1. 32. Sonntag im Jahreskreis 2009 

2. 33. Sonntag im Jahreskreis 2009 

3. Allerheiligen 2009 

4. Christkönig 2009 

5. 1. Adventssonntag 2009 

6. 2. Adventssonntag 2009 

7. 3. Adventssonntag 2009 

8. 4. Adventssonntag 2009 

9. Weihnachtsbetrachtung 2009 

10. Heilige Familie 2009   

11. Ansprache Pater Alfred Delp
In die Feder geschrieben und in den Mund gelegt von P. Eberhard v. Gemmingen Samstag, 06.10.2007, Heilbronn

12. Predigt zum Ursenfest in Solothurn
am 29. September 2007 von P. Eberhard v. Gemmingen

13. Was hält Köln – was hält die Gesellschaft zusammen?
Stadtpredigt in Köln am 19. März 2006

14. Gebet zum heiligen Josef von Eberhard v. Gemmingen SJ
ausgestrahlt am 19. März 1991

15. Predigt in die Feder geschrieben - Kardinal Clemens August Graf von Galen
zu den gesellschaftlichen Problemen des Jahres 2006

16. Ansprache in die Feder geschrieben von Martyrer Nikolaus Groß in Mülheim/Ruhr am 21.1.2007
von P. Eberhard v. Gemmingen

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Predigt 32. Sonntag JKr. 2009  herunterladen

P. Eberhard v. Gemmingen SJ
Predigt zum 32. Sonntag im Jahreskreis - Großzügigkeit

Zu 1 Könige 17, 10-16 und Markus 12, 38 - 44

Vorsorge und Vertrauen

Jesus ist ein guter Beobachter. Er sieht die Frau am Tempeleingang, die alles gegeben hat, was sie besitzt. Sie hat mehr gegeben als alle anderen: sie hat ihr ganzes kleines Vermögen in den Opferkasten geworfen. Es kommt nicht darauf an, wie viel man gibt, sondern darauf, dass man alles gibt.

Und natürlich kennt Jesus die Szene aus dem Leben des Propheten Elias. Er bittet die Witwe, die selbst am Verhungern ist, um etwas zu essen und zu trinken. Er bittet nicht etwa höflich und zurückhaltend, nein er fordert. Sie gibt, obwohl sie kaum kann. Und weil sie gibt, geschieht das Wunder, dass ihr Topf nicht leer wird.

Es geht also heute in den beiden Textern um Großzügigkeit und indirekt um Vertrauen, dass ich selbst nicht verhungere, wenn ich mein Letztes gebe.

Geben wir es ruhig zu: hier verlangt die heilige Schrift von uns offenbar Unmögliches. Wir sollen die Augen vor der Zukunft verschließen, nicht fragen, was wir morgen essen sollen, wie wir morgen unser Leben durchbringen sollen. Wir sollen heute alles geben und darauf vertrauen, dass uns morgen schon irgendetwas in den Schoß fallen wird.

Vielleicht ist eine solche Forderung gerade für uns Deutsche, Österreicher und Schweizer besonders schwer. Kann man nicht den Eindruck haben, dass sich Menschen in anderen Ländern, vielleicht gerade in Afrika mit einer solchen Sorglosigkeit leichter tun. Oder allgemein: hat man nicht manchmal den Eindruck, dass Menschen in den armen Ländern sich leichter tun, das Morgen zu vergessen und einfach zu vertrauen, dass schon morgen irgendwoher zu essen kommt?

Ja – wir Menschen des Nordens, und besonders wir tüchtigen Menschen in Mitteleuropa – wir sind gut im Vorsorgen, im Organisieren. Es geht uns ja auch gut, weil wir engagiert das Leben in die Hand nehmen, weil wir es nicht dem Zufall überlassen, wie wir leben, sondern eben viel mehr als Südländer planen, vorsorgen, organisieren. Heute nennt man das wohl Logistik. Und weil wir dies können, sind wir vergleichsweise reich. Wir leben nicht wie manche Südländer von der Hand in den Mund. Das Klima sorgt schon dafür, dass wir im Sommer die Ernte einbringen, damit wir im Winter überleben. Und weil wir es damit so weit gebracht haben, können wir auch Entwicklungshilfe leisten, können wir große und qualifizierte Hilfswerke für die Entwicklungsländer aufbauen. Weil wir nicht von der Hand in den Mund leben, haben wir Missio und Misereor, Adveniat und Renovabis aufgebaut, von der Caritas, dem Malteserhilfsdienst und anderen Diensten ganz zu schweigen.

Also lieber Jesus, sind wir nicht gut? Musst Du nicht zufrieden sein mit uns? Willst Du uns nicht mal ein bisschen loben für unsere gute, selbstlose Arbeit für die Armen in anderen Ländern?

Jesus wird nachdenklich vor uns stehen. Und nach einer Weile wird er vielleicht Folgendes sagen: Natürlich seid ihr sehr gut. Gerade ihr Christen im Herzen Europas tut wirklich viel für die Menschen in armen Ländern. Ich weiß: Ihr schaut voraus, ihr plant, organisiert, arbeitet ernsthaft. Ihr seid tüchtig. Wenn ich daran denke, wie ihr Deutsche nach dem zweiten Weltkrieg die zerbombten Städte sehr schnell und schön wieder aufgebaut habt, wie ihr wohlhabend wurdet, wie ihr versucht habt, ein soziales Netz zu spannen, damit niemand dazwischen hinunter fällt. Ihr seid wirklich gut. Ihr lebt nicht von der Hand in den Mund, sondern von der Sorge und Vorsorge für morgen.

Daran kann und will ich überhaupt nichts kritisieren. Und gerade weil Ihr so gut seid, traue ich Euch zu, noch ein Stück darüber hinaus weiter zu wachsen. Ich lade Euch ein, einen Sprung nach vorne zu machen, der Euch zwar nicht leicht fallen wird, der euch aber weit voran bringen wird.

Vertraut nicht nur auf die Arbeit Eures Geistes und Eurer Hände, vertraut auch darauf, dass es einen Gott und Vater gibt, der für Euch sorgt, der auch das noch in der Hand hält, was ihr nicht mehr in der Hand halten könnt, der Euch sieht und liebt und aus dieser Liebe heraus das Unmögliche möglich macht.

Ich muss das noch ein wenig erklären: Menschen haben erkannt, wie Pflanzen und konkret Lebensmittel auf Feldern wachsen, wie der menschliche Körper funktioniert, wie man ihn heilt. Sie haben auch erkannt, wie das menschliche Herz funktioniert, sie haben Psychologie studiert, können menschliches Tun vorausberechnen. Sie haben auch das Weltall erforscht, wissen wie Flugzeuge fliegen, wie man aus der Sonne, wie man aus Kernspaltung Energie gewinnt. Es gibt aber seltsamen weise auch immer wieder Vorgänge in der Welt, die man nicht erklären kann, die man Wunder nennt. Diese Wunder nehmt ihr zu wenig ernst. Und erinnert euch bitte: Menschen in armen Ländern sagen manchmal: als wir noch ärmer waren, von der Hand in den Mund lebten, da waren wir fröhlicher, zufriedener. Wir haben nicht gerechnet, sondern einfach gelebt. Es war nicht immer einfach, aber es ging. Wir sind schlafen gegangen, ohne zu wissen, wie wir morgen leben sollten. Aber am nächsten Tag kam genau das, was wir brauchten.

Und Jesus würde zu dem zufügen: erinnert ihr euch nicht an das auserwählte Volk in der Wüste: es bekam immer gerade so viel Manna vom Himmel wie es an diesem Tag brauchte. Nur genau so viel. Man konnte nichts für den nächsten Tag aufheben, aufbewahren. Und Jesus würde vertiefen: Es ist die Frage nach der Reserve. Gerade ihr Mitteleuropäer habt perfekt gelernt,  Reserven anzulegen. Das ist auch notwendig für große Gemeinschaften, da muss es Getreidereserven, Fettreserven, Fleischreserven, Brotreserven geben. Klar: wer Verantwortung trägt für eine Gemeinschaft muss Reserven für sie anlegen. Das könnt ihr auch gut.

Und Jesus würde dann vielleicht so fortfahren: Einzelpersonen sind aber keine Gemeinschaften. Einzelpersonen können, was Gemeinschaften so nicht können. Sie können lernen zu vertrauen, auf Gott zu vertrauen. Vielleicht kann man sogar sagen: auf das Leben zu vertrauen. Oder einfach – so würde Jesus erinnern -  werden wie ein Kind. Kinder leben im Jetzt, sie machen sich keine Sorgen um das Morgen, daher sind sie kindlich froh, entspannt. Jesus würde uns sagen: Ihr haltet doch in der modernen Welt so viel von Entspannung. Ihr habt gelernt, dass man sich manchmal entspannen muss, dass permanente Anspannung schlecht ist. Daher lernt bitte einmal, wie Kinder nur an das Heute zu denken, gebt Eure letzte Reserve her und vertraut, dass der himmlische Vater für Euch sorgt – wie für die Spatzen und die Lilien. Weltmeister seid ihr bereits im Organisieren des Lebens. Wenn ihr noch die Kehrseite lernt: Weltmeister zu werden im Vertrauen, dann seid ihr wirklich Meister schlechthin. Nennt es christliche Gelassenheit im Vertrauen auf den Vater Jesu Christi – und wisst, dass dies die Gelassenheit der Buddhisten bei weitem übertrifft. Denn Eure Gelassenheit aus Vertrauen auf Gott ist hindurch gegangen durch die Meisterschaft der Vorsorge. Wer zuerst vorsorgen kann und dann diese Vorsorge auch hinter sich lassen kann, der ist wirklich reif und weise geworden.

Wie wäre es, - so  fragt uns Jesus – wenn Ihr lernen würdet, wirklich zu vertrauen, dass Gott für Euch sorgt. Macht mal die Augen zu, gebt alles, was ihr habt – wie die Witwe – und Ihr werdet die Erfahrung machen, dass Ihr auch am nächsten Tag genug haben werdet. Wenn es euch guten Vorsorgern gelingt, ganz auf Gott zu vertrauen, dann werdet Ihr ein noch größerer Segen für die Welt sein.

Seltsamerweise kann man auch ohne Vorsorge, aber im Vertrauen auf Gott gut leben.

Predigt 33. Sonntag JKr. 2009  herunterladen

P. Eberhard v. Gemmingen SJ
Predigt zum 33. Sonntag im Jahreskreis, 25.09.2009

Markus 13, 24-32 – Dan 12, 1- 3 – Hebräer 10, 11-14

Zugegeben: alle drei Texte der Lesungen an diesem Sonntag sind nicht leicht zu verstehen. Ich versuche, ihre Grundidee auf einen Punkt zu bringen. Es geht um das Ende der Geschichte. Fachleute nennen das „die letzten Dinge“. Im Evangelium spricht Jesus von Naturereignissen: Sonne, Mond und Sterne verlieren ihr Licht, der Menschensohn aber wird auf den Wolken des Himmels kommen. Die Menschen sollen sich zwar darauf einstellen, aber niemand kann den Tag vorauswissen. Jesus kennt auch die Prophezeiung des Daniel. Nach ihm kommt am Ende eine große Zeit der Not über die Völker, nicht aber über das auserwählte Volk. Und es gibt die große Scheidung. Die einen erwachen zum ewigen Leben, die anderen zur ewigen Schmach – wie es heißt. Im Hebräerbrief heißt es dann, dass Christus, der Hohepriester bis ans Ende der Zeiten wartet, bis ihm dann seine Feinde zu Füßen gelegt werden.

Es ist nicht ganz einfach, das alles zu verstehen. Wir wollen es versuchen. Wir gehen ja dem Ende des Kirchenjahres entgegen. Daher wählt die Kirche Texte, die sich mit dem Ende der irdischen Zeit befassen. Solche prophetischen Texte sind keine wissenschaftlichen Aussagen über die menschliche Geschichte, über Naturereignisse, sondern sind prophetische Aussagen des Glaubens. So wenig die Schöpfungsgeschichte etwas aussagt über Naturereignisse am Anfang, so wenig sagen prophetische Aussagen über das Ende der Zeit etwas über Natur.

Und wir müssen andere Aussagen der Heiligen Schrift dazu nehmen, die sich mit dem gleichen Thema befassen. Hilfreich ist vor allem die Gerichtsrede Jesu vom Ende des Matthäusevangeliums: Der Herr wird erscheinen – heißt es da – und scheiden zwischen denen, die ihn als ihrem Nächsten geholfen haben, und denjenigen, die ihrem Nächsten nicht geholfen haben. Es heißt „Was ihr einem der Geringsten getan habt, habt ihr mir getan“. Dabei haben die Wohltäter gar nicht gewusst, dass sie es Jesus taten. Von dieser Scheidung der Menschen sprach ja schon der Prophet Daniel. Und im Grunde passt auch das Wort aus dem Hebräerbrief dazu, wo es hieß: dem Hohenpriester werden seine Feinde zu Füßen gelegt. Hier ist der Richter auch der Hohepriester. Als seine Feinde muss man die ansehen, die gedankenlos, feige und lieblos an dem zusammengeschlagenen Mann im Straßengraben vorbeigegangen sind.

Auch wenn wir durch diese Gerichtsrede Jesu vieles besser verstehen, dürfen wir doch auch zugeben, dass wir – heutige Christen – etwas schwer tun mit dem Gerichtsgedanken. Kann es sein,  dass der liebende Jesus richtet, urteilt und verurteilt, endgültig, definitiv jemanden verurteilt? Ist er nicht die Liebe schlechthin, der immer Liebende, der, der auch den Gleichgültigen und Bösen durch seine Liebe zu Recht bringt. Denn er ist doch die Menschwerdung Gottes, der die Liebe selbst ist. Kann ein Gott, der die Liebe ist, jemanden für immer und ewig verurteilen, verwerfen, in die Finsternis stoßen. Wir heutige Christen tun uns da schwerer als frühere Generationen, die ganz furchtbare Darstellung von der Hölle in den Kirchen malten.

Wir müssen und dürfen uns fragen, ob wir heutige Christen nicht stark genug sind, das Evangelium in seiner ganzen Größe und Schärfe zu ertragen. Waren frühere Generationen stärker und christlicher, weil sie den richtenden und verurteilenden Gott ernst nahmen, während wir modernen Menschen es uns zu leicht machen.

Vielleicht hilft es, darüber nachzudenken, was wir bisher vergessen haben. Wir Menschen sind auf der Erde, nicht einfach um da zu sein, sondern um zu wachsen, um in das volle Menschsein hineinzuwachsen. Wir kommen nicht fertig auf die Welt, sondern wir müssen zu etwas Großem, Vollkommenem werden. Dazu haben wir einerseits unsere Veranlagungen, Talente. Andererseits haben wir dazu unsere Freiheit. Menschsein heißt, mit dem angeborenen Gaben etwas gestalten, seine Talente in Freiheit zu nutzen. Wir unterscheiden uns dadurch von den Tieren. Das ist für uns eine Gabe, aber auch eine Aufgabe. Diese Aufgabe ist manchmal schwer, mühsam, anstrengend. Ihr stellt sich Bequemlichkeit, Müdigkeit, Trägheit entgegen. Es ist nicht immer leicht, als Mensch zu wachsen. Oft muss man sich anstrengen. Und vor allem gibt es für uns auch Verlockungen, die anderen Menschen, die uns Konkurrenten sind, aus dem Weg zu räumen. Damit wir selbst im Licht stehen und scheinbar wachsen zu können, ist es eine Versuchung, das Licht der anderen auszulöschen. Warum erkläre ich das so? Um deutlich zu machen, dass vielleicht niemand Anderer uns richtet, auch nicht Jesus Christus, sondern wir selbst uns richten – oder richtiger, dass wir selbst am Ende unserer Lebens unserer Zeit erkennen: Wir haben versagt, wir haben aus uns nicht das gemacht, was wir hätten machen können. Wir sind nicht den Verlockungen zur Liebe gefolgt, sondern den Reizen des Egoismus. Wir haben uns nicht geöffnet, sondern verschlossen, wir sind nicht gewachsen, sondern stehen geblieben.

Und dann fällt uns ja auch das Jesus-Wort ein: Ich bin nicht in die Welt gekommen, die Welt zu richten, sondern um sie zu retten. Und seinen Zeitgenossen sagt er ja ins Gesicht: nicht ich richte euch, ihr richtet euch selbst, wir ihr mir nicht glaubt, weil ihr nicht das tut, was ich euch sage, weil ihr euch verschließt.

Wir dürfen glauben: Jesus ist nur Liebe, die menschgewordene Liebe Gottes, der nur Liebe ist. Aber wir müssen unser Menschsein ernst nehmen. Also unsere Freiheit ernst nehmen. Denn auch Gott nimmt unsere Freiheit ernst. Wir dürfen sogar etwas überspitzt formulieren: Gott nimmt unsere Freiheit ernst, auch wenn ihm selbst das Schmerzen bereitet. Er hat sich dafür entschieden, den Menschen als ein freies Gegenüber zu erschaffen. Er ist das Risiko eingegangen, dass der Mensch seine Freiheit nicht gut und richtig gebraucht. Wenn der Mensch seine Freiheit missbraucht, leider er selbst darunter und leidet Gott darunter – spitz formuliert. Aber die Freiheit ist die Voraussetzung dafür, dass der Mensch auch das höchste Glück erreichen kann – nämlich in Gottes Armen zu enden. Weil Gott dem Menschen dies Glück schenken will, nimmt er in Kauf, dass der Mensch die Freiheit missbraucht. Weil Gott dem Menschen Anteil geben will an seiner Glückseligkeit, daher nimmt Gott in Kauf, dass der Mensch scheitern kann.

All dies bleibt Mysterium, Geheimnis. Wir dürfen nicht meinen, Gott in die Karten schauen zu können. Wir wissen von keinem Menschen, dass er in der Hölle ist, dass er seine Freiheit definitiv missbraucht hat, dass er endgültig in Gottesferne und ewigem Leid ist. Wir wissen das auch nicht von Judas. Und man muss es spitz formulieren: vielleicht ist die Hölle leer. Aber es gibt sie. Die Möglichkeit des Scheiterns besteht bis ans Ende der Zeiten. Aber ob irgendjemand endgültig gescheitert ist, wissen wir nicht. Wir können dies auch nicht von Hitler und Stalin und anderen Diktatoren sagen. Wichtiger: Wir können Gott nicht in die Karten schauen, aber wir können und dürfen glauben, dass Gott uns an sein Herz ziehen will, dass wir in Freiheit auf seine Liebe antworten können und sollen. Und wir können glauben, dass wir auch nach der hunderttausendsten Sünde von ihm Vergebung erhalten, wenn wir uns voll Reue wieder Ihm zuwenden. Gott ist die Liebe, er wartet auf uns am Ende der Zeiten.

Amen

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P. Eberhard v. Gemmingen SJ
Predigt zu Allerheiligen 2009
Das reine Herz und die weißen Kleider

Die Seligpreisungen, die wir eben gehört haben, sind nach meiner Ansicht Weltliteratur. Wir haben sie so oft gehört, dass wir vielleicht nicht so hinhören wie ein Mensch, der etwas von Sprache versteht und sie zum ersten Mal hört. Auch würde ich sagen: die Seligpreisungen muss man vor allem hören, man darf sie nicht nur lesen. Wenn wir einen guten Schauspieler kennen, sollten wir ihn vielleicht einmal bitten, uns die Seligpreisungen so vorzutragen, wie man sie auf einer Bühne sprechen müsste.

Also, als erstes gilt fest zu halten: allein schon die Sprache ist ein Kunstwerk.

Und dann der Inhalt. Für mich persönlich ist die wichtigste der Seligpreisungen das Wort „Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen.“ In dieser Seligpreisung wird dem Menschen das Schönste und Höchste versprochen, was ein Mensch erreichen kann: Gott schauen. Letztlich können wir uns wohl gar nicht vorstellen, was das bedeutet: Gott schauen. Denn Gott ist ja nicht eine Person wie wir Menschen, auch nicht ein Schatz wie irgendein menschlicher Schatz, auch nicht etwas Herrliches und Großes wie etwas im menschlichen Bereich Herrliches und Großes. Gott schauen muss wohl bedeuten, dass der Mensch unvorstellbar über sich hinaus gehoben wird. Oder sollten wir in Richtung Buddhismus denken? Hier streben ja Menschen zu einer tiefen inneren Schau und Einsicht und Erkenntnis. Aber ich möchte auf jeden Fall festhalten: Die Schau Gottes muss nach christlichem Verständnis etwas sein, was der Mensch nicht mit irgendwelchen Techniken erreichen kann. Die Schau Gottes ist Geschenk, unverdientes und nicht verdienbares Geschenk Gottes. Und dies Geschenk wird von Jesus dem Menschen versprochen, der ein reines Herz hat. Ist es möglich ein reines Herz zu haben? Und was ist ein reines Herz?

Wenn wir Jesus ernst nehmen, müssen wir wohl annehmen, dass nur Kinder ein reines Herz haben können. Jesus sagt: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich eingehen.“ Wir können aber durchaus auch davon ausgehen, dass Jesus realistisch war in der Beurteilung von Kindern: Auch er wird gesehen haben: Kinder sind von Natur aus egoistisch. Ihr Instinkt gebietet ihnen, das für sich zu nehmen, was ihnen der unmittelbare Impuls eingibt. Aber Kinder können schnell lernen. Wenn man sie durch Wort und Beispiel lehrt, das, was sie haben wollen, zu teilen, dann lernen sie schnell. Kinder lernen, dass die Anerkennung durch Vater und Mutter ebenso viel wert ist wie das gewünschte Spielzeug. Kinder sind unmittelbar egoistisch, aber ihr Herz ist so offen, dass sie leicht lernen. Kinder haben ein formbares Herz, ein Herz, das man bilden kann. Es ist wie eine Tafel, die man  gleichsam beschreiben kann. In diesem Sinn haben sie ein reines Herz. Es wird nur leider im Lauf des Lebens oft verunreinigt.

Wenn wir nun aber weiter graben in den Schätzen dieser Seligpreisungen, dann hören wir, dass Jesus nicht etwa Utopist ist und irreal von Kindern schwärmt. Denn die meisten Seligpreisungen zeigen: das Leben ist nicht einfach, es läuft nicht so, wie man es sich wünscht. Jesus kennt Armut, Hunger, Gewalt, Tränen, Ungerechtigkeit, Unfrieden. Und er verspricht all denen, die darunter leiden, dass Gott ihr Leiden überwindet, wegnimmt, ins Gegenteil kehrt. Arme bekommen das Himmelreich, Hungrige werden satt, Gewaltlose erben das Land, Barmherzige erfahren Barmherzigkeit.

Aber das führt unsere Aufmerksamkeit auf die Lesung aus der Geheimen Offenbarung, die wir auch gehört haben. Dort heißt es, dass die Heiligen ihre Kleider im Blut des Lammes gewaschen haben. Erstaunliches Bild: Kleider waschen im Blut, im Blut des Lammes, das zur Sühne geschlachtet worden ist. Offenbar war ein Waschen, eine Reinigung nötig. Und nötig war das Blut eines Geopferten. Ein Geopferter ist einer der Hingegeben ist, der hergegeben worden ist, der geschenkt wurde, und: der sich selbst geschenkt hat. Diese Bilder und Gedanken dürfen uns in der heutigen Zeit durchaus fremd erscheinen. Sie sind so weit weg von unser pragmatischen Welt. Sie gehören in eine sakrale Welt, eine Welt, in der auf jeden Fall Gott herrscht, Gott die erste Geige spielt, Gott etwas gegeben werden muss. Das Waschen der Kleider im Blut des Lammes sollte unsere praktische, pragmatische Welt aufreißen. Und sie können uns auch daran erinnern, was wir leicht vergessen oder verdrängen: Leben ist Kampf, Auseinandersetzung. Leben kostet das Leben. Wer ganz menschlich, wirklich leben will, muss das Leben loslassen, darf sein eigenes Leben nicht festhalten. Was für jedes Leben gilt, gilt erst recht für das Leben eines Christen. Wer sein Leben festhält, wird es verlieren, sagt Jesus. Und die Menschen in weißen Gewändern, die am Thron Gottes stehen, haben ihr Leben hingegeben, haben es nicht festgehalten. In der Kraft des Lammes, das geschlachtet wurde, haben sie es nicht festgehalten. Weil Er, der für uns Geschlachtete sein Leben gegeben hat, konnten sie es geben. Ich möchte hier an einen Mann erinnern, der in unsere Zeit, vor nicht allzu vielen Jahren in diesem Sinne nicht nur geschrieben, sondern gelebt hat: Pater Alfred Delp. Für ihn wurde als Vordenker immer mehr klar, die der Mensch nur sich selbst findet, wenn er sich verliert, dass er gleichzeitig aber nur er selbst sein kann, wenn er Gott in seinem Leben mitspielen lässt und Gott in die Mitte seines Lebens stellt. In äußerst dichter, konzentrierter Weise bringt er es auf den Punkt: Gott gehört in die Definition des Menschen. Also: wenn der Mensch sich selbst ohne Gott verstehen will, dann wird er sich nie verstehen. Ein Mensch, der Gott bewusst aus seinem Leben ausschließen will,  verliert sein Eigenstes, sein wahres Ich. Und weil Pater Delp dies gelebt hat in einer gottlosen Diktatur, wurde er im Gestapo-Gefängnis blutig geprügelt. Seine Kleider wurden im Blut des Lammes gewaschen.

Christsein ist Kampf, Kampf gegen sich selbst und gegen falsche Propheten, wie man an Pater Delp erkennen kann. Es gibt sie auch heute noch.

Ich betone dies, weil wir uns vielleicht im Zug der Zeit unbewusst daran gewöhnt haben, zu meinen, Religion sei primär eine Versenkung in sich selbst, in das All oder das Nichts, Religion sei Verinnerlichung, Vertiefung, mystische Versenkung, Selbstauflösung ins All hinein – oder ähnlich. All das mag christliche Religion ja auch sein. Vor allem aber ist es auch ein Kampf. Davor sollten wir nicht die Augen verschließen. Es handelt sich zunächst einmal um einen Kampf mit uns selbst oder auch gegen uns selbst. Christlicher Glaube fordert einen Kampf gegen unseren angeborenen Egoismus. Tatsächlich hängen wir ja seit der Erbsünde in ungeordneter Weise an uns selbst. Nichts gegen ein normales Stehen zu sich selbst, nichts gegen eine normale Selbstverteidigung, alles aber gegen die Versuchung, dass wir uns in uns selbst abschließen. Wenn wir ganze Menschen und vor allem ganze Christen sein wollen, müssen wir uns zum anderen Menschen hin öffnen, müssen wir offen sein zum Anderen. Das ist ein Kampf gegen uns selbst. In den letzten Jahren wurde dies vielleicht da und dort ein wenig vergessen.

Christenleben ist aber auch ein Kampf gegen die gottwidrigen Geister in dieser Welt. Leider gibt es diese auch heute in großer Zahl. Es sind Vergnügungssucht, Bequemlichkeit, Selbstabsicherung. Ja es gibt eine Menge böser Hilfsgeister, z. B. Oberflächlichkeit, Dummheit, Gedankenlosigkeit. Es gibt leider auch Unheilspropheten, die weise zu sein scheinen, in Wirklichkeit aber die Menschen in die Irre führen. Wir leben mitten unter ihnen. Geschäftswerbung ist eine großartige Sache. Sie kann ebenso hilfreich sein für den Menschen wie verderblich. Sie führt uns oft an der Nase herum, macht uns zu dummen Verbrauchern, statt zu weisen, reifen Zeitgenossen.

Wichtiger: das Leben ist ein Kampf. Nur wer den guten Kampf gekämpft hat, erhält den Siegespreis. Nur wer mit Jesus sein Leben eingesetzt und notfalls hingegeben hat, erhält den Siegespreis.

Darf ich mit einem persönlichen Bekenntnis schließen. Man fragt mich oft, was für mich die wichtigsten und schönsten Momente in meinem Leben in Rom gewesen sind. Und man verweist dann auf die Interviews, die ich mit Papst Benedikt führen durfte. Ich muss verneinen: sie waren nicht die bewegendsten Ereignisse. Vielleicht war für mich eines der bewegendsten Augenblicke, als ich an einem schönen Mittagstisch saß mit der Witwe des Märtyrers Franz Jägerstätter und mit seinen drei Töchtern. Ich durfte mit der Frau und den Töchtern eines selig gesprochenen Martyrers unserer Zeit zusammen essen. Das war für mich wirklich sehr bewegend. Das fand in der österreichischen Botschaft beim Vatikan statt. Er hat sein Leben nicht festgehalten, sondern gewaschen im Blut des Lammes. Vielleicht hatte er die Kraft, den Eid auf den Führer zu verweigern, weil er ein reines Herz hatte. In diesem Herzen wird es unmöglich gewesen sein, auf Hitler zu schwören. Vermutlich weil er –wie ein Kind – ein reines Herz hatte, konnte er nicht den Kompromiss schließen, den viele – wenigstens aus Angst, wenn nicht aus Überzeugung - andere geschlossen hatten. Herr schenke uns ein reines Herz, damit wir den klaren Blick eines Jägerstätters haben und dann am Ende unseres Lebens Dich schauen können.

Amen

Predigt Christkönig 2009  herunterladen

P. Eberhard v. Gemmingen SJ
Predigt zum Christ-Königfest 2009

Joh. 18, 33b-37 – Dan 7, 13-14 – Apk 1,5-8

Wir feiern das Christkönigsfest. Wir bekennen damit unseren Glauben, dass Jesus von Nazareth König des Kosmos, König der Welt ist. Wir bekennen, dass der Mann aus Nazareth, der das Reich Gottes gepredigt hat, der dann gekreuzigt worden ist und von den Toten auferweckt wurde, dass dieser Jesus Herrscher aller Welten und Zeiten ist. Es ist ein nicht ganz selbstverständliches Bekenntnis: ein vor rund 2000 Jahren gescheiterter, von den religiösen und staatlichen Autoritäten hingerichteter junger Mann soll Pantokrator, Herrscher über Welt und Zeit sein. Es ist schon ein Glaube, bei dem man ein wenig den Atem anhalten sollte. Keine Selbstverständlichkeit.

