HÖRSPIELE

1. Gespräche mit Inigo
Hörspiel zum Ignatianischen Jahr 2006 von P. Eberhard v. Gemmingen SJ

2. "Versuche, Jesus zu retten"
Hörspiel in vier Teilen von P. Eberhard v. Gemmingen SJ

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Gespräche mit Inigo
Hörspiel zum Ignatianischen Jahr 2006
von P. Eberhard v. Gemmingen SJ

1. Teil

Einführung: Der Heilige Ignatius von Loyola (1492 – 1556), früher Inigo, wurde im Jahr 1521 bei der Verteidigung von Pamplona so schwer verwundet, dass er monatelang in seiner elterlichen Burg von seiner Schwägerin Magdalena gepflegt werden musste. Während seiner Krankheit hatte er tiefe geistliche Einsichten sowie mehrere Visionen Christi und Mariae. Er entschloss sich, als Bettler nach Jerusalem zu gehen und ein völlig neues Leben anzufangen. Auch wollte er möglichst vielen Menschen durch seine geistlichen Exerzitien auf den Weg ihrer Berufung helfen.

Schwägerin Magdalena und Inigo auf Schloß Loyola

Magdalena: mein lieber Inigo, gottlob geht’s dir jetzt besser und man kann wieder mit dir vernünftig reden. Ich weiß nicht, ob du dir bewußt warst, wie schwer es war, mit dir irgendwie zu kommunizieren, als du noch solche Schmerzen hattest. Es muss fürchterlich für dich gewesen sein, als du dich bei vollem Bewußtsein nochmal hast operieren lassen, als sie dir auf deinen Wunsch hin, das Vorsprung an deinem Schienbein hast abhobeln lassen. Ich hätte gebrüllt an deiner Stelle und du hast nur die Fäuste zusammengedrückt, auf die Zähne gebissen. Aber du hast wahnsinnig geseufzt. Ich hab ja immer nur so kurz wie möglich reingeschaut bei dir. Es war schon für mich nicht zum aushalten. Allein das Zuschauen.

Ignatius: Na und? Jetzt geht’s mir besser. Jetzt geht’s mir gut. Es tut zwar noch weh, aber ich bin sehr zufrieden.

Magdalena: und wie soll` s jetzt weitergehen? Du kannst nicht wieder zum Vizekönig von Navarra zurück. Den gibt’s nicht mehr. Du kannst auch nicht hierbleiben. Und für das Militär werden sie dich höchstens noch als Berater nehmen. - Aber deine Urteilskraft? - Verzeih! - Du bis ja doch immer wieder sehr arrogant und stolz! Ich jedenfalls würde mich nicht immer auf dein Urteil verlassen. Jedenfalls nicht, wenn` s bei Schlachten um Leben und Tod geht.

Ignatius: Na und? Was machst du dir Sorgen. Zerbrich dir nicht meinen Kopf. Ich kann noch denken. Ich hab keine Angst um meine Zukunft. Der liebe Gott, der gran Segnor wird schon wissen, wie es weitergeht.

Magdalena: Aber der hat uns ja auch den Verstand gegeben. Wir sollen den gebrauchen. Und – weißt du, ich hab jetzt etliche Monate für dich gesorgt. Vielleicht weißt du nicht, was das für mich bedeutet hat. Es war schon ganz schön mühsam – neben Kindern, Mann, Angestellten, Haus. Vielleicht lebst du ein bißchen in Wolkenkuckucksheim?

Ignatius: Ja du hast recht. Ich lebe in einer anderen Welt. Mir sind viele Lichter aufgegangen während der wahnsinnigen Schmerzen. Als ich Zeit hatte zum Denken – und ja – auch zum Beten.

Magdalena: Mach mir nichts vor. Vom Beten hast du aber bisher wenig gehalten. Die paar auswendig gelernten Gebete, pah!

Ignatius: Kannst du beten? Magdalena.

Magdalena: Na klar. Was tu ich morgens und abends und mit den Kindern? Was mach ich in der Hauskapelle?

Ignatius: Ach ja, ich weiß, verzeih. Klar betest du.

Magdalena: Mensch Inigo, sei nicht so jenseitig. Ich will wissen, wie du dir deine Zukunft vorstellst. Du bist zu jung, um zum Frührentner zu werden mit deinen 30 Jahren. Such dir eine anständige Frau, noch bist du attraktiv. Oder soll ich Dir eine suchen?

Ignatius: Eigentlich will ich erst mal einem anständigen Herrn dienen. Ich will noch was Großes schaffen – mit meinem kaputten Bein, aber wenn ich mich so umschaue in unserem Spanien: wirklich gescheite Herren, denen es sich zu dienen lohnt, kann ich kaum ausmachen. Siehst du jemanden, Magdalena?

Magdalena: Na ja, da gibt’s schon welche. Sei nicht zu anspruchsvoll. Du mußt schließlich auch von was leben. Du bist nicht der Älteste, dem alles in den Schoß fällt.

Ignatius: Du willst mich hier aus dem Haus kriegen.

Magdalena: Ja – wenn wir begütert wären, könnte ich dich hier durchbringen, aber die Loyolas haben ja lieber Kriege geführt als paar Ländereien zusammenzukriegen. Euch fehlt es einfach an ökonomischem Hausverstand. Ihr schlagt euch lieber – bloß wegen Eurer dummen Ehre. Ich pfeif auf die Ehre. Vor allem, wenn ich nichts zu beißen habe.

Musik-Pause

Ignatius: Liebe Magdalena, kannst du dich bitte mal einen Moment auf meine Gedanken, ganz andere Gedanken einlassen?

Magdalena: Warum nicht? Machst du es feierlich!

Ignatius: ich muss ausholen. Hab Geduld! Hast du Zeit zum Zuhören?

Magdalena: Naja, schieß los!

Ignatius: Ich werde Bettler, wandernder Bettler.

Magdalena: Wie? Bist du verrückt?

Ignatius: Ja – vielleicht schon. Vielleicht bin ich auch intelligent. Das kommt auf den Standpunkt an.

Magdalena: Dein Standpunkt ist jedenfalls falsch.

Ignatius: Ja – mein Standpunkt ist falsch, wenn man halt so bäuerlich, spießbürgerlich oder aristokratisch denkt.

Magdalena: Und wie denkst du?

Ignatius: Anders. Man kann das nicht so leicht erklären. Verstehen kann man das nur, wenn man ein bißchen Erfahrung hat.

Magdalena: Was für Erfahrung? Du hast jedenfalls keine. Wer keine Ehe führt, keine Kinder großzieht, keinen Haushalt mit Angestellten zu führen hat, der hat wirklich keine Erfahrung.

Ignatius: Ich mein eine andere Erfahrung.

Magdalena: Was für eine?

Ignatius: Eine Erfahrung mit der Dreifaltigkeit.

Magdalena: Spinnst Du?

Ignatius: Vielleicht.

Magdalena: Ist Dir die Dreifaltigkeit erschienen, als du solche Schmerzen hattest.

Ignatius: Ja, aber nicht so wie du meinst.

Magdalena: Wie meine ich?

Ignatius: Du meinst, ich hätte halt Fieberfantasien gehabt, hätte geträumt, hätte im Traum die Dreifaltigkeit gesehen und bilde mir jetzt ein, das sei eine wirkliche Erscheinung – wie bei alten Heiligen.

Magdalena: Ja so wird’s gewesen sein, auch wenn du mir jetzt gleich das Gegenteil vormachen willst.

Ignatius: Ich hab dich gefragt, ob du zuhören kannst und willst. Kannst du?

Magdalena: Ich versuchs weiter.

Ignatius: Also: mir ist nicht nur einmal die Dreifaltigkeit erschienen. Ich hatte sehr viele Visionen – und die haben mich sehr stark gemacht. Daher kann ich heute über alle deine Sorgen lächeln. Glaub es mir, liebe Magdalena. Kannst du noch zuhören und mir ein wenig glauben?

Magdalena: Ich versuch, dich nicht für verrückt zu halten.

Ignatius: Versuch es: angefangen hat es ganz anders. Kannst du dich erinnern, dass du mir mal fromme Bücher gebracht hast?

Magdalena: Ja, ich erinnere mich. Ich hab mich gewundert.

Ignatius: Nach einer Weile Lesen in diesen Büchern hab ich mir vorgestellt, dass ich so wie die heiligen Franz von Assisi und Dominikus maßlose Buße mache. Dass ich faste und mich geißle, dass ich nur auf dem nackten Boden schlafe, dass ich nur Lumpen anhabe und vom Betteln lebe.

Magdalena: Aha, ich höre.

Ignatius: Hör zu! Wenn ich mit solchen Fantastereien zu Ende war, fühlte ich mich wohl, sehr wohl. Ich war ruhig und zufrieden.

Magdalena: Und?

Ignatius: Dann hab ich mir vorgestellt, dass ich dem spanischen König toll diene  oder noch besser der Königin – oder gar dem Kaiser und der Kaiserin in Wien. Und ich hab mir vorgestellt, dass ich einer wunderschönen Frau den Hof mache, dass ich vor ihrem Fenster Liebeslieder singe, dass ich – um ihr Herz zu gewinnen – Waffenkämpfe austrage, damit sie mich bewundert. Ich hab mir vorgestellt, dass ich für sie der tollste Ritter und Liebhaber sein könnte. Und wenn ich mit diesen Fantasien zu Ende war, dann hab ich mich leer und ausgetrocknet gefühlt. - Ich hab das oft wiederholt. Einmal die Heiligen nachzuahmen und dann wieder die Helden, die Königen oder edlen Damen dienen. Und dabei hab ich etwas gemerkt und mehrfach nachgeprüft: Nach den frommen Überlegungen war ich zufrieden, gelassen, froh; nach den unfrommen Überlegungen war ich leer, ausgebrannt, frustriert. Ich hab darüber nachgedacht. Lange Zeit. Und irgendwann wurde mir klar: wenn die Gedanken vom Heiligen Geist kommen, ist der Mensch nachher froh, wenn sie vom Ungeist kommen, ist der Mensch nachher leer und ausgebrannt.

Magdalena: Meinst du? Stimmt das? Stimmt das nur bei dir? Nur wenn man in einer solchen Lage ist wie du? Wie willst du wissen, dass das für alle Menschen gilt.

Ignatius: Probier es aus. Ich denk, das gilt für alle. Und willst du weiter hören?

Magdalena: Erzähl.

Ignatius: Ja und dann hatte ich eben in der tiefen Nacht auch die eine oder andere Vision. Das war so klar und deutlich, dass ich gar nicht daran zweifeln kann. Ich bin jetzt völlig nüchtern und muss dennoch sagen: diese Visionen waren keine Hirngespinste, sondern wahre Wirklichkeit. Das kann ich zwar niemand beweisen, aber ich selbst weiß es. Und das reicht.

Magdalena: Und jetzt?

Ignatius: Ja – jetzt will ich Wanderbettler werden. Ich geh nach Jerusalem – und zwar bald, dann hast du Ruhe von mir – und wirst wohl auch nie mehr etwas von mir hören. Ich verschwinde von der Bildfläche. Es gibt mich nicht mehr. Ich werde ein Nichts. Vor allem werde ich ein Nichts für den Adel, die Könige, Kaiser, Damen und Herren. Höchstens werden sie mal an einem Bettler im Dreck vorbeigehen, aber sie werden mich nicht erkennen.

Magdalena: Du bist doch verrückt, lieber Inigo. Du kannst nicht so verschwinden. Du darfst es nicht. Du bringst dabei wahnsinnige Schande über das Haus Loyola. Du bist kein Privatmann, der einfach tun darf, was er mag. Du hast Verantwortung für deine Großfamilie. Die halbe Welt wird über die Loyolas lachen, auch über den spanischen und vor allem den baskischen Adel. Das darf nicht sein. Du hast Verantwortung. Keiner ist eine Insel.

Ignatius: Meinst du?

Magdalena: Ich mach dir einen Vorschlag?

Ignatius: Das wäre?

Magdalena: Du wirst Domherr, Domherr irgendwo im Baskischen oder sonstwo. Da hast du dein Auskommen. Da kannst du beten, dich dem frommen Nichtstun widmen. Da bist du unter deinesgleichen. Frau brauchst du offenbar nicht – oder vielleicht doch? Gib` s zu!

