
9. Brauchen wir eine neue Wertekultur?
Was
können und sollen die Kirchen dazu beitragen? Vortrag in
Heilbrionn bei der "Akademie für Information und Management am 20.
Oktober 2007
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Brauchen wir eine neue Wertekultur?
Was
können und sollen die Kirchen dazu beitragen? Vortrag
in der Berufsakademie Mannheim 27.
Mai 2008 P.
Eberhard v. Gemmingen SJ Nachdenkliche
Menschen in Mitteleuropa fragen seit ein paar Jahren nach einer neuen
oder gar
alten Wertekultur. Viele haben den Eindruck, dem alten Europa sei etwas
Grundlegendes verloren gegangen. Daher gebe es zu viel
Lüge, Betrug, Gewalt, Untreue, zu viel
Korruption, zu viel Leiden, auch zu viel Dummheit und leere
Schlagworte, zu
wenig Anstrengung im Guten, zu wenig Solidarität, zu wenig
Gerechtigkeit und
Frieden. Bevor
ich in die
Einzelheiten einsteige, möchte ich Ihnen gleich meine
Grundüberzeugung sagen,
die Sie möglicherweise provozieren wird. 1.
Fehlen die Werte, weil Gott fehlt? Meiner
persönlichen
Ansicht nach steht hinter dem Verlust von Werten letztlich der Verlust
von
Religion, der Verlust von Transzendenz, der Verlust des Heiligen, der
Verlust
Gottes. Wenn eine Bevölkerung kaum mehr eine Ahnung davon hat,
dass sie sich
vor einer jenseitigen Macht verantworten muss, dann verfällt
langfristig
Wertekultur und Kultur überhaupt. Ich
muss diese
These erklären und begründen: Die Hochkulturen dieser Erde
sind entstanden,
weil Gesellschaften sich an eine Gemeinschaftsordnung gebunden haben,
die
entweder transzendent begründet war oder in einer nicht
hinterfragbaren
Weltanschauung. Ich denke z.B. an die konfuzianische Hochkultur Chinas,
an Taoismus,
Buddhismus.. Es gab bei ihnen Werte und daher Normen, über die
nicht diskutiert
und nicht abgestimmt wurde. Sie waren unverbrüchlich und zwar weil
man sie als
eine göttliche Ordnung ansah, eine Ordnung, die von einer
transzendenten
Autorität herkam. Auch wenn es in den Hochkulturen
Religionsgründer gab – oder
besser Personen, die am Anfang einer Religion standen – so sah man sie
doch als
Boten einer jenseitigen Autorität an, vor der man sich gemeinsam
beugte. Ich
möchte ausdrücklich nennen die Kulturen Chinas, Japans,
Indiens und des
arabischen Raumes. Die
Menschen in
diesen Hochkulturen waren davon
überzeugt, dass die Ordnung, in die sie hineingeboren wurden, sakrosankt ist, dass Eltern und Staat ihre
Autorität letztlich von Gott, von einer transzendenten Macht
haben. Der Glaube,
dass hinter dem Sichtbaren etwas Mächtiges, Großes,
Göttliches steht, hat die
Menschen zu einem verantwortungsvollen Verhalten, zu einer Anerkennung
von
unerschütterlichen Werten geführt. Sie verhielten sich
angesichts einer Gottheit
gegen einander, gegen die ganze menschliche Gemeinschaft und gegen ihre
Welt
verantwortlich. In
Europa hat der
Prozess der Aufklärung im Lauf der
letzten 200 Jahre Religion so sehr in Frage gestellt, dass sie in der
Gesellschaft fast keine Rolle mehr spielt. Religion wurde zur
Privatsache. Und
jetzt zeigt es sich, dass eine Gesellschaft ohne transzendente Bindung
in
Gefahr ist, auch kulturell zu verfallen. Was ist Aufklärung?
Aufklärung bedeutet, dass alles
Religiöse, alles
gesellschaftlich Vorgegebene kritisch mit der Vernunft in Frage gesellt
wird.
Religion und Glaube müssen sich dann vor dem Verstand
rechtfertigen. Dieser
Prozess ist in sich gut und sogar notwendig. Ich nenne nur zwei Namen,
mit
denen sich Aufklärung verbindet: in Deutschland der Philosoph
Emanuel Kant, in
Frankreich Voltaire. Man
kann und muss
aber auch sagen: Aufklärung – nämlich das
Ernstnehmen der menschlichen Vernunft – ist eine
Frucht des
Christentums. Sie ist letztlich begründet im biblischen Glauben.
Einer der
Grundtexte christlichen Glaubens, nämlich die Genesis, die
Schöpfungsgeschichte
ist ein Text der Aufklärung. Er brachte gegenüber den anderen
Religionen etwas
revolutionär Neues. Er sagt: die Gestirne, Sonne und Mond, sind
keine Götter,
was in der Umwelt der Bibel geglaubt wurde. Sie sind vielmehr von Gott
geschaffene Geschöpfe, dürfen nicht angebetet werden, was
damals üblich war,
sondern sind Beleuchtungskörper, damit die Menschen leben
können. Dies
Beispiel soll
zeigen: Aufklärung ist nichts grundsätzlich
Antireligiöses, sondern eben die
Auseinandersetzung der Vernunft mit dem Glauben. Sie musste kommen.
Christlicher Glaube und Kirche mussten sich vor der immer mehr
erwachenden
Vernunft rechtfertigen. Das geschah mehr oder weniger im 18.
Jahrhundert – vor
der französischen Revolution. Damals hatten die Kirchen auch eine
weltliche
Macht, die ihnen eigentlich nicht zustand. Die aufgeklärte
Vernunft hat auch
die Kirchen gottlob entmachtet. Gegen
all dies ist
nichts zu sagen. Ja, es ist sogar gut für Kirchen und Glauben. Im
Zuge der
Aufklärung aber wurde der religiöse Glaube dann auch zur
Sache jedes einzelnen
Menschen, zur Privatsache. Die Welt hat Religionsfreiheit entdeckt, das
heißt
das Recht jedes Menschen, selbst seine Religion zu wählen. Staat
und
Gesellschaft, aber auch die Kirche dürfen dem Menschen die
Religion nicht
diktieren oder gar aufzwingen. Das war bis zur Aufklärung nicht
erkannt. Bei
uns gilt also gottlob die Religionsfreiheit. Und leider ist die
katholische
Kirche in der Anerkennung der Religionsfreiheit hinterher gehinkt, hat
sich
gegen sie gewehrt. Die katholische Kirche wurde von den Aufklärern
gezwungen,
Religionsfreiheit und allgemeiner die Menschenrechte anzuerkennen. Die
heutigen
Probleme mit den Werten aber sind entstanden, weil wir einseitig nur
die
Religionsfreiheit und damit Toleranz entdeckt und betont haben,
andererseits
aber tiefer liegende Werte teilweise aus den Augen verloren haben: Ich
denke an
das religiöse Urverlangen jedes Menschen, an seine Sehnsucht nach
Geborgenheit,
Liebe, nach Ewigkeit, ich denke an seine tief verwurzelte Sehnsucht
nach dem,
was man Gott nennt sowie aufgrund dieser urmenschlichen Sehnsucht an
die
unantastbare Menschenwürde und die Menschenrechten. Darauf muss
ich später
genauer eingehen. Einwände
gegen Religion Nun
stellt sich
natürlich sofort die Frage nach dem Fehlern der Religionen, auch
der
christlichen Religion. Religiöser Glaube an eine jenseitige
Gottheit hat die
Menschen auch zu Menschenopfern, zu Kriegen und Unterdrückung -
etwa der Frau –
geführt. Christen haben im Namen ihrer Religion andere Kulturen,
Religionen und
Völker zerstört, haben Menschen versklavt, haben Bücher
und Menschen verbrannt,
haben sie unterdrückt, ausgebeutet. Sicher: auch Glaube an eine
jenseitige
Autorität kann Menschen zu unmenschlichem Verhalten führen,
es rechtfertigen.
So missbrauchen heute Terroristen mitunter die Religion des Islam.
Religion ist
nicht automatisch Garantie für wahre Menschlichkeit. Aber das
bedeutet ja
nicht, dass Religion als solche und immer inhumanes,
kulturloses Verhalten fördert. Im Gegenteil:
ich bin davon überzeugt, dass die großen Weltkulturen in
China, Japan, Indien,
Arabien und schließlich Europa nicht ohne eine Beziehung der
Menschen zu
jenseitigen Werten und Gottheiten zu verstehen sind. Wir
kommen zu
unserer Grundfrage: Brauchen wir eine neue Wertekultur? Brauchen
wir eine neue Wertkultur? Um
Antwort auf
diese Frage zu geben, müssen wir zunächst nach der alten Wertkultur fragen. Es wäre doch sehr gewagt
und schwierig,
einfach neue Werte zu entwickeln und sie dann erst recht durchzusetzen. Wir können nur zurückgreifen auf
eine
Wertekultur, die uns vielleicht verloren gegangen ist. Und wir
müssen vor allem
fragen, woraus sich diese alte, aus den Augen geratene Kultur gespeist hat.
Danach kommt
die Frage, wodurch diese Kultur bedroht ist und wie wir sie wieder
verlebendigen können. Das
ist auch die
Gliederung meiner weiteren Ausführung: 1.
Worin
bestand die alte Wertekultur und woher kam sie? 2.
Wodurch
ist diese Kultur bedroht 3.
Was
können die Kirchen tun für eine neue Wertekultur Ich
bitte Sie meine
Ausführungen nicht als Anklage zu verstehen, sondern als Diagnose
unserer
Situation. Ich weiß nicht, ob ich für dieses Referat gebeten
wurde, weil oder
obwohl ich katholischer Priester bin. Ich verstehe meine
Ausführungen nicht als
Anklage, sondern als Diagnose. Und wenn ich zu Anfang sehr
pessimistisch wirke,
so möchte ich jetzt schon darauf hinweisen, dass ich im zweiten
Teil
optimistischer sprechen werde. Unsere
alte
europäische Wertekultur fasse ich mit dem Wort „Weltkulturerbe
Europa“
zusammen. 1.
Worin bestand die alte Wertekultur und woher kam
sie? „Weltkulturerbe
Europa“ Neulich
zitierte
Altministerpräsident Erwin Teufel den ersten deutschen
Bundespräsidenten
Theodor Heuss. Der sagte: Europa ist auf drei Hügeln erbaut: auf
dem Areopag in
Athen, auf dem Kapitol in Rom und auf dem Golgothahügel in
Jerusalem. Die
Kultur Europas basiert auf der griechischen Philosophie, Kunst,
Demokratie, auf
dem römischen Recht und der Völkergemeinschaft, auf der
Bergpredigt und dem
gelebten Liebesgebot Jesu. Die Werte dieser drei Hügel sind
gleichsam in die
Verfassungen der europäischen Staaten eingegangen. In Deutschland
ins
Grundgesetz. Der
erste Satz
unseres Grundgesetzes lautet: „Die
Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu
schützen ist
Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“. Ich halte diesen Satz für
einen
kulturgeschichtlichen Durchbruch sondergleichen. Vielleicht sollten wir
ihn
über unseren Schreibtisch oder in unser Wohnzimmer hängen.
„Die Würde des
Menschen ist unantastbar“ In Paragraph 2 heißt es dann: „Jeder
hat das Recht
auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“. In Paragraph 3
heißt es: „Alle
Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Männer und Frauen sind
gleichberechtigt“ Diese
Sätze sind
europäisches Kulturgut. Europa ist primär keine Frage der
Geographie, sondern
des Geistes, der grundlegenden Überzeugungen und Normen. Für
die Durchsetzung dieser Prinzipien sind die
besten unserer Vorfahren gestorben. Und wohlgemerkt: Die dahinter
stehenden
Werte sind zwar keine Schöpfungen der Europäer. Denn sie
bestanden, bevor es
Europa gab. Aber die Europäer haben sie entdeckt, sie sich zu
eigen gemacht,
haben sie mühsam erkämpft. Die
meisten
nicht-europäischen Staaten haben heute zwar heute gottlob
ähnliche
Verfassungen, aber deren Inhalt kommt weitgehend aus Europa und seiner
Geschichte. Hier
noch einige
weitere Zentralbegriffe aus unserer
Verfassung: Basierend
auf der
unantastbaren Menschenwürde stehen die Menschenrechte.
Im Einzelnen sind es: Lebens- und
Entfaltungsrecht,
Rechtsgleichheit, gerade auch von Männern und Frauen, Verbot jeder
Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Abstammung, Rasse, Sprache,
Religion;
Freiheit des Glaubens und Gewissens, Meinungs-, Presse-, Kunst-
Versammlungsfreiheit, Schutz von Ehe und Familie. Alle
diese
Grundüberzeugungen waren Jahrhunderte lang nicht oder nur in
Bruchstücken
bekannt und anerkannt. Sie sind in Europa im Lauf der Jahrhunderte erkämpft und erlitten worden. Und
ganz wesentlich:
Sie haben ihre Wurzeln im Glauben der Juden, bei den Griechen und
Römern und
schließlich vor allem im Evangelium Jesu Christi. Zur Blüte
gebracht wurden sie
freilich erst durch die Aufklärung.
Und das hat Glaube und Staat gut getan. Auch wenn heute sehr viele
Staaten
diese Grundüberzeugungen auf ihre Fahnen schreiben, so ist eben
doch Europa der
Kontinent, auf dem diese Grundüberzeugungen errungen und erlitten
wurden. Der
entscheidende
Punkt für den Durchbruch zu diesen Grundüberzeugungen liegt
im christlichen Menschenbild. Nach dem Glauben des
alten und Neuen Testamentes ist jeder Mensch Geschöpf und Ebenbild
Gottes, ja
man kann ihn sogar Partner Gottes, von Gott angesprochene Person
nennen.
Wohlgemerkt: nicht nur Mitglieder der Kirche, sondern wirklich jeder
Mensch.
Alle Menschen sind von Gott geliebt und ernst genommen. Jeder Mensch
ist daher
unmittelbar Gottes Partner und nur ihm verantwortlich. Er braucht dazu
nicht
die Vermittlung von Kirche und Priestern. Diese sind aber die
Überbringer
dieser Botschaft. Die Weisheit Griechenlands und Roms war gute
Voraussetzung
für das Entstehen der christlichen Kultur. In den
anderen
Weltkulturen steht der einzelne Mensch mit seiner Würde und seinem
Wert nicht
in gleicher Weise so im Zentrum. Wer die Kulturen Chinas, Japans,
Indiens und
des Arabischen Raumes auch nur ein wenig kennt, weiß, dass dort
andere
Menschenbilder gelten. Der einzelne Mensch hat weniger Geltung und
Rechte. Diese Gottunmittelbarkeit gibt dem Menschen,
Mann und Frau, Gesundem und Kranken, Reichen und Armen, seine
Unantastbarkeit.
Das Verhältnis des Menschen zu Gott geht seinem Verhältnis zu
Staat und Familie
voraus. Es ist daher wichtiger und grundlegender. Daraus erwächst
die Freiheit
des Einzelnen, eine ungeahnte Freiheit, die in anderen Kulturen so kaum
denkbar
sind. Die in der Gottunmittelbarkeit begründete Freiheit des
Menschen hat
Europa zu dem gemacht, was es ist. Staat und Familie dürfen dem
Menschen seine
Freiheit sowie seine Grundüberzeugungen wie Religion und Gewissen
nicht diktieren
und nicht bestreiten. Auf all diesen Grundannahmen beruhen heute die Freiheitsrechte jedes Bürgers 2.
Wodurch ist das
„Weltkulturerbe Europa“ bedroht? Eigentlich
sollte
man denken, dass die Kultur Europas nach dem Fall von Faschismus und
Kommunismus weniger bedroht ist als vorher. Vielleicht ist das ja auch
so. Aber
es gibt doch auch Anzeichen dafür, dass die Überzeugungen,
die Europa einst
kulturell und human groß gemacht haben, heute tiefer bedroht
sind. Ich denke
dabei weniger an Terrorismus und fanatischen Islam, sondern eher an die
stillen
und daher unerkannten Feinde dieses Weltkulturerbes. Ich möchte
einige nennen. Mangel
an grundlegendem Wertbewusstsein: Die
allermeisten
Bürger Europas sind sich wohl kaum der Werte und Vorteile bewusst,
durch die
ihr alltägliches Leben geprägt und gesichert ist. Beispiele:
Frauen können sich
um Arbeitsstellen bewerben, auf die sie Jahrhunderte lang keine Rechte
hatten.
Ich weiß, dass dies oft reine Theorie ist, dass sie praktisch oft
kaum eine
Chance auf Arbeitsplätze haben, die traditionell Männer
innehaben. Aber niemand
hat heute das Recht, ihnen solche
Arbeiten zu verwehren. Weiter: Alle Bürger können ihre Rechte
einklagen, was
Jahrhunderte lang nicht möglich war. Menschenhandel ist heute
strafbar – auch
wenn er leider mehr denn je praktiziert wird. Jeder kann die Zeitung
lesen, die
seiner Weltanschauung entspricht, kann sich politisch entsprechend
betätigen,
kann weltweit ohne Beschränkungen reisen, was früher nicht
nur technisch
unmöglich war, sondern auch politisch verhindert wurde. Von
all dem haben
unsere Vorfahren nur geträumt, sie haben dafür gekämpft,
sind sogar dafür
gestorben. Und wir genießen die Früchte ihrer Kämpfe
und jammern, wenn manches
technisch nicht funktioniert oder die Politiker sich streiten. Eine
Bedrohung
des Weltkulturerbes besteht darin, dass wir die erkämpften Rechte
zwar
genießen, uns aber der Vorzüge überhaupt nicht bewusst
sind, Hier
nun fünf Bereiche, in denen es sich
besonders zeigt, dass es an grundlegendem Wertbewusstsein mangelt. Medien:
Wenn
ich durch die zahlreichen Buch- und
Zeitschriftenläden gehe, dann muss ich mich schon fragen, in
welcher Unkultur
wir eigentlich leben. Wie viel völlig Wertloses, Falsches, ja
Schädliches wird
gedruckt, gekauft und gelesen! Wie viel oberflächliches Denken
ernst genommen
wird. Wie oft wurde beispielsweise den Menschen schon der „ultimative
Sex“
versprochen. Wie oft wurde ihnen schon weisgemacht, dass sie abmagern
können –
ohne zu fasten. Wie oft wurde verheißen, niemand brauche zu
altern und
Gesundheit sei für Jahrzehnte garantiert.