Vor kurzem noch bewunderte ich das Bild des Pantokrators in der Basilika in Monreale auf Sizilien. Es schmückt in riesiger Form die Apsis der Kirche aus der Zeit der Byzantiner. Christus schaut wirklich wie ein Herrscher auf die Menschen herunter. Und der Betrachter wird ganz klein vor einem solchen riesigen, mächtigen, eindrucksvollen Bild.

Wir müssen versuchen, noch genauer zu verstehen, was wir da an diesem Christkönigsfest feiern. Das Fest ist ja jung. Es wurde erst nach dem ersten Weltkrieg eingeführt. Als in Europa die Königsthrone einstürzten, als die Idee des Königs überholt schien, hat die katholische Kirche feierlich erklärt, Christus ist unser König, ist der König aller Menschen, auch der Nicht-Christen. Er hält auch unsere Zeit in seinen Händen, nichts geschieht in der Geschichte der Menschheit, das nicht durch seine Hände gegangen wäre.

Schauen wir die Zeugnisse des Neuen Testamentes an, auf die sich die Kirche beruft. Wir müssen uns dabei zunächst fragen, wie Jesus von Nazareth im Neuen Testament sonst noch genannt wird. Meist heißt er „Menschensohn“. Ein seltsamer Ausdruck. Aber dieser seltsame Ausdruck geht auf den Propheten Daniel zurück. Der Abschnitt, in dem vom Menschensohn die Rede ist, wird an diesem Christkönigsfest gelesen. Wörtlich heißt es da: „Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn, ihm wurde Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen, Sprachen müssen ihm dienen.“ (Dan 7, 13-14) Wenn Jesus selbst sich Menschensohn nennt, und wenn die Evangelisten das tun, dann greifen sie auf Daniel zurück.

Wichtig ist aber auch noch, dass Jesus wiederholt seinen Anhängern verbietet, ihn König zu nennen. Er will nicht als ein König in ihrem politischen oder ideologischen Sinne verstanden – und missverstanden – werden. Jesus will in gewisser Weise verborgen bleiben. Man spricht unter den Fachleuten vom Messiasgeheimnis. Ich meine, Jesus will nicht als Messias bekannt werden, weil man ihn in seinem eigentlichen Wesen erst verstehen kann, wenn er für die Menschen gestorben und auferstanden ist. Nur der Verstorbene und Auferstandene ist der Erlöser der Menschheit. Alles andere Verständnis von ihm ist zu klein, zu wenig, zu kurz gegriffen. Sonst wird Jesus Rabbi – also etwa  Meister und Lehrer – genannt.

Dann aber wird Jesus von den jüdischen Autoritäten bei Pilatus angeklagt, er masse sich an, ein König zu sein. Mit anderen Worten, er plane einen politischen Umsturz, einen Machtwechsel. Die meisten seiner Ankläger wissen, dass diese Anklage eigentlich nicht stimmt. Denn das, was sie besonders an Jesus ärgert, ist dass er sich anmaßt, an Stelle Gottes zu sprechen, dass er das jüdische Gesetz anders auslegt als sie, dass er sich eine unglaubliche Autorität anmaßt. Hatte er doch gesagt: Moses sagt euch soundso. Ich aber sage euch etwas Anderes. Er stellt sich über Moses, er identifiziert sich sogar mit Jahwe, mit Gott, mit dem Vater im Himmel. Er sagt: wer mich sieht, sieht den Vater, ich und der Vater – wir sind eins. Kurz: Die jüdischen Autoritäten werfen ihm vor, das Gesetz eigenwillig auszulegen, anders als sie. Aber das ist kein hinreichender Grund, ihn bei der römischen Autorität anzuklagen. Daher sagen sie Pilatus: der maßt sich an, ein König zu sein.

Und als Pilatus im Verhör Jesus danach fragt, sagt Jesus: Ja, ich bin ein König. Aber ich bin ein König völlig eigener Art. Jesus sagt: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt“, also nicht politisch. „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, um von der Wahrheit Zeugnis abzulegen. Jeder der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme“. (Joh 18, 33-37)

Jesus erhebt also tatsächlich einen ungeheuren Anspruch. Er ist weit mehr als ein politischer oder ein Machtanspruch. Es ist ein Anspruch, der jeden Menschen in seinem Innersten betrifft. Er will nicht Länder beherrschen, sondern den Menschen von seinem Inneren her erobern -oder besser gesagt – gewinnen, überzeugen. Dieser Anspruch richtet sich nicht nur an Jesu Zeitgenossen, nicht nur an seine Volksgenossen, sondern an alle Menschen aller Zeiten. Ein wirklich ungeheurer Anspruch.

Kein Wunder also, dass er Widerstand hervorruft. Kein Wunder, dass Jesus seit 2000 Jahren auch abgelehnt wird, kein Wunder, dass über ihn gestritten wird. Aber es scheint mir für alle Menschen wichtig, sich mit diesem Jesus auseinanderzusetzen. Er sucht und will die Auseinadersetzung. Daher hat er vor Pilatus so gesprochen, wie wir es nachlesen.

Kein Wunder aber auch, dass nicht nur geschundene Menschen, versklavte Menschen, ausgebeutete Menschen aller Zeiten Jesus gesucht und gefunden haben, sondern auch unzählige Denker, unzählige Grübler, unzählige Weise und Propheten. Ich nenne nur einmal ein paar Namen: Blaise Pascal und Charles de Foucauld,

Augustinus und Albertus Magnus, Dietrich Bonhoeffer und Edith Stein. Viele Weise haben ihn gefunden, andere Weise lehnen ihn vielleicht gerade deswegen ab, weil er eine so große Herausforderung ist, weil sie sein geistiges, moralisches Königtum spüren und es nicht annehmen wollen oder können.

Nun möchte ich Ihnen an dieser Stelle noch einen anderen Titel Jesu vorschlagen, den ich persönlich recht hilfreich finde. Der Titel wurde zuerst einem anderen Großen unserer Geschichte gegeben, nämlich Gandhi. Ich meine den Titel: Mahatma. Mahatma heißt „Große Seele“. Das kommt von Maha – das bedeutet „groß“ und atma – das bedeutet Seele. Mahatma ist die große Seele. Wenn die Inder schon damals vor 50 Jahren sagten, dieser Gandhi habe eine große Seele gehabt, sei eine große Seele gewesen, um wie viel mehr dann Jesus von Nazareth. Ich möchte Ihnen einfach diesen Titel für Jesus mal zum Nachdenken geben. Vielleicht hilft er Ihnen, Jesus näher zu kommen. Jesus – die große Seele. Maha-atma.

Wir feiern Jesu Königtum. Es ist gut, wenn wir dabei nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern die ganze Provokation spüren, dass hier ein gekreuzigter einfacher Jude als König der Welt gefeiert wird.

Beten wir, dass es uns gelingt, niederzuknien und ihn anzubeten als unseren König und Herrn.

Amen

1. Adventssonntag 2009  herunterladen

P. Eberhard v. Gemmingen SJ
Erster Adventssonntag 2009

Lukas 21, 25-28,34-36 – Jeremia 33, 14-16 – 1 Thess. 3, 12 bis 4,2

Der Advent ist ja nach unserer Erfahrung und unserem Verständnis eine schöne, herzliche, warme Zeit. Ein Teil der Schriftlesungen an diesem ersten Adventssonntag aber machen eher ein bisschen Angst. Sie sprechen eine etwas andere Sprache. Im Evangelium werden wir eindringlich aufgefordert, wachsam zu sein, denn das Reich Gottes steht vor der Tür. Es heißt „Wacht und betet, damit ihr vor den Menschensohn hintreten könnt.“ Und vorher hatte es geheißen: Die Menschen würden in Angst vor dem Kommenden vergehen.

Das kontrastiert auch ein wenig zum Tenor des Jeremias-Textes von diesem Sonntag: Da heißt es: für Israel kommt ein gerechter Spross, der Recht und Gerechtigkeit aufrichten wird. Juda werde gerettet, Jerusalem könne in Sicherheit leben. Im Thessalonicherbrief wird zugefügt, dass wir uns auf das Kommen des Herrn mit allen Heiligen vorbereiten sollen.

Zusammengefasst kann man wohl sagen: die Botschaft der Heiligen Schrift für den ersten Adventssonntag lautet: Schaut wachsam nach vorne, der Retter und Erlöser kommt bald. Daher betet und wacht, damit ihr bereitet seid. Für die, die bereit sind, kommt die Zeit von Recht und Gerechtigkeit.

Was heißt das alles jetzt für uns im Jahr 2009? Wir haben ja 2000 Jahre Kirchengeschichte hinter uns. Die ersten Christen hatten noch gebetet: Maranatha, Herr komm bald. Aber er ist nicht gekommen, jedenfalls nicht so wie sich das viele damals vorgestellt hatten. Die Naherwartung hat sich zerschlagen. Es begann die Kirchengeschichte.

Böse hat es der französische Kirchenkritiker Loisy formuliert: „Jesus hat das Kommen des Reiches Gottes verkündet, aber gekommen ist die Kirche.“ Gemeint war damit damals: Statt der Freiheit des Gottesreiches kam der Zwang und die Unfreiheit der katholischen Kirche.

Was also können wir als gläubige Christen aus diesen Lesungen der Heiligen Schrift für uns im Jahr 2009 nehmen?

Erstens: Wir sollen als wachsame Menschen leben. Wir sollen nicht trunken sein, sondern nüchtern. Wir sollen mit der Ankunft des Herrn in jedem Augenblick unseres Lebens rechnen. Besonders hilfreich und schön finde ich in diesem Zusammenhang das Wort Jesu: siehe ich stehe an der Tür und klopfe an. Jesus steht auch im Jahr 2009 an unserer Tür, an meiner Tür und deiner Tür. Wir sollten die Ohren spitzen, damit wir sein Klopfen im Lärm der Welt hören.  Auch sollten wir sein wie die weisen Jungfrauen, die auch Öl für ihre Lampen mitbrachten. Wir sollen – auch wenn sich das Kommen Jesu offenbar hinzieht – allezeit für seine Ankunft bereit sein. Wir sollen auch daran denken, dass er uns bei seinem Kommen jeden einzelnen von uns, an seinen Tisch laden wird. Komm du guter und getreuer Knecht.

Damit wir das lernen, dafür gibt es die Adventszeit. Sie ist Lernzeit für das Warten, für das Offensein, für das Bereitsein. Advent ist Zeit  für die Jungfrauen, die Lichter zu bereiten und für genügend Öl zu sorgen. Kurz: wir haben eine besondere Aufgabe für die vier Adventswochen bis Weihnachten.

Zweitens: versprochen wird den Wartenden Recht und Gerechtigkeit.

Es gibt ja wirklich genügend Ungerechtigkeit in der Welt. Ungerechtigkeit zwischen einzelnen Menschen: der eine bekommt viele Hilfe von Familie, Beruf Gesellschaft, der andere wenig. Der, der viel hat, gibt aber oft wenig ab. Und der, der unter die Räuber fällt, wird geflissentlich übersehen. Der Priester, der am Zusammengeschla-genen vorübergeht, könnte ja wenigstens im nächsten Ort sagen: da hinten liegt einer im Graben, dem wir jetzt gemeinsam helfen müssen. Nichts davon steht in der Bibel. Es gibt aber leider auch viel Un-gerechtigkeit zwischen Gruppen und Völkern.  Vor kurzem gab es in Deutschland einen angeblich langweiligen Wahlkampf. Hätte es dabei nicht auch mal einen langen und lauten Aufschrei gegen Ungerechtigkeit geben sollen, etwa dass Eltern die Kinder haben, wegen dieser Kinder wirtschaftlich benachteiligt werden, und dass das sehr ungerecht ist. Es gab schon Appelle, aber ein lauter Schrei gegen Ungerechtigkeit gab es eigentlich nicht. Und dann hätte es ja auch einen lauten Aufschrei geben können gegen die Ungerechtigkeit, dass die reichen Länder sich abschließen gegen die Waren aus Afrika, dass die Reichen im Gegenteil Waffen nach Afrika verkaufen und dabei viel Geld verdienen. Es hätte einen Schrei geben können, dass das ungerecht ist. Ja – es gibt genügend Ungerechtigkeit.

Nun aber verspricht uns das Evangelium Recht und Gerechtigkeit. Ist das eine fromme Utopie?  Ist das Träumerei? Ist das fromme Vertröstung.

Nein, wenn wir das ernst nehmen müssen, wir zweierlei sagen: Gott wird am Ende der Zeiten die Gerechten belohnen und die Ungerechten bestrafen. Wehe den Ungerechten! Das ist das Eine. Aber es gilt auch das Andere: Christen – schafft endlich Gerechtigkeit. Christen krempelt die Ärmel auf und überwindet Ungerechtigkeit. Mischt euch ein in Politik, geht auf die Barrikaden. Gottlob haben die Christen in den letzten Jahren die Spiritualität wieder entdeckt. Wehe ihnen aber, wenn sie gleichzeitig ihren Weltauftrag vergessen, wenn sie vor der Ungerechtigkeit in der Weltwirtschaft ihre Augen verschließen, wenn sie resignieren mit dem Wort „Da kann man ja doch nichts machen“. Gottlob gibt es gegen die Resignation gute Gegenbeispiele: Mutter Teresa hat als kleine Ordensfrau eine Revolution angezettelt, Schwester Ruth Pfau tut es in Pakistan noch heute, Bischof Erwin Kräutler im Amazonas tut es ebenso, aber auch ein Nelson Mandela machte dabei mit und die birmanische Menschenrechtskämpferin Aungs Sang Su Khi. Und dann gibt es Tausende von Unbekannten, die Gerechtigkeit schaffen für Menschen, denen Unrecht geschieht.

Adventszeit ist Gerechtigkeitszeit, denn wir bereiten uns auf den vor, der Recht und Gerechtigkeit schaffen wird. Wehe uns, wenn er uns schlafend, apathisch, resignierend, faul finden wird.

Drittens: wir sollen wachen und beten, damit wir vor den Menschensohn hintreten können. So hieß es im Lukasevangelium. Vom Wachen haben wir schon gesprochen. Aber es kommt auch noch das Beten dazu. Manchmal wird Beten gesehen als Gegensatz zum Kämpfen für Gerechtigkeit. Und das ist falsch. Nein, um für Gerechtigkeit kämpfen zu können, müssen wir beten. Die genannten Gerechtigkeitskämpfer sind auch Beter. Lassen wir uns nicht einreden, man könne nicht beides tun: Beten und Kämpfen. Man kann beides.

Eine Studentin, die außerordentlich viel studieren musste für ihre Prüfungen, sagte mir einmal: an einem Tag sah sie keine Möglichkeit, wie üblich, eine Stunde zu beten, weil sie so viel studieren müsse. Sie hat gezweifelt, gerungen, mit Gott gekämpft und sich entschieden: weil ich so viel studieren muss und keine Zeit habe, werde ich nicht wie üblich eine Stunde beten, sondern zwei Stunden. Sie tats und alles ging gut: das Beten und das Studieren. Bei Gott ist nichts unmöglich. Wunder sind möglich. Trauen wir ihm zu, dass wir betend wirklich etwas Entscheidendes für die Gerechtigkeit in der Welt tun können – gerade jetzt im Advent. Adventszeit ist Kampf- und Gebetszeit.

Amen.

2. Adventssonntag 2009  herunterladen

Eberhard v. Gemmingen SJ
Zweiter Adventssonntag 2009

Lukas 3, 1-6 – Baruch 5,1-9 – Phil 1, 4-6 und 8 – 11

Der Aufruf des 2. Adventssonntags lautet: Bereitet dem Herrn den Weg. – Ja das gilt auch für uns alle: bereitet den Weg des Herrn.

Dieser Aufruf ist aber nicht ein völlig zeitloser Appell, sondern er ist für Christen eingebettet in eine große Geschichte, er hat eine Geschichte. Man kann sich ja zunächst mal fragen,  ob das einfach ein moralischer Aufruf ist, gut und anständig zu leben. Ob es eine zeitlose Mahnung ist, oder ob warum eben gerufen wird: bereitet den Weg des Herrn.

Ich finde es schon außerordentlich wichtig, dass der Evangelist Lukas eine ziemlich lange Reihe von Daten weltlicher Geschichte nennt, um zu Johannes dem Täufer hinzuleiten, um das Auftreten des Täufers geschichtlich zu lokalisieren. Der weiteste Rahmen ist das römische Reich. Kaiser Tiberius, der sich übrigens auf Capri herrliche Paläste bauen ließ, steht im 15. Jahr seiner Regierung. Das war nach unserer Zeitrechnung im Jahr.

Eine Stufe tiefer kommt dann der kaiserliche Repräsentant in Judäa. Er hieß Pontius Pilatus und wir wissen von ihm aus nicht-biblischen Quellen. Dann gab es nördlich einen anderen Verwaltungsbezirk, nämlich Galilea. Hier war Herodes zuständig. Wohlgemerkt nicht Herodes der Große, auf den die Tötung der Kinder in Bethlehem zurückgeführt wird. Es werden noch die Tetrarchen Philippus und Lysanias angefügt, die wir übergehen können. Hohe Priester waren Annas und sein Schwiegervater Kaiphas. Kaiphas war  der Realpolitiker, der ein paar Jahr später sagt: besser wir eliminieren Jesus als dass viele Juden von den Römern aufgehängt werden. Man muss schon wirklich Ethos haben, wenn man dagegen argumentiert: Auch wenn nur ein einziger gesetzwidrig hingerichtet wird, wird die Rechtsordnung zerstört. Realpolitik hat ihre Grenzen.

Man sollte das im Hinterkopf haben, wenn man dann darüber informiert wird, dass dieser seltsame Wüstenprediger am Jordan von seinen Landsleuten Bekehrung verlangt und als Zeichen dafür die Taufe spendet. Der Evangelist Lukas interpretiert diese seltsame Neuerung ausdrücklich so: ein Wort Gottes ist an Johannes ergangen. Also er sagt: Geschichte und dieses menschliches Tun ist mehr als eben nur menschliche Geschichte, es ist von Gott gewollt. Und Lukas zeigt sich als Schriftgelehrter, denn er interpretiert das Tun des Johannes als Erfüllung einer Prophezeiung vor 700 bis 800 Jahren durch den berühmten und edlen Jesaia. Der hatte damals aufgerufen: Bereitet den Weg des Herrn, ebnet ihm die Straßen. Dazu ist es nötig etwas Straßenbau zu betreiben: Kurven sollen begradigt und steile Aufstiege vermieden werden. Wenn das geschehen ist, werden die Menschen das Heil von Gott sehen.

Lukas bezieht sich auf Jesaia. Rund einhundert Jahre nach diesem großen Propheten lebte aber ein anderer  Prophet nämlich Jeremia. Der hatte wiederum einen Sekretär und Diener Baruch. Und Baruch schreibt in seinem Buch etwa die gleichen Worte: Senken sollen sich Berge und Hügel. Aber Baruch beschert uns an diesem zweiten Advent noch eine wunderbare Zukunftsperspektive, die ich Ihnen in voller Länge vorlesen möchte. Es ist die Lesung vom 2. Advent: „Leg ab Jerusalem das Kleid deiner Trauer und deines Elends, und bekleide dich mit dem Schmuck der Herrlichkeit, die Gott dir für immer verleiht. Leg den Mantel der göttlichen Gerechtigkeit an; setz dir die Krone der Herrlichkeit des Ewigen aufs Haupt. Denn Gott will deinen Glanz dem ganzen Erdkreis unter dem Himmel zeigen. Gott gibt dir für immer den Namen: Frieden der Gerechtigkeit und Herrlichkeit der Gottesfurcht.

Steh auf Jerusalem und steig auf die Höhe! Schau nach Osten und sieh Deine Kinder. Vom Untergang der Sonne bis zum Aufgang hat das Wort des Heiligen sie gesammelt. Sie freuen sich, dass Gott an sie gedacht hat. Denn zu Fuß zogen sie fort von dir, weggetrieben von Feinden,  Gott aber bringt sie heim zu dir, ehrenvoll getragen wie in einer königlichen Sänfte. Denn Gott hat befohlen: senken sollen sich alle hohen Berge und die ewigen Hügel und heben sollen sich die Täler zu ebenem Land, so dass Israel unter der Herrlichkeit Gottes sicher dahin ziehen kann. Wälder und duftende Bäume aller Art spenden Israel Schatten auf Gottes Geheiß. Denn Gott führt Israel heim in Freude, im Licht seiner Herrlichkeit. Erbarmen und Gerechtigkeit kommen von ihm.“ (Baruch 5, 1 – 9)

Ich wollte diesen Baruch-Text ausdrücklich so lange vorlesen, denn er gibt in menschlicher, bildlicher, dichterischer Sprache wieder, was den Menschen von Gott her erwartet, was der Mensch, was der Christ von Gott erwarten darf. Wenn wir Christen sein wollen, sollen wir ablegen das Kleid der Trauer, uns aufsetzen die Krone der Herrlichkeit, anlegen den Mantel der Gerechtigkeit, wir sollen erwarten, auf königlicher Sänfte zu ihm heimgetragen zu werden. Dabei spenden Wälder und Bäume Duft und Schatten. Vor allem: wir sind dann das heilige Jerusalem Gottes, die heilige Stadt, das heilige Volk.

Was sagt das uns Christen im Jahr 2009? Es soll unseren Blick lenken, auf das, was wir jetzt noch nicht sehen. Soll unseren Blick weiten – vor allem, wenn wir klagen und weinen müssen über all das, was in Kirche und Gesellschaft nicht stimmt. Wir sollen nicht nur sehen, was daneben geht in unserer Welt und Kirche, sondern unsere Augen erheben zu dem, was Gott uns verheißt. Wir sollen glauben, dass Gott mit der Welt Besseres vorhat, dass das Elend ein Ende haben wird. Dass aus Nacht Licht wird, dass bei Gott Wunder möglich sind.

Advent ist Zeit der Hoffnung, Zeit des Ausblicks über den Tag hinaus, über das Elend hinaus. Advent ist Zeit der Hoffnung und des tieferen Glaubens.

Nun müssen wir aber noch mal ganz zurückgehen an den Anfang der heutigen Überlegung, Da hatte ich gesagt: Der heutige Aufruf lautet „Bereitet den Weg des Herrn“. Wir haben heute also wohl zwei Themen: Wir Christen sollen dem Herrn den Weg bereiten. Und andererseits ist Gott dabei, uns – dem neuen Volk Israel - einen Weg zu bereiten. Gott schickt uns doch sogar eine Sänfte, damit wir leichter und schneller vorankommen, er schickt uns ein königliches Gewand, eine Krone und macht den Weg leicht durch den Duft von Bäumen und Wäldern. Wer ist nun eigentlich der Wegebauer: sind wir es oder ist Gott es? Und für weg wird der Weg bereitet? Für uns oder für den Herrn. Es heißt doch: bereitet den Weg des Herrn. Aber bei Baruch hieß es: Israel könne sicher dahinziehen, denn Gott führe Israel in Freude.

Was also ist die Botschaft der Liturgie vom zweiten Adventssonntag?

Ich würde so sagen: Wir – das heilige Volk Gottes – sind unterwegs, wir werden von Gott geführt, er bereitet uns den Weg. Aber indem wir den Weg gehen, bereiten wir Christus dem Herrn den Weg. Nicht dass wir Christus vorausgingen. Aber indem wir den Weg gehen, den Gott uns bereitet hat, bereiten wir den Weg Christi in dieser unserer Welt.

Anders: Christus will in diese unsere Welt kommen dadurch, dass wir auf dem Weg Gottes zu seinem himmlischen Reich gehen. Unsere Ausrichtung auf Gott ist wichtig für die Welt, unsere christliche Hoffnung ist wichtig für die Welt, unser Vorausschauen, unser Schauen über den Tag und den Augenblick hinaus ist wichtig für unsere Welt. Daher ist Advent wichtig für die Welt. Unsere Welt des 21. Jahrhunderts braucht die Menschen, die nicht nur auf den heutigen Tag und die Stunde starren, sondern die über den menschlichen Horizont hinausschauen. Wehe wenn es in einer Welt keine Hoffnungsträger gibt, keine Menschen, die an eine Führung aus dem Jenseits glauben, keine Menschen, die an die Hand Gottes in der Geschichte glauben. Wenn wir so leben, dann sind wir Licht der Welt, Licht im Advent, Licht, das  zu Weihnachten hinführt.

Amen


3. Adventssonntag 2009  herunterladen

P. Eberhard v. Gemmingen SJ
Dritter Adventssonntag 2009

Lukas 3, 10 – 18, Zefanja 3, 14 – 17, Philipper 4, 4 – 7

Der dritte Adventssonntag ist bekannt als Sonntag „Gaudete“, Freuet Euch, denn der Herr ist nahe. In früheren Zeiten trug zum Zeichen der Freude der Priester bei der Messe kein violettes, sondern eine rosarotes Messgewand. Diese Freude kommt ganz klar zum Ausdruck in der heutigen Lesung aus dem Propheten Zefanja. Da heißt es unter anderem: Juble Tochter Zion, jauchze Israel, freu dich und frohlocke von ganzem Herzen. Der Herr ist in deiner Mitte. Und der Herr jubelt über dich, er erneuert seine Liebe zu dir.

Ähnlich klingt es im heutigen Lesungstext aus dem Philipperbrief: Freut euch im Herrn zu jeder Zeit,  noch einmal sage ich: freut euch. Der Herr ist nahe.

Das sind wirklich adventliche Texte. Wir sollen uns zwar im Advent durch Gebet, Fasten und Buße auf das Kommen des Erlösers vorbereiten. Aber wir sollen es erstens nicht griesgrämig tun, mit finsterem Gesicht, sodass alle Welt sieht, dass wir fasten. Und zweitens sollen wir am dritten Adventssonntag auch mal eine Pause in dieser ernsten Vorbereitung auf Weihnachten einschalten und uns von Herzen auf den kommenden Herrn freuen.

Einen gewissen Gegensatz zu diesen beiden Schriftlesungstexten aus dem Propheten Zefanja und dem Paulusbrief an die Philipper sehe ich allerdings im Evangelium aus Lukas. Da hören wir am dritten Adventssonntag die Bußpredigt von Johannes dem Täufer: Wer zwei Gewänder hat, soll eines einem Armen geben, wer zu essen hat, soll teilen, Zöllner und Soldaten sollen sich an ihre Vorschriften halten.

Dann freilich hören wir, wie Johannes von sich weg auf Jesus zeigt. Man hält ihn – den Täufer - für den Messias. Johannes aber schärft den Leuten ein: Jesus, der Erlöser, kommt später und taufet dann nicht nur mit Wasser, sondern mit Heiligem Geist.

Also auch hier ein Hinweis auf die Zukunft – und damit ein Grund zur Freude.

Also – das Hauptthema an diesem dritten Adventsonntag heißt Freude. Aber allzu leicht überhört man dann den Grund, warum Menschen, warum Christen sich freuen dürfen und sollen.

Im Philipperbrief des Apostels Paulus heißt es kurz und präzise: denn der Herr ist nahe. Und weil das so ist, sagt Paulus, „sorgt euch um nichts“ – und „eure Güte werde allen Menschen bekannt“.

Beim Profeten Zefanja aber wird mit mehr Worten angegeben, warum wir uns freuen sollen. Hören wir große Teile des Abschnitts. Er ist erhebend: „Frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem. Der Herr hat das Urteil gegen dich aufgehoben, und deine Feinde zur Umkehr gezwungen. Der König Israels, der Herr ist in deiner Mitte, du hast kein Unheil mehr zu fürchten. An jenem Tag wird man zu Jerusalem sagen: Fürchte dich nicht, Zion! Lass die Hände nicht sinken! Der Herr, dein Gott ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt. Er freut sich und jubelt über dich, er erneuert seine Liebe zu dir, er jubelt über dich und frohlockt, wie man frohlockt an einem Festtag.“

Ich meine: Wenn man ein wenig mit Gespür hinhört, dann kann man schon merken: hier wird von Gott wie von einem Verliebten gesprochen. Gott freut sich über die geliebte Menschheit. Er jubelt über sie. Oder präziser: Jahwe freut sich über sein Volk. Denn sein Volk ist seine Braut. Er hat sie als seine Geliebte erwählt. Ja, er hat sich richtig gehend in sie verliebt. Gott hat sich in sein Volk als in seine Braut verliebt. Daher jubelt er über sie, wenn er sie sieht. Ausdrücklich heißt es ja dann „Er erneuert seine Liebe zu Dir, er jubelt und frohlockt, wie man an einem Festtag frohlockt.“

Wir sollten wirklich heute einmal mehrere Minuten lang bei dem Gedanken stehen bleiben, dass Gott mit Blick auf sein Volk wie verliebt ist. Zunächst ist es also nicht die ganze Menschheit, sondern sein Volk. Aber gerade weil sein Volk sich so geliebt erfährt, sollte dieses sein Volk gleichsam liebestrunken alle Menschen zu seinem Volk machen. Wenn sein Volk trunken wird von der Liebe, mit der es geliebt wird, kann es nicht in sich geschlossen bleiben, sondern wird es gleichsam explodieren, um die Liebe, die es bekommen hat, auszustrahlen. Haben wir nicht an großen Christen genau das erlebt und gesehen, dass sie einfach hinaus mussten in die Welt, um Gottes Liebe zu verkünden? Sie konnten nicht schweigen von dem, was sie gehört, erlebt und empfangen hatten.

