn wirklich der Erwartete sei. Wie schlimm müssen diese Zweifel für ihn gewesen sein, gerade in dieser Situation. Im Kerker hatte er Tag und Nacht Zeit. Vermutlich hatte er auch Hunger und Durst. Gerade in dieser Situation braucht man etwas, woran man sich halten kann. Er konnte offenbar Kontakt aufnehmen zu seinen Freunden. Die brachten von Jesus das Wort zurück: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein. Das ist ein Zitat aus dem Profeten Jesaia. Es machte Johannes im Kerker klar: Jesus ist der erwartete Messias. So konnte er wohl in innerem Frieden sterben.

Und die dritte Szene: Jesus kommentiert das Auftreten des Johannes. Nachdem die Johannes-Freunde bei ihm gewesen waren, fragte er die Menschen, die ja ständig an seinen Lippen hingen: Was hat euch eigentlich an Johannes interessiert, warum seid ihr zu ihm hingegangen? Wolltet ihr ein schwankendes Schilfrohr sehen, wolltet ihr einen Mann in feinen Kleidern sehen? Nein – den seht ihr in Palästen. Oder wolltet ihr einen Propheten sehen? Das sind mehr rhetorische Fragen. Jesus erwartet keine Antwort. Aber dann sagt Jesus sehr erstaunliche Worte über Johannes, die wir lange in unseren Ohren klingen lassen sollten: Unter allen Menschen gibt es keinen größeren als Johannes. Nochmals: unter allen Menschen gibt es keinen größeren als Johannes. Jesus kannte Moses, David, Abraham. Er sagt wirklich: unter allen Menschen gibt es keinen größeren als Johannes.

Wir können Jesus ruhig oft fragen, warum er das so sagt. Aber dann geht es weiter und dann wird die Sache noch erstaunlicher: Doch der Kleinste im Reich Gottes ist größer als er. Also Johannes ist ein Riese, nicht zu übertreffen. Aber - aber – aber: wer in dem lebt, was Jesus verkündet – nämlich das Reich Gottes – wer also hier sein Zuhause hat, wer hier hingehört, wer hier atmet und lebt, ist größer als Johannes. Seltsam!

Ich wollte uns genau zu diesem Punkt hinführen, denn hier stehen wir vor einem Geheimnis. Und es ist gut, sich das ganz bewusst zu machen. Denn: Wir – die Getauften, die Christen, die in den Leib Christi geheimnisvoll, mysteriös Eingefügten, wir wären ja Menschen des Reiches Gottes – und wir wären größer als der, den Jesus als den größten vor und außerhalb des Reiches Gottes bezeichnet. Ich glaube, wir sollen einfach mit Fragen und Staunen vor diesem Mysterium stehen bleiben. Denn wir stehen vor dem Mysterium des Reiches Gottes. Wir sollten lange vor diesem Geheimnis stehen bleiben und Jesus bitten, dass er es uns ein wenig ahnen lässt.

Vielleicht hat es mit Folgendem zu tun: Wir sind als Christen durch die Taufe in den geheimnisvollen Leib Christi eingefügt. Wir sind Zellen an diesem Leib Christi. Wir sollen zwar versuchen, uns daher entsprechend zu verhalten. Aber letztlich hängt unsere Mitgliedschaft im Leib Christi nicht davon ab, wie perfekt wir sind, sondern sie ist einfach ein Geschenk. Johannes war in all seiner Größe eben nicht Mitglied am geheimnisvollen Leib des auferstandenen Christus. Er lebte noch vor Tod und Auferstehung Christi. Er wurde sogar dadurch erlöst, aber war kein Glied der Kirche, des geheimnisvollen neuen Leibes Jesu Christi.

Schauen wir zurück auf die große Persönlichkeit des Johannes: die Menschen kamen zu ihm, obwohl er nicht im Zentrum der Städte predigte. Sein Aufruf war so eindringlich, dass die Menschen zu ihm kamen. Eindringlichkeit und Überzeugung ziehen in sich. Warum sind viele Christen, warum ist die Kirche oft so wenig anziehend?

Zweitens: Auch ein solcher Mensch kann Glaubenszweifel haben, quälende Zweifel. Aber er glaubt dem Wort Jesu: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein. Er glaubt und stirbt in Frieden. Drittens: Er ist der Größte, aber jeder getaufte Christ ist als Glied des Volkes und Reiches Gottes größer als er.

Ich empfehle Ihnen als Einstieg für Ihre Betrachtung zu lesen Lukas 7, 18 bis 35.

Fragen Sie Gott, was Er Ihnen ganz persönlich durch Johannes den Täufer sagen will, und danken Sie Gott.

 

Heute sind es noch 100  Kilometer bis Jerusalem.

 

***

 

Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen.
Er lässt mich lagern auf grünen Auen

und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
Er stillt mein Verlangen; er leitet mich auf rechten Pfaden,

treu seinem Namen.
Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht,

ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir,

dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.
Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde.
Du salbst mein Haupt mit Öl, du füllst mir reichlich den Becher.
Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang,

und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit.

(Psalm  23)

 

7. Jesus wirkt in Kana sein erstes Wunder

80 Kilometer bis Jerusalem

Merkwürdig: Jesus wirkt sein erstes Wunder bei einer Hochzeitsfeier. Darauf weist das Johannesevangelium ausdrücklich hin. Nicht weil es hier wie bei anderen Wundern und Zeichen um Leben und Tod eines Menschen geht, sondern weil bei der Feier etwas schief zu gehen droht. Er rettet die Feier. Aber vielleicht müssen wir die Sache noch ein wenig von einer anderen Seite her betrachten, nämlich vom Schreiber des Johannes-Evangeliums. Es war entweder der Apostel Johannes selbst oder ein Schüler, der im Sinne und Auftrag seines Meistern schrieb. Im Johannes-Evangelium dreht es sich nie nur um Fakten, um Historie, sondern um tiefe theologische Aussagen, die in lebendige Bilder gekleidet werden. Was will der Evangelist mit der Erzählung von der Verwandlung von Wasser in Wein dem Gläubigen sagen? Was will er uns sagen?

Schauen wir an dieser Stelle zurück mit der Frage: Was haben wir durch die letzte Betrachtung erkannt, was sollten wir aufschreiben? Da wir wissen: Gott sieht in mein Herz, können wir ihn um das bitten, was wir uns persönlich in der heutigen Betrachtung wünschen. Lesen wir die Stelle über Kana im Johannes-Evangelium: Johannes 2, 1 - 12

Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut!  Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungsvorschrift der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist. Sie brachten es ihm. Er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn. Danach zog er mit seiner Mutter, seinen Brüdern und seinen Jüngern nach Kafarnaum hinab. Dort blieben sie einige Zeit.“

Ich gehe von dem Satz aus, dass Jesus bei der Hochzeit in Kana sein erstes Zeichen gewirkt hat, dass er so seine Herrlichkeit gezeigt habe, und dass seine Jünger an ihn glaubten. Erstes Zeichen! Herrlichkeit, griechisch Doxa, Glauben der Jünger. Mit dem Zeichen will Jesus etwas zeigen. Er will wohl zeigen, dass er Macht hat, dass er Alltägliches in Großes verwandeln kann, dass hinter Alltäglichem Großes steckt, sich verbirgt, dass auch Gott sich im Alltäglichen verbirgt. Ähnlich wie man aus Metall Funken schlagen kann, so kann Jesus in ganz Einfachem, Irdischen Himmlisches zeigen und schaffen. Er zeigt seine Herrlichkeit, dass mit ihm Göttliches in die Welt gekommen ist, dass Gott in ihm am Werk ist, dass das, was nur menschlich und irdisch scheint einen göttlichen Kern hat. Das ist seine Herrlichkeit. Es geschieht etwas Ähnliches wie bei der Verklärung auf dem Berg. Da werden das tiefste Innere und die wahre Größe Jesu den Augen der Jünger offenbart, sichtbar. Und nur dieser Blick der Jünger durch das Äußere, Oberflächliche hindurch auf das Tiefste, Innere macht Glauben möglich. Glaube ist der Blick in die Tiefe, ins Innere, über die Oberfläche hinaus. Dem Evangelisten geht es hier nicht um Geschichte, sondern um das Große, das Hintergründige, das Heilige Jesu. 

Und Jesus wirkt sein erstes Zeichen gerade bei einer Hochzeit. Der Blick vom Oberflächlichen auf das Tiefe geschieht meist nicht so sehr im Alltag, sondern in großer Stunde, besonders aber bei Fest und Feier, ja er geschieht gerade in der großen Stunden des Menschen, wenn zwei Liebende sich das Ja sagen.

Und noch ein Wichtiges: die Mutter Jesu. Sie wird nicht nur als erste Eingeladene genannt, sie wird auch eingeführt als diejenige, die als erste merkt: es fehlt etwas Wichtiges. Sie ist aufmerksam, einfühlsam.

Seltsam dann das Wort Jesu an sie: „Frau, was geht das mich an? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Er distanziert sich von ihr, weil sie offenbar einen Punkt angesprochen hat, der menschlichem Zugriff entzogen ist: seine Stunde. Diese wird gekommen sein, wenn Jesus mit seinen Jüngern den Abendmahlsaal verlässt. Dann ist seine Stunde des Gehorsams, des Leidens und der Auferstehung gekommen. Aber Maria reagiert mit den Worten: „Tut, was er euch sagt“.

Und der Wein, den Jesus dann schenken lässt, ist nicht irgendein Wein. Es ist sehr guter, der beste Wein. Vermutlich will der Evangelist damit sagen: Hier ist Göttliches in die Welt eingebrochen, hier gibt es nicht nur rein menschlichen Wein, sondern hier gibt es eine Gabe Gottes.

Ich möchte hier noch einen Abstecher in unsere Zeit machen. Jahrhunderte lang war es wohl möglich, dass Menschen sich das Ja-Wort fürs Leben gaben, ohne dass dies ein großes Risiko darstellte. Es war einfach gesellschaftlich so geregelt, dass ein Mann sich mit einer Frau verband, und dass dies im Normalfall auf Lebenszeit angelegt war. Genauer: Jahrhunderte lang haben die Eltern von Braut und Bräutigam den Partner, die Partnerin für ihre Kinder ausgesucht. Und das geschieht so auch heute noch in vielen Ländern. Und diese Verbindungen gingen und gehen auch heute noch oft erstaunlich gut. Wir dürfen als moderne Mitteleuropäer diese Art von Partnerwahl nicht lächerlich machen. Vielleicht kamen dabei sogar mehr dauerhafte und glückliche Verbindungen zustande als heute. Freilich: wir wollen auch nicht dahin zurück.

Nun ist das heute aber alles sehr anders. Zwei Menschen verlieben sich, lernen sich kennen, beschnuppern sich, wagen dann – wenn es gut geht - irgendwann das Ja-Wort. Wenn heutige Heiratende dieses ihr Ja-Wort ernst nehmen, dann können sie nur im Glauben und im Vertrauen auf Gott ihrem Partner das Ja fürs ganze Leben versprechen. Aus rein menschlicher Kraft ist es unmöglich, einem anderen Menschen, auch wenn er noch so geliebt ist, das Ja-Wort zu geben. Denn wer kennt sich selbst so gut, dass er einem anderen versprechen kann: ich werde immer zu dir stehen. Im Gegenteil: wir kennen uns selbst so gut, und wir wissen, wie viele Ehen sogar sehr schnell wieder in die Brüche gehen. Ich finde es sogar verständlich, ja sogar verantwortungsvoll, dass Menschen, die mit Gott nichts zu tun haben, sich weigern, dem Partner ein Ja fürs Leben zu geben. Wer nicht mit Gottes Hilfe rechnet, darf dem Anderen nichts versprechen, was ihn überfordert. Es ist anständig, dem Anderen nichts vorzumachen – gerade wenn man ihn liebt.

Nun aber positiv: Mit Gott, im Vertrauen auf seine Hilfe und seine Liebe ist es möglich, dem geliebten Anderen das Ja-Wort fürs Leben zu geben. Und Glaubende dürfen darauf vertrauen, dass Gott sie zu einander geführt hat. Glaubende wissen, dass es kein Zufall ist, dass sie sich getroffen haben. Gott hat es gefügt, dass sie sich kennen lernten, einander gefunden und lieben gelernt haben. Und das Vertrauen in diese göttliche Fügung gibt ihnen die Gewissheit, sich das Ja-Wort schenken zu dürfen. Nur Gott macht das Versprechen lebenslänglicher Treue möglich.

Ich habe dies ausgeführt, denn wie sich im rein menschlichen Geschehen der Hochzeit von Kana Gott zeigte und offenbarte, so zeigt sich Gott für den Glaubenden auch in der Begegnung und im Finden zweier Liebender.

Ich lade sie ein, den Text im Johannes-Evangelium über die Hochzeit von Kana zu betrachten. Und stellen sie sich gegen Ende ihrer Betrachtung folgende Fragen: In welchen Begebenheiten meines Lebens kann ich am leichtesten Gottes Fügung erkennen?

Was macht es mir schwer, Gott in meinem Leben am Werk zu sehen? Worauf möchte ich in Zukunft achten? Kann ich mir vornehmen, mich jeden Abend zu fragen, was Gott mir heute sagen wollte? Kann und soll ich das vielleicht sogar aufschreiben?