((((Wie
viel
Unwahres auch über die Geschichte der
Kirche, der Bibel, der Päpste geschrieben und einfältiger
weise geglaubt
wird. Die Menschen lassen sich billig an der Nase herumführen,
wenn nur
Schreiber und Schreier pseudowissenschaftlich auftreten. Dann wird auch
das
Dümmste geglaubt. Und wenn man die Mehrzahl der Fernsehprogramme
betrachtet, so
bekommt man das Grausen. Einst hatte unser Vorfahr Heinrich Heine
Presse- und
Meinungsfreiheit gefordert. Wir haben sie. Was würde er sagen,
wenn er unsere
Zeitschriften und Fernsehprogramme sähe? Wir lassen uns einnebeln,
missbrauchen
oft die von den Vorfahren erkämpfte Freiheit.)))) Politik:
Jahrzehnte
dauerte der Kampf unserer
Vorfahren um politische Grundrechte: Wahlrecht, Versammlungsfreiheit,
Pressefreiheit, Parteienbildung, um Demokratie und Mitbestimmung in
Staat und
Gesellschaft. Wir haben sie. Mehr und mehr Bürger aber
interessieren sich nicht
für die Politik. (((((Sie wählen Politiker, die nur
Parteipolitik treiben. Die
Parteien sind geschlossene Gesellschaften. Geschieht heute schleichend
das, was
schon die Weimarer ruinierte, dass nämlich niemand mehr für
die Demokratie zu
kämpfen und zu sterben bereit ist?)))) Was würden die
Hitler-Widerständler
sagen, die ihr Leben für ein besseres Deutschland geopfert haben.
((((Ich
fürchte, sie würden über unsere Demokratie weinen –
nicht nur über die
Politiker, auch über die Wähler)))). Demographie:
Deutschland
leidet unter Nachwuchsmangel,
geht vielleicht unter wegen Mangels an Kindern. Den meisten Kindern und
Eltern
geht es zwar heute wirtschaftlich besser als in den vergangenen 2000
Jahren.
Aber in dieser Welt wollen offenbar viele nicht leben. Man schätzt
das Leben
nicht mehr. Die Familie wird als Auslaufmodell gesehen. Die
Überbewertung der
berufstätigen Frau gegenüber der Mutter, ebenso wie die
totale Betreuung der
Kinder durch den Staat tragen dazu bei. Bildung:
Wir
surfen um die Welt, schauen aus dem
Weltall auf unsere Erde, steuern unsere Autos mit Hilfe von Satelliten,
kommunizieren in Sekundenschnelle rund um den Globus. Aber wie wenige
haben
noch eine Ahnung von Beethoven und Goethe, von Dante und Rilke, von
Michelangelo und Dürer? (((((Jedenfalls habe ich beim Gang durch
Buchhandlungen
nicht den Eindruck, dass wir sehr gebildet sind. Vielleicht
ist
tatsächlich das Weltkulturerbe Europa nicht gefährdet, aber
man kann schon den
Eindruck davon haben. Von den Analphabeten in Deutschland möchte
ich gar nicht
sprechen, auch nicht von den armen Menschen, die sich täglich mit
einem
50-Cent-Blatt begnügen!)))) Sexuelle
Verwirrung: Männer,
die sexuell
auf andere Männer hin orientiert sind, gehen für ihre Rechte
auf die Straße,
Frauen tun es ihnen gleich. Die tragende Mehrheit der Bevölkerung
aber, die
Familien, die die Zukunft der Gesellschaft und des Landes tragen, sind
sprachlos, verunsichert. Alle wissen, dass jedes Land von Familien, von
Kindern
und Jugendlichen abhängt. Daher sollte allein heterosexuelle
Ausrichtung der Maßstab des Menschen für die
Gesellschaft sein. ((((((Das wird nicht oder zu wenig angesprochen.
Dafür
wird nicht demonstriert. Denn viele meinen, das würde die
Homosexuellen
diskriminieren.)))) Tatsächlich dürfen Homosexuelle wegen
ihrer Orientierung
persönlich nicht diskriminiert werden. Homosexuelle sollen die
Recht haben, die
ihnen zustehen: Besuche im Krankenhaus, Erbrecht, Vertretungsrecht,
aber nicht
identische Rechte wie Heterosexuelle, z.B. Adoptionsrecht. Eine
Verbindung
zwischen zwei Männern ist keine Ehe, es ist etwas Anderes. Nur
Familien tragen
die Gesellschaft. ((((Denn Kinder brauchen um psychisch ausgeglichen
heranwachsen zu können, einen männlichen und einen weiblichen
Elternteil. Das
steht wohl in jedem Psychologiebuch. Selbst Homosexuelle hängen ja
von den
Heterosexuellen ab, von funktionierenden Familien, von Familien, in
denen sich
Kinder geborgen fühlen, in denen es auch Mann und Frau gut
geht.))))) Religion
als Privatsache Ich
komme nun zu
einer tieferen Bedrohung unserer grundlegenden Werte. Sie besteht
darin, dass
wir - wie oben schon angedeutet - einseitig
Religionsfreiheit betonen und Religion fast nur
noch als Privatsache ansehen. Die meisten Bürger
sind der Ansicht,
dass eine transzendente Verankerung der gemeinsamen Grundwerte und
Überzeugungen für das Gemeinwesen nicht nötig sind. Sie
widersprächen sogar der
menschlichen Freiheit. Religionsfreiheit
ist aber aufgebaut auf Menschenwürde. Religionsfreiheit
setzt Menschenwürde voraus. Wenn
es
keine unantastbare Menschenwürde gibt, ist es sinnlos, von
Religionsfreiheit zu
sprechen. Freiheit setzt Würde voraus. Die Menschenwürde ist
aber nur ein Teil
der grundlegenden Werte, auf denen menschliches Leben und das Leben der
Gemeinschaft aufruht. Wenn Religionsfreiheit losgelöst wird von
diesen zugrunde
liegenden Werten, dann verkommt sie, dann wird sie zu einer schlechten,
oberflächlichen Toleranz. Über Menschenwürde darf nicht
abgestimmt werden. Der
Mensch kann aber nur dann tolerant sein, wenn er tiefer liegende
Überzeugungen
hat. Nur der von grundlegenden Werten Überzeugte kann wirklich
tolerant sein,
kann die Überzeugungen des Anderen tolerieren. Nur der von Werten
getragene
Überzeugte wird die andere Überzeugung des Anderen
respektiert, weil er von der
Würde und Freiheit des Anderen ausgeht. Toleranz ist nicht
Gleichgültigkeit,
sondern Anerkennung der Menschwürde und Freiheit des Anderen.
Daher kann nur
der Überzeugte wirklich in richtiger Weise gegen Intoleranz
kämpfen. Religion
ist also nicht einfach Privatsache. Wenn
eine ganze
Gesellschaft wahre Religionsfreiheit üben will, muss sie getragen
sein von
einem tiefen Wertebewusstsein, von dem Bewusstsein, dass es
unantastbare Werte
gibt. Dieses Bewusstsein unantastbarer Werte wird am besten festgemacht
durch
die Überzeugung von der Würde jedes Menschen. Jeder Mensch –
ob reich oder arm,
schön oder hässlich, schwarz oder weiß – hat eine
unantastbare Menschwürde. Und
diese Überzeugung muss in einem Gemeinwesen und seiner
Rechtsordnung vorfindbar
sein.. Keine
Verfassungsgebende Versammlung darf Grundwerte
antasten, über sie abstimmen,
beispielsweise die Überzeugung,
dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, dass sie unantastbare
Würde
haben. Wenn sie es täte, würde sie die Gesellschaft dem Chaos
überlassen. Soweit
zur Religion
als Privatsache. In
unserer Zeit
werden nun manche Werte so betont, dass sie quasi religiöse
Bedeutung erlangen.
Das gilt zum Beispiel für das Thema Umwelt, speziell
das Thema Klima. Gerade wir Deutsche haben aus der
Ökologie eine
Quasi-Religion gemacht. Diese ist nicht unbedingt gefährlich oder
gar Götzendienst.
Aber unabhängig vom Wert dieser Modeworte, das Ganze der
Werteskala bieten sie
nicht. Eine
Gefahr für unsere Welt und ihre Werte ist also ein
Missverständnis von Freiheit, der Liberalismus. Papst Benedikt sprach kurz vor seiner Wahl zum
Papst von der „Diktatur des Relativismus“. Freiheit
bedeutet also zusammengefasst: Verantwortung
gegenüber einer Werteordnung und gegenüber dem nächsten
Menschen. Durch
ein
Missverständnis der Aufklärung haben viele Menschen heute ein
einseitiges und
daher falsches Verständnis von Freiheit. Viele meinen, Freiheit
bedeute einfach
die Möglichkeit, tun und lassen zu können, was gefällt
oder richtig scheint. Wenn nun aber zu viele Menschen den
Begriff
der Freiheit missverstehen, dann ist dies eine Bedrohung der
Gesellschaft
ähnlich wie die Zerstörung der Umwelt und des Weltklimas.
Umwelt- und
Klimazerstörung kann man messen. Die Bedrohung durch ein falsches
Freiheitsverständnis aber macht blind und wird daher nicht
wahrgenommen. Ein
Missverständnis des Freiheitsbegriffs kann nur an den Folgen
gemessen werden.
Das tun etwa die Verbrechensstatistiker oder Erziehungsbehörden,
wenn diese
feststellen, dass Kinder immer schwerer zu sozialisieren sind Da
Europa nun aber
mehr als die Kulturen Asiens, Afrikas
und Amerikas die Freiheit des Menschen entdeckt hat, ist Europa selbst
durch
ein Missverständnis der Freiheit bedroht. Es ist wie beim
Zauberlehrling,
der die von ihm selbst verzauberte Welt nicht mehr bändigen kann.
Immerhin ist
er nicht ganz verloren, wenn er wenigstens seine Fehler als Fehler
erkannt hat.
Europa ist nicht ganz verloren, wenn es wenigstens sein
Missverständnis von
Freiheit bald erkennt und zum wahren Begriff von Freiheit
zurückkehrt, das
heißt zu Freiheit als Verantwortung. Nun
möchte ich mich
noch einem anderen typisch europäischen Phänomen zuwenden: Die
Unfähigkeit des Menschen zu Gott Wenn
wir heute
gebildete Menschen aus Afrika, Asien und Amerika treffen, so werden
viele von
ihnen ganz selbstverständlich bekennen, dass sie an Gott glauben.
Das ist in
Europa anders. Für Millionen ist der Glaube an einen Gott
unfassbar, ein
Überbleibsel, etwas für Zurückgebliebene. Vor
einigen Monaten
wurde an vielen Orten des 100. Geburtstags von Pater Alfred Delp
gedacht. Er
hatte im Nazi-Kerker Intuitionen, die bis heute ihre Gültigkeit
haben. Er
stellte dort fest: die größte Krankheit des modernen
Menschen ist seine Unfähigkeit zu Gott. Der
moderne Mensch
ist Gottes unfähig. Delp aber schreibt auch: Gott gehört in
die Definition des
Menschen. Das heißt: Der Mensch wird er selbst durch seine Frage
nach Gott,
durch seine Suche nach Gott. Der Mensch, der nicht nach Gott fragt,
versäumt
sein Eigentlichstes, sein Tiefstes, sein Bestes. Wer nicht nach Gott
sucht,
also nicht über sich selbst hinausfragt, ist in Gefahr, sein
Humanstes zu
verlieren. Wohlgemerkt:
es ist
nicht des Menschen Bosheit, es sind nicht primär seine
Sünden, die ihn Gottes
unfähig gemacht haben. Vielleicht war die enge Verquickung
von Staat und Kirche sogar daran schuld. Die Kirche
wurde gottlob in ihre Schranken verwiesen Naturwissenschaft
und Psychologie Dazu
kamen die
naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die Gott scheinbar widerlegten.
Man
brauchte Gott immer weniger, denn man wusste, wie man Krankheiten ohne
ihn
heilte, wie man die Ernte sicherte und vermehrte, wie man mangelnden
Regen
ersetzen konnte. Gott wurde für das praktische Leben nicht mehr
gebraucht. Aber
die menschliche Seele wurde ärmer. Man
brauchte ihn
auch nicht mehr zur Vergebung der Schuld,
denn die Psychologie lehrte, dass niemand wirklich schuldig ist, dass
die
Ursachen der Fehler in den Genen und in den Vorfahren begründet
sind. Man
brauchte Gott weder für die Ernte, noch für den Umgang mit
der Schuld.
Jedenfalls meinten viele das, und so verlor der moderne Mensch seine
Antennen für
eine transzendente Macht, für das große Du hinter und
über seinem Leben. Ich
meine: unsere Gesellschaft ist im Wesentlichen
bedroht von einem Mangel an Wertebewusstsein, einem
Missverständnis von
Freiheit und einem Verlust der Antenne für Gott. Heute
anerkannte Grundwerte Was
ich bisher
ausgeführt habe, kann den Eindruck erwecken, bei uns sei alles
schlecht. Das
ist ein falscher Eindruck, aber um zur Heilung, zur Therapie zu kommen,
musste
ich zunächst die Bedrohung aufzeigen. Gottlob gibt es in unserer
Gesellschaft
fünf Grundwerte, über die wir uns – wenigstens theoretisch -
weitgehend einig
sind: Toleranz, Solidarität,
Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung. Da hier kein
Erklärungsbedarf besteht, kann ich das einfach so stehen lassen. 3. Was
können und
sollen die Kirchen dazu beitragen? Und
nun sind wir
endlich zur Frage gekommen, was die Kirchen beitragen können, um
wieder zu
einer neuen Wertekultur zu kommen. Ich würde zunächst mal
ganz einfach sagen:
die Kirchen sollten den Finger auf wunde Punkte unserer Gesellschaft
legen.
Vielleicht in dem Sinn wie ich es eben getan habe und versuche.
Vielleicht auch
in einem wesentlich besseren Sinn. Und die Kirchen mögen
vorangehen – im
richtigen Tun. Sie mögen Toleranz, Gerechtigkeit, Umweltschutz,
Gerechtigkeit
und Frieden pflegen. Aber reicht das? Ist das ihre ureigene Aufgabe?
Was würden
unsere christlichen Vorfahren dazu sagen? Was würde etwa Martin
Luther dazu
sagen? Ich denke: Gerade Martin Luther würde sagen: Nein, die
Kirche muss etwas
Anderes tun. Die Stärke der Kirche liegt nicht in der Politik, in
der Schaffung
öffentlicher Meinung. Kirche ist nicht zur Volkserziehung da.
Luther würde
sagen: Die Kirche muss das Wort Gottes verkünden. Die Kraft des
Wortes Gottes
wird dann die Welt verwandeln. Ihr, getaufte Christen glaubt wohl nicht
mehr an
die Kraft des Wortes Gottes. Ich, Martin Luther, habe als einzelner
Mensch
durch mein Tun, mein Wort, meine Verkündigung, meine
Bibelübersetzung – es sei
in aller Bescheidenheit gesagt – Kulturgeschichte gemacht. Eure Welt
sähe ohne
mich anders aus. Und
wir Katholiken
können Luther in diesem Punkt voll Recht geben. Also: die
Möglichkeit und die
Aufgabe der Kirchen liegt nicht direkt in der Politik, sondern im Tun
des
Eigentlichen. Das Eigentliche ist das Hören aufs Evangelium, das
Leben aus dem
Evangelium. Wenn sie das in richtiger Weise tut, dann verändert
sich die Welt. Die
Kirchen sollen
das Wort der Bibel verkünden und Sakramente zu spenden. Sie sind
keine
Sozialagenturen, keine Kulturwerkstätten, keine
Hilfsorganisationen für die
Reparatur geschädigter Gesellschaften. Sie sind keine NGOs, die
die
Lateralschäden des Kapitalismus oder Kommunismus repariert. Nach
katholischer
Auffassung ist die Kirche ein Werkzeug oder theologisch
ausgedrückt ein Sakrament,
um der Welt die Erlösung durch Jesus Christus zu vermitteln. Durch
ihr Dasein
soll die Kirche Jesus Christus präsent machen. Diese Präsenz
geschieht durch
die Verkündigung des Reiches Gottes, der zehn Gebote und der
Bergpredigt, sowie
durch die Sakramente – vorab der Taufe und der Eucharistie. Die Kirche
muss
natürlich auch dazu anleiten, die Werke der Nächstenliebe zu
üben und für
soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Aber
diese
Tätigkeiten müssen vor allem Ausfluss des Glaubens sein,
Zeichen des gelebten
Glaubens an Jesus Christus, der sein Leben für die Menschen
hingegeben hat. Sie
soll wohl barmherziger Samariter sein, sie soll dem helfen, der unter
die
Räuber gefallen ist, aber ihre primäre Aufgabe ist nicht die
Räuberbekämpfung.
Ihre primäre Aufgabe ist nicht, eine sichere und gerechte
Gesellschaft
herzustellen. Und
hier müssen wir
uns der Frage stellen: Was verstehen wir unter Kirche? Die
Amtsträger, der
Papst, die Kirchenleitungen etwa der EKD? Die Pfarrer, die
Pfarrgemeinden? Die
Theologieprofessoren, die Parlamentarier, die sich Christen nennen? Ich
denke, die
Antwort ist eigentlich einfach: Wir alle, die wir auf den Namen Jesu
Christi
getauft sind, sind Kirche, und wir sollen selbst das tun, was wir von
der
Kirche erwarten. Die Verantwortungsträger sollen vorausgehen,
voraus denken,
Vorschläge machen, koordinieren. Aber es wäre
lächerlich, wenn wir nicht selbst
vorher schon das tun, was wir von der Kirche erwarten. Welche
Vorschläge machen wir? Wenn
es stimmt,
dass der Werteverfall letztlich davon abhängt, dass wir keine
transzendente
Rückbindung mehr haben, dann muss sich unsere erste und wichtigste
Bemühung um
die Wiederentdeckung Gottes drehen.
Und da wir aus der Tradition des Christentums kommen, muss sich unsere
Suche
auf den Vater Jesu Christi richten. Unsere Kirchentage, aber auch alle
Sonntagsgottesdienste müssten sich vor allem und intensiv um
nichts anderes
drehen als um das Geheimnis Gottes. Wir müssten in erster Linie
Gottsucher
werden. Wenn wir Gottsucher sind, dann kommt unsere Welt in Ordnung. Wenn
wir „Gott“
sagen, dann kommt uns möglicherweise heimlich der Verdacht, es
handle sich also
vor allem um Gehorsam gegen Gebote und Kirche, um Unterwerfung. Wenn
wir so
denken, dann haben wir ein schiefes Gottesbild. Wer wirklich mit Gott
gelebt
hat, dessen Leben wurde dadurch interessant, dramatisch, aufregend.