Und nun nochmals zurück zu dem etwas schwer einzuordnenden Text des Lukasevangeliums mit der Bußpredigt des Johannes. Vielleicht versteht man Johannes nur so wie er es meint, wenn man vom Ende der Rede ausgeht, die im Evangelium zusammengefasst ist: Er sagt da: Mitten unter euch steht einer, den ihr nicht kennt. Und der wird mit Heiligem Geist taufen. Was ist Heiliger Geist? Was bedeutet Taufe mit dem Heiligen Geist?

Sagen wir es ganz einfach: Heiliger Geist ist Liebe. Heiliger Geist ist die von Gott auf den Menschen ausgegossene Liebe, Heiliger Geist ist Gott beim Menschen, ist Gott im Menschen, im Geist des Menschen. Erinnern wir uns an Pfingsten: Als der Heilige Geist auf die zwölf Apostel und die Gottesmutter Maria herabkam, wurden diese zu neuen Menschen. Gott war in ihnen gelandet. Sie wurden wunderbar von innen heraus verwandelt. Ohne jede menschliche Anstrengung wurden sie das, wovon sie vielleicht in ihren besten Stunden geträumt hatten, nämlich mutige Liebende. Warum also Freude an diesem dritten Adventssonntag? Weil Gott uns mit dem Heiligen Geist taufen will. Auch uns im 21. Jahrhundert, auch uns, die wir längst mit Wasser getauft wurden. Wir brauchen die Taufe im Heiligen Geist, damit Gott in uns lebt, damit wir aus Gott leben. Freuen wir uns: der Herr steht vor der Tür, um uns mit Heiligen Geist zu taufen. Glauben wir an den Herrn, der vor der Türe steht und an der Türe klopft, der uns in diesem Advent zu neuen Menschen machen will, Menschen des Geistes. Er will uns zu Menschen machen, die dann an Weihnachten als Hirten und Weise an die Krippe kommen können. Manche von uns will er vielleicht sogar zu Engeln machen, die singen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden.

Amen


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P. Eberhard v. Gemmingen SJ
Vierter Adventssonntag 2009

Lukas 1, 39 – 45 – Micha 5, 1 – 4a – Hebräer 10, 5- 10

Das Thema des vierten Adventssonntags ist Vorblick, Vorblick auf noch Unbekanntes, aber Schönes, Gutes. Für uns ist es Vorblick auf Weihnachten.

Schauen wir uns die Szene genauer an, wo das junge schwangere Mädchen Maria ihre ebenso schwangere aber viel ältere Cousine begrüßt. Genau genommen ist es ja umgekehrt: die durch ein Wunder schwanger gewordene Ältere begrüßt und bejubelt die Jüngere. Der Evangelist Lukas lässt Elisabeth sagen: Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?

Wenigstens für den Evangelisten Lukas hat Elisabeth schon gewusst, dass Maria schwanger ist mit dem Sohn Gottes. Sie spricht ja von der Mutter meines Herrn.

Aber erlauben wir uns noch einen Blick in die Geschichte: Vorher hatte es geheißen, dass Maria kurz nach dem Besuch des Engels Gabriel bei ihr, sich auf den Weg machte. Vermutlich bekam Elisabeth also keine schriftliche Vorinformation, dass ihre junge Cousine schwanger ist, sondern wurde davon überrascht. Wie immer es gewesen sein mag, dass Elisabeth von der Schwangerschaft Mariens und dem Gotteskind in ihrem Schoss wusste, für uns ist wichtig, dass der Evangelist die Geschichte einer frohen Botschaft verkündet.

Mir sei noch erlaubt, etwas Heutiges und Schreckliches anzufügen, was mir immer durch den Sinn geht, wenn ich beim Rosenkranz bete: „Den Du o Jungfrau zu Elisabeth getragen hast“. Wenn Maria heute von Nazareth in die Berggegend Juda, nahe Jerusalem, gehen würde, dann müsste sie vielleicht 100 israelische Kontrollstellen passieren. Israel sagt, die seien nötig für die Sicherheit des Staates. Aber selbst unabhängige Israelis sagen: sie sind nur zur Schikane der Palästinenser da. Das tägliche Leben von völlig harmlosen Palästinensern wird zur Pein gemacht. Ich sage dies an dieser Stelle, nicht um Politik zu machen und nicht um Israel zu kritisieren. Ich sage es nur, damit wir, wenn wir dieses Rosenkranzgeheimnis beten, an die Palästinenser denken, für sie beten, vor allem auch für sie beten, dass ihnen die Geduld nicht ausgeht, dass sie nicht zu den Waffen greifen. Und gleichzeitig beten wir auch für die Regierung in Jerusalem, dass sie nicht nur an die eigene Sicherheit denkt, sondern an das mühselige Leben von völlig ungefährlichen Palästinensern. Frieden schafft man durch vertrauensbildende Maßnahmen, nicht durch Waffen, sondern durch Entwaffnung.

Schauen wir nochmals auf die Szene vor dem Haus von Elisabeth und Zacharias: Gleich eingangs hatte es bei Lukas geheißen: Als Elisabeth den Gruß Mariens hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe und dann wurde Elisabeth vom Heiligen Geist erfüllt und sie sagt, was wir vorher schon herausstellten: Gesegnet bist du mehr als alle Frauen. Und ganz am Ende der heutigen Evangeliumsszene sagt Elisabeth: Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.

Und damit sind wie bei der Frage an uns: Glauben wir, was der Herr uns sagen will? Vielleicht kommen auch zu uns Engel, die uns Botschaften vom Herrn bringen. Aber wir erkennen die Engel nicht als Engel, wir hören nicht richtig hin auf ihr Botschaften, und wenn wir hingehört haben, vergessen wir vielleicht die Botschaft. Und wenn wir sie nicht vergessen, dann nehmen wir sie vielleicht nicht wirklich ernst. Nehmen wir die Botschaften der Engel ernst, die wir vielleicht in den letzten Wochen und Monaten erhalten haben.

Und denken wir nicht, Botschaften von Gott seien immer sympathisch. Ich werde jetzt mal herausstellen, wie man die Botschaft des Engels an Maria auch darstellen kann: Maria wird also auf geheimnisvolle Weise schwanger. Eine Schreckensbotschaft: sie ist ja nicht verheiratet. Was sagt der Verlobte, was sagen ihre Eltern, was sagt das ganze Dorf, was sagt das Gesetz, was sagen die Priester. Eine nicht verheiratete Schwangere. Ich bin nicht ganz sicher, aber ich schließe nicht aus, dass das Gesetz sagt: sie muss gesteinigt werden. Jesus hatte die so genannte Ehebrecherin vor der Steinigung bewahrt. Ich vermute, eine noch nicht verheiratete Schwangere wäre ebenso zu steinigen. Also ist die Engelsbotschaft eine „frohe Botschaft“? Wir schauen etwas voraus: Der greise Simeon im Tempel wird ihr sagen „Er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dir, Maria, wird ein Schwert durch die Seele dringen.“ Also muss man sagen: Die Botschaft des Engels war wenigstens eine zwiespältige Frohbotschaft. Jedenfalls war sie eine Botschaft, die sehr viel Glauben brauchte, Glauben, dass Gott alles in der Hand hält, dass das, was er tut gut ist, auch wenn es auf den ersten Blick schwer, ja unerträglich ist. Halten wir uns vor Augen, dass das Leiden Marien nicht erst unter dem Kreuz begann, sondern eigentlich in dem Augenblick, als der Engel verschwand. Sie musste als unverheiratete Schwangere leben und später einen Sohn erziehen und haben, der aus der Reihe tanzte, der nicht so war wie alle anderen, der negativ auffiel, der für verrückt gehalten wurde, der Ansprüche erhob, die inakzeptabel scheinen mussten, der heftige Auseinandersetzungen und Diskussionen mit den Autoritäten in Jerusalem provozierte, der dann am Schandpfahl aufgehängt wurde. Marienleben war alles andere als rosig. Es war ein Kreuzweg von Anfang bis zum Ende. Diese Maria sehen wir bei Elisabeth. Sie ahnt nur, was Schweres auf sie zukommt. Aber sie sagt im Glauben Ja – zum Willen Gottes. Als später eine überschwängliche Frau Jesus zuruft: Selig der Leib, der dich getragen, selig die Brust, die dich genährt hat, kommentiert Jesus: Selig wer das Wort Gottes hört und es befolgt. Jesus lehnt Personenkult radikal ab. Vermutlich ebenso Maria. Es geht um das Glauben und Tun. Das ist Marienfrömmigkeit.

Wer weiß, ob Maria die Verse vom Propheten Micha im Kopf hatte, die wir an diesem vierten Adventsonntag als Lesung hören: „Du Bethlehem, aus dir wird hervorgehen, der über Israel herrschen soll.  Sein Ursprung liegt in ferner Vorzeit. Der Herr gibt Israel preis, bis die Gebärdende einen Sohn geboren hat. Dann wird der Rest seiner Brüder heimkehren zu den Söhnen Israels.“

Wenn Maria diese Verse im Kopf hatte, mag sie sich gefragt haben, ob wirklich sie diese Gebärende ist, ob sie den gebären soll, der über Israel herrschen soll. Das was der Engel ihr über ihren Sohn sagte, brauchte ja doch eine Interpretation. Erinnern wir uns an die Worte des Engels an Maria: „Dein Sohn wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft wird kein Ende haben.“ Und der Engel fügt an: „Dein Kind wird Sohn Gottes genannt werden.“

Wir müssen davon ausgehen, dass Maria vieles nicht verstand, aber glauben musste und glaubte.

Vielleicht nahezu hundert Jahre nach der Engelsbotschaft an Maria, interpretiert dann der Verfasser des Hebräerbriefes, der nicht Paulus war. Er schreibt in dem Absatz, den die katholische Kirche an diesem vierten Adventsonntag lesen lässt: „Christus spricht bei seinem Eintritt in die Welt: `Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen, an Brand- und Sündopfer hast du kein Gefallen. Darum sagte ich: Ich komme, um Deinen Willen – Gott – zu tun.

Wichtig scheint dem Verfasser des Hebräerbriefes offenbar: Der Sohn Gottes hat einen Leib, den er geben kann. Nicht Tiere werden geopfert. Nicht Symbole für den Menschen, sondern der Mensch selbst opfert sich und zwar indem er den Willen Gottes annimmt und tut. Das wahre Opfer ist der Gehorsam, das Tun, das schweigende Tun –ohne viel zu fragen. Jesus sagt später „Nicht wer `Herr, Herr` sagt, ist mir Bruder, Schwester und Mutter, sondern wer den Willen Gottes sucht und tut.

Hier ist Maria Vorbild. Und nun können wir auch noch einen Blick auf Josef werfen. Dreimal erfährt Josef – nach dem Evangelium - den Willen Gottes im Traum. Offenbar ist er mit Fragen und Problemen eingeschlafen. Die Fragen sind sehr einfach: Wie soll ich mit meiner schwangeren Geliebten umgehen, wie soll ich sie behandeln? Soll ich sie verachten so wie das ganze Dorf Nazareth, wie die Priester und Schriftgelehrten. Josef hat gelitten, weil nicht wusste, wie sich verhalten. Er wollte anständig sein, gehorsam, aber wusste nicht, was das in der konkreten Lage bedeutet. Später schlief Josef vielleicht ein mit der Angst: Was tun mit Maria und dem Jesuskind angesichts der Gefahr, dass Herodes wirklich einen Verdacht schöpft wegen diesen seltsamen Besuchen aus dem Orient, was tun, wenn Herodes jetzt diesen Neugeborenen suchen lässt. Im Traum erfährt er: nimm das Kind und seine Mutter und geh nach Ägypten. Josefsleben ist nicht idyllisch. Heiligenleben ist nicht idyllisch. Aber auch wenn man überhaupt nicht weiß, wie man den nächsten Tag leben soll. Der Glaube hilft: Gott wird  sorgen. Sorgen wir uns nicht.

Amen


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Eberhard von Gemmingen
Weihnachten 2009
Liebe Hörerinnen und Hörer,
wenn Sie diese Weihnachtsbetrachtung hören sollten, dann gehören Sie sicher zu den ganz treuen Radio-Vatikan-Hörern. Wer schaltet schon am Heiligen Abend um 20.20 Uhr oder am Weihnachtsmorgen um 6.20 Uhr Radio Vatikan ein, wenn er nicht jahrelang dabei war und ist. Daher möchte ich Sie von dieser Stelle aus ganz besonders herzlich grüßen. Wir sind im Heiligen Geist sehr gut verbunden. Hoffentlich haben Sie auch einen einigermaßen guten Empfang, damit Sie mich jetzt gut verstehen können.

Ich blicke zurück. Dies ist jetzt die 27. Betrachtung an Weihnachten, die ich gestalte. Durch 27 Jahre durfte ich diesen Dienst tun und eben auch etwas zu Weihnachten sagen, was besonders diejenigen Menschen erreicht, die vielleicht alleine zuhause Weihnachten feiern. Die vielleicht auch etwas traurig sind, weil sie eben niemanden in ihrer unmittelbaren Umgebung haben. Oder die vielleicht krank und ans Bett gefesselt sind. Ich möchte Ihnen allen in dieser Stunde nahe sein.

Ich denke jetzt auch an unzählige Hörerinnen und Hörer, die inzwischen gestorben sind. Es sind sicher Tausende, die zur Radio-Vatikan-Familie gehörten, ihr treu verbunden waren, und die jetzt vom Himmel aus bei uns sind. Sie haben sicher besseren Empfang als diejenigen, die uns über Kurz- oder Mittelwelle empfangen. Ich grüße also auch alle ehemaligen Hörerinnen und Hörer, die uns aus dem Jenseits verfolgen, aus dem Reich des Vaters.

Als der damalige Kardinal Ratzinger die Predigt bei der Beerdigung von Papst Johannes Paul II. hielt, sprach er ja auch davon, dass der Verstorbene jetzt vom Himmel aus zu uns herunterschaut. Wenn schon ein großer Theologe bei einer so wichtigen Veranstaltung so kindlich sprechen darf, dann darf ich es erst recht. So glaube ich fest daran, dass vielleicht Zehntausende von ehemaligen Radio-Vatikan-Freunden jetzt mit uns verbunden sind. Ich denke dabei: nicht nur mit dem Sender und seinen Verantwortlichen, sondern auch mit all den Hörerinnen und Hörern, die noch auf Erden auf die irdischen Wellen angewiesen sind.

Kurz: wir sind diesseits und jenseits der großen Scheidelinie eine große Radio-Vatikan-Familie. Wir sollten fest im Gebet verbunden sein.

Nun möchte ich Ihnen ein großes Anliegen ans Herz legen: Mein Nachfolger Pater Bernd Hagenkord hat bereits die Verantwortung für die deutschsprachige Redaktion von Radio Vatikan übernommen. ER ist ein Jesuit von rund 40 Jahren. Er war etliche Jahre lang in Hamburg Jugendseelsorger, hatte vorher schon journalistische Erfahrung. Er beginnt mit neuem Schwung. Und gottlob findet er eine sehr gute Redaktion vor. Sie kennen ja die Stimmen von Gudrun Sailer und Stefan Kempis, von Birgit Pottler, Antje Dechert und Mario Galgano. Vor allem kennen sie die vertraute Stimme von Aldo Parmeggiani, Bitte nehmen Sie die neue Stimme von Bernd Hagenkord mit Freude und Vertrauen auf. Bitte schenken Sie ihm das gleiche Vertrauen, das Sie mir geschenkt haben. Bitte bleiben sie vor allem auch dem Verein der Freunde von Radio Vatikan treu. Bleiben Sie Herrn Isermann und den anderen Verantwortlichen des Vereins treu, die seit über zwanzig Jahren die Wünsche der Hörerinnen und Hörer erfüllen und den Freundeskreis betreuen.

Und vor allem: wenn Sie Radio Vatikan gut und wichtig finden, dann sagen Sie es weiter. Wenn sie etwas schlecht finden, dann sagen sie es uns – also der Redaktion in Rom. Nach wie vor ist die Werbung für Radio Vatikan sehr wichtig, denn die Kirche braucht Zusammenhalt. Ein Kommunikationsmittel schafft Zusammenhalt. Wer über Papst und Vatikan falsch oder nur sehr oberflächlich informiert ist, denkt unrichtig. Wer korrekt und sauber informiert ist, weiß bescheid, kann mitreden, kann Verantwortung übernehmen. Halbwissen ist gefährlich. Volles Wissen macht kompetent.

Gottlob gibt es ja das Internet. Über Internet kann man Radio Vatikan am besten hören. Man kann alle aktuellen Texte nachlesen. Man kann im Archiv stöbern, man kann nachlesen, sich profund informieren.

Und: bestellen Sie unseren Newsletter. Er kommt auf Bestellung täglich kostenlos zu Ihnen ins Haus.

Und nach dieser Werbung für Radio Vatikan soll es wieder etwas weihnachtlicher werden.

Ich lade Sie ein, jetzt an Weihnachten mit Geist und Herz nach Bethlehem zu kommen. Steigen wir dort in der uralten Geburtsbasilika hinunter in die Krypta, knien wir uns dort nieder, wo ein Stern im Boden auf die Menschwerdung Gottes hinweist. Knien wir uns dort schweigend nieder und bleiben lange und ruhig schweigend dort, um den Mensch gewordenen Gottessohn in Geist und Herz anzubeten.

(Lied: ich steh an Deiner Krippe hier)

Ich darf Ihnen sagen, dass ich im ablaufenden Jahr dort in der Krypta etwa eine Stunde am Boden saß. Die Papstreise nach Israel hat auch mich dorthin gebracht. Und ich hatte die Gnade, in Bethlehem still beim Herrn ausruhen zu dürfen.

Ich schlage Ihnen vor: bringen Sie nun im Geiste dorthin an die Krippe Jesu Menschen, die es besonders nötig haben. Tragen Sie sie im Herzen an die Krippe. Ich denke an Menschen, die im letzten Jahr etwas sehr Liebes verloren haben, einen anderen Menschen, die Heimat oder gar das Vertrauen. Tragen wir betend die Trauernden an die Krippe. Tragen wir die Menschen an die Krippe, die verlassen worden sind, die schwer an einer Enttäuschung leiden. Tragen wir dorthin die Kinder, die die Welt, ihre Familie, ihre Eltern nicht verstehen können. Tragen wir dorthin die Menschen, die von einer schweren Krankheit geschlagen wurden, die bangen und ringen. Tragen wir an die Krippe auch die Menschen, die einfach Hunger haben, die schwer krank sind und auf der Straße liegen, tragen wir dorthin die Menschen auf der Flucht, die wegen Hunger oder Verfolgung oder einfach Not in großer Lebensgefahr über Meere fahren oder bei Nacht und Nebel über Grenzen gehen müssen. Tragen wir an die Krippe die Menschen, die in ihrer Arbeit ausgebeutet werden, die dabei geschunden, zu Tode geschunden werden, die wir Sklaven behandelt werden und bis zum Umfallen arbeiten müssen.

Und tragen wir an die Krippe im Geist auch diejenigen Menschen, die andere ausbeuten, unterdrücken, beherrschen. Tragen wir an die Krippe auch die Machthaber, die Politiker, die Wirtschaftskapitäne, die Medienmacher, alle, die Macht ausüben, von denen viele andere abhängen. Tragen wir auch diese zu Jesus, die vor der Welt als Große gelten, damit sie vor Jesus klein werden können, damit sie herunter steigen von hohen Thronen, von Machtpositionen. Bringen wir alle Menschen in die heilende Nähe Jesu in der Krippe.

Lied

Und lassen wir uns selbst von Jesus heilen. Zeigen wir ihm unser Wunden, unsere Verletzungen, unsere Geschwüre, zeigen wir ihm unsere Frustrationen, unsere Enttäuschungen, unsere zerschlagenen Hoffnungen. Zeigen wir ihm das Elend, dass wir uns vielleicht jahrelang um etwas Gutes und Richtiges bemüht haben, aber es nicht erreichten. Zeigen wir ihm unsere Enttäuschungen über uns selbst, dass wir mit uns selbst nicht zufrieden sind und daher im Tiefen unglücklich. Lassen wir uns von ihm heilen, in Ordnung bringen, aufrichten.

Und wenn es uns im Grunde genommen ganz gut geht, dann danken wir ihm von Herzen. Lassen wir den Dank zu Ihm hinströmen. Danken wir gründlich, ausführlich, mit Worten und Zeichen. Zeigen wir, dass der Dank groß und stark und ausdauernd ist.

Und dann erinnern wir uns daran, dass jetzt viele Gleichgesinnte mit uns an der Krippe stehen, auch wenn wir sie nicht sehen. Denken wir daran, dass es viele Menschen gibt, die ebenso denken und fühlen wie wir. Stellen wir uns vor, in einer riesigen Gemeinschaft zu stehen. Vertrauen wir darauf, dass die Menschen, die ebenso denken wie wir, viele sind, sehr viele. Dass diese Menschen meist keinen Lärm machen, dass sie meist keine Macht haben, dass sie meist unscheinbar und bescheiden sind. Aber dass es viele, sehr viele sind. Und dann schauen wir mal, wo diese Vielen vermutlich hergekommen sind: aus unserer unmittelbaren Umgebung, aus dem nächsten Dorf, aus der nächsten Straße, aus dem gleichen Wohnblock. Vielleicht sind ja ganz in unserer Nähe liebe Menschen, die ebenso denken wie wir und die jetzt mit uns an der Krippe stehen. Und dann denke ich, dass mit uns im Geist an der Krippe stehen viele Christen aus dem Heiligen Land, viele Christen aus Ostjerusalem, aus der Westbank, vielleicht auch aus dem Gazastreifen. Und dann finden wir da auch Christen aus dem Irak, aus dem Libanon, aus Ägypten, ja sogar aus dem Iran, aus Pakistan und aus Indien. Und wir finden viele Christen aus Vietnam, aus Korea, aus China. Und da sind ja Massen von Christen aus Afrika. Sie kommen vor allem aus Nigeria, aus dem Kongo, aus Ruanda und Burundi, aber dann sehen wir auch Christen aus Simbabwe, aus Südafrika, aus Mozambique und aus Madagaskar. Die Afrikaner an der Krippe Jesu scheinen fast die Mehrheit zu sein. Aber dann tönt es da auch spanisch. Und wir sehen, dass Christen aus dem fernen Peru gekommen sind, aus Venezuela, aus Mexiko, aus San Salvaddor und sehr viele aus Brasilien und natürlich auch aus den USA und natürlich de Christen aus Europa. Sie sind aber gar nicht mehr die große Mehrheit. An der Krippe Jesu stehen tatsächlich unzählig mehr Asiaten, Afrikaner und Amerikaner. Es ist ein großer Chor, sie sind geeint durch ihren Glauben an den Gottessohn in der Krippe und durch ihre Hoffnung, dass er das Heil der heutigen Welt bringt, dass er die Welt mit ihren Ungerechtigkeiten und Kriegen in Ordnung bringt.

Lied  Es ist ein Ros entsprungen

Und dann schauen wir nochmal genauer hin, was wir da so alles sehen im Stall von Bethlehem: Da ist außer dem Jesuskind also Maria, die Gottesmutter. Sie flößt uns Vertrauen ein. Die einfache Frau versteht vermutlich ebenso wenig wie wir, was hier eigentlich vor sich geht. Aber sie sagt schlicht zum Angebot Gottes Ja – obwohl sie die Botschaft des Engels in riesige Verlegenheit brachte. Ein Kind – ohne verheiratet zu sein, ein Kind, das sie ihren Eltern, ihrer Familie, und vor allem Josef erst einmal erklären musste. Die meisten schauten sie doch etwas misstrauisch an, als sie merkten, dass sie schwanger war – vor der Hochzeit. Es war schwer für Maria. Manche tuschelten sogar, dass man sie eigentlich steinigen müsste. Und dann sagte ja der greise Simeon, dass ein Schwert ihr Herz durchdringen werde. Sie ahnte, dass ihr Sohn einmal nicht in die Schemata von Nazareth passen würde, dass man ihn schief anschauen würde ebenso wie man sie schief angeschaut hatte. Sie ahnte, dass er irgendwie groß sein würde, was aber den theologisch und politisch Großen nicht gefallen würde. Sie ahnte, dass man ihn lieber beseitigen würde, weil er so anders sein würde als man sich das so vorstellte. Maria hatte schlimme Vorahnungen, aber sie sagte einfach Ja zu Jahwes Plan, auch wenn sie ihn überhaupt nicht verstehen konnte. All dies geht uns durch den Kopf, wenn wir so auf Maria schauen. Maria ist ein gutes Vorbild, sie ist schlicht, einfach, menschlich nahe und sie schenkt uns Kraft. Bei ihr ist gut sein.

Und dann sehen wir Josef beim Jesuskind. Mit ihm tun wir uns nicht so leicht wie mit Maria, Er scheint ein wenig schwach. Wir wollen ihm nicht unrecht tun, aber es fällt uns nicht leicht, ihn zu verstehen.

Und die Hirten. Sie scheinen wie elektrisiert durch eine kaum verstehbare Botschaft. Aber sie sind angezogen von dem Kind, voll Achtung und Rücksichtnahme.

Und dann kommen da diese orientalischen Gelehrten. Sie kommen von sehr weit her. Das sieht man an ihrer Kleidung. Sie sprechen eine Sprache, die wir nicht verstehen. Sie sind schweigsam, wie wenn sie ein Geheimnis hüteten. Und sie haben da irgendwelche Geschenke, die wir nicht so recht einordnen können.

Die ganze Atmosphäre hier an der Krippe Jesu ist still, schweigsam. Aber irgendwie ist sie erhebend. Vom dem Kind geht eine Strahlung aus, die nicht leicht zu verstehen ist. Wir stehen oder sitzen oder knien, schweigend und lassen die geheimnisvolle Botschaft dieses Kindes in uns eindringen.

Lied.

Und nun wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest. Seien wir im Gebet verbunden. Verbinden wir uns auch mit allen Christen rund um den Globus und beten den Mensch gewordenen Gottessohn in der Krippe an.

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Heilige Familie 2009

Eberhard v. Gemmingen SJ
Predigt zum Sonntag der heiligen Familie, 26.12.2009

Sir 3,2-6; 12-14; oder 1 Sam 1,20-22, 24-28; Kol 3,12-21 oder 1 Joh.3,1-2 21-24; Lukas 2, 41-52;

Liebe Hörerinnen und Hörer,

Man könnte fast meinen, das Evangelium vom ungehorsamen Jesuskind sei speziell für unsere Zeit geschrieben. Nicht etwa, weil die Jugend heute ungehorsamer ist als früher, sondern weil heute allgemein Konflikt zwischen den Generationen mehr verbreitet sind als früher. Wenigstens kann man diesen Eindruck haben.

Wir müssen uns aber mit der Frage genauer beschäftigen. Und es ist erlaubt, sich bei diesem Evangelium verwundert die Augen zu reiben: Warum haben die Eltern nicht gemerkt, dass ihr 12-jähriger Sohn zurückgeblieben ist? Warum sind sie drei Tage lang Richtung Galiläa marschiert, bevor sie anfingen nach Jesus zu fragen? War er vielleicht vorher schon so emanzipiert, dass die Eltern sich keine Sorgen machten? Und warum hat Jesus – wie es sich für gehorsame Kinder gehört – nicht den Eltern wenigstens irgendwie mitteilen lassen, dass er noch etwas im Tempel bleiben muss? Er konnte sich doch ausrechnen, dass die Eltern sich sorgen müssten. Hat er vielleicht erst durch diesen Ungehorsam und den Schrecken der Eltern gehorsam gelernt, denn danach sei er ja dann ganz gehorsam gewesen? So wird ausdrücklich im Evangelium gesagt.

So verständlich alle diese Fragen für uns sind, vermutlich sind es alles Fragen, die man so eigentlich nicht an das Evangelium stellen darf. Zu anderen Zeiten hat man anders gedacht als wir heute denken. Und es wird auch in Zukunft so sein. Vielleicht will das Evangelium hier überhaupt nichts sagen, was mit diesen unseren Fragen zusammenhängt. Man überhört und überliest allzu leicht Sätze, die vielleicht viel wichtiger sind als die Themen zu denen wir Fragen stellen. Ein zentraler Satz heißt wohl: „Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.“

Bevor wir versuchen, eine hintergründige Botschaft dieses Evangeliums zu suchen, müssen wir doch kurz noch etwas zu unseren Fragen einfügen:

Wir verstehen unter dem Wort „Familie“ gewöhnlich eine Gruppe von drei bis fünf Personen, also Vater, Mutter und durchschnittlich ein bis drei Kinder. Familie aber bedeutete Jahrhunderte lang eine ziemlich große Gruppe: Großeltern, Eltern, vielleicht dazu deren verheiratete oder  unverheiratete Geschwister, Kinder, deren Vettern und Cousinen und möglicherweise Knechte und Mägde. Das alles war eine Familie. So ist nicht auszuschließen, dass Maria und Josef vermuteten, dass ihr Sohn mit anderen Familienmitgliedern von Jerusalem aufgebrochen war. Also man darf in diese Richtung denken. Aber vielleicht ist das dem Evangelisten auch völlig unwichtig.

Vielleicht will der Evangelist Folgendes sagen: Die Welt Gottes ist eine andere Welt als die Welt der Menschen. Wir dürfen nicht meinen, dass unsere Welt, unsere Regeln, unsere Gesetze einfach so auch bei Gott gelten. Gott ist kein Wesen wie alle Wesen, die wir sehen, hören, erkennen. Gott ist ganz anders. Daher sind dann auch die Regeln, die bei ihm gelten, völlig anders. Vielleicht will also der Evangelist vor allem sagen: Beim Zurückbleiben Jesu im Tempel zeigt sich erstmals, dass Jesus etwas völlig Anderes ist als alle anderen Menschen, er ist unvergleichlich. Er ist zwar ganz Mensch geworden. Er wurde einer von uns, ja sogar einer der Untersten von uns, er wurde wie ein Sklave, ein Sklave, den man auspeitschen, aufhängen, zu Tode foltern konnte. Aber er war gleichzeitig völlig anders. Denn in aller Klarheit relativierte er das Gesetz des Moses, stellte sich an die Seite, ja sogar in gewisser Weise über den großen Gesetzgeber des auserwählten Volkes. Er sprach nicht wie die Schriftgelehrten, sondern mit Autorität, wie sogar seine Gegner registrieren mussten, er ließ Sünden nach, er tat, was man damals nur Gott zusprach.

