









Markus
13, 24-32 –
Dan 12, 1- 3 – Hebräer 10, 11-14 Zugegeben:
alle
drei Texte der Lesungen an diesem Sonntag sind nicht leicht zu
verstehen. Ich
versuche, ihre Grundidee auf einen Punkt zu bringen. Es geht um das
Ende der
Geschichte. Fachleute nennen das „die letzten Dinge“. Im Evangelium
spricht
Jesus von Naturereignissen: Sonne, Mond und Sterne verlieren ihr Licht,
der
Menschensohn aber wird auf den Wolken des Himmels kommen. Die Menschen
sollen
sich zwar darauf einstellen, aber niemand kann den Tag vorauswissen.
Jesus
kennt auch die Prophezeiung des Daniel. Nach ihm kommt am Ende eine
große Zeit
der Not über die Völker, nicht aber über das
auserwählte Volk. Und es gibt die
große Scheidung. Die einen erwachen zum ewigen Leben, die anderen
zur ewigen
Schmach – wie es heißt. Im Hebräerbrief heißt es dann,
dass Christus, der
Hohepriester bis ans Ende der Zeiten wartet, bis ihm dann seine Feinde
zu Füßen
gelegt werden. Es ist
nicht ganz einfach,
das alles zu verstehen. Wir wollen es versuchen. Wir gehen ja dem Ende
des
Kirchenjahres entgegen. Daher wählt die Kirche Texte, die sich mit
dem Ende der
irdischen Zeit befassen. Solche prophetischen Texte sind keine
wissenschaftlichen Aussagen über die menschliche Geschichte,
über
Naturereignisse, sondern sind prophetische Aussagen des Glaubens. So
wenig die
Schöpfungsgeschichte etwas aussagt über Naturereignisse am
Anfang, so wenig
sagen prophetische Aussagen über das Ende der Zeit etwas über
Natur. Und
wir müssen
andere Aussagen der Heiligen Schrift dazu nehmen, die sich mit dem
gleichen
Thema befassen. Hilfreich ist vor allem die Gerichtsrede Jesu vom Ende
des
Matthäusevangeliums: Der Herr wird erscheinen – heißt es da
– und scheiden
zwischen denen, die ihn als ihrem Nächsten geholfen haben, und
denjenigen, die
ihrem Nächsten nicht geholfen haben. Es heißt „Was ihr einem
der Geringsten
getan habt, habt ihr mir getan“. Dabei haben die Wohltäter gar
nicht gewusst,
dass sie es Jesus taten. Von dieser Scheidung der Menschen sprach ja
schon der
Prophet Daniel. Und im Grunde passt auch das Wort aus dem
Hebräerbrief dazu, wo
es hieß: dem Hohenpriester werden seine Feinde zu
Füßen gelegt. Hier ist der
Richter auch der Hohepriester. Als seine Feinde muss man die ansehen,
die
gedankenlos, feige und lieblos an dem zusammengeschlagenen Mann im
Straßengraben
vorbeigegangen sind. Auch
wenn wir durch
diese Gerichtsrede Jesu vieles besser verstehen, dürfen wir doch
auch zugeben,
dass wir – heutige Christen – etwas schwer tun mit dem
Gerichtsgedanken. Kann
es sein, dass der liebende Jesus
richtet, urteilt und verurteilt, endgültig, definitiv jemanden
verurteilt? Ist
er nicht die Liebe schlechthin, der immer Liebende, der, der auch den
Gleichgültigen und Bösen durch seine Liebe zu Recht bringt.
Denn er ist doch
die Menschwerdung Gottes, der die Liebe selbst ist. Kann ein Gott, der
die
Liebe ist, jemanden für immer und ewig verurteilen, verwerfen, in
die
Finsternis stoßen. Wir heutige Christen tun uns da schwerer als
frühere
Generationen, die ganz furchtbare Darstellung von der Hölle in den
Kirchen
malten. Wir
müssen und
dürfen uns fragen, ob wir heutige Christen nicht stark genug sind,
das
Evangelium in seiner ganzen Größe und Schärfe zu
ertragen. Waren frühere Generationen
stärker und christlicher, weil sie den richtenden und
verurteilenden Gott ernst
nahmen, während wir modernen Menschen es uns zu leicht machen. Vielleicht
hilft
es, darüber nachzudenken, was wir bisher vergessen haben. Wir
Menschen sind auf
der Erde, nicht einfach um da zu sein, sondern um zu wachsen, um in das
volle
Menschsein hineinzuwachsen. Wir kommen nicht fertig auf die Welt,
sondern wir
müssen zu etwas Großem, Vollkommenem werden. Dazu haben wir
einerseits unsere
Veranlagungen, Talente. Andererseits haben wir dazu unsere Freiheit.
Menschsein
heißt, mit dem angeborenen Gaben etwas gestalten, seine Talente
in Freiheit zu
nutzen. Wir unterscheiden uns dadurch von den Tieren. Das ist für
uns eine
Gabe, aber auch eine Aufgabe. Diese Aufgabe ist manchmal schwer,
mühsam,
anstrengend. Ihr stellt sich Bequemlichkeit, Müdigkeit,
Trägheit entgegen. Es
ist nicht immer leicht, als Mensch zu wachsen. Oft muss man sich
anstrengen.
Und vor allem gibt es für uns auch Verlockungen, die anderen
Menschen, die uns
Konkurrenten sind, aus dem Weg zu räumen. Damit wir selbst im
Licht stehen und
scheinbar wachsen zu können, ist es eine Versuchung, das Licht der
anderen
auszulöschen. Warum erkläre ich das so? Um deutlich zu
machen, dass vielleicht
niemand Anderer uns richtet, auch nicht Jesus Christus, sondern wir
selbst uns
richten – oder richtiger, dass wir selbst am Ende unserer Lebens
unserer Zeit
erkennen: Wir haben versagt, wir haben aus uns nicht das gemacht, was
wir
hätten machen können. Wir sind nicht den Verlockungen zur
Liebe gefolgt,
sondern den Reizen des Egoismus. Wir haben uns nicht geöffnet,
sondern
verschlossen, wir sind nicht gewachsen, sondern stehen geblieben. Und
dann fällt uns
ja auch das Jesus-Wort ein: Ich bin nicht in die Welt gekommen, die
Welt zu
richten, sondern um sie zu retten. Und seinen Zeitgenossen sagt er ja
ins
Gesicht: nicht ich richte euch, ihr richtet euch selbst, wir ihr mir
nicht
glaubt, weil ihr nicht das tut, was ich euch sage, weil ihr euch
verschließt. Wir
dürfen glauben:
Jesus ist nur Liebe, die menschgewordene Liebe Gottes, der nur Liebe
ist. Aber
wir müssen unser Menschsein ernst nehmen. Also unsere Freiheit
ernst nehmen.
Denn auch Gott nimmt unsere Freiheit ernst. Wir dürfen sogar etwas
überspitzt
formulieren: Gott nimmt unsere Freiheit ernst, auch wenn ihm selbst das
Schmerzen bereitet. Er hat sich dafür entschieden, den Menschen
als ein freies
Gegenüber zu erschaffen. Er ist das Risiko eingegangen, dass der
Mensch seine
Freiheit nicht gut und richtig gebraucht. Wenn der Mensch seine
Freiheit
missbraucht, leider er selbst darunter und leidet Gott darunter – spitz
formuliert. Aber die Freiheit ist die Voraussetzung dafür, dass
der Mensch auch
das höchste Glück erreichen kann – nämlich in Gottes
Armen zu enden. Weil Gott
dem Menschen dies Glück schenken will, nimmt er in Kauf, dass der
Mensch die
Freiheit missbraucht. Weil Gott dem Menschen Anteil geben will an
seiner
Glückseligkeit, daher nimmt Gott in Kauf, dass der Mensch
scheitern kann. All
dies bleibt
Mysterium, Geheimnis. Wir dürfen nicht meinen, Gott in die Karten
schauen zu
können. Wir wissen von keinem Menschen, dass er in der Hölle
ist, dass er seine
Freiheit definitiv missbraucht hat, dass er endgültig in
Gottesferne und ewigem
Leid ist. Wir wissen das auch nicht von Judas. Und man muss es spitz
formulieren: vielleicht ist die Hölle leer. Aber es gibt sie. Die
Möglichkeit
des Scheiterns besteht bis ans Ende der Zeiten. Aber ob irgendjemand
endgültig
gescheitert ist, wissen wir nicht. Wir können dies auch nicht von
Hitler und
Stalin und anderen Diktatoren sagen. Wichtiger Amen |
Die
Seligpreisungen, die wir eben gehört haben, sind nach meiner
Ansicht
Weltliteratur. Wir haben sie so oft gehört, dass wir vielleicht
nicht so
hinhören wie ein Mensch, der etwas von Sprache versteht und sie
zum ersten Mal
hört. Auch würde ich sagen: die Seligpreisungen muss man vor
allem hören, man
darf sie nicht nur lesen. Wenn wir einen guten Schauspieler kennen,
sollten wir
ihn vielleicht einmal bitten, uns die Seligpreisungen so vorzutragen,
wie man
sie auf einer Bühne sprechen müsste. Also,
als erstes
gilt fest zu halten: allein schon die Sprache ist ein Kunstwerk. Und
dann der
Inhalt. Für mich persönlich ist die wichtigste der
Seligpreisungen das Wort „Selig,
die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen.“ In dieser
Seligpreisung wird dem Menschen das Schönste und Höchste
versprochen, was ein
Mensch erreichen kann: Gott schauen. Letztlich können wir uns wohl
gar nicht
vorstellen, was das bedeutet: Gott schauen. Denn Gott ist ja nicht eine
Person
wie wir Menschen, auch nicht ein Schatz wie irgendein menschlicher
Schatz, auch
nicht etwas Herrliches und Großes wie etwas im menschlichen
Bereich Herrliches
und Großes. Gott schauen muss wohl bedeuten, dass der Mensch
unvorstellbar über
sich hinaus gehoben wird. Oder sollten wir in Richtung Buddhismus
denken? Hier
streben ja Menschen zu einer tiefen inneren Schau und Einsicht und
Erkenntnis.
Aber ich möchte auf jeden Fall festhalten: Die Schau Gottes muss
nach
christlichem Verständnis etwas sein, was der Mensch nicht mit
irgendwelchen
Techniken erreichen kann. Die Schau Gottes ist Geschenk, unverdientes
und nicht
verdienbares Geschenk Gottes. Und dies Geschenk wird von Jesus dem
Menschen
versprochen, der ein reines Herz hat. Ist es möglich ein reines
Herz zu haben?
Und was ist ein reines Herz? Wenn
wir Jesus
ernst nehmen, müssen wir wohl annehmen, dass nur Kinder ein reines
Herz haben
können. Jesus sagt: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder,
könnt ihr nicht in
das Himmelreich eingehen.“ Wir können aber durchaus auch davon
ausgehen, dass
Jesus realistisch war in der Beurteilung von Kindern: Auch er wird
gesehen
haben: Kinder sind von Natur aus egoistisch. Ihr Instinkt gebietet
ihnen, das
für sich zu nehmen, was ihnen der unmittelbare Impuls eingibt.
Aber Kinder
können schnell lernen. Wenn man sie durch Wort und Beispiel lehrt,
das, was sie
haben wollen, zu teilen, dann lernen sie schnell. Kinder lernen, dass
die
Anerkennung durch Vater und Mutter ebenso viel wert ist wie das
gewünschte
Spielzeug. Kinder sind unmittelbar egoistisch, aber ihr Herz ist so
offen, dass
sie leicht lernen. Kinder haben ein formbares Herz, ein Herz, das man
bilden
kann. Es ist wie eine Tafel, die man gleichsam
beschreiben kann. In diesem Sinn
haben sie ein reines Herz. Es wird nur leider im Lauf des Lebens oft
verunreinigt. Wenn
wir nun aber
weiter graben in den Schätzen dieser Seligpreisungen, dann
hören wir, dass
Jesus nicht etwa Utopist ist und irreal von Kindern schwärmt. Denn
die meisten
Seligpreisungen zeigen: das Leben ist nicht einfach, es läuft
nicht so, wie man
es sich wünscht. Jesus kennt Armut, Hunger, Gewalt, Tränen,
Ungerechtigkeit, Unfrieden.
Und er verspricht all denen, die darunter leiden, dass Gott ihr Leiden
überwindet,
wegnimmt, ins Gegenteil kehrt. Arme bekommen das Himmelreich, Hungrige
werden
satt, Gewaltlose erben das Land, Barmherzige erfahren Barmherzigkeit. Aber
das führt
unsere Aufmerksamkeit auf die Lesung aus der Geheimen Offenbarung, die
wir auch
gehört haben. Dort heißt es, dass die Heiligen ihre Kleider
im Blut des Lammes
gewaschen haben. Erstaunliches Bild: Kleider waschen im Blut, im Blut
des
Lammes, das zur Sühne geschlachtet worden ist. Offenbar war ein
Waschen, eine
Reinigung nötig. Und nötig war das Blut eines Geopferten. Ein
Geopferter ist
einer der Hingegeben ist, der hergegeben worden ist, der geschenkt
wurde, und:
der sich selbst geschenkt hat. Diese Bilder und Gedanken dürfen
uns in der
heutigen Zeit durchaus fremd erscheinen. Sie sind so weit weg von unser
pragmatischen Welt. Sie gehören in eine sakrale Welt, eine Welt,
in der auf
jeden Fall Gott herrscht, Gott die erste Geige spielt, Gott etwas
gegeben
werden muss. Das Waschen der Kleider im Blut des Lammes sollte unsere
praktische, pragmatische Welt aufreißen. Und sie können uns
auch daran
erinnern, was wir leicht vergessen oder verdrängen: Leben ist
Kampf,
Auseinandersetzung. Leben kostet das Leben. Wer ganz menschlich,
wirklich leben
will, muss das Leben loslassen, darf sein eigenes Leben nicht
festhalten. Was
für jedes Leben gilt, gilt erst recht für das Leben eines
Christen. Wer sein
Leben festhält, wird es verlieren, sagt Jesus. Und die Menschen in
weißen
Gewändern, die am Thron Gottes stehen, haben ihr Leben hingegeben,
haben es
nicht festgehalten. In der Kraft des Lammes, das geschlachtet wurde,
haben sie
es nicht festgehalten. Weil Er, der für uns Geschlachtete sein
Leben gegeben
hat, konnten sie es geben. Ich möchte hier an einen Mann erinnern,
der in
unsere Zeit, vor nicht allzu vielen Jahren in diesem Sinne nicht nur
geschrieben, sondern gelebt hat: Pater Alfred Delp. Für ihn wurde
als Vordenker
immer mehr klar, die der Mensch nur sich selbst findet, wenn er sich
verliert,
dass er gleichzeitig aber nur er selbst sein kann, wenn er Gott in
seinem Leben
mitspielen lässt und Gott in die Mitte seines Lebens stellt. In
äußerst
dichter, konzentrierter Weise bringt er es auf den Punkt: Gott
gehört in die
Definition des Menschen. Also: wenn der Mensch sich selbst ohne Gott
verstehen
will, dann wird er sich nie verstehen. Ein Mensch, der Gott bewusst aus
seinem
Leben ausschließen will, verliert
sein
Eigenstes, sein wahres Ich. Und weil Pater Delp dies gelebt hat in
einer
gottlosen Diktatur, wurde er im Gestapo-Gefängnis blutig
geprügelt. Seine
Kleider wurden im Blut des Lammes gewaschen. Christsein
ist
Kampf, Kampf gegen sich selbst und gegen falsche Propheten, wie man an
Pater
Delp erkennen kann. Es gibt sie auch heute noch. Ich
betone dies,
weil wir uns vielleicht im Zug der Zeit unbewusst daran gewöhnt
haben, zu
meinen, Religion sei primär eine Versenkung in sich selbst, in das
All oder das
Nichts, Religion sei Verinnerlichung, Vertiefung, mystische Versenkung,
Selbstauflösung ins All hinein – oder ähnlich. All das mag
christliche Religion
ja auch sein. Vor allem aber ist es auch ein Kampf. Davor sollten wir
nicht die
Augen verschließen. Es handelt sich zunächst einmal um einen
Kampf mit uns
selbst oder auch gegen uns selbst. Christlicher Glaube fordert einen
Kampf
gegen unseren angeborenen Egoismus. Tatsächlich hängen wir ja
seit der Erbsünde
in ungeordneter Weise an uns selbst. Nichts gegen ein normales Stehen
zu sich
selbst, nichts gegen eine normale Selbstverteidigung, alles aber gegen
die
Versuchung, dass wir uns in uns selbst abschließen. Wenn wir
ganze Menschen und
vor allem ganze Christen sein wollen, müssen wir uns zum anderen
Menschen hin
öffnen, müssen wir offen sein zum Anderen. Das ist ein Kampf
gegen uns selbst.
In den letzten Jahren wurde dies vielleicht da und dort ein wenig
vergessen. Christenleben
ist
aber auch ein Kampf gegen die gottwidrigen Geister in dieser Welt.
Leider gibt
es diese auch heute in großer Zahl. Es sind
Vergnügungssucht, Bequemlichkeit,
Selbstabsicherung. Ja es gibt eine Menge böser Hilfsgeister, z. B.
Oberflächlichkeit,
Dummheit, Gedankenlosigkeit. Es gibt leider auch Unheilspropheten, die
weise zu
sein scheinen, in Wirklichkeit aber die Menschen in die Irre
führen. Wir leben
mitten unter ihnen. Geschäftswerbung ist eine großartige
Sache. Sie kann ebenso
hilfreich sein für den Menschen wie verderblich. Sie führt
uns oft an der Nase
herum, macht uns zu dummen Verbrauchern, statt zu weisen, reifen
Zeitgenossen. Wichtiger:
das
Leben ist ein Kampf. Nur wer den guten Kampf gekämpft hat,
erhält den
Siegespreis. Nur wer mit Jesus sein Leben eingesetzt und notfalls
hingegeben
hat, erhält den Siegespreis. Darf
ich mit einem
persönlichen Bekenntnis schließen. Man fragt mich oft, was
für mich die
wichtigsten und schönsten Momente in meinem Leben in Rom gewesen
sind. Und man
verweist dann auf die Interviews, die ich mit Papst Benedikt
führen durfte. Ich
muss verneinen: sie waren nicht die bewegendsten Ereignisse. Vielleicht
war für
mich eines der bewegendsten Augenblicke, als ich an einem schönen
Mittagstisch
saß mit der Witwe des Märtyrers Franz Jägerstätter
und mit seinen drei
Töchtern. Ich durfte mit der Frau und den Töchtern eines
selig gesprochenen
Martyrers unserer Zeit zusammen essen. Das war für mich wirklich
sehr bewegend.
Das fand in der österreichischen Botschaft beim Vatikan statt. Er
hat sein
Leben nicht festgehalten, sondern gewaschen im Blut des Lammes.
Vielleicht
hatte er die Kraft, den Eid auf den Führer zu verweigern, weil er
ein reines
Herz hatte. In diesem Herzen wird es unmöglich gewesen sein, auf
Hitler zu
schwören. Vermutlich weil er –wie ein Kind – ein reines Herz
hatte, konnte er
nicht den Kompromiss schließen, den viele – wenigstens aus Angst,
wenn nicht
aus Überzeugung - andere geschlossen hatten. Herr schenke uns ein
reines Herz,
damit wir den klaren Blick eines Jägerstätters haben und dann
am Ende unseres
Lebens Dich schauen können. Amen |
Joh.
18, 33b-37 –
Dan 7, 13-14 – Apk 1,5-8 Wir
feiern das
Christkönigsfest. Wir bekennen damit unseren Glauben, dass Jesus
von Nazareth König
des Kosmos, König der Welt ist. Wir bekennen, dass der Mann aus
Nazareth, der
das Reich Gottes gepredigt hat, der dann gekreuzigt worden ist und von
den
Toten auferweckt wurde, dass dieser Jesus Herrscher aller Welten und
Zeiten
ist. Es ist ein nicht ganz selbstverständliches Bekenntnis: ein
vor rund 2000
Jahren gescheiterter, von den religiösen und staatlichen
Autoritäten
hingerichteter junger Mann soll Pantokrator, Herrscher über Welt
und Zeit sein.
Es ist schon ein Glaube, bei dem man ein wenig den Atem anhalten
sollte. Keine
Selbstverständlichkeit. Vor
kurzem noch
bewunderte ich das Bild des Pantokrators in der Basilika in Monreale
auf
Sizilien. Es schmückt in riesiger Form die Apsis der Kirche aus
der Zeit der
Byzantiner. Christus schaut wirklich wie ein Herrscher auf die Menschen
herunter. Und der Betrachter wird ganz klein vor einem solchen
riesigen,
mächtigen, eindrucksvollen Bild. Wir
müssen
versuchen, noch genauer zu verstehen, was wir da an diesem
Christkönigsfest
feiern. Das Fest ist ja jung. Es wurde erst nach dem ersten Weltkrieg
eingeführt. Als in Europa die Königsthrone einstürzten,
als die Idee des Königs
überholt schien, hat die katholische Kirche feierlich
erklärt, Christus ist
unser König, ist der König aller Menschen, auch der
Nicht-Christen. Er hält
auch unsere Zeit in seinen Händen, nichts geschieht in der
Geschichte der
Menschheit, das nicht durch seine Hände gegangen wäre. Schauen
wir die
Zeugnisse des Neuen Testamentes an, auf die sich die Kirche beruft. Wir
müssen
uns dabei zunächst fragen, wie Jesus von Nazareth im Neuen
Testament sonst noch
genannt wird. Meist heißt er „Menschensohn“. Ein seltsamer
Ausdruck. Aber
dieser seltsame Ausdruck geht auf den Propheten Daniel zurück. Der
Abschnitt, in
dem vom Menschensohn die Rede ist, wird an diesem Christkönigsfest
gelesen. Wörtlich
heißt es da: „Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein
Menschensohn, ihm
wurde Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle
Völker, Nationen, Sprachen
müssen ihm dienen.“ (Dan 7, 13-14) Wenn Jesus selbst sich
Menschensohn nennt,
und wenn die Evangelisten das tun, dann greifen sie auf Daniel
zurück. Wichtig
ist aber
auch noch, dass Jesus wiederholt seinen Anhängern verbietet, ihn
König zu
nennen. Er will nicht als ein König in ihrem politischen oder
ideologischen
Sinne verstanden – und missverstanden – werden. Jesus will in gewisser
Weise
verborgen bleiben. Man spricht unter den Fachleuten vom
Messiasgeheimnis. Ich
meine, Jesus will nicht als Messias bekannt werden, weil man ihn in
seinem
eigentlichen Wesen erst verstehen kann, wenn er für die Menschen
gestorben und
auferstanden ist. Nur der Verstorbene und Auferstandene ist der
Erlöser der
Menschheit. Alles andere Verständnis von ihm ist zu klein, zu
wenig, zu kurz
gegriffen. Sonst wird Jesus Rabbi – also etwa Meister
und Lehrer – genannt. Dann
aber wird
Jesus von den jüdischen Autoritäten bei Pilatus angeklagt, er
masse sich an,
ein König zu sein. Mit anderen Worten, er plane einen politischen
Umsturz,
einen Machtwechsel. Die meisten seiner Ankläger wissen, dass diese
Anklage eigentlich
nicht stimmt. Denn das, was sie besonders an Jesus ärgert, ist
dass er sich
anmaßt, an Stelle Gottes zu sprechen, dass er das jüdische
Gesetz anders
auslegt als sie, dass er sich eine unglaubliche Autorität
anmaßt. Hatte er doch
gesagt: Moses sagt euch soundso. Ich aber sage euch etwas Anderes. Er
stellt
sich über Moses, er identifiziert sich sogar mit Jahwe, mit Gott,
mit dem Vater
im Himmel. Er sagt: wer mich sieht, sieht den Vater, ich und der Vater
– wir
sind eins. Kurz: Die jüdischen Autoritäten werfen ihm vor,
das Gesetz
eigenwillig auszulegen, anders als sie. Aber das ist kein hinreichender
Grund,
ihn bei der römischen Autorität anzuklagen. Daher sagen sie
Pilatus: der maßt
sich an, ein König zu sein. Und
als Pilatus im
Verhör Jesus danach fragt, sagt Jesus: Ja, ich bin ein König.
Aber ich bin ein
König völlig eigener Art. Jesus sagt: „Mein Königtum ist
nicht von dieser Welt“,
also nicht politisch. „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt
gekommen, um
von der Wahrheit Zeugnis abzulegen. Jeder der aus der Wahrheit ist,
hört auf
meine Stimme“. (Joh 18, 33-37) Jesus
erhebt also
tatsächlich einen ungeheuren Anspruch. Er ist weit mehr als ein
politischer
oder ein Machtanspruch. Es ist ein Anspruch, der jeden Menschen in
seinem
Innersten betrifft. Er will nicht Länder beherrschen, sondern den
Menschen von
seinem Inneren her erobern -oder besser gesagt – gewinnen,
überzeugen. Dieser
Anspruch richtet sich nicht nur an Jesu Zeitgenossen, nicht nur an
seine
Volksgenossen, sondern an alle Menschen aller Zeiten. Ein wirklich
ungeheurer
Anspruch. Kein
Wunder also,
dass er Widerstand hervorruft. Kein Wunder, dass Jesus seit 2000 Jahren
auch
abgelehnt wird, kein Wunder, dass über ihn gestritten wird. Aber
es scheint mir
für alle Menschen wichtig, sich mit diesem Jesus
auseinanderzusetzen. Er sucht
und will die Auseinadersetzung. Daher hat er vor Pilatus so gesprochen,
wie wir
es nachlesen. Kein
Wunder aber
auch, dass nicht nur geschundene Menschen, versklavte Menschen,
ausgebeutete
Menschen aller Zeiten Jesus gesucht und gefunden haben, sondern auch
unzählige
Denker, unzählige Grübler, unzählige Weise und
Propheten. Ich nenne nur einmal
ein paar Namen: Blaise Pascal und Charles de Foucauld, Augustinus
und
Albertus Magnus, Dietrich Bonhoeffer und Edith Stein. Viele Weise haben
ihn gefunden,
andere Weise lehnen ihn vielleicht gerade deswegen ab, weil er eine so
große
Herausforderung ist, weil sie sein geistiges, moralisches Königtum
spüren und
es nicht annehmen wollen oder können. Nun
möchte ich
Ihnen an dieser Stelle noch einen anderen Titel Jesu vorschlagen, den
ich
persönlich recht hilfreich finde. Der Titel wurde zuerst einem
anderen Großen
unserer Geschichte gegeben, nämlich Gandhi. Ich meine den Titel:
Mahatma.
Mahatma heißt „Große Seele“. Das kommt von Maha – das
bedeutet „groß“ und atma
– das bedeutet Seele. Mahatma ist die große Seele. Wenn die Inder
schon damals
vor 50 Jahren sagten, dieser Gandhi habe eine große Seele gehabt,
sei eine
große Seele gewesen, um wie viel mehr dann Jesus von Nazareth.
Ich möchte Ihnen
einfach diesen Titel für Jesus mal zum Nachdenken geben.
Vielleicht hilft er
Ihnen, Jesus näher zu kommen. Jesus – die große Seele.
Maha-atma. Wir
feiern Jesu
Königtum. Es ist gut, wenn wir dabei nicht einfach zur
Tagesordnung übergehen,
sondern die ganze Provokation spüren, dass hier ein gekreuzigter
einfacher Jude
als König der Welt gefeiert wird. Beten
wir, dass es
uns gelingt, niederzuknien und ihn anzubeten als unseren König und
Herrn. Amen |
Lukas
21, 25-28,34-36 – Jeremia 33, 14-16 – 1 Thess. 3,
12 bis 4,2 Der
Advent ist ja nach
unserer Erfahrung und unserem Verständnis eine schöne,
herzliche, warme Zeit. Ein
Teil der Schriftlesungen an diesem ersten Adventssonntag aber machen
eher ein
bisschen Angst. Sie sprechen eine etwas andere Sprache. Im Evangelium
werden
wir eindringlich aufgefordert, wachsam zu sein, denn das Reich Gottes
steht vor
der Tür. Es heißt „Wacht und betet, damit ihr vor den
Menschensohn hintreten
könnt.“ Und vorher hatte es geheißen: Die Menschen
würden in Angst vor dem
Kommenden vergehen. Das
kontrastiert auch
ein wenig zum Tenor des Jeremias-Textes von diesem Sonntag: Da
heißt es: für
Israel kommt ein gerechter Spross, der Recht und Gerechtigkeit
aufrichten wird.