Abschließend danke ich Gott für alles, was er mir in der Betrachtung sagen wollte.

 

Heute sind es noch 80 Kilometer bis Jerusalem

 

***

 

Herr, unser Herrscher, / wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde; /

über den Himmel breitest du deine Hoheit aus.

Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob, /

deinen Gegnern zum Trotz; / deine Feinde und Widersacher müssen verstummen.

 Seh` ich den Himmel, das Werk deiner Finger, / Mond und Sterne, die du befestigt:

Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, /

des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, /

hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.

Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände, /

hast ihm alles zu Füßen gelegt:

All die Schafe, Ziegen und Rinder / und auch die wilden Tiere,

die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, /

alles, was auf den Pfaden der Meere dahin zieht.

Herr, unser Herrscher, / wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde!

Psalm 8

 

8. Jesus ringt um Jerusalem

60 Kilometer bis Jerusalem

Der Aufenthalt Jesu in Galiläa, im Norden des Heiligen Landes, wird oft als galiläischer Frühling bezeichnet. Denn dort hatte Jesus – wenn man so sagen kann – Erfolg. Es gab eine erstaunliche Jesus-Bewegung. Die Massen lauschten ihm, sie folgten ihm, um ihn zu hören, denn er sprach – wie es heißt – mit Autorität. Ganz anders als die Schriftgelehrten und die Lehrer in den Synagogen, die sich oft mit Kleinigkeiten in der Auslegung des Mosaischen Gesetzes herumschlugen. Jesus sprach mit Autorität. Und er heilte. Viele kamen zu ihm, baten um Heilung von verschiedenen Krankheiten und er heilte – wie es heißt – alle. Jesu Mission schien erfolgreich.

Und noch eines müssen wir beachten: Jesus spricht nicht nur mit Autorität, er beanspruchte auch Autorität. Er sagte Worte, die man als arrogant, ja sogar bösartig bezeichnen könnte, wenn man in Ihm nicht eine göttliche Autorität annehmen konnte. Ein solches rein menschlich gesehen arrogantes Worte war z.B. „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert“. Dann seine wiederholte Formulierung in der Bergpredigt: „Ihr habt von Mose gehört …Ich aber sage Euch“. Er stellte sich über Moses. Es gibt noch mehrere Stellen, wo Jesus so spricht wie man eigentlich nur als göttliche Autorität sprechen kann. Jesus sagte nie direkt: ich bin Gottes Sohn oder Offenbarer des Vaters, aber er verhielt sich so wie man es nur tun kann, wenn man göttliche Autorität beansprucht und hat. Sein Reden, Sein Wunderwirken und sein Auftreten brachten ihm in Galiläa viel Erfolg. Daher spricht man vom galiläischen Frühling.

Nach dieser kurzen Einführung lade ich nochmal ein, sich anfangs ganz bewusst vor Gott zu stellen und zu glauben, dass er sie sieht. Und dann bitten wir, dass wir sein eigentlichstes, tiefstes Anliegen verstehen mögen. Um es kurz zu sagen: Sein eigentlichstes Anliegen ist es, sein ganzes Volk und das heißt die Hauptstadt Jerusalem zu gewinnen, sein Herz zu erobern. Das ist das Thema der heutigen Betrachtung.

Man kann nämlich dem Evangelium entnehmen, dass es Jesus nicht genügte, viele Menschen in Galiläa gewonnen zu haben. Er musste auch um Jerusalem ringen und kämpfen, um das Herz des jüdischen Volkes, um die Seele des Volkes, das Gott sich in Liebe erkoren hatte: Jerusalem. Denn Jesus wusste sich gesandt, das ganze Volk Israel zu gewinnen, die Liebe der Braut, die Gott als Bräutigam sich erkoren hatte. Und das Herz, die Seele der Braut war Jerusalem. Und in Jerusalem waren es die Priesterschaft und die Schriftgelehrten, die das Volk repräsentierten. Deswegen richtete Jesus – wie es besonders im Lukas-Evangelium heißt – seine Augen nach Jerusalem. Und nachdem er seine Augen dorthin gerichtet hatte, ging er nach Jerusalem – und dies obwohl er wusste, dass er dort gekreuzigt werden würde. Man muss wirklich beachten, dass Mathäus, Markus und Lukas jeweils dreimal davon sprechen, dass Jesus sein Leiden voraussagt. Jesus geht also nach Jerusalem, weil er um die heilige Stadt ringen muss, weil er sein ganzes Volk gewinnen will und muss. Es reicht nicht, nur in Galiläa Früchte gesammelt zu haben. Zur Ernte gehört die Heilige Stadt und damit das ganze Volk.

Auf diesem Hintergrund müssen wir die Streitreden Jesu gegen Pharisäer und Schriftgelehrte, aber auch gegen die Sadduzäer und Hohenpriester lesen.

Beginnen wir mit der Szene, wo Jesus auf dem Ölberg sitzt und über das Tal hinüberschaut auf die Stadt Jerusalem und weint über die heilige Stadt. Setzen wir uns neben Jesus, schauen mit ihm hinüber und erinnern wir uns: Der große König David hat die Stadt angelegt, König Salomon hat den Tempel gebaut, später wurde das Heilige Volk vertrieben, verschleppt nach Babylon, aber es konnte zurückkehren, den Tempel wieder aufbauen. Im Tempel wurde der heilige Dienst verrichtet. Hierher war Jesus mit seinen Eltern jährlich gekommen. Diese Stadt als Symbol für sein Volk sollte und wollte er mit Liebe und Kraft erobern. Doch er wusste schon, dass all sein Liebesmühen umsonst sein würde. Er weinte - heißt es bei Lukas (19,41) - und sagte: „Wenn doch auch du an diesem Tage erkannt hättest, was dir Frieden bringt. Jetzt aber bleibt es vor deinen Augen verborgen.“

Und dann geht er in die Stadt hinein. Über seinen feierlichen Einzug werden wir am Palmsonntag sprechen. Und in der Stadt konfrontiert er die Mächtigen, die dort das Sagen haben. Hören wir sein Wehe:

Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer: ihr verschließt den Menschen das Himmelreich, ihr bindet ihnen Lasten auf, rührt sie aber selbst nicht an, weh euch ihr blinden Führer, ihr blinden Narren, ihr Heuchler, ihr Nattern, ihr Schlangenbrut, ihr tötet Propheten. Starke Worte, kein Wunder, dass die Angesprochenen bald beschließen, ihn zu töten. Jesus wirft ihnen vor, das Gesetz nur äußerlich zu erfüllen, „Ihr siebt Mücken aus und verschluckt Kamele“. Das heißt: ihr kümmert euch um äußerliche Kleinigkeiten, aber kümmert euch nicht um das, was das Gesetz wirklich will, um Liebe und Barmherzigkeit. Ihr reinigt Gefäße, innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung. So erscheint auch ihr von außen den Menschen gerecht, innen aber seid ihr voll Heuchelei und Ungehorsam gegen Gottes Gesetz.

Und weiter heißt es bei Mathäus „Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt. Aber ihr habt nicht gewollt. Darum wird euer Haus von Gott verlassen.“ (Mt.23,37ff)

Jesus ringt um seine Stadt, um die Führer des Volkes. Daher auch reinigt er den Tempel. Er war zu einer Markthalle verkommen. Gottesdienst und die Opfer, die Jesus nicht ablehnte, spielten nur mehr eine Nebenrolle. Und so weiß Jesus voraus, dass sie ihn packen, verhaften, den Römern ausliefern und umbringen werden. Er weiß voraus, dass sein Volk, seine Stadt nur durch seinen Tod und seine Auferstehung Heil finden werden. Und vergessen wir in diesem Zusammenhang nicht, dass alle ersten Christen Mitglieder seines Volkes waren, dass die ersten Martyrer Juden waren. Nicht    d i e   Juden haben Jesus abgelehrt und ermordet, sondern nur einige von ihnen, die Verantwortlichen.

Es ist ein verzweifeltes Ringen Jesu um seine Stadt, um sein Volk, um den Bund, den der Vater mit seinem Volk geschlossen hat.

Was betrifft das uns, uns Heutige?

Auch heute geht es Gott nicht nur um den einzelnen Menschen. Es geht ihm um alle Menschen. Daher wird die Kirche Sakrament zum Heil der Welt genannt. Die Kirche ist der lebendige Leib Christi, der durch alle Zeiten allen Menschen nahe sein soll. Durch die Kirche ringt Gott um die Menschen auf dem ganzen Globus.

Wir ältere Christen sind erzogen worden in dem Gedanken, dass wir unsere Seele retten sollen, damit wir in den Himmel kommen und nicht in die Hölle. Diese Sicht war nicht falsch, aber ein bisschen verengt. Denn es geht nicht nur um mich und um Einzelne, sondern es geht um die ganze Menschheit. Sie soll durch das Leben und Tun der Christen lernen, was es heißt den Nächsten zu lieben .Sie soll auch lernen, was es heißt: Gott liebt den Menschen und alle Menschen. Wie Jesus um seine Stadt, um sein Volk gerungen hat, so ringt Gott heute und zu allen Zeiten um die ganze Menschheit und wir in der Kirche sollen Instrument, Sakrament der Liebe Gottes sein.

So lade ich Sie jetzt zum Schluss ein sich ein paar Fragen zu stellen:

Bin ich mir darüber im Klaren, dass die Kirche, dass alle Getauften Sakrament für das Heil der Welt sind? Bin ich mir darüber im Klaren, dass ich persönlich dazu einen Beitrag leisten kann und soll? Entspreche ich dem? Bin ich mir darüber im Klaren, dass es also nicht nur um das Leben in der Pfarrgemeinde geht, sondern dass wir gemeinsam Salz der Erde, Licht der Welt sein sollen für meine Stadt, meine Gemeinde, mein Land? Bin ich mir darüber im Klaren, dass auch ich als ganz kleiner einfacher Mensch einen Beitrag leisten kann dafür, dass Christus zu den Menschen kommt, dass Christus von anderen verstanden wird? Verstehe ich selbst Christus? Was kann ich dazu tun, was muss ich dazu tun? Erinnern wir uns an das Ringen Christi um seine Stadt, um sein Volk. Helfen wir ihm beim Ringen um die Menschheit heute.

Und ich schlage vor, dass Sie betrachten

Lukas 19. 41-48

Als Jesus näher kam und Jerusalem sah, weinte er über sie und sagte: Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir Frieden bringt. Jetzt aber bleibt es vor deinen Augen verborgen. Es wird eine Zeit für dich kommen, in der deine Feinde rings um dich einen Wall aufwerfen, dich einschließen und von allen Seiten bedrängen. Sie werden dich und deine Kinder zerschmettern und keinen Stein auf dem andern lassen; denn du hast die Zeit der Gnade nicht erkannt.  Dann ging er in den Tempel und begann, die Händler hinauszutreiben.

Er sagte zu ihnen: In der Schrift steht: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht.  Er lehrte täglich im Tempel. Die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und die übrigen Führer des Volkes aber suchten ihn umzubringen. Sie wussten jedoch nicht, wie sie es machen sollten, denn das ganze Volk hing an ihm und hörte ihn gern.

 

Mathäus 23, 37 bis 39.

Jesus sagte: Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt, aber ihr habt nicht gewollt. Darum wird euer Haus (von Gott) verlassen. Und ich sage euch: Von jetzt an werdet ihr mich nicht mehr sehen, bis ihr ruft: Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn!

 

Heute sind es noch 60 Kilometer bis Jerusalem

 

***

 

Mein Herr und mein Gott, nimm` alles von mir,

was mich hindert zu Dir.
Mein Herr und mein Gott,

gib alles mir, was mich fördert zu Dir.
Mein Herr und mein Gott,

nimm mich mir und

gib mich ganz zu eigen Dir.

 

(Hl. Bruder Klaus von der Flue)






9. Die Gottesmutter und Gefährtin Maria

40 Kilometer bis Jerusalem

 

Heute geht es um die Gottesmutter Maria. Wir wollen versuchen, sie ein wenig näher kennen zu lernen.

Wir können uns anfangs so von Gott angeschaut glauben, wie   s i e  angeschaut wurde. Und wir können sie bitten, dass sie uns Jesus näher bringt.

Wir müssen von Folgendem ausgehen: einerseits geht aus der Heiligen Schrift wirklich nicht sehr viel über sie hervor. Andererseits aber hat sie im Lauf der Geschichte der Theologie und der Frömmigkeit eine sehr große Rolle gespielt.

Wo und wie finden wir sie in der Heiligen Schrift? Wir hören, dass ein Bote Gottes, ein Engel zu ihr kam, um ihr anzukündigen, dass sie durch den heiligen Geist einen Sohn empfangen werde, der groß sein und Sohn des Allerhöchsten heißen werde. Gott werde ihm den Thron seines Vaters David geben, er werde über das Haus Jakobs in Ewigkeit herrschen und seiner Herrschaft werde kein Ende sein.