Will der Evangelist Lukas vielleicht mit dieser seltsamen Geschichte vom Zurückbleiben Jesu im Tempel und seinem Lehren vor den Weisen Jerusalems nur sagen: Gottes Uhren gehen anders als der Menschen Uhren, Gottes Regeln sind anders als die Menschenregeln, Jesus steht nicht nur unter dem Gesetz der Menschen, sondern auch und viel mehr unter dem Gesetz Gottes? Will der Evangelist vielleicht nur sagen: Wenn ihr meint, Jesus zu verstehen, dann täuscht ihr euch gewiss. Jesus ist nicht zu verstehen so wenig wie Gott zu verstehen ist. Man kann weder Jesus noch dem himmlischen Vater in die Karten schauen. Wer meint, ihm in die Karten schauen zu können, der ist naiv. Wer meint, die Wege Gottes erkennen, voraussehen zu können, der täuscht sich gewaltig. Gott kann man nur vertrauen. Ja, man soll und darf ihm vertrauen. Zum Verstehen gehört mehr dazu.

Kurz gesagt also die Glaubensbotschaft dieses Evangeliums: Gottes Tun ist geheimnisvoll. Wir stehen vor ihm und können, müssen es einfach annehmen. Wir sollen tun, was Maria tat: Sie bewahrte das alles in ihrem Herzen.

Nach diesen Überlegungen zum Tagesevangelium müssen wir uns aber noch dem Fest der heiligen Familie zuwenden, das die Kirche am Sonntag nach Weihnachten feiert. Dieses Fest ist eine ziemlich moderne Einrichtung, nicht so wie sehr viele katholische Dinge, die auf uralte Zeiten zurückgehen. Die besondere Verehrung der "Heiligen Familie" beginnt erst in der Neuzeit. Im 17. Jahrhundert ist sie vereinzelt nachzuweisen. Sie nimmt ihren Aufschwung erst im 19. Jahrhundert. 1844 wurde die "Bruderschaft von der Heiligen Familie" in Lüttich gegründet. Papst Leo XIII. hat die Verehrung der Heiligen Familie besonders gefördert. Regional und in Ordensgemeinschaften gab es seit Ende des 19. Jh. ein liturgisches "Fest der Heiligen Familie".  Erst 1920 hat Papst Benedikt XV. das Fest auf den Sonntag nach Weihnachten fest gelegt.

Es ist leicht zu sehen, dass die Verehrung der heiligen Familie zusammenhängt mit dem Zerfall der traditionellen Familie. Als die Familie durch den Zerfall des Bauernstandes und die Industrialisierung gefährdet wurde, hat sich die Kirche besonders bemüht, die Familien zu retten und daher auch die heilige Familie zu verehren.  Daher sind auch Kirchen, die der heiligen Familie geweiht sind, eher modern. In Barcelona die berühmte Kirche Sagrada Família des Architekten Antoni Gaudí, in München-Harlaching die Pfarrkirche, eine Pfarrkirche in der Nähe von Bremen und die Pfarrkirche Heilige Familie am Prenzlauer Berg in Berlin.

Leider müssen wir sagen: heute müsste man jeden Monat ein Fest der heiligen Familie feiern, um die Familie zu retten. Oder vielleicht doch nicht?

Auf dem Feld der Familie tummeln sich viele problematische Fragen, die auch nicht ganz leicht gelöst werden können. Wir müssen sie aufzählen:

Erstens: junge Menschen sind nüchtern, verlieben sich nicht mehr so leicht und wagen daher auch nicht die endgültige Bindung. Sie trauen sich nicht, sich zu binden, sie trauen dem Leben nicht, sie leben nach dem Prinzip: trail and error. Sie erleben wenig Vorbilder und geglückte Ehen.

Zweitens: Männer und Frauen brauchen eine gute Ausbildung. Und wenn sie diese dann haben, wollen sie sie auch ausüben und können keine Kinder haben.

Drittens: Kinder engen offenbar den Spielraum der Lebensgestaltung ein. Man ist angebunden. Kinder kosten Zeit und Geld.

Viertens: man kann Kinder planen. Sie kommen nicht mehr so wie früher.

Fünftens: der Staat bevorzugt finanziell Kinderlose, weil sie viel Steuern zahlen.

Und doch: vermutlich sagen auch heute Psychologen und Soziologen: Erwachsene mit kleinen oder heranwachsenden Kindern und vor allem Großeltern mit Enkeln haben im Schnitt ein erfüllteres Leben. Wenn sie zurückschauen, müssen sie meistens sagen: mein Leben hat einen Sinn gehabt. Sicher gibt es auch Kinder, die mehr Sorgen machen als das Gefühl der Zufriedenheit schenken. Aber ob das die Mehrheit ist?

Jedenfalls handelt sich die Gesellschaft viele Probleme ein, wenn sie keine stabilen Ehen, keine stabilen Familien, keine Kinder hat und das Kinderhaben erschwert.

Wir Christen sollten Gott bitten um die Gnade, den Segen einer stabilen Ehe wieder zu entdecken, den Segen einer einigermaßen harmonischen Familie, den Segen von Kindern. Nichts ist für den Christen selbstverständlich. Alles ist Gnade, auch eine gute, harmonische Ehe, eine gute Familie und Kinder. Alles ist Gnade. Wir haben sehr viel Grund zu danken und zu bitten. Auch hier gilt: Wer sucht, der findet, wer bittet, dem wird gegeben. Gott hört die inständige Bitte des Flehenden – gerade auch für die Familie und die Familien.

Amen

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Ansprache "Alfred Delp" herunterladen

Ansprache Pater Alfred Delp
in die Feder geschrieben und in den Mund gelegt von
P. Eberhard v. Gemmingen, Samstag 6.10. 2007, Heilbronn

Verehrte, liebe Schwestern und Brüder,

Vor 62 Jahren, als viele von Ihnen kleine Kinder waren, bin ich in Berlin von den Nationalsozialisten hingerichtet worden, weil ich mich darum bemüht hatte, ein humanes Nachkriegsdeutschland aufzubauen. Sie sind im Nachkriegsdeutschland groß geworden und leben ein bisschen von den Früchten meiner Bemühungen. Von meinem himmlischen Beobachtungsposten aus, kann ich gesellschaftliche Situation in  meinem geliebten Vaterland ganz gut beobachten. Und daher erlaube ich mir, Ihnen ein paar Vorschläge zu unterbreiten.

Drei Dinge liegen mir besonders am Herzen. Sie verbergen sich in einem Wort, das ich mit gefesselten Händen im Kerker geschrieben habe: „Brot ist wichtig, Freiheit ist wichtiger, am wichtigsten aber ist die ungebrochene Treue und die nicht verratene Anbetung.“ (Haub 86)

Die drei Stichworte lauten: Brot, Freiheit und Anbetung.

Beginnen wir bei der Anbetung: Sie wissen so gut wie ich, dass Kirche und Glauben heute in Deutschland nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Es gibt zwar eine gewisse Suche nach Religion, aber die geht an der Kirche ziemlich vorbei. Andererseits muss ich aus tiefster Überzeugung sagen: Europa ist   d e r Kulturkontinent dieses Globus nur durch das Christentum geworden. Hinter der ungeheuren zivilisatorischen Geschichte stehen die zehn Gebote und die Bergpredigt. Die Kirchen haben zwar Jahrhunderte gebraucht, bis sie zur Gleichberechtigung von Mann und Frau, zur Anerkennung der Menschenrechte, zur Ächtung der Sklaverei, zu Anerkennung der Menschenwürde, zu sozialer Gerechtigkeit gekommen sind. Dazu war auch die Aufklärung nötig, die die Kirche in ihre Schranken verwies. Aber Aufklärung konnte es nur geben, weil es vorher die Ausbreitung des Glaubens gab. Heute würden sich Milliarden von Asiaten, Afrikanern und Amerikanern glücklich preisen, wenn sie auf der zivilisatorischen Ebene Europas angelangt wären.

Da Sie ja da mitten drin leben, sind sie sich dessen vermutlich kaum bewusst. Also: die Wurzeln Europas sind zu einem guten Teil die Bibel und der biblische Glaube an Gott.

Wir stehen beim ersten Stichwort „Anbetung“. Nun aber spielen tatsächlich Gott und seine Anbetung heute in Europa kaum mehr eine Rolle. Religion ist zur Privatsache geworden. Die Kirchen dürfen als Kirchen politisch nicht agieren. Nicht-Christen und Nicht-Glaubende dürfen nicht benachteiligt werden.

Ich vermute, dass Sie, die Sie mir hier lauschen, darüber betroffen sind, dass Gott kaum mehr eine Rolle spielt. Was ist zu tun? Haben Sie darüber nachgedacht?

Ich komme auf mein Wort von der nicht „verratenden Anbetung“ zurück. Was verstehe ich unter Anbetung und wie kann sie helfen?

Erinnern Sie sich bitte an meine Lage als ein Mann im Nazireich, der sich im Kreisauer Kreis mit Leuten traf, die ein besseres, ein humaneres Nach-Hitler-Deutschland suchten. Wir wussten, dass wir Tropfen in einem Meer von Übel, von Leid, von Machtkämpfen waren. Wir haben uns dennoch in die Schlacht geworfen. Unsere Situation war aussichtsloser als die Ihre. Eines meiner Stichworte dabei hieß eben „Anbetung“. Unter Anbetung verstehe ich ausdrückliche und bewusste Anerkennung der Hoheit Gottes. Der Glaube, dass Gott die Geschichte der Welt in der Hand hat, dass sie letztlich nicht von den Hitlers und Stalins, auch nicht von den Churchills, Roosevelts und De Gaules gelenkt wird. Und weil wir glaubten, dass letztlich Gott die Welt in der Hand hat, galt für uns auch das gebeugte Knie. Wir wussten, dass wir unsere Knie vor Gott beugen mussten, dass die Haltung des gebeugten Knies den Menschen nicht erniedrigt, sondern erhöht. Der Mensch kommt auf die ganze Höhe seiner Menschenwürde, wenn er vor Gott niederkniet und ihn anbetet – auch dann und gerade dann, wenn er ihn nicht versteht, wenn er am Galgen endet.

Schon zu meiner Zeit habe ich erkannt: die wahre Not des Menschen damals wie auch heute ist, dass der Mensch die Antenne für Gott verloren hat, dass er Gottes fast unfähig geworden ist, dass er nicht weiß, was er mit dem Wort „Gott“ eigentlich anfangen soll. Und dennoch – das ist mein Glaube: Gott gehört in die Definition des Menschen. Wenn der Mensch sich selbst ohne Gott verstehen will, dann wird er ein Krüppel. Der Mensch ohne Gott ist ein ein missratenes Lebewesen, das keinen Sinn und kein Ziel hat. Gott gehört in die Definition des Menschen. Das habe ich auch mit gefesselten Händen im Kerker geschrieben.

Wir haben es ja mit voller Wucht unter Hitler und dem Nationalsozialismus erlebt, was es bedeutet, wenn eine Gesellschaft ohne Gott und seine Ordnung gebaut werden soll. Es wird eine Welt der Konzentrationslager, der Gefängnisse, der Kasernen und Militärstiefel. Später mussten es noch die Menschen unter Stalin und Honegger durchleiden. Das wurde immer mit hehren Zielen begründet: Soziale Gerechtigkeit, Ende der kapitalistischen Ausbeutung, Sieg der besseren Rasse. Aber wer Gott ausschließt, schließt den Menschen aus. Wer den Menschen ohne Gott verstehen will, versteht entweder ein Konsumtier oder eine Marionette.

Und wenn ich Eure religiöse Situation richtig einschätze, so muss ich sagen: Da vielen Menschen in Europa heute die Antenne für Gott fehlt, fehlt ihnen natürlich auch die Anbetung. Auch viele heutige Getaufte haben offenbar nie gelernt, Gott anzubeten, viele Priester haben es offenbar auch nie gelehrt. Anbetung ist die Grundhaltung des Menschen vor Gott. Viele von Euch sitzen vielleicht vor ihm und meditieren, viele diskutieren über ihn, hören sogar manches seiner Worte und versuchen sogar zu verstehen. Aber knien sie auch, um ihn und seinen heiligen Willen anzubeten?

Gottlob setzen Christen heute auch moderne Medien zur Verbreitung des Glaubens ein und engagieren sich für eine bessere Gesellschaftsordnung. Das ist gut so. Aber ich fürchte: wenn die Anbetung fehlt, fehlt die Seele des Engagements.

Und ich greife noch mal zurück: jede hohe Kultur basiert auf der Anerkennung einer transzendent begründeten Sozialordnung. Das gilt für die Kulturen Chinas, Japans, Indiens, des arabischen Raumes, aber auch für die Kulturen Afrikas und Amerikas. Letzter Grund für eine hohe Kultur ist die Anerkennung einer göttlichen Ordnung. Europa wird zu seiner Höhe höchstens dann zurückfinden, wenn es wieder lernt, vor dem Vater Jesu Christi seine Knie zu beugen. Das heißt für die Christen: Sie müssen dafür kämpfen, dass religiöse Überzeugungen von Nichtglaubenden nicht lächerlich gemacht werden. Christen sollen zwar tolerant sein, sie müssen sich aber auch engagieren, reine Toleranz reicht nicht. Sie müssen sich aktiv wehren gegen die Zerstörung christlicher Werte. Und auch Nicht-Christen sind zur Toleranz verpflichtet. Für solche Grundeinstellungen habe ich gelebt, gekämpft und bin ich gestorben. Ihr ehrt mein Erbe nur dann, wenn ihr für die Werte kämpft und notfalls sterbt, für die ich gelebt habe und gestorben bin.

All dies stelle ich unter das Stichwort „Anbetung“, das ich mit gefesselten Händen im Kerker immer wieder niedergeschrieben habe.

Mein zweites Stichwort heißt „Freiheit“. Wohlgemerkt: es steht zwischen dem Brot, ohne das der Mensch auch nicht leben kann, und der Anbetung.

Unter Freiheit wird heute von den meisten Menschen verstanden, dass sie tun und lassen können, was sie tun und lassen möchten. Sie verlangen, dass niemand sie daran hindert, ihren Wünschen nachzugehen. Das ist wohl heute die geläufige Vorstellung von Freiheit. Meine ist das nicht. Ich habe – ebenso wie Eure Eltern – Unfreiheit erlebt: Wir durften nicht sagen, was wir dachten, wir durften möglichst nicht denken, was verboten war, wir durften uns nicht zusammenschließen, uns versammeln. Wir konnten keine Zeitungen kaufen, in denen wir unsere Ansichten fanden, wir durften sie nicht schreiben oder am Radio sagen. Wir wussten, was Unfreiheit ist und sehnten uns nach Freiheit. Wir sehnten uns danach, mitarbeiten zu dürfen an einer humanen Gesellschaft, wir sehnten uns danach, konstruktive Gedanken aussprechen zu dürfen, unsere Kinder nach unseren Vorstellungen erziehen zu können, eine Presse gestalten zu können, die einer humanen Gesellschaft entsprach. Das verstanden wir unter Freiheit. Die Möglichkeit, beizutragen für das Wohl der Gemeinschaft. Freiheit ist die Möglichkeit, das zu tun, was dem eigenen Gewissen entspricht, sich im Handeln nach seinem Gewissen zu richten.

Und wie hängt Freiheit mit Anbetung zusammen? Haben die einen Bezug zu einander. Ist Anbetung nicht das Gegenteil von Freiheit, nämlich Bindung? Mit gefesselten Händen habe ich geschrieben: „Die Geburtsstunde der menschlichen Freiheit ist die Stunde der Begegnung mit Gott“. (Haub 89) Das waren meine kurzen Worte damals. Ich habe es erfahren: als ich mich durch die Professgelübde zwei Monate vor meinem Tod ganz an den Orden und die Kirche band, wurde ich ganz frei. Gott machte mich frei. Meine Bindung an ihn machte mich frei.

Wir müssen im neuen Jahrtausend und in der nachkonziliaren Kirche neu lernen, dass uns die Bindung frei macht. Dass sie uns ungeheure Möglichkeiten eröffnet. Ein anderes Mal habe ich im Kerker geschrieben: „Nur der Anbetende, der Liebende, der nach Gottes Ordnung Lebende ist Mensch und ist frei und ist lebensfähig“. (Haub 87)

Wie steht es damit bei Euch? Ich beobachte ja aus meiner himmlischen Vorzugsposition. Ich meine: es war schon mal besser. Die allermeisten Bürgerinnen und Bürger arbeiten zwar hart und verhalten sich mitbürgerlich und solidarisch. Aber sind sie sich ihrer Verantwortung bewusst, das Gemeinwesen mit gestalten zu können und zu müssen? Nützen sie ihr Wahlrecht verantwortungsbewusst? Informieren sie sich politisch hinreichend, um verantwortungsvoll wählen zu können?

Ich möchte einen Gedanken vorlesen, den ich in meinem Buch „Der Mensch und die Geschichte“ geschrieben habe: „Das Böse ist so furchtbar in der Geschichte, nicht weil es geschichtsmächtiger ist, sondern weil das Gute so unfruchtbar ist, weil das Gute die Tradition als konservative Schläfrigkeit und Gewohnheit missversteht, weil das Gute die ethische Ordentlichkeit in biedermeierliche Bravheit und Sorglosigkeit verharmlost. Die Geschichte stellt die Bewährung des Menschen auf den weiten Blick, auf den hohen Mut, auf das große Wagnis und das blutvolle Opfer…“ (Haub 78)

Ich habe mich hier als Historiker und als Soziologe versucht und ich glaube, einiges Richtige erkannt zu haben. Und als glaubender Mensch, als Theologe habe ich dann noch zugefügt: „Christus und die Kirche gelten in einem Volk immer so viel, als die christlichen Menschen es wert sind, als sie Kraft ihrer christlichen Vitalität, ihres strahlenden werbenden Daseins ihre Umwelt meistern und mit herein ziehen in den göttlichen Strom, in dem sie selbst existieren. Das Erste, worum es zu gehen hat, ist der Glanz und die Ehre des Herrgotts, und wer echt für sie steht, dem wird alles andere dazu gegeben werden.“ (Haub 78)

Wenn Christus und die Kirche also im Jahr 2007 und im dritten Jahrtausend wenig gelten, so liegt das nach meiner Meinung eben zu einem Teil auch an den Christen des Jahres 2007 und des neuen Jahrtausends. Es ist schon eigenartig: als die Christen in den ersten drei Jahrhunderten noch am meisten verfolgt wurden, hatten sie die meiste Überzeugungskraft. Die römischen Kaiser mussten registrieren, dass die Kirche aus jeder Verfolgungswelle gestärkt hervor ging.

Wir stehen immer noch beim Stichwort Freiheit. Und ich frage: Was machen die heutigen Menschen aus ihrer Freiheit?  Mit ihrer Freiheit?

Und nun richte ich mich besonders an die Menschen, die täglich oder oft eine ausgewogene Zeitung lesen. Ich meine: Sie besonders müssten darunter leiden, dass so  viele Mitbürgerinnen und Mitbürger sich geistig fast nur von einem Blatt ernähren, das täglich für 50 Cent auf dem Markt ist. Diese Menschen können meist nichts dafür, dass sie so anspruchslos sind. Denn niemand hat sie angeleitet, anspruchsvoller zu sein. Aber es sind Arme, Bettelarme, so wie die Hungerleider in Afrika. Wer sich geistig nur so ernährt, ist Futter für Hitlers und Stalins. Das schmerzt mich. Dafür sind wir im Widerstand gegen Hitler nicht gestorben. Viele Ihrer Zeitgenossen klagen auch darüber, dass die heutige Gesellschaft so materialistisch ist. Sie spüren sehr richtig, dass das Geld, der materielle Wohlstand heute eine ungeheure Rolle spielen. Es ist wie eine Atmosphäre, der man gar nicht entkommen kann, die man auch kaum mehr wahrnimmt. Die Menschen werden durch die Werbung auf ihre unbewussten Wünsche und Triebe angesprochen. Man kann fast sagen: sie wissen nicht, was sie tun – wenn sie Dinge kaufen, die ihnen kurzfristig Freude oder wenigstens Vergnügen bringen, langfristig aber nur Ekel nähren. Die Menschen der Wirtschaft sagen: Wenn nicht gekauft wird, gehen Arbeitsplätze verloren. Entweder Vollbeschäftigung und Handel oder Arbeitslosigkeit. Ich denke: die Menschheit ist heute in vielen Bereichen so clever, dass man sich auch diesem Zwang nicht einfach beugen muss.

Wenn ich, Alfred Delp, der ich das zerbombte München und Berlin gesehen habe, heute auf eure Städte schaue und durch Eure Straßen gehe, dann frage ich mich einfach: sind das meine Landsleute, die diese dumme Reklame sehen, diese Zeitungen und Zeitschriften lesen. Diese Menschen sind ja vermutlich nicht schlecht, aber ihre Vorstellungen vom Leben scheinen so armselig, so schwach, so manipuliert, so völlig anders zu sein als unsere Vorstellungen. Viele dieser Menschen sind ja hervorragend ausgebildet, können vieles, wovon wir nicht einmal träumten, sie surfen, mailen, sms-en, fotografieren, fliegen herum, treiben Sportarten, die zu meiner Zeit unbekannt waren, sind vielfach auf fleißig, müssen hetzen, sind müde gestresst, gehetzt. Aber das, wofür sie leben? Wofür leben sie eigentlich? Was sind ihre Ideale, ihre Ziele, ihre Wünsche und Träume. Sind es nur eine Wohnung, ein Auto, Ferien, Reisen in ferne Länder? Treibt sie nichts darüber hinaus? Ideale, eine bessere, schönere Welt, Kinder, die lachen, eine Familie, auf die man als Großvater oder Großmutter mit ein wenig Stolz schauen kann? Was bewegt sie eigentlich? Sind sie nur von der Erfüllung des nächsten Wunsches beseelt?

Brauchen diese Menschen in den Städten Deutschlands vielleicht wieder Hunger, Not und Elend? So dass sie Träume und Ideale haben, die sie  n a c h   dem Hunger,  n a c h   der Not und dem Elend verwirklichen können?

Und das dritte Stichwort: Brot. Dieses Stichwort ist für mich Symbol für alles, was mit dem physischen Leben des Menschen zu tun hat. Es besagt: soziale Gerechtigkeit, staatliche Ordnung, Menschenrechte, Demokratie. Wenn wir Gott in Geist und Wahrheit anbeten, wenn diese Anbetung echt ist, dann sorgen wir uns auch um das tägliche Brot für unseren Nächsten, dann sorgen wir dafür, dass ihm Gerechtigkeit widerfährt, dass er die notwenige Hilfe für Seele und Leib erhält, dass er seine bürgerlichen Rechte wahrnehmen kann, dass er in einer gerechten und humanen Umwelt leben kann. Wir dürfen nicht anbeten, ohne für Gerechtigkeit gesorgt zu haben. Ich habe es damals mit gefesselten Händen so ausgedrückt: „Es wird kein Mensch an die Botschaft vom Heil und vom Heiland glauben, solange wir uns nicht blutig geschunden haben im Dienst am physisch, psychisch, sozial, wirtschaftlich, sittlich und sonst wie kranken Menschen. Der Mensch ist heute krank“. (Haub 84)

Wir müssen nicht nur helfen und organisieren. Wir müssen uns schinden, wir müssen uns blutig schinden. Es reichte mir damals nicht, gescheite Ideen zu haben, ich musste mich auch exponieren, Ich konnte es durch meine Predigten in Bogenhausen, durch die Gefährdung im Kreisauer Kreis. Ich durfte nicht ausweichen. Ich musste mich schinden. Und dann auch schinden lassen. Daher habe ich im Gefängnis nach einer Folternacht einmal gebetet: „Ich habe Gott gefragt, warum er mich so schlagen lässt. Für die Unklarheit und Unwahrhaftigkeit meines Wesens – das ging mir auf. Wenn ich an die Nacht in der Lehrter Straße denke, in der ich Gott um den Tod gebeten habe, weil ich die Ohnmacht nicht mehr ertragen konnte, dieser Wucht und Wut mich nicht mehr gewachsen fühlte. Wie ich die ganze Nacht mit dem Herrgott gerungen und einfach meine Not ihm hingeweint habe. Erst gegen Morgen strömte die große Ruhe in mich ein, eine beglückende Empfindung von Wärme und Licht und Kraft zugleich, begleitet von der Erkenntnis: du musst es durchstehen – und gesegnet durch die Zuversicht: du wirst es durchstehen. Das ist der Tröstergeist, das sind die schöpferischen Dialoge, die er mit dem Menschen führt.“ (Haub 61)

Bei anderer Gelegenheit habe ich mit gefesselten Händen geschrieben: „Ich kann predigen soviel ich will, und Menschen geschickt oder ungeschickt behandeln oder wieder aufrichten, solange ich will. Solange der Mensch menschenunwürdig und unmenschlich leben muss, solange wir der Durchschnitt den Verhältnissen erliegen und weder beten noch denken. Es braucht die grundlegende Veränderung der Zustände des Lebens.“ (Haub 45)

Ich komme zum Schluss: Ich habe diese Gedanken aufgehängt an meiner Einsicht in Anbetung, Freiheit und Brot. Ich habe noch eine andere Dreiheit. Die Kirche ist nur menschenfreundlich, wenn sie spirituell, ökumenisch und diakonisch ist.

Spirituell ist sie grundlegend durch die Haltung der Anbetung. Diakonisch ist sie, wenn sie sich um das Brot der Menschen schindet – und um alles, was dieses Symbol ausdrückt. Es bleibt die Ökumene. Mir war schon vor über 60 Jahren klar: Wenn sich die Kirchen streiten, werden die Menschen nicht an Jesus Christus und den Vater glauben können. Damals schrieb ich „Wenn die Kirchen der Menschheit noch einmal das Bild einer zankenden Christenheit zumuten, sind sie abgeschrieben. Wir sollten uns damit abfinden, die Spaltung als geschichtliches Schicksal zu tragen und zugleich als Kreuz. Von den heute Lebenden würde sie keiner noch einmal vollziehen. Und zugleich soll sie unsere dauernde Schmach und Schande sein, da wir nicht im Stande waren, das Erbe Christi, seine Liebe unzerrissen zu hüten.“ (Haub 63)

Ich meine, dass diese Aussage gerade auch heute helfen kann: Die Spaltung existiert noch. Es ist utopisch, sich vorzumachen, dass die Spaltung heute oder morgen überwunden sei. Man darf sich nichts vormachen. Aber Spaltung heißt nicht Streit, heißt nicht Feindschaft, heißt nicht Häme. Spaltung heißt Leid. Auch zwischen Christen und Nichtchristen herrscht heute ein aufmerksamer, respektvoller Dialog. So darf es zwischen den Kirchen trotz der Spaltung keine lieblosen Auseinandersetzungen geben, sondern nur liebendes, respektvolles Gespräch. Gerade heute besteht wieder die Gefahr, dass Ihr das Erreichte durch Streit zerstört. Das Leid der Trennung – wenn es denn wirklich ein Leid ist – darf nicht zu Gehässigkeit führen, sondern immer neu zu Leid und Sehnsucht, das Leid zu überwinden. In der Zelle neben mir war der evangelische Theologe Eugen Gerstenmaier gefangen. Ihm ließ ich am 31.Dezember 1944 einen Kassiber zukommen, auf dem ich folgendes schrieb: „ Die geschichtliche Last der getrennten Kirchen werden wir als Last und Erbe weiter tragen müssen, Aber es soll daraus niemals wieder eine Schande Christi werden. An die Eintopfutopien glaube ich so wenig wie Du, aber der eine Christus ist doch ungeteilt, und wo die ungeteilte Liebe zu ihm führt, da wird uns vieles besser gelingen, als es unseren streitenden Vorfahren und Zeitgenossen gelang. Ich habe außerhalb der Messe das Heilige Sakrament immer in der Zelle und rede mit dem Herrn oft über Dich. Er weiht uns hier zu einer neuen Sendung.“ (Haub 63)

Nun zum Schluss: Es ist schon seltsam: im Kerker hatte ich einen großen Optimismus. Freilich war dies kein oberflächlicher Optimismus, es war schon wirklich Vertrauen in Gott, in seine Führung, auch in die Geschichte. Ich hatte einfach Vertrauen in das Leben. Vielleicht hatte ich mehr Vertrauen in das Leben als ihr, die ihr frei seid, euch frei entfalten, euch frei aussprechen, frei auch Politik gestalten könnt. Aus diesem Vertrauen in das Ganze habe ich einen Satz formuliert, der im Jahr 1984 zum Motto des Katholikentags in München wurde. Ich schrieb damals „Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern weil Gott es mit uns lebt.“ (Haub 67)


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Predigt zum Ursenfest in Solothurn
am 29. September 2007
P. Eberhard v. Gemmingen SJ

Liebe Schwestern und Brüder in unserem Herrn.

Wir feiern das Fest von zwei heiligen Soldaten Urs und Victor. Es ist kein Wunder, wenn sich moderne Menschen fragen, was das denn soll. Gibt es nicht viele Christen, die eher nach dem Evangelium gelegt haben als gerade Soldaten. Soldaten sind doch bewaffnet, um Andere zu verletzen oder zu töten. Kann man denn als Soldat heilig werden, kann man nicht eher heilig, obwohl man Soldat war?