Juda werde gerettet, Jerusalem könne in Sicherheit leben. Im
Thessalonicherbrief wird zugefügt, dass wir uns auf das Kommen des
Herrn mit
allen Heiligen vorbereiten sollen. Zusammengefasst
kann man wohl sagen: die Botschaft der Heiligen Schrift für den
ersten
Adventssonntag lautet: Schaut wachsam nach vorne, der Retter und
Erlöser kommt
bald. Daher betet und wacht, damit ihr bereitet seid. Für die, die
bereit sind,
kommt die Zeit von Recht und Gerechtigkeit. Was
heißt das alles
jetzt für uns im Jahr 2009? Wir haben ja 2000 Jahre
Kirchengeschichte hinter
uns. Die ersten Christen hatten noch gebetet: Maranatha, Herr komm
bald. Aber
er ist nicht gekommen, jedenfalls nicht so wie sich das viele damals
vorgestellt
hatten. Die Naherwartung hat sich zerschlagen. Es begann die
Kirchengeschichte. Böse
hat es der
französische Kirchenkritiker Loisy formuliert: „Jesus hat das
Kommen des
Reiches Gottes verkündet, aber gekommen ist die Kirche.“ Gemeint
war damit
damals: Statt der Freiheit des Gottesreiches kam der Zwang und die
Unfreiheit
der katholischen Kirche. Was
also können wir
als gläubige Christen aus diesen Lesungen der Heiligen Schrift
für uns im Jahr
2009 nehmen? Erstens:
Wir sollen
als wachsame Menschen leben. Wir sollen nicht trunken sein, sondern
nüchtern.
Wir sollen mit der Ankunft des Herrn in jedem Augenblick unseres Lebens
rechnen. Besonders hilfreich und schön finde ich in diesem
Zusammenhang das Wort
Jesu: siehe ich stehe an der Tür und klopfe an. Jesus steht auch
im Jahr 2009
an unserer Tür, an meiner Tür und deiner Tür. Wir
sollten die Ohren spitzen,
damit wir sein Klopfen im Lärm der Welt hören.
Auch sollten wir sein wie die weisen Jungfrauen, die auch
Öl für ihre
Lampen mitbrachten. Wir sollen – auch wenn sich das Kommen Jesu
offenbar
hinzieht – allezeit für seine Ankunft bereit sein. Wir sollen auch
daran
denken, dass er uns bei seinem Kommen jeden einzelnen von uns, an
seinen Tisch
laden wird. Komm du guter und getreuer Knecht. Damit
wir das lernen,
dafür gibt es die Adventszeit. Sie ist Lernzeit für das
Warten, für das
Offensein, für das Bereitsein. Advent ist Zeit
für die Jungfrauen, die Lichter zu bereiten und
für genügend Öl zu
sorgen. Kurz: wir haben eine besondere Aufgabe für die vier
Adventswochen bis
Weihnachten. Zweitens:
versprochen wird den Wartenden Recht und Gerechtigkeit. Es
gibt ja wirklich
genügend Ungerechtigkeit in der Welt. Ungerechtigkeit zwischen
einzelnen
Menschen: der eine bekommt viele Hilfe von Familie, Beruf Gesellschaft,
der
andere wenig. Der, der viel hat, gibt aber oft wenig ab. Und der, der
unter die
Räuber fällt, wird geflissentlich übersehen. Der
Priester, der am
Zusammengeschla-genen vorübergeht, könnte ja wenigstens im
nächsten Ort sagen:
da hinten liegt einer im Graben, dem wir jetzt gemeinsam helfen
müssen. Nichts
davon steht in der Bibel. Es gibt aber leider auch viel
Un-gerechtigkeit
zwischen Gruppen und Völkern. Vor
kurzem
gab es in Deutschland einen angeblich langweiligen Wahlkampf.
Hätte es dabei nicht
auch mal einen langen und lauten Aufschrei gegen Ungerechtigkeit geben
sollen, etwa
dass Eltern die Kinder haben, wegen dieser Kinder wirtschaftlich
benachteiligt
werden, und dass das sehr ungerecht ist. Es gab schon Appelle, aber ein
lauter
Schrei gegen Ungerechtigkeit gab es eigentlich nicht. Und dann
hätte es ja auch
einen lauten Aufschrei geben können gegen die Ungerechtigkeit,
dass die reichen
Länder sich abschließen gegen die Waren aus Afrika, dass die
Reichen im
Gegenteil Waffen nach Afrika verkaufen und dabei viel Geld verdienen.
Es hätte
einen Schrei geben können, dass das ungerecht ist. Ja – es gibt
genügend
Ungerechtigkeit. Nun
aber verspricht
uns das Evangelium Recht und Gerechtigkeit. Ist das eine fromme Utopie? Ist das Träumerei? Ist das fromme
Vertröstung. Nein,
wenn wir das
ernst nehmen müssen, wir zweierlei sagen: Gott wird am Ende der
Zeiten die
Gerechten belohnen und die Ungerechten bestrafen. Wehe den Ungerechten!
Das ist
das Eine. Aber es gilt auch das Andere: Christen – schafft endlich
Gerechtigkeit. Christen krempelt die Ärmel auf und überwindet
Ungerechtigkeit.
Mischt euch ein in Politik, geht auf die Barrikaden. Gottlob haben die
Christen
in den letzten Jahren die Spiritualität wieder entdeckt. Wehe
ihnen aber, wenn
sie gleichzeitig ihren Weltauftrag vergessen, wenn sie vor der
Ungerechtigkeit
in der Weltwirtschaft ihre Augen verschließen, wenn sie
resignieren mit dem
Wort „Da kann man ja doch nichts machen“. Gottlob gibt es gegen die
Resignation
gute Gegenbeispiele: Mutter Teresa hat als kleine Ordensfrau eine
Revolution
angezettelt, Schwester Ruth Pfau tut es in Pakistan noch heute, Bischof
Erwin
Kräutler im Amazonas tut es ebenso, aber auch ein Nelson Mandela
machte dabei
mit und die birmanische Menschenrechtskämpferin Aungs Sang Su Khi.
Und dann
gibt es Tausende von Unbekannten, die Gerechtigkeit schaffen für
Menschen,
denen Unrecht geschieht. Adventszeit
ist
Gerechtigkeitszeit, denn wir bereiten uns auf den vor, der Recht und
Gerechtigkeit schaffen wird. Wehe uns, wenn er uns schlafend,
apathisch,
resignierend, faul finden wird. Drittens:
wir
sollen wachen und beten, damit wir vor den Menschensohn hintreten
können. So
hieß es im Lukasevangelium. Vom Wachen haben wir schon
gesprochen. Aber es
kommt auch noch das Beten dazu. Manchmal wird Beten gesehen als
Gegensatz zum
Kämpfen für Gerechtigkeit. Und das ist falsch. Nein, um
für Gerechtigkeit
kämpfen zu können, müssen wir beten. Die genannten
Gerechtigkeitskämpfer sind
auch Beter. Lassen wir uns nicht einreden, man könne nicht beides
tun: Beten
und Kämpfen. Man kann beides. Eine
Studentin, die
außerordentlich viel studieren musste für ihre
Prüfungen, sagte mir einmal: an
einem Tag sah sie keine Möglichkeit, wie üblich, eine Stunde
zu beten, weil sie
so viel studieren müsse. Sie hat gezweifelt, gerungen, mit Gott
gekämpft und
sich entschieden: weil ich so viel studieren muss und keine Zeit habe,
werde
ich nicht wie üblich eine Stunde beten, sondern zwei Stunden. Sie
tats und
alles ging gut: das Beten und das Studieren. Bei Gott ist nichts
unmöglich.
Wunder sind möglich. Trauen wir ihm zu, dass wir betend wirklich
etwas
Entscheidendes für die Gerechtigkeit in der Welt tun können –
gerade jetzt im
Advent. Adventszeit ist Kampf- und Gebetszeit. Amen. |
Lukas
3, 1-6 –
Baruch 5,1-9 – Phil 1, 4-6 und 8 – 11 Der
Aufruf des 2.
Adventssonntags lautet: Bereitet dem Herrn den Weg. – Ja das gilt auch
für uns
alle: bereitet den Weg des Herrn. Dieser
Aufruf ist
aber nicht ein völlig zeitloser Appell, sondern er ist für
Christen eingebettet
in eine große Geschichte, er hat eine Geschichte. Man kann sich
ja zunächst mal
fragen, ob das einfach ein moralischer
Aufruf ist, gut und anständig zu leben. Ob es eine zeitlose
Mahnung ist, oder
ob warum eben gerufen wird: bereitet den Weg des Herrn. Ich
finde es schon
außerordentlich wichtig, dass der Evangelist Lukas eine ziemlich
lange Reihe
von Daten weltlicher Geschichte nennt, um zu Johannes dem Täufer
hinzuleiten, um
das Auftreten des Täufers geschichtlich zu lokalisieren. Der
weiteste Rahmen
ist das römische Reich. Kaiser Tiberius, der sich übrigens
auf Capri herrliche
Paläste bauen ließ, steht im 15. Jahr seiner Regierung. Das
war nach unserer
Zeitrechnung im Jahr. Eine
Stufe tiefer
kommt dann der kaiserliche Repräsentant in Judäa. Er
hieß Pontius Pilatus und
wir wissen von ihm aus nicht-biblischen Quellen. Dann gab es
nördlich einen
anderen Verwaltungsbezirk, nämlich Galilea. Hier war Herodes
zuständig. Wohlgemerkt
nicht Herodes der Große, auf den die Tötung der Kinder in
Bethlehem
zurückgeführt wird. Es werden noch die Tetrarchen Philippus
und Lysanias
angefügt, die wir übergehen können. Hohe Priester waren
Annas und sein
Schwiegervater Kaiphas. Kaiphas war der
Realpolitiker, der ein paar Jahr später sagt: besser wir
eliminieren Jesus als
dass viele Juden von den Römern aufgehängt werden. Man muss
schon wirklich
Ethos haben, wenn man dagegen argumentiert: Auch wenn nur ein einziger
gesetzwidrig hingerichtet wird, wird die Rechtsordnung zerstört.
Realpolitik
hat ihre Grenzen. Man
sollte das im
Hinterkopf haben, wenn man dann darüber informiert wird, dass
dieser seltsame
Wüstenprediger am Jordan von seinen Landsleuten Bekehrung verlangt
und als
Zeichen dafür die Taufe spendet. Der Evangelist Lukas
interpretiert diese
seltsame Neuerung ausdrücklich so: ein Wort Gottes ist an Johannes
ergangen.
Also er sagt: Geschichte und dieses menschliches Tun ist mehr als eben
nur
menschliche Geschichte, es ist von Gott gewollt. Und Lukas zeigt sich
als
Schriftgelehrter, denn er interpretiert das Tun des Johannes als
Erfüllung
einer Prophezeiung vor 700 bis 800 Jahren durch den berühmten und
edlen Jesaia.
Der hatte damals aufgerufen: Bereitet den Weg des Herrn, ebnet ihm die
Straßen.
Dazu ist es nötig etwas Straßenbau zu betreiben: Kurven
sollen begradigt und
steile Aufstiege vermieden werden. Wenn das geschehen ist, werden die
Menschen
das Heil von Gott sehen. Lukas
bezieht sich
auf Jesaia. Rund einhundert Jahre nach diesem großen Propheten
lebte aber ein
anderer Prophet nämlich Jeremia. Der
hatte wiederum einen Sekretär und Diener Baruch. Und Baruch
schreibt in seinem
Buch etwa die gleichen Worte: Senken sollen sich Berge und Hügel.
Aber Baruch
beschert uns an diesem zweiten Advent noch eine wunderbare
Zukunftsperspektive,
die ich Ihnen in voller Länge vorlesen möchte. Es ist die
Lesung vom 2. Advent:
„Leg ab Jerusalem das Kleid deiner Trauer und deines Elends, und
bekleide dich
mit dem Schmuck der Herrlichkeit, die Gott dir für immer verleiht.
Leg den
Mantel der göttlichen Gerechtigkeit an; setz dir die Krone der
Herrlichkeit des
Ewigen aufs Haupt. Denn Gott will deinen Glanz dem ganzen Erdkreis
unter dem
Himmel zeigen. Gott gibt dir für immer den Namen: Frieden der
Gerechtigkeit und
Herrlichkeit der Gottesfurcht. Steh
auf Jerusalem
und steig auf die Höhe! Schau nach Osten und sieh Deine Kinder.
Vom Untergang
der Sonne bis zum Aufgang hat das Wort des Heiligen sie gesammelt. Sie
freuen
sich, dass Gott an sie gedacht hat. Denn zu Fuß zogen sie fort
von dir,
weggetrieben von Feinden, Gott aber
bringt sie heim zu dir, ehrenvoll getragen wie in einer
königlichen Sänfte.
Denn Gott hat befohlen: senken sollen sich alle hohen Berge und die
ewigen
Hügel und heben sollen sich die Täler zu ebenem Land, so dass
Israel unter der
Herrlichkeit Gottes sicher dahin ziehen kann. Wälder und duftende
Bäume aller
Art spenden Israel Schatten auf Gottes Geheiß. Denn Gott
führt Israel heim in
Freude, im Licht seiner Herrlichkeit. Erbarmen und Gerechtigkeit kommen
von
ihm.“ (Baruch 5, 1 – 9) Ich
wollte diesen
Baruch-Text ausdrücklich so lange vorlesen, denn er gibt in
menschlicher,
bildlicher, dichterischer Sprache wieder, was den Menschen von Gott her
erwartet,
was der Mensch, was der Christ von Gott erwarten darf. Wenn wir
Christen sein
wollen, sollen wir ablegen das Kleid der Trauer, uns aufsetzen die
Krone der
Herrlichkeit, anlegen den Mantel der Gerechtigkeit, wir sollen
erwarten, auf
königlicher Sänfte zu ihm heimgetragen zu werden. Dabei
spenden Wälder und
Bäume Duft und Schatten. Vor allem: wir sind dann das heilige
Jerusalem Gottes,
die heilige Stadt, das heilige Volk. Was
sagt das uns
Christen im Jahr 2009? Es soll unseren Blick lenken, auf das, was wir
jetzt
noch nicht sehen. Soll unseren Blick weiten – vor allem, wenn wir
klagen und
weinen müssen über all das, was in Kirche und Gesellschaft
nicht stimmt. Wir
sollen nicht nur sehen, was daneben geht in unserer Welt und Kirche,
sondern
unsere Augen erheben zu dem, was Gott uns verheißt. Wir sollen
glauben, dass
Gott mit der Welt Besseres vorhat, dass das Elend ein Ende haben wird.
Dass aus
Nacht Licht wird, dass bei Gott Wunder möglich sind. Advent
ist Zeit der
Hoffnung, Zeit des Ausblicks über den Tag hinaus, über das
Elend hinaus. Advent
ist Zeit der Hoffnung und des tieferen Glaubens. Nun
müssen wir aber
noch mal ganz zurückgehen an den Anfang der heutigen
Überlegung, Da hatte ich
gesagt: Der heutige Aufruf lautet „Bereitet den Weg des Herrn“. Wir
haben heute
also wohl zwei Themen: Wir Christen sollen dem Herrn den Weg bereiten.
Und
andererseits ist Gott dabei, uns – dem neuen Volk Israel - einen Weg zu
bereiten. Gott schickt uns doch sogar eine Sänfte, damit wir
leichter und
schneller vorankommen, er schickt uns ein königliches Gewand, eine
Krone und
macht den Weg leicht durch den Duft von Bäumen und Wäldern.
Wer ist nun
eigentlich der Wegebauer: sind wir es oder ist Gott es? Und für
weg wird der
Weg bereitet? Für uns oder für den Herrn. Es heißt
doch: bereitet den Weg des
Herrn. Aber bei Baruch hieß es: Israel könne sicher
dahinziehen, denn Gott
führe Israel in Freude. Was
also ist die
Botschaft der Liturgie vom zweiten Adventssonntag? Ich
würde so sagen:
Wir – das heilige Volk Gottes – sind unterwegs, wir werden von Gott
geführt, er
bereitet uns den Weg. Aber indem wir den Weg gehen, bereiten wir
Christus dem
Herrn den Weg. Nicht dass wir Christus vorausgingen. Aber indem wir den
Weg
gehen, den Gott uns bereitet hat, bereiten wir den Weg Christi in
dieser
unserer Welt. Anders:
Christus
will in diese unsere Welt kommen dadurch, dass wir auf dem Weg Gottes
zu seinem
himmlischen Reich gehen. Unsere Ausrichtung auf Gott ist wichtig
für die Welt,
unsere christliche Hoffnung ist wichtig für die Welt, unser
Vorausschauen,
unser Schauen über den Tag und den Augenblick hinaus ist wichtig
für unsere
Welt. Daher ist Advent wichtig für die Welt. Unsere Welt des 21.
Jahrhunderts
braucht die Menschen, die nicht nur auf den heutigen Tag und die Stunde
starren, sondern die über den menschlichen Horizont hinausschauen.
Wehe wenn es
in einer Welt keine Hoffnungsträger gibt, keine Menschen, die an
eine Führung
aus dem Jenseits glauben, keine Menschen, die an die Hand Gottes in der
Geschichte glauben. Wenn wir so leben, dann sind wir Licht der Welt,
Licht im
Advent, Licht, das zu Weihnachten
hinführt.
Amen |
Lukas
3, 10 – 18,
Zefanja 3, 14 – 17, Philipper 4, 4 – 7 Der
dritte
Adventssonntag ist bekannt als Sonntag „Gaudete“, Freuet Euch, denn der
Herr
ist nahe. In früheren Zeiten trug zum Zeichen der Freude der
Priester bei der
Messe kein violettes, sondern eine rosarotes Messgewand. Diese Freude
kommt
ganz klar zum Ausdruck in der heutigen Lesung aus dem Propheten
Zefanja. Da
heißt es unter anderem: Juble Tochter Zion, jauchze Israel, freu
dich und
frohlocke von ganzem Herzen. Der Herr ist in deiner Mitte. Und der Herr
jubelt
über dich, er erneuert seine Liebe zu dir. Ähnlich
klingt es
im heutigen Lesungstext aus dem Philipperbrief: Freut euch im Herrn zu
jeder
Zeit, noch einmal sage ich: freut euch.
Der Herr ist nahe. Das
sind wirklich
adventliche Texte. Wir sollen uns zwar im Advent durch Gebet, Fasten
und Buße
auf das Kommen des Erlösers vorbereiten. Aber wir sollen es
erstens nicht
griesgrämig tun, mit finsterem Gesicht, sodass alle Welt sieht,
dass wir
fasten. Und zweitens sollen wir am dritten Adventssonntag auch mal eine
Pause
in dieser ernsten Vorbereitung auf Weihnachten einschalten und uns von
Herzen
auf den kommenden Herrn freuen. Einen
gewissen
Gegensatz zu diesen beiden Schriftlesungstexten aus dem Propheten
Zefanja und
dem Paulusbrief an die Philipper sehe ich allerdings im Evangelium aus
Lukas.
Da hören wir am dritten Adventssonntag die Bußpredigt von
Johannes dem Täufer:
Wer zwei Gewänder hat, soll eines einem Armen geben, wer zu essen
hat, soll
teilen, Zöllner und Soldaten sollen sich an ihre Vorschriften
halten. Dann
freilich hören
wir, wie Johannes von sich weg auf Jesus zeigt. Man hält ihn – den
Täufer - für
den Messias. Johannes aber schärft den Leuten ein: Jesus, der
Erlöser, kommt
später und taufet dann nicht nur mit Wasser, sondern mit Heiligem
Geist. Also
auch hier ein
Hinweis auf die Zukunft – und damit ein Grund zur Freude. Also –
das
Hauptthema an diesem dritten Adventsonntag heißt Freude. Aber
allzu leicht
überhört man dann den Grund, warum Menschen, warum Christen
sich freuen dürfen
und sollen. Im
Philipperbrief
des Apostels Paulus heißt es kurz und präzise: denn der Herr
ist nahe. Und weil
das so ist, sagt Paulus, „sorgt euch um nichts“ – und „eure Güte
werde allen
Menschen bekannt“. Beim
Profeten
Zefanja aber wird mit mehr Worten angegeben, warum wir uns freuen
sollen. Hören
wir große Teile des Abschnitts. Er ist erhebend: „Frohlocke von
ganzem Herzen,
Tochter Jerusalem. Der Herr hat das Urteil gegen dich aufgehoben, und
deine
Feinde zur Umkehr gezwungen. Der König Israels, der Herr ist in
deiner Mitte,
du hast kein Unheil mehr zu fürchten. An jenem Tag wird man zu
Jerusalem sagen:
Fürchte dich nicht, Zion! Lass die Hände nicht sinken! Der
Herr, dein Gott ist
in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt. Er freut sich und jubelt
über
dich, er erneuert seine Liebe zu dir, er jubelt über dich und
frohlockt, wie
man frohlockt an einem Festtag.“ Ich
meine: Wenn man
ein wenig mit Gespür hinhört, dann kann man schon merken:
hier wird von Gott
wie von einem Verliebten gesprochen. Gott freut sich über die
geliebte
Menschheit. Er jubelt über sie. Oder präziser: Jahwe freut
sich über sein Volk.
Denn sein Volk ist seine Braut. Er hat sie als seine Geliebte
erwählt. Ja, er
hat sich richtig gehend in sie verliebt. Gott hat sich in sein Volk als
in
seine Braut verliebt. Daher jubelt er über sie, wenn er sie sieht.
Ausdrücklich
heißt es ja dann „Er erneuert seine Liebe zu Dir, er jubelt und
frohlockt, wie
man an einem Festtag frohlockt.“ Wir
sollten
wirklich heute einmal mehrere Minuten lang bei dem Gedanken stehen
bleiben,
dass Gott mit Blick auf sein Volk wie verliebt ist. Zunächst ist
es also nicht
die ganze Menschheit, sondern sein Volk. Aber gerade weil sein Volk
sich so
geliebt erfährt, sollte dieses sein Volk gleichsam liebestrunken
alle Menschen
zu seinem Volk machen. Wenn sein Volk trunken wird von der Liebe, mit
der es
geliebt wird, kann es nicht in sich geschlossen bleiben, sondern wird
es
gleichsam explodieren, um die Liebe, die es bekommen hat,
auszustrahlen. Haben
wir nicht an großen Christen genau das erlebt und gesehen, dass
sie einfach
hinaus mussten in die Welt, um Gottes Liebe zu verkünden? Sie
konnten nicht
schweigen von dem, was sie gehört, erlebt und empfangen hatten. Und
nun nochmals
zurück zu dem etwas schwer einzuordnenden Text des
Lukasevangeliums mit der
Bußpredigt des Johannes. Vielleicht versteht man Johannes nur so
wie er es
meint, wenn man vom Ende der Rede ausgeht, die im Evangelium
zusammengefasst
ist: Er sagt da: Mitten unter euch steht einer, den ihr nicht kennt.
Und der
wird mit Heiligem Geist taufen. Was ist Heiliger Geist? Was bedeutet
Taufe mit
dem Heiligen Geist? Sagen
wir es ganz
einfach: Heiliger Geist ist Liebe. Heiliger Geist ist Amen |
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|
Lukas
1, 39 – 45 –
Micha 5, 1 – 4a – Hebräer 10, 5- 10 Das
Thema des
vierten Adventssonntags ist Vorblick, Vorblick auf noch Unbekanntes,
aber
Schönes, Gutes. Für uns ist es Vorblick auf Weihnachten. Schauen
wir uns die
Szene genauer an, wo das junge schwangere Mädchen Maria ihre
ebenso schwangere
aber viel ältere Cousine begrüßt. Genau genommen ist es
ja umgekehrt: die durch
ein Wunder schwanger gewordene Ältere begrüßt und
bejubelt die Jüngere. Der Evangelist
Lukas lässt Elisabeth sagen: Gesegnet bist du mehr als alle
anderen Frauen und
gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter
meines
Herrn zu mir kommt? Wenigstens
für den
Evangelisten Lukas hat Elisabeth schon gewusst, dass Maria schwanger
ist mit
dem Sohn Gottes. Sie spricht ja von der Mutter meines Herrn. Aber
erlauben wir
uns noch einen Blick in die Geschichte: Vorher hatte es geheißen,
dass Maria
kurz nach dem Besuch des Engels Gabriel bei ihr, sich auf den Weg
machte. Vermutlich
bekam Elisabeth also keine schriftliche Vorinformation, dass ihre junge
Cousine
schwanger ist, sondern wurde davon überrascht. Wie immer es
gewesen sein mag,
dass Elisabeth von der Schwangerschaft Mariens und dem Gotteskind in
ihrem
Schoss wusste, für uns ist wichtig, dass der Evangelist die
Geschichte einer
frohen Botschaft verkündet. Mir
sei noch
erlaubt, etwas Heutiges und Schreckliches anzufügen, was mir immer
durch den
Sinn geht, wenn ich beim Rosenkranz bete: „Den Du o Jungfrau zu
Elisabeth getragen
hast“. Wenn Maria heute von Nazareth in die Berggegend Juda, nahe
Jerusalem,
gehen würde, dann müsste sie vielleicht 100 israelische
Kontrollstellen
passieren. Israel sagt, die seien nötig für die Sicherheit
des Staates. Aber
selbst unabhängige Israelis sagen: sie sind nur zur Schikane der
Palästinenser
da. Das tägliche Leben von völlig harmlosen
Palästinensern wird zur Pein
gemacht. Ich sage dies an dieser Stelle, nicht um Politik zu machen und
nicht
um Israel zu kritisieren. Ich sage es nur, damit wir, wenn wir dieses
Rosenkranzgeheimnis beten, an die Palästinenser denken, für
sie beten, vor
allem auch für sie beten, dass ihnen die Geduld nicht ausgeht,
dass sie nicht
zu den Waffen greifen. Und gleichzeitig beten wir auch für die
Regierung in Jerusalem,
dass sie nicht nur an die eigene Sicherheit denkt, sondern an das
mühselige
Leben von völlig ungefährlichen Palästinensern. Frieden
schafft man durch
vertrauensbildende Maßnahmen, nicht durch Waffen, sondern durch
Entwaffnung. Schauen
wir
nochmals auf die Szene vor dem Haus von Elisabeth und Zacharias: Gleich
eingangs hatte es bei Lukas geheißen: Als Elisabeth den
Gruß Mariens hörte,
hüpfte das Kind in ihrem Leibe und dann wurde Elisabeth vom
Heiligen Geist
erfüllt und sie sagt, was wir vorher schon herausstellten:
Gesegnet bist du
mehr als alle Frauen. Und ganz am Ende der heutigen Evangeliumsszene
sagt
Elisabeth: Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was
der Herr ihr
sagen ließ. Und
damit sind wie
bei der Frage an uns: Glauben wir, was der Herr uns sagen will?
Vielleicht
kommen auch zu uns Engel, die uns Botschaften vom Herrn bringen. Aber
wir
erkennen die Engel nicht als Engel, wir hören nicht richtig hin
auf ihr
Botschaften, und wenn wir hingehört haben, vergessen wir
vielleicht die
Botschaft. Und wenn wir sie nicht vergessen, dann nehmen wir sie
vielleicht
nicht wirklich ernst. Nehmen wir die Botschaften der Engel ernst, die
wir
vielleicht in den letzten Wochen und Monaten erhalten haben. Und
denken wir
nicht, Botschaften von Gott seien immer sympathisch. Ich werde jetzt
mal
herausstellen, wie man die Botschaft des Engels an Maria auch
darstellen kann:
Maria wird also auf geheimnisvolle Weise schwanger. Eine
Schreckensbotschaft:
sie ist ja nicht verheiratet. Was sagt der Verlobte, was sagen ihre
Eltern, was
sagt das ganze Dorf, was sagt das Gesetz, was sagen die Priester. Eine
nicht
verheiratete Schwangere. Ich bin nicht ganz sicher, aber ich
schließe nicht
aus, dass das Gesetz sagt: sie muss gesteinigt werden. Jesus hatte die
so genannte
Ehebrecherin vor der Steinigung bewahrt. Ich vermute, eine noch nicht
verheiratete Schwangere wäre ebenso zu steinigen. Also ist die
Engelsbotschaft
eine „frohe Botschaft“? Wir schauen etwas voraus: Der greise Simeon im
Tempel
wird ihr sagen „Er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dir,
Maria,
wird ein Schwert durch die Seele dringen.“ Also muss man sagen: Die
Botschaft
des Engels war wenigstens eine zwiespältige Frohbotschaft.
Jedenfalls war sie
eine Botschaft, die sehr viel Glauben brauchte, Glauben, dass Gott
alles in der
Hand hält, dass das, was er tut gut ist, auch wenn es auf den
ersten Blick
schwer, ja unerträglich ist. Halten wir uns vor Augen, dass das
Leiden Marien
nicht erst unter dem Kreuz begann, sondern eigentlich in dem
Augenblick, als
der Engel verschwand. Sie musste als unverheiratete Schwangere leben
und später
einen Sohn erziehen und haben, der aus der Reihe tanzte, der nicht so
war wie
alle anderen, der negativ auffiel, der für verrückt gehalten
wurde, der
Ansprüche erhob, die inakzeptabel scheinen mussten, der heftige
Auseinandersetzungen und Diskussionen mit den Autoritäten in
Jerusalem
provozierte, der dann am Schandpfahl aufgehängt wurde. Marienleben
war alles
andere als rosig. Es war ein Kreuzweg von Anfang bis zum Ende. Diese
Maria
sehen wir bei Elisabeth. Sie ahnt nur, was Schweres auf sie zukommt.
Aber sie
sagt im Glauben Ja – zum Willen Gottes. Als später eine
überschwängliche Frau
Jesus zuruft: Selig der Leib, der dich getragen, selig die Brust, die
dich
genährt hat, kommentiert Jesus: Selig wer das Wort Gottes
hört und es befolgt.
