1. Interview "Leipziger Volkszeitung"  
 

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Interview der „Leipziger Volkszeitung“

Olaf Mayer, stv. Ressortleiter Politik/Nachrichten


Frage: Warum kommt der Doppelschlag aus dem Vatikan – Stärkung des Lateins in der Messfeier und der alleinige Kirchenanspruch – gerade jetzt?

Pater Eberhard von Gemmingen: Das ist Zufall, dass dies zusammenfällt. Der Papst macht ja jetzt auch Urlaub und wollte die Dinge wohl noch vor dem Ferienbeginn abgearbeitet haben.

Frage: Betreibt Benedikt XVI. eine konservative Wende?

Kann man so nicht sagen. Die Glaubenskongregation argumentiert in ihrem Dokument in der Kirchenfrage ja streng theologisch. Streng theologisch wollen die evangelischen Kirchen ja auch etwas Anderes sein als die katholische Kirche. Für sie ist die geschichtliche Rückbindung an Petrus, das kirchliche Amt nicht so wichtig. Im gesellschaftlichen und kulturellen Sinn sind die evangelischen Kirchen selbstverständlich Kirchen. Ihre Taufe ist ja auch gültig, sie verkünden Gottes Wort, vermitteln das Heil Jesu Christi. Aber sie sind keine Kirchen im Sinne der katholischen Kirche. Das wollen sie auch nicht sein.

Frage: Führende Protestanten aber auch einige Bischöfe und die katholische Kirchenreformbewegung fürchten einen Rückschlag für die Ökumene. Sie auch?

Ich würde von Ernüchterung sprechen. In der Tat ist die Kirchenspaltung eine Wunde, die nicht heilen kann, wenn man den Schmerz verdrängt. Das Hineinlangen in diese Wunde durch den Kongregationstext ist sicher schmerzhaft. Aber das ist andererseits auch notwendig, wenn die Wunde der Spaltung irgendwann heilen soll. Wenn man die Unterschiede in Glaubensfragen nicht anspricht, ist auch keine Heilung in Sicht.

Frage: Die Ostkirche lobt die Klarheit der Worte als Grundlage für einen ehrlichen Dialog. Haben wir uns in den letzten Jahren in der Ökumene zuviel vorgemacht und die Unterschiede gern ignoriert und verschwiegen?

Vielleicht muss man sagen, dass sich viele Christen über die tatsächlich bestehenden Konfessionsunterschiede nicht klar sind. Aus gutem Willen hatten wir überzogene Hoffnungen. Mir scheint: jede katholische Annäherung an die orthodoxen Ostkirchen entfernt die Katholiken automatisch von den evangelischen Kirchen. Das gilt auch umgekehrt. Das ist das Dilemma der Ökumene: Eine Einheit der Christen, wie sie hoffentlich einmal kommt, kann man nicht wie eine politische Einheit vorantreiben.

Frage: Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, warnt vor einer Überheblichkeit aus Rom. Zieht die Kurie gegenüber der Weltkirche die Zügel an?

Abwarten! Das Grundproblem jedes Papstes ist, die Gemeinschaft von einer Milliarde Katholiken zusammenzuhalten. Das braucht einen gewissen Zentralismus, sonst fällt die Weltkirche auseinander. Papst Benedikt aber weiß auch, dass die Kirche früher, als sie noch kleiner war, weniger zentral geleitet wurde. Ohne Papst hätten wir längst viele getrennte Kirchen wie bei den Kirchen der Reformation und des Ostens.

Frage:  2010 soll es den zweiten ökumenischen Kirchentag in München geben. Ein letztmaliges Experiment?
Nein, das kann man jetzt nicht beurteilen. Wir sind in Deutschland immer geneigt, die Worte aus Rom auf uns zu konzentrieren. Aber sie richten sich ja an die ganze Weltkirche. Und da zeigt sich die Christenheit oft in ganz anderen Formen, als wir sie bei uns wahrnehmen.

Frage: Kardinal Kasper, ein Streiter für die Ökumene, sieht keinen Grund für protestantische Aufgeregtheit. Neigt der deutsche Protestantismus zur schnellen Empörung?

Wir Deutsche nehmen ganz allgemein Worte aus Rom viel ernster als andere Völker. Wir vergrößern auch Kleinigkeiten. Das macht unser Leben nicht immer leichter. So diskutieren wir zum Beispiel die päpstliche Weisung zur Stärkung des Lateins in der Messe sehr ernst, obwohl es eine kleine Nebensache ist. In anderen Ländern nimmt man die Worte aus Rom zwar zur Kenntnis, kümmert sich aber nicht so sehr darum. Während manche katholische Schlamperei in anderen Ländern wie gewohnt weiter geht, rufen wir bei uns den Kulturkampf aus.

Frage: Also Benedikt etwa ignorieren?

Nein, wir müssen schon aufmerksam zuhören. Aber wir sollten alles in der richtigen Dimension belassen. Wir sollten Kleinigkeiten klein lassen.

Frage: Ist der verwehrte Kirchenstatus für die Protestanten auch ein Schutzschild gegen den beliebigen Zeitgeist, den Benedikt oft kritisiert?

Sicher ist Benedikt gegen Beliebigkeit. Er ist auch gegen oberflächliche unprofessionelle Pseudo-Theologie. In dem vatikanischen Text werden ja viele Randunschärfen in der kirchlichen Lehre angesprochen. Diese Randunschärfen will Benedikt möglichst beseitigt haben, um eindeutig zu sein...

Frage: ...und stärkt deshalb auch die tridentinische Messfeier. Der Augsburger Bischof Mixa lobt den Schatz der katholischen Liturgie, der jetzt weiter geöffnet werde. Fehlt es aber nicht inzwischen an Gläubigen, die noch genügend Latein verstehen?

Es gibt offenbar Menschen, auch jüngere, gut gebildete Katholiken, die gern zur tridentinischen Messe gehen wollen. Allerdings wird es langfristig wohl eine überschaubare Gruppe bleiben, weil wohl ein gewisses Maß an Bildung den Zugang zu dieser Form der Messfeier ermöglicht.

Frage: Messfeier-Streit, die angeknackste Ökumene, die neuesten sexuellen Verfehlungen amerikanischer Priester – drängt die Zeit nicht auf ein drittes vatikanisches Konzil zur Standortbestimmung der katholischen Kirche?

Alle Fachleute sind sich einig, dass es zu früh für ein neues Konzil ist. Wir müssen erst einmal viele Entscheidungen des zweiten Vatikanums noch realisieren. Und da wartet viel Arbeit.

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