Gott ist
es, der Langeweile und Mühsal des Lebens überwindet. Wer mit
ihm lebt, dessen
Leben wird weit und schön und aufregend. Große Dramen der
Weltgeschichte haben
Gott oder Götter im Hintergrund. Denken wir nur an Goethes Faust. Und
spüren wir es
nicht, wie heute schon viele Menschen laut oder leise auf der Suche
sind nach
einer transzendenten Begründung ihrer Existenz, auf der Suche nach
Religion. Ja
– aber ich sage auch gleich: es taugt nicht viel, wenn es sich nur um
eine Suche nach Religion handelt, es muss
darüber hinaus eine Suche nach dem Gott
sein, der einst unser Europa zu einer führenden Kultur der
Erdgeschichte
gemacht hat. Der Gott Jesu Christi steht hinter Toleranz und
Solidarität,
hinter Gerechtigkeit und Frieden. Es ist nicht irgendein Gott, sondern
der
Vater Jesu Christi. Er ist es, der uns die Würde jedes Menschen
entdecken ließ,
die Würde der Frau, des Greises und des kleinen Kindes. Er
ließ uns auch die
soziale Gerechtigkeit und den Frieden Christi entdecken. Es
geht also um die
lebendige und neue Wiederentdeckung des Gottes Jesu Christi. Die
Wiedergewinnung von Werten dürfen wir also nicht von den
Rändern beginnen,
sondern vom Zentrum. Wenn
wir das tun,
werden auch gleich falsche Ideologien entmythologisiert. Ein Mythos
heißt
kirchliche Liberalisierung, Modernisierung. Ich meine, wir verfallen
teilweise
dem Irrtum, die Menschen fänden zum Glauben zurück, wenn wir
liberal sind,
nicht konservativ. Konkreter: die Menschen würden sich für
Gott interessieren,
wenn wir alte Zöpfe abschneiden. Das ist ein Irrtum. Die
evangelische Kirche
hat viel modernisiert, aber hat leider nicht mehr Zulauf als die
katholische,
obwohl sie in etlichen Punkten liberaler ist. Liberalität ist
nicht attraktiv.
Attraktiv ist das Evangelium. Von ihm her müssen wir denken und
entscheiden.
Wir dürfen auch die Kirche nicht sehen wie eine Firma oder Partei.
Überhaupt
darf uns der Erfolg nicht interessieren, sondern nur die Sache selbst,
die
Sache Jesu Christi. Er hatte bekanntlich auch keinen Erfolg, er endete
am
Kreuz. Das Problem freilich ist, dass unsere Umwelt uns heimlich dazu
zwingt,
erfolgsorientiert zu denken. Wir sollten dies wahrnehmen und uns davon
trennen.
Die Menschen, die unsere eins christliche Kultur groß gemacht
haben – von Moses
und Plato über die Heiligen und Martin Luther - dachten nicht an
Erfolg. Wenn
wir der
Wiederentdeckung wesentlicher Werte helfen wollen, dann müssen wir
klein
anfangen, dürfen das Kleine, das
Alltägliche nicht unterbewerten. Die Wiederentdeckung
tragender Werte fängt
damit an, dass ich heute und morgen meinem Nächsten liebend
begegne, liebend
und aufmerksam. Und wenn wir in unserer Kirchengemeinde nur ganz wenige
sind,
dann kommt es darauf an, dass wir einander lieben, einander ertragen
und
tragen, dann muss Friede unter uns sein. Es gilt das Prinzip des
Samenkorns,
des Senfkorns, des Sauerteigs. Es gibt ein wunderbares altes und ganz
unmodernes Wort „Die Hand, die die Wiege bewegt, bewegt auch die Welt“.
Nicht
nur Mutterhände sind Weltbeweger, auch Arbeiter- und
Computerhände sind
Weltbeweger. Wir müssen nichts Großes tun, wenn wir nicht an
verantwortlichen
Stellen stehen. Aber wir müssen von unserem kleinen Tun groß
denken. Das Kleine
und Mögliche tun, damit das Große wachse. Sie
erlauben mir, dass ich am Schluss Jesus
Christus ins Spiel bringe. Ich denke, wir sind uns in der
Überzeugung einig,
dass die Menschheit durch ihn einen wesentlichen Schritt vorwärts
gekommen ist.
Er brachte eine kulturelle Kernspaltung, weil er die Gotteskindschaft
jedes
Menschen und die Liebe verkündet und gelebt hat. Geschichtlich
gesehen war er
nur ein kleiner, armer Mensch. Aber hat die Welt gewendet, weil er
gegen alle
Dummheit und Bosheit seiner Umgebung auf Gott vertraut und für ihn
gelebt
hat. Ohne Gott ist – wie Dostojewski
erkannte – alles erlaubt. Mit Gott ist das Schönste und Beste
möglich. Religiöses Erwachen
Gibt
es eine neue Suche und ein Wiederaufblühen
von Religion in
Deutschland und Europa Vortrag
von P. Eberhard v. Gemmingen SJ Detmold
27.1. 2006 Erlauben
Sie mir dass ich mit einem längeren Zitat aus einem
Roman beginne. Den Autor werde ich Ihnen nachher nennen. Die Szene soll
uns ein
wenig in die Fragestellung und ihre Dramatik einführen. Der
Roman beginnt so: „Papst
Sing-Hua I. hatte seine Residenz in der koreanischen
Hauptstadt in einem 50-stöckigen Hochhaus. Korea war zu drei
viertel
katholisch. Die Sprache der katholischen
Welt war chinesisch, obwohl Korea der Hauptstützpunkt der
katholischen Kirche
geworden war. Die meisten Katholiken wohnten jetzt in Korea, China,
Vietnam, in
Indonesien, ziemlich viele auch in Burma, in der Mongolei. Es gab
große
katholische Inseln auch in Afrika, vor allem im Kongo, in Uganda, in
Kenia,
Tansania und in den Kleinstaaten Westafrikas. Europa spielte für
die
katholische Kirche keine Rolle mehr. Die Katholiken Europas hatten sich
in den
Jahren von 2005 bis 2025 durch interne Auseinandersetzungen,
Selbstzweifel und
Kindermangel praktisch selbst aufgegeben und aufgelöst. Daher war
im Jahr 2015
erstmals ein Afrikaner zum Papst gewählt worden. Der aber konnte
sich gegen den
moralischen Druck aus Ostasien nicht mehr durchsetzen, und so
wählten die
mehrheitlich asiatischen Kardinäle im Jahr 2023 einen Koreaner zu
ihrem
Oberhaupt. Und so blieb das Papstamt denn bis zum Jahr Der
Blick zurück auf die Metastasen der Kirche in Europa war
so entsetzlich, dass die aus Ostasien stammenden Katholiken froh waren,
ihren
eigenen Weg der Nachfolge Christi gefunden zu haben. Vietnam war sogar
zu 80
Prozent christlich, vermutlich als Folge der harten Religionsverfolgung
in der
Zeit des kommunistischen Regimes. Die Kommunisten trieben die
vietnamesische
Bevölkerung praktisch in die Arme der katholischen Kirche. Auch
einige
reformierte Gemeinschaften waren damals stark gewachsen, doch der
eindeutige
Sieger blieb die Kirche unter dem Papst. Noch heute schwören die
vietnamesischen
Katholiken auf Rom, obwohl der frühere Sitz der Päpste in Rom
längst zu einem
UNESCO-Museum geworden war. Freilich
darf hier nicht
verschwiegen werden, dass auf Wunsch der UNO in den so genannten
europäischen
Schutzgebieten noch christliche Inseln künstlich am Leben gehalten
werden. Die
Kulturethnologen wollen in ihnen erforschen, wie sich traditionelle
Gesellschaften erhalten. Doch davon erst später. Die
Gesamtzahl aller Katholiken
weltweit hatte sich im Jahr 2075 auf rund eine halbe Milliarde
eingependelt.
Die katholische Kirche war also eine Minderheit geworden. Ihre
Stärke bezog sie
in Ostasiens teilweise aus ihrer kulturellen Nähe zum wieder
auferstandenen
Konfuzianismus. Die moralische und gesellschaftliche Ordnung der
Konfuzianer
und der Katholiken berührten sich in vielen Punkten. Wichtig waren
ihnen
Disziplin, Rücksichtnahme, Solidarität, Respekt vor der
Autorität. Beiden
kulturellen Gruppen lag am Herzen, dass die Rechte des Einzelnen und
die Rechte
der Gemeinschaft in ein ausgewogenes Verhältnis kamen. Der extreme
Individualismus hatte Europa und die europäischen Kirchen
zerstört, und die
Christen Asiens wussten, was sie vermeiden mussten. An
einem Dienstagmorgen kam der
Archivar der päpstlichen Kurie in Seoul etwas aufgeregt zum Papst.
Es platzte
förmlich aus ihm heraus: „Heiliger Vater, wir haben in einem
Washingtoner
Archiv den Bericht eines aufmerksamen Beobachter des mongolischen
Geheimdienstes gefunden, in dem dieser minutiös die Auflösung
der katholischen
Kirche in Europa schildert. Der Bericht stammt aus dem Jahr 2045, also
vor
jetzt 30 Jahren, greift aber weit in die Vergangenheit zurück,
beginnend mit
der Wahl Papst Benedikts im Frühjahr 2005. Kardinal
Ratzinger, der scharfe
Beobachter hatte in vielen Schriften bereits auf die
Auflösungserscheinungen
der westlichen Kultur hingewiesen und vor falscher Liberalisierung
gewarnt. Von
vielen war er als Fundamentalist bezeichnet worden. Dieses Schimpfwort
war
geeignet, seine Autorität zu untergraben, was mit Hilfe der
kirchenkritischen
und gewinnorientierten Medien auch leicht gelang. Die verschiedenen
Bevölkerungen Europas waren auch durch raffinierte psychologische
Bearbeitung
und Mangel an Kriegen bereits so unkritisch geworden, dass sie die
Wirklichkeit
kaum noch interessierte. Persönliche Freiheitsrechte, materielle
Ausstattung,
Zukunftssicherung waren so dominant, dass der Sinn für
Solidarität,
Gerechtigkeit, Zucht und Maß völlig verloren gegangen waren.
Freilich gab es
kleine Inseln, in denen die Welt – wie man damals sagte – noch in
Ordnung war.
Aus ihnen wurden später im deutschen Sprachraum der „Austro-Zoo“,
der
„Teutonen-Zoo“ und der „Helveten-Zoo“. Die Bewohner dieser
Human-Biotope wurden
zwar von den übrigen Bevölkerungen als Fundis belächelt.
Die von den Chinesen
und Indern dominierte UNO und UNESCO legten jedoch größten
Wert auf die
Erhaltung dieser Schutzzonen, um an ihnen zu studieren, wie humanes
Leben vor
der Einführung der obligat gewordenen künstlichen Befruchtung
sich entwickelte. Papst
Benedikt gewann zwar im Lauf seiner 12-jährigen
Amtszeit weltweit hohe Autorität, seine Stimme wurde gehört,
er wurde geehrt
und anerkannt. Es gab aber in der katholischen Kirche vor allem in den
nördlichen Ländern am Atlantik sehr viele Kräfte, die
den Ernst der kirchlichen
Lage nicht erkannten und meinten, mit theologischen und vor allem
moraltheologischen Änderungen der Kirche aufhelfen zu können.
Man sprach von
Liberalisierung der Sexualmoral, von der Öffnung der Kirche
für künstliche
Befruchtung, von der Abschaffung des Pflichtzölibats der Priester,
von der
Einladung an Nichtkatholiken zur Eucharistie, von Interkommunion und
Interzelebration, von der Aufwertung der Frauen in der Kirche und ihrer
Zulassung zum Priestertum. Es waren nicht die Schlechtesten, die diese
Themen
immer wieder zur Sprache brachten. Sie übersahen dabei aber, dass
die Existenz
der Kirche in Europa überhaupt auf dem Spiele stand. Schon zu
Benedikts Zeiten
sagten nüchterne Beobachter voraus, dass ums Jahr 2050 nur noch 10
Prozent
aller Europäer getauft sein würden und gleichzeitig die
eigentlich europäisch
denkende Bevölkerung von 350 Millionen auf 100 Millionen
zurückgehen würde. Es
war ums Jahr 2005 abzusehen, dass Europa rein zahlenmäßig
gegenüber den
Chinesen und Indern zu einer lächerlichen Minderheit absinken
würde. Auch
Benedikt wurde nicht müde, auf diese Entwicklung hinzuweisen.
Schon mit der
Wahl seines Namens zeigte er, dass ihm Europa ans Herz gewachsen war.
Benedikt
hatte vor dem Mythos der Wissenschaft eindringlich gewarnt. Aber seine
Macht
war begrenzt, die Blindheit der breiten Bevölkerung war bereits so
groß, sodass
der Absturz Europas kam wie er kommen musste. Religion war ein privater
Bereich, der von den Politikern, von Kultur-
und Medienschaffenden belächelt wurde. Vor
allem die
Wirtschaftsinteressierten hatten es geschafft, das kritische Denken
fast ganz
auszuschalten. Das
war in Europa das Ende der
öffentlichen Religion. Dazu hatte das, was die Öffentlichkeit
Wissenschaft
nannte, erheblich beigetragen. Die chemische Industrie überzeugte
die
Bevölkerung davon, dass Krankheiten durch Selektion der Embryos
weitgehend
verhindert werden konnten. Daher verabschiedeten die verbliebenen
europäischen
Parlamente Gesetze, wonach die Bürger nur noch durch
künstliche Befruchtung zur
Welt kommen durften. Embryonen wurden
durch von staatlichen Ämtern auf Krankheiten untersucht und bei
Krankheit
entsorgt. Auf ungeschütztem Geschlechtsverkehr standen
höchste
Gefängnisstrafen, weil durch ihn ständig Krankheiten und
Seuchen übertragen
werden konnten. Videoüberwachungen in allen Wohnungen und
öffentlichen Räumen
konnten von den Bürgern nicht abgeschaltet werden. In
einigen Regionen Europas gab
es heftigen Widerstand, während andere schon seit langem so
liberal waren, dass
die Maßnahmen sofort griffen. Widerständig zeigten sich
natürlich Polen,
Kroatien und die Slovakei, in Deutschland waren es Oberschwaben,
Westfalen,
Teile von Südbayern, in Österreich Tirol und Vorarlberg, in
der Schweiz die
Kantone Uri und Unterwalden. Heftigen Widerstand gab es wie zu erwarten
in
Sizilien und Sardinien, in manchen Teilen Irlands, in gewissen Regionen
Frankreichs. Die UNO war hier erstaunlich effizient und entschied, man
solle
aus den genannten Regionen „Schutzzonen“ machen, an denen Ethnologen
studieren
konnten, wie die dortigen Gesellschaften sich mit der traditionellen
Zeugungsmethode entwickeln würden, wie viele und welche
Krankheiten auftauchen
und wie man sie in den Zonen bekämpfen würde. Bald wurden
für sie im Volksmund
eben „Human-Zoo“ genannt. Sie waren mit Stacheldraht umgeben,
Kommunikation
zwischen denen drinnen und draußen war streng verboten. In diesen
Zonen war
natürlich auch Religion weiterhin erlaubt und sogar
erwünscht. Die Ethnologen
suchten Populationen, die man vergleichen konnte. Der
Verfall der Kirchen in Europa
hatte einen gesellschaftlichen Hintergrund, der hier nur in groben
Skizzen
nachgezeichnet werden soll. Die Hauptkrisenherde waren der Bereich der
Bildung
und der Gesundheitspflege. Der Stand der Bildung war in den ersten
Jahrzehnten
des 21.Jahrhunderts rapide gesunken. Zwar lernten Schüler und
Studenten noch
die technischen Fähigkeiten, um mit den neusten Computern umgehen
zu können.
Doch die Grundfähigkeiten schwanden immer weiter dahin:
Rechtschreibung,
Satzbau, Rechnen, Mathematik, Logik, Grundkenntnisse in Literatur,
Geschichte
und Geographie – hier waren teilweise die USA vorausgegangen. Die
Schulbehörden
verzichteten schrittweise in allen Ländern Europas auf
Prüfungen. Alle Schüler
besuchten nach der Mittelschule die Universitäten. Nur die
Intelligentesten
lernten Handwerke. Zur
Gesundheitspflege waren die
wichtigsten Schritte: nur auf Krankheiten geprüfte Embryonen
durften
implantiert werden. Auf Verstöße standen höchste
Strafen. Europa hatte einen
Zehnjahresplan zur Abschaffung der Krankenhäuser. Denn Krankheit
war
gesellschaftlich geächtet. Durch eine langfristige, von
Psychologen erarbeitete
Medienkampagne war die Bevölkerung davon überzeugt, dass
Kranksein unanständig
und für die Gesellschaft schädlich ist. Kranke siechten in
ihren Wohnungen dahin,
bis sie qualvoll starben. Sie mussten heimlich beigesetzt werden.“ Hier
breche ich die Lektüre
dieses schrecklichen Romans ab. Ich erlaube mir zu sagen, dass ich der
Autor
der Schrift bin. Sie wird wohl nie veröffentlich werden. Unsere
Frage also: Gibt
es ein religiöses Erwachen? Gibt
es in Deutschland und darüber hinaus eine neue Suche
junger Menschen nach Religion, Glaube, gar eine Frage nach der Kirche? Woher
kommt eigentlich die Frage? Wir
wollen uns ihr stellen. Woher
kommt aber eigentlich die Frage? Ich
möchte versuchen, die Gründe kurz zu nennen. Denken
wir an den Strom von Menschen, die sofort nach der
Nachricht vom Tod von Papst Johannes
Paul II. nach Rom gefahren sind, um ihm die letzte Ehre zu
erweisen. Viele
von ihnen waren um die 20 Jahre alt. Man
bedenke: sie mussten von
jetzt auf nachher ihre Koffer packen, ihren Arbeitgeber anrufen, dass
sie
fehlen, mussten den Familienmitgliedern bescheid geben – dann ein Zug
oder
einen Flug buchen und weg. Sie hatten in Rom vermutlich keine
Unterkunft,
wussten nicht, wo sie ihr Haupt hinlegen wollten. Es war also schon ein
bisschen mehr als pure Abenteuerlust. Freilich
so ganz überraschend war
der Tod des 84-jährigen ja nicht. Man wusste von Radio und
Fernsehen, dass er
mit dem Tode rang. Also, man konnte sich ein bisschen darauf
vorbereiten. Aber
die Menschen wussten ja vermutlich auch nicht frühzeitig, dass der
Leichnam des
Papstes einige Tage in St. Peter aufgebahrt sein würde und dass
man an ihm
vorbeiziehen konnte. Sie wussten sicher auch nicht, dass man dazu im
besten
Fall vier Stunden, im schlechten Fall 12 Stunden anstehen musste und
dass es
dabei für römische Verhältnisse bitter kalt sein
würde. Also:
ich wage: hinter diesem
Sturm auf Rom stand wesentlich mehr Ernst als bei manchem Papstbesuch.
Denn
erinnern wir uns: Jeder Papstbesuch war natürlich auch ein kleines
Happening,
ein event. Man trifft Gleichgesinnte, kommt von zuhause weg – ein
wichtiges
Argument für junge Leute! – man erlebt etwas, wovon alle sprechen.
Also ich
würde Papstbesuche als Ausdruck religiöser Suche nicht
überbewerten, wohl aber
den Drang, den toten Papst zu sehen und zu ehren. Dahinter stand schon
– m. E.
– eine religiöse Suche. Denn er war ja sichtbar ein Mann Gottes,
ein Zeuge,
Mahner, Prophet. „Prophet“ hatten ihn zwei italienische Journalisten
schon zu
seinen Lebenszeit genannt. Warum
fragen wir nach religiösem
Erwachen, neuer religiöser Suche? Weil wir den Zug zum Papst
gesehen haben und
nicht vergessen sollten. Wenn ich persönlich
Unterhaltungssendungen am Fernsehen
sehe, denke ich manchmal an die Schlange, die sich tagelang nach St.