Ignatius: Magdalena, liebe Magdalena, verstehst du gar nicht? Bin ich so schwer zu verstehen? Ich möchte bei Jesus sein, wie Jesus leben – wie es die Heiligen gemacht haben. Schau Jesus ist von der Seite des Vaters um Himmel herabgestiegen, ist einer von uns geworden. Er ist nicht Domherr in Jerusalem geworden. Er hat auch nicht studiert. Er hat das, was er im Gebet auf den Bergen erkannt hat, gepredigt. Er ist arm, vielleicht barfuß durchs Land gezogen, hat gebettelt, auf dem Boden geschlafen, hat Freunde gesucht. Vielleicht find ich ja auch Mitbettler. Aber keine Domherren! Jesus ist Knecht geworden, nicht Herr.

Magdalena: Man nennt Domherren halt Domherren, aber sie sollen fromme Priester sein. Und es gibt ja auch welche.

Ignatius: Magdalena, ich kann gar nicht anders, als Bettler zu werden. Ich geh zum Kloster Montserrat, schenk dort mein Schwert der Madonna, schenk meine Ritterkleidung einem armen Tropf, lass mir von ihm sein Bettlergewand geben und dann bin ich verschwunden. Du wirst mich nicht finden. Aber ich bin im Geist und Herzen immer bei dir, denn du bist ja eine tolle Frau, die mir so geholfen hat.

Magdalena: Des Menschen Wille ist sein Himmelreich, aber wenn ich das deinem Bruder sag, dann wird er es mit Gewalt verhindern. Du darfst den Ruf deiner Familie nicht kaputt machen. Das werden wir verhindern. Lieber Inigo, ich warne dich. Wenn du in einem Burgkeller landest, ich weiß nicht, ob dir da jemand zu essen bringt.

Vielleicht können wir ja doch noch verhindern, dass du hier aus Loyola überhaupt raus kommst. Noch kannst du nicht gut gehen. Freu dich, lieber hier eingesperrt, wo wir dich und deine Spinnereien noch kennen, als in irgendeinem Kerker zwischen San Sebastian und Barcelona. Vergiß nicht, dass schon so mancher Raubritter in einem Kellerloch verhungert ist. Da hilft dir auch keine Dreifaltigkeit. Da hast du dann vielleicht wieder Visionen, aber das sind Hungervisionen.

Ignatius: Ja – Magdalena.

Magdalena: Inigo, ich hab dich lieb und möchte dich nicht verlieren. Vielleicht kannst du ja aus Liebe zu mir, auf deinen Unsinn verzichten.

Ignatius: Magdalena, ich hab dich auch lieb, aber ich habe den lieben Gott noch lieber und es hilft dir, wenn ich mich ganz dem lieben Gott schenke.

Sprecher: Inigo ist dann an einem schönen Morgen humpelnd von Loyola losgezogen. Noch hatte er aufgezwungene Begleiter, die er aber bald abschüttelte. Er richtete sich nach Osten, in Richtung des Marienheiligtums auf dem Montserrat. Dort hat er sein Schwert der Madonna übergeben und tauschte seine Kleider mit einem Bettler. Weiter ging´ s Richtung Barcelona, er hatte aber Angst, dass er dort trotz seiner Kleidung erkannt würde, daher machte er Halt in dem Städtchen Manresa. Doch hier wurde er von Gott ganze elf Monate festgehalten. Er hauste in einer Höhle, fastete, bis er sich den Magen ruinierte, bettelte sich sein Brot zusammen, verteilte es andere Arme, hatte schwerste seelische Kämpfe durchzustehen, die ihn bis an den Rand des Selbstmords führten. So wurde er gereinigt und gestärkt. Von hier brach er ein Jahr nach dem Verlassen von Loyola auf zu einer Pilgerfahrt ins Heilige Land.

 

2. Teil

Einführung: Ignatius war etwa zwei Wochen im Heiligen Land, dann wurde ihm von den zuständigen Franziskanern mitgeteilt, dass er mit den anderen Pilgern wieder nach Europa zurückreisen müsse, denn es sei den Christen verboten, sich hier anzusiedeln. Ignatius bedauerte dies sehr, denn er war ja gekommen, um auf Dauer den Muslimen das Evangelium zu verkünden. Aber aus Gehorsam gegen das kirchliche Gebot, plante er mit den anderen Pilgern seine Rückreise.

 

                      Ignatius und Machmud in Jerusalem

Machmud: Mensch, Inigo, du musst hier bleiben, so extravante Leute wie dich brauchen wir hier.

Ignatius:: Ich kann aber nicht Machmud. Der Kustos hat es mir verboten.

Machmud: Was geht uns der Kustos an. Der hat hier ja nichts wirklich zu sagen.

Ignatius: Doch hat er was zu sagen, der vertritt hier den römischen Papst.

Machmud: Was interessiert mich der Papst in Rom? Hier ist nicht Christenland, hier ist Allahs Land.

Ignatius: Aber wenn hier Jesus gelebt hat, dann ist hier auch Christenland.

Machmud: Das war früher mal so, jetzt gehört das Land den Söhnen Mohammeds, die den Allerheiligsten anbeten. Er ist der Herr und der Einzige.

Ignatius: Aber warum soll ich, der ich ein Christ bin – hier bleiben? Ich weiß schon warum, aber was interessiert das dich, Machmud?

Machmud: Ich möchte, dass du hier bleibst, weil dein Allah auch mein Allah ist und weil du gute Beziehungen zu Allah hast. Du bist ihm nahe. Das spüre ich.

Ignatius: Und deshalb willst du, dass ich hier im Land Jesu bleibe?

Machmud: Ja – du musst hier bleiben. Ich versteck dich schon vor dem Kustos. Er findet dich nicht.

Ignatius: Ich würde ja auch gerne hier bleiben, aber weil ich ein Christ bin, gehorche ich dem Vertreter des Papstes und fahre wieder ab.

Machmud: Inigo, ich kann dich nicht verstehen. Du betest regelmäßig zu deinem Allah, du suchst ihn aus ganzem Herzen. Das merkt man. Du dienst ihm so wie wir Anhänger des Mohammed ihn suchen oder suchen sollten. Du bist also ein Mann Allahs, warum geht dich dann der Papst was an? Was hat dein Papst mit Allah zu tun. Der ist doch nur ein Hindernis auf dem Weg zu Allah.

Ignatius: Das wirst du nicht so leicht verstehen, Machmud. Hast Du Lust mir zuzuhören?

Machmud: Ja klar.

Ignatius: Schau, unser Allah hat seinen Sohn auf die Welt geschickt

Machmud: Sprich nicht vom Sohn Allahs. Allah hat keinen Sohn.

Ignatius: Wolltest du zuhören?

Machmud: Schon, aber wenn du Allah beleidigst, muss ich protestieren.

Ignatius: Also, der Papst in Rom ist der Chef der Boten, die Jesus Christus in alle Welt geschickt hat. Das war zwar vor rund eineinhalb Jahrtausenden, aber dieser Chef hatte Nachfolger und die sitzen in Rom und die haben das letzte Wort in der Gemeinschaft der Christen. Und weil sie das letzte Wort haben, haben sie gesagt, Christen sollen sich nicht länger als zwei Wochen im Heiligen Land aufhalten.

Machmud: Ich versteh. Du meinst also, dass Jesus, den du Christus, der Gesalbte, nennst, will, dass du aus unserem Land wieder weggehst.

Ignatius: Genau das. Jesus möchte leider nicht, dass ich hier bleibe.

Machmud: Kannst du das verstehen? Ich versteh das nicht.

Ignatius: Machmud, ich versteh das auch nicht. Aber es gibt viele Dinge auf der Erde, die wir nicht verstehen. Es gibt Befehle oder Wünsche, die wir nicht verstehen und doch befolgen müssen.

Machmud: Ihr Christen seid nicht aufgeklärt. Wir Muslime sind aufgeklärt. Wir verstehen die Worte des Koran und tun sie deswegen auch. Wir verstehen, was wir tun müssen.

Ignatius: Bist du dir da so sicher? Ich hab meine Zweifel. Ihr tut viele Sachen nur, weil sie in eurem heiligen Buch stehen, aber ihr versteht sie nicht. Eure einzige Begründung ist nur, weil sie dort geschrieben sind.

Machmud: Du bist ein Sophist.

Ignatius: Ich weiß nicht, was ich bin, aber ich will tun, was Jesus von mir will. Wenn ich das nicht tue, dann bin ich ganz unglücklich.

Machmud: Aber Inigo, du hast doch gesagt, dass du gerne hier bleiben würdest, wenn es erlaubt ist. Warum eigentlich?

Ignatius: Hast du Zeit und Ruhe mir zuzuhören und mich nicht zu oft zu unterbrechen?

Machmud: Wenn es sein muss, ja.

Ignatius: Also, ich würde gerne euch Freunden und Anhängern des Allah sagen, dass ihr zwar auf dem rechten Weg seid, aber dass der Weg noch viel weiter geht als ihr ihn kennt.

Machmud: Das musst du mir schon erklären.

Ignatius: Da bin ich grad dabei. Ihr betet den einzigen Gott an. Das tun wir auch. Ihr erfüllt seine Gebote. Das tun wir auch. Ihr glaubt, dass er die Welt erschaffen hat, sie leitet und richten wird. Das tun wir auch. Ihr glaubt, dass er die Guten belohnt und die Bösen bestraft. Das tun wir auch.

Machmud: Wir sind also auf dem gleichen Weg – im Unterschied von den Menschen im fernen Indien, die viele Götter anbeten.

Ignatius: Ja, aber wir gehen den Weg noch weiter. Wir glauben, dass Gott Mitleid hatte, als er sah, dass die Menschen seine Gebote nicht erfüllen können, dass sie permanent sündigen, dass sie dadurch sich als Menschen schaden, weil sie sich von Gott entfernen. Gott ist also nicht nur gerecht, sondern auch barmherzig. Er erbarmt sich über die Menschen, die sündigen.

Machmud: Na und? Allah ist auch barmherzig.

Ignatius: Um aber den Menschen zu zeigen, wie gut und barmherzig er ist, hat er einen Menschen auftauchen lassen, der die Güte und Barmherzigkeit Gottes sichtbar gemacht hat.

Machmud: Du meinst euren Jesus?

Ignatius: Ja – den meine ich.

Machmud: Der ist aber nichts als ein Mensch und keineswegs ein Gott, wie viele von euch behaupten.

Ignatius: Das behaupte ich auch, das glaube ich auch ganz fest.

Machmud: Wie kannst du das glauben? Das ist doch eine Beleidigung Allahs. Allah ist nur einer, nicht zwei.

Ignatius: Gott ist auch nur einer. Wenn Jesus Gott ist, heißt das ja nicht, dass Gott mehrere sind.

Machmud: Das kann ich nicht verstehen. Das musst du mir erklären.

Ignatius: Ich kann dir das mit Worten erklären, aber eigentlich verstehen kann das niemand. Das ist ein Mysterium.

Machmud: Also erkläre.

Ignatius: In dem einen und einzigen Gott sind nicht nur zwei Personen, sondern sogar drei: Vater, Sohn und heiliger Geist.

Machmud: Wie geht das?

Ignatius: Ich weiß es nicht, aber ich glaube es ganz fest. Gott ist Gemeinschaft. Drei in eins und eins in drei.

Machmud: Und warum willst du wegen diesem Geheimnis, das ich nicht glauben kann, hier bei uns bleiben – wenn du könntest?

Ignatius: Ich würde gerne euch – den so gläubigen Allah-Anhängern – gerne verkünden, dass ihr noch viel froher und glücklicher werden könnt, wenn ihr unseren Christengott annehmen würdet.

Machmud: Unmöglich. Unser Glaube ist uns genug, er ist die Wahrheit. Ihr zerstört unser wichtigstes, dass Gott nur einer ist und dass Mohammed sein letzter Prophet ist. Über Mohammed geht’s nichts hinaus.

Ignatius: Hier trennen sich unsere Wege, liebe Machmud. Ich weiß und ich habe es erfahren, dass Jesus der Weg ist, er ist die Wahrheit und in ihm habe ich Leben gefunden. Und ich würde dir und deinen Landsleuten gerne dieses Leben bringen und daher würde ich gerne dableiben.

Machmud: Zurück zum Papst. Wenn du so von deinem Auftrag zu predigen überzeugt bist, warum kann dir dann dein Papst dreinregieren.