Denn: hat nicht Jesus Gewaltlosigkeit verkündet und gelebt? Heißt es nicht in der Bergpredigt: Selig, die keine Gewalt anwenden? Wurde Jesus nicht gerade von Soldaten gefoltert und umgebracht, waren diese Soldaten nur dumme und willige Knechte von Herrschern, die mordeten, die sich aber dabei die Hände nicht schmutzig machen wollten? Sollten nicht Christen des 21. Jahrhunderts selbstkritischer sein gegen die Verherrlichung von Menschen mit der Waffe? Haben Soldaten nicht im Lauf der Jahrtausende ebenso wie Politiker entsetzliches Elend über die Menschen gebracht?  Die Waffe in der Hand hat sie verroht, sodass Millionen Unschuldiger sterben mussten, Millionen von Frauen vergewaltigt wurden, Millionen von Kindern verhungerten, weil Soldaten ihren Aggressionen freien Lauf ließen im blinden Gehorsam gegen Fürsten, Diktatoren und Kaiser. Kurz darf man heute noch Soldaten – und wenn sie noch so brav waren – huldigen – wie wir es heute tun sollen?

Selbstkritik ist nötig, aber dabei ist genaues Hinschauen ebenso nötig.

Drei Schritte möchte ich mit Ihnen gehen:

Was meint Jesus mit Gewaltlosigkeit?

Was finden wir in der Bibel über Soldaten?

Was sagt uns die Geschichte?

Wie können wir heilige Soldaten ehren?

1. Jesus und die Gewaltlosigkeit: eine der Seligpreisungen der Bergpredigt lautet: Selig die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben. Weiter sagt Jesus: selig die Frieden stiften, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Und noch ein Wort in diese Richtung: Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden.

Erst durch das entsetzliche Blutvergießen in zwei Weltkriegen ist dem heutigen Christen klar geworden, welche Bedeutung diese Jesus-Worte haben. Gottlob gab es im vergangenen Jahrhundert einige wundervolle Persönlichkeiten, die der Menschheit gelehrt haben, was Jesus auch für heute und für die Politik gesagt hat. Ich denke an Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Erzbischof Romero. Mich persönlich hat vor allem Gandhi beeindruckt. Vor rund 30 Jahren war ich drei Monate lang in Indien unterwegs, habe in Zug und Bus viel Gandhi gelesen. Vor allem wurde mir klar: Gewaltlosigkeit muss im eigenen Herzen, in mir selbst  beginnen, sie muss in gewisser Weise erlitten und so gelernt werden. Man hat sie nicht einfach. Ich darf keine bösen Gedanken denken, muss bereit sein, für das Gute zu leiden, muss sogar bereit sein, für das Gute und den Nächsten notfalls zu sterben, auf jeden Fall aber für sie zu leiden. Es genügt nicht, keine Waffe zu tragen, nötig ist die innere Entwaffnung. Und dies kostet Anstrengung, Disziplin, Demut, Bereitschaft zum Leiden, Bereitschaft, Leiden um der Gerechtigkeit willen auf mich zu nehmen.

Wenn also konkret die Schweiz oder Deutschland alles Militär abschaffen würden, aber nicht gleichzeitig alle aggressive Musik abschalten würde, alle aggressiven Fernsehsendungen, alle aggressiven Spiele, alles aggressive Autofahren, alles egoistische Handeln überwinden würde, dann nützte die Abschaffung des Militärs nichts – jedenfalls nicht im Sinne Jesu.

Gewaltlosigkeit ist ja ein an sich negativer Begriff, es ist eine …losigkeit. Für dies kann man nicht gut leben. Positiv geht es um Liebe, um ein Ja zu anderen Menschen, ein Ja zur Welt, zur Schöpfung, zu Pflanzen und Tieren, ein Ja auch zu mir selbst in all meiner Schwachheit. Dahin passt dann das Jesus-Wort Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden. Der wahrhaft Gewaltlose hat Erbarmen mit allem, was ihn umgibt, er freut sich auch nicht am eigenen Sieg, wenn er auf Kosten des Anderen geht. Jesus meint ein neues Denken, ein Denken, das in unserem tiefsten Inneren erkämpft und erlitten werden muss, ein Denken aus Liebe.

Wenn wir also heute militärkritisch sind, darf es nicht bei dieser Kritik bleiben, sondern muss es getragen sein von einem positiven, konstruktiven und leidensbereiten Denken und Tun.

Viele Christen bewundern heute den Buddhismus. Dass der Buddhist für seine Ideale aber leiden muss, wird leicht vergessen. Die gesuchte Befreiung im Buddhismus muss erlitten werden.

Und Jesus hat gerade in der Bergpredigt gezeigt, wie er Gewaltlosigkeit versteht. Es geht um ein neues Denken, um die Liebe des barmherzigen Samariters, um das Wuchern mit den anvertrauten Talenten, ums Verzeihen, um das Annehmen und Ertragen von fremder Gewalt und Bosheit.

Wenn wir also heute zwei heilige Soldaten ehren, so nur auf dem Hintergrund von Jesu  Botschaft der Liebe.

2. Was finden wir denn nun über Soldaten im Neuen Testament?

Nun gleich zu Anfang des Lebens Jesu spielen Soldaten eine sehr schlechte Rolle, als sie im Auftrag von König Herodes die neu geborenen Knaben in Bethlehem umbringen. Später kommen zur Bußpredigt von  Johannes dem Täufer dann aber auch Soldaten und fragen, was sie tun sollen. Er sagt ihnen: misshandelt niemanden, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold. Offenbar hatten sich Soldaten auch daneben benommen. Das Evangelium spricht dann von einem ganz besonderen Soldaten, dem römischen Hauptmann, der Jesus um die Heilung seines Sohnes oder Untertan bittet. Jesus lobt dessen Glauben. Dann spielen die Soldaten bei der Folter und beim Tod Jesu eine unrühmliche Rolle, weil sie halt einerseits das Gebotene bei der Geisselung tun, andererseits bei der Dornenkrönung auf eigene Faust Jesus quälen. Dann kreuzigen sie ihn pflichtgemäß und verteilen nach Brauch seine Kleider unter sich. Ein Hauptmann bekennt dann als erster, dass Jesus wohl nicht nur ein Mensch, sondern ein Göttlicher ist. Soldaten tauchen dann nochmals bei der Verhaftung und beim Transport von Paulus nach Rom auf.

Aber es fehlt ein Wort Jesu oder Pauli über das Soldatsein und den Militärdienst als solchen. Jesus interessiert sich offenbar nicht direkt für Politik und die Verwaltung des Staates. Im Römerbrief befiehlt Paulus, dass die Christen den staatlichen Obrigkeiten gehorchen. Dabei versteht er wohl auch den Gehorsam gegen militärische Oberen. Also keine grundsätzliche Ablehnung des Soldatseins. Wir finden also im Neuen Testament nur den Aufruf Jesu zu Gewaltlosigkeit, nichts gegen den Soldatendienst als solchen.

Das ist tröstlich für die Schweiz, denn die Eidgenossenschaft hat ja durch Jahrhunderte ihre besten Söhne in andere Länder geschickt, damit sie dort ihr Brot durch den Dienst des Söldners verdienen. Sie erhielten Sold und wurden dadurch Soldaten.

3. Was sehen wir in der Geschichte und was lernen wir aus ihr?

Leider finden wir in der Geschichte sehr viel Krieg, der zwar nicht von den Soldaten angezettelt, aber doch von ihnen durchgeführt wurde. Grund der Kriege war oft Verlangen nach mehr Wohlstand und Macht, daher Ausdehnung der Territorien, der Herrschaftsgebiete, der Märkte, Eroberung von Land und Völkern. Erst in unserer Zeit hat sich gezeigt, dass Wohlstand und Reichtum nicht nur vom Territorium abhängt, sondern vor allem auch von der Ausbildung und beruflichen Qualifikation der Bevölkerung. Wissen wurde zur Macht. Und damit wurde auch Krieg subtiler.

Heute werden Kriege immer subtiler. Sie werden nicht mehr mit Heeren, Panzern und Kanonen geführt, höchstens noch mit Flugzeugen, sondern vor allem an der Börse, mit Handelsverträgen, mit Wirtschaftsabkommen. Menschen sterben nicht mehr durch Schwerter und Kugeln, sondern durch Armut, Ausbeutung, Ausgrenzung und Unterdrückung. Krieg ist subtil, man hört nichts mehr dabei. Kein Waffengeklirr. Er geschieht lautlos. Nötig ist heute für Christen, dass sie sich umfassend politisch informieren, damit sie ihre Stimme bei Wahlen in die richtige Waageschale werfen können. Wähler haben große Verantwortung, sie machen Politik und vielleicht sogar Weltpolitik. Vielleicht sterben Menschen in fernen Ländern, weil Wähler in reichen Ländern sich politisch nicht informiert haben und falsch wählen, weil sie nur auf Parolen reinfallen. Wähler machen Weltpolitik.

Und auch Käufer machen Weltpolitik. Käufer müssen darauf achten, wie die Waren hergestellt werden, ob den Arbeitern, den Warenherstellern durch die Arbeit mehr genützt oder mehr geschadet wird. Kriege sind heute sehr viel subtiler.

Und was lehrt uns die Geschichte noch: Ein Land braucht Verteidigung. Es braucht Abschreckung. Soldaten für den Schutz der Bevölkerung sind erlaubt und nötig. Freilich ist das Militär nur die letzte Waffe. Vorausgehen muss Gerechtigkeit. Denn Gerechtigkeit schafft Frieden. Aber da die Menschen leider vorläufig keine Heiligen sind, sondern mit der Erbsünde geboren werden, brauchen Gesellschaften die Verteidigung und die Abschreckung. Wichtiger als diese beiden aber ist die Gerechtigkeit. Je mehr Gerechtigkeit herrscht,  desto weniger Militär ist nötig.

4. Wie können wir heilige Soldaten ehren?

Ich gestehe, dass ich die heiligen Urs und Victor erst für die Vorbereitung dieser Predigt kennen lernte. Vorher war mir nur ihr Freund und Zeitgenosse, der Heilige Maurizius von Saint Maurice bekannt. Es ist nicht sicher, ob Urs und Victor sterben mussten, weil sie sich als Christen weigerten, den heidnischen Göttern zu opfern oder weil sie sich weigerten, gegen christliche Stämme zu kämpfen. Wie immer: sie verweigerten Handlungen, die ihnen ihr Gewissen verbot. Sie hörten auf die Stimme des Gewissens und das kostete  sie das Leben.

Was lehrt uns dies: Soldaten dürfen ihr Gewissen im Dienst nicht abgeben, kein Staatsbeamter darf sein Gewissen im Dienst abgeben, aber auch kein Staatsbürger darf es. Das Gewissen zählt immer.

Heute bewundern wir in Deutschland die Männer und Frauen, die sich vor 60 Jahren gegen die Nazidiktatur gewehrt haben und dafür gestorben sind. Es sind mehr als man denkt. Wir sind stolz auf sie. Vermutlich gibt es auch heute Situationen, in denen Bürger nein sagen müssen gegen gewisse Handlungen und bereit sein müssen, die leidvollen Konsequenzen für ihr Nein zu tragen. Damit das Nein aber möglich ist, muss das Gewissen schon lange vorher geübt werden. Jeder Mensch muss lange vor einer heiklen Situation lernen, auf sein Gewissen zu hören und ihm zu folgen. Hier liegt wohl heute in Friedenszeiten die Aufgabe von vielen.

Wir haben gottlob Zeit und Ruhe, das Lauschen auf unser Gewissen zu lernen. Wenn wir es jetzt nicht lernen, dann wird es uns in kritischen Situationen nicht gelingen, die Stimme des Gewissens zu hören und ihr zu folgen.

Lange bevor Urs und Victor für ihren Glauben an Jesus Christus starben, haben sie ihn als ihren Erlöser in ihren Herzen angebetet. Wer Christus nicht im Alltag sucht, wird ihn auch in Krisensituationen nicht suchen und dann seine Hilfe auch kaum erfahren. Martyrer fallen nicht vom Himmel. Man kann sich zwar nicht selbst zum Martyrer machen, man darf es nicht einmal, aber der Mensch kann sich im Herzen und im Geiste innerlich auf schwierige Entscheidungen vorbereiten. Er kann im Alltag wachsen. Er sollte sich täglich abends prüfen und sich fragen, was vor seinem Gewissen und vor Angesicht Gottes Bestand haben kann und was nicht.

Wir sind heute leicht sehr kritisch gegen Gewaltanwendung, gegen Politiker, gegen Medienleute. Sind wir ebenso kritisch gegenüber uns selbst, gegen unser eigenes Tun? Gegen unser Desinteresse, gegen unseren Egoismus, gegen unser Engstirnigkeit? Solange Frieden ist, können wir lernen. Wir haben die Pflicht zu lernen, solange wir lernen können, damit wir dann stark sind wir ein Bär, der Urs und wie der Sieger Victor. Amen.


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Was hält Köln – was hält die Gesellschaft zusammen?
Stadtpredigt in Köln am 19. März 2006
P. Eberhard v. Gemmingen SJ

Wie kann man heute über das sprechen, was die Gesellschaft, die Gesellschaft der Welt, Europas und von Köln zusammenhält, ohne auszugehen von dem, was die Menschen heute spaltet, was sie entzweit, was sie zum Kampf gegeneinander aufstachelt. Was ist es denn im Grunde, das die Welt heute entzweit und spaltet? Sind es nicht die Religionen, die tiefsten Überzeugungen, solche Überzeugungen, für die der Mensch sein Leben zu geben bereit ist?

Man vermeidet zwar – soweit ich sehe – so weit wie möglich den Ausdruck „Clash of Zivilisations“. Vielleicht ist es auch gut so, den Teufel nicht an die Wand zu malen und diesen Zusammenstoß nicht herbeizureden. Aber erleben wir nicht doch hinter allen politischen und wirtschaftlichen Konflikten einen Zusammenstoß von Weltanschauungen, von Kulturen, von Religionen?

Ich weiß: die Gewaltausbrüche im muslimischen und vor allem im arabischen Raum haben primär nicht religiöse, sondern wirtschaftliche, politische Gründe. Es geht ums Öl, es geht um Macht und Vorherrschaft. Und doch – erlauben Sie mir diese Analyse, bevor ich mich in theologische Felder vorwage – auch anderswo gibt es Konflikte um Macht und Vorherrschaft, denken wir an die Auseinandersetzungen auf dem Weltmarkt zwischen den USA und China, den USA und Japan, Europa und den USA, denken wir an die Konflikte zwischen der reichen Welt und den Entwicklungsländern, die ihre Waren auf dem reichen Markt anbieten wollen und daran gehindert werden. Politische und wirtschaftliche Auseinandersetzungen müssen nicht zu Gewaltausbrüchen führen.

Ich denke, der Machtkonflikt zwischen dem, was man den Westen nennt und der muslimisch-arabischen Welt (ich weiß, dass das nicht identisch ist, denn Pakistan, Shri Lanka, Malaysia und Indonesien sind keine arabischen Länder) führt deshalb zu so viel Gewalt, weil viele Menschen im arabisch-muslimischen Bereich arm sind, sich ausgebeutet fühlen, durch Fernsehen und Film von einer ihnen fremden Kultur überzogen werden, durch die sie sich bedroht fühlen. Dann kommen die Manipulatoren aus den eigenen Reihen, die die vorhandene Frustration in ihre Richtung lenken und schon brennen Kirchen, werden Geistliche getötet, Fremde und Westler unterdrückt und bedroht.

Ich denke, es handelt sich um einen Zusammenstoß von Denk- und Lebensweisen, der möglich geworden ist, weil die Erde zum Dorf geworden ist.

Also unsere Frage: Was hält zusammen? Was trennt?

Sind es also nicht doch letztlich die Religionen, die Weltanschauungen, die trennen, weil sie unterscheiden?

Drehen wir den Film einmal um ein paar tausend Jahre zurück. Abraham wird von Gott, den er in seinem Gewissen vernimmt, aus seinem Land und aus seinem Vaterhaus hinausgeführt. Er trennt sich, er unterscheidet sich. Was mögen seine Verwandten gesagt haben: vermutlich: er spinnt, er fühlt sich als etwas Besseres. Abraham folgt dem Ruf Gottes und setzt sich ab, schafft Trennung, nicht Gemeinschaft.

Einige hundert Jahre später sammelt Moses in Ägypten die Seinen und sie wandern – nach größten Widerständen – aus. Denn sie wissen: wir sind etwas Besonderes, wir sind was Anderes. Wir sind keine Ägypter, und wir wollen nicht weiter Sklaven bleiben.

Und am Berg Horeb trifft Israel die Stimme Gottes: Ihr seid mein Volk, ihr gehört mir, ich gebe euch das beste, das edelste Gesetz, das die Erde kennt. Wenn ihr meine zehn Gebote beobachtet, dann seid ihr mein Volk, dann bin ich bei euch und schütze euch in aller Gefahr und ihr werdet siegen in allen Schlachten. Sie werden das auserwählte, das von Gott besonders geliebte Volk. Trennung von den anderen, Auserwählung, Distanz. Und als Folge: Hochmut, Dünkel, Stolz.

Religion reißt Gräben auf, denn Religion schafft Unterscheidungen, Trennungen, Ursachen für Konflikte und Kriege. Müssen wir nicht im Zuge der Aufklärung fordern: schafft Religionen ab und es wird Frieden kommen.

Seien wir nüchtern und ehrlich. Wie viele Kriege wurden in Europa gekämpft, weil Menschen glaubten: Gott will es. Seien wir noch nüchterner: die Machthaber wollten ihr Machtbasis vergrößern und haben den religiösen Glauben der Menschen ge- und missbraucht. Die Großen haben das Blut der Kleinen vergossen und sie mit religiösen Motiven in den Kampf geschickt, ihren Glauben ausgebeutet. Schafft also Glauben und Religion ab, dann sind die Menschen kritischer, sich selbst und den Machthabern gegenüber, dann sind sie weniger manipulierbar. Auch die frommen Muslime werden weniger manipulierbar sein, wenn sie ihre Religion relativieren. Religion darf nicht absolut, sie muss relativ sein, muss Privatsache sein. Wichtiger als Religion ist Zusammenleben, ist Frieden – und wenn es Friedhofsruhe wäre.

Oder braucht der ungebildete, arme Mensch eben doch Religion als Opium, um sein Schicksal annehmen zu können?

Was also hilft der Gesellschaft mehr, was hält sie besser zusammen: Religion oder die Überwindung der Religion? Die Überwindung eines Glaubens, der den Menschen blind und notfalls fanatisch macht? Ist nur letzte und endgültige Aufklärung hilfreich? Kann nur das Vertrauen in die Vernunft, den Menschen vor religiösem Fanatismus retten?

Ich meine: nur missverstandene Religion und nur das Heidentum sind Gefahren. Und ich meine: Unglaube ist gefährlich und   e r  - der Unglaube, das Nicht-sich-beugen vor einer Gottheit ist der Feind der fanatischen Muslime.

Was also hält Köln, was hält die Gesellschaft zusammen? Der Glaube an einen Gott, der jeden Menschen beruft und in seine Arme schließt, der Glaube, dass ein liebender Vater mit ausgebreiteten Armen auf uns wartet, denn wir sind alle „verlorene Söhne und Töchter.“

Aber wir dürfen den Weg nicht überstürzen. Wir müssen zurück zur Erwählung Israels. Tatsächlich findet hier eine Unterscheidung zwischen den Erwählten und den Nicht-Erwählten statt. Hier liegt eine Wurzel für Konflikt und Krieg. Denn der Erwählte kann arrogant werden, der Nicht-Erwählte neidisch. Kommt der Krieg von der Erwählung oder vom Neid auf den Erwählten? Nein, der Krieg kommt vom Missverständnis der Erwählung. Denn Israel ist nicht erwählt, weil es etwas Besseres ist, sondern weil Jahwe in seiner Macht und Weisheit es so will. Israel bekommt das Land, sein Land, nicht als Erbe, weil es so brav ist, sondern weil Gott es ihm schenkt. Israel kann das Land in Frieden bewohnen, solange es Jahwe allein anbetet. Wenn Israel von Jahwe abfällt, dann ist auch das Land gefährdet. Israel kann nie sagen: dies ist ein für alle Mal mein Land, sondern es ist mein Land, wenn ich Jahwe verehre. Das haben die Propheten unzählige Male in Erinnerung gerufen.

Aber der Weg Israels führte zum Messias. Und der, den wir Christen als Messias anerkennen, er führte Israel dazu, allen Geschöpfen dieser Erde die Berufung Gottes zu künden. Israel hat damit eine Berufung über die eigenen Reihen hinaus. Daher ist auch Kirche nicht für sich selbst da, Christen sind nicht etwas Besseres, weil sie getauft sind, sondern sie sind gerufen für andere. Wie Israel letztlich für andere, für die ganze Welt da sein sollte, so die Christen, die Kirche.

Israelsein, Kirche sein bedeutet Absonderung. Ja! Aber nicht wegen der Ehre, wegen des Ruhmes, sondern wegen der Aufgabe.

Aber spaltet diese Aufgabe, diese Mission nicht? Ist sie nicht Ursache für Religionskriege, ideologische Kriege? Ist der Dschihad, der heilige Krieg der Muslime nicht in dem Glauben an die eigene Berufung begründe? Müssen wir nicht doch eingestehen: Glaube an religiöse Erwählung schafft Kriege? Wenn wir also als Gesellschaft zusammenhalten wollen, müssen wir dann den Einfluss der Religion mindern, muss Religion zur Privatsache werden, zu einem persönlichen Gefühl, und darf Religion daher in der Öffentlichkeit, also z.B. in der Stadt Köln keine Rolle mehr spielen. Muss so etwas wie „Stadtpredigt“ verboten werden, denn entweder führt sie zu einer Art Staatsreligion oder sie versucht, Religion auf Sparflamme, nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Er lautet: Wir haben alle den gleichen Gott, Juden, Christen und Muslime, aber auch Hindus, Buddhisten, Taoisten. Nur vermischte Religion schafft Frieden, Profil schafft Krieg. Wer die Unterschiede pflegt, schafft Streit. Die Stadt aber ist verpflichtet, Streit zu verhindern, daher muss sie eine Religion pflegen, in der alle sich gleich wohl fühlen.

Mit Papst Benedikt erlaube ich mir zu antworten: das hilft nicht, das ist auch keine Religion. Das will übrigens Hans Küng auch nicht. Nicht Nivellierung hilft, sondern nur Profil. Und wenn jemand einwendet: Profil schafft Konflikte, dann antworte ich: nur missverstandenes Profil schafft Konflikte.

Anders formuliert: Wir Christen können unser Glaubensbekenntnis leben, denn es besagt erstens: Jesus ist für seine feste Überzeugung in den Tod gegangen. So sollen auch Christen notfalls für ihren Glauben nicht in die Schlacht, sondern in den Tod gehen. Sie dürfen glauben und wissen, dass ihr Sterben wirkmächtiger ist als jeder Religionskrieg. Und Christen glauben daran, dass auch ihre Vernunft von Gott geschaffen ist. Und daher müssen sie die Vernunft einsetzen. Den Gebrauch der Vernunft hat also nicht erst die Aufklärung gefordert, sondern den Gebrauch der Vernunft fordert unser Glaube an Gott als dem Schöpfer des vernunftbegabten Menschen. Die Vernunft sagt: Gewaltanwendung fordert immer neue Gewalt. Wer Frieden schafft und anbietet, hat immer den längeren Arm. Viele Muslime – so meine ich auch – müssen freilich erst durch die Aufklärung hindurch. Sie müssen beginnen, den Koran ebenso kritisch zu lesen wie das die Christen mit der Bibel tun. Auch Allah ist Schöpfer der menschlichen Vernunft. Solange sie meinen, ohne die kritische Rückfrage der Vernunft auszukommen, sind sie in Gefahr der Aggressivität.

Was aber reizt die Muslime heute eigentlich? Wir sagten schon: dass sie sich ausgebeutet, gedemütigt fühlen. Und – so meine Meinung – es reizt sie nicht, dass wir Christen sind, sondern dass wir in ihren Augen Heiden sind, dass wir uns nicht vor unserem Gott verneigen, dass wir Dinge tun, die in ihren Augen Sünde sind: wir leben als gäbe es keinen Gott, Gott ist bei uns aus dem öffentlichen Leben verbannt, er darf da nicht vorkommen. Das ist für sie Sünde. Wir übervorteilen leicht, lügen und betrügen zu leicht, vor allem achten wir die Würde der Frau nicht, die Frau entwürdigt sich im Westen selbst. Wer den türkischen Erfolgsautor Pamuk gelesen hat, weiß, dass die Frage nach dem Kopftuch keine Spielerei ist, sondern blutiger Ernst. Ich denke, wenn der Westen sich wirklich christlich zeigte, dann hätten die Muslime Respekt vor uns. Da er sich aber kaum christlich zeigt, verachten sind uns. Und böse politische Manipulatoren nützen Frustration und Verachtung der Massen aus, um Gewalt anzuzetteln.

Wir können den Konflikt zwischen dem Westen und der muslimischen Welt nicht etwa entschärfen, wenn wir ein wenig wegtun von unserem Christentum. Nein, wir müssen es ernster nehmen, dann entschärfen wir den Konflikt.

Denn wenn wir unser Christentum ernst nähmen, dann würden wir keine Mohammet-Karrikaturen drucken, dann würden wir die Muslime nicht provozieren. Wenn wir das Christentum ernst nähmen, dann würden wir eine Teilfreiheit des demokratischen Rechtstaates nicht verabsolutieren, nämlich die Pressefreiheit. Sie ist da und sie ist gut. Aber wo Freiheit, da auch Verantwortung. Ich meine, die Mohammed-Abdrucker haben sich verantwortungslos verhalten – ebenso verantwortungslos wie die Aufstachler der Massen.

Religiös begründete unterschiedliche Auffassungen vom Zusammenleben der Menschen, von Menschenwürde, von Demokratie können meines Erachtens mit einander auskommen, wenn Respekt vorhanden ist. Respekt heißt: Versuch, den anderen zu verstehen, Versuch, sich in den anderen hineinzuversetzen, vor allem der Versuch, den Frieden zu wahren.

Bei uns im Westen gilt Frieden als eines der allerhöchsten Güter, vielleicht nur noch übertroffen von Gesundheit. Bei den Muslimen ist Frieden sicher ein Wert, aber wer bettelarm und vielleicht auch manipuliert wird, für den ist der Kampf und der Tod für Allah mehr wert als Frieden. Erinnern wir uns, dass die Widerständler gegen Hitler nicht den faulen Frieden vorzogen, sondern bereit waren für ihre Sache zu sterben. Ob es wohl bei den Muslimen heute auch Menschen gibt, die sagen: wir wollen keinen Frieden mit dem westlichen Mammon und der westlichen Kulturlosigkeit? Wir wollen die Verehrung Allahs. Ich habe dies ausdrücklich als Frage formuliert. Ich glaube nicht, dass es viele Muslime gibt, die lieber sterben als einen Kompromiss einzugehen mit dem Mammon. Aber wenn es auch nur einen gibt, was machen wir dann?

Ich unterstreiche: keine Nivellierung. Was uns zusammenhält ist nicht Gleichmacherei, ist nicht Wischiwaschi, ist nicht Einheitsreligion und Einheitskirche, sondern der Gang in die Tiefe. Wenn jeder, jeder Christ und jeder Nichtchrist, hinuntersteigt in seine eigene Tiefe, dahin wo er vor sich selbst steht und damit auch vor dem Antlitz Gottes, dann wird Frieden. Dort wo jeder wie Abraham oder Moses gewählt wird von seinem Gott, dort nimmt er nicht das Schwert, sondern sieht wie Jakob eine Leiter zum Himmel, auf der Engel auf und nieder steigen, dort kniet er nieder und faltet die Hände.

Nicht Berufung ist Grund für Krieg und Spaltung, sondern das Vergessen der eigenen Berufung, das Missverstehen und der Missbrauch der eigenen Berufung.

Freilich: weil Berufung etwas Großes ist, weil sie mit dem mächtigen, übermächtigen und allmächtigen Gott zu tun hat, daher ist sie auch etwas Übermenschliches, etwas den Menschen Übermächtigendes. Daher kann Religion zur Ursache von Spaltungen werden, aber ebenso sehr kann sie Ursache für Verstehen, Frieden und vor allem Liebe werden.

Was uns also in Köln und anderswo zusammenhält ist Gott, Glaube an Gott. Nur so können wir Eintracht und Frieden haben in und bei Gott – unter allen Christen – aber auch mit allen Muslimen.

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Gebet zum heiligen Josef
Eberhard v. Gemmingen SJ
ausgestrahlt am 19. März 1991

Heiliger Josef, ich gestehe, dass ich mich nicht oft – fast gar nie - an Dich wende. Bitte, verzeih mir, aber Du kennst ja das Dasein im Schatten.

An Deinem Fest heute aber möchte ich zu Dir kommen.

Heiliger Josef, Du stehst im Schatten, ja fast im Dunkel - obwohl Du ganz nahe bei dem bist, der das Licht der Welt ist und nahe bei seiner hell leuchtenden Mutter.

Du wehrst Dich nicht gegen das Dasein im Schatten. Lehre uns auszuhalten, wenn wir übergangen und übersehen werden. Ja, lehre es uns zu lieben.

Heiliger Josef, die Evangelisten hielten Dich nicht für sehr wichtig im Gang der Heilsgeschichte, sonst hätten sie mehr über Dich geschrieben. Vielleicht aber haben sie Dich als kleine Perle verborgen, damit Dich nur diejenigen finden, die einen Blick haben für die kleinen Perlen.

Heiliger Josef, nach der Bibel wandte Gott sich vor allem im Traum an Dich. Er sagte Dir im Traum, was Du tun sollst. Hilf, dass wir auf alles achten, was Gott uns sagen will, ob wir nun wachen oder schlafen.