Es kann wohl kaum anders gewesen sein, als dass sie viele Fragen dazu hatte und mit diesen Fragen leben musste. Und das ist sehr schwer. Wir dürfen uns nichts vormachen: nach allem, was man sich vorstellen kann, war das für sie höchst beunruhigend. Sie stand vor einem Berg von Fragen: Wie wird das sein, was wird ihr Verlobter sagen, was ihre Familie. Sollte sie ein ruhiges, unaufregendes Leben gesucht haben, so war es damit vorbei. Da braucht man schon viel Gottvertrauen, wenn man mit einem solchen Geheimnis leben soll. Sie wird wohl täglich gebetet haben: Ich vertraue, dass es schon irgendwie gehen wird. Gerade, wenn sie schon als junges Mädchen wirklich tief und echt Gott gesucht hat, dann hat sie wohl gewusst, dass Leben mit Gott eher aufregend ist. Also, alles andere als Idylle vom ersten Moment an. Das zeigt sich dann auch in der Geburt im fernen Bethlehem in irgendeinem Unterstand, in den seltsamen Besuchen beim Neugeborenen. Wenn schon ihr Bräutigam Josef von Anfang an solche Zweifel hatte, was er machen sollte, dass sie ihn im Schlaf verfolgten, so dürfen wir ruhig annehmen, dass Maria ähnliche Zweifel und Unsicherheiten plagten. Was sie mehr als andere Menschen brauchte, war der Glaube, dass Gott doch eben alles in der Hand hat. „Du bist voll der Gnade“ – das bedeutet: Gott traut Dir viel zu, er rechnet mit Deinem Glauben und Deinem Lieben. Die Aufregung in ihrem Leben mit Jesus zeigt sich dann besonders in der Szene, wo Jesus als 12-jähriger im Tempel zurück bleibt. Sie weiß schon: mit ihm wird es aufregend und unruhig bleiben. Es wird kein gemütliches Leben.

Sicher war es für Maria schön und erhebend, neben einem Menschen zu leben, der offenbar Gott, dem Vater im Himmel so nahe war. Aber es blieb aufregend, sehr ungemütlich. Denn vermutlich hat sich der heranwachsende Jesus – trotz aller Einfügung in die Familie – recht anders verhalten als seine Altersgefährten. Ich denke, er ging oft in aller Frühe auf Berge und Hügel, um allein zu beten. Ganz anders als andere junge Männer. Er ließ sich nicht verheiraten, was ganz unnormal war. Er verließ dann eines Tages Familie und Heimat und tauchte nach Monaten mit einer Gruppe von Anhängern auf, die an seinen Lippen hingen. Was werden die Nachbarinnen zu Maria gesagt haben? Vielleicht haben sie nur den Kopf geschüttelt. Aber einige wussten bald: Jesus spinnt, und du Maria hast ihn falsch erzogen, wir haben dich immer schon gewarnt, dass du alles falsch machst.

Es blieb nicht einfach, die Mutter des Mannes zu sein, der selbst die Autoritäten in Jerusalem beunruhigte. Ja – es wurde immer mehr ein Kreuz, seine Mutter zu sein. Sie zog dann mit ihm durchs Land, in Städte und Dörfer. Immer in der Gruppe, die hinter ihm her ging. Da er schon bald anfing, von seinem Konflikt in Jerusalem zu sprechen, und dass man ihn sogar beseitigen werde, da wurde es für seine Mutter immer schlimmer. Sie stand völlig hinter ihm, aber wie konnte sie zusehen, wie er in sein Verderben rennt. Vater, dein Wille geschehe, auch wenn ich ihn nicht verstehe. Das mag ihre ununterbrochene Bitte gewesen sein. Und sie sah, wie er nur den Willen des Vaters suchte und tat. Wie konnte sie ihn daran zu hindern versuchen?! Ihr Kreuzweg dauerte wenigstens drei Jahre. Nun waren sie alle in Jerusalem, Jesus exponierte sich durch sein Reden und die Tempelreinigung, er sprach vom Ende der Zeit, von „seiner“ Stunde. Und dann – eines Abends - war Maria nicht fern von dem Raum, wo Jesus sich mit den Seinen zum Pascha versammelte. Sie blieb draußen. Und sie verfolgte im Dunkel, wo er mit den Aposteln von dort hinging. Denn ich schließe nicht aus, dass sie der Engel war, der ihn tröstete, als ihm die Angst Blutschweiß aus den Poren trieb. Wir kennen den Fortgang. Ich bin sicher, dass sie seinen Kreuzweg mitging, immer so nah wie möglich bei ihm. Er sollte sehen, dass seine Mutter da war. Und dann sah er sie vom Kreuz herunter.  S i e  war da, die Berufenen nicht – außer einem.

Und dann erschien er auch  i h r  als der Auferstandener. Auch für  s i e wird das ebenso schön wie unglaublich gewesen sein. Doch sie hatte gelernt zu glauben, zu glauben, dass bei Gott kein Ding unmöglich ist.

Sicher war sie voll der Gnade. Diese Gnade brauchte sie auch, denn ihr ganzes Leben war ein Kreuzweg. Sie musste mit ansehen, wie ihr Sohn durch sein Tun den Zorn der Welt auf sich zog, und wie seine Freunde ihn verraten und verlassen haben. Sie musste zusehen, wie er gescheitert ist. Noch konnte sie nicht erleben, dass der Same, den er ausgesät hatte, viel später erstaunliche Frucht brachte. Noch konnte sie nicht erleben, dass er selbst als Samenkorn sterben musste, damit unendliche Frucht wachse.

Maria in Theologie und Geschichte

Das war ein rascher sehr persönlicher Gang durch das Leben der Gottesmutter. In der Bibel steht sie ganz im Schatten. Aus diesem Schatten aber tritt sie im Lauf der Geschichte der Theologie und Frömmigkeit heraus. Bis zum Jahr 380 streiten sich Bischöfe und Theologen darüber, wie man die Mutter Jesu nennen darf. Dann einigen sie sich: sie ist Gottes-Mutter, Theotokos, Gottesgebärerin. Sie ist die Frau, die Gott geboren hat, denn ihr Sohn war Mensch  u n d  Gott. Damit beginnt eine Art Siegeszug. Sowohl die Denker wie auch die Beter erkennen immer tiefer ihre Bedeutung für Glaube und Kirche. Sie wird in immer goldeneren Farben dargestellt. Sie steht an der Seite ihres Sohnes. Der Weg zu ihm führt oft über sie. Sie ist der Thron, auf dem Er thront. Sie zeigt Ihn der Welt, gibt Ihn der Welt. Und sie wird dargestellt, wie sie vom Vater im Himmel und von Christus die Krone empfängt. Und der Geist Gottes schwebt über ihr, wie er über den Wassern geschwebt war. Und sie thront über der Weltkugel, zertritt der Schlange das Haupt. Sie ist bekleidet mit der Sonne und der Mond liegt ihr zu Füßen. Und die Kirche definiert sie als unbefleckt Empfangene und als mit Leib und Seele in den Himmel erhobene. Und es entstehen immer mehr Heiligtümer, wohin die Gläubigen pilgern, damit sie sie dort um ihre Vermittlung zu Gott  bitten. Manche meinen fälschlicherweise, sie werde gar angebetet. Das aber ist völlig falsch. Sie wird um Hilfe bei Gott angerufen. Die Gläubigen wissen, Gott ist Geheimnis, Mysterium. Man kann sich Ihn letztlich nicht vorstellen. Bei Maria ist das anders: sie ist und bleibt ein Mensch, man kann sie sich vorstellen, darf es auch tun. Daher wenden sich viele Gläubige an sie, vertrauen auf sie. Man geht gern zur Mutter. Sie versteht, sie ist nahe.

Und in den letzten Jahrzehnten haben immer mehr Menschen gesagt, dass ihnen die Gottesmutter Maria erschienen sei. Manche dieser Erscheinungen wurden von der Kirche anerkannt, andere nicht. Entscheidend ist, dass die Gläubigen zu Christus geführt werden, dass ihr Leben durch die Begegnung mit der Gottesmutter reich und froh und schön wird. Die Gottesmutter darf den Blick auf Christus und den Vater im Himmel nicht verstellen, sondern muss ihn öffnen. Auf jeden Fall ist es hilfreich, sich in das Leben der Gottesmutter glaubend zu vertiefen.

Ich schlage vor, den Text des Magnificat langsam zu betrachten. In ihm preist Maria die Größe des Vaters im Himmel.

 

Lukas, 1, 46 - 55

„Meine Seele preist die Größe des Herrn, /und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.

Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. / Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.

Denn der Mächtige hat Großes an mir getan / und sein Name ist heilig.

Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht / über alle, die ihn fürchten.

Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: / Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;

er stürzt die Mächtigen vom Thron / und erhöht die Niedrigen.

Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben / und lässt die Reichen leer ausgehen.

Er nimmt sich seines Knechtes Israel an / und denkt an sein Erbarmen,

das er unsern Vätern verheißen hat, / Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“

 

Und dann können sie sich fragen: wie ist mein Verhältnis zu Maria, bin ich damit zufrieden, kann und soll ich es vertiefen, wie kann das geschehen? Wie kann Maria mir persönlich Hilfe zu Christus sein?

 

Heute sind es noch 40 Kilometer bis Jerusalem

 

***

 

Von guten Mächten


Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last,
ach, Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen
das Heil, für das Du uns bereitet hast.

Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus Deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört Dir unser Leben ganz.

Lass warm und still die Kerzen heute flammen,
die Du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all Deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Dietrich Bonhoeffer


 

10. Die Kreise Jesu

20 Kilometer bis Jerusalem

 

Wir schauen anfangs nochmal zurück: Was wollte Gott uns sagen, uns erkennen lassen durch die letzte Betrachtung? Durch die letzten Tage?  Und jetzt sieht er in mich hinein. Und ich bitte Jesus, dass er mich erkennen lässt, wie   e r  seine Gemeinschaft sieht, wie  e r  sie aufgebaut und gewollt hat.

Ich gehe davon aus, dass heute sich manche Christen fragen, warum die Kirche so männlich konstruiert ist, warum sie so elitär ist, warum es da so viele Stufen, soviel „unten“ und „oben“ gibt, so viel Hierarchie, obwohl doch Jesus anscheinend eine Gemeinschaft von Menschen wollte, in der alle gleiche Würde und gleiche Rechte haben. Manche fragen sich wohl: hat Jesus das so gewollt? Hat er nicht alle gleich behandelt? Schließt er nicht alle in gleicher Weise in seine Liebe ein? Liebt er manche mehr als andere? Sind manche mehr wert als andere? Fragen über Fragen!

Es ist gut, sich solche Fragen zu stellen, denn man soll die Fragen ebenso ernst nehmen wie das Tun Jesu. Die Zeiten seit Jesus haben sich verändert. Damals gab es noch keine Demokratie, damals war die Welt noch weit mehr männlich bestimmt als heute. Was heute Frauen alles tun und dürfen, das hätten die Jünger Jesu überhaupt nicht verstanden.

Wenn wir das Evangelium mit unseren Fragen ganz nüchtern anschauen, dann sehen wir dass Jesus offenbar mehrere Kreise oder Zirkel um sich hatte. Er lebte und bewegte sich in mehreren Kreisen.

Der Hauptzirkel waren sicher die zwölf Apostel. Kein Zweifel: Ihre Zahl sollte andeuten, dass Jesus einen neuen Bund im Sinn hatte. Denn der alte Bund bestand aus den zwölf Stämmen, die auf die zwölf Jakobssöhne, die zwölf Patriarchen zurückgingen. Jesus wählt – nach Gebet – in feierlicher Weise die zwölf Männer aus und setzt sie ein, damit sie bei ihm sind und er sie dann aussenden kann. Keine Frage: seine Gemeinschaft ruht auf den Zwölf Säulen. Leider waren diese Säulen keine Heiligen. Bei Jesu Kreuzigung haben sie samt und sonders versagt, sind nach großen Sprüchen geflohen. Aber erstaunlicherweise hat er nur sie zum Abendmahl geladen. Es ging dabei offenbar nicht um die Zwölf als Freunde, sondern um sie als Säulen dessen, was kommen sollte.

Innerhalb dieses Kreises der Zwölf gab es aber noch einmal einen inneren, kleineren Kreis: Petrus, Jakobus und Johannes. Jesus sonderte diese drei zweimal eigens ab: auf dem Berg, wo er verklärt wurde und im Garten Getsemanie, wo sie – trotz aller Jesus-nahen Absonderung – einschliefen. Jesus erlaubt sich schon im Kreis der Zwölf Unterschiede zu machen.

Und dann schickt er wenigstens einmal 72 andere Jünger vor sich her, um das Reich Gottes zu verkünden. Also ein weiterer Kreis, ein dritter Kreis.

Dann gibt es aber offenbar noch den Kreis der Frauen, die mit ihm wandern, die ihm helfen. Wahrscheinlich haben sie ihm viel mehr geholfen, als im Evangelium steht. Wie man so die Frauen kennt, waren sie im Hintergrund viel wichtiger als in dem offiziellen Dokument, den Evangelien. Also auf einer anderen Ebene als die Zwölf gab es den Kreis der Frauen, die mit Jesus zogen. Zu ihm gehörte sicher auch seine Mutter.

Parallel zum Kreis der Frauen gab es noch einen Kreis der Freunde – ich denke an das Haus in Bethanien unweit von Jerusalem, wo Marta und Maria und Lazarus wohnten. Vielleicht spielten diese Freunde nur in den letzten Wochen Jesu eine Rolle, aber es gibt neben den Aposteln diesen Kreis, der offenbar für Jesus wichtig war.