Ignatius: Weil er Jesus auf der Erde vertritt. Ich kann die besten Wünsche und Ideen haben, wenn sie nicht gedeckt sind vom Gehorsam gegen den Papst, dann bringen sie keinen Segen. Wir haben genügend Leute gehabt, die auf eigene Faust einen Kirchenauftrag erfüllt haben. Es ist dann im Lauf der Zeit immer schief gegangen.

Machmud: Naja, du musst dich entscheiden. Ich finde, du wirst zwischen deinem Gott und deinem Papst auseinandergerissen.

Ignatius: Manchmal hab ich auch dies Gefühl. Wenn ich aber dann doch tue, was der Papst befiehlt, spüre ich, dass ich Gottes Weg gegangen bin und nicht einen Abweg. Der wäre oft mein eigener Weg gewesen. Mein Weg - ein Abweg oder Umweg.

Machmud: Ach, Inigo, es bleiben noch so viele Fragen: Warum möchtest du denn nun gerade hier in dem Land bleiben, das doch jetzt uns Muslimen gehört. Es gibt ja noch andere Länder, wo du auch deinen Gott verkünden könntest.

Ignatius: Ich möchte hier bleiben, weil er – Jesus von Nazareth –hier gelebt hat. Hier auf dieser Erde ist er gegangen, hier hat er sein müdes Haupt nieder gelegt. Hier hat er gegessen, getrunken, gepredigt, Wunder gewirkt, Menschen geheilt. Hier wurde er auch furchtbar gefoltert und umgebracht. Hier ist er für das Heil aller Menschen gestorben, auch für dich, lieber Machmud. Hier ist er auch vom Vater im Himmel auferweckt worden. Hier ist er als Auferstandener seinen Jüngern und Freunden erschienen. Von hier ist er in den Himmel aufgenommen worden und hier ist der Geist Gottes auf seine Freunde und Jünger herabgekommen. Hier ist auch seine heilige Mutter gestorben.

Machmud: Da bin ich mir aber nicht so sicher, ob das nicht in Ephesus war.

Ignatius: Naja, seis drum. Hier ist für mich, für uns Christen heiliges Land. Wenn ich hier bleiben könnte, wäre ich Ihm – Jesus Christus – besonders nahe.

Machmud: Meinst du das? Und ist das für dich so wichtig, ihm so nahe zu sein?

Ignatius: Natürlich ist das wichtig. Dafür lebe ich, Ihm nahe zu sein ist mein Alles, mein Glück.

Machmud: Und doch, Inigo, auch wenn ich dich nicht verstehe, ich schätze dich sehr. Sehr, sehr. Je mehr ich dich höre, desto mehr möchte ich dich hier bei uns behalten. Du musst hier bleiben. Ich werde dir helfen, dass du deinen Jesus verkünden kannst. Ich werde dich verstecken vor dem Kustos. Ich helfe dir und verschaffe dir Freunde. Vielleicht kann ich dir sogar eine Frau verschaffen. Oder hast du etwa in deiner Heimat eine Frau?

Ignatius: Was denkst du? Ich bin ein Mann Gottes.

Machmud: Umso leichter. Ich verstecke dich vor dem Kustos. Bringe dich an einen sicheren Ort, wo wir oft mit einander reden können. Ich werde deine christliche Predigt nicht stören und nicht verraten.

Ignatius: Du bist verrückt. Was du versprichst, kannst du nicht. Und ich will nichts gegen den Befehl der Kirche tun.

Machmud: Du musst hier bleiben. Wir brauchen Geistesmänner wie dich. Wir Muslime brauchen auch Menschen, die uns aufrütteln. Das kannst du.

Ignatius: Und was würde der Sultan sagen? Er würde dich, Machmud, ins Gefängnis werfen, wenn er erfährt, dass du einen Christen versteckst.

Machmud: Ach, ich würde mich schon schützen. Inigo du musst bei uns bleiben.

Ignatius: Morgen geht das Schiff. Ich fahre.

Machmud: Nein bitte bleib. Bleib mir zu liebe. Wenn du nicht bleibst, verliere ich meinen Glauben an Allah. Dann kann ich nicht mehr glauben, dass Allah allmächtig ist.

Ignatius: Machmud, mach mir nichts vor, mach dir nichts vor. Du willst dich nur an meinem Reden berauschen. Ich kenn das. Manchmal werde auch ich ganz berauscht, wenn mich jemand überzeugt.

Machmud: Nein, es ist mehr. Ich bin nicht berauscht, bin auch nicht in dich verliebt. Aber ich merke, dass Gott aus dir spricht, dass Allah durch die spricht. Du bist eine Inkarnation Allahs.

Ignatius: Machmud, jetzt übertreibst du aber wirklich. Ich bin ein hinkender, sehr kleiner Bettler. Hab keinen Groschen in der Tasche, lebe von Almosen, hab nicht studiert, hab nichts richtig gelernt. Und ich gehorche dem Kustos. Das ist der Wille Gottes. Leb wohl Machmud wir sehen uns im Paradies wieder. Sei nicht traurig. Wenn Du zu Allah betest, treffen wir uns – wir können uns fünfmal am Tag begegnen. Und nach deinem Tod wirst merken, dass ich Recht hatte. Leb wohl.

 

Sprecher: Inigo ist dann am nächsten Tag aufs Schiff gestiegen und auf einigen Umwegen nach Italien und Barcelona zurückgefahren. Er hatte erkannt, dass er – um geistliche Übungen, Exerzitien geben zu können – Theologie studieren und Priester werden sollte. Er hatte auch wohl schon die Idee gefaßt, wenn er nicht Missionar im Heiligen Land werden könne, dann sollte er dem Papst in Rom sagen: Schick mich dorthin, wo es nach deiner Weitsicht am nötigsten ist.

3. Teil

Einführung: Ignatius war nach Barcelona gekommen. Er hatte auf seiner langen Reise über Rom nach Jerusalem und zurück erkannt, dass er den Menschen geistlich dann besser helfen könne, wenn er Theologie studieren und die Priesterweihe empfangen würde.

 

Ignatius und Agnes

Agnes: Du, ein Mann Gottes, willst studieren?!?!   Das ist doch überflüssig.

Ignatius: Ich glaube, dass du das nicht richtig siehst.

Agnes: Das, was dir Gott schon alles gelehrt hat, ist doch tausendmal wichtiger als was du noch auf der Schulbank lernst.

Ignatius: Das ist etwas anderes. Was ich in der Schule lerne, brauche ich leider auch.

Agnes: Was lernst du da schon, was lernt man selbst an einer Universität?

Ignatius: Schau, um den Menschen den Glauben an Jesus und seinen Vater erklären zu können, brauche ich einen Auftrag von der Kirche. Den krieg ich nur, wenn ich auf der Schule war.

Agnes: Ist die Kirche so beschränkt, dass sie nicht sieht, was dir Gott schon direkt und persönlich alles gelehrt hat.

Ignatius: Viele Kirchenleute sind vielleicht beschränkt, das kann man gar nicht leugnen. Viele haben zu wenig von Gott erfahren und nur in der Schule einiges über Gott gehört. Das ist richtig, aber da die Kirche nun mal eine Ausbildung verlangt von denjenigen, die in ihrem Auftrag unterrichten, ist das für mich Gebot.

Agnes: Ignatius, denk mal: wie viele Jahre deines Lebens verlierst du, wenn du jetzt erst mal anfängst Latein zu lernen und dann die Artes, die Grammatik, die Lettere. Du verlierst dein halbes Leben.

Ignatius: Ich hab schon viele Jahre mit dummen Sachen verloren. Lernen ist nicht dumm

Agnes: Du bist jetzt 31 Jahre alt. Wenn es gut geht, gibt dir Gott nochmal fünfzehn Jahre. Von diesen fünfzehn Jahren willst du fünf durch Studium verlieren. Das ist der dritte Teil.

Ignatius: Ich verliere nichts, denn ich tue mit dem Studium einfach das, was Gott von mir will.

Agnes: Bitte keine Ideologie. Wenn die Kirche das verlangt, ist das nicht der Wille Gottes, sondern eine Schikane, um einen Mann Gottes vom Volk Gottes zu trennen.

Ignatius: Jetzt wirst du böse. Hast du das vergessen, was ich dir von meinen Visionen und tiefen Einsichten erzählt habe? Ich habe dabei auch erkannt, warum der Wille der Kirche auch der Wille Gottes ist.

Agnes: Gut, ein bisschen kann ich zustimmen. Aber in der Kirche gibt es doch auch weise Männer, manche davon sind Bischöfe. Kannst du nicht einen Bischof suchen, der dir die Möglichkeit gibt ein abgekürztes Studium zu machen?

Ignatius: Das will ich nicht. Ich will keine Sonderwege.

Agnes: Aber dann verspielst du ja vieles von dem, was Gott dir gelehrt hat. Soundsoviele Leute könntest du in den Jahren erreichen, die du nun auf der Schulbank festgehalten wirst. Wo willst du denn überhaupt studieren? Und was musst du studieren?

Ignatius: Ich muss zuerst mal Latein lernen. Ohne das kann man nicht Priester werden und das weitere lernen.

Agnes: O, Gott, Latein! Wozu?

Ignatius: Lass mich reden!

Agnes: Ja, weiter?

Ignatius: Dann geh ich nach Salamanca oder vielleicht nach Paris.

Agnes: Nach Paris willst du!  Bist du hochmütig, eitel?

Ignatius: Nein, ich brauche eine sehr gute Ausbildung

Agnes: Warum?

Ignatius: Weil das, was Gott mir an Einsichten geschenkt hat, ungewöhnlich ist – ungewöhnlich für viele Kirchenleute. Sie würden meine Ansichten als häretisch ansehen. Daher muss ich sie auch theologisch – mit ihrer Art von Wissenschaft – begründen können.

Agnes: Verzeih, du hast mir schon so vieles erzählt. Daher weiß ich jetzt nicht mehr so recht, was du hauptsächlich mit den Einsichten meinst, die als häretisch angesehen werden könnten.

Ignatius: Vor allem wird man mich anklagen wegen meiner Überzeugung, dass jeder Christ den Willen Gottes für sich selbst sicher erkennen kann. Dass jeder in diesem Sinne die Stimme Gottes hören kann.

Jeder und jede kann Gott erfahren. Jeder kann ein Mystiker sein – wenn ich es etwas klangvoll ausdrücken will.

Agnes: Kannst du mir das noch ein bißchen erklären?

Ignatius: Ja – schau, ich bin davon überzeugt, dass jeder Christ den Willen Gottes für den eigenen Lebensweg sicher erkennen kann, dass er oder sie erkennen kann, was Gott von ihm will. Und das besonders an einer Lebenswende, wenn er oder sie sich entscheiden muss, welche Berufung er oder sie hat, welchen Lebensweg er oder sie einschlagen soll.

Agnes: Das ist schon ganz schön arrogant. Ich würde das an deiner Stelle nicht so laut aussprechen, denn sonst wirst du als ein falscher Erleuchteter auf den Scheiterhaufen gebracht oder wenigstens in den Kerker und vor die Inquisition.

Ignatius: Eigentlich möchte ich das sogar. Denn ich möchte, dass die Inquisition sich mit dieser Ansicht auseinandersetzt und sie billigt.

Scheiterhaufen oder Kerker – ja, wenn Gott mich dahin führt, dann nehm ich an.

Agnes: Das darfst du nicht sagen.

Ignatius: Warum nicht?

Agnes: Die Menschen brauchen dich.

Ignatius: Wer braucht mich? Gott braucht mich nicht. ER kann alles auch ohne mich. Er erniedrigt sich, mich zu gebrauchen. Ja.

Agnes: Also, braucht er dich, oder braucht er dich nicht?

Ignatius: Gott braucht niemanden. Er ist allmächtig. Wenn wir meinen, wir würden gebraucht, sind wir keine Christen. Gott schafft das entscheidende ohne den Menschen. Die Gottesmutter Maria hat nicht gemeint, dass sie nötig sei. Aber weil sie von ihrer Überflüssigkeit überzeugt war, hat Gott sie gebraucht.

Agnes: Das sind doch Haarspaltereien. Meinst Du, Gott habe dir all das, was du bekommen hast, geschenkt, damit du es nicht gebrauchst?

Ignatius: Ich glaub, wir reden an der Sache vorbei.