Heiliger Josef, Du hast das Unangenehme getan, das Gott von Dir wollte:  Du hast Deine Braut, die gesegneten Leibes war, zu Dir genommen, obwohl Du schief angeschaut wurdest, obwohl man über Dich munkelte, obwohl Du Freunde und Ansehen verloren hast. Hilf uns, Gottes Wort zu tun, auch wenn es weh tut.  Heiliger Josef, Du hast Heimat, Arbeit, Sicherheit verlassen, weil der Sohn, der nicht Dein Sohn war, Deiner bedurfte.

Du hast nicht geflucht, nicht gemurrt, nicht gezögert, Du hast anscheinend schweigend den Esel und den Wanderstab genommen und hast Mutter und Sohn Sicherheit geschenkt auf dem langen Weg nach Ägypten.

Heiliger Josef, Du hast Maria, Deine Braut geliebt.  Du hast begonnen, sie zu lieben, denn sie war Dir ja von Deinen Eltern als Braut gegeben worden, und dann kam es anders.

Hier können wir Dich am wenigsten verstehen, denn hier bist Du am nächsten bei Gott, der unverständlich ist.

Dennoch, Deine Liebe zu Maria, Deiner Braut, muss groß gewesen sein - von Tag zu Tag größer. Denn schließlich bist Du ein Heiliger, dessen größte Tugend die Liebe ist.

Heiliger Josef, lehre uns die Liebe, die Liebe zu allen Menschen. Lehre uns, dass man nicht alles haben muss, was man liebt;  lehre uns die Liebe, die gibt.  Lehre uns die Liebe, die verzichtet. Lehre uns die Liebe, die brennt und wehtut. Lehre uns die einzige Liebe, die wirkliche Liebe ist. 

Heiliger Josef, zeige allen den Weg, die sich verirrt haben, bitte für sie bei Jesus, dem Sohn Gottes.  Lehre uns in unserer liebeshungrigen Zeit die wahre Liebe.

Heiliger Josef, Du bist im Laufe der Kirchengeschichte fast untergegangen. Es kamen die Grossen der Kirche, die Säulen Petrus und Paulus, die Martyrer Stephanus und Laurentius, die Weisen Augustinus und Ambrosius, die Gelehrten Thomas von Aquin und Dominikus, die Reformer Franz von Assisi und Ignatius von Loyola, die heiligen Kirchenlehrerinnen Katharina von Siena und Teresa von Avila, und es kamen die Heiligen unserer Tage: Edith Stein und Maximilian Kolbe.

Wer denkt da noch an den Mann im Schatten, von dem man nichts weiß, Josef von Nazareth?

Sei uns nicht böse, heiliger Josef, dass alle Versuche, Dich ins Licht zu ziehen, immer wieder schief gehen.  Auch die Arbeiter und Handwerker heute werden sich kaum nach Dir richten, und auch der Platz im Hochgebet der Kirche wird Dir nicht viel nutzen.

Heiliger Josef, Du willst gar nicht aus dem Schatten und Dunkel.  Lehre mich, lehre uns, den Applaus, das Rampenlicht der Öffentlichkeit, die Hochrufe nicht mehr zu suchen.

Es ist ja so schwer, denn wir alle haben ja so Sehnsucht nach Anerkennung und ein wenig Lob.

Heiliger Josef, lehre uns, dass dies alles von Jesus wegfuhrt, dass zu Jesus und seinem Vater nur kommt, wer den Schatten und das Dunkel annimmt, ja liebt und sucht.

Heiliger Josef, hilf uns ja sagen zum Platz im Schatten und Dunkel. Amen 

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Predigt in die Feder geschrieben
Kardinal Clemens August Graf von Galen
zu den gesellschaftlichen Problemen des Jahres 2006
Frei erfunden von P. Eberhard v. Gemmingen SJ

Liebe Katholiken, sowie Brüder und Schwestern der anderen christlichen Kirchen des Kreises Coesfeld.

Sie haben mich gebeten, mich in Form einer Predigt mit den gesellschaftlichen und ethischen Fragen auseinander zu setzen, die heute das christliche Gewissen bewegen – oder bewegen sollten. Nach einigem Zögern habe ich zugestimmt. Ich bin mir meiner Schwäche bewusst und habe mich eindringlich gefragt, ob ich denn die nötige Sachkenntnis und Durchsicht habe, mich dieser Herausforderung zu stellen. Ich habe dann schließlich zugestimmt, weil Jesus gesagt hat: Euch wird in der Stunde vom heiligen Geist eingegeben, was ihr sagen sollt. Ich bin zwar hier nicht vor ein Gericht gezerrt, aber der ewige Richter wird mich kritisch fragen, wenn ich in unserem heiligen Westfalen etwas falsch sagen werde. Oder eher: wenn ich den Finger auf unwesentliche Fragen legen würde und die entscheidenden übersehen oder bewusst aussparen. Schließlich bin ich als Euer Oberhirte gerufen, euch wie ein guter Hirte zu führen und zu begleiten. Wehe also mir, wenn ich euch süße Speise reichte statt der bitteren, die euch helfen würde. Wehe mir, wenn ich es nicht wagen würde, euch den Spiegel vor Augen zu halten. Und wehe euch, wenn ihr einen Bischof habt, der den Politikern oder den Meistern des Schaugeschäftes zu gefallen sucht und nicht dem Herrn. Wehe euch, wenn ihr einen Hirten habt, der euch in die Irre führt.

Zittern vor meiner Verantwortung beginne ich also, mich mit unseren ethischen Herausforderungen zu Beginn des Jahres 2006 auseinander zu setzen.

Gottlob habe ich einen Gesinnungsgenossen, der nicht nur mutig, sondern auch weise ist. Er nimmt mich an die Hand und ich lasse mich an der Hand nehmen. Es ist unser verehrter Heiliger Vater, Papst Benedikt XVI. Er weist mich und er weist uns auf offenbare und verborgene Fehler und Sünden der heutigen Menschheit hin. Freilich muss man sie lesen und darf nicht nur lesen, was über ihn in euren Zeitungen steht. Leider geben sie ihn meist nur durch ihre Brille wieder. Unwichtiges wird oft groß geschrieben, Wichtiges weggelassen. 

Lassen Sie mich – mit Benedikt – zunächst einmal unsere weltgeschichtliche Situation betrachten, ohne gleich auf mögliche Fehlentwicklungen zu schauen.

Die Welt ist zum Dorf geworden. Nachrichten sind binnen Sekunden rund um den Globus, Waren und Menschen brauchen dazu maximal 24 Stunden. Schnelligkeit ist ein Wert, aber ist er der höchste? Es ist gut, binnen Stunden Menschen in Not rund um den Globus helfen zu können. Es ist erfreulich, binnen Sekunden über politische Vorgänge informiert zu sein. Aber es ist nicht gut, wenn die Auswahl von Nachrichten sich nur nach ihrem Verkaufswert richtet. Wenn tausende von Frauen in Darfur vergewaltigt werden, um politisch Druck auszuüben, ist das ein größeres Verbrechen, als wenn ein deutscher Diplomat oder eine deutsche Archäologin entführt werden. Die Frauen sind für ihr Leben kaputt gemacht. Entführte sind bei der Heimkehr Helden. Ich bin für ihre Befreiung, aber warum erheben wir nicht Protest wegen Massenvergewaltigung. Wir sagen, Protest nützte wenig. Haben wir`s ausprobiert. Auch die lieben Jünger Jesu haben nicht lautstark protestiert, als ihr Meister zum Tod verurteilt worden ist. Sind wir so feige wie sie? Schreien ist manchmal nötig, auch wenn es nichts nützt. Nutzen ist ebenso wenig der höchste Wert wie Schnelligkeit. Seien wir kritisch. Seien wir bitte viel kritischer. Meinen wir nicht manchmal, wir seien kritisch? Sind wir nur gegen den Papst kritisch, aber nicht gegen unsere Heimatzeitung. Wir glauben, dass sie uns sachlich richtig informiert. Tut sie das wirklich?

Auch Fernsehbilder können lügen, und leider lügen sie oft. Vor allem lassen oft Wichtiges weg – weil wir – das Publikum lieber Unwichtiges sehen.

Wo stehen wir? Die Welt ist zum Dorf geworden. Wir wissen viel und wir haben unglaubliche Möglichkeiten, uns zu informieren und auch um zu helfen. Nutzen wir die Möglichkeiten? Nehmen wir die Verantwortung wahr, die uns durch die technischen Möglichkeiten zugewachsen ist? Ich fürchte, uns fehlt dazu oft die Phantasie. Und seien wir auf der Hut vor den falschen neuen Göttern. Der eine heißt Schnelligkeit, der andere heißt Nutzen. Manchmal muss man das Richtige tun, auch wenn es nichts nützt. Gilt das nicht gerade auch für Politiker? Wenn ein Politiker sieht, dass sein Nein zu Stammzellenforschung nichts nutzt, darf er dann zustimmen? Wenn sein Nein zu Abtreibung nichts nutzt? Sein Nein zu Massenvernichtungswaffen? Sein Nein zur Homoehe? Sein Nein muss trotzdem sein, auch wenn es nichts nutzt.

Darf ich in aller Bescheidenheit an meine Predigten vor 65 Jahren erinnern. Heute ist ganz Westfalen und Deutschland stolz auf meine Predigten. Genutzt haben sie damals ganz wenig. Ich hätte mir damals sagen können: sie nutzen nichts, sie bringen nur mich in Gefahr, sie bringen das kirchliche Leben in Gefahr. Vielleicht stecken die Nazis nicht mich ins KZ, sondern wegen meiner Predigten andere. Darf ich das riskieren? Ich habe mich entschieden, meine Anklagen vorzubringen – und heute seid ihr stolz darauf und könnt der ganzen Welt sagen: doch wir hatten Hitler-Gegner. Auch wenn sie gar nichts genutzt hätten meine Predigten – ich hätte sie halten müssen. Denn Nutzen ist nicht alles. Nutzen ist sogar eher gefährlich. Manches müssen wir als Menschen, als humane Wesen tun, auch wenn es nichts nützt. Bekanntlich hängt Liebe nicht vom Nutzen ab. Elternliebe zu Kindern nützte den Eltern früher, wenn die Kinder die Eltern ernährten. Heute tun dies notfalls der Staat und die Versicherung. Kinder haben heute keinen direkten Nutzen. Wer keine hat, lebt sorgenfreier und finanziell sicherer.

Ich unterstreiche meine Frage nach Nutzen, weil diese Frage in unsere Kultur und Zivilisation zu einem unerkannten Feind geworden ist. Er unterwandert unerkannt unser Denken. Nehmt ihr nicht wahr, dass Kinder manchmal fragen: was nutzt mir das? Es ist eine kindliche Frage. Wenn wir Erwachsene sie stellen, sind wir Kinder geblieben. Es gibt viele Sachen auf Erden, die nichts nutzen, aber einen Sinn haben.

Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich vielleicht in der Darstellung ein wenig von meinem Hauptpunkt abgewichen bin. Wir stehen immer noch bei der Tatsache, dass die Welt zum Dorf geworden ist.

Daher sind sich heute auch die verschiedenen Religionen und Weltanschauungen so nahe gekommen, dass sie sich aneinander reiben. Früher waren die Muslime „da hinten in der Türkei“, wie ein deutscher Dichter schrieb. Heute sind die Muslime vor unserer Haustür und wir sind vor ihrer. Das wäre nun gar kein Problem, wenn alle Muslime sich am Freitag vor Allah auf die Knie werfen würden und alle Christen sich am Sonntag vor dem Vater Jesu Christi. Beide würden sich zwar oft ärgern, dass die anderen nicht bei ihnen mitmachen, denn beide meinen ja die Wahrheit zu haben, die endgültige Offenbarung ihres Gottes. Priester und Imame könnten sich gegenseitig Missionspredigten halten. Aber – ja leider – aber: da mischt sich Unglauben und Macht ins Spiel. Beginnen wir beim Einfacheren, mit der Macht: Die Muslime nehmen wahr: den Christen geht’s ja nur nebenbei um das, was sie Gott nennen, hauptsächlich geht’s ja um einen neuen Gott: er heißt Öl. Sie tanzen um unser Öl. Sie beugen vor ihm nicht die Knie, sondern ziehen den Gott aus der Erde. Und das Öl ist ja nur ein Symbol für ihre Dominanz. Sie wollen die ganze Welt beherrschen, sie denken nicht ans Gestern und nicht ans Morgen, sondern nur ans Heute. Eine ihrer Erzengel heißt Schnelligkeit. Ein anderer heißt Nutzen. Da aber die Muslime auch keine Heiligen sind, wollen sie entweder teilnehmen an diesem Engelstanz, oder den Engelstanz verbieten. „Schluss mit lustig“, rufen manche Muslime. Sie müssten gar keine Terroristen sein, sondern sind nur traurig, dass sie nicht mittanzen dürfen. Das ist der Tanz der Macht. Der zweite Tanz ist der des Unglaubens: Viele Muslime denken, der Westen verhält sich so ausbeuterisch, weil der Westen christlich ist. Also ist das Christentum schuld an dem Hunger nach Macht, an dem Griff nach Öl. Die Christen haben die falsche Religion, wenn sie durch ihren Glauben so böse werden, so ausbeuterisch und machhungrig. Wir im Westen wissen aber ziemlich gut, dass das Verhalten der Ölkonzerne und der Börsen nichts mit Religion zu tun hat. Es hat eher damit zu tun, dass der Westen Religion abgeschüttelt hat. Dass Religion nur als Privatsache weiterleben darf. Aber wehe – wenn sie sich in Politik und Wirtschaft einmischen würde. Das öffentliche Leben muss religionsfrei bleiben, denn sonst werden ja die armen Atheisten zu etwas gezwungen, was ihnen zuwider ist. Man darf aber keinen Atheisten zum Glauben zwingen. So glauben zwar noch recht viele Christen - vor allem in Westfalen - lassen ihre Kinder taufen und gehen wenigstens an Weihnachten in die Kirche. Aber fühlen sich überfordert, das gesellschaftliche Leben vom christlichen Glauben zu durchsäuern.

Darf ich – ich bin immer noch Kardinal Galen – daran erinnern, dass ich nur von den Nazis geschont wurde, weil die Westfalen damals noch so christlich dachten, dass ein Sturm der Entrüstung ausgebrochen wäre, hätten sie mich ins KZ gesperrt. Also dein und mein Tun ist gesellschaftlich relevant. Es ist nicht nur Privatsache, ob du glaubst oder nicht. Dein Glaube – wenn er denn Glaube ist – stellt ein Stück Welt auf den Kopf – oder richtiger: auf die Füße. Dein Glaube – das sage ich jetzt provozierend – hat nicht nur einen Sinn, sondern sogar einen Nutzen.

Zurück zu unserer Berührung mit der Welt der Muslime. Da die Welt klein geworden ist und wir bei den Muslimen Öl kaufen, haben wir viele Berührungspunkte. Und ich vermute, wenn wir ordentliche Christen wären und sie ordentliche Muslime, dann hätten wir wesentlich weniger Probleme miteinander. Aber sie spüren, dass der Westen vorwiegend aus Heiden besteht, das heißt aus Menschen, die sich vor keinem Gott beugen, denen Gott egal ist, die sich jedenfalls in ihrem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Tun nicht nach Gott richten. Und das ist für sie - abgesehen vom Gefühl, überfremdet und ausgebeutet zu werden - ein Grund, gegenüber dem Westen skeptisch, ablehnend oder gar aggressiv zu verhalten. Der Feind vieler Muslime sind nicht die Christen, sondern die Heiden im Westen, eine Zivilisation, die Gott ausklammert. Und neben dieser gutmütigen Minderheit von Muslimen gibt es natürlich auch noch eine Mehrheit, die die Weltherrschaft durch Terror herbeiführen will. So ist also die ganze Chance, dass der Globus zu einem Dorf geworden ist, auch die Gefahr, dass nämlich jeder Terrorist – wenn er nur clever ist – in kurzer Zeit überall auf der Erde auftauchen kann. Meine These ist aber jedenfalls: wenn wir uns als Christen verhielten, wären wir weniger in Gefahr.

Die Welt ist zum Dorf geworden. Im Dorf können sich gute und schlechte Nachrichten ebenso schnell verbreiten wie Verbrecher. Vielleicht würden wir uns wohler fühlen, wenn wir die Welt wieder groß und weit und viele Teile unerreichbar wären. Dann könnten wir aber auch nicht im Tsunamiland Weihnachtsferien machen, könnten nicht im Sommer Ski fahren und im Winter baden.

Und das Dorf hat auch in der Dorfwirtschaft, ich meine nicht die Kneipe, sondern eben das wirtschaftliche Leben im Welt-Dorf, also die Dorfwirtschaft hat auch ihre Vorteile und Fragwürdigkeiten.

Schön, dass wir ganzjährig Tomaten, Orangen, auch Schnittblumen aus Australien, Neuseeland, Kenia und Kolumbien haben. Ich selbst habe beim Anflug auf Bogota in Kolumbien die vielen Treibhäuser gesehen. Meine Frage, wozu ein Entwicklungsland so viele Treibhäuser brauche, wurde mir gesagt, dass hier abends Blumen geschnitten werden, die am nächsten Morgen in Frankfurt verkauft werden. Und einige Kolumbianer haben sogar etwas davon. Also schön, dass der Dorfgarten so nahe ist. Aber: warum muss man französisches Mineralwasser in den USA trinken? Sind die Hausbrunnen jenseits des großen Teiches so schlecht? Und dass man fertige Autos, die tausende von Tonnen wiegen, per Schiff von Japan nach Europa bringen kann, das ist ja sehr schön und kann sogar Freundschaft schaffen, aber ob das Öl nicht doch sogar noch zu billig ist. Vor Jahren sagte mir Carl-Friedrich Weizsäcker: Öl müsste teurer sein. Gut, man kann ihn als blau-äugigen Grünen bezeichnen, der für Sprit 5 Euro verlangen möchte. Aber ist da nicht etwas fragwürdig in unserer Welt – ohne dass wir es merken, wenn der Transport rund um den Globus preiswerter ist als die Produktion vor Ort.

Ich weiß – ich bin Bischof – und verstehe von Wirtschaft zu wenig. Aber Fragen darf man ja als Laie, ob in unserem Weltdorf nicht doch manches schief läuft. Dass es schief läuft, ist weniger schlimm, als dass manches vielleicht schief läuft und niemand nimmt es wahr oder niemand legt den Finger auf den wunden Punkt.

Das was ich jetzt so – von meiner Kanzel aus – angesprochen habe, hat zu tun, mit dem was ihr seid ein paar Jahren Globalisierung nennt.

Da die Christen in Westfalen alle lesen und schreiben können, lade ich sie ein, diese Phänomene der Globalisierung aufmerksam zu beobachten. Denn wir Deutsche leiden darunter, dass vieles im Ausland billiger produziert werden kann, daher Arbeitplätze gestrichen werden und Deutsche auf der Straße sitzen. Bitte bedenken wir, dass die Menschen in den armen Ländern vielleicht unter Globalisierung noch mehr leiden als wir: Viele Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas könnten aber langsam reicher werden, wenn sie das was bei ihnen gut und schön wächst, an uns verkaufen könnten: z. B. Erdbeeren aus Afrika – um nur etwas zu nennen, was die meisten Westfalen schätzen. Ein Priester aus Burkina Faso – das ist Westafrika – hat mir gesagt, dass sein Land gut Fleisch exportieren könnte und würde. Aber Europa ist zu.

Was will ich sagen: Wenn Dorf, dann richtig Dorf. Also nicht nur die Vorzüge für die Dorfbewohner im Neubauviertel, sondern auch für die, die im alten heruntergekommenen Dorfkern wohnen, wo Haus an Haus steht und wo es keine Blumengärten gibt. Krach im Dorf ist für das Dorfleben schlecht.

Ich gestehe ja, dass ich als Kind auf der Burg Dinklage ein wenig weit entfernt war vom Dorfleben. Gottlob hab ich nicht auf die Dörfler heruntergeschaut, sondern ihren Fleiß – trotz der relativen Armut - bewundert. Aber unser Familienleben war dem Dorfleben nicht so fern. Erstens hatten wir zwar Vermögen, aber wir hatten nicht viel Geld, schon gar nicht die Kinder. Also stellt euch nicht vor, dass wir in Saus Braus gelebt hätten. Und dann war ich der zweitjüngste. Wenn die größeren Geschwister gewollt hätten und nicht ordentlich erzogen worden wären, dann hätten sie mich untergebuttert wie heute manches Land der dritten Welt untergebuttert wird. Ich weiß also, was es bedeutet, abzuhängen und der schwächere zu sein. Ich weiß, dass es in einer Dorfgemeinschaft Ordnung, Zusammenhalt und Gerechtigkeit geben muss.

Genauer gesehen, hat unser Teil des Dorfes zwei Hälften: Europa und Afrika. Der liebe Gott hat das Mittelmeer dazwischen gelegt. Darüber werden die Afrikaner fluchen, wir Europäer erlauben uns dankbar durchzuschnaufen. Wenn die beiden Dorfteile Afrika und Europa nicht zusammenarbeiten, dann werden wir im Nobelteil des Dorfes noch unsere blauen Wunder erleben. Vor 35 Jahren hat mir ein weiser Österreicher gesagt: wart mal wie die Afrikaner nach Europa kommen werden. Man muss nicht von den Ratten sprechen, die das sinkende Schiff verlassen. Man darf es nicht.

Wenn wir Westfalen nicht unsere gute christliche Tradition verratenwollen, müssen wir uns besser um den anderen afrikanischen Dorfteil kümmern. Und unsere Politiker müssen wissen: Wir wählen sie nicht mehr, wenn sie sich nicht auch um Afrika mühen. Unsere Politiker müssen wissen: Egoismus, Engstirnigkeit, Kurzsichtigkeit schätzen wir nicht. Wir wollen von den Politikern eine globale Politik, die die Lasten gerecht verteilt.

Und nun muss ich mich ein wenig bei Ihnen entschuldigen, dass ich als Theologe und Seelsorger so viel über Politisches gesprochen habe. Aber Sie wissen ja: mein Vater war im Reichstag, die Familie hatte politische Tradition, ich wäre auch fast Politiker geworden. Und wir waren politisch nicht aus Machtgelüst, sondern aus Verantwortung für die Menschen und unser Volk. Daher hab ich mich jetzt solange beim Welt-Dorf aufgehalten. Und ich glaube, es war auch nötig, wenn wir nicht als Christen eines Tages vor dem Richter stehen wollen und er uns fragt: hast du die Armen vor deiner Haustüre nicht gesehen? Hast du nicht gewusst, dass die einen verhungern, während die anderen an Verfettung sterben? Hast du nicht gewusst, dass man nur in Ostasien Ferien machen kann, weil die Leute dort so billig arbeiten. Der Richter könnte uns fragen: habt ihr nicht gewusst, dass ihr die Verantwortung habt, euch weltweit zu informieren, um Recht und Gerechtigkeit im Weltdorf zuschaffen? Habt ihr nicht gewusst, dass eure Zeitung vermutlich Unangenehmes ausblendet, um keine Abonnenten zu verlieren? Habt ihr nicht gewusst, dass ihr als besser Gestellte und besser Informierte auch mehr Verantwortung tragt?

Ich gestehe, wir in der Burg Dinklage haben das gewusst. Nur noch eine Kleinigkeit zu diesem Thema: ich glaube, wir alle kümmern uns zu viel um Nebensächliches, während Hauptsachen nicht wahrgenommen werden. Die fragwürdige Gefangenenbehandlung in Guantanamo ist kaum ein Thema in den Medien, medienkräfte Misshandlung im Gefängnis Abu Graib war lange zu sehen. Falsche Gewichtung. Die Entführung Deutscher in aller Welt – die schlimm ist – steht zu lange und zu laut an erster Stelle, während das Leid, der Tod, die Vergewaltigung ferner Menschen allzu leicht übergangen wird. Der gewaltsame Tod eines deutschen Kindes macht viele Schlagzeilen, die gewaltsame Verschleppung zehntausender Mädchen in Zwangsprostitution, die vielleicht schlimmer als der Tod ist, wird totgeschwiegen. Die Medien lügen nicht, aber sie gewichten falsch. Warum: weil die Nutzer einseitig oder engstirnig interessiert sind.

Der Ausrufer im Dorf will nicht gesteinigt werden, daher ruft er nur das aus, was den Leuten gefällt.

Soweit unser Spaziergang durch die Straßen des Vor- und des Nachteils des Lebens im Weltdorf.

Ich möchte mich jetzt ganz anderen Herausforderungen zuwenden. Ich entnehme sie zu einem guten Teil dem Denken unseres geliebten Heiligen Vaters, Papst Benedikt. In einem Vortrag, der kurz vor seiner Wahl auf den Stuhl Petri schriftlich herausgegeben wurde, behandelt er die Mythen, denen die Menschheit heute teilweise unterliegt. Mythen sind Anschauungen, die einen Anspruch auf Wahrheit, und damit auf Anerkennung erheben, die aber nicht kritisch hinterfragt werden. Mythen sind kollektive, teilweise bewusste, teilweise auch unbewusste Überzeugungen, die einen rationalen und auch überrationalen Anspruch erheben.

Die beiden bekanntesten Mythen, denen Teile der Menschheit im vergangenen Jahrhundert verfallen waren, sind Nationalsozialismus oder Faschismus und Kommunismus. Für den Nationalsozialismus galt der Mythos: die germanische Rasse ist überlegen, sie ist gesund und zukunftsträchtig, sie braucht mehr Lebensraum. Ihr Hauptfeind ist das Weltjudentum, das einerseits dekadent, andererseits geldgierig, herrschsüchtig ist. Die germanische Rasse muss das Judentum vernichten. Ein guter Redner konnte Millionen überzeugen und durch Angst und Einschüchterung zum Schweigen bringen, auch wenn sie nicht überzeugt waren. Es galt dabei nicht nur die geschickte politische Rede, sondern auch die Demonstration vom Aufmarsch in Nürnberg bis zur Olympiade und Autobahn.

Der andere Mythos, dem bis vor wenigen Jahren Millionen verfallen waren: der Kommunismus. Er lehrte: die Geschichte basiert auf materieller Basis. Wer die Produktionsmittel in Hand hat, hat die Macht. Sie müssen dem ausgebeuteten Proletariat zurückgegeben werden, dann zieht Gerechtigkeit ein. Nicht Geist und Ethos machen Geschichte, sondern die materiellen Verhältnisse bestimmen den Lauf der Geschichte.

Hier ein paar Sätze von dem ehemaligen Kardinal Ratzinger

Wir haben im abgelaufenen Jahrhundert zwei große Mythenbildungen mit schrecklichen Folgen erlebt: den Rassismus mit seiner verlogenen Heilsverheißung von Seiten des Nationalsozialismus; die Divinierung der Revolution auf dem Hintergrund des dialektischen Geschichtsevolutionismus. Beide Male wurde die moralischen Ureinsichten des Menschen über gut und böse außer Kraft gesetzt. Alles, was der Herrschaft der Rasse bzw. alles, was der Heraufführung der zukünftigen Welt dient, ist gut – so wurde uns gesagt – auch wenn es nach den bisherigen Einsichten der Menschheit als schlecht zu gelten hätte. Nach dem Abtreten der großen Ideologien sind heute die politischen Mythen weniger deutlich umschrieben, aber es gibt auch heute Formen der Mythisierung von wirklichen Werten, die gerade dadurch glaubwürdig erscheinen, dass sie sich an echte Werte heften, aber doch auch dadurch gefährlich sind, dass sie diese Werte in einer mythisch zu nennenden Weise vereinseitigen. Ich würde sagen, dass heute drei Werte im allgemeinen Bewusstsein führend sind, deren mythische Vereinseitigung zugleich die Gefährdung der moralischen Vernunft im Heute darstellt. Diese drei immer wieder mythisch vereinseitigten Werte sind: Fortschritt, Wissenschaft und Freiheit.“

Soweit Kardinal Ratzinger in einem Vortrag in Triest am 20. September 2002. Abgedruckt in „Werte in Zeiten des Umbruchs“, Herder-Taschenbuch, S. 22f.

Dann erklärte der Kardinal was er hier unter Fortschritt versteht und warum er meint, der an sich gute Begriff werde mythisch überhöht und unkritisch verallgemeinert. Mit einfachen Worten: Fortschritt ist etwas Gutes, aber es gibt neben ihm andere konkurrierende Werte, sodass manchmal der Fortschritt sich nur mit diesem Namen kleidet, aber in Wirklichkeit kein Gut für den Menschen ist, dass Fortschritt eben für den Menschen schädlich ist. Fortschritt – so Ratzinger – ist manchmal ein geradezu mythisches Wort. Gegen einen bestimmten Fortschritt zu sein, ist böse. Fortschritt wird zur Norm. Was den Fortschritt hindert, ist amoralisch. Ratzinger sagt wörtlich weiter:

„ Wer den Weg auch nur der letzten hundert Jahre überschaut, kann nicht leugnen, dass ungeheure Fortschritt in der Medizin, in der Technik, im Verstehen und in der Nutzung der Kräfte der Natur erzielt worden sind und weitere Fortschritte zu erhoffen sind. Allerdings liegt auch die Ambivalenz dieses Fortschritts zutage. Der Fortschritt fängt an die Schöpfung – die Basis unserer Existenz – zu gefährden. Er produziert Ungleichheit unter den Menschen und er produziert auch immer neue Bedrohungen von Welt und Mensch. Insofern sind moralische Steuerungen des Fortschritts unerlässlich. Nach welchen Maßstäben?“

Wir können hier keine Antwort geben, auch Ratzinger gibt sie an dieser Stelle nicht. Er weist nur auf die Gefahr der Verabsolutierung von Fortschritt hin. Er hat sich als Mythos in unser Bewusstsein eingeschlichen. Wir müssen diesem Mythos auf die Spur kommen, ihn entmythologisieren. Ratzinger unterstreicht hier vor allem, dass alle Hoffnungen, einen neuen Menschen durch den Fortschritt zu erziehen, durch Änderung der Gesellschaft, falsch sind. Der Mensch kann nicht ein für alle mal gut gemacht werden. Solange die Freiheit bleibt, bleibt die Herausforderung der Ethik. Es wird nie die heile Gesellschaft geben.