Der große Kreis um Apostel und Jünger war dann sein Volk Israel. Denn dies Volk war ja wieder nur ein kleinerer Kreis im Kreis der Völker. Jesus hat offenbar auch gut unterschieden zwischen den Angehörigen seines Volkes und den anderen Völkern. Die syro-phoenizischen Frau, die nicht zu seinem Volk gehört, wies Jesus zunächst ab, erfüllte aber dann ihren Wunsch nach Heilung der Tochter, obwohl sie keine Israelin war. Und seinen Jüngern sagt er ausdrücklich, sie sollten nur zu den Angehörigen des Volkes Israel gehen und nicht zu den Anderen. Diese waren ja unter die Israeliten verstreut, in Israel eingesprenkelt.

Jesus sagt also nicht einfach „Seid umschlungen Millionen“, er macht viele Unterschiede. Aber dennoch ist wohl klar, dass Jesus sich als Heilbringer für alle Menschen, für die ganze Welt verstand. „Geht und tauft alle Völker“, heißt es bei Mathäus. Den Kelch, den er im Abendmahl reicht, enthält Blut, das für alle Menschen vergossen ist, nicht nur für auserwählte Wenige.

Wenn wir also die modernen Fragen stellen, dann müssen wir uns immer vor Augen halten: Jesus hat es sich erlaubt, nicht alle Menschen gleich zu behandeln. Er hat einige konzentrische Kreise gebildet und daneben noch andere Kreise gehabt. Nicht alle, die um ihn waren, wurden gleich behandelt. Das bedeutet nicht, dass er nicht alle geliebt hat. Das bedeutet nicht, dass er an manchen kein Interesse hatte, dass er nicht für alle gestorben ist. Aber er hat sich erlaubt, manche mehr, andere weniger an sich zu binden. Ob uns das gefällt oder nicht. Was steht dahinter?

Wir können nicht alles durchschauen und wissen wohl weniger als wir meinen. Aber eines dürfte doch klar sein: Diejenigen Menschen, die er stärker einbezog, die er stärker an sich zog, mit denen er regelmäßig zusammen sein wollte, diese haben auch eine größere Verantwortung. Sie sind nicht besonders nahe an Jesus, weil sie besonders gut sind. Sie sind in Jesu Nähe, weil er sie brauchen will, weil er sie in seine Sendung einbeziehen will, weil er ihnen Verantwortung übertragen will.

Schauen wir noch speziell die Situation des Abendmahls an: Er lädt nur die Zwölf dazu ein. Auch nicht seine Mutter und die anderen Frauen, die wohl unter großen Opfern ihm lange gefolgt waren und ihm gedient hatten, etwa Maria von Magdala. Die Frauen bleiben erstaunlicherweise draußen. Das stört uns moderne Menschen vermutlich etwas. Er lädt auch nicht Lazarus und nicht Nikodemus und nicht Josef von Arimathäa ein. Die eingeladenen Zwölf sind auch nicht etwa dabei, weil sie besonders lieb oder freundlich oder heilig wären, sondern weil sie eine Funktion haben, jeder Einzelne und alle zusammen. Sie haben eine Aufgabe. Sie sind die Säulen, auf denen der neue Bund aufruht. Beim Abendmahl sagt Jesus – nach Mathäus - zu ihnen: „Trinkt aus dem Kelch, das ist mein Blut, das Blut des Bundes“. Jesus knüpft an den Alten Bund an. Bei Lukas heißt es: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.“

Halten wir fest: Jesus macht Unterschiede zwischen den Menschen – ob uns das gefällt oder nicht. Wir können nur im stillen Gebet Jesus fragen, wie er das gemeint hat. Aber wir dürfen nicht moderne und vielleicht rein soziologische Kategorien an ihn herantragen. Wenn es heißt, er habe alle geliebt, an sich gezogen, zum Mahl versammelt, dann müssen wir immer genau hinschauen, was damit gemeint ist. Aber jeder und jede von uns darf sich sagen: Er liebt mich, er nimmt mich so an wie ich bin. Er sieht mich so wie ich bin und als solcher bin ich geliebt. Das aber bedeutet nicht, dass in seiner Gemeinschaft der Kirche alle gleich sind und alle die gleiche Funktion haben.

Zur Betrachtung schlage ich eine Szene aus dem Lukas-Evangelium vor, wo sehr unterschiedliche Menschen bei Jesu sind. Man sieht daran, in wie verschiedenen Kreisen Jesus sich bewegte: Seine Jünger sind bei ihm, aber auch eine Frau, die Hilfe sucht und ein Vater, der für seine Tochter um Hilfe bittet, dazu die Toten-Klageweiber.

Lukas, 8, 40 - 56

Als Jesus (an das andere Ufer) zurückkam, empfingen ihn viele Menschen, sie hatten alle schon auf ihn gewartet. Da kam ein Mann namens Jaïrus, der Synagogenvorsteher war. Er fiel Jesus zu Füßen und bat ihn, in sein Haus zu kommen. Denn sein einziges Kind, ein Mädchen von etwa zwölf Jahren, lag im Sterben. Während Jesus auf dem Weg zu ihm war, drängten sich die Menschen um ihn und erdrückten ihn beinahe. Darunter war eine Frau, die schon seit zwölf Jahren an Blutungen litt und bisher von niemand geheilt werden konnte. Sie drängte sich von hinten an ihn heran und berührte den Saum seines Gewandes. Im gleichen Augenblick kam die Blutung zum Stillstand. Da fragte Jesus: Wer hat mich berührt? Als alle es abstritten, sagten Petrus und seine Gefährten: Meister, die Leute drängen sich doch von allen Seiten um dich und erdrücken dich fast. Jesus erwiderte: Es hat mich jemand berührt; denn ich fühlte, wie eine Kraft von mir ausströmte.

Als die Frau merkte, dass sie es nicht verheimlichen konnte, kam sie zitternd zu ihm, fiel vor ihm nieder und erzählte vor allen Leuten, warum sie ihn berührt hatte und wie sie durch die Berührung sofort gesund geworden war. Da sagte er zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden!  Während Jesus noch redete, kam einer, der zum Haus des Synagogenvorstehers gehörte, und sagte (zu Jaïrus): Deine Tochter ist gestorben. Bemüh den Meister nicht länger!

Jesus hörte es und sagte zu Jaïrus: Sei ohne Furcht; glaube nur, dann wird sie gerettet. Als er in das Haus ging, ließ er niemand mit hinein außer Petrus, Johannes und Jakobus und die Eltern des Mädchens. Alle Leute weinten und klagten über ihren Tod. Jesus aber sagte: Weint nicht! Sie ist nicht gestorben, sie schläft nur.

Da lachten sie ihn aus, weil sie wussten, dass sie tot war. Er aber fasste sie an der Hand und rief: Mädchen, steh auf! Da kehrte das Leben in sie zurück und sie stand sofort auf. Und er sagte, man solle ihr etwas zu essen geben. Ihre Eltern aber waren außer sich. Doch Jesus verbot ihnen, irgend jemand zu erzählen, was geschehen war.

Ich schlage ihnen vor, in den nächsten Tagen über ihren persönlichen Platz in der Kirche nachzudenken. Gerade auch wenn sie gar keine offiziellen Aufgabe in der Kirche haben, gar keine Funktion, so haben sie doch eine geistliche Aufgabe. Für wen sind sie verantwortlich? Wen stellt Gott auf ihren Weg, wen stellt er ihnen in den Weg, welchen Menschen und welche Gruppe. Und die andere Frage: wie sehe ich die Amtsträger in der Kirche, gelingt es mir, sie wegen ihres Amtes zu achten? Gelingt es mir, anzuerkennen, dass sie Verantwortung tragen? Sie haben nicht etwa mehr Ehre, aber tragen mehr Verantwortung, sie haben eine größere Last zu schleppen. Es gilt: wer groß sein will, sei der Diener aller. Jesus sagt: „Ich bin nicht gekommen, um mich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen.“  Das gilt für alle in der Kirche. 

 

Heute sind es noch 20 Kilometer bis Jerusalem

 

***

 

Atme in mir, Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke.
Treibe mich, Heiliger Geist, dass ich Heiliges tue.
Locke mich, Heiliger Geist, dass ich Heiliges liebe.
Stärke mich, Heiliger Geist, dass ich Heiliges hüte.
Hüte mich, Heiliger Geist, dass ich Heiliges nimmer verliere.

 

11. Der Einzug Jesu in Jerusalem

Wir stehen wir den Toren der Davidstadt

 

An diesem Sonntag gedenken wir in der Liturgie des Einzugs Jesu in Jerusalem. Es ist der Anfang der heiligen Woche, der Karwoche. Schauen wir an dieser Stelle noch einmal zurück auf die letzte Betrachtung. Halten sie ein bisschen inne und fragen sich, was Gott ihnen sagen wollte. Was will er mir ganz persönlich durch meine Gedanken, Gefühle, Eindrücke im Gebet sagen?

Erinnern wir uns, dass Er uns jetzt sieht, dass Er tief in mich hineinschaut und bitten wir Jesus, dass wir ihn bei seinem Einzug in Jerusalem, am Anfang der heiligen Woche, besser erkennen. Bitten wir ihn, dass wir immer bereiten werden, Ihm zu folgen.

Hier das Evangelium vom Palmsonntag, dem Einzug in Jerusalem:

Matthäus 21, 1 - 23

„Als sich Jesus mit seinen Begleitern Jerusalem näherte und nach Betfage am Ölberg kam, schickte er zwei Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt; dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los und bringt sie zu mir! Und wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt: Der Herr braucht sie, er lässt sie aber bald zurückbringen.  Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist:  Sagt der Tochter Zion: / Siehe, dein König kommt zu dir. / Er ist friedfertig / und er reitet auf einer Eselin / und auf einem Fohlen, / dem Jungen eines Lasttiers.

Die Jünger gingen und taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte.

Sie brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie, und er setzte sich darauf. Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! / Geseg-net sei er, der kommt im Namen des Herrn. / Hosanna in der Höhe! Als er in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Auf-regung, und man fragte: Wer ist das? Die Leute sagten: Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa.“

Der Evangelist Matthäus erklärt, warum so ausführlich von dem Esel die Rede ist, der geholt wird, und auf den sich Jesus setzt: Der Esel soll zeigen, dass Jesus – wie es beim Propheten Jesaja heißt – der friedfertige König ist. Er kommt nicht hoch zu Ross, er kommt nicht mit Lärm. Jesus will denen den Frieden bringen, die ihn aufnehmen. Freilich hat er früher betont, dass es durch seine Botschaft auch Auseinandersetzungen bis in die Familie hinein gibt. Er hatte sogar gesagt, er sei gekommen, das Schwert zu bringen. Vielleicht müssen wir das so verstehen: bei den Menschen, die sich nicht scheuen, wegen Jesus den Konflikt zu wagen, zieht nach dem Konflikt und durch den Konflikt der Frieden ins Herz ein. Wer den Konflikt um Jesu Botschaft nicht scheut, der wird tief im eigenen Herzen erfahren, dass es gut und Frieden bringend ist, sich Jesus anzuschließen. Er bringt den Frieden denjenigen, die mutig den Kampf für ihn aufgenommen haben.

Diese Überlegungen weisen schon auf „Hosanna und Crucifige“, auf Kreuz und Auferstehung hin, auf Krieg und Frieden. Und dann: die einfachen Leute freuen sich über die Ankunft Jesu, sie reißen Zweige von den Bäumen und legen ihre Kleider auf den Weg vor Jesus. Die Verantwortlichen schimpfen. Jesus sagt – nach dem Lukas-Evangelium - : „Wenn diese Leute nicht jubeln, dann werden die Steine schreien.“

Freilich müssen wir daran erinnern, dass die Jubler vermutlich in der Mehrzahl eben einen politischen Messias erwarten, einer der das Messias-Reich mit Gewalt aufbaut, der die Römer aus dem Land treibt, der einen Gottes-Staat aufbaut. Viele von ihnen erwarten und erhoffen sich vielleicht auch nur einen Wunderheiler, der alle Kranken gesund macht, der die bösen Geister, vor denen alle Angst haben, vertreibt. Viele erwarten vielleicht auch nur einen, der Brot vermehrt, der Mirakel macht. Viele denken gar nicht daran, sich zum Reich Gottes zu bekehren, sondern wollen nur ein leichteres Leben. Gott spielt für sie vielleicht gar keine Rolle. Vermutlich sind einige unter ihnen, die fünf Tage später schon brüllen „Kreuzige ihn, kreuzige ihn“.