Jesus lehnt Personenkult radikal ab. Vermutlich ebenso Maria. Es geht
um das
Glauben und Tun. Das ist Marienfrömmigkeit. Wer
weiß, ob Maria
die Verse vom Propheten Micha im Kopf hatte, die wir an diesem vierten
Adventsonntag als Lesung hören: „Du Bethlehem, aus dir wird
hervorgehen, der
über Israel herrschen soll. Sein
Ursprung liegt in ferner Vorzeit. Der Herr gibt Israel preis, bis die
Gebärdende einen Sohn geboren hat. Dann wird der Rest seiner
Brüder heimkehren
zu den Söhnen Israels.“ Wenn
Maria diese
Verse im Kopf hatte, mag sie sich gefragt haben, ob wirklich sie diese
Gebärende ist, ob sie den gebären soll, der über Israel
herrschen soll. Das was
der Engel ihr über ihren Sohn sagte, brauchte ja doch eine
Interpretation.
Erinnern wir uns an die Worte des Engels an Maria: „Dein Sohn wird
groß sein
und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott der Herr wird ihm den
Thron seines
Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit
herrschen, und
seine Herrschaft wird kein Ende haben.“ Und der Engel fügt an:
„Dein Kind wird
Sohn Gottes genannt werden.“ Wir
müssen davon
ausgehen, dass Maria vieles nicht verstand, aber glauben musste und
glaubte. Vielleicht
nahezu
hundert Jahre nach der Engelsbotschaft an Maria, interpretiert dann der
Verfasser des Hebräerbriefes, der nicht Paulus war. Er schreibt in
dem Absatz,
den die katholische Kirche an diesem vierten Adventsonntag lesen
lässt:
„Christus spricht bei seinem Eintritt in die Welt: `Schlacht- und
Speiseopfer
hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen, an
Brand- und
Sündopfer hast du kein Gefallen. Darum sagte ich: Ich komme, um
Deinen Willen –
Gott – zu tun. Wichtig
scheint dem
Verfasser des Hebräerbriefes offenbar: Der Sohn Gottes hat einen
Leib, den er
geben kann. Nicht Tiere werden geopfert. Nicht Symbole für den
Menschen,
sondern der Mensch selbst opfert sich und zwar indem er den Willen
Gottes
annimmt und tut. Das wahre Opfer ist der Gehorsam, das Tun, das
schweigende Tun
–ohne viel zu fragen. Jesus sagt später „Nicht wer `Herr, Herr`
sagt, ist mir
Bruder, Schwester und Mutter, sondern wer den Willen Gottes sucht und
tut. Hier
ist Maria
Vorbild. Und nun können wir auch noch einen Blick auf Josef
werfen. Dreimal erfährt
Josef – nach dem Evangelium - den Willen Gottes im Traum. Offenbar ist
er mit
Fragen und Problemen eingeschlafen. Die Fragen sind sehr einfach: Wie
soll ich
mit meiner schwangeren Geliebten umgehen, wie soll ich sie behandeln?
Soll ich
sie verachten so wie das ganze Dorf Nazareth, wie die Priester und
Schriftgelehrten. Josef hat gelitten, weil nicht wusste, wie sich
verhalten. Er
wollte anständig sein, gehorsam, aber wusste nicht, was das in der
konkreten
Lage bedeutet. Später schlief Josef vielleicht ein mit der Angst:
Was tun mit
Maria und dem Jesuskind angesichts der Gefahr, dass Herodes wirklich
einen
Verdacht schöpft wegen diesen seltsamen Besuchen aus dem Orient,
was tun, wenn
Herodes jetzt diesen Neugeborenen suchen lässt. Im Traum
erfährt er: nimm das
Kind und seine Mutter und geh nach Ägypten. Josefsleben ist nicht
idyllisch.
Heiligenleben ist nicht idyllisch. Aber auch wenn man überhaupt
nicht weiß, wie
man den nächsten Tag leben soll. Der Glaube hilft: Gott wird sorgen. Sorgen wir uns nicht. Amen |
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|
Weihnachten 2009 Liebe
Hörerinnen
und Hörer,
wenn Sie diese Weihnachtsbetrachtung hören sollten, dann gehören Sie sicher zu den ganz treuen Radio-Vatikan-Hörern. Wer schaltet schon am Heiligen Abend um 20.20 Uhr oder am Weihnachtsmorgen um 6.20 Uhr Radio Vatikan ein, wenn er nicht jahrelang dabei war und ist. Daher möchte ich Sie von dieser Stelle aus ganz besonders herzlich grüßen. Wir sind im Heiligen Geist sehr gut verbunden. Hoffentlich haben Sie auch einen einigermaßen guten Empfang, damit Sie mich jetzt gut verstehen können. Ich
blicke zurück.
Dies ist jetzt die 27. Betrachtung an Weihnachten, die ich gestalte.
Durch 27
Jahre durfte ich diesen Dienst tun und eben auch etwas zu Weihnachten
sagen,
was besonders diejenigen Menschen erreicht, die vielleicht alleine
zuhause
Weihnachten feiern. Die vielleicht auch etwas traurig sind, weil sie
eben
niemanden in ihrer unmittelbaren Umgebung haben. Oder die vielleicht
krank und
ans Bett gefesselt sind. Ich möchte Ihnen allen in dieser Stunde
nahe sein. Ich
denke jetzt
auch an unzählige Hörerinnen und Hörer, die inzwischen
gestorben sind. Es sind
sicher Tausende, die zur Radio-Vatikan-Familie gehörten, ihr treu
verbunden
waren, und die jetzt vom Himmel aus bei uns sind. Sie haben sicher
besseren
Empfang als diejenigen, die uns über Kurz- oder Mittelwelle
empfangen. Ich
grüße also auch alle ehemaligen Hörerinnen und
Hörer, die uns aus dem Jenseits
verfolgen, aus dem Reich des Vaters. Als
der damalige
Kardinal Ratzinger die Predigt bei der Beerdigung von Papst Johannes
Paul II.
hielt, sprach er ja auch davon, dass der Verstorbene jetzt vom Himmel
aus zu
uns herunterschaut. Wenn schon ein großer Theologe bei einer so
wichtigen
Veranstaltung so kindlich sprechen darf, dann darf ich es erst recht.
So glaube
ich fest daran, dass vielleicht Zehntausende von ehemaligen
Radio-Vatikan-Freunden jetzt mit uns verbunden sind. Ich denke dabei:
nicht nur
mit dem Sender und seinen Verantwortlichen, sondern auch mit all den
Hörerinnen
und Hörern, die noch auf Erden auf die irdischen Wellen angewiesen
sind. Kurz:
wir sind
diesseits und jenseits der großen Scheidelinie eine große
Radio-Vatikan-Familie. Wir sollten fest im Gebet verbunden sein. Nun
möchte ich
Ihnen ein großes Anliegen ans Herz legen: Mein Nachfolger Pater
Bernd Hagenkord
hat bereits die Verantwortung für die deutschsprachige Redaktion
von Radio
Vatikan übernommen. ER ist ein Jesuit von rund 40 Jahren. Er war
etliche Jahre
lang in Hamburg Jugendseelsorger, hatte vorher schon journalistische
Erfahrung.
Er beginnt mit neuem Schwung. Und gottlob findet er eine sehr gute
Redaktion
vor. Sie kennen ja die Stimmen von Gudrun Sailer und Stefan Kempis, von
Birgit
Pottler, Antje Dechert und Mario Galgano. Vor allem kennen sie die
vertraute
Stimme von Aldo Parmeggiani, Bitte nehmen Sie die neue Stimme von Bernd
Hagenkord mit Freude und Vertrauen auf. Bitte schenken Sie ihm das
gleiche
Vertrauen, das Sie mir geschenkt haben. Bitte bleiben sie vor allem
auch dem
Verein der Freunde von Radio Vatikan treu. Bleiben Sie Herrn Isermann
und den
anderen Verantwortlichen des Vereins treu, die seit über zwanzig
Jahren die
Wünsche der Hörerinnen und Hörer erfüllen und den
Freundeskreis betreuen. Und
vor allem: wenn
Sie Radio Vatikan gut und wichtig finden, dann sagen Sie es weiter.
Wenn sie
etwas schlecht finden, dann sagen sie es uns – also der Redaktion in
Rom. Nach
wie vor ist die Werbung für Radio Vatikan sehr wichtig, denn die
Kirche braucht
Zusammenhalt. Ein Kommunikationsmittel schafft Zusammenhalt. Wer
über Papst und
Vatikan falsch oder nur sehr oberflächlich informiert ist, denkt
unrichtig. Wer
korrekt und sauber informiert ist, weiß bescheid, kann mitreden,
kann
Verantwortung übernehmen. Halbwissen ist gefährlich. Volles
Wissen macht
kompetent. Gottlob
gibt es ja
das Internet. Über Internet kann man Radio Vatikan am besten
hören. Man kann
alle aktuellen Texte nachlesen. Man kann im Archiv stöbern, man
kann nachlesen,
sich profund informieren. Und:
bestellen Sie
unseren Newsletter. Er kommt auf Bestellung täglich kostenlos zu
Ihnen ins
Haus. Und
nach dieser
Werbung für Radio Vatikan soll es wieder etwas weihnachtlicher
werden. Ich
lade Sie ein,
jetzt an Weihnachten mit Geist und Herz nach Bethlehem zu kommen.
Steigen wir
dort in der uralten Geburtsbasilika hinunter in die Krypta, knien wir
uns dort
nieder, wo ein Stern im Boden auf die Menschwerdung Gottes hinweist.
Knien wir
uns dort schweigend nieder und bleiben lange und ruhig schweigend dort,
um den
Mensch gewordenen Gottessohn in Geist und Herz anzubeten. (Lied:
ich steh an
Deiner Krippe hier) Ich
darf Ihnen
sagen, dass ich im ablaufenden Jahr dort in der Krypta etwa eine Stunde
am
Boden saß. Die Papstreise nach Israel hat auch mich dorthin
gebracht. Und ich
hatte die Gnade, in Bethlehem still beim Herrn ausruhen zu dürfen.
Ich
schlage Ihnen
vor: bringen Sie nun im Geiste dorthin an die Krippe Jesu Menschen, die
es
besonders nötig haben. Tragen Sie sie im Herzen an die Krippe. Ich
denke an
Menschen, die im letzten Jahr etwas sehr Liebes verloren haben, einen
anderen
Menschen, die Heimat oder gar das Vertrauen. Tragen wir betend die
Trauernden
an die Krippe. Tragen wir die Menschen an die Krippe, die verlassen
worden
sind, die schwer an einer Enttäuschung leiden. Tragen wir dorthin
die Kinder,
die die Welt, ihre Familie, ihre Eltern nicht verstehen können.
Tragen wir
dorthin die Menschen, die von einer schweren Krankheit geschlagen
wurden, die
bangen und ringen. Tragen wir an die Krippe auch die Menschen, die
einfach
Hunger haben, die schwer krank sind und auf der Straße liegen,
tragen wir
dorthin die Menschen auf der Flucht, die wegen Hunger oder Verfolgung
oder
einfach Not in großer Lebensgefahr über Meere fahren oder
bei Nacht und Nebel
über Grenzen gehen müssen. Tragen wir an die Krippe die
Menschen, die in ihrer
Arbeit ausgebeutet werden, die dabei geschunden, zu Tode geschunden
werden, die
wir Sklaven behandelt werden und bis zum Umfallen arbeiten müssen.
Und
tragen wir an
die Krippe im Geist auch diejenigen Menschen, die andere ausbeuten,
unterdrücken, beherrschen. Tragen wir an die Krippe auch die
Machthaber, die
Politiker, die Wirtschaftskapitäne, die Medienmacher, alle, die
Macht ausüben, von
denen viele andere abhängen. Tragen wir auch diese zu Jesus, die
vor der Welt
als Große gelten, damit sie vor Jesus klein werden können,
damit sie herunter
steigen von hohen Thronen, von Machtpositionen. Bringen wir alle
Menschen in
die heilende Nähe Jesu in der Krippe. Lied Und
lassen wir uns
selbst von Jesus heilen. Zeigen wir ihm unser Wunden, unsere
Verletzungen,
unsere Geschwüre, zeigen wir ihm unsere Frustrationen, unsere
Enttäuschungen,
unsere zerschlagenen Hoffnungen. Zeigen wir ihm das Elend, dass wir uns
vielleicht jahrelang um etwas Gutes und Richtiges bemüht haben,
aber es nicht
erreichten. Zeigen wir ihm unsere Enttäuschungen über uns
selbst, dass wir mit
uns selbst nicht zufrieden sind und daher im Tiefen unglücklich.
Lassen wir uns
von ihm heilen, in Ordnung bringen, aufrichten. Und
wenn es uns im
Grunde genommen ganz gut geht, dann danken wir ihm von Herzen. Lassen
wir den
Dank zu Ihm hinströmen. Danken wir gründlich,
ausführlich, mit Worten und
Zeichen. Zeigen wir, dass der Dank groß und stark und ausdauernd
ist. Und
dann erinnern
wir uns daran, dass jetzt viele Gleichgesinnte mit uns an der Krippe
stehen,
auch wenn wir sie nicht sehen. Denken wir daran, dass es viele Menschen
gibt,
die ebenso denken und fühlen wie wir. Stellen wir uns vor, in
einer riesigen
Gemeinschaft zu stehen. Vertrauen wir darauf, dass die Menschen, die
ebenso
denken wie wir, viele sind, sehr viele. Dass diese Menschen meist
keinen Lärm
machen, dass sie meist keine Macht haben, dass sie meist unscheinbar
und
bescheiden sind. Aber dass es viele, sehr viele sind. Und dann schauen
wir mal,
wo diese Vielen vermutlich hergekommen sind: aus unserer unmittelbaren
Umgebung, aus dem nächsten Dorf, aus der nächsten
Straße, aus dem gleichen
Wohnblock. Vielleicht sind ja ganz in unserer Nähe liebe Menschen,
die ebenso
denken wie wir und die jetzt mit uns an der Krippe stehen. Und dann
denke ich,
dass mit uns im Geist an der Krippe stehen viele Christen aus dem
Heiligen
Land, viele Christen aus Ostjerusalem, aus der Westbank, vielleicht
auch aus
dem Gazastreifen. Und dann finden wir da auch Christen aus dem Irak,
aus dem
Libanon, aus Ägypten, ja sogar aus dem Iran, aus Pakistan und aus
Indien. Und
wir finden viele Christen aus Vietnam, aus Korea, aus China. Und da
sind ja
Massen von Christen aus Afrika. Sie kommen vor allem aus Nigeria, aus
dem
Kongo, aus Ruanda und Burundi, aber dann sehen wir auch Christen aus
Simbabwe,
aus Südafrika, aus Mozambique und aus Madagaskar. Die Afrikaner an
der Krippe
Jesu scheinen fast die Mehrheit zu sein. Aber dann tönt es da auch
spanisch.
Und wir sehen, dass Christen aus dem fernen Peru gekommen sind, aus
Venezuela,
aus Mexiko, aus San Salvaddor und sehr viele aus Brasilien und
natürlich auch
aus den USA und natürlich de Christen aus Europa. Sie sind aber
gar nicht mehr
die große Mehrheit. An der Krippe Jesu stehen tatsächlich
unzählig mehr
Asiaten, Afrikaner und Amerikaner. Es ist ein großer Chor, sie
sind geeint
durch ihren Glauben an den Gottessohn in der Krippe und durch ihre
Hoffnung,
dass er das Heil der heutigen Welt bringt, dass er die Welt mit ihren
Ungerechtigkeiten und Kriegen in Ordnung bringt. Lied Es ist ein Ros entsprungen Und
dann schauen
wir nochmal genauer hin, was wir da so alles sehen im Stall von
Bethlehem: Da
ist außer dem Jesuskind also Maria, die Gottesmutter. Sie
flößt uns Vertrauen
ein. Die einfache Frau versteht vermutlich ebenso wenig wie wir, was
hier
eigentlich vor sich geht. Aber sie sagt schlicht zum Angebot Gottes Ja
– obwohl
sie die Botschaft des Engels in riesige Verlegenheit brachte. Ein Kind
– ohne
verheiratet zu sein, ein Kind, das sie ihren Eltern, ihrer Familie, und
vor allem
Josef erst einmal erklären musste. Die meisten schauten sie doch
etwas
misstrauisch an, als sie merkten, dass sie schwanger war – vor der
Hochzeit. Es
war schwer für Maria. Manche tuschelten sogar, dass man sie
eigentlich
steinigen müsste. Und dann sagte ja der greise Simeon, dass ein
Schwert ihr
Herz durchdringen werde. Sie ahnte, dass ihr Sohn einmal nicht in die
Schemata
von Nazareth passen würde, dass man ihn schief anschauen
würde ebenso wie man
sie schief angeschaut hatte. Sie ahnte, dass er irgendwie groß
sein würde, was
aber den theologisch und politisch Großen nicht gefallen
würde. Sie ahnte, dass
man ihn lieber beseitigen würde, weil er so anders sein würde
als man sich das
so vorstellte. Maria hatte schlimme Vorahnungen, aber sie sagte einfach
Ja zu
Jahwes Plan, auch wenn sie ihn überhaupt nicht verstehen konnte.
All dies geht
uns durch den Kopf, wenn wir so auf Maria schauen. Maria ist ein gutes
Vorbild,
sie ist schlicht, einfach, menschlich nahe und sie schenkt uns Kraft.
Bei ihr
ist gut sein. Und
dann sehen wir
Josef beim Jesuskind. Mit ihm tun wir uns nicht so leicht wie mit
Maria, Er
scheint ein wenig schwach. Wir wollen ihm nicht unrecht tun, aber es
fällt uns
nicht leicht, ihn zu verstehen. Und
die Hirten. Sie
scheinen wie elektrisiert durch eine kaum verstehbare Botschaft. Aber
sie sind
angezogen von dem Kind, voll Achtung und Rücksichtnahme. Und
dann kommen da
diese orientalischen Gelehrten. Sie kommen von sehr weit her. Das sieht
man an
ihrer Kleidung. Sie sprechen eine Sprache, die wir nicht verstehen. Sie
sind
schweigsam, wie wenn sie ein Geheimnis hüteten. Und sie haben da
irgendwelche
Geschenke, die wir nicht so recht einordnen können. Die
ganze Atmosphäre
hier an der Krippe Jesu ist still, schweigsam. Aber irgendwie ist sie
erhebend.
Vom dem Kind geht eine Strahlung aus, die nicht leicht zu verstehen
ist. Wir
stehen oder sitzen oder knien, schweigend und lassen die geheimnisvolle
Botschaft dieses Kindes in uns eindringen. Lied. Und
nun wünsche ich
Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest. Seien wir im Gebet verbunden.
Verbinden
wir uns auch mit allen Christen rund um den Globus und beten den Mensch
gewordenen Gottessohn in der Krippe an. zum
Seitenanfang
Sir
3,2-6; 12-14; oder 1 Sam 1,20-22, 24-28; Kol 3,12-21 oder 1 Joh.3,1-2
21-24; Lukas 2, 41-52; Liebe
Hörerinnen und Hörer, Man
könnte fast meinen, das Evangelium vom ungehorsamen Jesuskind sei
speziell für unsere Zeit geschrieben. Nicht etwa, Wir
müssen uns aber mit der Frage genauer beschäftigen. Und es
ist erlaubt,
sich bei diesem Evangelium verwundert die Augen zu reiben: Warum haben
die
Eltern nicht gemerkt, dass ihr 12-jähriger Sohn
zurückgeblieben ist? Warum sind
sie drei Tage lang Richtung Galiläa marschiert, bevor sie anfingen
nach Jesus
zu fragen? War er vielleicht vorher schon so emanzipiert, dass die
Eltern sich
keine Sorgen machten? Und warum hat Jesus – wie es sich für
gehorsame Kinder
gehört – nicht den Eltern wenigstens irgendwie mitteilen lassen,
dass er noch
etwas im Tempel bleiben muss? Er konnte sich doch ausrechnen, dass die
Eltern
sich sorgen müssten. Hat er vielleicht erst durch diesen
Ungehorsam und den
Schrecken der Eltern gehorsam gelernt, denn danach sei er ja dann ganz
gehorsam
gewesen? So wird ausdrücklich im Evangelium gesagt. So
verständlich alle diese Fragen für uns sind, vermutlich sind
es alles
Fragen, die man so eigentlich nicht an das Evangelium stellen darf. Zu
anderen
Zeiten hat man anders gedacht als wir heute denken. Und es wird auch in
Zukunft
so sein. Vielleicht will das Evangelium hier überhaupt nichts
sagen, was mit
diesen unseren Fragen zusammenhängt. Man überhört und
überliest allzu leicht
Sätze, die vielleicht viel wichtiger sind als die Themen zu denen
wir Fragen
stellen. Ein zentraler Satz heißt wohl: „Seine Mutter bewahrte
alles, was
geschehen war, in ihrem Herzen.“ Bevor
wir versuchen, eine hintergründige Botschaft dieses Evangeliums zu
suchen, müssen wir doch kurz noch etwas zu unseren Fragen
einfügen: Wir
verstehen unter dem Wort „Familie“ gewöhnlich eine Gruppe von drei
bis
fünf Personen, also Vater, Mutter und durchschnittlich ein bis
drei Kinder.
Familie aber bedeutete Jahrhunderte lang eine ziemlich große
Gruppe:
Großeltern, Eltern, vielleicht dazu deren verheiratete oder unverheiratete Geschwister, Kinder, deren
Vettern und Cousinen und möglicherweise Knechte und Mägde.
Das alles war eine
Familie. So ist nicht auszuschließen, dass Maria und Josef
vermuteten, dass ihr
Sohn mit anderen Familienmitgliedern von Jerusalem aufgebrochen war.
Also man
darf in diese Richtung denken. Aber vielleicht ist das dem Evangelisten
auch
völlig unwichtig. Vielleicht
will der Evangelist Folgendes sagen Will
der Evangelist Lukas vielleicht mit dieser seltsamen Geschichte vom
Zurückbleiben Jesu im Tempel und seinem Lehren vor den Weisen
Jerusalems nur
sagen: Gottes Uhren gehen anders als der Menschen Uhren, Gottes Regeln
sind
anders als die Menschenregeln, Jesus steht nicht nur unter dem Gesetz
der
Menschen, sondern auch und viel mehr unter dem Gesetz Gottes? Will der
Evangelist vielleicht nur sagen: Wenn ihr meint, Jesus zu verstehen,
dann
täuscht ihr euch gewiss. Jesus ist nicht zu verstehen so wenig wie
Gott zu
verstehen ist. Man kann weder Jesus noch dem himmlischen Vater in die
Karten
schauen. Wer meint, ihm in die Karten schauen zu können, der ist
naiv. Wer
meint, die Wege Gottes erkennen, voraussehen zu können, der
täuscht sich gewaltig.
Gott kann man nur vertrauen. Ja, man soll und darf ihm vertrauen. Zum
Verstehen
gehört mehr dazu. Kurz
gesagt also die Glaubensbotschaft dieses Evangeliums: Gottes Tun ist
geheimnisvoll. Wir stehen vor ihm und können, müssen es
einfach annehmen. Wir
sollen tun, was Maria tat: Sie bewahrte das alles in ihrem Herzen. Nach
diesen Überlegungen zum Tagesevangelium müssen wir uns aber
noch dem
Fest der heiligen Familie zuwenden, das die Kirche am Sonntag nach
Weihnachten
feiert. Dieses Fest ist eine ziemlich moderne Einrichtung, nicht so wie
sehr
viele katholische Dinge, die auf uralte Zeiten zurückgehen. Die
besondere Verehrung
der "Heiligen Familie" beginnt erst in der Neuzeit. Im 17.
Jahrhundert ist sie vereinzelt nachzuweisen. Sie nimmt ihren Aufschwung
erst im
19. Jahrhundert. 1844 wurde die "Bruderschaft von der Heiligen
Familie" in Lüttich gegründet. Es
ist leicht zu sehen, dass die Verehrung der heiligen
Familie zusammenhängt mit dem Zerfall der traditionellen Familie.
Als Leider
müssen wir sagen: heute müsste man jeden Monat ein Fest der
heiligen
Familie feiern, um Auf
dem Feld Erstens:
junge Menschen sind nüchtern, verlieben sich nicht mehr so leicht
und wagen daher auch nicht die endgültige Bindung. Sie trauen sich
nicht, sich
zu binden, sie trauen dem Leben nicht, sie leben nach dem Prinzip:
trail and
error. Sie erleben wenig Vorbilder und geglückte Ehen. Zweitens:
Männer und Frauen brauchen eine gute Ausbildung. Und wenn sie
diese dann haben, wollen sie sie auch ausüben und können
keine Kinder haben. Drittens:
Kinder engen offenbar den Spielraum der Lebensgestaltung ein. Man
ist angebunden. Kinder kosten Zeit und Geld. Viertens:
man kann Kinder planen. Sie kommen nicht mehr so wie früher. Fünftens Und
doch: vermutlich sagen auch heute Psychologen und Soziologen:
Erwachsene mit kleinen oder heranwachsenden Kindern und vor allem
Großeltern
mit Enkeln haben im Schnitt ein erfüllteres Leben. Wenn sie
zurückschauen,
müssen sie meistens sagen: mein Leben hat einen Sinn gehabt.
Sicher gibt es
auch Kinder, die mehr Sorgen machen als das Gefühl der
Zufriedenheit schenken.
Aber ob das die Mehrheit ist? Jedenfalls
handelt sich die Gesellschaft viele Probleme ein, wenn sie keine
stabilen Ehen, keine stabilen Familien, keine Kinder hat und das
Kinderhaben
erschwert. Wir
Christen sollten Gott bitten um die Gnade, den Segen einer stabilen Ehe
wieder zu entdecken, den Segen einer einigermaßen harmonischen
Familie, den
Segen von Kindern. Nichts ist für den Christen
selbstverständlich. Alles ist
Gnade, auch eine gute, harmonische Ehe, eine gute Familie und Kinder.
Alles ist
Gnade. Wir haben sehr viel Grund zu danken und zu bitten. Auch hier
gilt: Wer
sucht, der findet, wer bittet, dem wird gegeben. Gott hört die
inständige Bitte
des Flehenden – gerade auch für Amen |
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| Ansprache
Pater Alfred Delp
in die Feder geschrieben und in den Mund gelegt von P. Eberhard v. Gemmingen, Samstag 6.10. 2007, Heilbronn Verehrte, liebe
Schwestern und Brüder, Vor 62 Jahren, als
viele von Ihnen kleine Kinder waren, bin ich in Berlin von den
Nationalsozialisten hingerichtet worden, weil ich mich darum
bemüht hatte, ein
humanes Nachkriegsdeutschland aufzubauen. Sie sind im
Nachkriegsdeutschland
groß geworden und leben ein bisschen von den Früchten meiner
Bemühungen. Von
meinem himmlischen Beobachtungsposten aus, kann ich gesellschaftliche
Situation
in meinem geliebten Vaterland ganz gut
beobachten. Und daher erlaube ich mir, Ihnen ein paar Vorschläge
zu
unterbreiten. Drei Dinge liegen mir
besonders am Herzen. Sie verbergen sich in einem Wort, das ich mit
gefesselten
Händen im Kerker geschrieben habe: „Brot ist wichtig, Freiheit ist
wichtiger,
am wichtigsten aber ist die ungebrochene Treue und die nicht verratene
Anbetung.“ (Haub 86) Die drei Stichworte
lauten: Brot, Freiheit und Anbetung. Beginnen wir bei der Anbetung: Sie wissen so gut wie ich,
dass Kirche und Glauben heute in Deutschland nur eine sehr
untergeordnete Rolle
spielen. Es gibt zwar eine gewisse Suche nach Religion, aber die geht
an der
Kirche ziemlich vorbei. Andererseits muss ich aus tiefster
Überzeugung sagen:
Europa ist d e r Kulturkontinent
dieses Globus nur durch das Christentum geworden. Hinter der ungeheuren
zivilisatorischen Geschichte stehen die zehn Gebote und die
Bergpredigt. Die
Kirchen haben zwar Jahrhunderte gebraucht, bis sie zur
Gleichberechtigung von
Mann und Frau, zur Anerkennung der Menschenrechte, zur Ächtung der
Sklaverei,
zu Anerkennung der Menschenwürde, zu sozialer Gerechtigkeit
gekommen sind. Dazu
war auch die Aufklärung nötig, die die Kirche in ihre
Schranken verwies. Aber
Aufklärung konnte es nur geben, weil es vorher die Ausbreitung des
Glaubens
gab. Heute würden sich Milliarden von Asiaten, Afrikanern und
Amerikanern
glücklich preisen, wenn sie auf der zivilisatorischen Ebene
Europas angelangt
wären. Da Sie ja da mitten
drin leben, sind sie sich dessen vermutlich kaum bewusst. Also: die
Wurzeln
Europas sind zu einem guten Teil die Bibel und der biblische Glaube an
Gott. Wir stehen beim
ersten Stichwort „Anbetung“. Nun
aber spielen tatsächlich Gott und seine Anbetung heute in Europa
kaum mehr eine
Rolle. Religion ist zur Privatsache geworden. Die Kirchen dürfen
als Kirchen
politisch nicht agieren. Nicht-Christen und Nicht-Glaubende dürfen
nicht
benachteiligt werden. Ich vermute, dass
Sie, die Sie mir hier lauschen, darüber betroffen sind, dass Gott
kaum mehr
eine Rolle spielt. Was ist zu tun? Haben Sie darüber nachgedacht? Ich komme auf mein
Wort von der nicht „verratenden Anbetung“ zurück. Was verstehe ich
unter
Anbetung und wie kann sie helfen? Erinnern Sie sich
bitte an meine Lage als ein Mann im Nazireich, der sich im Kreisauer
Kreis mit
Leuten traf, die ein besseres, ein humaneres Nach-Hitler-Deutschland
suchten.