Peter
wälzte. Dann muss man sich fragen: sind die Menschen vielleicht
doch ganz
anders als es uns die Unterhaltungsindustrie vormacht. Vielleicht sind
viele
Menschen doch ganz anders als es auf den ersten Blick wirkt. Diese
Frage
sollten wir nicht vergessen. Und
dann der Weltjugendtag in Köln. Kaum zu glauben:
in dem mehr oder weniger
heidnischen oder gottfernen Deutschland sind hunderttausende von jungen
Leuten
unterwegs zu Kirchen, zum Beten, zum Beichten, zum Austausch über
religiöse
Fragen, um Katechesen von Bischöfen zu hören, keine
Unterhaltungs-shows.
Katechesen von Bischöfen aus aller Welt. Gut –
viele von diesen jungen
Leuten kamen aus frommen Ländern – oder eben aus Ländern, in
denen der Glaube
noch lebendiger ist: aus Polen, Kroatien, auch Italien, Spanien,
Portugal. Aber
nach Angaben des Bundes der deutschen katholischen Jugend kamen auch
rund
100.000 deutsche Jugendliche. Das sei die größte Ansammlung
deutscher katholischer
Jugendlicher in der Geschichte des Landes gewesen. So viele hätte
man noch nie
zusammen bekommen. Was
hat sie angezogen? Das „weg
von zuhause!“? Die Lust, junge Leute aus anderen Ländern zu
treffen? Der Kölner
Dom, das Abenteuer? – Ich denke, ihr Verhalten in Köln hat
gezeigt, dass auch
hier wesentlich mehr dahinter war. Denn sie waren nicht nur
fröhlich und
manchmal ausgelassen, nein, sie waren auch unglaublich geduldig. Sie
sind
stundenlang angestanden, um in Kölner Dom hineinzukommen – das
stand für alle
auf dem Programm, um zu den Katechesen zu kommen, um dann aufs
Marienfeld
hinaus zu kommen, und natürlich um den Papst zu sehen. Ist
der Wunsch, den Papst zu
sehen, eine religiöse Sache? Man möchte zweifeln. Hat dieser
Wunsch etwas mit
Gott zu tun? Ich
würde so sagen: Zunächst: Die
allermeisten Jugendlichen haben kaum einen Unterschied gemacht zwischen
Johannes Paul II. und Benedikt. Für sie war es einfach der Papst,
der Mann in
weiß. Der Mann in weiß ist – so meine Meinung – schon
einfach ein Repräsentant,
ein Vertreter Gottes. Ältere mögen darüber schmunzeln.
Ich denke, für viele
Jugendliche war und ist der Mann in weiß ein Mann Gottes. Daher
hat der Wunsch,
den Papst nicht nur am Fernsehen zu sehen, sondern
in Wirklichkeit, etwas mit Gott, etwas mit
Religion zu tun.
Natürlich macht es auch Spaß, dabei die anderen, Menschen
aus vielen Länden zu
sehen, Gleichgesinnte aus fernen Ländern kennen zu lernen,
Adressen
auszutauschen. Aber das kann man auch anderswo, das kann man auch am
Rheinufer
mit einer Flasche Bier in der Hand. Sie blieben aber nicht am Rheinufer
liegen,
sondern kamen zum Gottesdienst aufs Marienfeld. Und es lagen nachher
keine
Bierflaschen herum und vermutlich auch nicht viele Kondome, denn sonst
hätte
man das in den Zeitungen mehr gelesen. Sicher gab es auch gebrauchte
Kondome,
aber nicht die Masse. Gottlob gibt’s die freie Presse, die sich
zunächst mal um
die liegen gebliebenen Kondome kümmert. Warum
erzähle ich dies alles? Damit
wir uns an die Frage
herantasten, ob es eine neue religiöse Suche gibt. Man
kann jedenfalls den Eindruck
haben, dass sich hier etwas bewegt. Warum
aber bewegt uns diese Frage? Ich
vermute, die Beweggründe,
nach der Religiosität der Jugend zu fragen, ist recht
unterschiedlich. Je
nachdem, wer die Frage stellt: Kirchliche orientierte Eltern -
Pädagogen, die
um die Formkraft der Religion wissen - Politiker, die sich dafür
interessieren,
wie man Menschen anspricht und sie gewinnt - Missionare,
die einfach nur Gott verkünden wollen -
Kirchenleute, die
sich Sorgen darüber machen, ob die Gemeinschaft hält. Warum
bewegt uns die Frage nach
der Suche Jugendlicher nach Gott und Religion? Manche
von uns mögen die
Erfahrung gemacht haben, wie sehr religiöser Glaube sie trägt
– nicht nur in
schweren Stunden, sondern auch im normalen Alltag. Denn jeder Alltag
hat seine
Schwierigkeiten. Und der glaubende Mensch erfährt, dass ihm sein
Glaube hilft.
Er wünscht das auch für Jugendliche, für die eigenen
Kinder. Menschen,
die in geschichtlichen
Kategorien denken, werden auf die Bedeutung von Religion und Glaube im
Lauf der
Geschichte verweisen. Johannes Paul II. gehörte zu diesen
Menschen. Für ihn war
Europa als Kultur-Kontinent ohne das Christentum nicht vorstellbar. Zu
diesen
gehöre auch ich. Ich behaupte schon jetzt: Wenn Europa seine
christlichen
Wurzeln als Wurzeln seiner Kultur und Zivilisation ganz vergessen
sollte, dann
hat Europa sich selbst und seine Weltgeltung aufgegeben. Mit Wirtschaft
allein
macht man weder Kultur, noch Zivilisation. Geschichtsbewusste Menschen
werden
sagen: ohne Religion keine Kultur. Missionare
sind – wenn es richtig
läuft – Menschen, die Gott in ihrem Herzen als Schatz erfahren
haben und diesen
Schatz weiterreichen wollen. Für sie ist es zweitrangig, ob
Religion auch
Nutzen in der Welt hat oder nicht. Sie können nicht leben ohne von
ihrem Schatz
zu sprechen. Wehe wenn ich nicht verkünde – sagte Paulus. Kirchenleute
sehen – neben allem
eben genannten – dass der Fortbestand der Kirche als Gesellschafts- und
Kulturgut eben auch davon abhängt, ob diese Gemeinschaft nur ein
winziges
Rinnsal ist oder eine gesellschaftsprägende Einrichtung, die den
Menschen
hilft. Wer soll die Kirchen erhalten, wenn niemand mehr reingeht, wenn
man sie
nicht mehr braucht. Auch Nicht-Kirchgänger protestieren, wenn
Kirchen
umgewidmet werden. Und
Politiker wollen wissen, ob
Menschen auch mit religiösen Motiven angesprochen werden
können oder ob sie
Religion eher abstößt. Politiker sehen Kirche entweder als
Hilfe, als Gefährte
oder eben als Hindernis, als Feind. Denn: Ebenso wie Politiker das
Gemeinwesen
und seine Geschichte lenken wollen, so wollen es auch Kirchenleute. Wie
also steht es um die religiöse Suche der jungen Menschen heute? Wir
sind bei der zentralen Frage
angelangt. Ich habe versucht, wissenschaftliche Daten herauszufinden,
bin aber
nicht sehr fündig geworden. Es gibt Daten, aber nicht gerade sehr
viel. Immerhin
gab es kleinere
Untersuchungen. (Ich bin kein Soziologe und mache hier vielleicht auch
Interpretationsfehler) Zunächst:
Die Shell-Jugendstudie
2002 stellte im Großen und Ganzen fest: die meisten Jugendlichen
in Deutschland
wollen arbeiten, wollen beruflich erfolgreich sein. Sie interessieren
sich
wesentlich weniger für Politik als ihre Eltern. Sie sind strebsam.
Also in
großen Linien eine Trendwende: nicht mehr Protest und
Bequemlichkeit, sondern
Fleiß, Aufstieg. Allerdings – weniger erfreulich: nur 34 Prozent
der
westdeutschen Jugendlichen glauben an Gott, im Osten sind es sogar nur
15
Prozent. Heute
stellen verschiedene
Soziologen vor allem Sinnsuche fest. Religion ist auch Antwort auf den
Frage
nach dem Sinn: Der Hamburger Gesellschaftsforscher Horst Opaschowski
stellt
fest: Die Jugend ist auf der Suche – doch nicht nach schnellem Geld
oder dem
angesagten Livestile. Damit zusammen hängt ein Comeback von lange
abhanden
geglaubten Werten wie Familie, Freundschaft, Geborgenheit und sozialer
Verantwortung. Opaschowski schreibt wörtlich „Diese Jugendlichen
sind
Trendpioniere für ein neues Lebensgefühl und für sie
gehört auch die Religion
wieder dazu.“ Er spricht von einer Generation von Sinnsuchern. Er
schreibt, die
jugendlichen Massen vor dem toten Papst hätten ihn nicht
überrascht. Jeanette
Huber vom
Zukunftsinstitut in Wien meint: Als Werteinstanz und Lebenshelfer sei
die
Kirche gefragt. Wörtlich „Alle Anbieter von Wertesystemen haben
Konjunktur. Die
Kirche, aber auch der Spiritualismus, die Natur und werthaltige Marken“
Gemeinschaft ist ein Boom-Wert nach Ansicht des Wiener
Zukunftsinstituts. Die
Kirche schaffe es auch immer wieder Gemeinschaftserfahrungen zu
vermitteln –
nicht nur bei Kirchentagen, sondern auch an Weihnachten und etwa beim
toten
Papst. Opaschowski
meint: Mit dem 11.
September sei die Spaßgesellschaft endgültig vorbei gewesen.
Das Datum sei ein
Wendepunkt in der Gesellschaft. Die Werte Sport, Hobby, Urlaub seien
von 1980
bis 2000 ständig gestiegen, dann aber plötzlich nicht mehr,
sondern schwach
gefallen. Es ist
ja bekannt, dass seit
einigen Jahren immer wieder festgestellt wird: Menschen machen sich
heute ihre
Religion selbst. Ein wenig Christentum, ein wenig Buddhismus, ein wenig
Magie.
Verschiedenes, je nach Geschmack und Bedürfnis! Dies ist nach
Opaschowski zu
Ende. Die Bastelexistenz habe ausgedient, bei der man sich den
Wertecocktail
selbst gemixt habe. Und: Kirche sei zukunftsfähig. Die Kirche
bietet nach ihm
eine Sinnantwort mit sozialem Hintergrund. Das sei die richtige
Mischung, die
heute von vielen – gerade jungen - Menschen gesucht werde. Sinn und
Soziales. Der
Soziologe Klaus Hurrelmann
von der Universität Bielefeld warnt einerseits, aufgrund des
Weltjugendtages
von einem Revival der Religiosität zu sprechen.
Andererseits meint er, durch den Papstbesuch habe sich
verändert, dass
Jugendliche es wagen, von ihrer Religiosität zu sprechen, sich
dazu zu
bekennen. Dadurch könne sich der Kreis derer, die mit Religion in
Berührung
kommen, wieder weiten. Hurrelmann hatte die Shell-Studie ausgewertet.
Damals
schon statuierte er, dass Jugendliche sich zwar politisch nur wenig
interessieren, sich aber dennoch ehrenamtlich gut engagieren. Im
persönlichen
Lebensumfeld sei jeder Dritte regelmäßig aktiv. Rund 40
Prozent der
Jugendlichen engagierten sich gelegentlich ehrenamtlich. Wichtig sei
dabei die
Frage nach einer sinnvollen Freizeitgestaltung. Viele wollen einfach
die Welt
ein bisschen besser machen. Soweit Hurrelmann. Es
gibt auch eine Umfrage des
Forsa-Instituts im Auftrag der Zeitschrift Neon. Nach ihr glaubt mehr
als ein
Drittel junger Menschen zwischen 18 und 30 Jahren nicht an ein Leben
nach dem
Tod. Sie glauben, dass mit dem Tod „Leere eintritt“ – oder eben „nichts
passiert.“ Ebenso ein Drittel glaubt, dass der Mensch in anderer Form
weiterlebt. Ein Viertel glaubt, dass es
ein wirkliches Leben im Jenseits gibt. 13 Prozent sagen eine
Wiedergeburt
voraus. Der Kommentator dieser Umfrage meint: wenn man Jugendliche auf
dem
Weltjugendtag gefragt hätte, dann hätte man
vermutlich ein anderes Ergebnis erhalten. Allensbach
befragte
Katholiken, ob Kirche in die heutige Zeit passe. 1999 meinten mehr als
die
Hälfte „Nein“ sie passt nicht, heute sind fast zwei Drittel der
Ansicht sie
passe. Soweit ein paar Ergebnisse von jüngsten Meinungsumfragen.
Die neue
Sinnsuche führt aber nicht gleich in die Kirchen. Es ist zu
früh, um von einer
wirklich langfristigen Neubelebung von Glaube und Kirche zu sprechen. Warum
bewundern junge Leute den verstorbenen Papst? Und
noch die Spezialfrage: Warum
bewundern viele junge Menschen den Papst? Und:
Die Kirchen – jedenfalls in
Deutschland, wo vieles gut organisierst ist – leiden unter der
Ablehnung von
Großorganisationen wie die Parteien, die Vereine, Verbände
und Gewerkschaften.
Das ist seit langem bekannt. Vor 100 Jahren schossen die Vereine wie
Pilze über
Nacht aus dem Boden, die Menschen schlossen sich zusammen, um gemeinsam
stark
zu sein und weil es schön war, mit Gleichgesinnten zusammen zu
sein. Heute
genießt man Gemeinschaft, will sich aber nicht binden, vor allem
nicht
längerfristig. Das Singledasein hat Konjunktur. Erlauben
Sie mir, Ihnen meine
Meinung dazu holzschnittartig zu sagen: Weil sie in ihm einen Mann
Gottes
sehen, weil er sich dadurch von vielen anderen unterscheidet. Auch im
Dalai
Lama sehen viele Menschen in der Welt einen Mann Gottes. Weitere
Menschen
Gottes mögen sein Mutter Teresa, Martin Luther King, Mahatma
Gandhi. Die
Jugend der Welt spürt, dass
er sich nicht nach Zustimmung oder Ablehnung richtet, sondern seine
Überzeugungen vorträgt, auch wenn er weiß, dass sie von
vielen abgelehnt
werden. Die Jugend der Welt spürt, dass er echt und
glaubwürdig ist, dass er
sagt, was er denkt und denkt, was er sagt und dass er sich damit von
vielen
anderen Personen in der Öffentlichkeit wohltuend unterscheidet.
Wer das
beobachtet, kann schlussfolgern: Echtheit, Wahrhaftigkeit,
Glaubwürdigkeit
haben noch nicht ausgedient, man kann damit vielleicht nicht leicht
Wahlen
gewinnen, aber man kann Einfluss ausüben, geschichtlichen Einfluss
ausüben. Die
Grundtendenzen: Religion und Säkularisierung Bei
unserer Frage nach neuer
Religiosität, muss man natürlich ein wenig in die Weite und
Ferne schauen. Ich
fand einen wichtigen Aufsatz in der Neuen Züricher Zeitung. Hier
schreibt eine
Christel Gärtner folgendes: Jahrelang haben Sozialwissenschaftler
geglaubt,
dass Kirchen und Religionen untergehen je mehr eine Gesellschaft
säkularisiert
sei. Dann kam die Kritik an der Säkularisierungsthese, man sprach
von der
Renaissance der Religiösen. Die Vertreter der
Säkularisierungsthese gingen mit
Max Weber davon aus, dass Religion und Moderne in einem
Spannungsverhältnis
stehen und sich wechselseitig ausschließen. Das heißt:
entweder modern oder
religiös. Mit der Säkularisierung schwinde Religion ganz. Die
Kritiker dieser
Ansicht sagten: Wohl wird Kirche immer schwächer und
bedeutungsloser, nicht
aber Religion als solche. Sie bleibt. Aber sie wandelt sich. Religion
findet
nicht mehr in den überkommenen religiösen und kirchlichen
Formen statt, sondern
in neuen, anderen. Das heißt Religion wird privatisiert und
individualisiert.
Seither besteht ein Streit zwischen den Fachleuten: soll man von
Säkularisierung, von religiöser Transformation oder von
Rückkehr der Religion
sprechen. Darf
ich hier nun einflechten,
was Fachleute längst wissen, was ich aber bei Kardinal Joseph
Ratzinger gut
zusammengefasst fand: Und zwar in dem kleinen Bändchen: Werte in
Zeiten des
Umbruchs, erschienen vor seiner Wahl Anfang 2005: Er
schreibt (Seite 79): „Über
die mögliche Zukunft
Europas gibt es zwei gegensätzliche Diagnosen. Da ist auf der
einen Seite die
These von Oswald Spengler, der für die großen
Kulturgestalten eine Art von
naturgesetzlichem Verlauf glaubte, feststellen zu können: es gibt
den
Augenblick der Geburt, den allmählichen Aufstieg, die
Blütezeit einer Kultur,
ihr langsames Ermüden, Altern und den Tod. Spengler belegt seine
These
eindrucksvoll aus der Geschichte der Kulturen, in der man dieses
Verlaufsgesetz
nachzeichnen kann. Seine These war, dass das Abendland in seiner
Spätphase
angelangt sei, die allen Beschwörungen zum Trotz unausweichlich
auf den Tod des
kulturellen Kontinents hinausläuft. Natürlich kann er seine
Gaben an eine neue
aufsteigende Kultur weiterreichen, wie es in früheren
Untergängen geschehen
ist, aber als dieses Subjekt habe er
seine Lebenszeit hinter sich.“ Soweit Ratzinger und er schreibt weiter:
„Diese
biologistisch
gebrandmarkte These hat zwischen den beiden Weltkriegen besonders im
katholischen Raum leidenschaftliche Bestreiter gefunden. Eindrucksvoll
ist ihr
auch Arnold Toynbee entgegengetreten – freilich mit Postulaten, die
heute wenig
Gehör finden. Toynbee stellte die Differenz zwischen
materiell-technischem
Fortschritt einerseits, wirklichem Fortschritt andererseits heraus, den
er als
Vergeistigung definiert. Er räumt ein, dass sich das Abendland –
die westliche
Welt – in einer Krise befindet, deren Ursache er im Abfall von der
Religion zum
Kult der Technik, der Nation und des Militarismus sieht. Die Krise
heißt für
ihn letztlich: Säkularismus. Wenn man die Ursache der Krise kennt,
kann man
auch den Weg der Heilung angeben. Das religiöse Moment muss neu
eingeführt
werden, wozu für ihn das Erbe aller Kulturen gehört,
besonders aber das, was
vom „abendländischen Christentum übrig geblieben ist.“ Der
biologistischen
tritt hier eine voluntaristische Sicht entgegen, die auf die Kraft
schöpferischer Minderheiten und herausragender
Persönlichkeiten setzt. Es
stellt sich die Frage: ist die
Diagnose richtig? Und wenn: liegt es in unserer Macht, das
religiöse Moment neu
einzuführen, in einer Synthese aus Restchristentum und
religiösem
Menschheitserbe? Letztlich bleibt die Frage zwischen Spengler und
Toynbee
offen, weil wir nicht in die Zukunft schauen können. Aber
unabhängig davon
stellt sich die Aufgabe, nach dem zu fragen, was Zukunft gewähren
kann und was
die innere Identität Europas in allen geschichtlichen
Metamorphosen
weiterzuführen vermag.“ Soweit Kardinal Ratzinger, jetzt Papst
Benedikt. Was
ist Europa, was sind die Grundpfeiler Europas? Die
Zukunft ist offen. Wir wissen
nicht, ob die Kultur und Zivilisation des Abendlandes untergeht. Ob der
Islam,
China oder die USA die Oberhand gewinnen werden – oder ob sich Europa
findet,
Religion und Christentum sich wandeln und neue Kraft gewinnen. Christen
haben
zwar die Verheißung Jesu, dass die Kirche nicht untergeht. Aber
nirgends steht
geschrieben, dass nicht eine christlich geprägte Kultur untergeht.