Weiter sagte Ratzinger: „An zweiter Stelle nenne ich den Begriff der Wissenschaft. Wissenschaft ist ein hohes Gut, gerade deshalb weil sie kontrollierte und von der Erfahrung bestätigte Form von Rationalität ist. Aber es gibt auch Pathologien der Wissenschaft, Verzwecklichung, ihres Könnens für die Macht, in denen zugleich der Mensch entehrt wird. Wissenschaft kann auch der Unmenschlichkeit dienen, ob wir an die Massenvernichtungswaffen denken oder an die Menschenversuche oder an die Behandlung des Menschen als Organvorrat usw. Deshalb muss klar sein, dass auch die Wissenschaft moralischen Maßstäben untersteht und ihr wahres Wesen immer dann verloren geht, wenn sie sich statt der Menschenwürde, der Macht oder dem Kommerz oder einfach dem Erfolg als einzigem Maßstab verschreibt.“ Soweit Ratzinger.

Wenn wir auf unsere konkreteren Verhältnisse schauen, so muss man sagen: jeder Wissenschaftler, der sich am Rande des Üblichen bewegt, wird natürlich sagen: wir haben nur das Gute für den Menschen im Sinn. Der Mediziner wird vorgeben, Schmerzen zu lindern, der Waffenbauer wird sagen, er halte böse Feinde in Schach, der Volkswirt wird argumentieren, er könne Arbeitsplätze retten oder schaffen. Der Zweck heiligt aber nie die Mittel. Das Dumme ist nur, dass die breite Bevölkerung meist nur den Zweck vernimmt, den der Wissenschaftler verfolgt, wobei er verschweigt, was er Böses tut.

Wenn ich erinnern darf: die Nazis nannten die Tötung von Behinderten auch Beseitigung von lebensunwertem Leben. Das Leben dieser Menschen sei nicht lebenswert. Und die Zwangsräumung der Klöster geschah nach ihnen auch nicht aus Bosheit, sondern aus der Überzeugung, dass Klostergebäude im Krieg für Notwendigeres aufgemacht werden müssten. Kein Bösewicht sagt, dass er Bösewicht ist, er gibt immer eine Begründung, die ehrenwert scheint.

Quintessenz: Wissenschaft ist nur hilfreich, wenn sie unter den Ethik steht. Nur was gut ist, kann dem Menschen wirklich dienen. Was aber gut ist, darüber kann nicht abgestimmt werden. Hier kommt Demokratie an ihre Grenzen. Darüber später noch mehr.

Als dritten modernen Mythos nennt Ratzinger die Freiheit. Er sagte:

„Auch der Begriff der Freiheit hat in der Neuzeit mythische Züge angenommen. Freiheit wird nicht selten anarchisch und einfach antiinstitutionell aufgefasst und wird damit zu einem Götzen. Menschliche Freiheit kann immer nur Freiheit des rechten Miteinander, Freiheit in der Gerechtigkeit sein, andernfalls wird sie zur Lüge und führt in die Sklaverei“. (s.o.)

Mit meinen Worten: Freiheit darf nicht ein absoluter Wert werden. Meine Freiheit stößt immer an die Freiheit des Anderen. Sie muss sich unter das Maß der Gerechtigkeit beugen. Meine Freiheit darf nie der einzige und oberste Wert werden. Ich würde mich selbst zerstören und den anderen schaden.

Fortschritt, Wissenschaft und Freiheit, diese teils mythisch gewordenen Begriffe und Ziele müssen sich unter Ethik beugen. Gelten nur soweit sie gut sind für den Menschen. Was ist gut für den Menschen. Die Antwort darauf hängt ab von dem, was man unter Menschsein versteht, hängt vom Menschenbild ab.

Hier ist nun die Antwort von Ratzinger interessant. Er sagt nicht: hier setzt Religion oder christlicher Glaube ein, sondern er sagt: hier setzen Vernunft und Glaube ein. Aber zuvor deckt er noch einen oberflächlicheren und moderneren Mythos auf. Die demokratische Entscheidung. Für die Politik sei ein demokratische Entscheidung zwar meist das Beste, aber nicht für alle Fragen. Er sagte „Es gibt Werte, die keine Mehrheit außer Kraft zu setzen das Recht hat. Die Tötung Unschuldiger kann nie Recht werden und von keiner Macht zu Recht erhoben werden. Auch hier geht es letztlich um die Verteidigung der Vernunft. Die Vernunft, die moralische Vernunft steht über der Mehrheit. Aber wie können diese letzten Werte erkannt werden, die die Grundlage jeder vernünftigen, jeder moralisch rechten Politik sind und daher über allen Wechsel der Mehrheiten hinaus alle binden?“

Ich kann hier die Antworten von Kardinal Ratzinger nur kurz zusammenfassen. Es geht hier ja auch weniger um die letzten Antworten, als um die Aufmerksamkeit auf die Gefahren, die uns bedrohen.

Ratzinger stellt zufrieden fest, es gebe heute einen Wertekanon, der aber leider zu unbestimmt ist. Die Dreiheit von Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ist zwar anerkannt, aber zu unbestimmt. Was dient dem Frieden, was der Gerechtigkeit, was der Schöpfung? Andere allgemein anerkannte Werte sind gleiche Würde aller Menschen welcher Rasse, welchen Alters und welchen Geschlechts, Rechtsgleichheit vor dem Gesetz. Freiheit des Denkens und Glaubens. Auch hier gibt es Undeutlichkeiten. Das Lebensrecht ist das umstrittenste. Abtreibung wird als Freiheitsrecht der Frau hingestellt. Versuche an Menschen wird als Notwendigkeit für die Medizin hingestellt. Hier muss Wissenschaft und Freiheit entmythologisiert werden.

Ratzinger nennt noch zwei weitere wunde Punkte: Verhöhnung von Werten die anderen heilig sind, von religiösem Glauben, wird als Freiheitsrecht hingestellt. Wörtlich schreibt Ratzinger „Zu grundlegenden Freiheitsrechten zählt man das Recht, das Heilige der Christen in den Staub zu ziehen und mit Spott zu überschütten. Und endlich ist da ein weiterer dunkler Punkt: Ehe und Familie scheinen nicht weiter als grundlegende Werte einer modernen Gesellschaft. Eine Vervollständigung der Wertetafel und eine Entmythologisierung von mythisch entstellten Werten ist dringend geboten“.

Notwendig ist für Ratzinger rationale Vernunft, die aber erhält wesentliche Erleuchtung vom religiösen Glauben. Der Staat kann letztlich nicht vom Glauben bestimmt sein, wohl aber von der Vernunft. Die Vernunft aber erhält wesentliche Hilfe vom religiösen Glauben, konkret z.B. von den zehn Geboten. Wörtlich sagt Ratzinger: „Der Dekalog ist nicht ein Sonderbesitz von Christen oder von Juden. Es ist ein höchster Ausdruck moralischer Vernunft, der sich als solcher weithin auch mit der Weisheit anderer großer Kulturen trifft. Am Dekalog wieder Maß zu nehmen, könnte gerade für die Heilung der Vernunft, für das neue Aktivwerden der recta ratio wesentlich sein. Der Glaube ersetzt nicht die Vernunft, aber er kann zur Evidenz der wesentlichen Werte beitragen.“ Und dann kommt ein für mich als Mensch des letzten Jahrhunderts und der Hitlerzeit wichtiger Schlusssatz von Ratzinger. Er erklärt, warum die Verfassungsgeber unmittelbar nach dem Krieg so weise waren. Ratzinger schließt seinen Vortrag mit den Worten „Im vergangenen 19. Jahrhundert, hat wie in allen Jahrhunderten, gerade das Zeugnis der Märtyrer die Exzesse der Macht begrenzt und so entscheidend zur Genesung der Vernunft beigetragen.“

Die Vernunft wurde durch die Leiden des Krieges und der Diktatur geheilt. Manche Unvernunft geschieht heute vielleicht, weil wir soweit entfernt sind von wirklichem Leiden. Manche verrückte Idee wird heute vielleicht gepflegt und geboren, weil die Menschen mit diesen Ideen, sich von der Vernunft und dem Glauben zu weit entfernt sind.

Eine dieser seltsamen Ideen – hier spricht nicht mehr Ratzinger sondern Galen – ist die nahezu rechtliche Gleichstellung der sexuellen Liebe zwischen zwei Männern mit der Liebe eines Mannes  und einer Frau. Während immer weniger Männer und Frauen sich verbindlich vor der Gesellschaft in der Ehe auf einander einlassen wollen, wollen homosexuell orientierte Männer oder Frauen diese Verbindlichkeit. Die Gesellschaft lächelt nicht über solche Unvernunft, sondern meint, aus Toleranz solche Gleichstellung von Ungleichen zu billigen, ja meint, sie müsse ein Recht darauf verbriefen. Ich Kardinal Galen greife mir an den Kopf.

Ich komme zum Schluß und komme nochmals auf Benedikt – nicht mehr den Kardinal zurück. In seiner Botschaft für den Weltfriedenstag stellt er als Bedrohung des Weltfriedens den Nihilismus parallel zum Terrorismus. Am Neujahrstag sprach er von der Trias: Terrorismus, Nihilismus, religiösem Fundamentalismus. Ich wundere mich nicht, dass er Terrorismus und religiösen Fundamentalismuns kritisiert. Er liegt damit nur auf der Linie aller. Von einem Papst ist nichts Anderes zu erwarten. Dass er aber auch den Nihilismus als Feind des Friedens bezeichnet, sollte aufhorchen lassen. Was versteht er unter Nihilismus. Man kann es aus seinen vielen Veröffentlichungen erschließen. Nihilismus ist für ihn die Überzeugung, dass der Mensch letzte Wahrheiten und Werte nicht erkennen kann. Wer leugnet, dass es letzte verbindliche Wahrheiten und Werte gibt, ist der Überzeugung, dass jeder Mensch eigentlich alles tun und lassen darf, was ihm die Gesellschaft erlaubt. Er darf sich nur nicht erwischen lassen. Oder, wenn er ein wenig weiter denkt: es ist alles erlaubt, was durch demokratische Abstimmung gebilligt wird. Wenn die Mehrheit der Gesellschaft meint, man dürfe Menschen über 60 oder über 70 oder über 80 stillschweigend ins Jenseits befördern, dann ist das ethisch erlaubt, die Mehrheit hat ja zugestimmt. Oder wenn die Mehrheit meint, es dürften nur Menschen auf die Welt kommen, die körperlich gesund sind, dann dürfen legal und ethisch gebilligt, alle kranken oder behinderten zu jedem Zeitpunkt beseitigt werden. Oder wenn die Mehrheit meint, der Islam sei die richtige Sache, dann wird der Islam zur Zwangsreligion. Die Minderheit – auch wenn es 49 Prozent der Gesellschaft sind – muss sich beugen. Demokratie gilt, Mehrheit ist Mehrheit. Das alles ist Nihilismus. Und das ist einer der heimlichen, unheimlichen Feinde der heutigen Menschheit. Da dieser Feind des Menschen und der Menschheit von so wenigen erkannt ist, ist er viel gefährlicher als Terrorismus, von dem alle sprechen. Nihilismus ist wie ein Virus, der sich heimlich einschleicht und festsetzt und ausbreitet, bis er den Organismus der Gesellschaft ganz vergiftet hat. Und wenn die Kräfte der Seele und des Herzens der Menschen abstumpfen, absterben, wie Papst Benedikt zum Neujahr sagte, dann setzt sich der Virus des Nihilismus leichter durch.

Und damit bin ich zurück bei meinem Ausgangspunkt: Wir Menschen im modernen Dorf erhalten so viele Informationen, Motivationen durch qualifizierte Unterhaltung, dass die Gefahr der Abstumpfung sehr groß ist. Wir können nicht mehr weinen über Tote und Verletzte, über Kriege und Verbrechen. Wir stecken sie weg und zappen zur nächsten Sendung.

Ich schließe: Die Hitlers, die ich erlebt habe, die Volksverdummer, die ihr erlebt, sie sind unsere Feinde, wir werden unser Menschsein nur retten, wenn wir uns ganz einfach an die 10 Gebote halten, an die Bibel, an die Gottes- und Nächstenliebe. Und wenn wir das tun in Schweigen und Lauschen auf das, was der liebe Gott uns in unserem Inneren sagen will. Amen

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Ansprache in die Feder geschrieben von
Martyrer Nikolaus Groß
in Mülheim/Ruhr am 21.1.2007
von P. Eberhard v. Gemmingen

 Verehrte Damen und Herren, liebe Mitchristen,

erlauben Sie mir, mich erst einmal vorzustellen. Ich heiße Nikolaus Groß, bin Bergmann, wurde später auch Journalist und ein wenig Lokalpolitiker. Geboren wurde ich 1898 im Ruhrgebiet, genauer in Winz-Niederwenigern als Sohn eines Schmiedemeisters. Ich bin später ein wenig bekannt geworden durch meine Artikel in der Westdeutschen Arbeiterzeitung. Hier setzte ich mich in der Zeit zwischen dem ersten dem zweiten Weltkrieg vor allem für die Arbeiter im Ruhregebiet ein. Angetrieben wurde ich dazu durch die miserable Lage der Bergarbeiter und ihrer Familien im Ruhrgebiet. Leiten ließ ich mich dabei durch die katholische Soziallehre leiten. Ich wusste, dass die Kommunisten auf der einen und die Nationalsozialisten auf der anderen Seite um die unzähligen Arbeitslosen kämpften und sie gleichzeitig vor ihre ideologischen Karren spannen.

Ich selbst kam aus einem tief gläubigen katholischen Elternhaus, hatte  nur die achtklassige Volksschule gemacht, wurde mit 16 Jahren Jungarbeiter im Blechwalzwerk und im Röhrenwerk in Altendorf an der Ruhr. Es folgten drei Jahre als Schlepper in der Zeche Dahlhausener Tiefbau. Als ich 19 Jahre alt war, trat ich in den „Christlichen Gewerkschaftsverein Deutschlands“ ein, ließ mich in Abendkursen vor allem im politischen Reden schulen – und trat dann auch in die katholische Zentrumspartei ein.  Mit 22 Jahren machte mich „Gewerkverein christlicher Bergarbeiter“ zu seinem Jugendsekretär für den Bezirk Oberhausen, und ein Jahr später schon wurde ich Hilfsredakteur des „Bergknappen“. Das war die Zeitschrift der christlichen Bergarbeiter. Sehr nützlich war für meine spätere eher politische Tätigkeit, dass ich – noch vor meiner Heirat – mit nur 24 Jahren für ein paar Monate Gewerkschaftssekretär im schlesischen Waldenburg und dann für zwei Jahre in Sachsen Gewerkschafts-bezirksleiter in Zwickau wurde. Ich war also schon in jungen Jahren ein wenig rumgekommen, kannte nicht nur mein Ruhrgebiet und seine Probleme, sondern ein wenig Schlesien und Sachsen.

Wohlgemerkt, es ging damals immer um christliche Gewerkschaftsarbeit. Sie können sich das vielleicht gar nicht so recht vorstellen, denn heute bedeutet ja Arbeit in der Gewerkschaft noch einmal etwas ganz Anderes. Damals gab es keine Einheitsgewerkschaft, sondern eben auch eine christliche Gewerkschaft. Vorher war es Katholiken sogar verboten gewesen, sich gewerkschaftlich mit anderen Arbeitern zu organisieren. Die Kirche fürchtete, dass dann auch die katholischen Arbeiter kommunistisch oder wenigstens sozialistisch infiltriert wurden. Das wollte die Kirche verhindern.

Man muss sich auch daran erinnern, dass das Ruhrgebiet damals so etwas wie Silicon-valley war, ein Gebiet, in dem es für die Wirtschaft boomte, freilich zu einem guten Teil auf dem Rücken der Bergarbeiter, die unter Tags wild schuften mussten. Mich bewegte vor allem, dass die Arbeiter unter Tag noch sehr ausgebeutet wurden. Es war nicht mehr so schlimm wie 50 Jahre vorher in Manchester. Aber die Arbeiter hatten im Vergleich zu heute wirklich wenig Rechte, und die allermeisten von ihnen waren vor allem zu wenig gebildet und vor allem in Fragen des Rechtes und der Politik ausgebildet. Es gab zwar schon die päpstliche Enzyklika „Rerum Novarum“ von Papst Leo XIII. Aber erstens war sie in die Arbeiterkreisen viel zu wenig bekannt, und zweitens lag Deutschland nach dem Ende des 1. Weltkrieges politisch, gesellschaftlich und sozial am Boden. Nur wenige schätzten die neu eingeführte Demokratie, denn die Politiker schienen nur ihre Spielchen zu treiben und sich nicht um die Probleme der Arbeiter und Normalmenschen zu kümmern. Als ich 19 Jahre alt und Jungarbeiter im Walzwerk war, stürzten in Russland die Bolschewiken den Zar und führten ein kommunistisches Regime ein. Von ihm wusste ich, dass meine Kirche das ablehnte. Aber noch gab es nicht die zweite Sozialenzyklika „Quattragesimo anno“ von Papst Pius XI. Sie erschien erst 1931, als ich schon Chefredakteur der „Westdeutschen Arbeiterzeitung“ war.

Es kam dann – wie es  kommen musste. Adolf Hitler verfolgte seinen Weg zur Macht langsam und konsequent und gewann schließlich demokratisch. Sseine Partei, die NSDAP, wurde im Ruhrgebiet auf mich als einen ihrer Gegner aufmerksam. Ich hatte mich aus christlichem Geist für die Menschen und insbesondere für die  Bergarbeiter in der Presse und in der Öffentlichkeit eingesetzt. Wenn man so will, hat es ziemlich lange gedauert, bis sie mich dann als gefährlich erkannten. Denn erst im Sommer 1944 wurde ich verhaftet und am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Vorausgegangen waren auch meine konspirativen Treffen mit den Männern, die sich Gedanken über die Zeit nach Hitler machten oder gar den Umsturz planten. So kannte ich auch den Jesuitenpater Alfred Delp, die Politiker Carl-Friedrich Goerdeler und Jakob Kaiser, Prälat Otto Müller und vor allem meinen engsten Mitstreiter Bernhard Letterhaus.

Familienleben

Bevor ich nun endlich von dem spreche, wozu ich hierher gebeten wurde, noch kurz ein Blick auf meine Familie. Mit 26 Jahren heiratete ich Elisabeth Koch, die ich sehr, sehr liebte. Wir hatten zusammen sieben Kinder. Und wegen meiner Frau und meinen lieben Kindern fragte ich mich bei meiner polischen Tätigkeit immer wieder, ob ich tun dürfe, was ich tat. Denn ich gefährdete ja nicht nur mich selbst, sondern auch sie. Die Nazis praktizierten ja Sippenhaft. Um einen Gegner auszuschalten, drohte man nicht nur ihm, sondern seiner ganzen Familie. Ich aber war der Überzeugung, dass ich für meine Mitmenschen und mein Volk tun musste, was ich tat – nämlich die Menschen an die von Gott gegebene gerechte und soziale Ordnung in Staat und Gesellschaft zu erinnern. Sich zu diesen Überzeugung aber durch zu ringen und – trotz aller Anfechtungen – sie auch festzuhalten, war nicht so einfach wie das jetzt klingt. Auch ein Märtyrer ist ein  ringender und schwacher Mensch. Auch das Martyrium fällt einem nicht in den Schoß. Und die kritischen Rückfragen an mein politisches Tun kamen nicht nur von außen, von gut meinenden Freunden, sondern auch von innen: von meinen Zweifeln, meiner Angst, von meiner Liebe zu Frau und Kindern.

Was Nikolaus Groß an den Christen von heute bewundert.

Und nun liebe Freunde soll ich Ihnen ja etwas in Ihre heute Situation hinein sagen, ins beginnende 21 Jahrhundert und zu Anfang des Jahres 2007. Ich habe meine persönliche und berufliche Geschichte vorausgeschickt, denn ich gehe davon aus, dass Sie nicht  a l l e  so genau bescheid wissen über den Nikolaus Groß, der sogar vor sechs Jahren selig gesprochen worden ist. Sie sollten wissen, wer hier zu ihnen spricht, damit Sie das, was er sagt, ein wenig einordnen können.

Ich möchte als erstes Ihnen, meine lieben Mitchristen, meine allergrößte Hochachtung aussprechen. Ja meine Hochachtung gilt Ihnen als Christen. Denn Christsein ist ja heute außerordentlich schwer geworden. Sie gefährden durch ein christliches Leben zwar nicht Ihr Leben wie ich das meine gefährdet habe. Aber Sie stehen auch wesentlich größeren Bedrohungen gegenüber als ich zu bestehen hatte. Vor allem sind diese Bedrohungen viel hinterlistiger und daher gefährlicher. Sie kommen auf Samtpfoten daher. Sie kommen durch wohlklingende Worte – nicht durch politische Parolen wie zu meiner Zeit. Die Bedrohungen für ihren Glauben kommen zu Ihnen durch das Radio und durch Musik oder was man bei ihnen so Musik nennt. Sie kommen durch preiswerte Angebote, sie kommen natürlich durchs Fernsehen, sie kommen durch Politiker, die nur an die nächste Wahlperiode denken, sie kommen aber auch durch gesellschaftliche und sogar durch theologische Parolen zu Ihnen.

Kurz: Ihr christlicher Glaube wird ganz heimlich, und eher unheimlich durch tausend Feinde auf Samtpfoten bedroht. Und Sie – Hut ab! – widerstehen erstaunlich gut. Ich meine jetzt nicht die Menschen, die irgendwo draußen sind, sondern Sie, die Sie hier sind und mir zuhören.

Trotz aller gegenteiligen Beeinflussung gehen Sie sonntags zum Gottesdienst, interessieren sich mehr oder weniger für die Bibel, diskutieren religiöse oder weltanschauliche Fragen. Manche von ihnen machen wohl auch mal eine Wallfahrt, gehen sogar manchmal – wenn auch sehr selten – zur Beichte. Die meisten von ihnen versuchen, ihre Kinder religiös zu erziehen – wenigstens solange sie minderjährig sind. Viele von Ihnen richten sich auch in Ihrem Wahlverhalten mehr oder weniger nach christlichen Prinzipien. Kurz: Sie, die sie hier sitzen, halten an ihrem christlichen Glauben trotz aller heimlich-unheimlichen Bedrohung fest. Ich bewundere Sie, denn ich weiß, wie das manchmal schwer ist. Ich habe es in meinem eigenen Leben erfahren, und ich weiß, wovon ich spreche.

Natürlich bin ich mir auch darüber im Klaren, dass Sie unter den christlich Getauften nur eine kleine Minderheit sind. Die meisten Getauften kümmern sich nicht um die Glaubenstatsache, dass sie in den geheimnisvollen Leib Christi eingegliedert sind. Umso schwerer muss es Ihnen fallen, Ihren Glauben zu leben – in Familie, Gesellschaft, Politik. Sie versuchen es, und ich danke Ihnen dafür.

Ich möchte Ihnen noch ein paar weitere Gründe sagen, warum ich Sie bewundere: in Ihren Familien gibt es Kinder, vielleicht nicht viele, aber immerhin gibt es sie. Heute ist ja fast jedes Kind ein gewolltes Kind, ein Kind, das angenommen wird, obwohl die Eltern wissen, dass ihnen das Kind Konsumverzicht abverlangt. Bei meinen sieben Kindern war das anders. Sie kamen halt so. Wir haben uns eigentlich nicht für sie entschieden, sondern sie nur angenommen. Sie entscheiden sich freiwillig für Kinder und die dazugehörigen Sorgen und Verzichte. Ist das nicht schön?

W i r  haben damals nur für die Rechte unserer Gruppen und Familien gekämpft, wenn wir uns für gerechte Löhne einsetzten.  S i e   setzen sich durch die kirchlichen Hilfswerke für Menschen in aller Welt ein, Sie bringen dafür Opfer, verzichten auf dies und jenes, zeigen weltweite Solidarität und Friedenswillen.

Zu meiner Zeit sind viele junge Katholiken in einen Orden oder in ein Kloster eingetreten, weil sie von Zuhause her kaum eine berufliche Chance hatten, weil die Gesellschaft das schön und lobenswert fand, weil man dabei vielleicht sogar sozial aufstieg. Heute ist der Eintritt in ein Kloster oder einen Orden oft ein wirklicher Verzicht auf Karriere und Beruf. Auch Eltern müssen heute oft ein Opfer bringen, wenn sie eines ihrer Kinder in einen Orden eintreten oder Priester werden lassen.

Damals war es in weiten Kreisen selbstverständlich zur Kirche und konkret zum Pfarrer zu stehen. Kirche und Pfarrer waren geachtet und respektiert. Heute wird man in weiten Kreisen belächelt, wenn man etwas mit der Kirche am Hut hat. Wenn Sie sich also für einen katholischen Märtyrer interessieren, dann sind sie Außenseiter. Dann wagen Sie, sich zu exponieren, belächelt zu werden, ausgegrenzt zu werden. Verstehen Sie also, warum ich Sie bewundere?

Was Nikolaus Groß den Menschen heute ans Herz legt.

Und auf diesem Hintergrund der großen Bewunderung für Sie, möchte ich Ihnen nun ein paar Dinge ans Herz legen, die ich an Ihrer Stelle jetzt zu Anfang des 3. Jahrtausends kirchlich und gesellschaftlich tun oder worauf ich besonders achten würde. Ich gehe dabei von dem aus, was ich als Bergmann und Journalist zur Hitlerzeit und davor getan habe. Ich bin kein Papst, kein Bischof, auch kein Pfarrer, sondern ein gesellschaftlich engagierter Gewerkschafter und Journalist. Und glauben Sie mir: es ist mir sehr ernst, denn ich beurteile Ihre Zeit und geschichtliche Lage sehr ernst. Es steht für Sie und Ihre Kinder und Enkel sehr viel auf dem Spiel. Wenn Sie nicht wollen, dass spätere Generationen Sie verurteilen, dann müssen Sie jetzt sehr wach, engagiert und mutig handeln

Beginnen wir bei der Wachheit: Einer der Hauptfeinde der heutigen westlichen Menschheit ist, dass sie schläft und sich dabei einlullen lässt. Haben Sie es nicht schon gemerkt, dass der moderne Mensch entweder immer Musik hört oder immer mit neuen Bildern beschossen wird oder irgendwelche Eindrücke auf seine Sinne abgeschossen werden. Alle Sinne sind ständig auf Events eingestellt. Das macht den Menschen verrückt – oder einfacher ausgedrückt – das lullt ihn ein, das verhindert sein Denken, vor allem sein kritisches Nachfragen. Es kommt dazu, dass grundlegende körperliche Bedürfnisse nach Essen und Trinken vorher so befriedigt sind, dass sie sich nicht mehr so melden, wie das der Fall wäre, wenn ein Mensch Hunger oder Durst hätte. Denn Hunger und Durst wecken den Menschen gleichsam auf aus dem Eingelulltsein, erinnern ihn an Grundlegendes. Weil Hunger und Durst schnell befriedigt werden, kann das Eingelulltwerden sofort weitergehen. Der Mensch wird nicht zurückgeworfen auf wirklich Notwendiges, nämlich die Erhaltung des körperlichen Lebens, sondern kann seine Sinne gleich wieder betäuben. Die Überfütterung mit akustischen und optischen Eindrücken verhindert das kritische Denken. Die Menschen fragen sich nicht mehr, was für sie wirklich gut und notwendig ist. Sie können zwar auch in dieser Situation noch enorm viel leisten. Es kann sein, dass sie beruflich auch mit großem Fleiß Karriere machen. Es kann sein, dass ihr kritisches Denken in wichtigen Teilbereichen des Lebens durchaus weitergeht. Daher kann auch der im Privatbereich eingelullte Mensch im Beruf Höchstleistungen erbringen – gerade in Fragen der Naturwissenschaft, auch des Rechtes und der Logik. Aber es kann sein, dass einem solchen erfolgreichen Menschen gleichzeitig Anderes und vor allem selbstkritisches Denken ausfällt. Daher kommt es ja auch immer wieder vor, dass Menschen seelisch erkranken, obwohl sie im Beruf größte Erfolge haben. Sie erkranken seelisch, weil ein Teil ihres Bewusstseins eingelullt ist, betäubt und betört. Weil sie in Teilen ihres Lebens sich nur von außen steuern lassen, sich manipulieren, eben einlullen lassen.

Bis hierher habe ich von den einzelnen Menschen her gedacht. Jetzt denke ich von den Einlullern her. Wer will den Menschen einlullen? diejenigen, die ihre Macht sichern und ausweiten wollen. Das sind Politische Kräfte und wirtschaftliche Mächte. Einrichtungen, die etwas verkaufen wollen, wollen auch einlullen. Und Einrichtungen, die ihre Macht sichern und ausdehnen wollen, müssen die Menschen einlullen.

Natürlich nutzen politische Parteien und wirtschaftliche Unternehmungen auch Argumente. Sie zeigen auf, warum man eine Partei wählen soll, warum man einen Gegenstand kaufen soll. Die moderne Psychologie hat Parteien und Unternehmern gelehrt, wie man überzeugen kann und soll. Niemand geht plump vor, aber meistens gehen sie einseitig vor. Die Aufmerksamkeit wird auf einen kleinen Kreis eingeengt.