Wir wussten, dass wir Tropfen in einem Meer von Übel, von Leid,
von
Machtkämpfen waren. Wir haben uns dennoch in die Schlacht
geworfen. Unsere
Situation war aussichtsloser als die Ihre. Eines meiner Stichworte
dabei hieß
eben „Anbetung“. Unter Anbetung verstehe ich ausdrückliche und
bewusste
Anerkennung der Hoheit Gottes. Der Glaube, dass Gott die Geschichte der
Welt in
der Hand hat, dass sie letztlich nicht von den Hitlers und Stalins,
auch nicht
von den Churchills, Roosevelts und De Gaules gelenkt wird. Und weil wir
glaubten, dass letztlich Gott die Welt in der Hand hat, galt für
uns auch das
gebeugte Knie. Wir wussten, dass wir unsere Knie vor Gott beugen
mussten, dass
die Haltung des gebeugten Knies den Menschen nicht erniedrigt, sondern
erhöht.
Der Mensch kommt auf die ganze Höhe seiner Menschenwürde,
wenn er vor Gott
niederkniet und ihn anbetet – auch dann und gerade dann, wenn er ihn
nicht
versteht, wenn er am Galgen endet. Schon zu meiner Zeit
habe ich erkannt: die wahre Not des Menschen damals wie auch heute ist,
dass
der Mensch die Antenne für Gott verloren hat, dass er Gottes fast
unfähig
geworden ist, dass er nicht weiß, was er mit dem Wort „Gott“
eigentlich
anfangen soll. Und dennoch – das ist mein Glaube: Gott gehört in
die Definition
des Menschen. Wenn der Mensch sich selbst ohne Gott verstehen will,
dann wird
er ein Krüppel. Der Mensch ohne Gott ist ein ein missratenes
Lebewesen, das
keinen Sinn und kein Ziel hat. Gott gehört in die Definition des
Menschen. Das
habe ich auch mit gefesselten Händen im Kerker geschrieben. Wir haben es ja mit
voller Wucht unter Hitler und dem Nationalsozialismus erlebt, was es
bedeutet,
wenn eine Gesellschaft ohne Gott und seine Ordnung gebaut werden soll.
Es wird
eine Welt der Konzentrationslager, der Gefängnisse, der Kasernen
und
Militärstiefel. Später mussten es noch die Menschen unter
Stalin und Honegger
durchleiden. Das wurde immer mit hehren Zielen begründet: Soziale
Gerechtigkeit, Ende der kapitalistischen Ausbeutung, Sieg der besseren
Rasse.
Aber wer Gott ausschließt, schließt den Menschen aus. Wer
den Menschen ohne
Gott verstehen will, versteht entweder ein Konsumtier oder eine
Marionette. Und wenn ich Eure
religiöse Situation richtig einschätze, so muss ich sagen: Da
vielen Menschen
in Europa heute die Antenne für Gott fehlt, fehlt ihnen
natürlich auch die
Anbetung. Auch viele heutige Getaufte haben offenbar nie gelernt, Gott
anzubeten, viele Priester haben es offenbar auch nie gelehrt. Anbetung
ist die
Grundhaltung des Menschen vor Gott. Viele von Euch sitzen vielleicht
vor ihm
und meditieren, viele diskutieren über ihn, hören sogar
manches seiner Worte
und versuchen sogar zu verstehen. Aber knien sie auch, um ihn und
seinen
heiligen Willen anzubeten? Gottlob setzen
Christen heute auch moderne Medien zur Verbreitung des Glaubens ein und
engagieren sich für eine bessere Gesellschaftsordnung. Das ist gut
so. Aber ich
fürchte: wenn die Anbetung fehlt, fehlt die Seele des Engagements.
Und ich greife noch
mal zurück: jede hohe Kultur basiert auf der Anerkennung einer
transzendent
begründeten Sozialordnung. Das gilt für die Kulturen Chinas,
Japans, Indiens,
des arabischen Raumes, aber auch für die Kulturen Afrikas und
Amerikas. Letzter
Grund für eine hohe Kultur ist die Anerkennung einer
göttlichen Ordnung. Europa
wird zu seiner Höhe höchstens dann zurückfinden, wenn es
wieder lernt, vor dem
Vater Jesu Christi seine Knie zu beugen. Das heißt für die
Christen: Sie müssen
dafür kämpfen, dass religiöse Überzeugungen von
Nichtglaubenden nicht
lächerlich gemacht werden. Christen sollen zwar tolerant sein, sie
müssen sich
aber auch engagieren, reine Toleranz reicht nicht. Sie müssen sich
aktiv wehren
gegen die Zerstörung christlicher Werte. Und auch Nicht-Christen
sind zur
Toleranz verpflichtet. Für solche Grundeinstellungen habe ich
gelebt, gekämpft
und bin ich gestorben. Ihr ehrt mein Erbe nur dann, wenn ihr für
die Werte
kämpft und notfalls sterbt, für die ich gelebt habe und
gestorben bin. All dies stelle ich
unter das Stichwort „Anbetung“, das
ich mit gefesselten Händen im Kerker immer wieder
niedergeschrieben habe. Mein zweites Stichwort
heißt „Freiheit“.
Wohlgemerkt: es steht zwischen dem Brot, ohne das der Mensch auch nicht
leben
kann, und der Anbetung. Unter Freiheit wird
heute von den meisten Menschen verstanden, dass sie tun und lassen
können, was
sie tun und lassen möchten. Sie verlangen, dass niemand sie daran
hindert,
ihren Wünschen nachzugehen. Das ist wohl heute die geläufige
Vorstellung von
Freiheit. Meine ist das nicht. Ich habe – ebenso wie Eure Eltern –
Unfreiheit
erlebt: Wir durften nicht sagen, was wir dachten, wir durften
möglichst nicht
denken, was verboten war, wir durften uns nicht
zusammenschließen, uns
versammeln. Wir konnten keine Zeitungen kaufen, in denen wir unsere
Ansichten
fanden, wir durften sie nicht schreiben oder am Radio sagen. Wir
wussten, was
Unfreiheit ist und sehnten uns nach Freiheit. Wir sehnten uns danach,
mitarbeiten zu dürfen an einer humanen Gesellschaft, wir sehnten
uns danach,
konstruktive Gedanken aussprechen zu dürfen, unsere Kinder nach
unseren
Vorstellungen erziehen zu können, eine Presse gestalten zu
können, die einer
humanen Gesellschaft entsprach. Das verstanden wir unter Freiheit. Die
Möglichkeit, beizutragen für das Wohl der Gemeinschaft.
Freiheit ist die
Möglichkeit, das zu tun, was dem eigenen Gewissen entspricht, sich
im Handeln
nach seinem Gewissen zu richten. Und wie hängt Freiheit mit Anbetung zusammen? Haben
die einen Bezug zu einander. Ist Anbetung nicht das Gegenteil von
Freiheit,
nämlich Bindung? Mit gefesselten Händen habe ich geschrieben: „Die Geburtsstunde der menschlichen
Freiheit ist die Stunde der Begegnung mit Gott“. (Haub 89) Das
waren meine
kurzen Worte damals. Ich habe es erfahren: als ich mich durch die
Professgelübde zwei Monate vor meinem Tod ganz an den Orden und
die Kirche
band, wurde ich ganz frei. Gott machte mich frei. Meine Bindung an ihn
machte
mich frei. Wir müssen im neuen
Jahrtausend und in der nachkonziliaren Kirche neu lernen, dass uns die
Bindung
frei macht. Dass sie uns ungeheure Möglichkeiten eröffnet.
Ein anderes Mal habe
ich im Kerker geschrieben: „Nur der
Anbetende, der Liebende, der nach Gottes Ordnung Lebende ist Mensch und
ist
frei und ist lebensfähig“. (Haub 87) Wie steht es damit
bei Euch? Ich beobachte ja aus meiner himmlischen Vorzugsposition. Ich
meine:
es war schon mal besser. Die allermeisten Bürgerinnen und
Bürger arbeiten zwar
hart und verhalten sich mitbürgerlich und solidarisch. Aber sind
sie sich ihrer
Verantwortung bewusst, das Gemeinwesen mit gestalten zu können und
zu müssen?
Nützen sie ihr Wahlrecht verantwortungsbewusst? Informieren sie
sich politisch
hinreichend, um verantwortungsvoll wählen zu können? Ich möchte einen
Gedanken vorlesen, den ich in meinem Buch „Der Mensch und die
Geschichte“
geschrieben habe: „Das Böse ist so
furchtbar in der Geschichte, nicht weil es geschichtsmächtiger
ist, sondern
weil das Gute so unfruchtbar ist, weil das Gute die Tradition als
konservative
Schläfrigkeit und Gewohnheit missversteht, weil das Gute die
ethische
Ordentlichkeit in biedermeierliche Bravheit und Sorglosigkeit
verharmlost. Die
Geschichte stellt die Bewährung des Menschen auf den weiten Blick,
auf den
hohen Mut, auf das große Wagnis und das blutvolle Opfer…“ (Haub
78) Ich habe mich hier
als Historiker und als Soziologe versucht und ich glaube, einiges
Richtige
erkannt zu haben. Und als glaubender Mensch, als Theologe habe ich dann
noch
zugefügt: „Christus und die Kirche gelten
in einem Volk immer so viel, als die christlichen Menschen es wert
sind, als
sie Kraft ihrer christlichen Vitalität, ihres strahlenden
werbenden Daseins
ihre Umwelt meistern und mit herein ziehen in den göttlichen
Strom, in dem sie
selbst existieren. Das Erste, worum es zu gehen hat, ist der Glanz und
die Ehre
des Herrgotts, und wer echt für sie steht, dem wird alles andere
dazu gegeben
werden.“ (Haub 78) Wenn Christus und die
Kirche also im Jahr 2007 und im dritten Jahrtausend wenig gelten, so
liegt das
nach meiner Meinung eben zu einem Teil auch an den Christen des Jahres
2007 und
des neuen Jahrtausends. Es ist schon eigenartig: als die Christen in
den ersten
drei Jahrhunderten noch am meisten verfolgt wurden, hatten sie die
meiste
Überzeugungskraft. Die römischen Kaiser mussten registrieren,
dass die Kirche
aus jeder Verfolgungswelle gestärkt hervor ging. Wir stehen immer noch
beim Stichwort Freiheit. Und ich
frage: Was machen die heutigen Menschen aus ihrer Freiheit? Mit ihrer Freiheit? Und nun richte ich
mich besonders an die Menschen, die täglich oder oft eine
ausgewogene Zeitung
lesen. Ich meine: Sie besonders müssten darunter leiden, dass so viele Mitbürgerinnen und Mitbürger
sich
geistig fast nur von einem Blatt ernähren, das täglich
für 50 Cent auf dem
Markt ist. Diese Menschen können meist nichts dafür, dass sie
so anspruchslos
sind. Denn niemand hat sie angeleitet, anspruchsvoller zu sein. Aber es
sind
Arme, Bettelarme, so wie die Hungerleider in Afrika. Wer sich geistig
nur so
ernährt, ist Futter für Hitlers und Stalins. Das schmerzt
mich. Dafür sind wir
im Widerstand gegen Hitler nicht gestorben. Viele Ihrer Zeitgenossen
klagen
auch darüber, dass die heutige Gesellschaft so materialistisch
ist. Sie spüren
sehr richtig, dass das Geld, der materielle Wohlstand heute eine
ungeheure
Rolle spielen. Es ist wie eine Atmosphäre, der man gar nicht
entkommen kann,
die man auch kaum mehr wahrnimmt. Die Menschen werden durch die Werbung
auf
ihre unbewussten Wünsche und Triebe angesprochen. Man kann fast
sagen: sie
wissen nicht, was sie tun – wenn sie Dinge kaufen, die ihnen
kurzfristig Freude
oder wenigstens Vergnügen bringen, langfristig aber nur Ekel
nähren. Die
Menschen der Wirtschaft sagen: Wenn nicht gekauft wird, gehen
Arbeitsplätze
verloren. Entweder Vollbeschäftigung und Handel oder
Arbeitslosigkeit. Ich
denke: die Menschheit ist heute in vielen Bereichen so clever, dass man
sich
auch diesem Zwang nicht einfach beugen muss. Wenn ich, Alfred
Delp, der ich das zerbombte München und Berlin gesehen habe, heute
auf eure
Städte schaue und durch Eure Straßen gehe, dann frage ich
mich einfach: sind
das meine Landsleute, die diese dumme Reklame sehen, diese
Zeitungen und
Zeitschriften lesen. Diese Menschen sind ja vermutlich nicht schlecht,
aber
ihre Vorstellungen vom Leben scheinen so armselig, so schwach, so
manipuliert,
so völlig anders zu sein als unsere Vorstellungen. Viele dieser
Menschen sind
ja hervorragend ausgebildet, können vieles, wovon wir nicht einmal
träumten,
sie surfen, mailen, sms-en, fotografieren, fliegen herum, treiben
Sportarten,
die zu meiner Zeit unbekannt waren, sind vielfach auf fleißig,
müssen hetzen,
sind müde gestresst, gehetzt. Aber das, wofür sie leben?
Wofür leben sie
eigentlich? Was sind ihre Ideale, ihre Ziele, ihre Wünsche und
Träume. Sind es
nur eine Wohnung, ein Auto, Ferien, Reisen in ferne Länder? Treibt
sie nichts
darüber hinaus? Ideale, eine bessere, schönere Welt, Kinder,
die lachen, eine
Familie, auf die man als Großvater oder Großmutter mit ein
wenig Stolz schauen
kann? Was bewegt sie eigentlich? Sind sie nur von der Erfüllung
des nächsten
Wunsches beseelt? Brauchen diese
Menschen in den Städten Deutschlands vielleicht wieder Hunger, Not
und Elend?
So dass sie Träume und Ideale haben, die sie n
a c h dem Hunger,
n a c h der Not und dem
Elend verwirklichen können? Und das dritte
Stichwort: Brot. Dieses Stichwort
ist für mich Symbol für alles, was mit dem physischen Leben
des Menschen zu tun
hat. Es besagt: soziale Gerechtigkeit, staatliche Ordnung,
Menschenrechte,
Demokratie. Wenn wir Gott in Geist und Wahrheit anbeten, wenn diese
Anbetung
echt ist, dann sorgen wir uns auch um das tägliche Brot für
unseren Nächsten,
dann sorgen wir dafür, dass ihm Gerechtigkeit widerfährt,
dass er die notwenige
Hilfe für Seele und Leib erhält, dass er seine
bürgerlichen Rechte wahrnehmen
kann, dass er in einer gerechten und humanen Umwelt leben kann. Wir
dürfen
nicht anbeten, ohne für Gerechtigkeit gesorgt zu haben. Ich habe
es damals mit
gefesselten Händen so ausgedrückt: „Es
wird kein Mensch an die Botschaft vom Heil und vom Heiland glauben,
solange wir
uns nicht blutig geschunden haben im Dienst am physisch, psychisch,
sozial,
wirtschaftlich, sittlich und sonst wie kranken Menschen. Der Mensch ist
heute
krank“. (Haub 84) Wir müssen nicht nur
helfen und organisieren. Wir müssen uns schinden, wir müssen
uns blutig
schinden. Es reichte mir damals nicht, gescheite Ideen zu haben, ich
musste
mich auch exponieren, Ich konnte es durch meine Predigten in
Bogenhausen, durch
die Gefährdung im Kreisauer Kreis. Ich durfte nicht ausweichen.
Ich musste mich
schinden. Und dann auch schinden lassen. Daher habe ich im
Gefängnis nach einer
Folternacht einmal gebetet: „Ich habe
Gott gefragt, warum er mich so schlagen lässt. Für die
Unklarheit und
Unwahrhaftigkeit meines Wesens – das ging mir auf. Wenn ich an die
Nacht in der
Lehrter Straße denke, in der ich Gott um den Tod gebeten habe,
weil ich die
Ohnmacht nicht mehr ertragen konnte, dieser Wucht und Wut mich nicht
mehr
gewachsen fühlte. Wie ich die ganze Nacht mit dem Herrgott
gerungen und einfach
meine Not ihm hingeweint habe. Erst gegen Morgen strömte die
große Ruhe in mich
ein, eine beglückende Empfindung von Wärme und Licht und
Kraft zugleich,
begleitet von der Erkenntnis: du musst es durchstehen – und gesegnet
durch die
Zuversicht: du wirst es durchstehen. Das ist der Tröstergeist, das
sind die
schöpferischen Dialoge, die er mit dem Menschen führt.“ (Haub
61) Bei anderer
Gelegenheit habe ich mit gefesselten Händen geschrieben: „Ich kann predigen soviel ich will, und Menschen geschickt
oder
ungeschickt behandeln oder wieder aufrichten, solange ich will. Solange
der
Mensch menschenunwürdig und unmenschlich leben muss, solange wir
der
Durchschnitt den Verhältnissen erliegen und weder beten noch
denken. Es braucht
die grundlegende Veränderung der Zustände des Lebens.“ (Haub
45) Ich komme zum
Schluss: Ich habe diese Gedanken aufgehängt an meiner Einsicht in
Anbetung,
Freiheit und Brot. Ich habe noch eine andere Dreiheit. Die Kirche ist
nur
menschenfreundlich, wenn sie spirituell,
ökumenisch und diakonisch ist. Spirituell ist sie
grundlegend durch die Haltung der Anbetung. Diakonisch ist sie, wenn
sie sich
um das Brot der Menschen schindet – und um alles, was dieses Symbol
ausdrückt.
Es bleibt die Ökumene. Mir war schon vor über 60 Jahren klar:
Wenn sich die
Kirchen streiten, werden die Menschen nicht an Jesus Christus und den
Vater
glauben können. Damals schrieb ich „Wenn
die Kirchen der Menschheit noch einmal das Bild einer zankenden
Christenheit
zumuten, sind sie abgeschrieben. Wir sollten uns damit abfinden, die
Spaltung
als geschichtliches Schicksal zu tragen und zugleich als Kreuz. Von den
heute
Lebenden würde sie keiner noch einmal vollziehen. Und zugleich
soll sie unsere
dauernde Schmach und Schande sein, da wir nicht im Stande waren, das
Erbe
Christi, seine Liebe unzerrissen zu hüten.“ (Haub 63) Ich meine, dass diese
Aussage gerade auch heute helfen kann: Die Spaltung existiert noch. Es
ist
utopisch, sich vorzumachen, dass die Spaltung heute oder morgen
überwunden sei.
Man darf sich nichts vormachen. Aber Spaltung heißt nicht Streit,
heißt nicht
Feindschaft, heißt nicht Häme. Spaltung heißt Leid.
Auch zwischen Christen und
Nichtchristen herrscht heute ein aufmerksamer, respektvoller Dialog. So
darf es
zwischen den Kirchen trotz der Spaltung keine lieblosen
Auseinandersetzungen
geben, sondern nur liebendes, respektvolles Gespräch. Gerade heute
besteht
wieder die Gefahr, dass Ihr das Erreichte durch Streit zerstört.
Das Leid der
Trennung – wenn es denn wirklich ein Leid ist – darf nicht zu
Gehässigkeit
führen, sondern immer neu zu Leid und Sehnsucht, das Leid zu
überwinden. In der
Zelle neben mir war der evangelische Theologe Eugen Gerstenmaier
gefangen. Ihm
ließ ich am 31.Dezember 1944 einen Kassiber zukommen, auf dem ich
folgendes
schrieb: „ Die geschichtliche Last der
getrennten Kirchen werden wir als Last und Erbe weiter tragen
müssen, Aber es
soll daraus niemals wieder eine Schande Christi werden. An die
Eintopfutopien
glaube ich so wenig wie Du, aber der eine Christus ist doch ungeteilt,
und wo
die ungeteilte Liebe zu ihm führt, da wird uns vieles besser
gelingen, als es
unseren streitenden Vorfahren und Zeitgenossen gelang. Ich habe
außerhalb der
Messe das Heilige Sakrament immer in der Zelle und rede mit dem Herrn
oft über
Dich. Er weiht uns hier zu einer neuen Sendung.“ (Haub 63) Nun zum Schluss: Es
ist schon seltsam: im Kerker hatte ich einen großen Optimismus.
Freilich war
dies kein oberflächlicher Optimismus, es war schon wirklich
Vertrauen in Gott,
in seine Führung, auch in die Geschichte. Ich hatte einfach
Vertrauen in das
Leben. Vielleicht hatte ich mehr Vertrauen in das Leben als ihr, die
ihr frei
seid, euch frei entfalten, euch frei aussprechen, frei auch Politik
gestalten
könnt. Aus diesem Vertrauen in das Ganze habe ich einen Satz
formuliert, der im
Jahr 1984 zum Motto des Katholikentags in München wurde. Ich
schrieb damals „Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es
nicht allein zu leben haben, sondern weil Gott es mit uns lebt.“ (Haub
67) |
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Predigt zum
Ursenfest in
Solothurn
am 29. September 2007 P. Eberhard v. Gemmingen SJ Liebe Schwestern und
Brüder in unserem Herrn. Wir feiern das Fest
von zwei heiligen Soldaten Urs und Victor. Es ist kein Wunder, wenn
sich
moderne Menschen fragen, was das denn soll. Gibt es nicht viele
Christen, die
eher nach dem Evangelium gelegt haben als gerade Soldaten. Soldaten
sind doch
bewaffnet, um Andere zu verletzen oder zu töten. Kann man denn als
Soldat
heilig werden, kann man nicht eher heilig, obwohl man Soldat war? Denn: hat nicht Jesus
Gewaltlosigkeit verkündet und gelebt? Heißt es nicht in der
Bergpredigt: Selig,
die keine Gewalt anwenden? Wurde Jesus nicht gerade von Soldaten
gefoltert und
umgebracht, waren diese Soldaten nur dumme und willige Knechte von
Herrschern,
die mordeten, die sich aber dabei die Hände nicht schmutzig machen
wollten?
Sollten nicht Christen des 21. Jahrhunderts selbstkritischer sein gegen
die
Verherrlichung von Menschen mit der Waffe? Haben Soldaten nicht im Lauf
der
Jahrtausende ebenso wie Politiker entsetzliches Elend über die
Menschen
gebracht? Die Waffe in der Hand hat sie
verroht, sodass Millionen Unschuldiger sterben mussten, Millionen von
Frauen
vergewaltigt wurden, Millionen von Kindern verhungerten, weil Soldaten
ihren
Aggressionen freien Lauf ließen im blinden Gehorsam gegen
Fürsten, Diktatoren
und Kaiser. Kurz darf man heute noch Soldaten – und wenn sie noch so
brav waren
– huldigen – wie wir es heute tun sollen? Selbstkritik ist
nötig, aber dabei ist genaues Hinschauen ebenso nötig. Drei Schritte möchte
ich mit Ihnen gehen: Was meint Jesus mit
Gewaltlosigkeit? Was finden wir in der
Bibel über Soldaten? Was sagt uns die
Geschichte? Wie können wir
heilige Soldaten ehren? 1. Jesus und die
Gewaltlosigkeit: eine
der Seligpreisungen der Bergpredigt lautet: Selig die keine Gewalt
anwenden,
denn sie werden das Land erben. Weiter sagt Jesus: selig die Frieden
stiften,
denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Und noch ein Wort in
diese
Richtung: Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn
sie werden
satt werden. Erst durch das
entsetzliche Blutvergießen in zwei Weltkriegen ist dem heutigen
Christen klar
geworden, welche Bedeutung diese Jesus-Worte haben. Gottlob gab es im
vergangenen Jahrhundert einige wundervolle Persönlichkeiten, die
der Menschheit
gelehrt haben, was Jesus auch für heute und für die Politik
gesagt hat. Ich
denke an Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Erzbischof Romero. Mich
persönlich hat vor allem Gandhi beeindruckt.
Vor rund 30 Jahren war ich drei Monate lang in Indien unterwegs, habe
in Zug
und Bus viel Gandhi gelesen. Vor allem wurde mir klar: Gewaltlosigkeit
muss im
eigenen Herzen, in mir selbst beginnen,
sie muss in gewisser Weise erlitten und so gelernt werden. Man hat sie
nicht
einfach. Ich darf keine bösen Gedanken denken, muss bereit sein,
für das Gute
zu leiden, muss sogar bereit sein, für das Gute und den
Nächsten notfalls zu
sterben, auf jeden Fall aber für sie zu leiden. Es genügt
nicht, keine Waffe zu
tragen, nötig ist die innere Entwaffnung. Und dies kostet
Anstrengung,
Disziplin, Demut, Bereitschaft zum Leiden, Bereitschaft, Leiden um der
Gerechtigkeit willen auf mich zu nehmen. Wenn also konkret die
Schweiz oder Deutschland alles Militär abschaffen würden,
aber nicht
gleichzeitig alle aggressive Musik abschalten würde, alle
aggressiven
Fernsehsendungen, alle aggressiven Spiele, alles aggressive Autofahren,
alles
egoistische Handeln überwinden würde, dann nützte die
Abschaffung des Militärs
nichts – jedenfalls nicht im Sinne Jesu. Gewaltlosigkeit ist
ja ein an sich negativer Begriff, es ist eine …losigkeit. Für dies
kann man
nicht gut leben. Positiv geht es um Liebe, um ein Ja zu anderen
Menschen, ein
Ja zur Welt, zur Schöpfung, zu Pflanzen und Tieren, ein Ja auch zu
mir selbst
in all meiner Schwachheit. Dahin passt dann das Jesus-Wort Selig die
Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden. Der wahrhaft Gewaltlose
hat
Erbarmen mit allem, was ihn umgibt, er freut sich auch nicht am eigenen
Sieg,
wenn er auf Kosten des Anderen geht. Jesus meint ein neues Denken, ein
Denken,
das in unserem tiefsten Inneren erkämpft und erlitten werden muss,
ein Denken
aus Liebe. Wenn wir also heute
militärkritisch sind, darf es nicht bei dieser Kritik bleiben,
sondern muss es
getragen sein von einem positiven, konstruktiven und leidensbereiten
Denken und
Tun. Viele Christen
bewundern heute den Buddhismus. Dass der Buddhist für seine Ideale
aber leiden
muss, wird leicht vergessen. Die gesuchte Befreiung im Buddhismus muss
erlitten
werden. Und Jesus hat gerade
in der Bergpredigt gezeigt, wie er Gewaltlosigkeit versteht. Es geht um
ein
neues Denken, um die Liebe des barmherzigen Samariters, um das Wuchern
mit den
anvertrauten Talenten, ums Verzeihen, um das Annehmen und Ertragen von
fremder
Gewalt und Bosheit. Wenn wir also heute
zwei heilige Soldaten ehren, so nur auf dem Hintergrund von Jesu Botschaft der Liebe. 2. Was
finden wir denn nun über Soldaten im
Neuen Testament? Nun gleich zu Anfang
des Lebens Jesu spielen Soldaten eine sehr schlechte Rolle, als sie im
Auftrag
von König Herodes die neu geborenen Knaben in Bethlehem umbringen.
Später
kommen zur Bußpredigt von Johannes
dem
Täufer dann aber auch Soldaten und fragen, was sie tun sollen. Er
sagt ihnen: misshandelt
niemanden, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold. Offenbar
hatten sich
Soldaten auch daneben benommen. Das Evangelium spricht dann von einem
ganz
besonderen Soldaten, dem römischen Hauptmann, der Jesus um die
Heilung seines
Sohnes oder Untertan bittet. Jesus lobt dessen Glauben. Dann spielen
die
Soldaten bei der Folter und beim Tod Jesu eine unrühmliche Rolle,
weil sie halt
einerseits das Gebotene bei der Geisselung tun, andererseits bei der
Dornenkrönung auf eigene Faust Jesus quälen. Dann kreuzigen
sie ihn
pflichtgemäß und verteilen nach Brauch seine Kleider unter
sich. Ein Hauptmann
bekennt dann als erster, dass Jesus wohl nicht nur ein Mensch, sondern
ein
Göttlicher ist. Soldaten tauchen dann nochmals bei der Verhaftung
und beim
Transport von Paulus nach Rom auf. Aber es fehlt ein
Wort Jesu oder Pauli über das Soldatsein und den
Militärdienst als solchen.