Wir haben –
leider meist vergessene – Beispiele: Die Türkei, alias Kleinasien
und Syrien
waren einmal weitgehend christlich. Ebenso Nordafrika. All das wurde
durch den
Islam weggefegt. Nirgends steht geschrieben, dass wir nicht Teilnehmer
und
Zuschauer vom Drama des Endes Europas sind, trotz allem Lärm aus
Brüssel. Denn:
Wo kein Geist ist, da ist letztlich kein Leben, keine Zukunft. Aber
Brüssel ist
auch nicht berufen, Geist zu produzieren. Brüssel zeigt nur, was
wir sind. Wenn
Konrad Adenauer, Robert Schumann und Alcide De Gasperri das heutige
Europa
sähen, würden sie vermutlich weinen: „Das haben wir nicht
gemeint.“ Würden sie sagen. „Ein
Europa, in dem der
Schutz des Lebens, der Familie, der Ehe, der Schwachen derart
ausgehöhlt ist.
Ein Europa, in dem die ganze Tradition der Rechtsgeschichte so
untergegangen
ist, hat keine Zukunft. Unser Europa war das Gegenteil.“ So würden
sie meines
Erachtens sagen. Ich
persönlich vertrete die
Ansicht, wenn ein Gemeinwesen, unser Europa. nicht auf unantastbaren
Grundwerten aufgebaut ist, die letztlich transzendent begründet
sind, dann
steht es auf sehr wackeligen Füßen. Wenn alles nur von
demokratischen
Mehrheiten abhängt, wenn die Mehrheit auch über das
Lebensrecht von
Ungeborenen, Siechen, Sterbenden,
Behinderten,
Unnützen entscheiden kann, dann hat sich eine solche Zivilisation
schon das
Grab gegraben. Es muss Prinzipien geben, die nicht angetastet werden
dürfen.
Wehe wenn eines Tages die Persönlichkeitsrechte von 49 Prozent der
Bevölkerung
durch 51 Prozent der Mitbürger bestimmt werden können. Man
kann keine Kultur
auf pure rechtliche Übereinkunft, auf pure Mehrheiten aufbauen.
Unantastbare
Überzeugungen, wie sie nach dem zweiten Weltkrieg in das deutsche
Grundgesetz
geschrieben wurden, sind unabdingbar. Papst
Benedikt sprach einmal von
der Diktatur des Relativismus. Er meint damit, dass alles letztlich
durch die
Mehrheit entschieden werden kann. Z.B. ob Menschen über 60 oder
über 70 oder
über 80 zuviel Belastung für die Gesellschaft sind und ihnen
daher zur
Selbsttötung verholfen werden muss. Wer sich nicht selbst
entfernt, soll
wissen, dass er stört. Das wird ihm oder ihr helfen. Eine
Gesellschaft, die
demokratisch darüber abstimmt, dass es neben der Ehe gleichwertige
Gesellschaftsformen gibt, ist in einen Relativismus verfallen, der ihr
Grab
ist. Es darf nicht über alles abgestimmt werden. Eine Verfassung
ist eine
Verfassung. Das Volk das seine Verfassung aushöhlt, schaufelt sich
selbst ihr
Grab. Vor 200 Jahren sind Menschen dafür gestorben, eine
Verfassung zu
bekommen, um das Fürstenrecht zu brechen. An die Stelle der
Fürsten sind heute
die Lobbys und die Mehrheiten getreten. Ratzinger
spricht auch von einem
eigenartigen Selbsthass Europas gegen sich selbst. Er sagt: Gottlob
respektieren, achten und schätzen gebildete Europäer den
Buddhismus und
Hinduismus, auch Judentum und Islam. Die europäische Religion, das
Christentum
aber wird hauptsächlich kritisiert. Gebetsmühlenartig werden
Kreuzzüge, Ketzerverfolgung,
Hexenverbrennung und
Inquisition als Gründe gegen das Christentum vorgetragen. Nur die
jahrhundertealten Sünden der Kirche wreden aufgezählt, und im
Übrigen darf das,
was Christen heilig ist, mit Hohn und Spott übergossen werden. Das
sei Freiheit
der Kunst. Das
Christentum Europas hat aber
auch Dante, Shakespeare, Michelangelo, Mozart und Einstein
hervorgebracht.
Davon wird kaum gesprochen. Sie seien nur Nebenprodukte, die auch ohne
christliches Europa entstanden. Ich sage: ohne den Humus der
abendländisch-christlichen Kultur hätte Europa nicht das
Kulturgut
hervorgebracht, um das uns Afrika, Asien und Amerika beneiden. Wir
müssen es
nur selbst wertschätzen und uns gegen die Fehlinterpreten wehren. Gibt
es in Europa ein neues religiöses Aufblühen oder nicht? Wir
mussten einen weiten Weg
gehen, um zu unserer Frage zurückzukehren. Denn auch wenn es ein
paar religiöse
Blütchen auf der europäischen Wiese gibt, so dürfen wir
uns doch nichts
vormachen, uns nicht Sand in die Augen streuten. Die Situation ist
meines
Erachtens dramatisch. Auch wenn es religiöse Blüten gibt, wir
dürfen uns nicht
zurücklehnen und uns freuen. Es geht um mehr. Was
sind die richtigen Maßstäbe?
Die Verfassung kennen und auf ihre Einhaltung achten, auch wenn es weh
tut.
Sich nicht einlullen lassen von spitzfindigen Interpretationen, sondern
erkennen, wenn wir an der Nase herumgeführt werden. Als Politiker
Standpunkte
vertreten, auch wenn dies zwischenzeitlich Stimmen kostet. In
Jahrzehnten oder
Jahrhunderten denken – und nicht in Wahlperioden. Hierzu
nur Stichworte: Heute sind
wir stolz auf Widerständler gegen Hitler und Stalin, auch wenn sie
unmittelbar
politisch nichts erreicht haben. Ich wünsche mir Parlamentarier,
die auf ihre
politische Karriere für längere oder kürzere Zeit zu
verzichten, weil es ihnen
ihre Überzeugungen gebieten. Wenn wir wenigstens einige solche
Politiker
hätten, würden junge Leute wieder zu Politikern aufschauen.
Ich weiß, dass
Politik Pragmatik ist, die Kunst des Möglichen, aber es gibt
Prinzipien, die
halten müssen, auch wenn es weh tut. Heute schämen wir uns
der Politiker, die
meinten, mit Hitler hoch zu kommen. Heute freuen wir uns über
Politiker, die
Widerstand leisteten oder ausgewandert sind. Wir schämen uns der
Mitmacher. Können
sich heute Politiker
schämen, dass sie schweigen oder mitmachen bei Fragen, die in der
Verfassung
wohl anders gesehen wurden? Können
nur Papst und Roger Schütz für religiöses Erwachen
helfen? Wir
können helfen. Ich nenne die
meines Erachtens wichtigsten Bereiche. Familien:
Eltern
sollten
feste Überzeugungen haben und sie leben. Wenn bei ihnen reiner
Pragmatismus und
Relativismus herrscht, werden auch ihre Kinder Relativisten, denen
nichts
wichtig und nichts heilige ist. Eltern müssen Zeit haben für
ihre Kinder. Das
kostet Kraft und Nerven, aber es rächt sich, wenn die Eltern keine
Zeit haben
für Kinderfragen, Kinderspiele. Eltern sollten auch Platz haben
für ihre
Kinder. Eltern sollten ihren Kindern auch Antwort geben können,
wenn sie Fragen
stellen, die mit Religion und Christentum zu tun haben. Z.B. warum wird
der
Mann am Kreuz dargestellt und an der Wand aufgehängt? Wozu braucht
man Kirchen
und warum haben sie Türme. Warum ist am Sonntag arbeitsfrei und
schulfrei. Und:
wer der Mann in weißem Gewand. Schulen:
Lehrer
sollten
nicht nur unterrichten, sondern auch erziehen. In der Schule sollte man
auch
lernen, wie man mit einander lebt, warum es Regeln und Gebote gibt. Und
wo die
Gebote herkommen, warum man einander nicht umbringen oder belügen
soll. Wenn
Kinder in der Schule vom Christentum nichts hören, dann haben die
Deutsch-, die
Geschichts- und die Sprachenlehrer versagt. Man kann unsere Kultur
nicht ohne
Christentum verstehen. Kirchen:
natürlich
happert es auch in den Kirchen. Priester sollen Gottesmänner sein,
sie sollen
Jesus Christus verkünden und sonst nichts. Alle Christen sollen
Zeugen des
Glaubens sein. Im Gottesdienst soll Platz auch für
Nicht-Grauhaarige sein. Medien:
Kürzlich
hat
eine Untersuchung festgestellt, dass die Kirchen in den Medien
unterrepräsentiert
sind. Sie kämen nicht nach der Größe ihrer
Mitgliederzahlen vor. Ich denke,
alle Medien-Nutzer sind ein wenig schuld daran, wenn in den Medien
Nebensächliches und rein Unterhaltendes zu viel Platz hat, und
Wichtiges
untergeht. Die Medien sprechen von einem deutschern Entführten 100
mal mehr als
von 1000 Gefangene in Guantanamo. Das ist schlecht. Ein Streit um den
Gaspreis
wird ausführlicher behandelt als die ernstere Frage des
Energiekonsums, des
Energieverbrauchs, der Abhängigkeit. Die Krawatte des Politikers
und die Frisur
der Kanzlerin spielen leider eine größere Rolle als die
Leistung einer Partei
durch viele Jahre. Sind wir so dumm? Es hapert gewaltig im Medienwald. Parteien:
Wenn
ich eine
Wahlrede halten würde, würde ich sagen: Schaut nicht auf
gutes Aussehen und
Redegewandtheit, schaut nicht einmal auf ein Parteiprogramm, es sei
denn sehr
gründlich, schaut darauf, was eine Partei die letzten 10 Jahr
getan hat, dann
wählt. Erfolg für die Menschen muss belohnt werden, nicht
schöne Papiere und schöne
Kleider. Mit
Gott hat das Leben einen Sinn Ich
komme zum Schluss: Jugend
sucht offenbar wieder mehr als früher Religion, Glaube und sogar
Kirche. Wir
freuen uns darüber. Wir dürfen aber nicht nur Zuschauer
bleiben. Denn dabei
steht mehr auf dem Spiel als ein paar Papstbesuche oder ein paar mehr
oder
weniger gefüllte Kirchen. Dabei steht die Zukunft unseres alten
Europa auf dem
Spiel. Nicht nur der Islam steht vor der Haustür, auch China und
Indien stehen
in den Startlöchern. Ja – sie sind bereits heimlich-still und
leise nach
Afrika, Asien und Amerika gesprungen. Mit harter Arbeit und in ihrer
Art zu
denken, zu handeln, die nicht immer den europäischen Grundwerten
entsprechen.
Große europäische Heilige, die den Kontinent geprägt
haben wie Benedikt, Franz
von Assisi, Ignatius von Loyola, aber auch Personen wie Edith Stein,
Clemens
August von Galen, Dietrich Bonhoeffer würden uns vielleicht
fragen: verspielt
ihr gerade das, wofür wir gestorben sind? Auch Martin Luther und
andere die ihr
Leben für die Reform der Kirche eingesetzt haben, würden uns
vielleicht
kritisch fragen, ob uns die Auszehrung von Glaube und Kirche vielleicht
doch zu
gleichgültig sind. Ähnlich Persönlichkeiten wie Lessing
und Schiller, die im
Zug der Aufklärung gegen Fürstenherrlichkeit und für
Menschenrechte,
Grundwerte, Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz gekämpft
haben und teilweise
gestorben sind. Würden diese Aufklärer uns vielleicht
kritisch bitten: tut die
Augen auf, verspielt nicht das beste Erbe Europas. Schaut auf die
Jugend, die
die Krankheit der Zeit feinfühliger erkennt: sie zeigt euch: O h n e Gott
kann man zwar leben und überleben. Aber m
i t Gott lebt man besser, mit Gott
hat das Leben einen Sinn. 50 Jahre Berichterstattung
Berichterstattung aus Rom – anlässlich der 50 Jahre von Erich Kusch als Rom-Korrespondent Eberhard Gemmingen Das
drittbeste am Vatikan ist der Papst, dass da eine Person im Zentrum
steht und
nicht eine Regierung, die jeden Tag gestürzt werden kann. Es gibt
also gute
Gründe, sich gerne nach Rom und an den Vatikan versetzen zu
lassen, denn der
Vatikan bietet ziemlich endlosen Stoff zum Schreiben. Es
kommt
noch erfrischend dazu, dass es besonders toll ist, für Deutschland
oder den
deutschen Sprachraum zu berichten, denn zwischen Deutschland und der
Zentrale
der katholischen Kirche gibt es seit Jahrhunderten eine interessante
Spannung.
Wo Spannung herrscht, ist Korrespondentenathmosphäre. Während
Menschen aus
Lateinamerika, aus Afrika, Asien und auch aus vielen Teilen Europas
voll
Vertrauen, Hoffnung und Liebe nach Rom schauen, tun dies viele
nördlich der
Alpen mit einer gewissen Skepsis. Das gilt natürlich für
evangelische Christen,
gilt aber gerade in den letzten 50 Jahren auch für Katholiken. Also
Berichterstattung aus Rom in den deutschen Sprachraum – ein reines
Vergnügen.
Sollte man denken. Die
Wirklichkeit entspricht nicht ganz der Theorie, aber man sollte auch
die
Theorie kennen. Aber
schauen
wir noch mal auf die Einzelheiten: Die
dicken
Mauern machen den Vatikan interessant. Denn Geheimnisvolles ist
interessant.
Als theologischen Grundsatz verkünde ich immer wieder: Die Kirche
ist ein
Mysterium, daher ist der Vatikan mysteriös. Interessant machen die
Mauern den
Vatikan vor allem deswegen, weil hinter den Mauern ja Pläne
geschmiedet werden
für die Veränderung der Welt und weil man von den Plänen
eigentlich nichts
wissen soll oder darf, weil aber eben doch Spione heimlich aus- und
eingehen,
die Häppchen von den bösen Kirchenplänen zum Umsturz der
Welt herausgeben –
wenn nicht gar herausverkaufen. Spaß
beiseite: Man möchte vom Pressesaal mehr wissen und es ist schwer,
mehr zu
erfahren: rechtzeitig, umfassend, freundlich, zugänglich. Leider
macht der
Pressesaal nicht immer einen kollaborativen Eindruck. Vielleicht sind
auch manchmal
die Stile zu unterschiedlich, denn die Lebensregeln sind
unterschiedlich
nördlich und südlich der Alpen. Freilich
die
Zeiten ändern sich. Es hat sich auch schon vieles verbessert,
verändert. Aber –
wie sollte es anders sein – im Vatikan gehen die Uhren halt ein
bisschen
langsamer als anderswo. Leider. Gehen
wir
noch mal hinter die Mauern: Dort saß bis vor einem halben Jahr
Johannes Paul
II., der politisch denkende Papst aus Polen. Die Umstände machten
es und die
Begabung war vorhanden, dass ein Kirchenoberhaupt sich ziemlich aktiv
in die
Weltpolitik einmischte. Ich kann mir dies bei Papst Benedikt nicht so
vorstellen. Aber die Konstellation aus politischen Umständen und
politischer
Begabung machten den Standort Rom für einen
Auslandskorrespondenten nochmals
interessanter. Das kann eines Tages auch wieder anders werden.
Freilich:
mehrere Umstände in der Welt machen die Religion, machen
Glaubensfragen auch
politisch im Grunde genommen interessanter. War die Welt durch fast 50
Jahre
geprägt durch die ideologischen Gegensätze zwischen Ost und
West, zwischen
Kommunismus und freier Welt, so hat man den Eindruck, dass heute die
Gegensätze
zwischen den Welten wachsen, die von unterschiedlichen Religionen
geprägt sind.
Ob man nun von Clash of Civilisations spricht oder nicht. Man muss doch
registrieren, dass die Spannungen zwischen zwei Lebensvorstellungen
wachsen:
denen der freien persönlichen Entfaltung – mit mehr oder weniger
Verantwortungsgefühl – und der Welt, die vom Islam geprägt
ist. Auf diesem Hintergrund
ist natürlich die Stellungnahme der katholischen Kirche im Vatikan
besonders
interessant. Die
katholische Kirche steht ja doch auf der Seite des Islam, wenn es um
die
Anerkennung einer transzendenten Macht geht, um Verantwortung vor Gott,
um
Schutz der Familie, der Tradition, Schutz von Rechten und Pflichten.
Die
katholische Kirche steht auf der Seite des Westens, wenn es um
Religionsfreiheit, Rechte der Frauen, der Minderheiten, der
Einzelperson geht.
Je mehr also ein etwas ideologischer Weltkonflikt am Horizont ist,
desto
wichtiger sind die Dinge, die hinter den vatikanischen Mauern gedacht
und dann
vielleicht auch gesagt werden. Und ich denke, in diesem Umfeld haben
wir von
Papst Benedikt noch Spannendes zu erwarten. Er hat sich schon sehr klar
zur
Frage der bedrohten Werte, zu den heutigen Ideologien und Mythen
geäußert: Er
warnt vor den Mythen des Fortschritts, der Wissenschaft und der
Freiheit. Sie
seien an die Stelle der Mythen des Kommunismus und des
Nationalsozialismus
getreten. Er wirbt für die Ehe zwischen Glauben und Vernunft.