Und Jesus weiß das. Erinnern wir uns: Er hat dreimal von seinem bevorstehenden Leiden gesprochen. Dreimal hat er den Jüngern gesagt, dass er von den Verantwortlichen verworfen werde, dass er geschunden und umgebracht werde. Dass er aber auch von den Toten auferstehen werde. Es ist schon sehr bemerkenswert, dass alle drei Synoptiker von den dreimaligen Leidensankündigungen sprechen. Und wir dürfen uns schon ein wenig vorstellen, dass dieser Gedanken an das Leiden Tag und Nacht in Jesus gegenwärtig war. Er war ja in diesem Sinne Mensch wie wir. Es muss ihm immer vor Augen gestanden haben, dass die Verantwortlichen Seines heiligen Volkes ihre Stunde nicht erkennen werden und ihn verwerfen, dass sie ihn zu Tode schinden lassen, dass sie ihn kreuzigen lassen. Ob dieser schreckliche Gedanke jemals von ihm gegangen ist? Er musste immer mit ihm leben – bei Tag und bei Nacht. Und er musste leben mit dem Gedanken, dass keiner seiner Jünger zu ihm stehen werde, dass sie alle davonlaufen würden. Und nun sah er beim Anblick der heiligen Stadt Davids, dass die Menschen ihm zujubelten. Und in seinem Inneren wusste er, dass der Jubel bei fast allen nur Oberfläche war, dass er bei den meisten nicht aus dem Herzen und auch nicht aus dem Geist kam.

Und noch etwas dürfen wir bedenken: Beim Blick auf die Stadtmauern von Jerusalem denkt Jesus zurück an seinen Vorvater David. Auch ihm hatte das Volk zugejubelt. Aber David hatte den schweren Konflikt mit seinem Vorgänger-König Saul. Saul erlebte, dass der junge David geliebter, geschickter, begabter war und war eifersüchtig auf den Jungen. Aber David gehörte auch zu denen, die die Gebote des Vaters notfalls auch mal links liegen lassen konnte. Daher hat dann erst sein Sohn Salomon den Tempel bauen dürfen. So dachte Jesus vielleicht an das Ringen des Vaters im Himmel um sein Volk. Ein Jahrhunderte langer Kampf, ein Ringen Gottes um sein Volk und um die Menschen.

Dieses Ringen Gottes um den Menschen geht bis in unsere Tage. Und es geht auch durch mein eigenes Herz. Auch in meinem Herzen spielt sich ein Kampf ab zwischen Ich und Du, zwischen meinem Egoismus und der Offenheit für den Nächsten. Denken wir an Paulus, der schreibt: Ich tue, was ich nicht will, und was ich will, das tue ich nicht. Ich armseliger Mensch.“ Das ist Gottes Kampf um die Welt. So sind wir hinein genommen in den Kampf, den Jesus austragen musste. Eine besondere Szene dieses Kampfes wird sich in wenigen Tagen im Ölgarten abspielen – am Vorabend vor seinem Leiden, wenn Jesus noch damit ringt, ob er sich im Schatten der Dunkelheit noch einmal zurückziehen und fliehen darf. Der Ölgarten ist nicht weit vom Gipfel des Ölberges. Von ihm nämlich führt der Weg, den Jesus auf dem Rücken des Esels zurücklegt.

Und dann denkt Jesus vielleicht auch noch daran, dass der Tempel, das Haus Gottes, das Haus des Gebets und Opfers zu einer Räuberhöhle der Händler geworden ist. Er denkt vielleicht daran, dass ihn heiliger Zorn packen wird, und er die Händler hinauswerfen wird. Und dass er so den Zorn der Verantwortlichen auf sich ziehen wird. Dass sie ihn fragen werden, wer ihm die Vollmacht, die Erlaubnis dazu gegeben hat.

Jesus hat viel zu denken, wie er so den Ölberg hinunter getragen wird und dann wieder hinauf zu einem Stadttor. Er mag den Jubel kaum gehört haben, denn vor seinem geistigen Auge spielte sich so viel ab. Die ganze Geschichte Israels lag vor seinen Augen, die ganze Tragik seines Volkes, das Ringen Gottes um sein Volk. Und er hatte vielleicht immer das Gebet auf den Lippen: „Vater, nicht mein Wille geschehe, sondern der Deine.“

Für den Palmsonntag und den Montag danach schlage ich ihnen vor: fragen sie sich, wann sie sich den anderen, der Mehrheit angepasst haben, obwohl sie wussten, dass das falsch ist? Fragen sie sich, wann und wo sie mit den Wölfen geheult haben, und wo sie in Gefahr sind, das zu tun. Fragen sie sich, wo sie Zivilcourage einüben können, wo sie aus Menschenfurcht schweigen oder bei etwas mitmachen, was sie im eigenen Herzen für falsch halten. Und bitten Sie den Vater im Himmel und Jesus Christus um Mut, um Zivilcourage. Und schauen sie eine Weile auf Jesus, wie er auf dem Ölberg steht und nach Jerusalem hinüberschaut und wie er dann auf dem Esel in die Heilige Stadt hineinreitet. für alle in der Kirche.

 

Gebet um Großmut

Ewiges Wort, eingeborener Sohn Gottes!
Lehre mich die wahre Großmut.
Lehre mich Dir dienen, wie Du es verdienst:
Geben, ohne zu zählen,
Kämpfen, ohne der Wunden zu achten,
Arbeiten, ohne Ruhe zu suchen,
Mich hingeben, ohne Lohn zu erwarten.
Mir genüge das frohe Wissen,
Deinen heiligen Willen erfüllt zu haben.


Ignatius von Loyola

 

12. Die Nachfolge Jesu

Wir sind in Jerusalem

 

Wir stehen in der Karwoche. Geistig befinden wir uns mit Jesus und seinen Aposteln in Jerusalem. Jesus weiß, und auch die Jünger können wissen: jetzt geht es ums Ganze, ums Letzte. Jesus hatte wiederholt gesagt, dass man ihn in Jerusalem umbringen werde. Er kämpft bis zum letzten Augenblick nicht um sein Leben, sondern um sein Volk zu gewinnen, auch wenn er ganz realistisch weiß, dass sein Sieg erst mit seiner Auferstehung kommen wird. Aber er muss den Kelch trinken, den der Vater ihm reicht, und der in einer entsetzlichen Folter durch die Bosheit der ganzen Menschheit besteht.

Auf diesem Hintergrund machen wir heute unsere Betrachtung über die Nachfolge Christi. Wir wissen uns auch heute von Gott angeschaut und bitten Jesus, ihm treu folgen zu können.

Lesen wir heute zu Anfang das Evangelium nach

Lukas 14, 25 – 33

Viele Menschen begleiteten ihn; da wandte er sich an sie und sagte: „Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.

Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertig stellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten und sagen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen. Oder wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht, setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt? Kann er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft, solange der andere noch weit weg ist, und bittet um Frieden.  Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.“

 

Wir Menschen sind ja so beschaffen, dass wir gerne nur das Angenehme hören, das Unangenehme aber überhören. Jesus mutet uns Unangenehmes zu. Und es stellt sich leicht die Frage: ist denn nun das Christentum eine Freudenbotschaft oder eine Leidensbotschaft. Dieses Stück scheint doch klar zu sagen: Wer Jesus nachfolgt, geht ins Leiden und er soll sich gut überlegen, ob er das wirklich will. Nun sind wir aber tatsächlich von Gott so geschaffen, dass wir immer das Glück, die Freude, das Schöne suchen. Diese Suche haben wir nicht frei gewählt, sie gehört zu unserer Grundanlage. Wer das Gegenteil sucht, ist krank, psychisch krank. Der Gesunde sucht nicht Schmerz, sondern das Schöne, Gute, sogar das Angenehme. Worum geht es also Jesus? Jesus setzt voraus, dass die Welt aus dem Lot ist, nicht in Ordnung ist, dass die Sünde vorherrscht. Daher wird derjenige, der das Gute sucht, auf Widerstand stoßen. Jesus erfährt es an der eigenen Person: er möchte nichts Anderes als das Gute für den Menschen, er möchte dem Menschen den Vater im Himmel zurückbringen, aber das bringt ihm den Tod. Wer mit Jesus kämpft für Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit, für den Willen Gottes, bekommt ein Kreuz aufgeladen.

Jesus sagt aber noch mehr: Wer ihm nachfolgen will, muss Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwester gering achten. Jesu Einsatz für das Gute, für Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, für das Reich Gottes ist so anspruchsvoll, dass diejenigen, die bei ihm mitmachen wollen, sich darüber im Klaren sein müssen: das geht nur, wenn die dazu Entschiedenen sogar die nächsten Verwandten in die zweite Reihe stellen. Sie müssen im Zweifelfall auf der Seite Jesu und gegen die Liebsten zu hause stehen. Das ist sehr anspruchsvoll.

In gewissem Sinne muss man Jesus ja dankbar sein, dass er nicht um den heißen Brei herumredet, sondern Klartext. Da kann man nicht viel herumdeuteln. Ja, die Menschen, die sich ganz auf seine Seite stellen wollen, müssen sogar ihr eigenes Leben gering achten, hintan stellen, notfalls ihr Leben lassen. Jesus sagt ja an anderer Stelle: Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Man kann nur sein Jünger sein, wenn man mit Jesus das Kreuz trägt.

Aber – wer nun wirklich ganz ernst macht mit Jesus und seinem Reich, der wird unendlich glücklich, froh, erfüllt. Ja – Jesus verspricht Glück und Segen und Erfüllung, aber nicht ohne voriges Leiden, ohne den Gang durch Leid und Tod. Ja – Ziel ist die Erfüllung, der Himmel, die volle Selbstentfaltung, aber nur durch das Sterben hindurch.

Dass dies so ist, liegt nicht an einer heimlichen Schadenfreude Jesu. Er denkt nicht etwa: Wenn schon ich leiden musste, dann müssen auch die Meinen leiden. Sondern das liegt an der Situation der Menschheit, die wir mit Erbschuld umschreiben. Weil die Menschheit gefallen ist, weil die Menschen zum Bösen neigen, weil sie von Natur aus egoistisch sind, daher kommt der Mensch zur Freude und Erfüllung nur durch Leid und Schmerz. Er muss sich selbst überwinden und er wird auf den Widerstand der Welt stoßen.

Tun wir einen Blick auf große Heilige, auf Menschen Gottes. Wenn wir sie ein wenig kennen, werden wir sehen, dass sie frohe Menschen waren, dass sie glückliche Menschen waren, dass viele von ihnen auch erfolgreich und tüchtig waren. Sie hatten sich meist zu Anfang ihres Weges bewusst und entschieden auf die Seite Jesu gestellt, hatten ihm erklärt: Dir gehört mein Leben, ich will Dein Kreuz mittragen, ich will hinter Dir hergehen, will bei Dir sein in Leid und Tod. Und die Bereitschaft, das zu tun, in großem Selbstverzicht bei Jesus zu sein, hat ihnen eine tiefe Erfüllung gebracht, tiefe innere Ruhe, vor allem aber die erfahrene Nähe zu Jesus. Sie konnten mit Paulus sprechen: nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir. Ich bin mit Christus begraben und mit Ihm auferstanden. Ich ergänze durch mein Leiden, was an den Leiden Christi noch fehlt. Wenn wir also in den nächsten Tagen das Leiden Christi betrachten, so sollten wir uns auch daran erinnern: je näher ich Ihm bin, umso erfüllter wird mein Leben, auch wenn ich das Kreuz auf mich nehme.

Und es geht nicht nur um mich, um meine Person, es geht um die Welt. Wir können mittragen an dem Kreuz der Welt. Gott hat die Menschheit so geschaffen, dass alle mit allen auf geheimnisvolle Weise zusammenhängen. Jeder gute Gedanke ist nicht nur positiv für mich, sondern ist ein Beitrag für die Qualität der Welt. Jeder negative Gedanke, vor allem jedes negative Gefühl, schädigt die Menschheit. Wir sind ein geheimnisvoller, mystischer Leib. Wenn wir Christus folgen, ziehen wir andere mit hinein in den Weg Christi – ob wir es wissen oder nicht, ob wir davon sprechen oder nicht. Daher sind alle Menschen wichtig, die Gesunden und die Kranken, die Jungen und die Alten. Jede gute Tat erhebt die Menschheit, jede böse Tate erniedrigt die Menschheit.

Jesus hat durch sein Leiden und sein Auferstehung gleichsam das erste Steinchen an einem großen Mosaik an die richtige Stelle gelegt und umgedreht. Nun kommt es darauf an, dass wir unsere Steinchen am Welt-Mosaik an die richtige Stelle legen und umdrehen, sodass aus dem Ganzen das große Bild Jesu Christi entsteht. Bei meinem Tun geht es also nicht nur um mich, um mein Heil, meine Erlösung. Bei meinem Tun geht es um das Heil und die Erlösung der ganzen Welt. Missionar ist jeder, Missionare sind wir alle, wenn wir Jesus folgen, unser Kreuz tragen und auf die Auferstehung hoffen. Gerade auch der Hoffnungsschimmer, den wir in die Welt hineinstrahlen, ist wichtig, damit die Welt Hoffnung haben kann. Es ist also höchst wichtig, wie die Christen die nächsten Tage begehen, die Kartage. Auch wenn wir uns als verschwindend wenige fühlen sollten, so ist unsere innere Einstellung wichtig. Es kommt nie auf die Zahl an, auf die Vielen. Es kommt auf die innere Qualität von jedem von uns an. Unsere innere Nähe zum Herrn auf dem Kreuzweg ist ein Beitrag für das Licht der Welt. Wenn Jesus, das Kreuz tragend, uns in seiner Nähe sieht, ist das Stärke, Kraft, Freude. Wir können sein Kreuz tragen und leichter machen.

Bitten wir Jesus, dass er uns die Gnade schenke, ihm nahe sein zu können in den nächsten Tagen.