Jesus interessiert sich offenbar nicht direkt für Politik und die
Verwaltung
des Staates. Im Römerbrief befiehlt Paulus, dass die Christen den
staatlichen
Obrigkeiten gehorchen. Dabei versteht er wohl auch den Gehorsam gegen
militärische Oberen. Also keine grundsätzliche Ablehnung des
Soldatseins. Wir
finden also im Neuen Testament nur den Aufruf Jesu zu Gewaltlosigkeit,
nichts
gegen den Soldatendienst als solchen. Das ist tröstlich
für
die Schweiz, denn die Eidgenossenschaft hat ja durch Jahrhunderte ihre
besten
Söhne in andere Länder geschickt, damit sie dort ihr Brot
durch den Dienst des
Söldners verdienen. Sie erhielten Sold und wurden dadurch Soldaten. 3. Was sehen wir in der
Geschichte und was lernen wir aus
ihr? Leider finden wir in
der Geschichte sehr viel Krieg, der zwar nicht von den Soldaten
angezettelt,
aber doch von ihnen durchgeführt wurde. Grund der Kriege war oft
Verlangen nach
mehr Wohlstand und Macht, daher Ausdehnung der Territorien, der
Herrschaftsgebiete, der Märkte, Eroberung von Land und
Völkern. Erst in unserer
Zeit hat sich gezeigt, dass Wohlstand und Reichtum nicht nur vom
Territorium
abhängt, sondern vor allem auch von der Ausbildung und beruflichen
Qualifikation
der Bevölkerung. Wissen wurde zur Macht. Und damit wurde auch
Krieg subtiler. Heute werden Kriege immer
subtiler. Sie
werden nicht mehr mit Heeren, Panzern und Kanonen geführt,
höchstens noch mit
Flugzeugen, sondern vor allem an der Börse, mit
Handelsverträgen, mit
Wirtschaftsabkommen. Menschen sterben nicht mehr durch Schwerter und
Kugeln,
sondern durch Armut, Ausbeutung,
Ausgrenzung und Unterdrückung. Krieg ist subtil, man hört
nichts mehr
dabei. Kein Waffengeklirr. Er geschieht lautlos. Nötig ist heute
für Christen,
dass sie sich umfassend politisch informieren, damit sie ihre Stimme
bei Wahlen
in die richtige Waageschale werfen können. Wähler haben
große Verantwortung,
sie machen Politik und vielleicht sogar Weltpolitik. Vielleicht sterben
Menschen
in fernen Ländern, weil Wähler in reichen Ländern sich
politisch nicht
informiert haben und falsch wählen, weil sie nur auf Parolen
reinfallen. Wähler
machen Weltpolitik. Und auch Käufer
machen Weltpolitik. Käufer müssen darauf achten, wie die
Waren hergestellt
werden, ob den Arbeitern, den Warenherstellern durch die Arbeit mehr
genützt
oder mehr geschadet wird. Kriege sind heute sehr viel subtiler. Und was lehrt uns die
Geschichte noch: Ein Land braucht
Verteidigung. Es braucht Abschreckung. Soldaten für den Schutz
der
Bevölkerung sind erlaubt und nötig. Freilich ist das
Militär nur die letzte
Waffe. Vorausgehen muss Gerechtigkeit. Denn Gerechtigkeit schafft
Frieden. Aber
da die Menschen leider vorläufig keine Heiligen sind, sondern mit
der Erbsünde
geboren werden, brauchen Gesellschaften die Verteidigung und die
Abschreckung.
Wichtiger als diese beiden aber ist die Gerechtigkeit. Je mehr
Gerechtigkeit
herrscht, desto weniger Militär ist
nötig. 4. Wie können wir
heilige Soldaten ehren? Ich gestehe, dass ich
die heiligen Urs und Victor erst für die Vorbereitung dieser
Predigt kennen
lernte. Vorher war mir nur ihr Freund und Zeitgenosse, der Heilige
Maurizius
von Saint Maurice bekannt. Es ist nicht sicher, ob Urs und Victor
sterben
mussten, weil sie sich als Christen weigerten, den heidnischen
Göttern zu
opfern oder weil sie sich weigerten, gegen christliche Stämme zu
kämpfen. Wie
immer: sie verweigerten Handlungen, die ihnen ihr Gewissen verbot. Sie
hörten
auf die Stimme des Gewissens und das kostete sie
das Leben. Was lehrt uns dies:
Soldaten dürfen ihr Gewissen im Dienst nicht abgeben, kein
Staatsbeamter darf
sein Gewissen im Dienst abgeben, aber auch kein Staatsbürger darf
es. Das
Gewissen zählt immer. Heute bewundern wir
in Deutschland die Männer und Frauen, die sich vor 60 Jahren gegen
die
Nazidiktatur gewehrt haben und dafür gestorben sind. Es sind mehr
als man
denkt. Wir sind stolz auf sie. Vermutlich gibt es auch heute
Situationen, in
denen Bürger nein sagen müssen gegen gewisse Handlungen und
bereit sein müssen,
die leidvollen Konsequenzen für ihr Nein zu tragen. Damit das Nein
aber möglich
ist, muss das Gewissen schon lange vorher geübt werden. Jeder
Mensch muss lange
vor einer heiklen Situation lernen, auf sein Gewissen zu hören und
ihm zu
folgen. Hier liegt wohl heute in Friedenszeiten die Aufgabe von vielen.
Wir haben gottlob
Zeit und Ruhe, das Lauschen auf unser Gewissen zu lernen. Wenn wir es
jetzt
nicht lernen, dann wird es uns in kritischen Situationen nicht
gelingen, die
Stimme des Gewissens zu hören und ihr zu folgen. Lange bevor Urs und
Victor für ihren Glauben an Jesus Christus starben, haben sie ihn
als ihren
Erlöser in ihren Herzen angebetet. Wer Christus nicht im Alltag
sucht, wird ihn
auch in Krisensituationen nicht suchen und dann seine Hilfe auch kaum
erfahren.
Martyrer fallen nicht vom Himmel. Man kann sich zwar nicht selbst zum
Martyrer
machen, man darf es nicht einmal, aber der Mensch kann sich im Herzen
und im
Geiste innerlich auf schwierige Entscheidungen vorbereiten. Er kann im
Alltag
wachsen. Er sollte sich täglich abends prüfen und sich
fragen, was vor seinem
Gewissen und vor Angesicht Gottes Bestand haben kann und was nicht. Wir sind heute leicht
sehr kritisch gegen Gewaltanwendung, gegen Politiker, gegen
Medienleute. Sind
wir ebenso kritisch gegenüber uns selbst, gegen unser eigenes Tun?
Gegen unser
Desinteresse, gegen unseren Egoismus, gegen unser Engstirnigkeit?
Solange
Frieden ist, können wir lernen. Wir haben die Pflicht zu lernen,
solange wir
lernen können, damit wir dann stark sind wir ein Bär, der Urs
und wie der
Sieger Victor. Amen. |
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Was
hält Köln
– was hält die Gesellschaft zusammen?
Stadtpredigt in Köln am 19. März 2006 P. Eberhard v. Gemmingen SJ Wie kann man heute
über das sprechen, was die Gesellschaft,
die Gesellschaft der Welt, Europas und von Köln zusammenhält,
ohne auszugehen
von dem, was die Menschen heute spaltet, was sie entzweit, was sie zum
Kampf
gegeneinander aufstachelt. Was ist es
denn im Grunde, das die Welt heute entzweit und spaltet? Sind es nicht
die
Religionen, die tiefsten Überzeugungen, solche Überzeugungen,
für die der
Mensch sein Leben zu geben bereit ist?
Man vermeidet zwar –
soweit ich sehe – so weit wie möglich
den Ausdruck „Clash of Zivilisations“. Vielleicht ist es auch gut so,
den
Teufel nicht an die Wand zu malen und diesen Zusammenstoß nicht
herbeizureden.
Aber erleben wir nicht doch hinter allen politischen und
wirtschaftlichen
Konflikten einen Zusammenstoß von Weltanschauungen, von Kulturen,
von
Religionen? Ich weiß: die
Gewaltausbrüche im muslimischen und vor allem
im arabischen Raum haben primär nicht religiöse, sondern
wirtschaftliche,
politische Gründe. Es geht ums Öl, es geht um Macht und
Vorherrschaft. Und doch
– erlauben Sie mir diese Analyse, bevor ich mich in theologische Felder
vorwage
– auch anderswo gibt es Konflikte um Macht und Vorherrschaft, denken
wir an die
Auseinandersetzungen auf dem Weltmarkt zwischen den USA und China, den
USA und
Japan, Europa und den USA, denken wir an die Konflikte zwischen der
reichen
Welt und den Entwicklungsländern, die ihre Waren auf dem reichen
Markt anbieten
wollen und daran gehindert werden. Politische und wirtschaftliche
Auseinandersetzungen müssen nicht zu Gewaltausbrüchen
führen. Ich denke, der
Machtkonflikt zwischen dem, was man den
Westen nennt und der muslimisch-arabischen Welt (ich weiß, dass
das nicht
identisch ist, denn Pakistan, Shri Lanka, Malaysia und Indonesien sind
keine
arabischen Länder) führt deshalb zu so viel Gewalt, weil
viele Menschen im arabisch-muslimischen Bereich
arm sind, sich ausgebeutet fühlen, durch Fernsehen und Film von
einer ihnen
fremden Kultur überzogen werden, durch die sie sich bedroht
fühlen. Dann
kommen die Manipulatoren aus den eigenen Reihen, die die vorhandene
Frustration
in ihre Richtung lenken und schon brennen Kirchen, werden Geistliche
getötet,
Fremde und Westler unterdrückt und bedroht. Ich denke, es handelt
sich um einen Zusammenstoß von Denk-
und Lebensweisen, der möglich geworden ist, weil die Erde zum Dorf
geworden
ist. Also unsere
Frage: Was hält zusammen? Was trennt? Sind es also
nicht doch letztlich die Religionen, die Weltanschauungen, die trennen,
weil
sie unterscheiden? Drehen wir den Film
einmal um ein paar tausend Jahre zurück. Abraham wird
von Gott, den er in
seinem Gewissen vernimmt, aus seinem Land und aus seinem Vaterhaus
hinausgeführt. Er trennt sich, er unterscheidet sich. Was
mögen seine
Verwandten gesagt haben: vermutlich: er spinnt, er fühlt sich als
etwas
Besseres. Abraham folgt dem Ruf Gottes und setzt sich ab, schafft
Trennung,
nicht Gemeinschaft. Einige hundert Jahre
später sammelt Moses in Ägypten die Seinen
und sie wandern – nach größten
Widerständen – aus. Denn sie wissen: wir sind etwas Besonderes,
wir sind was
Anderes. Wir sind keine Ägypter, und wir wollen nicht weiter
Sklaven bleiben. Und am Berg
Horeb
trifft Israel die Stimme Gottes: Ihr seid mein Volk, ihr
gehört mir, ich
gebe euch das beste, das edelste Gesetz, das die Erde kennt. Wenn ihr
meine
zehn Gebote beobachtet, dann seid ihr mein Volk, dann bin ich bei euch
und
schütze euch in aller Gefahr und ihr werdet siegen in allen
Schlachten. Sie
werden das auserwählte, das von Gott besonders geliebte Volk.
Trennung von den
anderen, Auserwählung, Distanz. Und als Folge: Hochmut,
Dünkel, Stolz. Religion reißt
Gräben auf, denn Religion schafft Unterscheidungen, Trennungen, Ursachen
für Konflikte und Kriege. Müssen wir
nicht im Zuge der Aufklärung fordern: schafft Religionen ab und es
wird Frieden
kommen. Seien wir nüchtern
und ehrlich. Wie viele Kriege wurden in
Europa gekämpft, weil Menschen glaubten: Gott will es. Seien wir
noch
nüchterner: die Machthaber wollten ihr Machtbasis
vergrößern und haben den
religiösen Glauben der Menschen ge- und missbraucht. Die
Großen haben das Blut
der Kleinen vergossen und sie mit religiösen Motiven in den Kampf
geschickt,
ihren Glauben ausgebeutet. Schafft also Glauben und Religion ab, dann
sind die
Menschen kritischer, sich selbst und den Machthabern gegenüber,
dann sind sie
weniger manipulierbar. Auch die frommen Muslime werden weniger
manipulierbar
sein, wenn sie ihre Religion relativieren. Religion darf nicht absolut,
sie
muss relativ sein, muss Privatsache sein. Wichtiger als Religion ist
Zusammenleben, ist Frieden – und wenn es Friedhofsruhe wäre. Oder braucht
der ungebildete, arme Mensch eben doch Religion als Opium, um sein Schicksal
annehmen zu können? Was also hilft
der Gesellschaft mehr, was hält sie besser zusammen: Religion oder
die
Überwindung der Religion? Die
Überwindung eines Glaubens, der den Menschen blind und notfalls
fanatisch
macht? Ist nur letzte und endgültige Aufklärung hilfreich?
Kann nur das
Vertrauen in die Vernunft, den Menschen vor religiösem Fanatismus
retten? Ich meine: nur
missverstandene Religion und nur das Heidentum sind Gefahren. Und ich
meine:
Unglaube ist gefährlich und e r - der Unglaube, das Nicht-sich-beugen vor
einer Gottheit ist der Feind der fanatischen Muslime. Was also hält
Köln, was hält die Gesellschaft zusammen? Der
Glaube an einen Gott, der jeden Menschen beruft und in seine Arme
schließt, der
Glaube, dass ein liebender Vater mit ausgebreiteten Armen auf uns
wartet, denn
wir sind alle „verlorene Söhne und Töchter.“ Aber wir dürfen den
Weg nicht überstürzen. Wir müssen zurück
zur Erwählung Israels. Tatsächlich findet hier eine
Unterscheidung zwischen den
Erwählten und den Nicht-Erwählten statt. Hier liegt eine
Wurzel für Konflikt
und Krieg. Denn der Erwählte kann arrogant werden, der
Nicht-Erwählte neidisch.
Kommt der Krieg von der Erwählung oder vom Neid auf den
Erwählten? Nein, der Krieg kommt vom
Missverständnis der
Erwählung. Denn Israel ist nicht erwählt, weil es etwas
Besseres ist,
sondern weil Jahwe in seiner Macht und Weisheit es so will. Israel
bekommt das
Land, sein Land, nicht als Erbe, weil es so brav ist, sondern weil Gott
es ihm
schenkt. Israel kann das Land in Frieden bewohnen, solange es Jahwe
allein
anbetet. Wenn Israel von Jahwe abfällt, dann ist auch das Land
gefährdet. Israel
kann nie sagen: dies ist ein für alle Mal mein Land, sondern es
ist mein Land,
wenn ich Jahwe verehre. Das haben die Propheten unzählige Male in
Erinnerung
gerufen. Aber der Weg Israels
führte zum Messias. Und der, den wir
Christen als Messias anerkennen, er führte Israel dazu, allen
Geschöpfen dieser
Erde die Berufung Gottes zu künden. Israel hat damit eine Berufung
über die
eigenen Reihen hinaus. Daher ist auch Kirche nicht für sich selbst
da, Christen
sind nicht etwas Besseres, weil sie getauft sind, sondern sie sind
gerufen für
andere. Wie Israel letztlich für andere, für die ganze Welt
da sein sollte, so
die Christen, die Kirche. Israelsein, Kirche sein
bedeutet Absonderung. Ja! Aber nicht
wegen der Ehre, wegen des Ruhmes, sondern wegen der Aufgabe. Aber spaltet diese
Aufgabe, diese Mission nicht? Ist sie
nicht Ursache für Religionskriege, ideologische Kriege? Ist der
Dschihad, der
heilige Krieg der Muslime nicht in dem Glauben an die eigene Berufung
begründe?
Müssen wir nicht doch eingestehen: Glaube an religiöse
Erwählung schafft
Kriege? Wenn wir also als Gesellschaft
zusammenhalten wollen, müssen wir dann den Einfluss der Religion
mindern, muss
Religion zur Privatsache werden, zu einem persönlichen
Gefühl, und darf
Religion daher in der Öffentlichkeit, also z.B. in der Stadt
Köln keine Rolle
mehr spielen. Muss so etwas wie „Stadtpredigt“ verboten werden, denn
entweder
führt sie zu einer Art Staatsreligion oder sie versucht, Religion
auf
Sparflamme, nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Er lautet: Wir haben
alle
den gleichen Gott, Juden, Christen und Muslime, aber auch Hindus,
Buddhisten,
Taoisten. Nur vermischte Religion schafft Frieden, Profil schafft
Krieg. Wer
die Unterschiede pflegt, schafft Streit. Die Stadt aber ist
verpflichtet,
Streit zu verhindern, daher muss sie eine Religion pflegen, in der alle
sich
gleich wohl fühlen. Mit Papst
Benedikt erlaube ich mir zu antworten: das hilft nicht, das ist auch
keine
Religion. Das
will übrigens
Hans Küng auch nicht. Nicht Nivellierung
hilft, sondern nur Profil. Und wenn jemand einwendet: Profil
schafft
Konflikte, dann antworte ich: nur missverstandenes Profil schafft
Konflikte. Anders formuliert: Wir
Christen können unser
Glaubensbekenntnis leben, denn es besagt erstens: Jesus ist für
seine feste Überzeugung
in den Tod gegangen. So sollen auch Christen notfalls für ihren
Glauben nicht
in die Schlacht, sondern in den Tod gehen. Sie dürfen glauben und
wissen, dass
ihr Sterben wirkmächtiger ist als jeder Religionskrieg. Und
Christen glauben
daran, dass auch ihre Vernunft von Gott geschaffen ist. Und daher
müssen sie
die Vernunft einsetzen. Den Gebrauch der Vernunft hat also nicht erst
die
Aufklärung gefordert, sondern den Gebrauch der Vernunft fordert
unser Glaube an
Gott als dem Schöpfer des vernunftbegabten Menschen. Die Vernunft sagt: Gewaltanwendung fordert immer neue Gewalt.
Wer
Frieden schafft und anbietet, hat immer den längeren Arm. Viele
Muslime – so
meine ich auch – müssen freilich erst durch die Aufklärung
hindurch. Sie müssen
beginnen, den Koran ebenso kritisch zu lesen wie das die Christen mit
der Bibel
tun. Auch Allah ist Schöpfer der menschlichen Vernunft. Solange
sie meinen,
ohne die kritische Rückfrage der Vernunft auszukommen, sind sie in
Gefahr der
Aggressivität. Was aber reizt
die Muslime heute eigentlich?
Wir sagten schon: dass sie sich ausgebeutet, gedemütigt
fühlen. Und – so meine
Meinung – es reizt sie nicht, dass wir Christen sind, sondern dass wir in ihren Augen Heiden sind,
dass wir uns nicht vor unserem Gott verneigen, dass wir Dinge tun, die
in ihren
Augen Sünde sind: wir leben als gäbe es
keinen Gott, Gott ist bei uns aus dem öffentlichen Leben
verbannt, er darf
da nicht vorkommen. Das ist für sie Sünde. Wir
übervorteilen leicht, lügen und
betrügen zu leicht, vor allem achten wir die Würde der Frau
nicht, die Frau
entwürdigt sich im Westen selbst. Wer den türkischen
Erfolgsautor Pamuk gelesen
hat, weiß, dass die Frage nach dem Kopftuch keine Spielerei ist,
sondern
blutiger Ernst. Ich denke, wenn der Westen sich wirklich christlich
zeigte,
dann hätten die Muslime Respekt vor uns. Da er sich aber kaum
christlich zeigt,
verachten sind uns. Und böse politische Manipulatoren nützen
Frustration und
Verachtung der Massen aus, um Gewalt anzuzetteln. Wir können den
Konflikt zwischen dem Westen und der
muslimischen Welt nicht etwa entschärfen, wenn wir ein wenig
wegtun von unserem
Christentum. Nein, wir müssen es ernster nehmen, dann
entschärfen wir den
Konflikt. Denn wenn wir unser
Christentum ernst nähmen, dann würden
wir keine Mohammet-Karrikaturen drucken,
dann würden wir die Muslime nicht provozieren. Wenn wir das
Christentum ernst
nähmen, dann würden wir eine Teilfreiheit des demokratischen
Rechtstaates nicht
verabsolutieren, nämlich die Pressefreiheit. Sie ist da und sie
ist gut. Aber
wo Freiheit, da auch Verantwortung. Ich meine, die Mohammed-Abdrucker
haben
sich verantwortungslos verhalten – ebenso verantwortungslos wie die Aufstachler der Massen. Religiös
begründete unterschiedliche Auffassungen vom
Zusammenleben der Menschen, von Menschenwürde, von Demokratie
können meines
Erachtens mit einander auskommen, wenn Respekt vorhanden ist. Respekt heißt: Versuch, den anderen zu
verstehen, Versuch, sich in den anderen hineinzuversetzen, vor
allem der
Versuch, den Frieden zu wahren. Bei uns im Westen gilt
Frieden als eines der allerhöchsten
Güter, vielleicht nur noch übertroffen von Gesundheit. Bei
den Muslimen ist
Frieden sicher ein Wert, aber wer bettelarm und vielleicht auch
manipuliert
wird, für den ist der Kampf und der Tod für Allah mehr wert
als Frieden.
Erinnern wir uns, dass die Widerständler gegen Hitler nicht den
faulen Frieden
vorzogen, sondern bereit waren für ihre Sache zu sterben. Ob es
wohl bei den
Muslimen heute auch Menschen gibt, die sagen: wir wollen keinen Frieden
mit dem
westlichen Mammon und der westlichen Kulturlosigkeit? Wir wollen die
Verehrung
Allahs. Ich habe dies ausdrücklich als Frage formuliert. Ich
glaube nicht, dass
es viele Muslime gibt, die lieber sterben als einen Kompromiss
einzugehen mit
dem Mammon. Aber wenn es auch nur einen gibt, was machen wir dann? Ich
unterstreiche: keine Nivellierung. Was
uns zusammenhält ist nicht Gleichmacherei, ist nicht Wischiwaschi,
ist nicht
Einheitsreligion und Einheitskirche, sondern der Gang in die Tiefe.
Wenn jeder,
jeder Christ und jeder Nichtchrist, hinuntersteigt in seine eigene
Tiefe, dahin
wo er vor sich selbst steht und damit auch vor dem Antlitz Gottes, dann
wird
Frieden. Dort wo jeder wie Abraham oder Moses gewählt wird von
seinem Gott,
dort nimmt er nicht das Schwert, sondern sieht wie Jakob eine Leiter
zum
Himmel, auf der Engel auf und nieder steigen, dort kniet er nieder und
faltet
die Hände. Nicht Berufung ist Grund
für Krieg und Spaltung, sondern das
Vergessen der eigenen Berufung, das Missverstehen und der Missbrauch
der
eigenen Berufung. Freilich: weil Berufung
etwas Großes ist, weil sie mit dem
mächtigen, übermächtigen und allmächtigen Gott zu
tun hat, daher ist sie auch
etwas Übermenschliches, etwas den Menschen
Übermächtigendes. Daher kann Religion
zur Ursache von Spaltungen werden, aber ebenso sehr kann sie Ursache
für
Verstehen, Frieden und vor allem Liebe werden. Was uns also in Köln
und anderswo zusammenhält ist Gott,
Glaube an Gott. Nur so können wir Eintracht und Frieden haben in
und bei Gott –
unter allen Christen – aber auch mit allen Muslimen. |
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Gebet zum heiligen Josef
Eberhard v. Gemmingen SJ ausgestrahlt am 19. März 1991 Heiliger Josef, ich gestehe, dass ich mich
nicht oft – fast gar nie - an
Dich wende. Bitte, verzeih mir, aber Du kennst ja das Dasein im
Schatten. An Deinem Fest heute aber möchte ich zu
Dir kommen. Heiliger
Josef, Du stehst im Schatten, ja fast im Dunkel - obwohl Du ganz nahe
bei dem
bist, der das Licht der Welt ist und nahe bei seiner hell leuchtenden
Mutter. Du wehrst
Dich nicht gegen das Dasein im Schatten. Lehre uns auszuhalten, wenn
wir
übergangen und übersehen werden. Ja, lehre es uns zu lieben. Heiliger
Josef, die Evangelisten hielten Dich nicht für sehr wichtig im
Gang der
Heilsgeschichte, sonst hätten sie mehr über Dich geschrieben.
Vielleicht aber
haben sie Dich als kleine Perle verborgen, damit Dich nur diejenigen
finden,
die einen Blick haben für die kleinen Perlen. Heiliger
Josef, nach der Bibel wandte Gott sich vor allem im Traum an Dich. Er
sagte Dir
im Traum, was Du tun sollst. Hilf, dass wir auf alles achten, was Gott
uns
sagen will, ob wir nun wachen oder schlafen. Heiliger
Josef, Du hast das Unangenehme getan, das Gott von Dir wollte: Du hast Deine Braut, die gesegneten Leibes
war, zu Dir genommen, obwohl Du schief angeschaut wurdest, obwohl man
über Dich
munkelte, obwohl Du Freunde und Ansehen verloren hast. Hilf uns, Gottes
Wort zu
tun, auch wenn es weh tut. Heiliger
Josef, Du hast Heimat, Arbeit, Sicherheit verlassen, weil der Sohn, der
nicht
Dein Sohn war, Deiner bedurfte. Du hast nicht
geflucht, nicht gemurrt, nicht gezögert, Du hast anscheinend
schweigend den
Esel und den Wanderstab genommen und hast Mutter und Sohn Sicherheit
geschenkt
auf dem langen Weg nach Ägypten. Heiliger
Josef, Du hast Maria, Deine Braut geliebt. Du
hast begonnen, sie zu lieben, denn sie war Dir ja von
Deinen Eltern
als Braut gegeben worden, und dann kam es anders. Hier können
wir Dich am wenigsten verstehen, denn hier bist Du am nächsten bei
Gott, der
unverständlich ist. Dennoch,
Deine Liebe zu Maria, Deiner Braut, muss groß gewesen sein - von
Tag zu Tag
größer. Denn schließlich bist Du ein Heiliger, dessen
größte Tugend die Liebe
ist. Heiliger
Josef, lehre uns die Liebe, die Liebe zu allen Menschen. Lehre uns,
dass man
nicht alles haben muss, was man liebt; lehre
uns die Liebe, die gibt. Lehre uns die
Liebe, die verzichtet. Lehre uns die Liebe,
die brennt und
wehtut. Lehre uns die einzige Liebe, die wirkliche Liebe ist. Heiliger
Josef, zeige allen den Weg, die sich verirrt haben, bitte für sie
bei Jesus,
dem Sohn Gottes. Lehre uns in unserer
liebeshungrigen Zeit die wahre Liebe. Heiliger
Josef, Du bist im Laufe der Kirchengeschichte fast untergegangen. Es
kamen die
Grossen der Kirche, die Säulen Petrus und Paulus, die Martyrer
Stephanus und
Laurentius, die Weisen Augustinus und Ambrosius, die Gelehrten Thomas
von Aquin
und Dominikus, die Reformer Franz von Assisi und Ignatius von Loyola,
die
heiligen Kirchenlehrerinnen Katharina von Siena und Teresa von Avila,
und es
kamen die Heiligen unserer Tage: Edith Stein und Maximilian Kolbe. Wer denkt da
noch an den Mann im Schatten, von dem man nichts weiß, Josef von
Nazareth? Sei uns nicht böse, heiliger Josef, dass
alle Versuche, Dich ins Licht zu
ziehen, immer wieder schief gehen. Auch
die Arbeiter und Handwerker heute werden sich kaum nach Dir richten,
und auch
der Platz im Hochgebet der Kirche wird Dir nicht viel nutzen. Heiliger
Josef, Du willst gar nicht aus dem Schatten und Dunkel.
Lehre mich, lehre uns, den Applaus, das
Rampenlicht der Öffentlichkeit, die Hochrufe nicht mehr zu suchen.
Es ist ja so
schwer, denn wir alle haben ja so Sehnsucht nach Anerkennung und ein
wenig Lob. Heiliger
Josef, lehre uns, dass dies alles von Jesus wegfuhrt, dass zu Jesus und
seinem
Vater nur kommt, wer den Schatten und das Dunkel annimmt, ja liebt und
sucht. Heiliger Josef, hilf uns ja sagen zum Platz im Schatten und Dunkel. Amen |
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Predigt in die
Feder geschrieben
Kardinal Clemens August Graf von Galen zu den gesellschaftlichen Problemen des Jahres 2006 Frei erfunden von P. Eberhard v. Gemmingen SJ Liebe Katholiken, sowie
Brüder und Schwestern der anderen
christlichen Kirchen des Kreises Coesfeld.
Sie haben mich gebeten,
mich in Form einer Predigt mit den
gesellschaftlichen und ethischen Fragen auseinander zu setzen, die
heute das
christliche Gewissen bewegen – oder bewegen sollten. Nach einigem
Zögern habe
ich zugestimmt. Ich bin mir meiner Schwäche bewusst und habe mich
eindringlich
gefragt, ob ich denn die nötige Sachkenntnis und Durchsicht habe,
mich dieser
Herausforderung zu stellen. Ich habe dann schließlich zugestimmt,
weil Jesus
gesagt hat: Euch wird in der Stunde vom heiligen Geist eingegeben, was
ihr
sagen sollt. Ich bin zwar hier nicht vor ein Gericht gezerrt, aber der
ewige
Richter wird mich kritisch fragen, wenn ich in unserem heiligen
Westfalen etwas
falsch sagen werde. Oder eher: wenn ich den Finger auf unwesentliche
Fragen
legen würde und die entscheidenden übersehen oder bewusst
aussparen.