Bleiben wir zunächst bei der Politik. Alle Fachleute wissen, dass im Wahlkampf die Aufmerksamkeit der Wähler auf einige Haupt-Themen begrenzt werden muss. Der Wähler kann nicht alle Themen und Argumente im Blick haben. Die Meinungsforschung sagt den Politikern was dem Wahlvolk zum Zeitpunkt der Wahl am wichtigsten ist. Die Politiker konzentrieren sich auf diese Themen, um die Stimmen zu gewinnen. Ganz bewusst werden natürlich dann anderen Themen weggelassen. Das sind Themen, die vielleicht für den Menschen noch wichtiger sind. Aber wenn der Politiker sie jetzt ansprechen würde, würde er wahrscheinlich verlieren. Wenn ein Politiker nur davon sprechen würde, dass er dem Wähler Opfer zumuten muss, würde er gewiss verlieren. Unangenehmes wird ausgeblendet, auch wenn es noch so wichtig ist. So sind Politiker direkt gezwungen, die Aufmerksamkeit seines Wahlvolkes von Unangenehmem abzulenken.

Die berühmte Meinungsforscherin Noelle-Neumann hat die so genannte Schweigespirale entdeckt. Sie hat erkannt: Wenn eine Ansicht in der Öffentlichkeit selten vertreten wird, dann werden Personen, die dieser Ansicht sind, auch immer weniger von ihr sprechen. Beispiel: in einem Schnellzugsabteil sitzen 4 Personen, die die Politik von Präsident Bush falsch finden und es sind 2 Personen, die zwar Vorbehalte habe, sie aber dennoch gut finden. Wenn nun dort eine gemeinsame, laute Diskussion über Präsident Bush stattfindet, werden sich vermutlich im Lauf der Diskussion die 2 Bushverteidiger immer weniger zu Wort melden. Nicht etwa, weil sie von den anderen überzeugt wurden, sondern weil es unangenehm ist, in der Minderheitenposition zu sein. Vielleicht gibt es überzeugendere Beispiele: Nehmen wir an, jemand ist der Überzeugung, die Sexualmoral der katholischen Kirche sei gut und richtig und menschenfreundlich, sie entspreche auch der Bibel. Wenn er diese Ansicht in der Öffentlichkeit laut vertritt, wird er vermutlich bald wahrnehmen, dass er in der Minderheit ist, dass er belächelt wird. Es gehört viel Mut und Zivilcourage dazu, diese Meinung gegenüber einer Mehrheit langfristig vorzutragen. So wie die Menschen nun mal gebaut sind, wird diese Meinung, weil es eine Minderheitenmeinung ist, eher leiser werden. Sie wird immer weniger vertreten werden .Man wird sie immer mehr verschweigen. Das ist die Schweigespirale. Wenn etwas in der Öffentlichkeit wenig vertreten wird, dann nimmt auch dies immer mehr ab. Und das gleiche gilt für die Medien. Zeitungen müssen verkauft werden, Radio und Fernsehen muss eingeschaltet werden .Wenn das nicht geschieht, dann wird der Geldhahn zugedreht. Minderheitenmeinungen werden daher in vielen Medien immer wenige verbreitet. Die Mehrheitsmeinungen dominieren, beherrschen. Das habe ich – Nikolaus Groß – zu meiner Zeit und als Journalist und angesichts der Machtübernahme vom Adolf Hitler leidvoll erfahren. Die meisten Menschen sind keine Helden, sind auch keine Vordenker. Leider sind sie aufgrund dessen was man Erbsünde nennt, Mitläufer. Und weil das so ist, braucht die Kirche, braucht jede Gesellschaft Vordenker, Vordenker, die sich von einem Ethos leiten lassen. Letztlich von Liebe zum Menschen.

Nochmals: niemand ist gerne einsam, niemand ist froh darüber, wenn er oder sie mit seiner Meinung ganz alleine da steht. Daher schließen sind die meisten gerne der Mehrheitsmeinung an. Das ist im normalen Leben oft ungefährlich. Das kann aber im Lauf der Geschichte auch verheerende Folgen haben. Dabei geht es nicht nur um die Angst vor Diktatoren. Es geht auch um die Flucht vor der Einsamkeit, wenn man mit seiner Meinung alleine da steht, wenn man sich dumm und missverstanden fühlt.

Wenigstens die Kenntnis der Schweigespirale könnte uns helfen, politischen Irrwegen nicht zu folgen, uns in Politik weniger oder gar nicht manipulieren zu lassen.

Nun noch ein kleiner Blick auf die Mächte, die uns wirtschaftlich ausnützen wollen, die vielleicht durch unsere Dummheit Geld verdienen und so Macht gewinnen wollen.

Lehnen wir uns nur zunächst einmal ein wenig zurück und betrachten unsere Welt: wenn Afrikaner, Asiaten, Lateinamerikaner oder auch Menschen in Ländern in Mittel-Ost-Europa zu uns kommen, werden sie gleichsam erschlagen vom Warenangebot in unseren Geschäften. Und das Warenangebot bleibt ja in den Geschäften nicht liegen, sondern es gibt genügend Menschen, die es kaufen können und wollen. Wir haben also vergleichsweise viel Waren und viel Geld. Dennoch müssen viele Deutsche seufzen über Preissteigerungen, über Unerschwinglichkeit, über veraltete Kleidung, alte Autos, alte Fernsehgeräte, weil sie keine neuen kaufen können. Also es gibt Grund zum Klagen – für viele Deutsche. Aber wenn wir uns mit anderen Menschen vergleichen, gibt es nur Grund zum Jubeln. Damit die Wirtschaft läuft, müssen Gegenstände veralten und Maschinen verbessert werden, müssen Menschen Neues kaufen können. Gerade Arbeitsplätze entstehen und werden dadurch erhalten, dass man Altes ausmistet und neues kauft.

Und dennoch: vielleicht wäre unsere Gesellschaft humaner, wenn wir ihre Menschlichkeit nicht so stark von den Arbeitsplätzen her berechnen würden, sondern von anderen Kategorien. Erinnern Sie sich bitte: Touristen, die aus Indien oder Mexiko oder Kenia zurückkehren, sind immer sehr bewegt von der Fröhlichkeit armer Menschen. Ihr Lebensgefühl hängt offenbar weniger von der Verfügbarkeit des privaten Einkommens ab. Sie leben offenbar trotz materieller Not von der Erfahrung, dass das Leben ein Wert ist. Dass es schön ist, zu leben, dass es gut ist, eine Familie, ein wenig Dach über dem Kopf zu haben.

Müssen wir zurück zu Urerfahrungen, zu dem Aufschrei: wir haben noch einmal überlebt? Gab es diesen Ruf nicht im Jahr 1945: Wir haben noch einmal überlebt? Trotz Millionen von Flüchtlingen, trotz hunderttausender, die ihr Leben im Krieg verloren hatten.

Könnte es uns vielleicht gelingen, materiell genug zu haben und gleichzeitig weit über Materielles hinaus zu leben? Könnte es uns gelingen, satt zu sein und dennoch Hunger zu haben nach Freude, nach Gerechtigkeit, nach Frieden, nach Sinn, nach Gott? Hunger nach wirklichem Lebenssinn, Hunger nach Wahrheit des Lebens, Hunger nach tiefen, guten Beziehungen, Hunger nach innerer Freiheit, Hunger nach dem Glück der Anderen, nach dem Sattsein der Anderen, nach dem Gesundsein der Anderen. Wirklichen Hunger. Dann würden wir vielleicht weniger umher getrieben von Preissteigerungen, die uns ungerecht erscheinen, von Wohnungsmieten, die uns ungerecht dünken, nach Kuraufenthalten, die unbezahlbar sind. Wenn wir einen Ausgleich im Hunger nach unbezahlbaren Gütern haben, dann leiden wir weniger unter den Preisen von bezahlbaren Waren.

Ich hatte oben gesagt, dass mich die Weltsituation beunruhigt, dass es sehr auf Sie heute ankommt, dass Sie richtig handeln müssen. Ich habe bisher von dem Stichwort „Wachheit“ und der Gefahr des Schlafens und Einlullens gesprochen.

Ich komme nun zu dem zweiten Wunsch an Euch: Engagement.

Ich habe bei Kardinal Ratzinger, - entschuldigen Sie bitte – bei Papst Benedikt gelesen, dass er die Art der Entwicklungshilfe für Afrika, Asien und Lateinamerika durch reichere Staaten kritisiert hat. Er weist in einem Aufsatz darauf hin, dass man sich bewusst dabei nur auf materielle Güter konzentriert habe, dass es der Entwicklungshilfe nur darum geht, den Hunger zu überwinden, die Krankheiten auszurotten, eine Infrastruktur zu bauen, damit arme Völker sich in Zukunft selbst ernähren können. Man habe bewusst entschieden: Erst wenn die materiellen Bedürfnisse befriedigt seien, könne man sich geistigen und seelischen zuwenden. Und Papst Benedikt kritisiert diese Vorstellung von Entwicklungshilfe. Man kann nach seiner Ansicht Körper und Geist nicht so von einander trennen. Mit materiellen Gütern müssten auch geistige Werte transportiert werden. Der Mensch auch in Afrika, Asien und Lateinamerika lebe nicht allein vom Brot. Trotz aller materiellen Not hungere auch er nach Lebenssinn, nach Antwort auf die grundlegenden Fragen der Existenz, nach Wahrheit, nach Gerechtigkeit, nach Frieden. Wenn man nur materiellen Hunger stille, sehe der Beschenkte sich nicht als humanes Wesen behandelt, sonder nur gefüttert wie ein Tier. Entwicklungshilfe müsse gleichzeitig Leib und Seele sättigen. Ich denke, der ehemalige Kardinal und jetzige Papst hat Recht.

Kehren wir aus der kinderreichen Dritten Welt zurück nach Europa. Hier fehlen bekanntlich die Kinder. Woran liegt das?

Natürlich an einer gewissen Bequemlichkeit. Wie aber kann man Menschen wieder motivieren, Kindern das Leben schenken zu wollen? Neben den wirtschaftlichen Voraussetzungen sind noch viel wichtiger die geistigen. Wer an einen tieferen Sinn des Lebens glaubt, der ist vermutlich offener für Kinder. Wenn ein junges Paar nicht nur in den Tag hinein lebt, sondern nach dem Sinn seiner Liebe fragt, wird dieses Paar sich vermutlich eher offen für Kinder zeigen.

Ich weiß, dass aufmerksame junge Menschen zweifeln können an der Zukunft unserer Welt und Kultur und vor allem an der Zukunftsfähigkeit Europas. Und dass das junge Paar sich dann auch fragt, ob man es den eigenen Kindern zumuten darf, sie in diese Welt hinein zu setzen. In eine Welt, die vielleicht bald von unglaublichen Naturkatastrophen bedroht sein wird, in eine Welt, die bald von den Chinesen total beherrscht sein wird, in ein Europa, das mehrheitlich muslimisch sein wird, in einen Globus, der bald von 30 Staaten beherrscht sein wird, die auf Atombunkern sitzen, wo man keinen Tag sicher sein kann, ob nicht ein Nuklearkrieg ausbricht, der Millionen Menschen das Leben kostet und der Millionen verstümmelte Menschen zurücklässt. Man kann verstehen, wenn aufmerksame junge Paare zögern, Kinder in diese Welt hinein zu gebären.

Wenn junge Paar also vor diesen Fragen stehen, dann kann man ihnen als Christ vielleicht nur sagen: ohne Gottvertrauen und Vernunft kann man tatsächlich nicht leben. Die Vernunft sagt: dass wir schon jetzt seit über 50 Jahren Weltkonflikte ohne Atomkrieg überwunden haben, dass der Ost-Westkonflikt nicht durch Krieg, sondern durch Abnutzung und die besseren Argumente des Westens gelöst wurde. Das sagt die nüchterne Vernunft angesichts von weltweiter atomarer Bedrohung. Und der Glaube an einen liebenden Vatergott sagt: Wenn Du nicht an seine gütige, schützende Hand glaubst, kannst Du überhaupt nicht leben. Wenn wir unser normales Alltagsleben betrachten, so sind wir ständig von großen und größten Gefahren bedroht. Weil diese Gefahren im Straßenverkehr und in unsere Welt so alltäglich sind, daher beachten wir sie nicht mehr. Unser Leben kann überhaupt nur gelingen, wenn wir ein Grundvertrauen in Gottes Schutz haben. Wir würden verrückt, wenn wir ständig alle möglichen Gefahren im Auge hätten. Kinder können nur mit Grundvertrauen in das Leben aufwachsen. Auch Erwachsene brauchen dieses Grundvertrauen, wenn sie nicht verrückt werden wollen und am Leben verzweifeln wollen.

Zurück zu den Kindern: Kinder sind Zeichen eines normalen Grundvertrauens und Kinder sind Zeichen einer normalen Selbstlosigkeit. Denn wer Kinder hat, hat Freude, muss aber auch verzichten. Fehlt es heute auch an der Bereitschaft zum Verzicht? Wie vorher schon gesagt: zu meiner Zeit, also vor rund 90 Jahren haben wir Ehepaar gar nicht über das Kinderkriegen nachgedacht. Sie kamen halt. Heute geht dem Kind in der Regel ein bewusstes Ja zum Kind voraus. Und Ihr solltet dies Ja zum Kind neu lernen. Das sagt Euch ein Vater von sieben lieben Kindern, der durch seine Kinder sehr bereichert worden ist.

Die Welt der Arbeit und der Wirtschaft

Ich komme zu einem weiteren Thema. Und wohlgemerkt: Hier spricht ein ehemaliger Bergmann und katholischer Journalist. Ich habe zu meiner Zeit für die Bergarbeiter gekämpft, war Mitglied der katholischen Bergarbeitergewerkschaft. Ein Gewerkschaftler. Ich habe also Sympathien für gewerkschaftliche Arbeit. Das bedeutet für mich: ich kämpfe für Solidarität unter den Arbeitnehmern, denn nur gemeinsam sind sie stark. Aber ich kämpfe auch dafür, dass die Arbeitnehmer mit den Arbeitgebern zusammen- und nicht gegen sie arbeiten. Arbeitnehmer und Arbeitgeber haben unterschiedliche Interessen. Aber wenn sie sich gegenseitig kaputt machen oder lahm legen, dann haben beide nichts davon. Ich bin also gegen Klassenkampf. Aber in eure heutige Situation hinein muss ich sagen: Die Arbeitnehmer sind heute gut organisiert und oft auch vernünftig. Es gibt vernünftige Arbeitgeber, aber nicht alle sind vernünftig. Neben Arbeit Gebenden und Arbeitsplätze Habenden gibt es aber heute eine große gesellschaftliche Gruppe, die weder durch die eine noch durch die andere Seite vertreten und geschützt werden. Und diese dritte Gruppe ist heute diejenige, für die ich mich an Eurer Stelle von Herzen einsetzen würde. Es sind zum Teil Mütter mit Kindern, deren Väter nicht hinreichend verdienen können, es sind Alleinerziehende, es sind Menschen mit sehr geringer Rente, es sind Menschen, die ohne eigene Schuld keine Ausbildung bekamen. Eigentlich müssten sich die Arbeitgeber für diese Gruppe engagieren, denn sie sind keine gesellschaftliche Gegenkraft. Ich weiß natürlich, dass es auch hier Schmarotzer gibt, Menschen, die das soziale Netz missbrauchen. Aber man darf wirklich nicht davon ausgehen, dass die Mehrheit dieser Gruppe Schmarotzer sind. Ich als Gewerkschafter würde mich heute für Menschen engagieren, die keinen Arbeitsplatz haben, denen man wirklich helfen muss.

Eben sprach ich schon vom sozialen Netz. Der Staat ist kein soziales Netz, der Staat soll keine Familie sein, die für das Wohl aller sorgt. Er soll den Rahmen geben, damit Menschen und Gruppen hier ihre Verantwortung in die Hand nehmen können. Der Gesamtstaat soll sich nur um das kümmern, was Länder, Gemeinden und Familien nicht leisten können. Das nennt man Subsidiaritätsprinzip. Subsidium heißt auf Lateinisch „Hilfe“. Der Staat und die jeweils obere Organisation soll nur das in die Hand nehmen, was die untere nicht leisten kann. z.B. Außenpolitik und Landesverteidigung. Ich fürchte,  dass manche von Euch sich - ohne es zu merken - daran gewöhnt haben, dass der Staat sich um alles kümmert. In Einzelheiten kann ich mich hier nicht einmischen, die kenne ich zu wenig. Aber ich wollte Euch nur als alter Gewerkschafter meine Meinung dazu sagen.

Oben hatte ich mir von euch Wachheit, Engagement und Mut gewünscht. Zu dem, was ich jetzt sage, gehört zwar auch Wachheit und Engagement, vor allem aber vielleicht Mut.

Denn ich komme zu einem Thema, das mich als engagierter Katholik bewegt und was mir am Herzen liegt. Es dreht sich um die Gesamtkirche, um das Verhältnis der Katholiken Deutschlands zum Papst, zu Rom, zum Vatikan. Vermutlich werden manche von den hier anwesenden engagierten Katholiken jetzt denken: ja unser Verhältnis zu Rom ist öfter mal ein Problem. Vermutlich werden jetzt einige engagierte Katholiken auch denken: wir hoffen, dass Papst Benedikt sich wirklich von einem wilden Panzerkardinal in einen milden Familienvater verwandelt hat. Wir hoffen es, aber wir können dem bisherigen Frieden noch nicht ganz trauen. Zu sehr erinnern wir uns an die Kritik des ehemaligen Kardinal Ratzingers an der Befreiungstheologie, an der Theologie der Welt, an anderen theologischen und vor allem moraltheologischen Entwürfen, die aus Deutschland kamen. Er kritisierte auch immer wieder die – nach seiner Ansicht zu ausgebauten - deutschen Kirchenstrukturen. Er hat ja immer wieder davor gewarnt, dass es zu viele katholische Gremien gebe, dass in diesen Gremien entschieden würde, was eigentlich den Bischöfen zustehe, dass insbesondere das Zentralkomitee der deutschen Katholiken sich zu viel anmaße, dass Laien die Kirchenführung in die Hand nehmen wollten, dass Laien auch theologische und vor allem moraltheologische Fragen entscheiden wollten. Er hat den Ausstieg aus der Schwangerenkonfliktberatung gefordert, hat Laienpredigt verboten, hat das Laienengagement im Raum des Gottesdienstes kritisch hinterfragt. Er scheint auch vieles an der nachkonziliaren Liturgie nicht zu lieben, einfach vieles, was in den letzten 40 Jahren gewachsen ist. Ratzinger schien hauptsächlich zu kritisieren. Nun aber als Papst scheint er, sich bekehrt zu haben, er wirkt milde und sanft, er lächelt und umarmt Kinder und er vermeidet heikle Fragen.

Hat der Papst gemerkt, dass er früher falsch lag?

Ich – aus meiner himmlischen Sicht – sehe das ein wenig anders. Früher war Kardinal Ratzinger beauftragt, gleichsam als Diagnostiker, als zeitkritischer Seher von einem erhobenen Punkt aus Kirche und Welt zu beobachten, um möglichst frühzeitig auf Entwicklungen aufmerksam zu machen, die für die Kirche ungut oder falsch sind. Er musste Beobachter und Kritiker sein.

Heute als Papst muss er die Gemeinschaft der Kirche führen, das heißt: verkünden, ermutigen, loben, anstacheln, trösten. Früher musste er auch Lehrer sein, ein Lehrer, der im Schulheft der Schüler Fehler anstreicht. Heute ist er gleichsam Familienvater, der die Fehler seines Sohnes nicht leugnen kann, der aber diesen Sohn gleichzeitig ermutigen, streicheln, loben muss. Er hat eine andere Funktion. Auch der Lehrer, der selbst Kinder hat, wird diese zuhause nicht als Lehrer behandeln, sondern eben als Vater. Ich glaube also, dass Papst Benedikt seine Überzeugungen nicht geändert, sondern eben jetzt nur eine andere Rolle übernommen hat.

Das gilt für die ganze Weltkirche. Für das Verhältnis der deutschen Katholiken zu den Päpsten in Rom möchte ich Folgendes zu bedenken geben.

So seltsam es klingen mag: wir Deutsche haben mehr als andere Völker das Bedürfnis nach Harmonie. Wir möchten daher auch mit den Autoritäten in Staat und Kirche in Harmonie leben. Wir möchten Ordnungen haben, die gelten, an die man sich halten kann und hält. Das ist bei anderen Völkern ein wenig anders. Bei uns herrscht in Staat und Kirche in der Regel mehr Ordnung als in anderen Ländern.

Wenn wir nun aber mit einer Autorität nicht einig gehen oder meinen einig gehen zu können, dann kommt unser seelisches Gleichgewicht ins Wanken, dann werden wir unsicher, unzufrieden, unglücklich.

Konkret für Katholiken heißt das: Wenn der Papst z.B. Formen der Empfängnisverhütung verbietet, die wir für gut und sinnvoll halten, dann regt uns deutsche Katholiken das viel mehr auf als nicht-deutsche Katholiken. Das ist meine Meinung. Wir wollen, dass der Papst das lehrt, was wir für richtig halten. Wir möchten in Harmonie mit ihm sein. Ich denke, andere Völker, Katholiken in anderen Ländern reagieren da etwas anders. Entweder sie halten sich an die kirchliche Vorschrift, oder sie kennen sie gar nicht, interessieren sich nicht für sie, oder sie kennen sie und nehmen sie einfach nicht so ernst oder sie sagen sich: „Der Papst muss das lehren, ich aber muss etwas Anderes tun. Es tut mir für ihn leid, dass ich mich nicht daran halten kann.2 Wenn sie meinen, sich nicht an die kirchliche Lehre halten zu können, dann wird ihr Inneres nicht so in Wanken geraten wie dies bei uns deutschen Katholiken der Fall ist oder der Fall war. Denken Sie daran, dass selbst evangelische Christen aus Protest gegen den Papst aus ihrer evangelischen Kirche ausgetreten sind. Auch evangelische Christen sind eben Deutsche, die alles ein wenig ernster nehmen als Christen in anderen Ländern. Unser Problem ist, dass wir alles sehr ernst nehmen, Harmonie mit der Autorität suchen und keinen Mut dazu haben, unser eigenes Gewissen zu befragen und ihm zu folgen. Wir Deutsche haben – glaub ich – zu wenig Mut, unserem Gewissen wirklich zu folgen. Wir meckern und kritisieren lieber als uns für einen Weg aufgrund unseres wachen Gewissens zu entscheiden. Vielleicht sind wir ja in diesen Jahren gerade doch dabei. Vielleicht erkennt der eine oder andere nachdem er eine Weile seinem persönlichen Gewissen gefolgt ist, dass der Papst doch nicht so Unrecht hatte. Also lieber mal einen Weg nach dem eigenen Gewissen gehen als immer nur Meckern und Lamentieren.

Was ich sagen will, zeigt sich z.B. auch in der traditionell besonders großen Papstverehrung deutscher Katholiken. Wir huldigten – soweit ich sehe – den Päpsten durch Jahrhunderte mehr als die Katholiken anderer Länder. Darin zeigt sich eben unser deutsches Bedürfnis nach Harmonie mit Autorität. Gleiches gilt auch für unsere Treue zu politischen Führern. Das geht bis zur Treue gegenüber Hitler. Ich denke, die Italiener haben sich wesentlich schneller und leichter von ihrem Mussolini verabschiedet, obwohl dieser kein so großer Verbrecher war wie Hitler. Wir Deutsche haben eine enorme Vasallentreue. Notfalls folgen wir mit geschlossenen Augen und marschieren bis nach Stalingrad, weil Germanen eben zuverlässig und treu sind. Unsere Stärke kann auch zu unserer größten Schwäche werden.

Man kann es auch noch von einer andere Seite her beschreiben: Weil wir Deutsche manche Dinge genauer und ernster nehmen als andere Völker, können wir fanatisch, ja blind werden. Das zeigte sich schon bei Hitler, dem wir leider auch fanatisch anhingen. Das zeigt sich aber zum Beispiel auch bei unserem Landsmann Martin Luther. Es ist kein Zufall, dass Luther ein Deutscher war. Er nahm die Ablasspredigt ernst und sah den Fehler der Ablasspredigt. Er schaute genau hin und wollte nicht schweigen oder einfach wegschauen bei kirchlichen Missbräuchen. Seine Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit wurde dann auch zu seinem Verhängnis. Er hat – ich erlaube mir diese Kritik an Luther – nicht mehr eingelenkt, nicht seine eigenen Übertreibungen erkannt, sein eigenes Fehlverhalten. Das ist ein wenig deutsch.

Ich sage dies, um Euch meinen lieben Landsleuten zu helfen, dass ihr vor allem in Eurem Verhältnis zu Rom, zum Papst und zur Gesamtkirche im Lot bleibt. Manche Eurer Wünsche an Rom und die Gesamtkirche sind nur typisch deutsche Wünsche, die von Katholiken anderer Länder nicht oder noch nicht gesehen und vertreten werden. Ihr seid anspruchsvoll. Daher habt ihr z.B. mehr als Katholiken anderer Länder eine sehr hohe Gottesdienstkultur mit Euren vielen, guten Ministeranten, vielen und sehr guten Kirchenchören, mit wundervoller Kirchemusik, mit den Kirchenliedern. Kein Wunder dass Bach und Paul Gerhard und Friedrich von Spee Deutsche waren. In vielen anderen Ländern sieht es da viel armseliger aus. Ihr könnt stolz darauf sein. Aber – in anderen kirchlichen Bereichen sieht es in anderen Ländern ganz anders als in Deutschland aus: z.B. ist der Wunsch nach Mitverantwortung von Laien in der Kirche in manchen anderen Ländern wesentlich geringer, ebenso der Wunsch nach Frauenordination. Was im deutschen Sprachraum weit verbreitet ist, ist oft in anderen Ländern wenig oder kaum bekannt. Ihr dürft bitte nicht meinen, dass die Kirchenuhr in anderen Ländern ähnlich tickt wie bei Euch.

Liebe Mitchristen – und 60 Jahre nach meinem Tod: Ihr habt sicher schon gelesen, dass jetzt in Euren Tagen viele Menschen neu nach Religion suchen. Vor allem junge und gebildete Menschen spüren, dass der Mensch Religion braucht. Das führt sie allerdings nicht direkt in die katholische Kirche. Ich möchte Euch vor allem davon warnen, Euch in innerkirchlichen Richtungsstreiten zu verheddern. Wenn wir gleichsam nur auf das Kleingedruckte starren, auf innerkirchliche oder theologische Fragen,  wenn wir versteckt Grabenkämpfe austragen, dann wird die Suche nach Religion, nach Bindung, nach Gott die Menschen nicht in die Kirche Jesu Christi führen. Dann werden sie sich Sekten zuwenden und allen möglichen Scharlatanen. Wir sollten auch sehen, warum viele Menschen heute mit neuem Interesse, mit Neugierde nach Rom und auf den deutschen Papst schauen. Sie erleben einen bescheidenden, gescheiten, überzeugenden Papst. Er geht mit ausgebreiteten Armen auf die Menschen zu und er ist gleichzeitig gescheit – so gescheit, dass er seine hohe Theologie auch mit einfachen Worten sagen kann. Er redet nicht unverständlich, akademisch, sondern wie ein guter Pfarrer, der das Evangelium auslegt. Wenn zu meiner Zeit viele Pfarrer so gepredigt hätten, wären wohl nicht so viele Leute auf Adolf Hitler reingefallen und Europa und der Welt wäre viel Leid erspart geblieben. Also denken wir nicht an das, was uns an Kardinal Ratzinger früher weniger gefallen hat, sondern denken wir an das Evangelium, das unsere Kinder und Kindeskinder brauchen, das wir durch unsere innerkirchlichen Streitereien und Wünsche nicht verstellen dürfen.

Ich komme zum Schluss: Zu meiner Zeit war vor allem Mut und Gottvertrauen gefordert, wenn man unter der Herrschaft von Adolf Hitler wirklich als Christ leben und bestehen wollte. Ich glaube, jetzt, zu Eurer Zeit, ist vor allem geistige Wachheit nötig. Die Gefährdungen kommen auf Samtpfoten. Niemand wird wegen seines Glaubens verfolgt oder umgebracht. Aber die ganze Umwelt macht es schwer, ein lebendiger Christ zu sein. Sie macht es auch schwer selbständig zu denken. Ihre Welt liefert Ihnen so viele Informationen, dass es oft schwer oder fast unmöglich ist, selbst etwas zu beurteilen. Kaum hat mach sich in eine wichtigen humanen oder ethischen Sache ein Urteil gebildet, kommen neue Informationen oder Motivationen, und schon weiß man nicht mehr, was das richtige Urteil in wesentlichen Fragen ist. Oder man hängt total von Meinungsmachern im Fernsehen oder der Zeitung ab. Und es ist auch nicht leicht, sich von ihnen zu befreien. Gleichzeitig hört man ständig von Bedrohungen der Menschheit – durch neue Gefahren, neue Waffen, neue Konflikte. Daher ist auch ein besonderes Gottvertrauen nötig. Und dies Gottvertrauen braucht ihr nicht nur wie ich für die wenigen Jahre der aktiven Bedrohung durch Hitler, sondern durch Jahrzehnte. Denn die Welt wird ja immer komplexer: Atomgefahr steht vor der Tür, die Chinesen mit ihrer Arbeitskraft und Wirtschaft, fanatische Muslime mit ihrem Wahn, durch einen Krieg in den Himmel zu kommen, Naturkatastrophen. Ich verstehe, dass Ihr in Angst lebt und manche sich gerade deswegen ununterbrochen berieseln und betäuben lassen. Wer daher wach ist, fragt nach Gott, fragt nach Gottvertrauen, sucht einen Halt und eine Bindung in Gott.

Ich Nikolaus Groß kann Euch nur sagen: Festigt Euch in unserem Herrgott, dann wird Euer Leben auf jeden Fall reich und schön und groß. Und Ihr werdet sein wie Leuchttürme. Ich darf heute ein Leuchtturm sein, und dafür danke ich Gott. 

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