Agnes: Ignatius, du bist arrogant, hochmütig, du willst zu hoch hinaus mit deinem Studium. Du hast mich früher durch deine frommen Katechesen vor Kirchentüren überzeugt, jetzt aber habe ich den Eindruck, dass dir irgendwas zu Kopf gestiegen ist. Du – mit 31 Jahren anfangen zu studieren! Bleib auf dem Boden. Ich bitte dich, hör mich und glaub, dass ich das richtig beurteilen kann. Studieren ist für dich Unsinn, Zeitvergeudung, vielleicht auch nur Ausfluss von alter Adelsarroganz. Du hast mir selbst früher erzählt, dass der Teufel uns in Form von frommen Vorsätzen verführen kann. Hast du deine Studienspinnerei mit einem Beichtvater besprochen? Hat er zugestimmt? Ich bin davon überzeugt, dass du hier einfach von deinem guten, richtigen Weg Gottes abkommst, dass dich hier der Teufel in eine Falle führt. Bist du dir dessen nicht bewußt? Ignatius ich hab Angst um dich. Erinnere dich an die so richtigen und guten Regeln, die du mir früher erklärt hast, um den Willen Gottes zu erkennen, um die Geister zu unterscheiden. Unterscheide den Teufelsgeist, der dich jetzt zum Studium verführt. Studieren ist eine Verführung, lieber Ignatius, ich beschwöre dich.

Ignatius:  (seufzt) Agnes, bitte hab Erbarmen mit mir. Hast du deine Ansicht, die du mir eben gesagt hast, vor Gott geprüft, mit deinem Beichtvater besprochen? Hast Du sie vor dem Allmächtigen geprüft, ob sie von ihm gegeben ist oder vom Teufel. Guter Wille ist eines, Gottes Wille ist etwas Anderes.

Agnes: Was denkst du? Natürlich weiß ich dies aus meinem allgemeinen christlichen Wissen. Ich weiß, was der Mensch, was der Christ braucht. Und noch wichtiger: ich kenne dich. Ich kenne deine Stärken und deine Schwächen. Hast du mir nicht erzählt, wie du in der Höhle von Manresa in Versuchung warst, dich hinunterzuwerfen, dich umzubringen? Hast du mir nicht erzählt, wie skrupulös du warst, dass du dann sagen musst, ich habe gesponnen. Ignatius, ich sage dir, du hast jetzt wieder so eine Phase, wo ich sagen muss, Du bist verrückt. Du übertreibst. Hast du mir nicht damals gesagt, du habest beim Fasten übertrieben? Kannst du dich erinnern? Weißt du noch, wie du mir erklärt hast, dass dich Gott gelehrt hat wie ein Lehrer, dass er dich wie ein Vater an die Hand genommen hat, dass du lernen musstest. All das war nötig, weil du vorher maßlos übertrieben hattest – mit Fasten, Beten, Busse, Strenge gegen dich selbst. Du hast mir gesagt, dass der Mensch sich selbst nicht zerstören darf, dass sein Leib auch ein Werkzeug Gottes ist, das man pflegen muss. All das hast du mühsam und nur langsam gelernt. So deine eigenen Worte.

Ignatius: Ja – na und?

Agnes: Und nun muss ich dir sagen, dir beibringen, dass deine Idee, studieren zu müssen so eine fixe, krankhafte Idee ist, die nicht von Gott kommt, sondern aus deinem Inneren, vielleicht aus deinem Ego, dem Egoismus. Weißt du noch, wie du mir sagtest, manchmal brauche der Christ einen Ratgeber von außen, der einen Fanatiker vom Abgrund zurückreist. Du bist ein Fanatiker, du stehst am Abgrund. Ich muss dich zurück reißen.

Ignatius: Agnes, ich fürchte hier trennen sich unsere Wege. Du tust – aus gottgegebenen Gründen oder aus anderen – was dir dein Herz eingibt. Ich muss tun, was mir der Herr im Herzen sagt. Er sagt mir, dass ich Menschen durch die geistlichen Übungen führen kann und führen soll. Dass er sie mich gelehrt hat – die geistlichen Übungen – nicht nur für mich, sondern für viele andere. Und damit ich in der konkreten katholischen Kirche vielen Menschen durch die geistlichen Übungen helfen kann, muss ich studieren und muss vermutlich auch Priester werden.

Agnes: Ich weine, Ignatius, ich weine, ich werde lange, ich werde ewig weinen, weil ich sehe, dass du in dein Verderben rennst. Ist es Arroganz, ist es Verblendung, ist es Fantasterei? Ich weiß nicht, ich weiß nur, dass sich unsere Wege trennen. Ich werde weinen, weinen um dich, um die Menschen, denen du etwas geben könntest ohne Studium, denen du aber nichts geben kannst mit dem Studium.

Musik

Sprecher: Ignatius von Loyola ist dann in Barcelona gleichsam auf die Schulbank gegangen, hat in drei Jahren Latein und das andere gelernt, was er brauchte um Theologie studieren zu können. Dies Studium macht er in Alcala und Salamanca. Er kam auch mehrfach ins Inquisitionsgefängnis, wurde aber immer wieder frei gesprochen. Dann ging er an die Sorbonne nach Paris, schloss dann im Alter von 46 Jahren mit dem Magistertitel ab, gewann 6 Gefährten, die alle den Magister in Theologie hatten. Ignatius würde sagen: ohne meine Studien hätte die Gesellschaft Jesu nie den geschichtlichen Erfolg haben können. Die Geistlichen Übungen, die Exerzitien waren ein Standbein, die gründlichen Studien waren das andere Standbein, um zur Zeit der Reformation und Renaissance die Kirche wieder auf einen richtigen Weg zu führen.

4. Teil

Einführung: Ignatius hatte in Paris den Magister artium erworben, war damit kirchlich vorbereitet auf die Priesterweihe. Er wollte nun mit seinen neun Gefährten ins Heilige Land gehen. Für den Fall, dass dies nicht möglich sei, wollte er sich mit seinen Freunden dem Papst zur Verfügung stellen, damit dieser sie dorthin sende, wo es am nötigsten wäre, den „Seelen zu helfen“. Sie gingen davon aus, dass der Papst den besten Überblick über die Lage der Weltkirche habe.

 

Ignatius und Francois in Paris

Francois: Du willst dich in Rom ansiedeln. Das finde ich wirklich verrückt, überflüssig, schädlich. Rom ist voll von Karrieristen, von Betrügern, Scheinheiligen, reichen Ausbeutern. Die verdienen nicht, dass du dich dort mit deinen Leuten ansiedelst.

Ignatius: Ja, Rom ist voll von Karrieristen, Betrügern, Scheinheiligen und Ausbeutern. Du hast völlig Recht und doch geh ich dorthin.

mit den deinen

Francois: Warum? Tu das nicht! Es gibt so viele Städte und Länder, die es verdienen, dass du dich mit den deinen um sie annimmst.

Ignatius: Ja auch da hast du Recht und doch geh ich nach Rom.

Francois: Du hast eine Verantwortung, kannst nicht einfach andere links liegen lassen und zu all den Kardinälen gehen, denen es nur um das Geld und die Karriere – vielleicht noch um ihre Familien - geht?

Ignatius:  Lass` mich noch einfach ein bisschen bei den Päpsten bleiben! Wir müssen unterscheiden zwischen den Päpsten als Menschen und den Päpsten als Amtsträgern,

Francois: Du machst es aber gründlich. Also, ich hab Geduld.

Ignatius: Es lässt sich leider nicht mit einem Satz sagen, warum ich nach Rom will: Im Zentrum stehen die Päpste. Ich weiß, dass sehr viele von ihnen im Lauf der letzten Jahrhunderte schlechte Menschen waren, dass sie nicht würdig waren, das Petrusamt auszuüben. Dennoch: sie waren die Nachfolger des Apostels Petrus. Mir geht es also nicht um die individuellen Menschen, sondern um ihr Amt. Und das nehme ich ernst.

Francois: Gut das verstehe ich, aber was sagst du zu all den Kardinälen, denen es nur um das Geld und die Karriere – vielleicht noch um ihre Familien - geht?

Ignatius: Lass` mich noch bei den Päpsten bleiben. Wenn wir unterscheiden zwischen den Päpsten als Menschen und den Päpsten als Amtsträgern, so kann man doch wohl sagen: ich will den Päpsten als Amtsträgern helfen, dass sie sich befreien aus der Zwangsjacke nicht nur der Kardinäle, sondern auch aus der Zwangsjacke ihrer eigenen Schweinereien und ihrer menschlichen Kleinheit. Laster nehmen einem Menschen die Freiheit. Wenn also ein Papst eine Freundin hat, wenn er eitel ist, sich voll isst und trinkt, dass er krank wird, dann ist er unfrei, dann ist er auch als Amtsträger gehemmt und belastet. Ich will die Päpste befreien.

Francois: Du bist aber ganz schön arrogant. Kommt da ein kleiner baskischer Adeliger und will mächtige Päpste befreien, nicht nur von den Kardinälen, sondern von sich selbst. Na bist du nicht doch etwas eingebildet?

Ignatius: Das mag arrogant und eingebildet scheinen. Ich weiß, dass ich hart arbeiten muss, dass es letztlich nicht auf mich ankommt. Ob ein Erfolg daraus wird, weiß Gott allein. Aber laß mich noch weiter erzählen. Auch die Kardinäle, die Bischöfe und Priester, die da am Vatikan arbeiten, die wollten ja auch mal irgendwann in ihrer Jugend - wenigstens mit halbem Herzen – gute Priester werden.

Francois: Na da habe ich aber meine Zweifel.

Ignatius: Ehrlich gesagt: ich auch. Aber nehmen wir mal an, dass 10 Prozent von ihnen, anständige Priester werden wollten, oder dass wenigstens ihre Mütter wünschten, sie sollten das werden und sie deshalb auf diesen Weg gebracht haben. Also nehmen wir diese 10 Prozent aller Kleriker rund um den Papst. Sollten wir nicht versuchen, sie wieder auf ihren ursprünglichen Weg zurückzuführen?

Francois: toll, aber bringt das was? Die Einflussreichen sind sie nicht.

Ignatius: hast du mal das Gleichnis Jesu vom Sauerteig gelesen oder vom Senfkorn. Das bedeutet doch, dass man immer mit ganz Kleinem, ganz Wenigem anfangen muss und dass wir darauf vertrauen sollen, dass das Winzige Sprengkraft hat. Haben nicht schon die alten griechischen Philosophen von Atomen gesprochen. Geht nicht ungeheure Kraft von ihnen aus, wenn man sie spaltet? Also, wenn wir nur wenigstens einen Fuß in die Tür des Vatikans kriegen, haben wir schon viel erreicht.

Francois: Nochmal, für diesen Fuß braucht ihr Jahre. Wenn ihr anderswohin geht, erreicht ihr in kurzer Zeit viel mehr als in Rom. Da bin ich sicher. Das möchte ich schwören.

Ignatius: Schwöre nicht. Es geht ja auch noch um Anderes: Wenn wir auch nur anfangen, den Vatikan gleichsam zu kippen, umzudrehen – oder mit Jesus gesprochen – die Umkehr auch nur anzufangen, dann haben wir dort viel erreicht. Denn schließlich sind die Päpste eben die Petrusnachfolger. Wenn wir auch nur einen Papst zu dem zurückbringen, was er eigentlich sein und machen soll, dann haben wir viel gewonnen. Wir müssen nach Rom, weil dort der Dreh- und Angelpunkt der katholischen Welt ist. Verstehst du mich?

Francois: ich verstehe dich, frage mich aber immer noch, ob du dich nicht übernimmst und überschätzt. Du hast zwar den Magistergrad und Magistertitel, du bist zwar ein kleiner baskischer Adliger, aber du hinkst, du kannst kein Italienisch, auch dein Latein ist schwach. Deine Leute stammen meist nicht aus Italien. Ihr seid nicht diplomatisch ausgebildet. In Rom braucht es auch nicht Theologen und Magister, sondern clevere Italiener, die sich hoch pirschen können, die etwas von den Methoden der königlichen und kaiserlichen Höfe verstehen. Von all dem habt ihr keine Ahnung, wolltet ja auch bei den Armen sein und leben. Überhaupt glaub ich, dass Ihr eigentlich euer ursprüngliches Gelübde, bei den Armen zu leben, verraten und vergessen habt. Ihr seid nicht für die Päpste angetreten, sondern um den Kindern, den Ungebildeten, den Armen das Evangelium zu verkünden. Ignatius – ihr verratet Eure Berufung.