Schließlich bin ich als Euer Oberhirte gerufen, euch wie ein
guter Hirte zu
führen und zu begleiten. Wehe also mir, wenn ich euch
süße Speise reichte statt
der bitteren, die euch helfen würde. Wehe mir, wenn ich es nicht
wagen würde,
euch den Spiegel vor Augen zu halten. Und wehe euch, wenn ihr einen
Bischof
habt, der den Politikern oder den Meistern des Schaugeschäftes zu
gefallen
sucht und nicht dem Herrn. Wehe euch, wenn ihr einen Hirten habt, der
euch in
die Irre führt. Zittern vor meiner
Verantwortung beginne ich also, mich mit
unseren ethischen Herausforderungen zu Beginn des Jahres 2006
auseinander zu
setzen. Gottlob habe ich einen
Gesinnungsgenossen, der nicht nur
mutig, sondern auch weise ist. Er nimmt mich an die Hand und ich lasse
mich an
der Hand nehmen. Es ist unser verehrter Heiliger Vater, Papst Benedikt
XVI. Er
weist mich und er weist uns auf offenbare und verborgene Fehler und
Sünden der
heutigen Menschheit hin. Freilich muss man sie lesen und darf nicht nur
lesen,
was über ihn in euren Zeitungen steht. Leider geben sie ihn meist
nur durch
ihre Brille wieder. Unwichtiges wird oft groß geschrieben,
Wichtiges
weggelassen. Lassen Sie mich – mit
Benedikt – zunächst einmal unsere weltgeschichtliche
Situation betrachten,
ohne gleich auf mögliche Fehlentwicklungen zu schauen. Die Welt ist
zum Dorf
geworden. Nachrichten sind binnen Sekunden rund um den Globus, Waren
und
Menschen brauchen dazu maximal 24 Stunden. Schnelligkeit ist ein Wert,
aber ist
er der höchste? Es ist gut, binnen Stunden Menschen in Not rund um
den Globus
helfen zu können. Es ist erfreulich, binnen Sekunden über
politische Vorgänge
informiert zu sein. Aber es ist nicht gut, wenn die Auswahl von
Nachrichten
sich nur nach ihrem Verkaufswert richtet. Wenn tausende von Frauen in
Darfur
vergewaltigt werden, um politisch Druck auszuüben, ist das ein
größeres
Verbrechen, als wenn ein deutscher Diplomat oder eine deutsche
Archäologin
entführt werden. Die Frauen sind für ihr Leben kaputt
gemacht. Entführte sind
bei der Heimkehr Helden. Ich bin für ihre Befreiung, aber warum
erheben wir
nicht Protest wegen Massenvergewaltigung. Wir sagen, Protest
nützte wenig.
Haben wir`s ausprobiert. Auch die lieben Jünger Jesu haben nicht
lautstark protestiert,
als ihr Meister zum Tod verurteilt worden ist. Sind wir so feige wie
sie?
Schreien ist manchmal nötig, auch wenn es nichts nützt.
Nutzen ist ebenso wenig
der höchste Wert wie Schnelligkeit. Seien wir kritisch. Seien wir
bitte viel
kritischer. Meinen wir nicht manchmal, wir seien kritisch? Sind wir nur
gegen
den Papst kritisch, aber nicht gegen unsere Heimatzeitung. Wir glauben,
dass
sie uns sachlich richtig informiert. Tut sie das wirklich? Auch Fernsehbilder
können lügen, und leider lügen sie oft.
Vor allem lassen oft Wichtiges weg – weil wir – das Publikum lieber
Unwichtiges
sehen. Wo stehen wir? Die
Welt ist zum Dorf geworden. Wir wissen viel und wir haben
unglaubliche
Möglichkeiten, uns zu informieren und auch um zu helfen. Nutzen
wir die Möglichkeiten?
Nehmen wir die Verantwortung wahr, die uns durch die technischen
Möglichkeiten
zugewachsen ist? Ich fürchte, uns fehlt dazu oft die Phantasie.
Und seien wir
auf der Hut vor den falschen neuen Göttern. Der eine heißt
Schnelligkeit, der
andere heißt Nutzen. Manchmal muss man das Richtige tun, auch
wenn es nichts
nützt. Gilt das nicht gerade auch für Politiker? Wenn ein
Politiker sieht, dass
sein Nein zu Stammzellenforschung nichts nutzt, darf er dann zustimmen?
Wenn
sein Nein zu Abtreibung nichts nutzt? Sein Nein zu
Massenvernichtungswaffen?
Sein Nein zur Homoehe? Sein Nein muss trotzdem sein, auch wenn es
nichts nutzt. Darf ich in aller
Bescheidenheit an meine Predigten vor 65
Jahren erinnern. Heute ist ganz Westfalen und Deutschland stolz auf
meine
Predigten. Genutzt haben sie damals ganz wenig. Ich hätte mir
damals sagen
können: sie nutzen nichts, sie bringen nur mich in Gefahr, sie
bringen das
kirchliche Leben in Gefahr. Vielleicht stecken die Nazis nicht mich ins
KZ,
sondern wegen meiner Predigten andere. Darf ich das riskieren? Ich habe
mich
entschieden, meine Anklagen vorzubringen – und heute seid ihr stolz
darauf und
könnt der ganzen Welt sagen: doch wir hatten Hitler-Gegner. Auch
wenn sie gar
nichts genutzt hätten meine Predigten – ich hätte sie halten
müssen. Denn
Nutzen ist nicht alles. Nutzen ist sogar eher gefährlich. Manches
müssen wir
als Menschen, als humane Wesen tun, auch wenn es nichts nützt.
Bekanntlich
hängt Liebe nicht vom Nutzen ab. Elternliebe zu Kindern
nützte den Eltern früher,
wenn die Kinder die Eltern ernährten. Heute tun dies notfalls der
Staat und die
Versicherung. Kinder haben heute keinen direkten Nutzen. Wer keine hat,
lebt
sorgenfreier und finanziell sicherer. Ich unterstreiche meine
Frage nach Nutzen, weil diese Frage
in unsere Kultur und Zivilisation zu einem unerkannten Feind geworden
ist. Er
unterwandert unerkannt unser Denken. Nehmt ihr nicht wahr, dass Kinder
manchmal
fragen: was nutzt mir das? Es ist eine kindliche Frage. Wenn wir
Erwachsene sie
stellen, sind wir Kinder geblieben. Es gibt viele Sachen auf Erden, die
nichts
nutzen, aber einen Sinn haben. Ich bitte um
Entschuldigung, wenn ich vielleicht in der
Darstellung ein wenig von meinem Hauptpunkt abgewichen bin. Wir stehen
immer
noch bei der Tatsache, dass die Welt zum Dorf geworden ist. Daher sind sich heute
auch die verschiedenen Religionen und
Weltanschauungen so nahe gekommen, dass sie sich aneinander reiben.
Früher
waren die Muslime „da hinten in der Türkei“, wie ein deutscher
Dichter schrieb.
Heute sind die Muslime vor unserer Haustür und wir sind vor ihrer.
Das wäre nun
gar kein Problem, wenn alle Muslime sich am Freitag vor Allah auf die
Knie
werfen würden und alle Christen sich am Sonntag vor dem Vater Jesu
Christi.
Beide würden sich zwar oft ärgern, dass die anderen nicht bei
ihnen mitmachen,
denn beide meinen ja die Wahrheit zu haben, die endgültige
Offenbarung ihres
Gottes. Priester und Imame könnten sich gegenseitig
Missionspredigten halten.
Aber – ja leider – aber: da mischt sich Unglauben und Macht ins Spiel.
Beginnen
wir beim Einfacheren, mit der Macht: Die Muslime nehmen wahr: den
Christen
geht’s ja nur nebenbei um das, was sie Gott nennen, hauptsächlich
geht’s ja um
einen neuen Gott: er heißt Öl. Sie tanzen um unser Öl.
Sie beugen vor ihm nicht
die Knie, sondern ziehen den Gott aus der Erde. Und das Öl ist ja
nur ein
Symbol für ihre Dominanz. Sie wollen die ganze Welt beherrschen,
sie denken
nicht ans Gestern und nicht ans Morgen, sondern nur ans Heute. Eine
ihrer
Erzengel heißt Schnelligkeit. Ein anderer heißt Nutzen. Da
aber die Muslime
auch keine Heiligen sind, wollen sie entweder teilnehmen an diesem
Engelstanz,
oder den Engelstanz verbieten. „Schluss mit lustig“, rufen manche
Muslime. Sie
müssten gar keine Terroristen sein, sondern sind nur traurig, dass
sie nicht
mittanzen dürfen. Das ist der Tanz der Macht. Der zweite Tanz ist
der des
Unglaubens: Viele Muslime denken, der Westen verhält sich so
ausbeuterisch,
weil der Westen christlich ist. Also ist das Christentum schuld an dem
Hunger
nach Macht, an dem Griff nach Öl. Die Christen haben die falsche
Religion, wenn
sie durch ihren Glauben so böse werden, so ausbeuterisch und
machhungrig. Wir
im Westen wissen aber ziemlich gut, dass das Verhalten der
Ölkonzerne und der
Börsen nichts mit Religion zu tun hat. Es hat eher damit zu tun,
dass der
Westen Religion abgeschüttelt hat. Dass Religion nur als
Privatsache
weiterleben darf. Aber wehe – wenn sie sich in Politik und Wirtschaft
einmischen würde. Das öffentliche Leben muss religionsfrei
bleiben, denn sonst
werden ja die armen Atheisten zu etwas gezwungen, was ihnen zuwider
ist. Man
darf aber keinen Atheisten zum Glauben zwingen. So glauben zwar noch
recht
viele Christen - vor allem in Westfalen - lassen ihre Kinder taufen und
gehen
wenigstens an Weihnachten in die Kirche. Aber fühlen sich
überfordert, das
gesellschaftliche Leben vom christlichen Glauben zu durchsäuern. Darf ich – ich bin immer
noch Kardinal Galen – daran
erinnern, dass ich nur von den Nazis geschont wurde, weil die Westfalen
damals
noch so christlich dachten, dass ein Sturm der Entrüstung
ausgebrochen wäre,
hätten sie mich ins KZ gesperrt. Also dein und mein Tun ist
gesellschaftlich
relevant. Es ist nicht nur Privatsache, ob du glaubst oder nicht. Dein
Glaube –
wenn er denn Glaube ist – stellt ein Stück Welt auf den Kopf –
oder richtiger:
auf die Füße. Dein Glaube – das sage ich jetzt provozierend
– hat nicht nur
einen Sinn, sondern sogar einen Nutzen. Zurück zu unserer
Berührung mit der Welt der Muslime. Da die
Welt klein geworden ist und wir bei den Muslimen Öl kaufen, haben
wir viele
Berührungspunkte. Und ich vermute, wenn wir ordentliche Christen
wären und sie
ordentliche Muslime, dann hätten wir wesentlich weniger Probleme
miteinander.
Aber sie spüren, dass der Westen vorwiegend aus Heiden besteht,
das heißt aus
Menschen, die sich vor keinem Gott beugen, denen Gott egal ist, die
sich
jedenfalls in ihrem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Tun nicht
nach Gott
richten. Und das ist für sie - abgesehen vom Gefühl,
überfremdet und
ausgebeutet zu werden - ein Grund, gegenüber dem Westen skeptisch,
ablehnend
oder gar aggressiv zu verhalten. Der Feind vieler Muslime sind nicht
die
Christen, sondern die Heiden im Westen, eine Zivilisation, die Gott
ausklammert. Und neben dieser gutmütigen Minderheit von Muslimen
gibt es
natürlich auch noch eine Mehrheit, die die Weltherrschaft durch
Terror
herbeiführen will. So ist also die ganze Chance, dass der Globus
zu einem Dorf
geworden ist, auch die Gefahr, dass nämlich jeder Terrorist – wenn
er nur
clever ist – in kurzer Zeit überall auf der Erde auftauchen kann.
Meine These
ist aber jedenfalls: wenn wir uns als Christen verhielten, wären
wir weniger in
Gefahr. Die Welt ist zum Dorf
geworden. Im Dorf können sich gute und
schlechte Nachrichten ebenso schnell verbreiten wie Verbrecher.
Vielleicht
würden wir uns wohler fühlen, wenn wir die Welt wieder
groß und weit und viele
Teile unerreichbar wären. Dann könnten wir aber auch nicht im
Tsunamiland
Weihnachtsferien machen, könnten nicht im Sommer Ski fahren und im
Winter
baden. Und das Dorf hat auch in
der Dorfwirtschaft, ich meine nicht
die Kneipe, sondern eben das wirtschaftliche Leben im Welt-Dorf, also
die
Dorfwirtschaft hat auch ihre Vorteile und Fragwürdigkeiten. Schön, dass wir
ganzjährig Tomaten, Orangen, auch
Schnittblumen aus Australien, Neuseeland, Kenia und Kolumbien haben.
Ich selbst
habe beim Anflug auf Bogota in Kolumbien die vielen Treibhäuser
gesehen. Meine
Frage, wozu ein Entwicklungsland so viele Treibhäuser brauche,
wurde mir
gesagt, dass hier abends Blumen geschnitten werden, die am
nächsten Morgen in
Frankfurt verkauft werden. Und einige Kolumbianer haben sogar etwas
davon. Also
schön, dass der Dorfgarten so nahe ist. Aber: warum muss man
französisches
Mineralwasser in den USA trinken? Sind die Hausbrunnen jenseits des
großen
Teiches so schlecht? Und dass man fertige Autos, die tausende von
Tonnen
wiegen, per Schiff von Japan nach Europa bringen kann, das ist ja sehr
schön
und kann sogar Freundschaft schaffen, aber ob das Öl nicht doch
sogar noch zu
billig ist. Vor Jahren sagte mir Carl-Friedrich Weizsäcker:
Öl müsste teurer
sein. Gut, man kann ihn als blau-äugigen Grünen bezeichnen,
der für Sprit 5
Euro verlangen möchte. Aber ist da nicht etwas fragwürdig in
unserer Welt – ohne
dass wir es merken, wenn der Transport rund um den Globus preiswerter
ist als
die Produktion vor Ort. Ich weiß – ich bin
Bischof – und verstehe von Wirtschaft zu
wenig. Aber Fragen darf man ja als Laie, ob in unserem Weltdorf nicht
doch
manches schief läuft. Dass es schief läuft, ist weniger
schlimm, als dass
manches vielleicht schief läuft und niemand nimmt es wahr oder
niemand legt den
Finger auf den wunden Punkt. Das was ich jetzt so –
von meiner Kanzel aus – angesprochen
habe, hat zu tun, mit dem was ihr seid ein paar Jahren Globalisierung
nennt. Da die Christen in
Westfalen alle lesen und schreiben
können, lade ich sie ein, diese Phänomene der Globalisierung
aufmerksam zu
beobachten. Denn wir Deutsche leiden darunter, dass vieles im Ausland
billiger
produziert werden kann, daher Arbeitplätze gestrichen werden und
Deutsche auf
der Straße sitzen. Bitte bedenken wir, dass die Menschen in den
armen Ländern
vielleicht unter Globalisierung noch mehr leiden als wir: Viele
Länder Afrikas,
Asiens und Lateinamerikas könnten aber langsam reicher werden,
wenn sie das was
bei ihnen gut und schön wächst, an uns verkaufen
könnten: z. B. Erdbeeren aus
Afrika – um nur etwas zu nennen, was die meisten Westfalen
schätzen. Ein
Priester aus Burkina Faso – das ist Westafrika – hat mir gesagt, dass
sein Land
gut Fleisch exportieren könnte und würde. Aber Europa ist zu.
Was will ich sagen: Wenn
Dorf, dann richtig Dorf. Also nicht
nur die Vorzüge für die Dorfbewohner im Neubauviertel,
sondern auch für die,
die im alten heruntergekommenen Dorfkern wohnen, wo Haus an Haus steht
und wo
es keine Blumengärten gibt. Krach im Dorf ist für das
Dorfleben schlecht. Ich gestehe ja, dass ich
als Kind auf der Burg Dinklage ein
wenig weit entfernt war vom Dorfleben. Gottlob hab ich nicht auf die
Dörfler
heruntergeschaut, sondern ihren Fleiß – trotz der relativen Armut
- bewundert.
Aber unser Familienleben war dem Dorfleben nicht so fern. Erstens
hatten wir
zwar Vermögen, aber wir hatten nicht viel Geld, schon gar nicht
die Kinder.
Also stellt euch nicht vor, dass wir in Saus Braus gelebt hätten.
Und dann war
ich der zweitjüngste. Wenn die größeren Geschwister
gewollt hätten und nicht
ordentlich erzogen worden wären, dann hätten sie mich
untergebuttert wie heute
manches Land der dritten Welt untergebuttert wird. Ich weiß also,
was es
bedeutet, abzuhängen und der schwächere zu sein. Ich
weiß, dass es in einer
Dorfgemeinschaft Ordnung, Zusammenhalt und Gerechtigkeit geben muss. Genauer gesehen, hat
unser Teil des Dorfes zwei Hälften: Europa
und Afrika. Der liebe Gott hat das Mittelmeer dazwischen gelegt.
Darüber werden
die Afrikaner fluchen, wir Europäer erlauben uns dankbar
durchzuschnaufen. Wenn
die beiden Dorfteile Afrika und Europa nicht zusammenarbeiten, dann
werden wir
im Nobelteil des Dorfes noch unsere blauen Wunder erleben. Vor 35
Jahren hat
mir ein weiser Österreicher gesagt: wart mal wie die Afrikaner
nach Europa
kommen werden. Man muss nicht von den Ratten sprechen, die das sinkende
Schiff
verlassen. Man darf es nicht. Wenn wir Westfalen nicht
unsere gute christliche Tradition
verratenwollen, müssen wir uns besser um den anderen afrikanischen
Dorfteil
kümmern. Und unsere Politiker müssen wissen: Wir wählen
sie nicht mehr, wenn
sie sich nicht auch um Afrika mühen. Unsere Politiker müssen
wissen: Egoismus,
Engstirnigkeit, Kurzsichtigkeit schätzen wir nicht. Wir wollen von
den
Politikern eine globale Politik, die die Lasten gerecht verteilt. Und nun muss ich mich ein
wenig bei Ihnen entschuldigen,
dass ich als Theologe und Seelsorger so viel über Politisches
gesprochen habe.
Aber Sie wissen ja: mein Vater war im Reichstag, die Familie hatte
politische
Tradition, ich wäre auch fast Politiker geworden. Und wir waren
politisch nicht
aus Machtgelüst, sondern aus Verantwortung für die Menschen
und unser Volk.
Daher hab ich mich jetzt solange beim Welt-Dorf aufgehalten. Und ich
glaube, es
war auch nötig, wenn wir nicht als Christen eines Tages vor dem
Richter stehen
wollen und er uns fragt: hast du die Armen vor deiner Haustüre
nicht gesehen?
Hast du nicht gewusst, dass die einen verhungern, während die
anderen an
Verfettung sterben? Hast du nicht gewusst, dass man nur in Ostasien
Ferien
machen kann, weil die Leute dort so billig arbeiten. Der Richter
könnte uns
fragen: habt ihr nicht gewusst, dass ihr die Verantwortung habt, euch
weltweit
zu informieren, um Recht und Gerechtigkeit im Weltdorf zuschaffen? Habt
ihr
nicht gewusst, dass eure Zeitung vermutlich Unangenehmes ausblendet, um
keine
Abonnenten zu verlieren? Habt ihr nicht gewusst, dass ihr als besser
Gestellte
und besser Informierte auch mehr Verantwortung tragt? Ich gestehe, wir in der
Burg Dinklage haben das gewusst. Nur
noch eine Kleinigkeit zu diesem Thema: ich glaube, wir alle
kümmern uns zu viel
um Nebensächliches, während Hauptsachen nicht wahrgenommen
werden. Die
fragwürdige Gefangenenbehandlung in Guantanamo ist kaum ein Thema
in den
Medien, medienkräfte Misshandlung im Gefängnis Abu Graib war
lange zu sehen.
Falsche Gewichtung. Die Entführung Deutscher in aller Welt – die
schlimm ist –
steht zu lange und zu laut an erster Stelle, während das Leid, der
Tod, die
Vergewaltigung ferner Menschen allzu leicht übergangen wird. Der
gewaltsame Tod
eines deutschen Kindes macht viele Schlagzeilen, die gewaltsame
Verschleppung
zehntausender Mädchen in Zwangsprostitution, die vielleicht
schlimmer als der
Tod ist, wird totgeschwiegen. Die Medien lügen nicht, aber sie
gewichten
falsch. Warum: weil die Nutzer einseitig oder engstirnig interessiert
sind. Der Ausrufer im Dorf will
nicht gesteinigt werden, daher
ruft er nur das aus, was den Leuten gefällt. Soweit unser Spaziergang
durch die Straßen des Vor- und des
Nachteils des Lebens im Weltdorf. Ich möchte mich
jetzt ganz anderen Herausforderungen
zuwenden. Ich entnehme sie zu einem guten Teil dem Denken unseres
geliebten
Heiligen Vaters, Papst Benedikt. In einem Vortrag, der kurz vor seiner
Wahl auf
den Stuhl Petri schriftlich herausgegeben wurde, behandelt er die
Mythen, denen
die Menschheit heute teilweise unterliegt. Mythen sind Anschauungen,
die einen
Anspruch auf Wahrheit, und damit auf Anerkennung erheben, die aber
nicht
kritisch hinterfragt werden. Mythen sind kollektive, teilweise
bewusste,
teilweise auch unbewusste Überzeugungen, die einen rationalen und
auch
überrationalen Anspruch erheben. Die beiden bekanntesten
Mythen, denen Teile der Menschheit
im vergangenen Jahrhundert verfallen waren, sind Nationalsozialismus
oder
Faschismus und Kommunismus. Für den Nationalsozialismus galt der
Mythos: die
germanische Rasse ist überlegen, sie ist gesund und
zukunftsträchtig, sie
braucht mehr Lebensraum. Ihr Hauptfeind ist das Weltjudentum, das
einerseits
dekadent, andererseits geldgierig, herrschsüchtig ist. Die
germanische Rasse
muss das Judentum vernichten. Ein guter Redner konnte Millionen
überzeugen und
durch Angst und Einschüchterung zum Schweigen bringen, auch wenn
sie nicht
überzeugt waren. Es galt dabei nicht nur die geschickte politische
Rede,
sondern auch die Demonstration vom Aufmarsch in Nürnberg bis zur
Olympiade und
Autobahn. Der andere Mythos, dem
bis vor wenigen Jahren Millionen
verfallen waren: der Kommunismus. Er lehrte: die Geschichte basiert auf
materieller Basis. Wer die Produktionsmittel in Hand hat, hat die
Macht. Sie
müssen dem ausgebeuteten Proletariat zurückgegeben werden,
dann zieht
Gerechtigkeit ein. Nicht Geist und Ethos machen Geschichte, sondern die
materiellen Verhältnisse bestimmen den Lauf der Geschichte. Hier ein paar Sätze
von dem ehemaligen Kardinal Ratzinger Wir haben im abgelaufenen
Jahrhundert zwei große
Mythenbildungen mit schrecklichen Folgen erlebt: den Rassismus mit
seiner
verlogenen Heilsverheißung von Seiten des Nationalsozialismus;
die Divinierung
der Revolution auf dem Hintergrund des dialektischen
Geschichtsevolutionismus.
Beide Male wurde die moralischen Ureinsichten des Menschen über
gut und böse
außer Kraft gesetzt. Alles, was der Herrschaft der Rasse bzw.
alles, was der
Heraufführung der zukünftigen Welt dient, ist gut – so wurde
uns gesagt – auch
wenn es nach den bisherigen Einsichten der Menschheit als schlecht zu
gelten
hätte. Nach dem Abtreten der großen Ideologien sind heute
die politischen
Mythen weniger deutlich umschrieben, aber es gibt auch heute Formen der
Mythisierung von wirklichen Werten, die gerade dadurch glaubwürdig
erscheinen,
dass sie sich an echte Werte heften, aber doch auch dadurch
gefährlich sind,
dass sie diese Werte in einer mythisch zu nennenden Weise
vereinseitigen. Ich
würde sagen, dass heute drei Werte im allgemeinen Bewusstsein
führend sind,
deren mythische Vereinseitigung zugleich die Gefährdung der
moralischen
Vernunft im Heute darstellt. Diese drei immer wieder mythisch
vereinseitigten
Werte sind: Fortschritt, Wissenschaft und Freiheit.“ Soweit Kardinal Ratzinger
in einem Vortrag in Triest am 20.
September 2002. Abgedruckt in „Werte in Zeiten des Umbruchs“,
Herder-Taschenbuch, S. Dann erklärte der
Kardinal was er hier unter Fortschritt
versteht und warum er meint, der an sich gute Begriff werde mythisch
überhöht
und unkritisch verallgemeinert. Mit einfachen Worten: Fortschritt ist
etwas
Gutes, aber es gibt neben ihm andere konkurrierende Werte, sodass
manchmal der
Fortschritt sich nur mit diesem Namen kleidet, aber in Wirklichkeit
kein Gut
für den Menschen ist, dass Fortschritt eben für den Menschen
schädlich ist.
Fortschritt – so Ratzinger – ist manchmal ein geradezu mythisches Wort.
Gegen
einen bestimmten Fortschritt zu sein, ist böse. Fortschritt wird
zur Norm. Was
den Fortschritt hindert, ist amoralisch. Ratzinger sagt wörtlich
weiter: „ Wer den Weg auch nur
der letzten hundert Jahre überschaut,
kann nicht leugnen, dass ungeheure Fortschritt in der Medizin, in der
Technik,
im Verstehen und in der Nutzung der Kräfte der Natur erzielt
worden sind und
weitere Fortschritte zu erhoffen sind. Allerdings liegt auch die
Ambivalenz
dieses Fortschritts zutage. Der Fortschritt fängt an die
Schöpfung – die Basis
unserer Existenz – zu gefährden. Er produziert Ungleichheit unter
den Menschen
und er produziert auch immer neue Bedrohungen von Welt und Mensch.
Insofern sind
moralische Steuerungen des Fortschritts unerlässlich. Nach welchen
Maßstäben?“ Wir können hier
keine Antwort geben, auch Ratzinger gibt sie
an dieser Stelle nicht. Er weist nur auf die Gefahr der
Verabsolutierung von
Fortschritt hin. Er hat sich als Mythos in unser Bewusstsein
eingeschlichen.
Wir müssen diesem Mythos auf die Spur kommen, ihn
entmythologisieren. Ratzinger
unterstreicht hier vor allem, dass alle Hoffnungen, einen neuen
Menschen durch
den Fortschritt zu erziehen, durch Änderung der Gesellschaft,
falsch sind. Der
Mensch kann nicht ein für alle mal gut gemacht werden. Solange die
Freiheit
bleibt, bleibt die Herausforderung der Ethik. Es wird nie die heile
Gesellschaft geben. Weiter sagte Ratzinger:
„An zweiter Stelle nenne ich den
Begriff der Wissenschaft. Wissenschaft ist ein hohes Gut, gerade
deshalb weil
sie kontrollierte und von der Erfahrung bestätigte Form von
Rationalität ist.
Aber es gibt auch Pathologien der Wissenschaft, Verzwecklichung, ihres
Könnens
für die Macht, in denen zugleich der Mensch entehrt wird.
Wissenschaft kann
auch der Unmenschlichkeit dienen, ob wir an die
Massenvernichtungswaffen denken
oder an die Menschenversuche oder an die Behandlung des Menschen als
Organvorrat usw. Deshalb muss klar sein, dass auch die Wissenschaft
moralischen
Maßstäben untersteht und ihr wahres Wesen immer dann
verloren geht, wenn sie
sich statt der Menschenwürde, der Macht oder dem Kommerz oder
einfach dem
Erfolg als einzigem Maßstab verschreibt.“ Soweit Ratzinger. Wenn wir auf unsere
konkreteren Verhältnisse schauen, so
muss man sagen: jeder Wissenschaftler, der sich am Rande des
Üblichen bewegt,
wird natürlich sagen: wir haben nur das Gute für den Menschen
im Sinn. Der
Mediziner wird vorgeben, Schmerzen zu lindern, der Waffenbauer wird
sagen, er
halte böse Feinde in Schach, der Volkswirt wird argumentieren, er
könne
Arbeitsplätze retten oder schaffen. Der Zweck heiligt aber nie die
Mittel. Das
Dumme ist nur, dass die breite Bevölkerung meist nur den Zweck
vernimmt, den
der Wissenschaftler verfolgt, wobei er verschweigt, was er Böses
tut. Wenn ich erinnern darf:
die Nazis nannten die Tötung von
Behinderten auch Beseitigung von lebensunwertem Leben. Das Leben dieser
Menschen sei nicht lebenswert. Und die Zwangsräumung der
Klöster geschah nach
ihnen auch nicht aus Bosheit, sondern aus der Überzeugung, dass
Klostergebäude
im Krieg für Notwendigeres aufgemacht werden müssten. Kein
Bösewicht sagt, dass
er Bösewicht ist, er gibt immer eine Begründung, die
ehrenwert scheint. Quintessenz: Wissenschaft
ist nur hilfreich, wenn sie unter
den Ethik steht. Nur was gut ist, kann dem Menschen wirklich dienen.
Was aber
gut ist, darüber kann nicht abgestimmt werden. Hier kommt
Demokratie an ihre
Grenzen. Darüber später noch mehr. Als dritten modernen
Mythos nennt Ratzinger die Freiheit. Er
sagte: „Auch der Begriff der
Freiheit hat in der Neuzeit mythische
Züge angenommen. Freiheit wird nicht selten anarchisch und einfach
antiinstitutionell aufgefasst und wird damit zu einem Götzen.
Menschliche
Freiheit kann immer nur Freiheit des rechten Miteinander, Freiheit in
der
Gerechtigkeit sein, andernfalls wird sie zur Lüge und führt
in die Sklaverei“.