Also: Weil es im
Vatikan um Grundlegendes für jeden Menschen geht, ist
Berichterstattung aus Rom
interessant – umso frustrierender, wenn man aber nur schwer an
Sachinformation
herankommt. Allerdings
besteht für einen guten Romkorrespondenten noch eine andere Quelle
von
Frustration – nämlich die heimische Redaktion und das angebliche
Denken der
Leser- oder Hörerschaft. Ich habe immer wieder von
Romkorrespondenten hier
gehört, sie würden gerne gründlicher und genauer
über Vatikanisches in ihren
Medien berichten, die heimische Redaktion aber habe dafür kein
Interesse,
keinen Platz. Es würde auch mitgeteilt, das interessiere die Leser
oder
Mediennutzer nicht. Ich erlaube mir den Hinweis: jedes Medium zieht
sich
natürlich auch sein Publikum heran. Wenn es lange genug mit
Oberflächlichkeiten
abgespeist wird, gewöhnt es sich daran. Wenn man es mit schwereren
Stoffen
anstrengt, beginnt es diese Anstrengung zu lieben. Kurz: die
Frustration kommt
nicht nur aus dem Vatikan, sondern auch vom eigenen Medium und dessen
Publikum,
das man selbst aufgebaut oder verdorben hat. Und
noch
eine kritische Bemerkung: Ich habe den Eindruck, dass man sich in
Sachen Kirche
und Religion Fehler und Ungenauigkeiten erlauben kann, die in der
Berichterstattung
Sport, Börse, Kultur nicht erlauben dürfte. Ich habe selbst
einen kritischen
Briefwechsel mit dem Vorzeigekatholiken Heiner Geisler gehabt. Er hatte
vor dem
Weltjugendtag in der Frankfurter Rundschau geschrieben, die Kirche
erlaube
Sexualverkehr nur mit der Zielsetzung Kinder zu zeugen. Das ist einfach
eine
Falschinformation. Seit Vatikanum II. heißt es, dass der
Sexualverkehr auch den
Sinn hat, die Liebe zwischen den Partnern auszudrücken und zu
stärken. Eine
solche Falschinformation würde in der Berichterstattung Sport oder
Börse sicher
heftig kritisiert. In Sachen Kirche werden viele sagen: Siehste mal
wieder, wie
dumm die Kirche ist. Wenn schon Heiner Geisler das sagt. Und
damit
sind wir bei einem weiteren kritischen Punkt: Religion betrifft ein
bisschen
das ganze Leben. Sport, Naturwissenschaft, Börse kann ich links
liegen lassen.
Religion erhebt einen Anspruch – auch über den Kreis der eigenen
Leute hinaus.
Wenn also jemand etwas im Bereicht Religion und Kirche sagt, kann das
ja mein
privates Leben betreffen, kann das die öffentliche Meinung gegen
mich
einnehmen. Also Vorsicht. Kommt dazu, dass wir das Ende einer
Volkskirche
erleben. Das bedeutet, dass viele Menschen noch eine Ahnung von
Glaubenswahrheiten und Geboten haben, aber doch nur eine sehr
oberflächliche
Ahnung. Sie meinen aber mitsprechen zu können, obwohl ihnen leider
– ohne
eigene Schuld – die nötige Grundinformation fehlt. Es ist
also
nicht so ganz einfach, wirklich gut aus dem Vatikan in den deutschen
Sprachraum
zu berichten. Nun
noch ein
Blick auf eben diesen deutschen Sprachraum: Nicht nur Martin Luther ist
ein
typischer Deutscher, wir haben außer ihm auch die moderne
Philosophie
ausgedacht: Ich nenne vor allem Kant, Hegel, Nietzsche, Heidegger, die
Frankfurter Schule und vieles mehr. Danken wir Gott: Wir sind nicht nur
ein
Volk von Kriegern, sondern auch von Denkern (und Musikern). Das macht
unsre
Auseinandersetzung mit dem Zentrum einer geistigen Weltbewegung, wie es
die
katholische Kirche durch die Jahrhunderte ist, nicht einfacher. Es
macht diese
Auseinandersetzung einerseits interessant, andererseits auch
konfliktreich. Wir
Deutsche
nehmen Sachen vielleicht manchmal ernster als andere Völker.
Manchmal nehmen
wir sie zu ernst, verlieren den Überblick, die
Maßstäbe, auch den Humor.
Manches davon gilt für Luther und andere Denker. Wer in Rom lebt,
weiß, dass
das italienische Herz und Hirn anders funktioniert als unseres. Und der
Vatikan
ist halt nach wie vor hauptsächlich italienisch geprägt.
Daher kommen aus dem
deutschen Sprachraum Fragen nach Rom, die hier oder in vielen anderen
Ländern
kaum verstanden werden. Die Ablassfrage Luthers hätte man hier
vielleicht sogar
verstanden, aber viele andere theologische Fragen rufen im deutschen
Sprachraum
größte Diskussionen bei Fachleuten und Laien hervor, die
hier kaum jemand
kennt. Ich
komme
zum Schluß: Einerseits braucht es die Einheitskraft des Papstes
für den corpus
Weltkirche. Wenn es sie nicht gäbe, wäre die katholische
Kirche längst in 1000
Teile zerbrochen, wie es auf der reformierten Seite längst
passiert ist.
Andererseits denken vermutlich fast alle Katholiken rund um den Globus
hauptsächlich in ihren nationalen Kategorien: Der deutsche
Katholik will eine
Kirche, wie er sie sich ideal nach seinen Erfahrungen vorstellt, der
italienische
eine italienische, der polnische eine polnische, der französische
Katholik eine
französische Kirche. Unsere Kirchenvorstellungen sind – Theologie
hin oder her
– unterschiedlich, gegensätzlich, weil unser Denken und
Fühlen primär nicht von
der Bibel oder Theologie her geprägt sind, sondern vom Denken und
Fühlen in
unserer Population. Wir denken nicht als Christen, sondern als
Mitglieder einer
Population. Das müssten wir erkennen, damit wir beginnen
können, wirklich vom
Christentum her zu denken. Vielleicht wird uns das nicht gelingen. Vor
allem
das letzte scheint mir wichtig: Die Denke im Norden und Süden sind
unterschiedlich, sehr unterschiedlich. Um eine gute
Korrespondentenarbeit zu
machen, sollte man vielleicht öfter mal auf die Piazza Navona
gehen und darüber
reflektieren. Mit alten Werten die Welt neu gestalten
Mit alten
Werten die Welt neu gestalten P.
Eberhard v. Gemmingen in Lauda Junge Unternehmer in
Unterfranken
Gelten
denn heute die alten Werte
gar nicht mehr, der Wert der Wahrhaftigkeit, der Solidarität, des
Eigentums,
des Rechts, der Religion. Schwimmt alles dahin. Gilt nur noch das Recht
des
Stärkeren? Oder
hat die Jugend etwa schon
wieder erkannt, dass die alten Werte für die Gesellschaft
nötig sind.
Glaubwürdigkeit, dass man auch Religion braucht, eine Verankerung
in Gott und
seinen Repräsentanten? Ist der Strom zum toten Papst und zum
Weltjugendtreffen
ein Zeichen für neue Suche nach alten Werten? Gibt es ein
religiöses Erwachen,
fasst Europa, das tot geglaubte Abendland gar wieder Fuß? All
diese Fragen haben vermutlich
zu meiner Einladung hierher geführt. Sie haben mir eine nicht ganz
einfache
Aufgabe gegeben. Sie sind Junge Unternehmer. Ich bin kein Unternehmer
und Sie
wissen vielleicht in vielen Bereichen besser Bescheid – sowohl
über die Mängel,
als auch über die Werte, die notwendig wären. Ich will mein
Bestes versuchen.
Und ich erlaube mir, ziemlich systematisch vorzugehen, ein bisschen
schulmeisterlich. Das gehört vielleicht auch zur Suche nach alten
Werten, dass
man nicht nach dem Unterhaltungswert fragt, sondern nach der Didaktik
und Pädagogik. Hier
also ein Überblick über die
gedanklichen Schritte, die ich gehen will. 1. Was
verstehen wir unter
Werten? 2.
Welche Werte galten wohl durch
die Jahrhunderte und vor ein paar Jahrzehnten 3.
Welche Werte haben sich
verwandelt und welche Werte sind verloren gegangen. 4.
Welche Werte müssen wir neu
entdecken, pflegen und entwickeln?
Wir
unterscheiden zwischen materiellen Werten und geistigen
Werten. Materielle
Werte sind
z.B. Hab und Gut: ein Haus, ein Acker, Aktien, auch Kleidung,
Bücher. Alles was
man mit Geld kaufen kann. Der gemeinsame materielle Tauschmittel ist
das Geld,
weil man es gegen die genannten materiellen Wertgegenstände
eintauschen kann. Geistige
Werte: da
sind zunächst grundlegende Fähigkeiten:: dass man das
Alphabet beherrscht,
lesen, schreiben und rechnen kann. Auch solche einfachen Werte darf man
nicht
verlieren. Den Fernseher Anschalten zu können, ist zwar eine
Fähigkeit, aber
noch kein hoher Wert. Weiter:
Wissen und Bildung: Dass
man sich in den wichtigsten beruflichen und kulturellen Bereichen
auskennt,
auch in Geschichte und Literatur, eben in der Kultur der eigenen
Lebenswelt. Kommunikationsfähigkeit:
Dass man
mit Familienmitgliedern, mit Freunden und Arbeitskollegen normal
sprechen und umgehen
kann. Wer das nicht kann, dem fehlen geistige Werte. Ein
wichtiger Teil der geistigen
Werte sind die moralischen Werte:
Ehrlichkeit: Dass man nicht lügt und nicht betrügt, dass man
wenigstens noch
weiß, wenn man lügt und weiß, dass man es nicht tun
sollte. Solidarität:
das heißt
Zusammenhalten, nicht nur an sich selbst denken, darauf schauen, was
dem
Nächsten fehlt, was er braucht, das Notwendigste im Notfall
teilen. Achtung
und Respekt vor einander:
Zunächst einmal als junger Mensch vor den Eltern dann weiter vor
der
rechtmäßigen Autorität, dem Lehrer, Professor, dem
Bürgermeister, dem Vertreter
im Parlament. Achtung
vor dem Leben: dass man
im Straßenverkehr weder das eigene noch das fremde Leben
willkürlich gefährdet,
dass man sich um das schwache Leben des Kindes, des Kranken und des
Sterbenden
bemüht. Dass es einem nicht gleichgültig ist. Und dass man
auch das noch nicht
geborene Lebende als Wesen mit Lebensrecht anerkennt. Achtung
vor der Sexualität: Dass
man die menschlichen Sexualität nicht zum Konsumgut degradiert,
sondern als
hohen humanen Wert achtet und respektiert. Ich
habe jetzt einfach die Werte
aufgezählt, die durch einige der zehn Gebote geschützt werden
sollen. Viertes
Gebot: Leben, Fünftes Gebot Autorität, Sechstes Gebot:
Sexualität, Siebtes
Gebot: Eigentum, Achtes Gebot Wahrheit. Später
mehr davon. Also:
die Werte, um die es geht,
sind vor allem moralische oder ethische Werte. Sie sind ein Teil der
geistigen
Werte, stehen auf dem Sockel der materiellen Werte, aber hängen
nicht von ihm
ab. Welche
Bedeutung haben materielle
und moralische Werte: Wenn uns die materiellen fehlen, dann verhungern
wir,
wenn uns die moralischen Werte fehlen, dann verlieren wir langsam als
einzelne
Menschen unsere Humanität und wird das Zusammenleben immer
schwieriger. Wenn
die moralischen Werte eines Tages gar nicht mehr gelten würden,
dann wären wir
einander wirklich nur noch Wölfe. Dann wäre menschliche
Gesellschaft unmöglich.
Also braucht gesellschaftliches Zusammenleben Grundwerte, ohne die es
nicht
geht. Wertewandel:
Was sind denn die alten Werte? Welche Werte galten früher? Wie
und warum haben sie sich
verändert? Hier
muss ich nun ein bisschen
holzschnittartig sprechen, damit die Unterschiede zu heute klar werden.
1) Bis
vor hundert Jahren galt erstens
einmal: der Mann ist der Herr ihm Haus, ihm müssen Kinder und auch
die Frauen
gehorchen. Es ist gut, dass sich das geändert hat. Aber die
Änderungen müssen
gemeistert und in neues Gleichgewicht gebracht werden. Der Mann und
Vater
repräsentierte Gott und den Staat. Er leistete meist auch die
Grundversorgung
der Familie durch Berufsarbeit. So war eine gewisse Grundordnung
garantiert.
Ein Grundwert lautete: der Vater hat das Sagen. Wenn ihm alle
gehorchen, leben
alle am besten. Also erster moralischer
Grundwert für die
gesellschaftliche Ordnung: die Männer
haben das Sagen. Nochmals: es ist sehr gut, dass sich das
geändert hat. 2) Bis
vor 100 Jahren galt
ferner: in die Schule gehen und lernen ist etwas sehr Gutes und
Nützliches. Wer
nicht in die Schule gehen kann, ist ein armer Wicht. Lernen ist gut, es
erhebt,
gibt Chancen, befreit auch. Wer nichts oder wenig gelernt hat, kann
nicht
erwarten als etwas Wichtiges beachtet zu werden. Also
zweiter
Grundwert: Bildung 3) Bis
vor 100 Jahren galt: eine
Frau braucht einen Mann, eine Frau, die keinen Mann hat, ist etwas
irgendwie
Minderwertiges. Es sei denn sie geht ins Kloster, das ist wertvoll.
Also: Dritter Grundwert: Ehe 4) Bis
vor 100 Jahren galt: eine
Familie, die keine Kinder hat, ist keine richtige Familie, ist
vielleicht von
Gott geschlagen, bestraft. Wer keine Kinder hat, hat auch keine
Pension, keine
Sicherheit im Alter. Vierter Grundwert:
Nachkommen. 5) Bis
vor 100 Jahren galt: Der
Staat ist die Autorität, der Vater-Staat, ihm muss man gehorchen,
er schützt
einen, man muss ihn verteidigen, sich mit ihm zu identifizieren,
für ihn in den
Krieg zu ziehen und sein Leben einzusetzen, das ist des Mannes Ehre. Fünfter Grundwert: Der Staat. Er hat
Autorität, fordert Solidarität und Einsatz des Lebens und
gibt Ehre. 6. Bis
vor 100 Jahren galt: Die
Kirche gibt Sicherheit, Orientierung fürs ganze Leben, gibt Segen,
urteilt über
Gut und Böse, verspricht den Himmel und droht mit der Hölle.
Daher haben der
Pfarrer, erst recht der Bischof und der Papst Autorität, sie sind
Garanten für
das Gelingen des Lebens vor und nach dem Tod. Sechster
Grundwert: Religion für das Gelingen des ganzen Lebens. Sie
haben bemerkt: bisher war ich
praktisch in der Gesellschaft vor der Industrialisierung. Es kamen neue
Grundwerte dazu: 7. Bis
vor 100 Jahren galt: der
unselbständige, angestellte Industriearbeiter findet nur
Sicherheit durch
Zusammenschluss, durch Gewerkschaft, durch Solidarität – notfalls
auch gegen
den ausbeuterischen Arbeitgeber. Siebter
Grundwert: Solidarität. 8)
Gegen diese Bewegung kam dann
als Reaktion: nur das Recht auf Privateigentum gibt dir Sicherheit.
Nicht
einfach die Tatsache des Privateigentums, sondern das verbriefte,
unantastbare
Recht auf Privateigentum gibt dir Sicherheit. Achter
Grundwert: moralisches Recht auf Privateigentum. Ich
glaube, es war gut und
notwendig, diesen etwas romantischen Rückblick zu halten, um uns
der Frage und
Antwort zu nähern, welche Werte heute bedroht oder gar
untergegangen sind. Ich
möchte wiederholen: vieles von dem holzschnittartig Dargestellten
ist gottlob
vorbei. Anderes ist leider vernachlässigt oder vergessen: z.B. der
Wert der
Bildung, der Wert der verlässlichen Ehe, der Familie, der
Nachkommenschaft, der
Solidarität im Staat und in der Gesellschaft. Aber
wir können die Vergangenheit
nicht zurückwünschen. Welche
Werte sind verloren gegangen? Hier
muss man ein bisschen in die
letzten vierzig bis sechzig Jahre zurückschauen, an die manche von
uns sich
noch erinnern. 1945
bis 1960 haben alle
Deutschen wahnsinnig zugepackt und wie verrückt gearbeitet, um die
ungeheuren
Schäden des Krieges zu überwinden, vielleicht auch um die
Vergessen – das Leid
und die eigene Schuld. Man hatte keine Zeit, Kraft und Lust über
Werte
nachzudenken. Dann
etwa ab 1960 kam die zweite
Nachkriegsgeneration, die aufmüpfige, der es wirtschaftlich gut,
vielleicht zu
gut ging und die ihre Eltern beschimpfte, sie seien Materialisten, sie
verdrängten ihre Schuld am Hitlerdeutschland und es sei endlich
nötig, mit
Demokratie erst mal richtig anzufangen. Höhepunkt dieser Periode
war dann 1968.
Revolution unter dem Dach, Wechsel von CDU zu SPD. Ein besseres,
demokratischeres, basisnäheres, weniger
spießbürgerliches Deutschland sollte
entstehen. Man sah den Hauptwert in größerer Demokratie und
kritischerem Denken. Die
erste Wahl von Helmut Kohl
war dann ein gewisser Einschnitt. Der Akzent wurde wieder mehr auf
Wirtschaft
und die Sehnsucht nach deutscher Einheit gelegt. Es gab die 68er noch,
aber sie
hatten weniger Einfluss. Es kam die deutsche Einheit. Jubel und dann
bald
Lamento – hüben und drüben. Die erste Liebe war schnell
vorbei. Es kamen die
mühsamen Ehejahre zwischen den lieben Wessis und den noch lieberen
Ossis. Aber
weil es doch vielen sehr gut ging, gingen die Werte offenbar heimlich
still und
leise den Bach hinunter. Die Zeit der 68-er scheint mir erst mit der
Abwahl von
Gerhard Schröder so ganz zu Ende. Mit Angela Merkel scheint eine
neue Zeit
heraufgekommen zu sein, vor allem wenn man in Betracht zieht, dass nun
halb
Deutschland registriert: da haben wir aber doch eine ganze Menge Werte
im Lauf
der letzten Zeit verloren, verspielt, vergessen oder einfach
unterdrückt. Was
sind diese Werte, die wir verloren haben. Der
Blick zurück in letzten 100
Jahre zeigt leicht, was anders geworden ist, was wir bei der
Veränderung
verloren haben. Ich werde mich gleich auf die Fragen der Wirtschaft
konzentrieren, aber vorab der Wertewandel in anderen Bereichen: Der Vater als Vater hat seine Autorität zu einem guten
Teil verloren.
Leider hat die Mutter nicht gleichzeitig die entsprechende
Autorität gewonnen.
Autorität gewannen vor allem die Medien, das Fernsehen, die
Meinungsmacher, die
Mode. Viele Eltern konnten ihre Autorität auch deshalb nicht
halten, weil
andere die Fachkompetenz in Beruf und öffentlichem Leben
übernahmen, die die
Eltern früher hatten. Der Wert der Bildung war immer weniger bewusst, weil
Schulbildung zum
Allgemeingut geworden war. Alle waren mehr oder weniger gebildet.