Ignatius: Das ist schon ein schlimmer Vorwurf, er macht mich nachdenklich. Verraten wir unsere ursprüngliche Berufung, den Kindern, den Kleinen, Armen, Schwachen das Evangelium zu erklären? Verraten wir auch den Dienst an Leprakranken, an Kranken in Spitälern? Verraten wir das? Habe ich das vergessen vor lauter Papst?

Francois: Ich denke ihr verratet die Ärmsten der Armen, wenn ihr nach Rom geht –auch wenn ihr Päpste und Kardinäle bekehren und gleichsam rumdrehen wollt.

Ignatius: Und nein, wir verraten sie nicht. Denn wir wollen ja erstens neben unseren Bemühungen um die Großen in Kirche auch den Ärmsten und Kleinsten dienen. Wir wohnen bei ihnen, kümmern uns um sie, wir pflegen Kranke und Sterbende, spenden Sakramente, hören Beichte, geben die Krankensalbung, halten Katechesen auf Kirchentreppen. Aber das immer parallel zu unseren Bemühungen um die Einflußreichen.

Francois: Ist das nicht doch eine ganz subtile Verführung zur Machtausübung.

Ignatius: Du fragst gut und scharf. Wenn mein Gewissen nicht rein wäre, würde ich sagen: wir müssen noch mal lange darüber nachdenken und uns beraten. Aber ich denke, ich habe mit meinen Leuten schon so lange darüber gebetet, dass wir wissen: wir müssen all unsere kleine Liebestätigkeit, die das entscheidende ist, in Rom tun, um gleichzeitig auch die Päpste wieder auf ihren Weg zurückzuführen. Von ihnen hängt ja ein guter Teil der Kirche ab.

Francois: verzeih, liegt hier nicht schon wieder eine Häresie, ein Glaubensirrtum? Hängt der Gang der Kirche von den Einflußreichen ab oder von den Einflußlosen? Wie hat denn Jesus Einfluß ausgeübt? Doch nicht durch die Bekehrung der Machthaber, sondern durch die Predigt auf den Plätzen und an den Zäunen. Jesus hat die Kleinen gewonnen, die Großen hat er beschimpft.

Ignatius: Ja – aber er hat auch mit den Mächtigen, den damaligen Kirchenleuten in Jerusalem gestritten und diskutiert. Er hat sie nicht nur beschimpft, er wollte sie gewinnen, überzeugen. Er sah sich ja gerufen, das ganze Volk Israel zu gewinnen. Er sah es als seine Berufung an, Israel, das von Jahwe erwählte Israel zur Annahme des Reiches Gottes zu gewinnen. Daher hat er auch die Schriftgelehrten nicht nur beschimpft, sondern auch mit ihnen gesprochen und diskutiert. 

Francois: Er hat die Kleinen, die Kinder, die Armen selig gepriesen, weil sie nahe am Reich Gottes waren.

Ignatius: …und er hat den Mächtigen und Reichen gesagt, sie sollten so werden wie diese Kleinen. Er hat sich eben auch um die Mächtigen und Großen gekümmert. Ja – er ist auch für sie gestorben, gerade für sie, denn er hat sein Leben für die Sünder gegeben. Und sind in Rom nicht viele Sünder? Leider kann man es nicht leugnen.

Francois: Also gehst du nach Rom wegen der Sünder?

Ignatius: Ja – weil die Umkehr eines römischen Sünders im Himmel mehr Freude auslöst als wenn ich die schon Frommen in Sevilla oder London oder Amsterdam noch frommer mache.

Francois: Mein Verstand versteht dich, mein Herz versteht dich nicht. Wenn du Jerusalem liebst – wie du mir oft gesagt hast – dann darfst du nicht nach Rom gehen.

Ignatius: Lieber Francois, mein Jerusalem ist Rom. Vielleicht wird man uns dort kreuzigen. Vielleicht wird Gott uns dort auch gnädig sein. Ich weiß es nicht, ich nehme alles an aus der Hand des Vaters. Jesus ist nach Jerusalem hinauf gegangen, obwohl er wußte, dass man ihn dort umbringen werde. Ich gehe mit den meinen nach Rom und bitte den Vater im Himmel, dass er uns unter das Kreuz seines Sohnes, als seine Gefährten aufnimmt.

Sprecher: Ignatius ist dann mit seinen neun Gefährten nach Rom gegangen. Vor den Toren der Stadt – in La Storta – hatte er eine Vision, in der er sah, dass der Vater im Himmel ihn als Gefährten seines Sohnes annahm. Auch der Papst nahm in gnädig auf, schickte ihn und seine Gefährten auf verschiedene heikle Missionen. Sie waren eine fliegende Truppe und wollten das bleiben. Doch sie verbanden sich zu einem Orden, der sogar die päpstliche Billigung erhielt. Sie wählten Ignatius zu ihrem Oberen und gelobten ihm Gehorsam. Er arbeitete vor allem in seinem winzigen Schreibzimmer und verfaßte mehr als 6000 Brief. Betend, Fühler ausstreckend und Briefe schreibend, hat er die Neuzeit wesentlich mit gestaltet. 

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„Versuche, Jesus zu retten“
Hörspiel in vier Teilen
von P. Eberhard v.Gemmingen SJ,
Radio Vaticana, Rom

 

1.Teil:

Zwiegespräch zwischen dem jüdischen Ratsherrn Nikodemus, der Jesus einmal heimlich bei Nacht aufgesucht hat, damit es nicht bekannt wird, und seinem Freund Joseph von Arimatäa. Dieser hat nach Jesu Tod sein Grab für die Grablegung Jesu zur Verfügung gestellt hat. Beide sind wohlhabend und Jesus gegenüber wohlwollend.

 

Nikodemus (atemlos): Mensch, Josef, wenn der so weitermacht, dann hängen die Römer ihn ans Kreuz, dann ist er weg, dann war sein ganzes Reden umsonst, alles umsonst!

Josef (ruhig): Wovon redest Du, über wen sprichst du überhaupt?

Nikodemus: halt über den Galiläer, über den hier alle sprechen. Bist du der einzige, der nicht von ihm spricht?

Josef: Ach, du meinst den Moralprediger, der meint, die Welt fängt heute von vorne an?

Nikodemus: Spott nicht über ihn. Mir ist das sehr ernst

Josef: schon gut, aber worüber bist du so besorgt?

Nikodemus: Daß Jesus zu weit geht, daß er zu radikal ist, zu politisch, daß er die Römer zu sehr reizt und sie ihn kreuzigen - und zwar noch vor dem großen Pessach.

Josef: Gehts dir nur darum, den Mann vor dem Tod zu bewahren oder  liegt dir was an dem, was dieser ... Jesus, - so heißt er doch? - predigt?

Nikodemus: Es geht mir um beides. Ich will natürlich nicht, daß ein so anständiger Mensch elend hingerichtet wird. Aber noch mehr bin ich der Überzeugung, daß  dieser Jesus eine Botschaft, eine Message für uns hat, die einfach befreiend, umwerfend ist. Wenn die Römer ihn beseitigen, dann ist das weg, was er sagt und was er lebt.

Josef: Ich versteh. Soll ich  mir mal anhören, was dieser - wie heißt er nochmal? - achja, Jesus - auf Straßen und Plätzen verkündet?


Nikodemus: Ja, das sollst du. -  Ich war ja anfangs auch skeptisch. Aber als ich ihm dann mal eine Stunde lang gut zugehört hab, war ich wirklich gepackt. Er redet wie ein Mensch, der Autorität hat, einer  Autorität, die aus einem tiefen inneren Wissen heraus auftritt. Er zerpflückt nicht nur kleinlich religiöse Gebote, sondern sagt  etwas, das man wirklich Wort Gottes nennen könnte.

Josef: Und warum ist das für ihn gefährlich?                                                                            2

Nikodemus: verstehst du nicht? Seine Worte heben die Autorität der Römer aus den Angeln. Wer das annimmt, was Jesus sagt, der hat keine Angst mehr vor den Besatzern und vor Pilatus. Der is frei. Der hat auch keinen Respekt mehr vor den Hohen Priestern, die sich ständig politisch anpassen. Und er hat auch wenig  Achtung vor den gesetzestreuen Pharisäern. Denn die glauben letztlich weniger an Gott, als sie an die Erfüllung des Buchstabens glauben. Die meinen, daß sie vor Gott in Ordnung sind, wenn selbstzufrieden sind.

Josef: Und was tun? Was können wir tun?

Nikodemus (nachdenklich): Josef, du mußt mal mit Jesus unter vier Augen sprechen, mußt ihn warnen, daß er nicht zu weit gehen darf. Wenn er etwas erreichen will, dann muß er ein bißchen auf die politische Situation Rücksicht nehmen. Wenn Jesus so weitermacht, wird er liquidiert - und hat gar nichts erreicht. Sag ihm, er soll vorsichtiger sein, weniger politisch und  auch mehr pädagogisch. Wenn er die Leute zur Revolte anstachelt - vielleicht ohne es zu wollen - dann geht es den Leuten schlecht. Er soll ruhig den gleichen Inhalt verbreiten, aber in der Form ein bißchen angepaßter, politisch korrekter. Er muß unsere Besatzungssituation berücksichtigen, sonst schadet er, ohne es zu wollen, seinem eigenen Volk.

Josef: Und warum gerade ich? Ich, der ich ihn kaum kenne?

Nikodemus: Du bist eine Autorität, auf Dich wird er hören und Du kannst reden.

Josef. Ich muß es mir überlegen, Josef. Gib mir zwei Tage Zeit.

Stimmengewirr von weither, man hört auch einen Redner, Applaus, Pfeiffen, Muezzinrufe

Oder einfach Musik


Josef: Nikodemus, ich kann nicht mit ihm reden. Der ist mir einfach zu anders, der sendet auf einer anderen Wellenlänge als ich. Ich verstehe ihn nicht, und er würde mich nicht verstehen. Sein Reden kommt ja aus einer völlig anderen Welt als der meinen. Nein, Nikodemus, es tut mir leid. Such Dir einen anderen, der Jesus warnt oder machs selbst.

Nikodemus: du bist mir ein schöner Freund. Seit Jahren kennen wir uns und halten eigentlich ganz gut zusammen in verschiedenen Bereichen, wenn wir den Hohen Rat auf den Arm nehmen wollen, wenn wir bei Pilatus was durchkriegen wollen. Und Jesus scheint uns auseinanderzubringen

Josef: Ja - du hast recht, Jesus scheint uns zu spalten. Wenn du sein Reden fantastisch findest, ich kann nichts damit anfangen. Mich hebt er nicht aus den Angeln, geschweige denn, daß er die Welt aus den Angeln hebt. Vielleicht ist es gut, wenn die Römer ihn eliminieren, denn er ist letztlich mit sein Reden gefährlich.

Nikodemus: Mensch, du enttäuschst mich aber schwer. Ist es möglich, daß zwei alte Freunde so verschieden denken und fühlen.                                                                                               3

Josef: offenbar ja.

Nikodemus: Das hätte ich nie gedacht, daß gerade Jesus uns auseinanderbringt. - Josef: jetzt mach ich es doch selbst. Ich sprech mal unter vier Augen mit Jesus. Ich versuch, ihn allein zu bekommen. Ich will ihn retten und seine Ideale. Er darf nicht gehängt werden!

Musik oder Vogelgezwischter, Wind in den Bäumen, Wasser-rauschen

Josef: Nikodemus, schön ist es hier am Jordan. Nicht so elend staubig wie droben in Jerusalem, nicht so laut. Nikodemus,  Ich hasse dieses Volk, das immer Lärm und Dreck macht. Wenn ich es schaffe, dann bau ich mir noch einen Palast hier unten am Fluß-Ufer oder am See Genesareth so wie das unser Herodes tut. Der sucht sich auch die schönsten und  sichersten Plätzchen im Land aus. Wir sollten doch was von den Römern lernen, die das leben genießen, statt nur religiöse Gebote zu beachten wie wir Juden das machen. - Aber, verzeih Nikodemus, du wolltest mir doch was Wichtiges erzählen.


Nikodemus: Ja, Josef, ich muß dir von meinem Gespräch mit Jesus erzählen. Hast  du genug  Geduld mir zuzuhören, auch wenn dir Jesus fremd ist?

Josef: Na, klar. Dir hör ich immer gern zu.