 

Heilig, heilig, heilig

bist Du, Herr Gott der Heerscharen

Himmel und Erde

sind erfüllt von Deiner Herrlichkeit,

Hosanna in der Höhe,

hochgelobt sei der da kommt

im Namen des Herrn,

Hosanna in der Höhe.

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13. Das heilige Abendmahl

 

An diesem Donnerstag, dem Gründonnerstag, feiert die Kirche die Einsetzung des Heiligen Abendmahls durch Jesus Christus. Jesus hat dabei der ganzen Kirche das Sakrament der Eucharistie geschenkt.

Erinnern wir uns eingangs wieder daran, dass Gott uns sieht, dass er in unsere Herzen sieht. Und bitten wir ihn, dass wir das Geheimnis des Abendmahls besser verstehen mögen.

Die Eucharistie ist nach katholischer Auffassung Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens. Tatsächlich ist die Sonntagsmesse für die allermeisten Katholiken der zentrale Punkt ihres Glaubenslebens. Umso wichtiger ist es, dass wir möglichst genau verstehen, was wir dabei feiern.

In letzter Zeit ist viel über die Messe diskutiert und vielleicht gestritten worden. Es ging um die tridentinische und die nachkonziliare Messliturgie. Das hat wahrscheinlich der guten Feier selbst nichts genützt. Deswegen ist es sinnvoll, sich Grundlegendes über die Eucharistie in Erinnerung zu rufen.

Natürlich ist die Messe eine Erinnerung an Jesus, vor allem an sein Leiden und Sterben am Kreuz. Jesus hat ja selbst den Aposteln gesagt: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“. Wir tun es also, um uns seiner zu erinnern. Und wehe, wenn die Welt, wenn die Christen einmal sein Leiden und Sterben vergessen würden! Wir tun es tatsächlich, um der Welt in Erinnerung zu halten, dass Er für uns gestorben ist. Wer immer sonntags oder auch werktags die Messe mitfeiert, darf sich sagen: ich trage dazu bei, dass Jesu Sterben und auch seine Auferstehung in der Weltgeschichte nicht vergessen wird. Wie gut, dass wir so eine Aufgabe haben. Wir alle!

Aber die Eucharistiefeier ist natürlich nicht nur eine Erinnerung. In ihr wird das Lebensopfer Jesu gegenwärtig, präsent. Wohlgemerkt: es wird nicht wiederholt. Aber das Sterben, der Tod und die Auferstehung werden geheimnisvoll mitten unter uns gegenwärtig. Früher hat man gesagt: das damalige blutige Opfer wird heute unblutig gegenwärtig. Wir dürfen uns das noch ein wenig besser verdeutlichen: Jesus tritt gleichsam unter uns und sagt uns: ich setze hier und heute wieder mein Leben für euch ein, ich sterbe für euch, um euch so meine Liebe zu zeigen und Leben zu schenken. Er wird unter uns gegenwärtig, er ist mitten unter uns gegenwärtig, anwesend. Und das gilt auch, wenn wir die Kommunion   n i c h t empfangen. Auch wenn wir aus irgendeinem Grund die Kommunion nicht empfangen, dürfen wir doch glauben, dass Jesus mitten unter den Feiernden steht und ihnen sagt: hier bin ich, ich schenke mich euch, ich gebe mich euch. Nehmt mich, ich will in euch leben, ich will in euch lebendig sein.

Wir glauben also, dass Jesus wirklich und nicht nur symbolisch gegenwärtig ist, wenn die Eucharistie gefeiert wird. Wir sollten den alten Streit, ob Jesus wirklich oder nur im Symbol gegenwärtig ist, begraben. Denn Jesus ist wirklich da – und zwar in den Heiligen Gestalten. Aber vor allem in der Feier der Eucharistie. Die Heiligen Gestalten von Brot und Wein sind nur die Frucht der Feier, das Eigentliche ist die Feier.

Und wenn wir dann die Kommunion empfangen, dürfen wir glauben: Er geht mit seiner Kraft in mich ein. Er will in mir lebendig sein. Er will in mir leben. Weil wir die heilige Gestalt auch körperlich berühren, weil wir die Heilige Hostie in den Mund bekommen, können wir Jesus gleichsam greifen. Aber auch wenn wir das Sakrament nicht empfangen können, können wir uns dennoch ganz liebend mit ihm verbinden. Ja, vielleicht ist sogar manchmal die liebende Verbindung mit Jesus wesentlicher als der physische Kommunionempfang. Man kann manchmal den Eindruck haben, die Menschen empfingen zwar die Hostie, aber dass sie sich dabei liebend mit Jesus verbinden, davon ist nach außen mitunter wenig zu spüren. Also: seien wir versichert: die innige, liebende Verbindung mit Jesus hängt nicht allein davon ab, ob wir die Kommunion empfangen oder nicht. Die tiefe Verbindung geht über das Herz, sein und unser liebendes Herz.

Das bisher gesagt ist aber noch keineswegs alles, aber es ist wichtig.

Die Feier in Gemeinschaft

Wir feiern die Eucharistie nicht alleine, sondern in Gemeinschaft. Viele Getaufte verbinden sich in der Eucharistie mit ihrem Herrn. Sie wachsen dadurch zusammen. Sie sind zwar schon durch die Taufe in den Leib Christi eingefügt, aber sie werden es noch intensiver durch die Eucharistie, weil sie an einem gemeinsamen Tisch feiern. 

Aber nicht nur die Christen, die gemeinsam Eucharistie feiern, wachsen intensiver zu einem Leib zusammen. Sie wachsen auch mit denen geheimnisvoll, mystisch zusammen, die rund um den Globus die Eucharistie feiern. Eucharistiefeiernde Gemeinden bilden ein Netz rund um unseren Globus. Man kann nicht gültig Eucharistie feiern, ohne in den ganzen Leib Christi rund um den Erdball eingefügt zu werden. Jede feiernde Gemeinde muss offen sein, bereit dazu, mit anderen Gemeinden ein Netz zu bilden.

Und noch einmal darüber hinaus: Jede feiernde Gemeinde schließt sich durch die Feier zusammen mit allen feiernden Gemeinden im Lauf der Jahrhunderte. Keine Gemeinde ist allein, sie ist Glied in einer langen Kette von Feiernden. So wächst der Leib Christi durch Raum und Zeit. Am Ende der Tage werden wir staunend erkennen, dass wir ja zusammen gehörten und zusammen waren  - nicht nur mit denen, mit denen wir gefeiert haben, sondern auch mit allen Brüdern und Schwestern, die sich an Jesus Christus fest gemacht haben vor uns und nach uns und weit weg am anderen Ende des Globus.

Die Eucharistiefeier ist also ein geheimnisvoller, ein mystischer Vorgang. Es ist nichts, was Menschen machen, was man menschlich organisieren kann. Wir haben das Eigentliche nicht in der Hand. Das Eigentliche wird uns geschenkt, und wir können es nur im Glauben annehmen. Und daher haben die Menschen Recht, die die Liturgiegestaltung in Grenzen weisen. Was wir gestalten können, ist nur der Rahmen, das Eigentliche können wir nicht gestalten. Aber den Rahmen müssen und dürfen wir gestalten. Aber er darf nicht das Zentrale werden. Wenn wir nur noch auf den Rahmen schauen, dann verlieren wir alles. Der Rahmen ohne das Bild ist nichts wert.

Und noch ein Gedanke zum Wortgottesdienst. Wir hören in der Eucharistiefeier ein Stück aus dem Evangelium und vorher aus dem Alten Testament und aus Paulusbriefen. Es ist sicher gut und notwendig, sich immer wieder klar zu machen: hier sollen wir das Wort Christi an uns hören. Er wendet sich an uns. Er spricht zu uns. Wir müssen die Ohren spitzen. Uns Priestern möchte ich raten, zu Beginn der Messe darauf hinzuweisen, auf was man bei den Lesungen besonders achten soll. Sonst besteht doch die Gefahr, dass man vom Alten Testament oder von Paulus gar nichts versteht und dass es einfach an einem vorbeirauscht. Wenn wir die Ohren spitzen, dann bleibt eher etwas hängen, was gerade für uns persönlich gut und wichtig ist.

Und zum Schluss: Ich glaube, wir stehen kirchengeschichtlich an einem Zeitpunkt, wo wir das Mysterium der Eucharistie neu entdecken müssen und können. In meiner Jugendzeit war die Messe starr vorgegeben. Wir Theologen haben dann sehr verständlicherweise danach gefragt, ob man nicht mehr Leben in die Eucharistiefeier hineinbringen könnte, ob Jesus es wirklich so gewollt hat wie wir die Messe gefeiert haben. Saß er nicht an einem Tisch mit den Seinen, haben sie nicht aus einem Becher getrunken, war nicht alles lockerer als wir es in der alten Messe vorfanden. Gerade aufmerksame und wache junge Priester wollten bei der Liturgiereform näher an die Feier Jesu im Abendmahl herankommen. Wir haben die Liturgie reformiert. Und nun nach einigen Jahrzehnten hat sich gezeigt, was man reformieren kann und muss und was unantastbar bleiben muss. Manche junge Christen rufen nach der tridentinischen Liturgie, weil sie hier mehr Mysterium spüren. Meine Schlussfolgerung: Wir müssen das Geheimnisvolle, das Mysterium in der neuen Liturgie untersteichen und leben. Das ist möglich. Wir dürfen – wie gesagt – den Rahmen gestalten, aber heute ist es an der Zeit, in der Form der Messfeier deutlich werden zu lassen, dass das Zentrale ein Mysterium ist, das wir letztlich nicht verstehen können, das wir nicht gestalten, in das wir hinein genommen werden, in das wir uns hinein nehmen lassen müssen. Treten wir ein und erinnern wir uns an das Wort des Alten Testamentes: Zieh Deine Schuhe aus, denn der Ort wo du stehst, ist heiliger Ort.

Bitten wir Gott, dass er uns lehrt, die Eucharistie so zu feiern wie es ihr entspricht und damit der geheimnisvolle Leib Christi wächst.

Und betrachten sie Mathäus 26, 20 bis 29

Als es Abend wurde, begab er sich mit den zwölf Jüngern zu Tisch. Und während sie aßen, sprach er: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten und ausliefern. Da waren sie sehr betroffen und einer nach dem andern fragte ihn: Bin ich es etwa, Herr? Er antwortete: Der, der die Hand mit mir in die Schüssel getaucht hat, wird mich verraten. Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre. Da fragte Judas, der ihn verriet: Bin ich es etwa, Rabbi? Jesus sagte zu ihm: Du sagst es. Während des Mahls nahm Jesus das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es den Jüngern und sagte: Nehmt und esst; das ist mein Leib. Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet und reichte ihn den Jüngern mit den Worten: Trinkt alle daraus; das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Ich sage euch: Von jetzt an werde ich nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem ich mit euch von neuem davon trinke im Reich meines Vaters.“

 

***

 

In Demut bet ich Dich, verborgne Gottheit an,

Die Du den Schleier hier des Brotes umgetan.

Mein Herz, das ganz in Dich anschauend sich versenkt,

Sei ganz Dir untertan, sei ganz Dir hingeschenkt.


Gesicht, Gefühl, Geschmack, betrügen sich in Dir,

Doch das Gehör verleiht den sichern Glauben mir. 

Was Gottes Sohn gesagt, das glaub ich hier allein, 

Es ist der Wahrheit Wort, und was kann wahrer sein?


Am Kreuzesstamme war die Gottheit nur verhüllt, 

Hier hüllt die Menschheit auch sich gnädig in ein Bild.

Doch beide glaubt mein Herz, und sie bekennt mein Mund,

Wie einst der Schächer tat in seiner Todesstund.


Die Wunden seh ich nicht, wie Thoma sie einst sah. 

Doch ruf ich: Herr, mein Gott, Du bist wahrhaftig da! 

O gib, daß immer mehr mein Glaub lebendig sei,

Mach meine Hoffnung fest, mach meine Liebe treu.


O Denkmal meines Herrn an Seinen bittern Tod, 

o lebenspendendes und selbst lebend’ges Brot! 

Gib, daß von Dir allein sich meine Seele nährt

Und Deine Süßigkeit stets kräftiger erfährt.


O guter Pelikan, o Jesus, höchstes Gut!

Wasch rein mein unrein Herz mit Deinem teuren Blut.

Ein einz’ger Tropfen schafft die ganze Erde neu,

Wäscht alle Sünder rein, macht alle schuldenfrei.


O Jesus, den verhüllt jetzt nur mein Auge sieht, 

Wann stillst das Sehnen Du, das in der Brust mir glüht: 

Daß ich enthüllet Dich anschau von Angesicht,

Und ewig selig sei in Deiner Glorie Licht. Amen.

 

Thomas von Aquin

 

14. Leiden und Sterben Jesu am Kreuz

 

An diesem Freitag gedenken die Christen des Todes Jesu Christi. Wir wollen uns ganz darauf einstellen und den Tag entsprechend gestalten. Gott schaut auf uns und ist bei uns. Wir bitten den Herrn, dass wir seine Liebe tiefer erkennen mögen, damit wir ihn besser lieben können. Wir bitten, sein Kreuz als Segen für uns und die Welt immer besser verstehen mögen.