(s.o.) Mit meinen Worten:
Freiheit darf nicht ein absoluter Wert
werden. Meine Freiheit stößt immer an die Freiheit des
Anderen. Sie muss sich
unter das Maß der Gerechtigkeit beugen. Meine Freiheit darf nie
der einzige und
oberste Wert werden. Ich würde mich selbst zerstören und den
anderen schaden. Fortschritt, Wissenschaft
und Freiheit, diese teils mythisch
gewordenen Begriffe und Ziele müssen sich unter Ethik beugen.
Gelten nur soweit
sie gut sind für den Menschen. Was ist gut für den Menschen.
Die Antwort darauf
hängt ab von dem, was man unter Menschsein versteht, hängt
vom Menschenbild ab. Hier
ist nun die Antwort von Ratzinger interessant. Er sagt nicht: hier
setzt
Religion oder christlicher Glaube ein, sondern er sagt: hier setzen
Vernunft
und Glaube ein. Aber zuvor deckt er noch einen oberflächlicheren
und moderneren
Mythos auf. Die demokratische Entscheidung. Für die Politik sei
ein
demokratische Entscheidung zwar meist das Beste, aber nicht für
alle Fragen. Er
sagte „Es gibt Werte, die keine Mehrheit außer Kraft zu setzen
das Recht hat.
Die Tötung Unschuldiger kann nie Recht werden und von keiner Macht
zu Recht erhoben
werden. Auch hier geht es letztlich um die Verteidigung der Vernunft.
Die
Vernunft, die moralische Vernunft steht über der Mehrheit. Aber
wie können
diese letzten Werte erkannt werden, die die Grundlage jeder
vernünftigen, jeder
moralisch rechten Politik sind und daher über allen Wechsel der
Mehrheiten
hinaus alle binden?“ Ich kann hier die
Antworten von Kardinal Ratzinger nur kurz
zusammenfassen. Es geht hier ja auch weniger um die letzten Antworten,
als um
die Aufmerksamkeit auf die Gefahren, die uns bedrohen. Ratzinger stellt
zufrieden fest, es gebe heute einen
Wertekanon, der aber leider zu unbestimmt ist. Die Dreiheit von Friede,
Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ist zwar anerkannt, aber
zu
unbestimmt. Was dient dem Frieden, was der Gerechtigkeit, was der
Schöpfung?
Andere allgemein anerkannte Werte sind gleiche Würde aller
Menschen welcher
Rasse, welchen Alters und welchen Geschlechts, Rechtsgleichheit vor dem
Gesetz.
Freiheit des Denkens und Glaubens. Auch hier gibt es Undeutlichkeiten.
Das
Lebensrecht ist das umstrittenste. Abtreibung wird als Freiheitsrecht
der Frau
hingestellt. Versuche an Menschen wird als Notwendigkeit für die
Medizin
hingestellt. Hier muss Wissenschaft und Freiheit entmythologisiert
werden. Ratzinger nennt noch zwei
weitere wunde Punkte: Verhöhnung
von Werten die anderen heilig sind, von religiösem Glauben, wird
als
Freiheitsrecht hingestellt. Wörtlich schreibt Ratzinger „Zu
grundlegenden
Freiheitsrechten zählt man das Recht, das Heilige der Christen in
den Staub zu ziehen
und mit Spott zu überschütten. Und endlich ist da ein
weiterer dunkler Punkt:
Ehe und Familie scheinen nicht weiter als grundlegende Werte einer
modernen
Gesellschaft. Eine Vervollständigung der Wertetafel und eine
Entmythologisierung von mythisch entstellten Werten ist dringend
geboten“. Notwendig ist für
Ratzinger rationale Vernunft, die aber
erhält wesentliche Erleuchtung vom religiösen Glauben. Der
Staat kann letztlich
nicht vom Glauben bestimmt sein, wohl aber von der Vernunft. Die
Vernunft aber
erhält wesentliche Hilfe vom religiösen Glauben, konkret z.B.
von den zehn
Geboten. Wörtlich sagt Ratzinger: „Der Dekalog ist nicht ein
Sonderbesitz von
Christen oder von Juden. Es ist ein höchster Ausdruck moralischer
Vernunft, der
sich als solcher weithin auch mit der Weisheit anderer großer
Kulturen trifft.
Am Dekalog wieder Maß zu nehmen, könnte gerade für die
Heilung der Vernunft,
für das neue Aktivwerden der recta ratio wesentlich sein. Der
Glaube ersetzt
nicht die Vernunft, aber er kann zur Evidenz der wesentlichen Werte
beitragen.“
Und dann kommt ein für mich als Mensch des letzten Jahrhunderts
und der
Hitlerzeit wichtiger Schlusssatz von Ratzinger. Er erklärt, warum
die
Verfassungsgeber unmittelbar nach dem Krieg so weise waren. Ratzinger
schließt seinen
Vortrag mit den Worten „Im vergangenen 19. Jahrhundert, hat wie in
allen
Jahrhunderten, gerade das Zeugnis der Märtyrer die Exzesse der
Macht begrenzt
und so entscheidend zur Genesung der Vernunft beigetragen.“ Die Vernunft wurde durch
die Leiden des Krieges und der
Diktatur geheilt. Manche Unvernunft geschieht heute vielleicht, weil
wir soweit
entfernt sind von wirklichem Leiden. Manche verrückte Idee wird
heute
vielleicht gepflegt und geboren, weil die Menschen mit diesen Ideen,
sich von
der Vernunft und dem Glauben zu weit entfernt sind. Eine dieser seltsamen
Ideen – hier spricht nicht mehr
Ratzinger sondern Galen – ist die nahezu rechtliche Gleichstellung der
sexuellen Liebe zwischen zwei Männern mit der Liebe eines Mannes und einer Frau. Während immer weniger
Männer
und Frauen sich verbindlich vor der Gesellschaft in der Ehe auf
einander
einlassen wollen, wollen homosexuell orientierte Männer oder
Frauen diese
Verbindlichkeit. Die Gesellschaft lächelt nicht über solche
Unvernunft, sondern
meint, aus Toleranz solche Gleichstellung von Ungleichen zu billigen,
ja meint,
sie müsse ein Recht darauf verbriefen. Ich Kardinal Galen greife
mir an den
Kopf. Ich komme zum
Schluß und komme nochmals auf Benedikt – nicht
mehr den Kardinal zurück. In seiner Botschaft für den
Weltfriedenstag stellt er
als Bedrohung des Weltfriedens den Nihilismus parallel zum Terrorismus.
Am
Neujahrstag sprach er von der Trias: Terrorismus, Nihilismus,
religiösem
Fundamentalismus. Ich wundere mich nicht, dass er Terrorismus und
religiösen
Fundamentalismuns kritisiert. Er liegt damit nur auf der Linie aller.
Von einem
Papst ist nichts Anderes zu erwarten. Dass er aber auch den Nihilismus
als
Feind des Friedens bezeichnet, sollte aufhorchen lassen. Was versteht
er unter
Nihilismus. Man kann es aus seinen vielen Veröffentlichungen
erschließen.
Nihilismus ist für ihn die Überzeugung, dass der Mensch
letzte Wahrheiten und
Werte nicht erkennen kann. Wer leugnet, dass es letzte verbindliche
Wahrheiten
und Werte gibt, ist der Überzeugung, dass jeder Mensch eigentlich
alles tun und
lassen darf, was ihm die Gesellschaft erlaubt. Er darf sich nur nicht
erwischen
lassen. Oder, wenn er ein wenig weiter denkt: es ist alles erlaubt, was
durch
demokratische Abstimmung gebilligt wird. Wenn die Mehrheit der
Gesellschaft
meint, man dürfe Menschen über 60 oder über 70 oder
über 80 stillschweigend ins
Jenseits befördern, dann ist das ethisch erlaubt, die Mehrheit hat
ja
zugestimmt. Oder wenn die Mehrheit meint, es dürften nur Menschen
auf die Welt
kommen, die körperlich gesund sind, dann dürfen legal und
ethisch gebilligt,
alle kranken oder behinderten zu jedem Zeitpunkt beseitigt werden. Oder
wenn
die Mehrheit meint, der Islam sei die richtige Sache, dann wird der
Islam zur
Zwangsreligion. Die Minderheit – auch wenn es 49 Prozent der
Gesellschaft sind
– muss sich beugen. Demokratie gilt, Mehrheit ist Mehrheit. Das alles
ist
Nihilismus. Und das ist einer der heimlichen, unheimlichen Feinde der
heutigen
Menschheit. Da dieser Feind des Menschen und der Menschheit von so
wenigen
erkannt ist, ist er viel gefährlicher als Terrorismus, von dem
alle sprechen.
Nihilismus ist wie ein Virus, der sich heimlich einschleicht und
festsetzt und
ausbreitet, bis er den Organismus der Gesellschaft ganz vergiftet hat.
Und wenn
die Kräfte der Seele und des Herzens der Menschen abstumpfen,
absterben, wie
Papst Benedikt zum Neujahr sagte, dann setzt sich der Virus des
Nihilismus
leichter durch. Und damit bin ich
zurück bei meinem Ausgangspunkt: Wir
Menschen im modernen Dorf erhalten so viele Informationen, Motivationen
durch
qualifizierte Unterhaltung, dass die Gefahr der Abstumpfung sehr
groß ist. Wir
können nicht mehr weinen über Tote und Verletzte, über
Kriege und Verbrechen.
Wir stecken sie weg und zappen zur nächsten Sendung. Ich schließe: Die
Hitlers, die ich erlebt habe, die
Volksverdummer, die ihr erlebt, sie sind unsere Feinde, wir werden
unser
Menschsein nur retten, wenn wir uns ganz einfach an die 10 Gebote
halten, an
die Bibel, an die Gottes- und Nächstenliebe. Und wenn wir das tun
in Schweigen
und Lauschen auf das, was der liebe Gott uns in unserem Inneren sagen
will.
Amen |
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Ansprache
in die Feder geschrieben von
Martyrer Nikolaus Groß in Mülheim/Ruhr am 21.1.2007 von P. Eberhard v. Gemmingen Verehrte Damen und
Herren, liebe Mitchristen, erlauben Sie mir, mich
erst einmal vorzustellen. Ich heiße
Nikolaus Groß, bin Bergmann, wurde später auch Journalist
und ein wenig
Lokalpolitiker. Geboren wurde ich 1898 im Ruhrgebiet, genauer in
Winz-Niederwenigern als Sohn eines Schmiedemeisters. Ich bin
später ein wenig
bekannt geworden durch meine Artikel in der Westdeutschen
Arbeiterzeitung. Hier
setzte ich mich in der Zeit zwischen dem ersten dem zweiten Weltkrieg
vor allem
für die Arbeiter im Ruhregebiet ein. Angetrieben wurde ich dazu
durch die
miserable Lage der Bergarbeiter und ihrer Familien im Ruhrgebiet.
Leiten ließ
ich mich dabei durch die katholische Soziallehre leiten. Ich wusste,
dass die
Kommunisten auf der einen und die Nationalsozialisten auf der anderen
Seite um
die unzähligen Arbeitslosen kämpften und sie gleichzeitig vor
ihre
ideologischen Karren spannen. Ich selbst kam aus einem
tief gläubigen katholischen
Elternhaus, hatte nur die achtklassige
Volksschule gemacht, wurde mit 16 Jahren Jungarbeiter im Blechwalzwerk
und im
Röhrenwerk in Altendorf an der Ruhr. Es folgten drei Jahre als
Schlepper in der
Zeche Dahlhausener Tiefbau. Als ich 19 Jahre alt war, trat ich in den
„Christlichen Gewerkschaftsverein Deutschlands“ ein, ließ mich in
Abendkursen
vor allem im politischen Reden schulen – und trat dann auch in die
katholische
Zentrumspartei ein. Mit 22 Jahren
machte mich „Gewerkverein christlicher Bergarbeiter“ zu seinem
Jugendsekretär
für den Bezirk Oberhausen, und ein Jahr später schon wurde
ich Hilfsredakteur
des „Bergknappen“. Das war die Zeitschrift der christlichen
Bergarbeiter. Sehr
nützlich war für meine spätere eher politische
Tätigkeit, dass ich – noch vor
meiner Heirat – mit nur 24 Jahren für ein paar Monate
Gewerkschaftssekretär im
schlesischen Waldenburg und dann für zwei Jahre in Sachsen
Gewerkschafts-bezirksleiter in Zwickau wurde. Ich war also schon in
jungen
Jahren ein wenig rumgekommen, kannte nicht nur mein Ruhrgebiet und
seine
Probleme, sondern ein wenig Schlesien und Sachsen. Wohlgemerkt, es ging
damals immer um christliche
Gewerkschaftsarbeit. Sie können sich das vielleicht gar nicht so
recht vorstellen,
denn heute bedeutet ja Arbeit in der Gewerkschaft noch einmal etwas
ganz
Anderes. Damals gab es keine Einheitsgewerkschaft, sondern eben auch
eine
christliche Gewerkschaft. Vorher war es Katholiken sogar verboten
gewesen, sich
gewerkschaftlich mit anderen Arbeitern zu organisieren. Die Kirche
fürchtete,
dass dann auch die katholischen Arbeiter kommunistisch oder wenigstens
sozialistisch infiltriert wurden. Das wollte die Kirche verhindern. Man muss sich auch daran
erinnern, dass das Ruhrgebiet
damals so etwas wie Silicon-valley war, ein Gebiet, in dem es für
die
Wirtschaft boomte, freilich zu einem guten Teil auf dem Rücken der
Bergarbeiter, die unter Tags wild schuften mussten. Mich bewegte vor
allem,
dass die Arbeiter unter Tag noch sehr ausgebeutet wurden. Es war nicht
mehr so
schlimm wie 50 Jahre vorher in Manchester. Aber die Arbeiter hatten im
Vergleich zu heute wirklich wenig Rechte, und die allermeisten von
ihnen waren
vor allem zu wenig gebildet und vor allem in Fragen des Rechtes und der
Politik
ausgebildet. Es gab zwar schon die päpstliche Enzyklika „Rerum
Novarum“ von
Papst Leo XIII. Aber erstens war sie in die Arbeiterkreisen viel zu
wenig
bekannt, und zweitens lag Deutschland nach dem Ende des 1. Weltkrieges
politisch, gesellschaftlich und sozial am Boden. Nur wenige
schätzten die neu
eingeführte Demokratie, denn die Politiker schienen nur ihre
Spielchen zu
treiben und sich nicht um die Probleme der Arbeiter und Normalmenschen
zu
kümmern. Als ich 19 Jahre alt und Jungarbeiter im Walzwerk war,
stürzten in
Russland die Bolschewiken den Zar und führten ein kommunistisches
Regime ein.
Von ihm wusste ich, dass meine Kirche das ablehnte. Aber noch gab es
nicht die
zweite Sozialenzyklika „Quattragesimo anno“ von Papst Pius XI. Sie
erschien
erst 1931, als ich schon Chefredakteur der „Westdeutschen
Arbeiterzeitung“ war. Es kam dann – wie es kommen musste. Adolf Hitler verfolgte seinen
Weg zur Macht
langsam und
konsequent und gewann schließlich demokratisch. Sseine Partei,
die NSDAP, wurde
im Ruhrgebiet auf mich als einen ihrer Gegner aufmerksam. Ich hatte
mich aus
christlichem Geist für die Menschen und insbesondere für die Bergarbeiter in der Presse und in der
Öffentlichkeit eingesetzt. Wenn man so will, hat es ziemlich lange
gedauert,
bis sie mich dann als gefährlich erkannten. Denn erst im Sommer
1944 wurde ich
verhaftet und am 23. Januar Familienleben Bevor ich nun endlich von
dem spreche, wozu ich hierher
gebeten wurde, noch kurz ein Blick auf meine Familie. Mit 26 Jahren
heiratete
ich Elisabeth Koch, die ich sehr, sehr liebte. Wir hatten zusammen
sieben
Kinder. Und wegen meiner Frau und meinen lieben Kindern fragte ich mich
bei
meiner polischen Tätigkeit immer wieder, ob ich tun dürfe,
was ich tat. Denn
ich gefährdete ja nicht nur mich selbst, sondern auch sie. Die
Nazis
praktizierten ja Sippenhaft. Um einen Gegner auszuschalten, drohte man
nicht
nur ihm, sondern seiner ganzen Familie. Ich aber war der
Überzeugung, dass ich
für meine Mitmenschen und mein Volk tun musste, was ich tat –
nämlich die
Menschen an die von Gott gegebene gerechte und soziale Ordnung in Staat
und
Gesellschaft zu erinnern. Sich zu diesen Überzeugung aber durch zu
ringen und –
trotz aller Anfechtungen – sie auch festzuhalten, war nicht so einfach
wie das
jetzt klingt. Auch ein Märtyrer ist ein ringender
und schwacher Mensch. Auch das Martyrium
fällt einem nicht in
den Schoß. Und die kritischen Rückfragen an mein politisches
Tun kamen nicht
nur von außen, von gut meinenden Freunden, sondern auch von
innen: von meinen
Zweifeln, meiner Angst, von meiner Liebe zu Frau und Kindern. Was Nikolaus
Groß an den Christen von heute bewundert. Und nun liebe Freunde
soll ich Ihnen ja etwas in Ihre heute
Situation hinein sagen, ins beginnende 21 Jahrhundert und zu Anfang des
Jahres
2007. Ich habe meine persönliche und berufliche Geschichte
vorausgeschickt,
denn ich gehe davon aus, dass Sie nicht a
l l e so genau bescheid
wissen
über den Nikolaus Groß, der sogar vor sechs Jahren selig
gesprochen worden ist.
Sie sollten wissen, wer hier zu ihnen spricht, damit Sie das, was er
sagt, ein
wenig einordnen können. Ich möchte als
erstes Ihnen, meine lieben Mitchristen, meine
allergrößte Hochachtung aussprechen. Ja meine Hochachtung
gilt Ihnen als
Christen. Denn Christsein ist ja heute außerordentlich schwer
geworden. Sie
gefährden durch ein christliches Leben zwar nicht Ihr Leben wie
ich das meine
gefährdet habe. Aber Sie stehen auch wesentlich
größeren Bedrohungen gegenüber
als ich zu bestehen hatte. Vor allem sind diese Bedrohungen viel
hinterlistiger
und daher gefährlicher. Sie kommen auf Samtpfoten daher. Sie
kommen durch
wohlklingende Worte – nicht durch politische Parolen wie zu meiner
Zeit. Die
Bedrohungen für ihren Glauben kommen zu Ihnen durch das Radio und
durch Musik
oder was man bei ihnen so Musik nennt. Sie kommen durch preiswerte
Angebote,
sie kommen natürlich durchs Fernsehen, sie kommen durch Politiker,
die nur an
die nächste Wahlperiode denken, sie kommen aber auch durch
gesellschaftliche
und sogar durch theologische Parolen zu Ihnen. Kurz: Ihr christlicher
Glaube wird ganz heimlich, und eher
unheimlich durch tausend Feinde auf Samtpfoten bedroht. Und Sie – Hut
ab! –
widerstehen erstaunlich gut. Ich meine jetzt nicht die Menschen, die
irgendwo
draußen sind, sondern Sie, die Sie hier sind und mir
zuhören. Trotz aller gegenteiligen
Beeinflussung gehen Sie sonntags
zum Gottesdienst, interessieren sich mehr oder weniger für die
Bibel,
diskutieren religiöse oder weltanschauliche Fragen. Manche von
ihnen machen
wohl auch mal eine Wallfahrt, gehen sogar manchmal – wenn auch sehr
selten –
zur Beichte. Die meisten von ihnen versuchen, ihre Kinder religiös
zu erziehen
– wenigstens solange sie minderjährig sind. Viele von Ihnen
richten sich auch
in Ihrem Wahlverhalten mehr oder weniger nach christlichen Prinzipien.
Kurz:
Sie, die sie hier sitzen, halten an ihrem christlichen Glauben trotz
aller
heimlich-unheimlichen Bedrohung fest. Ich bewundere Sie, denn ich
weiß, wie das
manchmal schwer ist. Ich habe es in meinem eigenen Leben erfahren, und
ich
weiß, wovon ich spreche. Natürlich bin ich
mir auch darüber im Klaren, dass Sie unter
den christlich Getauften nur eine kleine Minderheit sind. Die meisten
Getauften
kümmern sich nicht um die Glaubenstatsache, dass sie in den
geheimnisvollen
Leib Christi eingegliedert sind. Umso schwerer muss es Ihnen fallen,
Ihren
Glauben zu leben – in Familie, Gesellschaft, Politik. Sie versuchen es,
und ich
danke Ihnen dafür. Ich möchte Ihnen
noch ein paar weitere Gründe sagen, warum
ich Sie bewundere: in Ihren Familien gibt es Kinder, vielleicht nicht
viele,
aber immerhin gibt es sie. Heute ist ja fast jedes Kind ein gewolltes
Kind, ein
Kind, das angenommen wird, obwohl die Eltern wissen, dass ihnen das
Kind
Konsumverzicht abverlangt. Bei meinen sieben Kindern war das anders.
Sie kamen
halt so. Wir haben uns eigentlich nicht für sie entschieden,
sondern sie nur
angenommen. Sie entscheiden sich freiwillig für Kinder und die
dazugehörigen
Sorgen und Verzichte. Ist das nicht schön? W i r
haben damals
nur für die Rechte unserer Gruppen und Familien gekämpft,
wenn wir uns für
gerechte Löhne einsetzten. S i e setzen sich durch die kirchlichen
Hilfswerke
für Menschen in aller Welt ein, Sie bringen dafür Opfer,
verzichten auf dies
und jenes, zeigen weltweite Solidarität und Friedenswillen. Zu meiner Zeit sind viele
junge Katholiken in einen Orden oder
in ein Kloster eingetreten, weil sie von Zuhause her kaum eine
berufliche
Chance hatten, weil die Gesellschaft das schön und lobenswert
fand, weil man
dabei vielleicht sogar sozial aufstieg. Heute ist der Eintritt in ein
Kloster
oder einen Orden oft ein wirklicher Verzicht auf Karriere und Beruf.
Auch
Eltern müssen heute oft ein Opfer bringen, wenn sie eines ihrer
Kinder in einen
Orden eintreten oder Priester werden lassen. Damals war es in weiten
Kreisen selbstverständlich zur
Kirche und konkret zum Pfarrer zu stehen. Kirche und Pfarrer waren
geachtet und
respektiert. Heute wird man in weiten Kreisen belächelt, wenn man
etwas mit der
Kirche am Hut hat. Wenn Sie sich also für einen katholischen
Märtyrer
interessieren, dann sind sie Außenseiter. Dann wagen Sie, sich zu
exponieren,
belächelt zu werden, ausgegrenzt zu werden. Verstehen Sie also,
warum ich Sie
bewundere? Was Nikolaus
Groß den Menschen heute ans Herz legt. Und auf diesem
Hintergrund der großen Bewunderung für Sie,
möchte ich Ihnen nun ein paar Dinge ans Herz legen, die ich an
Ihrer Stelle
jetzt zu Anfang des 3. Jahrtausends kirchlich und gesellschaftlich tun
oder
worauf ich besonders achten würde. Ich gehe dabei von dem aus, was
ich als
Bergmann und Journalist zur Hitlerzeit und davor getan habe. Ich bin
kein
Papst, kein Bischof, auch kein Pfarrer, sondern ein gesellschaftlich
engagierter Gewerkschafter und Journalist. Und glauben Sie mir: es ist
mir sehr
ernst, denn ich beurteile Ihre Zeit und geschichtliche Lage sehr ernst.
Es
steht für Sie und Ihre Kinder und Enkel sehr viel auf dem Spiel. Wenn Sie nicht wollen, dass spätere
Generationen Sie verurteilen, dann müssen Sie jetzt sehr wach,
engagiert und
mutig handeln Beginnen wir bei der Wachheit:
Einer der Hauptfeinde der heutigen westlichen Menschheit ist, dass sie schläft und sich dabei einlullen lässt.
Haben Sie es nicht schon gemerkt, dass der moderne Mensch entweder
immer Musik
hört oder immer mit neuen Bildern beschossen wird oder
irgendwelche Eindrücke
auf seine Sinne abgeschossen werden. Alle Sinne sind ständig auf
Events
eingestellt. Das macht den Menschen verrückt – oder einfacher
ausgedrückt – das
lullt ihn ein, das verhindert sein Denken, vor allem sein kritisches
Nachfragen. Es kommt dazu, dass grundlegende körperliche
Bedürfnisse nach Essen
und Trinken vorher so befriedigt sind, dass sie sich nicht mehr so
melden, wie
das der Fall wäre, wenn ein Mensch Hunger oder Durst hätte.
Denn Hunger und
Durst wecken den Menschen gleichsam auf aus dem Eingelulltsein,
erinnern ihn an
Grundlegendes. Weil Hunger und Durst schnell befriedigt werden, kann
das
Eingelulltwerden sofort weitergehen. Der Mensch wird nicht
zurückgeworfen auf
wirklich Notwendiges, nämlich die Erhaltung des körperlichen
Lebens, sondern
kann seine Sinne gleich wieder betäuben. Die
Überfütterung mit akustischen und
optischen Eindrücken verhindert das kritische Denken. Die Menschen
fragen sich
nicht mehr, was für sie wirklich gut und notwendig ist. Sie
können zwar auch in
dieser Situation noch enorm viel leisten. Es kann sein, dass sie
beruflich auch
mit großem Fleiß Karriere machen. Es kann sein, dass ihr
kritisches Denken in
wichtigen Teilbereichen des Lebens durchaus weitergeht. Daher kann auch
der im
Privatbereich eingelullte Mensch im Beruf Höchstleistungen
erbringen – gerade
in Fragen der Naturwissenschaft, auch des Rechtes und der Logik. Aber
es kann
sein, dass einem solchen erfolgreichen Menschen gleichzeitig Anderes
und vor
allem selbstkritisches Denken ausfällt. Daher kommt es ja auch
immer wieder
vor, dass Menschen seelisch erkranken, obwohl sie im Beruf
größte Erfolge
haben. Sie erkranken seelisch, weil ein Teil ihres Bewusstseins
eingelullt ist,
betäubt und betört. Weil sie in Teilen ihres Lebens sich nur
von außen steuern
lassen, sich manipulieren, eben einlullen lassen. Bis hierher habe ich von
den einzelnen Menschen her gedacht. Jetzt denke ich von
den Einlullern her.
Wer will den Menschen einlullen? diejenigen, die ihre Macht sichern und
ausweiten wollen. Das sind Politische Kräfte und wirtschaftliche
Mächte. Einrichtungen,
die etwas verkaufen wollen, wollen auch einlullen. Und Einrichtungen,
die ihre
Macht sichern und ausdehnen wollen, müssen die Menschen einlullen.
Natürlich nutzen politische
Parteien und wirtschaftliche Unternehmungen auch Argumente. Sie
zeigen auf,
warum man eine Partei wählen soll, warum man einen Gegenstand
kaufen soll. Die
moderne Psychologie hat Parteien und Unternehmern gelehrt, wie man
überzeugen
kann und soll. Niemand geht plump vor, aber meistens gehen sie
einseitig vor.
Die Aufmerksamkeit wird auf einen kleinen Kreis eingeengt. Bleiben wir zunächst
bei der Politik. Alle Fachleute wissen, dass im
Wahlkampf die
Aufmerksamkeit der Wähler auf einige Haupt-Themen begrenzt werden
muss. Der
Wähler kann nicht alle Themen und Argumente im Blick haben. Die
Meinungsforschung sagt den Politikern was dem Wahlvolk zum Zeitpunkt
der Wahl
am wichtigsten ist. Die Politiker konzentrieren sich auf diese Themen,
um die
Stimmen zu gewinnen. Ganz bewusst werden natürlich dann anderen
Themen
weggelassen. Das sind Themen, die vielleicht für den Menschen noch
wichtiger
sind. Aber wenn der Politiker sie jetzt ansprechen würde,
würde er
wahrscheinlich verlieren. Wenn ein Politiker nur davon sprechen
würde, dass er
dem Wähler Opfer zumuten muss, würde er gewiss verlieren.
Unangenehmes wird
ausgeblendet, auch wenn es noch so wichtig ist. So sind Politiker
direkt
gezwungen, die Aufmerksamkeit seines Wahlvolkes von Unangenehmem
abzulenken. Die berühmte
Meinungsforscherin Noelle-Neumann hat die so genannte
Schweigespirale entdeckt. Sie
hat erkannt: Wenn eine Ansicht in der Öffentlichkeit selten
vertreten wird,
dann werden Personen, die dieser Ansicht sind, auch immer weniger von
ihr
sprechen. Beispiel: in einem Schnellzugsabteil sitzen 4 Personen, die
die
Politik von Präsident Bush falsch finden und es sind 2 Personen,
die zwar
Vorbehalte habe, sie aber dennoch gut finden. Wenn nun dort eine
gemeinsame,
laute Diskussion über Präsident Bush stattfindet, werden sich
vermutlich im
Lauf der Diskussion die 2 Bushverteidiger immer weniger zu Wort melden.