Nikodemus: Also ich war nachts bei ihm, es hat ein paar Stunden gedauert. Wir waren ganz allein. Er hat mir sehr aufmerksam zugehört und hat wiederholt scharf zurückgefragt, was ich meine. Er ist ein guter Zuhörer. Und dann hat er mir ein paar Sachen von sich gesagt, die ich nicht verstand. Es war wir Rätselworte von den Buddhisten: Wiedergeboren werden, wiedergeboren werden. Ich kann damit leider nichts anfangen. Ich hab auch meine Schwierigkeiten mit Jesus - wie du. Was heißt das: Wiedergeborenwerden. Ich habe ihn gefragt, ob er damit meint,wir sollten uns moralisch erneuern, sollten endlich die Gebote halten, sollten  anständig leben. Nein, das hat er als bloßen Moralismus abgelehnt. Er wiederholte: Wiedergeboren-werden. Völlig neu werden, von vorn anfangen. Du da  komm ich nicht mit. Denn wenn wir ernst miteinander reden, dann muß eben jeder da ansetzen, wo er steht. Ein Alter kann nicht jung werden, ein junger nicht alt. Von Wiedergeborenwerden kann keine Rede sein.

Josef: Spinnt Jesus?

Nikodemus: das hab ich mich auch schon gefragt. Manchmal mein ich ich spinne, aber dann bin ich wieder fast sicher, daß er spinnt.

Josef: Und nun, ist es dir so egal wie mir, wenn sie ihn aufhängen? Bist du endlich vernünftig geworden und läßt die Dinge ihren Lauf nehmen?

Nikodemus: Mensch, ich weiß nicht, was ich machen soll. Aber eines weiß ich: wenn sie ihn beseitigen, geht eine ungeheure Hoffnung für unser Volk zugrunde. Er ist der                        

4

Hoffnungsträger, ob er nun spinnt oder nicht. Und wenn dieser Hoffnungsfunken ausgetreten wird, wird es bei uns ganz düster. Das Volk braucht diese Hoffnung. Wir müssen verhindern, daß sie ihn umbringen

Josef: Und was tun?


Nikodemus: Josef, kannst Du mit Kaifas reden, ich red nochmal mit Jesus und beschwör ihn, ein wenig vorsichtiger zu reden, damit er nicht verschwindet. Ich werd ihm sagen: daß   e r   schuld ist, wenn er  - unsere seine letzter Hoffnung - genommen wird. Auch wenn er noch so todesmutig ist, er darf nicht nur an sich denken, er muß ans Volk denken, das ihn noch länger braucht.

Josef (in Hintergrund wieder Vögel und Wind in den Bäumen): Nikodemus, hier am Jordan wäre es so schön, wenn Du mir nicht solche Probleme vor die Füße würfest. Ich hab wirklich keine Lust, mein Landleben hier aufzugeben und mich wieder in die Politik zu mischen.

Nikodemus: Bitte tus, mir zuliebe. Du mußt ja nicht ganz in die Politik zurück, nur  jetzt ein bißchen für mich - und wenn du willst, sogar für diesen Jesus. Ich würde mich auch lieber hinter die Bücher klemmen, aber aus Liebe zum Volk sprech ich nochmal mit Jesus. Sehen wir uns morgen Abend schon wieder?

Josef: ja, wenns eben sein muß.

Musik oder Marktgeschrei, Verkäuferrufe, Gebetsrufe.

Nikodemus: konntest du schon mit dem Hohenpriester sprechen, mit dem Kaifas?

Josef: Ja, er hat auch aufmerksam zugehört, weil er das Treiben des Jesus mit Sorge beobachtet. Daher war er dankbar, daß ich mich auch engagiere.

Nikodemus: Und?

Josef: Seine Logik ist ganz einfach: Lieber Jesus hängt am Kreuz, als 1000 Leute hängen, lieber einer stirbt als wir alle ziehen als Sklaven nach Rom. Du weißt, wie viele Sklaven die brauchen. Und die brauchen nicht nur Arbeitskräfte – sagt Kaifas - um ihre Straßen in Germanien zu bauen, die brauchen auch Mädchen - Freudenmädchen - für ihre Offiziere und Beamten und fürs einfache Soldentenvolk. Und jüdische Mädchen, unsere Mädchen, unsere Töchter sind schön. Du weißt das ganz genau,  Josef. Die politische und humane Klugheit lautet also: Lieber sie hängen Jesus, als sie schänden das Volk Gottes, das sind wir. Das ist die Logik des Kaifas.


Nikodemus: Das also ist die Logik des Kaifas. So steht die Pragmatik des Kaifas gegen die Mystik Jesu, denn er spricht davon, daß wir alle Kinder Gottes werden. Und das zieht mich tatsächlich gewaltig an.

Josef: Und hast Du ihn eindringlich gewarnt, nicht mehr so radikal zu reden.

Nikodemus: ich bin total gescheitert. Er wollte gar nicht davon wissen, überhaupt                 

5

nicht. Er hat mich einen Satan gescholten, er hat mich abgeblitzt. Mir lief die Gänsehaut über den Rücken. Er wollte mich aus dem Haus schmeißen, ich sei gegen Jahwe, sei ein Verräter, sei im Bund mit Belzebub. Und als er sah, wie ich klein war, war er wieder umwerfend lieb zu mir. Lieb, wie noch nie ein Mensch zu mir war. Du, er spricht tatsächlich wie wenn er direkt von Jahwe käme. Er hat eine umwerfende Autorität. Weil er so gut sein kann, kann er auch so maßlos schelten.

Josef, ich werde alles tun, um ihn zu retten. Er darf nicht sterben. Es geht mir jetzt nicht nur um die Rettung des Volkes, sondern um seine Rettung.  E r   darf nicht sterben. Wer   i h n    umbringt, bringt  G o t t    um. Das ist mir jetzt klar.

Josef: Nikodemus, bleib mal vernünftig. Bleib Theologe, Gott kann man nicht töten.

Nikodemus: Ja, Gott kann man nicht töten, aber der Mensch kann den Versuch machen, Gott zu umzubringen, zu ermorden. Und wer dies versucht, ermordet sich selbst.

Josef: Wer versucht, Gott zu töten, ermordet sich selbst. Interessanter Gedanke. Das klingt ja so, als wäre Gott in dem Menschen selbst drin.

Nikodemus. Ja, das ist er auch. Wer Gott töten will, sticht sich ins eigene Herz. Er  tötet damit zwar nicht Gott, aber bringt sich als Mensch um. Was übrig bleibt ist ein Tier.

Josef: Und wer will Jesus eigentlich töten? Phantasierst du nicht.


Nikodemus: Noch will ihn niemand töten, aber ich fürchte, wenn er weiter so redet, führt kein Weg daran vorbei, daß man ihn den Römern zum Fraß vorwirft. Und ich wiederhole. Wer Jesus kennt und ihn töten will, mordet Gott. Anders kann es sein, bei denen die Jesus gar nicht kennen, die räumen nur einen Störenfried beiseite. Aber es gibt viele, die Jesus so wie ich erlebt haben, als einen der wirklich aus dem Mysterium Gottes kommt und spricht. Deswegen muß ich ihn verteidigen,. Wenn ichs nicht tue, dann morde ich Gott in mir. Und er verdient es. Auch wenn ich seine Worte nicht verstehe - sein Wort vom Wiedergeborenwerden - aber sein Herz verstehe ich, das was mir seine Seele sagt. Das versteht jedes Kind. - Josef, wir müssen ihn retten. Und wir müssen seine Wasser leiten auf einen Weg, der auch unser Volk rettet. Unser Volk muß auf Jesus hören. Dann sind wir unschlagbar, dann können uns keine Römer ausradieren. Dann sollen sie ruhig mit Sklaverei drohen. Wir haben keine Angst, denn Jahwe ist mit uns. Und wir werden  immer als Sein Volk siegen und überleben. Also: Die Wasser Jesu so leiten, daß weder er noch unser Volk untergeht. Kaifas ist ein Lügner, er hat die falsche Alternative gestellt und du, Josef bist drauf reingefallen. Ich falle nicht drauf rein. Mein Geist ist schon durch Jesus gereinigt. Und das ist erst der Anfang.


2.Teil:

Zwiegespräch zwischen Marta von Bethanien und Magdalena.                           

6

Martha hat zusammenmit ihrer Schwester Maria und ihrem Bruder Lazarus Jesus und seine Anhänger oft bei sich zuhause, in der Nähe von Jerusalem beherbergt. Hier fühlte Jesus sich wohl, angenommen, sicher in der Zuverlässigkeit der Freunde.

Martha: Jetzt haben wir für Jesus und die Männer alles für heute Abend hergerichtet, aber Jesus will noch jetzt gleich weiterziehen. (seufzt) Er bleibt nicht hier übernacht.

Magdalena: Warum?

Marta: Er müsse durch die Städe und Dörfer das Reich verkünden, er habe keine Zeit hier auszuruhen. Deswegen will er nicht beiben.

Magdalena: Und du hast schon alles für heute vorbereitet?

Marta: Ja - so wie immer. Er würde ja verhungern, wenn wir nicht fürs Essen sorgten. Er vergißt ja einfach drauf.

Magdalena: Ich versteh deinen Ärger. Sei nicht böse, aber mich drückt seit paar Tagen etwas ganz Anderes.

Marta: Was denn?

Magdalena: Jesus überfordert die Leute. Er verlangt zu viel von ihnen. Nicht nur, daß sein moralischer Anspruch wahnsinnig hoch ist. Auch  psychologisch verlangt er wahnsinnig viel. Die Leute sollen von heute auf morgen ihr Denken ändern. Das können sie doch nicht.

Marta: (verdutzt) Daran hab ich noch gar nicht gedacht.

Magdalena: Hast du dich so wenig mit ihm auseinandergesetzt, mit dem was Jesus sagt?

Marta: Ehrlich gesagt: dazu hab ich gar keine Zeit. Und ich muß ständig dafür sorgen, daß die Männer und auch wir Frauen wenigstens ein bißchen was haben, damit es am nächsten Tag weitergeht. Magdalena, sag mir nochmal, was dich drückt.


Magdalena: Also, ich finde die Botschaft Jesu wahnsinnig gut, ich find sie toll. Aber ich schau die Menschen an, wenn er redet und ich sehe, daß sie überfordert sind. Sie hängen zwar an seinen Lippen. Er redet ja auch wie ein Engel. Aber ich seh doch, daß sie seine Worte nur äußerlich verstehen. Innerlich bleiben sie unberührt. Sie verstehen Jesus nicht wirklich. Es ist wie wenn Wasser an einem Stein runterläuft. Hinein dringt es nicht und wenn die Sonne scheint, ist der Stein auch wieder trocken. So wollen die Leute heute Jesus zum König machen Aber  ich garantiere: Wenn einer morgen brüllt: hängt Jesus auf, dann hängen sie ihn auf. Jesus müßte langsamer, psychologischer vorgehen. Seine Lehre ist einerseits sehr anspruchsvoll, wenn einer sie überhaupt versteht,  und anderseits kann man sie wohl nur mit dem Herzen verstehen, der Verstand reicht dazu nicht aus.

Marta: hast Du ihm das schon mal gesagt? Hast du ihm gesagt, daß er langsamer,                 

7

psychologischer vorgehen muß, wenn sie ihn verstehen sollen?

Paar Takte Musik

Magdalena: Marta, ich hab Angst um Jesus. Herodes wird auch   i h n   umbringen wie er den Johannes hat köpfen lassen. Jesus ist nur sicher, wenn das  V o l k   ihn beschützt, wenn das Volk auf seiner Seite ist. Jesus aber schafft es nicht, das Volk  ganz zu überzeugen. Jesus überfordert es ständig, so daß es letztlich gar nichts versteht und Jesus auch nie in Schutz nehmen wird.

Marta, jetzt mal langsam, ich versteh gar nichts. Herodes soll Jesus köpfen wollen.

Magdalena: Weißt du nicht, daß er den Johannes, den Täufer so hat umbringen lassen.

Marta: Nein, warum?

Magdalena: Na, weil seine Stieftochter, Salome den Johannes rumkriegen wollte, und Johannes hat nicht mitgespielt. Dann wurde er kurzerhand ins Gefängnis gesteckt und bei passender Gelegenheit ermordet.

Marta: Was, das weiß ich noch gar nicht? Und was war die passende Gelegenheit?