Am Gründonnerstagabend hat Jesus wieder einmal von seinen Jüngern eine Enttäuschung erlebt: Während er vor Angst gezittert und Blut geschwitzt hat, sind sie eingeschlafen. Vielleicht meint Schlafen hier nicht einmal das physische Einschlafen, sondern meint ein Wegsein, ein Träumen, ein Verschlafen von Wichtigem. Jesus bräuchte eigentlich menschliche Zuwendung, Trost, Verständnis, Solidarität, Nähe. Und sie sind weit weg. Wie weit sie weg sind, zeigt sich auch kurz vorher daran, dass sie noch einmal gestritten haben, wer unter ihnen denn der Wichtigste, der Bedeutendste, der Größte sei. Sie haben auch nach drei Jahren der Nähe zu Jesus fast noch nichts von dem verstanden, was Jesus ihnen lehren wollte. Sie sind weit weg, sie sind verschlafen, Jesus ist einsam. Vielleicht einsamer als wenn er in der Wüste wäre. Denn nun sind sie zwar körperlich nahe, aber geistig, menschlich, seelisch weit weg. Sie leben in einer anderen Welt. Er hatte ihnen ja mehrfach gesagt, dass er leiden müsse. Und nicht nur Petrus auch die anderen hatten ihm Treue und Einsatz versprochen. Sie wollten ihn raushauen, verteidigen – und nun schlafen sie.

Und so geht es nun am Karfreitag, an Jesu Todestag weiter. Jesus wird im Garten Getsemanie festgenommen. Einer zieht das Schwert und schlägt drein. Jesus verbietet es ihm. Aber dann ist die ganze Verteidigung Jesu auch schon zu Ende. Sie fliehen, sie verschwinden ins Dunkle hinein.

Mich persönlich bewegt seit Langem, dass bei dem öffentlichen Auflauf, den es um Jesu Gerichtsverhandlung gibt, offenbar niemand brüllt, Jesus sei unschuldig. Die Zwölf sind wahrscheinlich nicht unterm Volk, auf jeden Fall trauen sie sich nicht, dazwischen zu rufen: Kreuzigt ihn nicht, Jesus ist unschuldig. Die großen Worte, die sie vorher noch gesprochen haben, waren leere Worte. Ich kann verstehen, dass sie Angst hatten, denn vielleicht wären sie ja mit Jesus verhaftet worden, vielleicht wären sie mit Jesus gegeißelt worden. Man kann es verstehen, aber für Jesus war es schon eine sehr große Enttäuschung, dass von seinem Kreis niemand für ihn eingetreten ist.  Jedenfalls steht nichts davon in der heiligen Schrift.

Und dann muss Jesus sein Kreuz hinausschleppen, obwohl er schon am Ende seiner Kräfte ist. Weil die Soldaten sehen, dass er es nicht mehr schafft, greifen sie Simon von Cyrene auf, der Jesus das Kreuz trägt.

Warum war keiner von den Seinen da, der sich freiwillig dafür angeboten hätte? Warum ist keiner eingesprungen, Jesus zu helfen? Hier war die Gefahr verhaftet zu werden, schon sehr gering. Sie aber waren wohl weit weg.

Für mich persönlich ist dies Versagen der Freunde Jesu etwas vom Schlimmsten an Jesu Passion. Die körperlichen Leiden sind ungeheuer, aber das seelische Leid ist vielleicht noch viel größer. Das Leid, dass seine ganze Gruppe versagt, dass seine Worte und seine Freundschaft bei ihnen offenbar nichts ausgerichtet hatte. Sein Zusammensein mit ihnen durch so lange Zeit hat offenbar nichts genützt. Das muss doch für Jesus eine ungeheure Enttäuschung gewesen sein, ein Leiden von ungeheurer Tiefe.

Freilich heißt es dann, dass unter dem Kreuz seine Mutter Maria und sein Lieblingsjünger Johannes gestanden haben. Ein riesiger Trost im Leid der seelischen Not, der Enttäuschung, der Traurigkeit über seine Freunde. Aber auch wenn hier ein Trost war, so bleibt die Enttäuschung. Jesus ist gestorben in der Erfahrung, dass er allein gelassen wurde, dass seine Besten nicht bei ihm waren. War dieser Schmerz noch größer als das körperliche Leid?

Der Aufbau des neuen Gottesvolkes ist offenbar gescheitert. Die Gruppe, die den Kern bilden sollte, hat total versagt, hat  offenbar nichts gelernt, hat nicht auf Gott vertraut, sondern auf die eigenen Kräfte, die dann bei der Prüfung versagt haben.

Was heißt das alles für uns?

Wenn es später Heilige gab, die für Jesus ihr Leben gegeben haben, die es besser gemacht haben als die Apostel am ersten Karfreitag, so ist das eine Frucht von Jesu einsamem Leiden und Sterben. Durch seinen Tod sind wir gerettet. Sein Leiden und Sterben für uns hat die Möglichkeit geschaffen, dass Menschen wirklich über sich hinaus wachsen. Jesu Lehren und sein Beispiel vor seinem Leiden und Sterben ist wichtig, aber sein Tod und seine Auferstehung haben erst den eigentlichen Durchbruch geschaffen. Daher haben eben auch die zwölf Apostel später nicht mehr versagt. Später sind sie - nach dem, was die Tradition sagt - alle den Märtyrertod gestorben. Jesus ist vorausgegangen und hat das für Menschen möglich gemacht, was den Menschen an sich unmöglich ist, nämlich sich selbst aus Liebe ganz loszulassen, sich selbst zu vergessen, um der Sache Gottes zu dienen.

Und schauen wir jetzt noch auf die Gottesmutter Maria. Sie steht bei Jesus unter dem Kreuz. Sie war wohl auch den ganzen Weg von Galiläa nach Jerusalem mitgegangen, hatte mit Zittern Jesu Voraussagen seines Leidens und Sterbens gehört, hatte innerlich mit dem Gedanken gerungen, hatte versucht, Jesu Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters anzunehmen, hatte sich vielleicht auch über die Zwölf gewundert und geärgert. Sie hat es wohl auch schweigend angenommen, dass sie und die anderen Frauen im Abendmahlsaal nicht dabei waren. Ich schließe nicht aus, dass sie Jesus auf dem Weg in den Garten Getsemani in der Ferne gefolgt war, und dass sie es war, die ihn in seinem Leiden getröstet hat. Warum sollte sie nicht die Gestalt eines Engels annehmen? Sie hat dann wohl während des Prozesses immer versucht, Jesus möglichst nahe zu sein, war den Kreuzweg mitgegangen und stand nun unter dem Kreuz. Er sollte sehen, dass sie ihn nicht verraten und verlassen hatte. Er sollte wissen, dass sie da war – nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich – im Annehmen des Gehorsams gegen den Vater im Himmel.

Ich denke, das ist für uns wichtig. Wir können und sollen auch heute 2000 Jahre nach dem geschichtlichen Sterben Jesu innerlich, geistig bei Ihm sein. Wir können immer versuchen, ihm nahe zu sein. Personale Beziehung, Liebe kennt weder Zeit noch Raum. Sie überwindet Zeit und Raum.

Vielleicht können Sie sich fragen: was will und kann ich tun, um an diesem Karfreitag dem Herrn nahe zu sein, ihm meine Liebe zu zeigen? Was kann ich dann in den Tagen danach – auch nach Ostern - tun, um dem Herrn nahe zu bleiben? Was kann und will ich tun, um nicht dem schlechten Beispiel der Apostel zu folgen? Und zur Betrachtung schlage ich vor zu betrachten

 

Mathäus 27, 20 bis 56.

„Inzwischen überredeten die Hohenpriester und die Ältesten die Menge, die Freilassung des Barabbas zu fordern, Jesus aber hinrichten zu lassen. Der Statthalter fragte sie: Wen von beiden soll ich freilassen? Sie riefen: Barabbas! Pilatus sagte zu ihnen: Was soll ich dann mit Jesus tun, den man den Messias nennt? Da schrien sie alle: Ans Kreuz mit ihm! Er erwiderte: Was für ein Verbrechen hat er denn begangen? Da schrien sie noch lauter: Ans Kreuz mit ihm! Als Pilatus sah, dass er nichts erreichte, sondern dass der Tumult immer größer wurde, ließ er Wasser bringen, wusch sich vor allen Leuten die Hände und sagte: Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen. Das ist eure Sache! Da rief das ganze Volk: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder! Darauf ließ er Barabbas frei und gab den Befehl, Jesus zu geißeln und zu kreuzigen. 

Die Verspottung Jesu durch die Soldaten

Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus, führten ihn in das Prätorium, das Amtsgebäude des Statthalters, und versammelten die ganze Kohorte um ihn. Sie zogen ihn aus und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: Heil dir, König der Juden! Und sie spuckten ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen ihm damit auf den Kopf. Nachdem sie so ihren Spott mit ihm getrieben hatten, nahmen sie ihm den Mantel ab und zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an. Dann führten sie Jesus hinaus, um ihn zu kreuzigen.

Die Kreuzigung

Auf dem Weg trafen sie einen Mann aus Zyrene namens Simon; ihn zwangen sie, Jesus das Kreuz zu tragen. So kamen sie an den Ort, der Golgota genannt wird, das heißt Schädelhöhe. Und sie gaben ihm Wein zu trinken, der mit Galle vermischt war; als er aber davon gekostet hatte, wollte er ihn nicht trinken.  Nachdem sie ihn gekreuzigt hatten, warfen sie das Los und verteilten seine Kleider unter sich. Dann setzten sie sich nieder und bewachten ihn. Über seinem Kopf hatten sie eine Aufschrift angebracht, die seine Schuld angab: Das ist Jesus, der König der Juden.

Zusammen mit ihm wurden zwei Räuber gekreuzigt, der eine rechts von ihm, der andere links. Die Leute, die vorbeikamen, verhöhnten ihn, schüttelten den Kopf und riefen: Du willst den Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen? Wenn du Gottes Sohn bist, hilf dir selbst, und steig herab vom Kreuz!

Auch die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und die Ältesten verhöhnten ihn und sagten: Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen. Er ist doch der König von Israel! Er soll vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an ihn glauben. Er hat auf Gott vertraut: der soll ihn jetzt retten, wenn er an ihm Gefallen hat; er hat doch gesagt: Ich bin Gottes Sohn. Ebenso beschimpften ihn die beiden Räuber, die man zusammen mit ihm gekreuzigt hatte.

Der Tod Jesu

Von der sechsten bis zur neunten Stunde herrschte eine Finsternis im ganzen Land. Um die neunte Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: Er ruft nach Elija. Sogleich lief einer von ihnen hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken. Die anderen aber sagten: Lass doch, wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihm hilft. Jesus aber schrie noch einmal laut auf. Dann hauchte er den Geist aus.  Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei. Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich. Die Gräber öffneten sich und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt.

Nach der Auferstehung Jesu verließen sie ihre Gräber, kamen in die Heilige Stadt und erschienen vielen.  Als der Hauptmann und die Männer, die mit ihm zusammen Jesus bewachten, das Erdbeben bemerkten und sahen, was geschah, erschraken sie sehr und sagten: Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!  Auch viele Frauen waren dort und sahen von weitem zu; sie waren Jesus seit der Zeit in Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient. Zu ihnen gehörten Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus und des Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus.

Johannes 19, 25 bis 27

„Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“

Nimm hin, o Herr,
meine ganze Freiheit.
Nimm an mein Gedächtnis,
meinen Verstand,
meinen ganzen Willen.
Was ich habe und besitze,
hast du mir geschenkt.
Ich gebe es dir
wieder ganz und gar zurück
und überlasse alles dir,
dass du es lenkst
nach deinem Willen.
Nur deine Liebe schenke mir
mit deiner Gnade.
Dann bin ich reich genug
und suche nichts weiter.

Ignatius von Loyola

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15. Der Karsamstag

 

Bereiten wir uns jetzt am Karfreitagabend oder Karsamstagfrüh auf diesen Tag der Stille vor, den Tag, da uns Jesus völlig fehlt. Vielleicht gibt Gott uns die Gnade, uns nach ihm zu sehnen.

Jesus ist tot. Wir haben ihn getötet. Die Menschheit hat ihn getötet. Die Menschheit hat nichts mit ihm anfangen können, der die Liebe als oberstes Gebot verkündet und gelebt hat. Bisher war alles irgendwie Bosheit und Dummheit der Menschen. Aber nun ist ein Schlussstrich gezogen: Der Mann, der von Gott gesandt war, und der nun wirklich ganz anders war, als alle anderen Menschen, ist beseitigt. Die Menschen haben Gott getötet. Das war nicht nur ein Akt einzelner, nicht nur ein Versehen, sondern das war die Unterschrift der Menschheit unter das Todesurteil Gottes. Gott hat hier nichts zu suchen. Wir wollen unter uns bleiben. Er ist uns fremd, ist uns vielleicht zu groß, zu anspruchsvoll, er sprengt unsere Grenzen. Wir wollen in unseren Grenzen bleiben. Schluss, aus, fertig! Wir wollen mit diesem Gott nichts mehr zu tun haben.

Oder war es etwa doch nur ein Versehen? Ist etwas schief gegangen? Wollten wir ihn wirklich ermorden?