Nicht
etwa, weil sie von den anderen überzeugt wurden, sondern weil es
unangenehm
ist, in der Minderheitenposition zu sein. Vielleicht gibt es
überzeugendere
Beispiele: Nehmen wir an, jemand ist der Überzeugung, die
Sexualmoral der
katholischen Kirche sei gut und richtig und menschenfreundlich, sie
entspreche
auch der Bibel. Wenn er diese Ansicht in der Öffentlichkeit laut
vertritt, wird
er vermutlich bald wahrnehmen, dass er in der Minderheit ist, dass er
belächelt
wird. Es gehört viel Mut und Zivilcourage dazu, diese Meinung
gegenüber einer
Mehrheit langfristig vorzutragen. So wie die Menschen nun mal gebaut
sind, wird
diese Meinung, weil es eine Minderheitenmeinung ist, eher leiser
werden. Sie
wird immer weniger vertreten werden .Man wird sie immer mehr
verschweigen. Das
ist die Schweigespirale. Wenn etwas in der Öffentlichkeit wenig
vertreten wird,
dann nimmt auch dies immer mehr ab. Und das gleiche gilt für die
Medien.
Zeitungen müssen verkauft werden, Radio und Fernsehen muss
eingeschaltet werden
.Wenn das nicht geschieht, dann wird der Geldhahn zugedreht.
Minderheitenmeinungen werden daher in vielen Medien immer wenige
verbreitet.
Die Mehrheitsmeinungen dominieren, beherrschen. Das habe ich – Nikolaus
Groß –
zu meiner Zeit und als Journalist und angesichts der
Machtübernahme vom Adolf
Hitler leidvoll erfahren. Die meisten Menschen sind keine Helden, sind
auch
keine Vordenker. Leider sind sie aufgrund dessen was man Erbsünde
nennt,
Mitläufer. Und weil das so ist, braucht die Kirche, braucht jede
Gesellschaft
Vordenker, Vordenker, die sich von einem Ethos leiten lassen. Letztlich
von
Liebe zum Menschen. Nochmals: niemand ist
gerne einsam, niemand ist froh
darüber, wenn er oder sie mit seiner Meinung ganz alleine da
steht. Daher
schließen sind die meisten gerne der Mehrheitsmeinung an. Das ist
im normalen
Leben oft ungefährlich. Das kann aber im Lauf der Geschichte auch
verheerende
Folgen haben. Dabei geht es nicht nur um die Angst vor Diktatoren. Es
geht auch
um die Flucht vor der Einsamkeit, wenn man mit seiner Meinung alleine
da steht,
wenn man sich dumm und missverstanden fühlt. Wenigstens die Kenntnis
der Schweigespirale könnte uns
helfen, politischen Irrwegen nicht zu folgen, uns in Politik weniger
oder gar
nicht manipulieren zu lassen. Nun noch ein kleiner
Blick auf die Mächte, die uns wirtschaftlich
ausnützen wollen, die vielleicht
durch unsere Dummheit Geld verdienen und so Macht gewinnen wollen. Lehnen wir uns nur
zunächst einmal ein wenig zurück und
betrachten unsere Welt: wenn Afrikaner, Asiaten, Lateinamerikaner oder
auch
Menschen in Ländern in Mittel-Ost-Europa zu uns kommen, werden sie
gleichsam
erschlagen vom Warenangebot in unseren Geschäften. Und das
Warenangebot bleibt
ja in den Geschäften nicht liegen, sondern es gibt genügend
Menschen, die es
kaufen können und wollen. Wir haben also vergleichsweise viel
Waren und viel
Geld. Dennoch müssen viele Deutsche seufzen über
Preissteigerungen, über
Unerschwinglichkeit, über veraltete Kleidung, alte Autos, alte
Fernsehgeräte,
weil sie keine neuen kaufen können. Also es gibt Grund zum Klagen
– für viele
Deutsche. Aber wenn wir uns mit anderen Menschen vergleichen, gibt es
nur Grund
zum Jubeln. Damit die Wirtschaft läuft, müssen
Gegenstände veralten und
Maschinen verbessert werden, müssen Menschen Neues kaufen
können. Gerade
Arbeitsplätze entstehen und werden dadurch erhalten, dass man
Altes ausmistet
und neues kauft. Und dennoch: vielleicht
wäre unsere Gesellschaft humaner,
wenn wir ihre Menschlichkeit nicht so stark von den Arbeitsplätzen
her
berechnen würden, sondern von anderen Kategorien. Erinnern Sie
sich bitte:
Touristen, die aus Indien oder Mexiko oder Kenia zurückkehren,
sind immer sehr
bewegt von der Fröhlichkeit armer Menschen. Ihr Lebensgefühl
hängt offenbar weniger
von der Verfügbarkeit des privaten Einkommens ab. Sie leben
offenbar trotz
materieller Not von der Erfahrung, dass das Leben ein Wert ist. Dass es
schön
ist, zu leben, dass es gut ist, eine Familie, ein wenig Dach über
dem Kopf zu
haben. Müssen wir
zurück zu Urerfahrungen, zu dem Aufschrei: wir
haben noch einmal überlebt? Gab es diesen Ruf nicht im Jahr 1945:
Wir haben
noch einmal überlebt? Trotz Millionen von Flüchtlingen, trotz
hunderttausender,
die ihr Leben im Krieg verloren hatten. Könnte es uns
vielleicht gelingen, materiell genug zu haben
und gleichzeitig weit über Materielles hinaus zu leben?
Könnte es uns gelingen,
satt zu sein und dennoch Hunger zu haben nach Freude, nach
Gerechtigkeit, nach
Frieden, nach Sinn, nach Gott? Hunger nach wirklichem Lebenssinn,
Hunger nach
Wahrheit des Lebens, Hunger nach tiefen, guten Beziehungen, Hunger nach
innerer
Freiheit, Hunger nach dem Glück der Anderen, nach dem Sattsein der
Anderen,
nach dem Gesundsein der Anderen. Wirklichen Hunger. Dann würden
wir vielleicht
weniger umher getrieben von Preissteigerungen, die uns ungerecht
erscheinen,
von Wohnungsmieten, die uns ungerecht dünken, nach
Kuraufenthalten, die
unbezahlbar sind. Wenn wir einen Ausgleich im Hunger nach unbezahlbaren
Gütern
haben, dann leiden wir weniger unter den Preisen von bezahlbaren Waren.
Ich hatte oben gesagt,
dass mich die Weltsituation
beunruhigt, dass es sehr auf Sie heute ankommt, dass Sie richtig
handeln
müssen. Ich habe bisher von dem Stichwort „Wachheit“ und der
Gefahr des
Schlafens und Einlullens gesprochen. Ich komme nun
zu dem zweiten Wunsch an Euch: Engagement. Ich habe bei Kardinal
Ratzinger, - entschuldigen Sie bitte –
bei Papst Benedikt gelesen, dass er die Art der Entwicklungshilfe
für Afrika, Asien und Lateinamerika durch reichere
Staaten kritisiert hat. Er weist in einem Aufsatz darauf hin, dass man
sich
bewusst dabei nur auf materielle Güter konzentriert habe, dass es
der
Entwicklungshilfe nur darum geht, den Hunger zu überwinden, die
Krankheiten
auszurotten, eine Infrastruktur zu bauen, damit arme Völker sich
in Zukunft
selbst ernähren können. Man habe bewusst entschieden: Erst
wenn die materiellen
Bedürfnisse befriedigt seien, könne man sich geistigen und
seelischen zuwenden.
Und Papst Benedikt kritisiert diese Vorstellung von Entwicklungshilfe.
Man kann
nach seiner Ansicht Körper und Geist nicht so von einander
trennen. Mit
materiellen Gütern müssten auch geistige Werte transportiert
werden. Der Mensch
auch in Afrika, Asien und Lateinamerika lebe nicht allein vom Brot.
Trotz aller
materiellen Not hungere auch er nach Lebenssinn, nach Antwort auf die
grundlegenden Fragen der Existenz, nach Wahrheit, nach Gerechtigkeit,
nach
Frieden. Wenn man nur materiellen Hunger stille, sehe der Beschenkte
sich nicht
als humanes Wesen behandelt, sonder nur gefüttert wie ein Tier.
Entwicklungshilfe müsse gleichzeitig Leib und Seele sättigen.
Ich denke, der
ehemalige Kardinal und jetzige Papst hat Recht. Kehren wir aus der
kinderreichen Dritten Welt zurück nach Europa. Hier
fehlen bekanntlich die Kinder.
Woran liegt das? Natürlich an einer
gewissen Bequemlichkeit. Wie aber kann
man Menschen wieder motivieren, Kindern das Leben schenken zu wollen?
Neben den
wirtschaftlichen Voraussetzungen sind noch viel wichtiger die
geistigen. Wer an
einen tieferen Sinn des Lebens glaubt, der ist vermutlich offener
für Kinder.
Wenn ein junges Paar nicht nur in den Tag hinein lebt, sondern nach dem
Sinn
seiner Liebe fragt, wird dieses Paar sich vermutlich eher offen
für Kinder
zeigen. Ich weiß, dass
aufmerksame junge Menschen zweifeln können an
der Zukunft unserer Welt und Kultur und vor allem an der
Zukunftsfähigkeit
Europas. Und dass das junge Paar sich dann auch fragt, ob man es den
eigenen
Kindern zumuten darf, sie in diese Welt hinein zu setzen. In eine Welt,
die
vielleicht bald von unglaublichen Naturkatastrophen bedroht sein wird,
in eine
Welt, die bald von den Chinesen total beherrscht sein wird, in ein
Europa, das
mehrheitlich muslimisch sein wird, in einen Globus, der bald von 30
Staaten
beherrscht sein wird, die auf Atombunkern sitzen, wo man keinen Tag
sicher sein
kann, ob nicht ein Nuklearkrieg ausbricht, der Millionen Menschen das
Leben
kostet und der Millionen verstümmelte Menschen
zurücklässt. Man kann verstehen,
wenn aufmerksame junge Paare zögern, Kinder in diese Welt hinein
zu gebären. Wenn junge Paar also vor
diesen Fragen stehen, dann kann man
ihnen als Christ vielleicht nur sagen: ohne Gottvertrauen und Vernunft
kann man
tatsächlich nicht leben. Die Vernunft sagt: dass wir schon jetzt
seit über 50
Jahren Weltkonflikte ohne Atomkrieg überwunden haben, dass der
Ost-Westkonflikt
nicht durch Krieg, sondern durch Abnutzung und die besseren Argumente
des
Westens gelöst wurde. Das sagt die nüchterne Vernunft
angesichts von weltweiter
atomarer Bedrohung. Und der Glaube an einen liebenden Vatergott sagt:
Wenn Du
nicht an seine gütige, schützende Hand glaubst, kannst Du
überhaupt nicht
leben. Wenn wir unser normales Alltagsleben betrachten, so sind wir
ständig von
großen und größten Gefahren bedroht. Weil diese
Gefahren im Straßenverkehr und
in unsere Welt so alltäglich sind, daher beachten wir sie nicht
mehr. Unser
Leben kann überhaupt nur gelingen, wenn wir ein Grundvertrauen in
Gottes Schutz
haben. Wir würden verrückt, wenn wir ständig alle
möglichen Gefahren im Auge
hätten. Kinder können nur mit Grundvertrauen in das Leben
aufwachsen. Auch
Erwachsene brauchen dieses Grundvertrauen, wenn sie nicht verrückt
werden
wollen und am Leben verzweifeln wollen. Zurück zu den
Kindern: Kinder sind Zeichen eines normalen
Grundvertrauens und Kinder sind Zeichen einer normalen Selbstlosigkeit.
Denn
wer Kinder hat, hat Freude, muss aber auch verzichten. Fehlt es heute
auch an
der Bereitschaft zum Verzicht? Wie vorher schon gesagt: zu meiner Zeit,
also
vor rund 90 Jahren haben wir Ehepaar gar nicht über das
Kinderkriegen
nachgedacht. Sie kamen halt. Heute geht dem Kind in der Regel ein
bewusstes Ja
zum Kind voraus. Und Ihr solltet dies Ja zum Kind neu lernen. Das sagt
Euch ein
Vater von sieben lieben Kindern, der durch seine Kinder sehr bereichert
worden
ist. Die Welt der
Arbeit und der Wirtschaft Ich komme zu einem
weiteren Thema. Und wohlgemerkt: Hier
spricht ein ehemaliger Bergmann und katholischer Journalist. Ich habe
zu meiner
Zeit für die Bergarbeiter gekämpft, war Mitglied der
katholischen
Bergarbeitergewerkschaft. Ein Gewerkschaftler. Ich habe also Sympathien
für
gewerkschaftliche Arbeit. Das bedeutet
für mich: ich kämpfe für Solidarität unter den
Arbeitnehmern, denn nur
gemeinsam sind sie stark. Aber ich kämpfe auch dafür,
dass die Arbeitnehmer
mit den Arbeitgebern zusammen- und nicht gegen sie arbeiten.
Arbeitnehmer und
Arbeitgeber haben unterschiedliche Interessen. Aber wenn sie sich
gegenseitig
kaputt machen oder lahm legen, dann haben beide nichts davon. Ich bin
also
gegen Klassenkampf. Aber in eure heutige Situation hinein muss ich
sagen: Die
Arbeitnehmer sind heute gut organisiert und oft auch vernünftig.
Es gibt
vernünftige Arbeitgeber, aber nicht alle sind vernünftig.
Neben Arbeit Gebenden
und Arbeitsplätze Habenden gibt es aber heute eine große
gesellschaftliche
Gruppe, die weder durch die eine noch durch die andere Seite vertreten
und
geschützt werden. Und diese dritte Gruppe ist heute diejenige,
für die ich mich
an Eurer Stelle von Herzen einsetzen würde. Es sind zum Teil
Mütter mit
Kindern, deren Väter nicht hinreichend verdienen können, es
sind
Alleinerziehende, es sind Menschen mit sehr geringer Rente, es sind
Menschen,
die ohne eigene Schuld keine Ausbildung bekamen. Eigentlich
müssten sich die Arbeitgeber
für diese Gruppe engagieren, denn sie sind keine gesellschaftliche
Gegenkraft.
Ich weiß natürlich, dass es auch hier Schmarotzer gibt,
Menschen, die das
soziale Netz missbrauchen. Aber man darf wirklich nicht davon ausgehen,
dass
die Mehrheit dieser Gruppe Schmarotzer sind. Ich als Gewerkschafter
würde mich
heute für Menschen engagieren, die keinen Arbeitsplatz haben,
denen man
wirklich helfen muss. Eben sprach ich schon vom
sozialen Netz. Der Staat ist kein soziales Netz, der
Staat soll keine Familie sein, die für das Wohl aller sorgt. Er
soll den Rahmen
geben, damit Menschen und Gruppen hier ihre Verantwortung in die Hand
nehmen
können. Der Gesamtstaat soll sich nur um das kümmern, was
Länder, Gemeinden und
Familien nicht leisten können. Das nennt man
Subsidiaritätsprinzip. Subsidium
heißt auf Lateinisch „Hilfe“. Der Staat und die jeweils obere
Organisation soll
nur das in die Hand nehmen, was die untere nicht leisten kann. z.B.
Außenpolitik und Landesverteidigung. Ich fürchte, dass manche von Euch sich - ohne es zu merken
- daran gewöhnt
haben, dass der Staat sich um alles kümmert. In Einzelheiten kann
ich mich hier
nicht einmischen, die kenne ich zu wenig. Aber ich wollte Euch nur als
alter
Gewerkschafter meine Meinung dazu sagen. Oben hatte ich
mir von euch Wachheit, Engagement und Mut gewünscht. Zu dem, was
ich jetzt
sage, gehört zwar auch Wachheit und Engagement, vor allem aber
vielleicht Mut. Denn ich komme zu einem
Thema, das mich als engagierter Katholik bewegt und
was mir
am Herzen liegt. Es dreht sich um die Gesamtkirche, um das
Verhältnis der
Katholiken Deutschlands zum Papst, zu Rom, zum Vatikan. Vermutlich
werden
manche von den hier anwesenden engagierten Katholiken jetzt denken: ja
unser
Verhältnis zu Rom ist öfter mal ein Problem. Vermutlich
werden jetzt einige
engagierte Katholiken auch denken: wir hoffen, dass Papst Benedikt sich
wirklich von einem wilden Panzerkardinal in einen milden Familienvater
verwandelt hat. Wir hoffen es, aber wir können dem bisherigen
Frieden noch
nicht ganz trauen. Zu sehr erinnern wir uns an die Kritik des
ehemaligen
Kardinal Ratzingers an der Befreiungstheologie, an der Theologie der
Welt, an
anderen theologischen und vor allem moraltheologischen Entwürfen,
die aus
Deutschland kamen. Er kritisierte auch immer wieder die – nach seiner
Ansicht
zu ausgebauten - deutschen Kirchenstrukturen. Er hat ja immer wieder
davor
gewarnt, dass es zu viele katholische Gremien gebe, dass in diesen
Gremien
entschieden würde, was eigentlich den Bischöfen zustehe, dass
insbesondere das
Zentralkomitee der deutschen Katholiken sich zu viel anmaße, dass
Laien die
Kirchenführung in die Hand nehmen wollten, dass Laien auch
theologische und vor
allem moraltheologische Fragen entscheiden wollten. Er hat den Ausstieg
aus der
Schwangerenkonfliktberatung gefordert, hat Laienpredigt verboten, hat
das
Laienengagement im Raum des Gottesdienstes kritisch hinterfragt. Er
scheint
auch vieles an der nachkonziliaren Liturgie nicht zu lieben, einfach
vieles,
was in den letzten 40 Jahren gewachsen ist. Ratzinger schien
hauptsächlich zu
kritisieren. Nun aber als Papst scheint er, sich bekehrt zu haben, er
wirkt
milde und sanft, er lächelt und umarmt Kinder und er vermeidet
heikle Fragen. Hat der Papst gemerkt,
dass er früher falsch lag? Ich – aus meiner
himmlischen Sicht – sehe das ein wenig
anders. Früher war Kardinal Ratzinger beauftragt, gleichsam als
Diagnostiker,
als zeitkritischer Seher von einem erhobenen Punkt aus Kirche und Welt
zu
beobachten, um möglichst frühzeitig auf Entwicklungen
aufmerksam zu machen, die
für die Kirche ungut oder falsch sind. Er musste Beobachter und
Kritiker sein. Heute als Papst muss er
die Gemeinschaft der Kirche führen,
das heißt: verkünden, ermutigen, loben, anstacheln,
trösten. Früher musste er auch
Lehrer sein, ein Lehrer, der im Schulheft der Schüler Fehler
anstreicht. Heute
ist er gleichsam Familienvater, der die Fehler seines Sohnes nicht
leugnen
kann, der aber diesen Sohn gleichzeitig ermutigen, streicheln, loben
muss. Er
hat eine andere Funktion. Auch der Lehrer, der selbst Kinder hat, wird
diese
zuhause nicht als Lehrer behandeln, sondern eben als Vater. Ich glaube
also,
dass Papst Benedikt seine Überzeugungen nicht geändert,
sondern eben jetzt nur
eine andere Rolle übernommen hat. Das gilt für die
ganze Weltkirche. Für das Verhältnis der
deutschen Katholiken zu den Päpsten in Rom
möchte ich Folgendes zu bedenken geben. So seltsam es klingen
mag: wir Deutsche haben mehr als
andere Völker das Bedürfnis nach Harmonie. Wir möchten
daher auch mit den
Autoritäten in Staat und Kirche in Harmonie leben. Wir
möchten Ordnungen haben,
die gelten, an die man sich halten kann und hält. Das ist bei
anderen Völkern
ein wenig anders. Bei uns herrscht in Staat und Kirche in der Regel
mehr
Ordnung als in anderen Ländern. Wenn wir nun aber mit
einer Autorität nicht einig gehen oder
meinen einig gehen zu können, dann kommt unser seelisches
Gleichgewicht ins
Wanken, dann werden wir unsicher, unzufrieden, unglücklich. Konkret für
Katholiken heißt das: Wenn der Papst z.B. Formen
der Empfängnisverhütung verbietet, die wir für gut und
sinnvoll halten, dann
regt uns deutsche Katholiken das viel mehr auf als nicht-deutsche
Katholiken.
Das ist meine Meinung. Wir wollen, dass der Papst das lehrt, was wir
für
richtig halten. Wir möchten in Harmonie mit ihm sein. Ich denke,
andere Völker,
Katholiken in anderen Ländern reagieren da etwas anders. Entweder
sie halten
sich an die kirchliche Vorschrift, oder sie kennen sie gar nicht,
interessieren
sich nicht für sie, oder sie kennen sie und nehmen sie einfach
nicht so ernst
oder sie sagen sich: „Der Papst muss das lehren, ich aber muss etwas
Anderes
tun. Es tut mir für ihn leid, dass ich mich nicht daran halten
kann.2 Wenn sie
meinen, sich nicht an die kirchliche Lehre halten zu können, dann
wird ihr
Inneres nicht so in Wanken geraten wie dies bei uns deutschen
Katholiken der
Fall ist oder der Fall war. Denken Sie daran, dass selbst evangelische
Christen
aus Protest gegen den Papst aus ihrer evangelischen Kirche ausgetreten
sind.
Auch evangelische Christen sind eben Deutsche, die alles ein wenig
ernster
nehmen als Christen in anderen Ländern. Unser Problem ist, dass
wir alles sehr
ernst nehmen, Harmonie mit der Autorität suchen und keinen Mut
dazu haben,
unser eigenes Gewissen zu befragen und ihm zu folgen. Wir Deutsche
haben –
glaub ich – zu wenig Mut, unserem Gewissen wirklich zu folgen. Wir
meckern und
kritisieren lieber als uns für einen Weg aufgrund unseres wachen
Gewissens zu
entscheiden. Vielleicht sind wir ja in diesen Jahren gerade doch dabei.
Vielleicht erkennt der eine oder andere nachdem er eine Weile seinem
persönlichen Gewissen gefolgt ist, dass der Papst doch nicht so
Unrecht hatte.
Also lieber mal einen Weg nach dem eigenen Gewissen gehen als immer nur
Meckern
und Lamentieren. Was ich sagen will, zeigt
sich z.B. auch in der traditionell
besonders großen Papstverehrung deutscher Katholiken. Wir
huldigten – soweit
ich sehe – den Päpsten durch Jahrhunderte mehr als die Katholiken
anderer
Länder. Darin zeigt sich eben unser deutsches Bedürfnis nach
Harmonie mit
Autorität. Gleiches gilt auch für unsere Treue zu politischen
Führern. Das geht
bis zur Treue gegenüber Hitler. Ich denke, die Italiener haben
sich wesentlich
schneller und leichter von ihrem Mussolini verabschiedet, obwohl dieser
kein so
großer Verbrecher war wie Hitler. Wir Deutsche haben eine enorme
Vasallentreue.
Notfalls folgen wir mit geschlossenen Augen und marschieren bis nach
Stalingrad, weil Germanen eben zuverlässig und treu sind. Unsere
Stärke kann auch
zu unserer größten Schwäche werden. Man kann es auch noch von
einer andere Seite her
beschreiben: Weil wir Deutsche manche Dinge genauer und ernster nehmen
als
andere Völker, können wir fanatisch, ja blind werden. Das
zeigte sich schon bei
Hitler, dem wir leider auch fanatisch anhingen. Das zeigt sich aber zum
Beispiel auch bei unserem Landsmann Martin Luther. Es ist kein Zufall,
dass
Luther ein Deutscher war. Er nahm die Ablasspredigt ernst und sah den
Fehler
der Ablasspredigt. Er schaute genau hin und wollte nicht schweigen oder
einfach
wegschauen bei kirchlichen Missbräuchen. Seine Genauigkeit und
Gewissenhaftigkeit wurde dann auch zu seinem Verhängnis. Er hat –
ich erlaube
mir diese Kritik an Luther – nicht mehr eingelenkt, nicht seine eigenen
Übertreibungen
erkannt, sein eigenes Fehlverhalten. Das ist ein wenig deutsch. Ich sage dies, um Euch
meinen lieben Landsleuten zu helfen,
dass ihr vor allem in Eurem Verhältnis zu Rom, zum Papst und zur
Gesamtkirche
im Lot bleibt. Manche Eurer Wünsche an Rom und die Gesamtkirche
sind nur
typisch deutsche Wünsche, die von Katholiken anderer Länder
nicht oder noch
nicht gesehen und vertreten werden. Ihr seid anspruchsvoll. Daher habt
ihr z.B.
mehr als Katholiken anderer Länder eine sehr hohe
Gottesdienstkultur mit Euren
vielen, guten Ministeranten, vielen und sehr guten Kirchenchören,
mit
wundervoller Kirchemusik, mit den Kirchenliedern. Kein Wunder dass Bach
und
Paul Gerhard und Friedrich von Spee Deutsche waren. In vielen anderen
Ländern
sieht es da viel armseliger aus. Ihr könnt stolz darauf sein. Aber
– in anderen
kirchlichen Bereichen sieht es in anderen Ländern ganz anders als
in
Deutschland aus: z.B. ist der Wunsch nach Mitverantwortung von Laien in
der
Kirche in manchen anderen Ländern wesentlich geringer, ebenso der
Wunsch nach
Frauenordination. Was im deutschen Sprachraum weit verbreitet ist, ist
oft in
anderen Ländern wenig oder kaum bekannt. Ihr dürft bitte
nicht meinen, dass die
Kirchenuhr in anderen Ländern ähnlich tickt wie bei Euch. Liebe Mitchristen – und
60 Jahre nach meinem Tod: Ihr habt
sicher schon gelesen, dass jetzt in
Euren Tagen viele Menschen neu nach Religion suchen. Vor allem
junge und
gebildete Menschen spüren, dass der Mensch Religion braucht. Das
führt sie
allerdings nicht direkt in die katholische Kirche. Ich möchte Euch
vor allem
davon warnen, Euch in innerkirchlichen Richtungsstreiten zu verheddern.
Wenn
wir gleichsam nur auf das Kleingedruckte starren, auf innerkirchliche
oder
theologische Fragen, wenn wir versteckt
Grabenkämpfe austragen, dann wird die Suche nach Religion, nach
Bindung, nach
Gott die Menschen nicht in die Kirche Jesu Christi führen. Dann
werden sie sich
Sekten zuwenden und allen möglichen Scharlatanen. Wir sollten auch
sehen, warum
viele Menschen heute mit neuem Interesse, mit Neugierde nach Rom und
auf den
deutschen Papst schauen. Sie erleben einen bescheidenden, gescheiten,
überzeugenden Papst. Er geht mit ausgebreiteten Armen auf die
Menschen zu und
er ist gleichzeitig gescheit – so gescheit, dass er seine hohe
Theologie auch
mit einfachen Worten sagen kann. Er redet nicht unverständlich,
akademisch,
sondern wie ein guter Pfarrer, der das Evangelium auslegt. Wenn zu
meiner Zeit
viele Pfarrer so gepredigt hätten, wären wohl nicht so viele
Leute auf Adolf
Hitler reingefallen und Europa und der Welt wäre viel Leid erspart
geblieben.
Also denken wir nicht an das, was uns an Kardinal Ratzinger früher
weniger
gefallen hat, sondern denken wir an das Evangelium, das unsere Kinder
und
Kindeskinder brauchen, das wir durch unsere innerkirchlichen
Streitereien und
Wünsche nicht verstellen dürfen. Ich komme zum Schluss: Zu
meiner Zeit war vor allem Mut und
Gottvertrauen gefordert, wenn man unter der Herrschaft von Adolf Hitler
wirklich als Christ leben und bestehen wollte. Ich glaube, jetzt, zu
Eurer
Zeit, ist vor allem geistige Wachheit nötig. Die Gefährdungen
kommen auf
Samtpfoten. Niemand wird wegen seines Glaubens verfolgt oder
umgebracht. Aber
die ganze Umwelt macht es schwer, ein lebendiger Christ zu sein. Sie
macht es
auch schwer selbständig zu denken. Ihre Welt liefert Ihnen so
viele
Informationen, dass es oft schwer oder fast unmöglich ist, selbst
etwas zu
beurteilen. Kaum hat mach sich in eine wichtigen humanen oder ethischen
Sache
ein Urteil gebildet, kommen neue Informationen oder Motivationen, und
schon
weiß man nicht mehr, was das richtige Urteil in wesentlichen
Fragen ist. Oder
man hängt total von Meinungsmachern im Fernsehen oder der Zeitung
ab. Und es
ist auch nicht leicht, sich von ihnen zu befreien. Gleichzeitig
hört man
ständig von Bedrohungen der Menschheit – durch neue Gefahren, neue
Waffen, neue
Konflikte. Daher ist auch ein besonderes Gottvertrauen nötig. Und
dies
Gottvertrauen braucht ihr nicht nur wie ich für die wenigen Jahre
der aktiven
Bedrohung durch Hitler, sondern durch Jahrzehnte. Denn die Welt wird ja
immer
komplexer: Atomgefahr steht vor der Tür, die Chinesen mit ihrer
Arbeitskraft
und Wirtschaft, fanatische Muslime mit ihrem Wahn, durch einen Krieg in
den
Himmel zu kommen, Naturkatastrophen. Ich verstehe, dass Ihr in Angst
lebt und
manche sich gerade deswegen ununterbrochen berieseln und betäuben
lassen. Wer
daher wach ist, fragt nach Gott, fragt nach Gottvertrauen, sucht einen
Halt und
eine Bindung in Gott. Ich Nikolaus Groß
kann Euch nur sagen: Festigt Euch in
unserem Herrgott, dann wird Euer Leben auf jeden Fall reich und
schön und groß.
Und Ihr werdet sein wie Leuchttürme. Ich darf heute ein Leuchtturm
sein, und
dafür danke ich Gott. |