Magdalena: Herodes machte eine Riesenparty für alles was Rang und Namen. Er ließ seine Stieftochter vortanzen. Dabei ließ sie fast alle Hüllen fallen. Und in seinem Rausch versprach Herodes, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Sie wollte den Kopf des Mannes, den sie nicht ins Bett kriegen konnte. Dazu holte sie sich noch die Erlaubnis ihrer Mutter Die stimmte zu. Dann stieg ein Sklave hinunter in den Kerker, hieb Johannes den Kopf ab, brachte ihn in den Festsaal, alles klatschte, und aus war es mit dem Bußprediger. Sein Traum der kollektiven Buße ausgeträumt.

Marta: Und was hat das alles mit Jesus zu tun?

Magdalena: ich hab dir ja nur erzählt, was du über Johannes wissen wolltest. Aber es hat mit Jesus zu tun, daß auch er genauso verschwindet wie Johannes, wenn er  nicht psychologischer vorgeht. Auch Johannes hat kein Blatt vor den Mund genommen. Er hat den Leuten reinen Wein eingeschenkt: Den Zöllnern hat er gesagt, sie dürfen nicht ausbeuten, den Soldaten sie dürfen nicht plündern, den frommen Betern, sie sollen nicht so scheinheilig sein. Jesus machts genauso und er wird genauso enden: Eine Frau muß tanzen und sich ausziehen, die Männer trinken und klatschen. Und zum Dank gibts auf einem Silberteller den Kopf Jesu. So wirds enden, wenn Jesus das Volk nicht hinter sich bringt, das ihn schützt und verteidigt. Aber noch ist das Volk weit weg davon, eben weil er zu hoch und zu anspruchsvoll ist.

Martha: Magdalena, ich hab dir schon mal gesagt, du sollst das nicht mir sagen, sondern ihm selbst. Hast du schon mit ihm darüber geredet.

Magdalena: Nein, ich wills versuchen, aber ich hab Angst, daß er mich rausschmeißt, wenn ich ihm das sage.                                                                                                                         8

Musik

Marta: Na wie war dein Gespräch mit Jesus? Hast du den Mut gehabt, ihm zu sagen, er solle die Leute nicht so überfordern:

Magdalena: Ja ich hab den Mut gehabt. Es hat mich einiges gekostet, denn Jesus ist sich ja seiner Sache so sicher, daß man sich fragt, ob er Gegenargumente überhaupt hört.

Marta: Magdalena, und was hat er gesagt, wie hat er reagiert?


Magdalena: Er hat mich groß angeschaut. Er hat mir ganz lange in die Augen geschaut, fragend, sich wundernd, ein klein bißchen traurig. Und nach langem Schweigen hat er gesagt: Magdalena, jedes Kind versteht mich, gerade die allereinfachsten Leute verstehen mich gut, sehr gut sogar. Am allerbesten verstehen mich die Kinder, das sehe ich doch in ihren Augen. Das kannst auch du wahrnehmen. Schau sie an, wenn ich zu ihnen spreche. Was ist an meiner Rede schwer? Ich sag, was die Leute längst wissen: nicht stehlen, nicht lügen, nicht ehebrechen. Ich sag, daß die, denen es heute dreckig geht, bei meinem Vater im Himmel die ersten Plätze haben werden. Ist das schwer zu verstehen. Ich sag, daß niemand das Recht hat, eine Ehebrecherin zu steinigen, denn jeder hat tausendmal  einer schönen Frau gierig nachgeglotzt und sie im Geist ausgezogen. Ich sag, daß die Leute barmherzig sein sollen mit ihren Mitmenschen, wenn sie hoffen, bei Gott gnädig angeschaut zuwerden. Was an dieser Rede ist schwierig?

Marta: Und was hast du gesagt, Magdalena?

Magdalena: ich hab den Mund gehalten und gar nichts gesagt und hab mich geschämt.

Marta: Und wie gehts jetzt weiter. Dein Problem bleibt: er wird eines schönen Tages in einem dunklen Keller geköpft.

Magdalena: Das ist nicht nur mein Problem, das ist auch Dein Problem. Ich hoff jedenfalls, daß auch Du nicht nur jeden Tag für das Abendessen kämpfst, sondern auch dafür, daß sie Jesus nicht fangen.

Marta: Was kann ich dafür tun?

Magdalena: Du kannst etwas dafür tun, daß die Leute Jesus verstehen. Das ist sein bester Schutz. Wenn Du meinst, daß du Jesus verstanden hast, dann sags weiter, sag den Leuten, daß sie mit dem Herzen hören und verstehen müssen, dann wird alles gut.

Musik

Magdalena: Marta, ich bin verzweifelt.

Marta: was ist passiert?

Magdalena: Jesus hat seinen Männern gesagt, daß er damit rechnet, umgebracht zu werden.

Marta: und was haben die Männer getan und gesagt?                                                              
9

Magdalena: Petrus hat ihn beiseite genommen und ihn schwer getadelt, daß er sowas sagt.

Marta: und wie hat er reagiert?

Magdalena: Er hat den Petrus fertig  gemacht, er hat ihn «Satan» gescholten.

Marta: Also rechnet Jesus fest damit, daß es aus ist.

Magdalena: er spricht  immer davon, dass seine Stunde kommen wird, dass sie aber noch nicht da ist. Was er damit genau meint, weiß keiner von den Männern. Sie haben auch keinen Mut mehr ihn zu fragen, er ist manchmal so unverständlich. Er ist ein Geheimnis.

Marta: Das versteh ich nicht.

Magdalena: Schau Marta, einerseits will er ja bekannt werden, will, daß seine Botschaft überall weitergesagt wird, daher bleibt er ja nicht mehr als einen Tag an einem Ort, daher darfst du jeden Abend anderswo fürs Essen sorgen, und manchmal entscheidet er dann im letzten Augenblick, daß wir alle weiterwandern. Unverständlich ist an ihm, daß er verkünden will, auch andere dazu aussendet, daß er aber andererseits den Leuten verbietet, über ihn zu sprechen. Wenn er sie geheilt hat, dann verbietet er ihnen, es weiterzusagen. Einerseits organisiert er eine Volksbewegung, anderseits verhindert er sie selbst. Er versteckt sich immer wieder. Nicht vor Herodes, sondern vor dem Volk.

Marta: Ja er ist widersprüchlich, man versteht ihn oft nicht. Wie kann man ihm helfen, ihn retten?

Magdalena: Daran verzweifle ich noch. Wenn ich sehe, wie er in sein Verderben rennt, wie der Sack immer mehr zugezogen wird, wie Rettung und Flucht immer unmöglicher werden. Ich muß noch mal mit ihm unter vier Augen reden.

Musik

Marta: Hast du mit ihm unter vier Augen geredet? Was hat er gesagt?

Magdalena: ich möchts gar nicht weitersagen: er hat geweint. Geweint hat er.

Marta: Worüber, was hat er gesagt?

Magdalena: Er habe ja noch verstanden, daß Petrus ihn gewarnt hatte. Daß   i c h   ihn warne, das verstehe er nicht. Er habe immer geglaubt,   i c h    verstehe ihn am besten. Er habe immer gehofft, daß ich ihm innerlich ganz nahe sei, daß ich ihn in allem verteidige. Das habe er gehofft und das sei auch seine Stärke gewesen. Nicht nur  i c h   hätte ihm durch mein Vertrauen den Rücken gestärkt, sondern die allermeisten Frauen seien ihm eine riesige Hilfe, weil sie nicht mit dem Kopf denken, sondern mit dem Herzen, weil sie nicht wie die Männer diskutieren, sondern anpacken und  verteidigen. Meine Warnung an ihn hat ihn zutiefst enttäuscht. Er habe immer gemeint, ich verstehe ihn ganz, aber nun sei er ganz allein. - Weißt Du, was er vor meinen Augen gebetet hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich ganz verlassen. - Magdalena                          
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hat mich verlassen, Gott hat mich verlassen.“

Marta: sag was hast du getan bei diesen schrecklichen Worten

Magdalena: Was hab ich getan? Das einzig möglich in dieser Situation. Ich hab ihn in meine Arme genommen und ihm geschworen, daß ich ihn nie verlassen werde.

Marta: und wie hat er reagiert?

Magdalena: er hat sich darüber gefreut, daß ich ihn verstehe, daß ich gut zu ihm bin, daß ich zu ihm stehe. Dann hat er mich von sich gedrückt und mich noch einmal ganz eindringlich angeschaut und gefragt: Magdalena, kann ich das wirklich glauben? Stehst du zu mir, auch wenn du mich nicht verstehst. Glaubst du, daß ich das tun muß, was mich der Vater zu tun heiß?. Glaubst du, daß ich gehorsam bin?

Marta: Und du?

Magdalena: Ich bin in die Knie gesunken -  er saß ja auf einem Hocker. Ich habe meine Gesicht in seine Hände gelegt, habe meine Tränen laufen lassen und habe geschluchzt, daß ich ihn nicht vor dem Tod schützen werde, wenn das sein Schicksal ist, aber daß ich bei ihm bleiben werde bis zur letzten Sekunde.

Er war froh und dankbar. Wir haben nicht mehr viel geredet. Wir beide wußten, daß Worte das Wesentliche nicht ausdrücken können.


Aber eines hat er mir noch eindringlich gesagt: Marta, ich werde sterben,                            

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nicht weil sie mich umbringen wollen, sondern weil ich den Willen meines Vaters erfülle. Sein Wille ist es, der Welt zu zeigen, daß es Liebe gibt, daß Liebe möglich ist, Liebe durch den Tod hindurch. Das will der Vater der Welt zeigen und ich bin bereit, es zu tun. Du darfst meinen Tod nicht verhindern. Aber nach meinem Tod mußt du Petrus und den anderen helfen, mein Sterben zu verstehen. Sie werden zunächst gar nichts verstehen, davonlaufen, fluchen, vor Angst zittern. Du mußt bei ihnen sein, so gut zu ihnen wie ich es bin. Sie werden verstehen, wenn ich wieder leben werde. Denn: Magdalena, jetzt kannst Du es noch nicht verstehen, aber ich werde wieder leben. Ich werde zu Dir kommen und dich lieben, wenn ich wieder lebe.

Musik

 

3.Teil:

17

Zwiegespräch zwischen den beiden Jüngerinnen Veronika und Maria Magdalena:

Veronika (V) (außer Atem): Magdalena, Du weißt, daß die Königin Herodias jetzt den Täufer hat köpfen lassen.

Magdalena (M): Nein, ist das wahr? - Diese Bestie.

Veronika: wir müssen Jesus warnen. Sie wird auch ihn bald beseitigen lassen. Sie macht politische Säuberung. Erträgt keine Kritik, schon gar keine Moral.

M: Er exponiert sich viel zu sehr. Ich hab Angst um ihn.

V: Aber was tun? Sollen wir ihn zwingen, sich auf das andere Ufer des Jordans zurückzuziehen, ein bißchen weiter weg, für ein halbes Jahr oder ein ganzes außer Reichweite bringen?

M. Da macht er nicht mit. Er läßt sich von Dir oder mir nicht sagen, wo er hinmuß.

V: Meinst Du? Er will aber ja doch auch Erfolg haben, sein Reich verkünden. Und wenn sie ihn  einsperren oder umbringen, dann erreicht er gar nichts, dann ist es aus und vorbei mit seinem Ideal eines göttlichen Reiches.

M: Ich weiß nicht, Veronika. (nachdenklich)Jesus ist so ungeheuer frei. Ich hab noch nie einen so freien Menschen gesehen. Er läßt sich nicht unter Druck setzen.

V: Aber er hört auf Argumente. Und mein Argument ist nicht Angst vor Verfolgung, sondern sein Reich.

M: ich versteh dich schon, aber irgendwie spür ich, daß er seine ganz eigene Logik hat. Zu seiner Logik gehört glaub ich das Verfolgt-werden, das Leiden.

V: Er ist doch kein Masochist, kein Selbstquäler. Er ist doch der vergnügteste Mensch, den ich  mir vorstellen kann. Der Täufer war vielleicht ein etwas extravaganter Bußprediger, der nichts als Bekehrung kannte, aber Jesus - den nennen sie doch sogar Fresser und Säufer, weil er gerne mit den Seinen Feste feiert und sich einladen läßt. Denk doch an Kana, wo die Ströme von bestem Wein geflossen sind

M: Veronika, ich kanns dir vielleicht nicht erklären, was mich zweifeln läßt. Erst recht kann ich es anderen nicht klarmachen. - Versuch mal mitzudenken. Du kennst doch den Jesaia, den  Propheten vor 700 Jahren. Wir hören ja in den Synagogen seine Drohrufe und Verheißungen immer wieder. Er hat auch den geheimnisvollen Text über den Messias, der leidet, den großen Retter, der nicht siegt, sondern leidet, der untergeht, der zum Wurm wird für alle anderen.