Bildungsinflation. Der Wert der Ehe sank dahin, weil einerseits eine
unverheiratete Frau
ebenso geachtet war wie eine verheiratete, weil die Frauen durch ihre
Bildung
die Möglichkeit hatten, dem unterdrückenden Mann davon zu
laufen, weil immer
mehr Ehen zerbrachen und viele Menschen nicht mehr wagten, eine
lebenslängliche
Bindung einzugehen. Der Wert der Familie sank, weil man auch ohne Kinder im
Alter versorgt
war, weil Kinder in der arbeitsteiligen Gesellschaft ein
Störfaktor waren. Der Wert des Staates sank in Deutschland besonders, weil die
Deutschen
erlebt hatten, wie ihr Vertrauen in den Staat missbraucht worden war. Der Wert der Religion und der Kirche sank, weil viele
Menschen von der
Lehre der Kirche nicht mehr überzeugt waren, weil sie die
Glaubenslehre nicht
mehr annehmen konnten, weil sie sie nicht mit ihrem sonstigen Wissen
vereinbaren konnten. Die Kirche war auch nicht mehr notwendig, um das
Leben zu
interpretieren. Geblieben
waren hauptssächlich
die Grundwerte Solidarität und Recht auf
Privateigentum, zwei Kategorien, die mit Wirtschaft zu tun haben:
Die
Arbeitnehmer hatten erfahren: Macht haben wir nur, wenn wir
zusammenhalten, die
Arbeitgeber hatten erfahren: Gemeineigentum funktioniert nicht. Soweit
ein Blick auf Wertewandel
und Werteverlust im Lauf von etwa 100 Jahren. Wohlgemerkt: es ist nicht
nur ein
Werteverlust, es ist auch ein positiver Wertewandel – gerade wenn man
daran
denkt, dass eben heute nicht mehr alleine die Väter das Sagen
haben, sondern
die Frauen wenigstens theoretisch gleichberechtigt mitreden. Ich
fand in einer älteren Nummer
des Manager-Magazins eine riesige
Abhandlung über die Werte, die im Bereich der Wirtschaft
dahingeschwunden sind.
Da nun junge Unternehmer mich eingeladen haben, konzentriere ich mich
zunächst
mal auf diese Fragen der Wirtschaft. Es beginnt so: Manager
ohne Moral: Selbstbedienung,
Korruption, Betrug, Vertragsbruch - für
die Eliten scheinen keine Regeln mehr zu gelten. Das ethische Fundament
der
Wirtschaft bröckelt. Zerstört der Turbokapitalismus am Ende
sich selbst? Hier
wird dann der
Vorstandsvorsitzende der Lufthansa Jürgen Weber zitiert
„Herausholen, was
herauszuholen ist, und nach mir dann die Sintflut“ Weber mokierte sich
hier
vielleicht noch, weil die Piloten ihm eine Gehaltserhöhung von 30
Prozent
abgetrotzt hatten. Der
Chef der Aktienanalyse-Firma
SES Research, Robert Suckel sagte: „Die Anleger haben Angst, betrogen
zu
werden, man glaubt den geprüften Bilanzen nicht mehr.“ Dann
wird ein Vertreter der
Boston Consulting Group, Dieter Heuskel zitiert: „Die Loyalität in
den
Unternehmen ist durch die reine Ausrichtung auf den Kapitalmarkt
bedroht
worden. Wir brauchen eine Rückbesinnung auf die Institution
Unternehmen.“
Manager-Magazin fasst zusammen: „Moral, Anstand, Vertrauen,
Loyalität. Auf
einmal sind alte Begriffe, die aus einer längst vergangenen
Ära zu stammen scheinen,
wieder im Gespräch. Den Exzessen der vergangenen Jahre folgt eine
neue
Nachdenklichkeit. Nach der großen Party, als Globalisierung,
Internet und
Börsenboom alles Bestehende ab- und umzuwerten schienen, kommt nun
die tiefe
Verunsicherung: was wird aus dieser Gesellschaft? Bricht das sittliche
Fundament weg, ohne das die Wirtschaft nicht funktionieren kann?“ In
einer nächsten Nummer von
Manager-Magazin geht’s weiter: Die Finanzmärkte zweifeln an der
Glaubwürdigkeit
von Managern und Wirtschaftsprüfern. Auf Firmenbilanzen ist kein
Verlass. Die
Bürger zweifeln an der Integrität von Managern und
Politikern. Ständig kommen
neue Korruptionsfälle ans Tageslicht. Eine
internationale
Antikorruptionsorganisation sagt: Deutschland ist von Platz 13 auf
Platz 20 abgerutscht.
Immer mehr Ermittlungsverfahren gegen bestechliche Politiker und
Manager. Die
Zahl der Korruptionsverfahren hat sich verfünffacht. 78 Prozent
der Pleiten
gehen auf verspätete Zahlungen von Kunden zurück. Manche
Vorstände hätten ihre
Zuschläge jährlich um 30 Prozent erhöht. Der bekannte
katholische Priester und
Managerberater Graf Henkel sagte: „Volkswirtschaftlich
hauen uns
die hohen Gehälter nicht um, aber unter dem Gesichtspunkt der
sozialen
Kompetenz sind sie skandalös.“ Wirtschaftsprofessor
Christian Schulz schreibt: „Oben in
der Hierarchie
gibt es Leute, deren Bezüge in den Himmel schießen,
während die Aktienkurse in
den Keller gehen. Auf der unteren Ebene klinken sich immer mehr
Mitarbeiter
einfach aus oder melden sich krank – ohne Rücksicht auf die
Firma.“ (MM 6/2002) Nach
all diesem Lamento über die
Wirtschaft nun eine erste Antwort: Auch Wirtschaft läuft
langfristig nur, wenn
die Moral läuft. Das
widerspricht Bert Brecht, der
in der Dreigroschenoper gemeint hatte: im liberalen Raubtiersystem
schlössen
sich Anstand und Wohlstand gegenseitig aus. Offenbar brauch Wohlstand
doch auch
Anstand, wenigstens ein Mindestmaß von Anstand. Das
Manager-Magazin berichtet
dann von Studien der OECD und des Internationalen Währungsfonds,
die belegen:
je anständiger, desto erfolgreicher. Gesellschaften mit hohem
Vertrauenspotential wachsen schneller. Moral ist volkswirtschaftlich
gesehen
ein hoher Standortfaktor. Auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist
Moral ein
Erfolg. Mitarbeiter, die bereit sind, untereinander und mit dem
Management zu
kooperieren, sind produktiver. So der IWF. Wer Kunden und Zulieferer
trauen
kann, hat mehr Planungssicherheit. Staatsausgaben fließen in
effizientere
Projekte. Der internationale Vergleich zeigt: Zwischen Korruption und
Wohlstand
gibt es einen eindeutigen Zusammenhang. Sensibel reagieren auch die
Börsen. Wo
Misstrauen herrscht, steigen die Zinsen. Die Unternehmensfinanzierung
wird
teurer – Moral ist auch ein Shareholder-Valeu-Thema. Wenn
übertriebene
Ansprüche zurückgeschraubt werden, dann bessert sich auch die
Moral. Der
us-amerikanische Politologe Fukuyama sagt: Der Kapitalismus frisst
seine
eigenen Adepten. Das
Manager-Magazin stellt dann
weiter fest: In Familien und Schulen lernt der Mensch Vertrauen. Wenn
er hier
enttäuscht wird, leidet er schwer. Danach kommt gleich die Firma.
So eine
Studie der OECD. Das Unternehmen müsse als Wertegemeinschaft einer
Großgruppe
von Menschen geführt werden. Sie haben die gleichen Ziele mit den
gleichen
Mitteln. Heute aber sei es leider sehr schwer geworden, sich in einer
Firma zu
Hause zu fühlen und Vertrauen in sie zu haben. Bei der Suche nach
supereffizienten Strukturen geht eines der wichtiges
Vermögensgüter zugrunde:
Das Vertrauenskapital. Wenn Personen zu
Personalnummern degradiert werden, müsse man sich nicht wundern,
wenn die
Mitarbeiter versuchten, so viel als möglich herauszuholen. Der
deutschen
Wirtschaft entstehen Schäden von zwei Milliarden Euro pro Jahr
durch
Veruntreuung, Betrug und Unterschlagung, so Hermes-Schätzungen.
Diese Zahl habe
sich im Lauf von zehn Jahren mehr als verdoppelt. Das
Manager-Magazin hat auch eine
interessante Statistik über das Vertrauen, das Menschen in ihre
Mitmenschen
haben. An der Spitze des Vertrauens stehen: Norwegen, Schweden,
Niederlande, Kanada.
Dann geht es ins Mittelfeld: Finnland, Irland, Japan, Deutschland,
gefolgt von
Australien, USA. Den Schwanz an Vertrauen hat man in Italien, Belgien,
Großbritannien, Spanien, Frankreich, Türkei, Brasilien. In
Norwegen antworten
rund 65 Prozent der Befragten, sie trauten ihren Mitmenschen, in
Deutschland
rund 40 Prozent, also etwas weniger als die Hälfte, in Frankreich
sind es nur
22 Prozent, also jeder Fünfte, gefolgt in der Statistik von der
Türkei mit 6,5
und Brasilien mit rund 3 Prozent. Da ich
hier vor Unternehmern
spreche, habe ich den Werteverlust im Bereich der Wirtschaft besonders
unterstrichen. Aber
der Mensch lebt ja nicht nur
im Unternehmen. Doch auch außerhalb scheint vielen nicht alles in
Ordnung, im
Gegenteil, fast alles kaputt. Eine Untersuchung hat erbracht, dass drei
Viertel
aller unserer Landsleute meinen, dass in Deutschland viele auf Kosten
anderer
zu leben versuchen. Der Focus sprach von einer Ego-Gesellschaft und der
Egoismus sei ein wichtiges gesellschaftliches Problem. Viele Menschen
lebten
nur für Macht und Geld. Fast 50 Prozent der Deutschen denken
angeblich, man
habe nur Nachteile wenn man anderen helfe. Der Soziologe Helmut Klages
spricht
von einer Egoistengesellschaft, die sich selbst verachtet. Gründlicher
möchte ich nun auf
eine Studie der bekannten Meinungsforscherin
Professor Noelle-Neumann, Gründerin und langjährige
Leiterin des
Meinungsforschungsinstituts Allensbach eingehen. Denn hinter dem
moralischen
Absacken in der Wirtschaft steht ja ein allgemeiner Wertewandel in den
Menschen. Sie schreibt: In allen so genannten westlichen Ländern
ist in den
letzten 30 Jahren ein tief greifender Wertewandel zu bemerken,
besonders stark
aber ist er in Westdeutschland. Zwischen 1967 und 1972 sank in
Deutschland die
Hochschätzung so genannter bürgerlicher Tugenden – also
Höflichkeit, Gutes
Benehmen, Sauberkeit und Sparsamkeit– von 80 auf rund 50 Prozent
Zustimmung.
Man habe das Wertewandlungsschub genannt. Dieser Schub habe sich in
allen
sozialen Schichten ereignet und immer besonders stark bei den unter
30-jährigen. Bereich Arbeit: Die Hochschätzung von
gewissenhafter Arbeit sank
von 1967 bis 1972 von rund 70 auf rund 50 Prozent Zustimmung. Bereich
Sexualität: 1967 fanden es nur ein Viertel der jungen Frauen in
Ordnung mit
einem Mann zusammenzuleben ohne verheiratet zu sein, fünf Jahr
später waren es
dreimal so viel, rund 75 Prozent. Noelle-Neumann
nennt dies eine stille Revolution. Sie
spricht davon,
dass Wertvorstellungen die seit rund 250 Jahren gepflegt wurden, sich
über
Nacht geändert hatten. Dieser Wertewandel war in Deutschland
stärker als in
allen anderen westlichen Ländern. Es entstand eine früher
nicht gekannte
Generationenkluft. Dass Eltern und Kinder sich unterscheiden, ist
normal, aber
dass sie sich so grundlegend unterschieden, war noch nie beobachtet
worden.
Anthropologen wissen, dass in der Regel Kinder sich in Wertfragen an
den Eltern
ausrichten. Wörtlich sagt sie: Dieser Prozess war in
Westdeutschland
offensichtlich gestört. Das zeigt ein Vergleich mit den USA: 1981
sagten 23
Prozent der unter 30-jährigen Deutschen sie stimmten nicht mit den
Eltern
überein in Vorstellungen zu Religion, Politik, Moral,
Sexualität. In den USA
stimmten nur 10 Prozent nicht überein. In Deutschland stieg sogar
im Lauf der
nächsten Jahre diese Zahl der Nichtübereinstimmenden. Frau
Professor Noelle-Neumann
vertritt die Ansicht, dass hinter diesem starken Bruch zwischen Eltern
in
Kindern in Westdeutschland die Lehren von Professor Theodor Adorno
standen. Er
lehrte, die Weitergabe von Wertvorstellungen von Eltern an Kinder
müsse in
Deutschland unterbrochen werden. Nur so könne eine Wiederholung
der Nazigreuel
verhindert werden. Denn hinter ihnen stehe die autoritäre
Erziehung im
deutschen Elternhaus, die Kindern das Rückgrat breche. So entstand
die 68-er
Generation. 1975
habe man sogar schon
gedacht, der Wertwandel sei beendet. Kohl siegte mit dem Slogan
„Freiheit statt
Sozialismus“. Frau Noelle-Neumann meint jedoch, der Wertewandel war
nicht zu
Ende. In den ganzen 80-er und noch in den ersten 90-er Jahren sagten 30
Prozent
der unter 30-jährigen: in keinem Punkt stimme ich mit meinen
Eltern überein. Es
kam die deutsche Einheit. Die ersten Umfragen in deutschen Osten
zeigten: die
Jugend dort stimmte in Fragen Arbeit, Kindererziehung, Familie noch so
sehr mit
den Eltern überein wie die westdeutsche noch in den 50-er Jahren.
Es gab keine
Generationenkluft. Doch das änderte sich rapide: Es zog die
hedonistische
Lebenseinstellung ein, die sagt: ich möchte mein Leben vor allem
genießen. In
Ostdeutschland stieg in den Jahren zwischen 1990 und 96 der Anteil
derer, die
das Leben vor allem genießen wollten von 21 auf 48 Prozent. Dann
kam um 1995 die Trendwende:
Es gewannen wieder die Werte Höflichkeit, Sparsamkeit, Fleiß
und Ordnung in der
Gesellschaft. Bis
etwa 1995 meinten die unter
30-jährigen, am liebsten seien ihnen die Stunden, in denen sie
nicht arbeiten,
ab 1995 waren ihnen Arbeitszeit gleich lieb oder sogar lieber als
Freizeit. Und
noch etwas erfreuliches: Zwischen 1997 und 1998 näherte sich die
Grundeinstellung
der Jugend in größtem Maße dem Denker ihrer Eltern an.
Die Abweichung fiel von
31 auf 18 Prozent. Die Abweichung in Deutschland ist zwar immer noch
wesentlich
größer als in vergleichbaren Ländern, aber sie ist
wesentlich gesunken. Kurz: Jüngere
haben jetzt wesentlich ähnlichere Werte wie ihre Eltern. Heute
denken junge
Eltern über Erziehung zu Arbeit und Ordnung fast genauso wie ihre
Eltern vor 30
Jahren. Das war in der Zwischenzeit völlig anders. Aber
es geht der heutigen Jugend
nicht nur um Arbeit, es geht ihr gleichzeitig um Lebensgenuss. So die
Umfrageergebnisse. Man will etwas leisten und gleichzeitig das Leben
genießen.
Der Sinn des Lebens sei es, glücklich zu sein und Freunde zu
haben. Man kann
also nicht sagen, dass die heute Jungen schlechthin zu den
Wertvorstellungen
ihrer Eltern oder Großeltern zurückgekehrt sind. Ein
Wertewandel hat
tatsächlich stattgefunden, aber die Jugend lehnt Leistung nicht
mehr so
kategorisch ab wie vor 30 Jahren. Außer
der Allensbacher
Professorin Noelle-Neumann möchte ich noch Professor Gerd Hepp
zitieren. Er
basiert zunächst auf der 13. Shell-Jugendstudie. Sie sagt: Jugend
schätzt
Familie als Ort verlässlicher Partnerschaft, sie hat Lern- und
Leistungsbereitschaft. Vor allem aber – so Hepp – schätzt Jugend
Glaubwürdigkeit, Toleranz, Respekt vor dem Anderen, Menschlichkeit
und
Solidarität. Der bekannte Soziologe Gerhard Schmidtchen spricht
sogar von einer
moralischen Generation, die es ernst meint mit der Suche nach dem
Lebenssinn
und persönlicher Identität. Schmidtchen beeindruck die
Moralsehnsucht junger
Menschen, die Lauterkeit des Strebens nach persönlicher
Ehrlichkeit, der
durchgehende Wunsch, in der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit
den Sinn des
Lebens zu finden. Mitunter
wird beklagt, dass Jugend
sich zu wenig für Politik und das Gemeinwesen interessiert. Diese
Klage wird
relativiert, wenn man auch weiß, dass ein Drittel der Deutschen
sich irgendwo
ehrenamtlich engagiert, bei den unter 24-jährigen sind es sogar 37
Prozent. So
der Freiwilligensurvey von 1999. Von 1985 bis 1994 hätten das
Ehrenamtliche
Engagement in Bayern und Sachsen sogar um 5 Prozent zugenommen. Also:
keine schwarz-weiß Malerei. Unsere
Frage lautet aber nicht
nur: welche Werte galten mal, welche Werte haben sich wie
geändert, was läuft
alles schlecht, was läuft erträglich? Das alles ist nur die
Voraussetzung zur
Antwort: Alte
Werte neu entdecken und so Deutschland wieder Fuß fassen lassen. Was
sind nun aber die alten
Werte, gibt es für sie eine Grundordnung, gibt es für sie
sozusagen eine
Weltanschauung, ein Koordinatensystem. Und welche Koordinaten soll man
zugrunde
legen, wenn man nicht nur beliebig Moralforderungen aufstellen will.
Die
Koordinaten sollten ja möglichst viele Menschen überzeugen,
wenn man eine ganze
Gesellschaft prägen will. Soll man gleichsam die Landkarte der
Wertordnung von
Eltern und Großeltern wieder herzustellen. Ich denke, das ist
kein guter
Ansatz. Soll man die Landkarte der Französischen Revolution
hernehmen:
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Alle sollen sich frei
entfalten, gleich
behandelt werden und sich geschwisterlich verhalten. Zu wenig. Warum
nicht die zehn Gebote
hernehmen? Nach Hans Küng enthalten sie ja Grundregeln, die auch
in den anderen
Religionen gelten. Zudem weiß der Historiker, dass sie eine der
Säulen der
europäischen Kultur bilden. Griechische Philosophie,
römisches Recht und der
Dekalog, die zehn Gebote. Auf diesen drei Säulen ist das Europa
entstanden, das
eine Weltkultur sonder gleichen hervorgebracht hat und um das uns
Afrika, Asien
und Amerika beneiden – wenn wir nicht gerade dabei sind, diese
abendländische
Kultur zu verspielen. Also
alte Werte – nach den zehn
Geboten der Juden und Christen – neu entdecken: Beginnen
wir mit dem ersten
Gebot, das nicht Gott, sondern die Menschen betrifft: Das
vierte Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren. Was
heißt das: Du sollst eine
Grundordnung in deinem Leben anerkennen. Wenn du dich als Individuum
wahrnimmst
– mit 14, 15, 16 Jahren – dann nimm wahr, dass sich deine Eltern um
dein Leben,
dein Überleben, dein Lernen, dein körperliches und seelisches
Wachstum bemüht
haben längst bevor du gemerkt hast, dass es dich als Individuum
überhaupt gibt.