Ja – so ist es manchmal, dass man im Handeln gar nicht mehr richtig weiß, was eigentlich geschieht. Und plötzlich ist Gott ermordet, obwohl man doch nur einen Spinner los sein wollte. War es doch nur ein Versehen? Eine Unachtsamkeit?

Die Menschen können nicht absolut böse sein. Dafür sind sie viel zu schwach und klein und menschlich. Also, vielleicht muss man sagen: sie wollten nicht Gott töten. Aber sie haben, indem sie einen Störenfried beseitigten, doch ohne es zu wissen, etwas Ungeheures getan. Sie haben einen schlechthin Liebenden getötet. Sie haben ihn nicht verstanden, nicht verstehen wollen. Ihre kleine Bosheit hat sich als sehr verhängnisvoll gezeigt. Zeigt sich unsere kleine Bosheit als sehr verhängnisvoll?

Ja – ich glaube, dass man das sagen kann: unsere kleine Bosheit und unser kleiner Egoismus zeigen sich als sehr verhängnisvoll. Und umgekehrt das Tun von Heiligen: Ihre alltägliche kleine Andersheit zeigt sich als sehr konstruktiv. Sie haben manchmal keine sehr großen Taten getan. Aber ihr kleines Tun zeigte sich als außerordentlich wichtig.

Und da sind wir dann schon auf dem Hügel Golgotha: Dass Maria und Johannes da waren, das war außerordentlich wichtig.

Die Auferstehung

Wir stehen am Karfreitagabend, Karsamstagfrüh: Fragen wir uns einmal: wie sähe die Welt aus, wenn wir nicht an eine Auferstehung Jesu glauben könnten? Wie sähe die Welt für uns aus, wenn wir registrieren müssten: Jesus ist gestorben und so wie alle anderen Menschen im Grab geblieben? Jesus wäre durch die Menschen definitiv vernichtet, ausgeschaltet worden? Die Sache Jesu wäre vorbei. Sein moralisches Leben und sein Ruf nach dem Reich Gottes wären eine unter vielen moralischen Aufbrüchen im Lauf der Geschichte, aber nicht mehr. Moralische Appelle hat es viele gegeben, und auch viele Aufbrüche. Aber wirkliche Durchbrüche hat es nicht gegeben, die Welt ist immer gleich geblieben. Nur Naivlinge meinen, dass es eines Tages besser wird, dass eines Tages Gerechtigkeit ausbrechen wird. Realisten sind der Überzeugung, dass alle Menschen, die wie Jesus leben, umgebracht, beseitigt werden, vielleicht nicht gleich gekreuzigt, aber doch wenigstens eliminiert, weil sie nicht ins System passen.

Und was glauben wir Christen, wenn wir die Auferstehung Jesu bekennen?

Wir glauben, dass das Scheitern Jesu am Kreuz letztlich kein Scheitern ist, sondern ein Sieg, ein Sieg über den Tod und das Böse und über den Egoismus. Wir glauben, dass Ihn der Vater von den Toten auferweckt hat, dass sein Leben und Tun also von Gott-Vater bestätigt wurde, dass Jesus nicht nur Recht hatte, sondern gesiegt hat und am Ende der Zeit sogar siegen wird. Er wird siegen nicht nur, weil er Recht hatte, sondern weil er bis in den Tod hinein geliebt hat, weil er noch im Sterben seine Feinde geliebt hat, weil er noch im Sterben nicht auf sie geflucht, sondern ihnen verziehen hat. Die Liebe trägt den Sieg davon. Das zeigt uns die Auferstehung Jesu.

Wir stehen also am Grab Jesu und halten die Stille aus, das Warten, die Ungewissheit im Dunkel, aber wir hoffen, dass Gott ihn auferwecken werde und damit Jesu Tun bestätigen werde. Wir hoffen, dass die nicht Recht haben, die immer wieder behaupten: Lieben hat keinen Zweck, hat keinen Sinn. Die Bosheit und der Egoismus sind immer die stärkeren. Wir hoffen, dass dies nicht stimmt. Und wir glauben, dass dies nicht stimmt. Wir glauben, dass die Liebe stärker ist als alle Bosheit und stärker ist als der Tod.

Die Liturgie der Osternacht

Auf diesem Hintergrund ist nun wirklich interessant, was in der Liturgie der Osternacht alles geschieht. Wir wollen nur ein paar Punkte aufgreifen.

Erstens die Weihe des Feuers. Wir sind im Dunkel der Nacht. Das Feuer erinnert an die Wärme, die von der Liebe des Herrn ausgeht, an das Licht, das von ihm ausgeht. Jesus hatte gesagt: ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen, ich bin das Licht der Welt. Denken wir an diese Worte, wenn wir das Feuer sehen. Und vom Feuer geht das Licht der Osterkerze aus, mit der wir in die Kirche einziehen. Und das Licht verbreitet sich unter den Gläubigen, aber alles österliche Licht in den Herzen und auf den Gesichtern geht von der Kerze aus, die Christus symbolisiert. Und dann singt der Priester oder ein Vorsänger den Hymnus an die Kerze, an Christus. Und er singt auch von der „seligen Schuld“, von der „felix culpa“. Die Schuld der Menschen ist selig, weil sie einen solchen Freund gefunden haben, der die Schuld von ihren Schultern nimmt und die Schuld auf die eigenen Schultern nimmt. Und er hat den Schuldschein ans Kreuz geheftet. „Dies ist die Nacht, in der die leuchtende Säule das Dunkel der Sünde vertreibt. Dies ist die Nacht, die auf der Erde alle, die an Christus glauben, scheidet von den Lastern der Welt, dem Elend der Sünde entreißt, ins Reich der Gnade heimführt und einfügt in die heilige Kirche. O wahrhaft selige Nacht, die Himmel und Erde versöhnt, die Gott und Menschen verbindet.“

Und dann folgen die vielen Lesungen. Sie erinnern uns daran, dass Leben und Sterben Jesu eine lange Vorgeschichte haben. Gott hat nicht nur in Jesus an uns gehandelt, sondern Jahrhunderte lang an seinem Volk. Er hat eine sehr lange Geschichte mit seinem Volk. Er hat Abraham berufen. Ein einzelner, einsamer Mann in der Wüste. Das kann uns sagen: Niemand darf verzweifeln, weil er ja allein gegen eine Welt steht, denn auch mit Einzelnen kann Gott eine große Geschichte beginnen. Und dann hat Gott sein Volk nicht nur in die Sklaverei Ägyptens gehen lassen, sondern auch herausgeführt. Auch das Leben in Sklaverei ist kein Leben ohne Gott. Denn er ist bei den Sklaven, er beruft Moses, bildet ihn heran und Gott befreit sie durch ihn und er gibt ihnen sein Gesetz. Und dann schickt er immer wieder Propheten, die an Ihn erinnern, die sein Volk mahnen, zurechtweisen, auch trösten. Gott ist bei seinem Volk. Und dann singen die von Jesus Befreiten das Alleluja. Vierzig Tage haben sie auf das Alleluja verzichtet. Es scheint wichtig, dass das Leben Perioden hat. Nur so wird es kein Einerlei. Wehe, wenn wir die 40 Tage der Fastenzeit, des Weges nach Jerusalem vergessen, wenn wir unser Ramadan vergessen. Wir fasten nicht nur wegen unserer Schönheit und Gesundheit, wir fasten, weil wir einen Herrn haben, der uns liebend in seine Arme schließen will. Und dann ist das Alleluja-Fasten zu Ende und wir dürfen wieder das Auferstehungs-Alleluja singen. Und wir sollen es kräftig singen.

Und dann kommt die Feier der Taufe. Es ist schön, wenn in der Osternacht auch Kinder oder Erwachsene getauft werden. Wenn nicht, dann ist es umso nötiger, dass alle Getauften ihre Taufe erneuern. Taufe ist sicher Eingliederung in das Volk Gottes, aber wir dürfen nicht vergessen, dass es auch und vor allem Abstieg in den Tod Christi ist, um mit ihm aufzuerstehen. Das Untertauchen ist das Eintreten in die Todesgemeinschaft mit Ihm und das Auftauchen ist das Auferstehen. Wenn wir es schon als kleine Kinder nicht selbst vollziehen konnten, so sollten wir doch wenigstens jetzt in der Osternacht geistig in Jesu Tod hinein sterben, um mit Ihm aufzuerstehen. Und dann feiern wir die Eucharistie. Auf sie hatten wir am Karfreitag verzichtet. Wir feiern sie also in gewisser Weise neu. Wir feiern in ihr Jesu Sterben und Auferstehen, wir feiern und erleben sein Angebot: „Nehmt und esst mich. Ich sterbe, damit ihr lebt. Ich will in Euch leben, ich will immer in euch sein. Ich schenke mich Euch.“

Und dann feiern wir das Osterfest. Christus ist von den Toten erstanden. Er stirbt nicht mehr. Er lebt, um immer für uns einzutreten. Wir dürfen leben mit dem Wissen: Er tritt für mich ein. Er setzt sich in Leben und Tod für mich ein. Der Auferstandene ist an meiner Seite. Heute und alle Tage meines Lebens gilt: Ich bin bei Euch alle Tage bis ans Ende der Welt.

Und in diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Osterfest und eine gesegnete Osterzeit.

 

Das Exultet

Hymne an die Osterkerze

„Frohlocket, ihr Chöre der Engel, frohlocket, ihr himmlischen Scharen, lasset die Posaune erschallen, preiset den Sieger, den erhabenen König! Lobsinge, du Erde, überstrahlt vom Glanz aus der Höhe! Licht des großen Königs umleuchtet dich. Siehe, geschwunden ist allerorten das Dunkel. Auch du freue dich, Mutter Kirche, umkleidet von Licht und herrlichem Glanze! Töne wider, heilige Halle, töne von des Volkes mächtigem Jubel.

In Wahrheit ist es würdig und recht, den verborgenen Gott, den allmächtigen Vater, mit aller Glut des Herzens zu rühmen und seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn Jesus Christus, mit jubelnder Stimme zu preisen. Er hat für uns beim ewigen Vater Adams Schuld bezahlt und den Schuldbrief ausgelöscht mit seinem Blut, das er aus Liebe vergossen hat. Gekommen ist das heilige Osterfest, an dem das wahre Lamm geschlachtet ward, dessen Blut die Türen der Gläubigen heiligt und das Volk bewahrt vor Tod und Verderben.

Dies ist die Nacht, die unsere Väter, die Söhne Israels, aus Ägypten befreit und auf trockenem Pfad durch die Fluten des Roten Meeres geführt hat.

Dies ist die Nacht, in der die leuchtende Säule das Dunkel der Sünde vertrieben hat.

Dies ist die Nacht, die auf der ganzen Erde alle, die an Christus glauben, scheidet von den Lastern der Welt, dem Elend der Sünde entreißt, ins Reich der Gnade heimführt und einfügt in die heilige Kirche.

Dies ist die selige Nacht, in der Christus die Ketten des Todes zerbrach und aus der Tiefe als Sieger emporstieg. Wahrhaftig, umsonst wären wir geboren, hätte uns nicht der Erlöser ge­rettet.

O unfassbare Liebe des Vaters: Um den Knecht zu erlösen, gabst du den Sohn dahin! O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam, du wurdest uns zum Segen, da Christi Tod dich vernichtet hat. O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden! O wahrhaft selige Nacht, dir allein war es vergönnt, die Stunde zu kennen, in der Christus erstand von den Toten. Dies ist die Nacht, von der geschrieben steht: „Die Nacht wird hell wie der Tag, wie strahlendes Licht wird die Nacht mich umgeben.“ Der Glanz dieser heiligen Nacht nimmt den Frevel hinweg, reinigt von Schuld, gibt den Sündern die Unschuld, den Trauernden Freude. Weit vertreibt sie den Hass, sie einigt die Herzen und beugt die Gewalten.

In dieser gesegneten Nacht, heiliger Vater, nimm an das Abend­opfer unseres Lobes, nimm diese Kerze entgegen als unsere fest­liche Gabe! Aus dem köstlichen Wachs der Bienen bereitet, wird sie dir dargebracht von deiner heiligen Kirche durch die Hand ihrer Diener. So ist nun das Lob dieser kostbaren Kerze erklun­gen, die entzündet wurde am lodernden Feuer zum Ruhme des Höchsten.

Wenn auch ihr Licht sich in die Runde verteilt hat, so verlor es doch nichts von der Kraft seines Glanzes. Denn die Flamme wird genährt vom schmelzenden Wachs, das der Fleiß der Bienen für diese Kerze bereitet hat.

O wahrhaft selige Nacht, die Himmel und Erde versöhnt, die Gott und Menschen verbindet!

Darum bitten wir dich, o Herr: Geweiht zum Ruhm deines Na­mens, leuchte die Kerze fort, um in dieser Nacht das Dunkel zu vertreiben. Nimm sie an als lieblich duftendes Opfer, vermähle ihr Licht mit den Lichtern am Himmel. Sie leuchte, bis der Mor­genstern erscheint, jener wahre Morgenstern, der in Ewigkeit nicht untergeht: dein Sohn, unser Herr Jesus Christus, der von den Toten erstand, der den Menschen erstrahlt im österlichen Licht; der mit dir lebt und herrscht in Ewigkeit.“