V: der sogar zum Dreck wird für alle anderen, der den ganzen Schmutz der Menschen auf die eigenen Schultern nimmt und vor Gott hinschleppt. - Ja den kenn ich. Und, was willst du damit sagen                                                                                                                                  

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M: daß Jesus sich als diesen Messias versteht. Ich glaub er hat den Text oft gelesen. Ich glaub, er kennt ihn auswendig.

V: Wir sollten mal mit seiner Mutter sprechen, die kennt Jesus doch wohl noch ein bißchen besser als wir.

M: ich bin mir nicht so sicher. Manchmal sieht man aus der Nähe nicht so gut, wie aus einer gewissen Distanz.

V: Du hast aber auch wenig Distanz zu Jesus, Du bist ihm doch auch wahnsinnig nahe.

M: Ja, aber deswegen glaub ich ihn auch zu verstehen. Aber wenn Du willst, sprich mal mit seiner Mutter.

V: Ja - Magdalena, ich tus. Wir müssen Jesus retten. Der Ring um ihn schließt sich beängstigend schnell.

Musik

M: Veronika, hast du mit seiner Mutter gesprochen.

V: Ja

M: Und?

V: Sie sagt, daß sie ihn nicht versteht. Dass sie ihm aber aus der Ferne nahe sein will. Er brauche ihre unsichtbare Nähe

M: Sonst nichts? Hat sie sonst nichts zu Deinen Befürchtungen gesagt?

V: Doch sie sagte, früher - kurz nachdem er von Nazareth wegging und anfing, vor den Leuten zu  reden, habe sie gemeint, er sei einfach überspannt, habe sich religiös fanatisieren lassen. Aber nach einer Weile – sagte Maria - habe sie begonnen, ihn zu verstehen., sie habe mit ihren Verwandten in Nazareth wahnsinnigen Streit bekommen. Die hätten Jesus einfach für verrückt erklärt, hätten ihneinsperren wollen. Die hatten Angst um ihren eigenen guten Ruf, um den Ruf von Nazareth, um die Geschäfte. Jesus habe Nazareth und halb Galiläa lächerlich gemacht. Ein Spinner mehr - habe das Land gebrüllt.

M: Und Maria hat still gelitten,denn sie wußte, daß er viel mehr ist als ein Spinner.

V: Weißt Du, Magdalena, was ich noch erfahren habe?

M: Was?

V: Dass der Täufer enthauptet worden ist. .

M: Das wußtest Du noch nicht?

V: Nein, ich habs eben erst erfahren, weißt Du mehr, wie es dazu kam?,

M: Ja – Salome, die Stieftochter von König Herodes hat den Kopf des Täufers als Lohn für einen tollen Tanz verlangt.                                                                                                    
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V: Wieso Tanz?

M. Ja – bei einem Bankett ließ der König sie vortanzen, Die Männer tobten vor Vergnügen, als sie halbnackt vor ihnen stand. Der König versprach ihr, was immer sie wolle. Und sie verlangte den Kopf des Wüstenmannes.. Das alles ist bekannt. Nicht bekannt ist, was ich jetzt noch erfahren habe: Sie soll ein Verhältnis zudem Prediger gesucht haben. Sie war in ihn verliebt, weil er so anders, so exotisch war, mit einem wundervollen bronzenen Wüstenleib. Aber er ließ sich nicht von ihr verführen. Deswegen hatte sie eine Wut auf ihn, dass sie ihn köpfen ließ.

M: Schrecklich. - Und weißt Du, Veronika, Jesus ist tausendmal radikaler, gefährlicher, freier als Johannes. Ich kann Herodes sogar verstehen, wenn er Jesus aus dem Feld räumen will. Denn  Jesus stellt ihn ebenso radikal in Frage, wie er auch mich in Frage stellt. Er stellt uns alle total in Frage.

V: meinst Du?

M: Das ist schwer auszuhalten. Ich halte es aus, weil ich ihn im tiefsten Inneren versteh, weil ich ihn liebe.

V: Bist du nicht arrogant, wenn du sagst, du verstehst ihn?

M: ich weiß, daß ich ihn versteh. Ich kanns nicht leugnen, auch wenn es noch so arrogant klingt.

V: Ich beneide dich. Vielleicht muß ich noch vielmehr über Jesu Reden nachdenken. Ich will ihn auch so von innen her verstehen.

M: Ich helf Dir, wenn ich kann.

V: Und doch: Wir müssen versuchen, Jesus zu retten. Wir müssen ihn warnen. Ob er weiß, was mit dem Täufer geschehen ist? Magdalena, ich kann nicht ruhig sein bei dem Gedanken, daß Jesus in paar Tagen ebenso wie Johannes aus dem Weg geräumt wird. Ich muß mit ihm und seinen Männern offen reden.

M: Tu, was Du für richtig hältst. Ich weiß es nicht. Anderes ist nötig. Ich kann es noch nicht sagen

Musik

V: Magdalena, bevor ich Dir erzähle, was ich vor ein paar Tagen erlebt habe, sag mir, was Du beim letzten mal meintest, als du sagtest: Anderes ist nötig

M: Veronika, wir müssen umdenken.

V: Was bedeutet das?

M: Ich weiß es auch nicht genau, aber Jesus sagt immer wieder - von Anfang bis heute - daß wir umdenken müssen. Ich meine: wir können Jesus nur verstehen, wenn wir umdenken, das heißt wohl seine Gedanken denken und nicht unsere Gedanken.                                                     20

V: Was sind seine Gedanken?


M: ich hab nur eine schwache Ahnung. Wenn Jesus uns den Vater im Himmel offenbaren will, dann muß er die Liebe des Vaters zeigen. Er hat es gesagt und es steht auch in unseren Heiligen Schriften: Gott ist die Liebe.

V: Ja und?

M: Dann muß Jesus diese Liebe sichtbar machen.

V: Und das bedeutet?

M:  (zögert) Eigentlich ich kanns nicht aussprechen, was ich aber weiß.

V: Versuchs, ich möchte verstehen

M: Wodurch zeigt man Liebe?

V: Indem man man dem Geliebten etwas Gutes tut.

M: Richtig. Woher weiß der Geliebte, daß es wirklich echt ist und aus dem Herzen kommt

V: Wenn er den Liebenden kennt, dann weiß er daß es wirklich Liebe ist.

M: Etwas Gutes tun, kann aber auch sehr oberflächlich sein, nur so hingeworfen. Wie kann der Liebende dem Geliebten zeigen, daß es bis in die tiefste Tiefe der Seele ernst ist.

V: Dadurch daß der Liebende für den Geliebten Wesentliches aufgibt, herschenkt. Dadurch daß der Liebende zugunsten des Geliebten etwas opfert: Z.B. Zeit, Gesundheit.

M: Sicher fällt dir ein, wer von unseren großen Vorfahren ein solches Opfer gebracht hat.

V: Natürlich Abraham.

M: Er hat seinen verheißenen und vielgeliebten Isaak Gott nicht vorenthalten

V: So hat Gott die Liebe, das Vertrauen, die Hingabe Abrahams gesehen, erlebt.

M: Gott war erschüttert über soviel Selbstlosigkeit, Hingabe. Er sagte zu Abraham: Nimm den Widder da.

V: Und was hat das mit Jesus zu tun?

M: Nur dadurch, daß Jesus sein Leben für seine Freunde hingibt, kann er seinem Volk zeigen, wer und was Gott ist, nämlich die Liebe.

V: Dadurch daß er sich opfert?

M: Nur der Tod aus Liebe hat die Kraft, die Menschen davon zu überzeugen, daß Gott die Liebe ist.

V: Du meinst, alle Worte seien letztlich eben nur Worte, Windhauch.

M: Worte werden glaubwürdig durch die Tat, durch den Tod aus Liebe. Ich meine, Jesus weiß, daß er sterben muß, nicht weil Herodes oder Pilatus oder sonst einer ihn umbringt, sondern weil er nur so seinen Vater im Himmel wirklich offenbaren kann.                                                21

V: Aber er offenbart durch sein Sterben eigentlich nur sich selbst. Wieso offenbart er seinen Vater.

M: Veronika, zunächst zeigt er - wenn er freiwillig stirbt -  den Menschen, auch dir und mir, daß es auf dieser Welt wirklich Liebe gibt. Es gibt ja Grund genug daran denken, dass  alle letztlich nur von Egoismus getrieben sind. Man muß als Realist doch wirklich feststellen, daß das allermeiste unter der Sonne nur geschieht, weil Menschen an sich selbst denken. Vor allem junge Leute, die mit Idealismus in die Welt hineingehen, werden tief enttäuscht, wenn sie sehen:      

A l l e lügen,  a l l e    stehlen,   a l l e  beuten aus,   a l l e   denken nur an sich. Es lohnt sich also nicht, über sich hinauszuwachsen.

V: und wieder meine Frage: Und Jesus

M: Geduld: Wenn es einem einzigen auf der Erde nur gelingt, nicht an seinem Leben zu hängen, sondern seine Freunde zu lieben bis zum Tod, dann ist bewiesen, daß solches möglich ist. Was - um es naturwissenschaftlich auszudrücken - einmal gelungen ist, kann auch öfter gelingen.

V: Mir beginnen die Augen aufzugehen

M: Nur wenn Jesus durch sein Tun seine Worte besiegelt, ist er endgültig glaubwürdig.

V: Und was ist mit der Offenbarung Gottes, den er seinen Vater nennt.

M: Er hat durch seine Worte gezeigt, daß er Gott besser kennt als alle Schriftgelehrten zusammen. Er hat durch seine Worte das Wesen Gottes als eines großen Liebenden geoffenbart.

Wenn er nun vor dem drohenden Tod nicht davonläuft, sondern ihn annimmt, ja in gewisser Weise auf ihn zugeht, macht er sein  Wort durch sein Tun glaubwürdig.

V: Ich glaub, ich hab verstanden. Vielleicht kann ich es sogar noch einfacher ausdrücken:

Wenn Jesus  vor der Hinrichtung flüchten würde, würden alle sagen: Er ist genauso wie wir. Wenn er es nicht tut, werden die Menschen sagen: Wir haben uns nicht getäuscht: er ist etwas ganz Anderes. Er hat nicht nur schöne Worte, sondern auch wirkliche Taten. Er ist wirklich etwas völlig Neues.

M: Du hast verstanden. Laß mich Dir noch sagen, was mir erst gestern Abend in der Stille der schlafenden Stadt Jerusalem gekommen ist. Ich denke ja fast unununterbrochen über das nach, was wir eben besprochen haben.

V: Sag

M: Wenn Jesus durch freiwilliges Sterben zeigt, daß er es nicht besser haben will als der simpelste Sklave, der ans Kreuz geschlagen wird und wenn er dadurch Gott, seinen Vater offenbart, zeigt er, wer Gott ist.

V: Was dann?
M: Dann ist Gott zum simpelsten Sklaven geworden. Dann hat Gott das                           

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Schicksal der Ärmsten der Armen angenommen. Dann läßt sich Gott - wenn Jesus denn wirklich ans Kreuz geschlagen werden sollte - dann läßt Gott sich ans Kreuz schlagen, dann läßt Gott sich auslachen, verhöhnen, die Hände und Füße durchbohren, wenn denn Jesus so sterben sollte.

V: Ich darf gar nicht daran denken. Ich würde Jesus lieber wegdrängen und verstecken und das alles selbst auf mich nehmen.

M: Du darfst Jesus nicht wegdrängen, verstecken. Ich darf es auch nicht, so gerne ich es täte.

Was wir tun müssen: wir müssen bei ihm sein. Nur das Bei-Ihm-Sein kann Ihm helfen. Alle Versuche, ihn zu retten, sind Unsinn, Kindereien, bestenfalls Versuchungen. Wir können Jesus nur helfen, indem wir ihm zeigen, daß wir ihn verstanden haben und soweit wir können, auf seinen Spuren weitergehen.

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