Auch wenn es dir manchmal schwer fällt, respektiere deine Eltern:
ohne sie bist
du nichts. Auch wenn du es jetzt noch nicht merkst, du wirst eines
Tages
wahrnehmen, dass du ohne deine Eltern überhaupt nichts
wärest. Von ihnen hast
du gelernt, dass Menschen für einander da sein müssen, sich
um einander sorgen
müssen, einander tragen und ertragen müssen. Wenn du
überhaupt ein jemand
geworden bist, dann verdankst du das zu 90 Prozent deinen Eltern. Im
Umkehrschluss merken wir natürlich hier: wenn Eltern versagen,
zerstören sie
einen Menschen, denn ohne Elternliebe und –sorge wird keiner zum
wirklichen Menschen.
Und über den Eltern stehen als zu respektierende Autorität
gewählte Vertreter
der Gesellschaft vom Bürgermeister bis zum Staatsoberhaupt. Auch
sie haben
Anspruch auf einen normalen Respekt, ob sie nun ihre Sache gut machen
oder
nicht. Denn wenn sie nicht ordentlich arbeiten und nicht respektiert
werden,
dann wird der Staat zur Räuberbande – wie Augustinus sagt.
Träger öffentlicher
Verantwortung haben Anspruch auf Respekt vor ihrem Amt. Fünftes
Gebot: Du sollst nicht töten Du
sollst jedes menschliche Leben
respektieren. Es ist ein so erstaunliches, wunderbares Geschen, das es
unseren
Respekt verdient. Keiner von uns kann ja Leben schaffen. Wir nehmen es
entgegen. Auch wenn die Chemie noch so weit ist, ist vermag es nicht,
den
Übergang vom Nicht-lebendigen zum Lebendigen zu schaffen. Vor
allem würde sie
nur kopieren, was sie vorfindet. Leben ist ein Wunder. Daher: Nicht
töten. Du
hast kein Recht, dem anderen das Leben zu nehmen. Du sollst Leben
bewundern,
bewahren, hüten, schützen, pflegen. Daher: Du sollst das
ungeborene Kind hüten
und pflegen. An den meisten Abtreibungen sind nicht die Mütter
schuld, sondern
die Väter, Eltern, Geschwister, Freunde und Feinde. Wer sagt: mach
das Kind
doch weg, stiftet an zur Tötung. Gleiches gilt für den Schutz
von Behinderten,
Kranken, Alten, Sterbenden. Leben ist kostbar, ist heilig, ist
göttlich.
Eigentlich sollten wir, die wir den Schutz der Umwelt entdeckt haben,
auch den
Lebensschutze entdeckt haben. Denn Leben ist der kostbarste innere Kern
der
Umwelt. Sechstes
Gebot: Du sollst nicht ehebrechen – Und zehntes Gebot: Du sollst nicht
begehren
deines Nächsten Weib. Worum
geht es: es geht um den
Schutz des Schönsten, was Gott dem Menschen gegeben hat: die
Möglichkeit durch
den Leib die Liebe der Seele auszudrücken. Eros führt den
Menschen an die
Grenze des Göttlichen, so Papst Benedikt in „Deus caritas est“. Im
Bereich der
Erotik erfährt der Mensch einen Überstieg – letztlich zum
Göttlichen. So hoch
diese menschliche Möglichkeit ist, so groß auch die Gefahr
des Abstiegs. Eros
ist der Anfang, er soll den Menschen hinführen zu Agape, zur Liebe
des Anderen
um des Anderen willen. Die sexuelle Anziehung ist der Ausgang. Wenn der
Mensch
beim Anfang stehen bleibt, dann bleibt er pubertär, dann bleibt er
unreif,
kindisch. Du sollst die Ehe nicht brechen, sagt auch:
Geschlechtsverkehr ist
wunderbar, aber gehört in das Treueversprechen. Ohne
Treueversprechen ist
Geschlechtsverkehr ein Versprechen, das nicht gehalten werden soll, ein
falsches Versprechen. Freilich kann man zur Entschuldigung derer, die
sich
nicht daran halten, sagen: sie wissen nicht immer, was sie tun. Aber je
ehrlicher sie sind, desto mehr werden sie wissen, dass die große
Liebe
Selbsthingabe sein will und nicht nur Vergnügen und Lust. Lust ist
gut, wenn
sie ihren tiefen Sinn sucht und findet, aber wenn sie pure Lust bleibt,
ist sie
des Menschen nicht würdig. All dies sagt das sechste Gebot. Es
will dem
Menschen das Leben nicht vergällen, sondern den Menschen zu seiner
ganzen
Größe, zu seiner göttlichen Größe empor
führen. Siebtes
Gebot: Du sollst nicht stehlen - Und neuntes Gebot: Du sollst nicht
begehren
deines Nächsten Haus. Hier
sind wir an dem Gebot
angekommen, das am direktesten die Unternehmer – auch die jungen
Unternehmer –
betrifft. Es geht ums Eigentum, um Güter, Waren, auch
Dienstleistungen. Man
kann stehlen, also wegnehmen, was einem anderen gehört. Man kann
aber auch
vorenthalten, also jemanden das nicht geben, was man ihm geben
müsste, z.B.
Zahlungen. Man kann auch zu viel verlangen, man kann die Not des
Anderen
ausnützen, man kann seine Schwäche ausnützen und die
eigene geistige oder
wirtschaftliche Überlegenheit zum Schaden des Anderen ungerecht
einsetzen. Man
kann auch die Gemeinschaft schädigen, Steuern hinterziehen, den
Staat betrügen,
die anderen, die Ärmeren schädigen. Man kann lügen und
betrügen und dadurch
stehlen. Man kann den Reichtum, der einem durch Klugheit zugewachsen
ist,
unredlich verwenden, nämlich nicht mehr zum Nutzen der
Gemeinschaft. Denn
letztlich sind ja alle Dinge dieser Erde von Gott geschaffen, damit sie
allen
dienen. Der Bettelarme darf im Notfall sogar stehlen, um nicht zu
verhungern –
vor allem, wenn er ohne eigene Schuld so arm geworden ist. Achtes
Gebot: Du sollst nicht lügen. Genau genommen: du sollst kein
falsches Zeugnis
geben wider deinen Nächsten. Es
geht um die Wahrheit. Man muss
ich nur einmal vorstellen, wenn man sich ganz allgemein
auf kein Wort eines anderen mehr verlassen
könnte. Ich frage
jemanden nach der Zeit, und er gibt ein Fantasieantwort, ich frage
jemanden nach
dem Weg und er schickt mich in die falsche Richtung, ich frage meine
Eltern, ob
sie meine Eltern sind und ich weiß nicht ob ihre Antwort stimmt,
ich frage
jemanden, ob er mich mag und ich weiß von vorne herein nie, ob
ich mit seiner
Antwort rechnen kann, denn es ist nicht üblich sich das zu sagen,
was man
denkt. Wenn es einfach üblich wäre, mal die richtige, mal die
falsche Antwort
zu geben, dann wäre kein Zusammenleben möglich. Zusammenleben
basiert darauf,
dass sich Menschen auf das Wort des Anderen verlassen können. Man
kann
einwenden, durch die eine oder andere Lüge bricht die Gesellschaft
noch nicht
zusammen. Das hat die Geschichte gezeigt. Ja – aber wenn genau an
heiklen
Stellen die Frage nach der Wahrheit nicht sicher ist, dann kommt die
menschliche
Gesellschaft ins Rutschen. Zusammenleben braucht den Willen zur
Wahrheit. Wo
der Wille zur Wahrheit fehlt, bricht Vertrauen zusammen – und wie wir
gesehen
haben – verträgt auch die Wirtschaft nur ein gewisses Maß an
Lüge. Je ehrlicher
– umso erfolgreicher – sagen Wirtschaftler. Und zu
den ersten drei Geboten,
die sich nicht auf Menschen, sondern auf Gott beziehen Erstes
Gebot: Ich bin der Herr Dein Gott. Du sollst keine anderen Götter
neben mir
haben. Du sollst dir auch kein geschnitztes Bild von Gott machen. Was
heißt dies? Es bedeutet: Wir
sollen und dürfen Gott als unseren Herrn anerkennen. Wenn wir Gott
nicht
anerkennen, uns ihm nicht unterordnen, ist alles erlaubt. Ohne Gott –
ist alles
erlaubt. So Dostojewki. Es ist
gleichzeitig aber auch die
Ablehnung jeder Huldigung von materiellen Gütern und von geistigen
Werten, die
nicht Gott selbst sind. Solche Huldigung kann gelten dem Geld, dem
Ansehen, der
Macht, der Ehre. Man kann gleichsam anbeten die Wissenschaft und die
Technik,
den Sport und die Freizeit, die Literatur und Kunst. Man kann auf dem
Bauch
liegen vor weiblicher Schönheit und männlicher Kraft, vor
wirtschaftlichem
Erfolg und wissenschaftlichem Ruhm. All dies kann und soll man
respektieren,
aber es immer in Beziehung setzen zum Schöpfer aller Dinge. Ohne
ihn wäre
nichts. Wenn es ohne Gott geschieht, ist es ein Tanz ums goldene Kalb.
Gott ist
eifersüchtig, er duldet keine anderen Götter neben sich. Und
wenn der Mensch
andere Götter anbetet, wird er deren Sklave. Gott selbst allein
befreit, erhebt,
die Götter versklaven, machen abhängig, machen unfrei. Zweites
Gebot: Du sollst den Namen Gottes heiligen – nicht unnütz nennen. Es ist
eine Folge des ersten
Gebotes. Der Name Gottes wird meines Erachtens heute oft unnütz
genannt. Man
sagt leichthin „um Gottes Willen“ oder ähnlich. Und oft ist der
Zusammenhang
so, dass man merkt, der Sprecher lehnt Gott sogar ab, beugt sich nicht
vor ihm,
spielt mit Gottes Namen. Früher im Altertum haben Menschen wohl in
anderer Form
und abergläubisch den Namen Gottes im Mund geführt. Sie
wollten ihn beschwören,
nahmen ihn aber nicht ernst. Heute ist Gott bei manchem zu einem
Gebrauchs-
oder Wegwerfartikel geworden. Das wird verurteilt. Ich sage manchmal:
wenn wir
täten, was wir im Vater-unser beten: „Dein Name werde geheiligt“,
dann wäre die
Welt in Ordnung. Wenn sein Name geheiligt wird, dann ist die Welt in
Ordnung. Drittes
Gebot: Du sollst den Sabbat heiligen Das
Verhältnis zu Gott ist nicht
nur ein privates Verhältnis von mir zu ihm, sondern auch ein
gesellschaftliches
Verhältnis von vielen Glaubenden zu ihm und untereinander. Daher
gibt es auch
einen gesellschaftlich, äußerlich begangenen Feiertag,
für die Juden den
Sabbat, für die Christen den Sonntag. Wir Deutsche kämpfen
vorbildlich für die
Erhaltung des Sonntag. In diesem Punkt sind wir manchen anderen
Ländern
wesentlich voraus. Also: Gottesbeziehung ist keine Privatsache. Wenn
möglich
soll sie auch eine gesellschaftliche Sache sein, daher Sonntag. Christ
ist man
nicht alleine. Nun,
ich habe vieles in
Erinnerung gerufen, was Sie schon wussten. Bleibt eigentlich nur die
Frage: was
kann und muss man tun, damit Deutschland durch die Rückkehr zu
diesen
grundlegenden Werten wieder Fuß fasst. Das Kennen der alten Werte
genügt ja
nicht. Wie werden sie in die Praxis der Familien, der Kommunen, der
Betriebe,
der Gesellschaft zurückgeführt? Hier
nun Andeutungen: Natürlich
durch das richtige,
wertbewußte Leben der Einzelnen. Jeder von uns kann zweifeln, ob
sein Leben die
Gesellschaft bewegen kann: Ich zitiere hier nur das alte portugiesische
Wort:
die Hand, die die Wiege bewegt, bewegt auch die Welt. Auch die Hand,
die die
Maschine bewegt, bewegt die Welt, wenn die Hand vom Geist bewegt wird
und nicht
selbst zur Maschine wird. Ignatius von Loyola sagt: keiner von uns
weiß, was
Gott aus ihm machen würde, wenn er sich ihm ganz
überließe. Keiner von uns
weiß, wie sehr sein eigenes Leben das Leben anderer bewegt,
prägt, verwandelt.
Also trauen wir uns, überlassen wir den Effekt dem Lieben Gott. Zweitens:
natürlich soll jeder,
der kann, auch Politik machen, das bedeutet, einen kleinen Teil der
Öffentlichkeit zu prägen. Es muss und kann nicht Bundestag
sein, muss nicht
Landtag sein, muss nicht Gemeinderat sein, kann gesellschaftliche
Tätigkeit in
und durch den Betrieb sein. Drittens:
Wir brauchen
Zivilcourage. Heute sind wir stolz auf Rupert Mayer, Alfred Delp,
Dietrich
Bonhoeffer, Kardinal Galen, Edith Stein und viele andere. Sie hatten
Zivilcourage und haben dadurch ihr Leben verloren und unsere Welt
geprägt. Ohne
Zivilcourage und auch den Mut, eine Schlappe einzustecken, kann man
nicht
christlich in der Öffentlichkeit leben. Viertens
und letztens:
Christentum ist zunächst keine Morallehre, keine Sittenlehre, wie
man leben
soll. Christentum ist zunächst die Mitteilung an den Menschen:
Gott liebt dich,
lass dich lieben. Daher werden wir unsere Welt nur dann wieder zu
alten, guten
und neuen Werten hinführen können, wenn wir uns wirklich
richtig von Gottes
Liebe treffen lassen. Sündigen gehört fast fest zum
Menschsein. Aber der Glaube,
dass Gott zu mir ja sagt, obwohl ich ein Sünder bin, der hebt die
Welt aus den
Angeln. Also zuerst sich in Gottes Liebe zu mir versenken, damit
rechnen, dass
er auf mich persönlich wartet, dass er unendlich lange schon auf
mich wartet,
das rettet die Welt. Aus diesem Glauben werde ich dann im rechten
Augenblick
das Richtige tun. Gott hilft mir und uns. Das ist unsere Hoffnung. Religions- und Glaubensfreiheit
Religions- und Glaubensfreiheit Anmerkungen aus der Sicht eines vatikanischen Medienmannes P. Eberhard v. Gemmingen SJ Königstein, 6. Mai 2006 Da ich kein Fachmann
für
Menschenrechte bin und auch kein Spezialist für katholische
Glaubenslehre,
möchte ich Sie bitten, nur das von mir zu erwarten, worum ich
gebeten wurde:
die Sicht aus dem Vatikan auf die Fragen Glaubens- und
Gewissensfreiheit im
Kontext der Begegnung zwischen Christen und Muslimen und auf dem
Hintergrund
der Zusammenstöße zwischen Anhängern der beiden
Religionen nach dem
Karikaturenstreit darzulegen. Nun bin ich auch nicht d e r Vatikan,
sondern halt jemand, der am Vatikan Radio-Arbeit
macht, daher
kann ich auch nur vortragen, was ich als solcher beobachte. Wer
weiß, welche
klugen Leute es im Vatikan noch gibt, die sich in Recht und Politik
besser
auskennen als ich! Alle anderen
Vatikanpersönlichkeiten kann ich nicht in Haftung nehmen für
meine Ansichten.
Manche werden mich vielleicht sogar korrigieren. Und noch eine
Vorbemerkung: Da ich
im Rahmen der Gesellschaft für Menschenrechte spreche, gehe ich
auch davon aus,
dass die allermeisten meiner Hörerinnen und Hörer, sich in
Fragen der
Menschenrechte, ihrer Begründung, ihrer Geschichte, ihrer
Realisierung besser
auskennen als ich. Daher bitte ich meine Ausführungen eben nur als
die eines
Beobachters im Vatikan zu nehmen. Manches was ich sage, wird eher
grundsätzlicher Art sein, da ich mich hier eher auskenne. Hier einige KapitelüberschriftenKarikaturenstreit
und Religionsbeleidigung – aus meiner Sicht. Die
Änderung der kirchlichen Sicht auf Menschenrechte und
Religionsfreiheit. Die
unterschiedlichen Kulturen in Ost und West, Nord und Süd. Schlussbemerkungen Karikaturenstreit
und Religionsbeleidigung Ich beginne mit
Popetown,
schließe komme ich aus popetown, dem Vatikan. Wie sehe ich es im
Vatikan? Ich
kann nur meine persönliche Meinung dazu sagen, dabei fließt
aber wohl ein, was
ich von Papst Benedikt gelesen und wie ich ihn verstanden habe. Er hat
schon
vor mehr als 25 Jahren – noch in München – gesagt: nur wenn
Scheiben
eingeworfen werden, wird der Staat einschreiten gegen
Religionsbeleidigung. Das
ist ein Manko, dass nur bei Störung des öffentlichen Friedens
die öffentliche
Gewalt einschreitet. Ich erinnere mich, aber kann keine genaueren
Details mehr
nennen. Ich persönlich
meine: Die Pressefreiheit soll
nicht in
Frage gestellt werden. Sie ist ein hohes Gut. Aber wer Freiheit hat,
hat auch
Verantwortung. Man kann die Freiheit unverantwortlich gebrauchen oder
verantwortlich. Also man muss gegen möglichen Missbrauch der
Verantwortung
einschreiten, nicht gegen die Freiheit als solche. Es gibt ja auch die
freiwillige Selbstkontrolle. Sie müsste sich vielleicht gerade im
Interesse der
Pressefreiheit mehr aktivieren. Wichtiger aber scheint
mir
zweitens, dass wir unabhängig vom Recht, vor allem vom Respekt
reden. Respekt
hat mit Bildung zu tun. Der Ungebildete ist respektlos, weil er gar
nicht weiß,
was er tut, und nicht bedenkt, was sein Tun auslöst. Unser ganzes
Zusammenleben
basiert auf gegenseitigem Respekt. Wir respektieren die Rechte des
Mitbürgers,
die Rechte der Frau, die Rechte des Behinderten, die Rechte des Kindes
und des
Greises. Wenn wir das nicht täten, viele unsere Kultur in sich
zusammen. Vor
dem Recht kommt der Respekt. Respektlosigkeit heißt Mangel an
Bildung, heißt
blanker Kapitalismus. Beispiele für Respekt, die auf der Hand
liegen: Wir
würden es verabscheuen, den Dalai Lama durch den Kakao zu ziehen
oder
buddhistische Mönche und Nonnen. Wir würden es als primitiv
ansehen, wenn wir
hier im Westen fromme Hindus bei ihren Kulten lächerlich machen,
oder Shiks
oder Animisten. Erst recht würde hier ein Aufschrei durch die Welt
gehen, wenn
wir fromme Juden beim Gebet vor der Klagemauer auf die Schippe
nähmen.
Komischerweise dürfen religiöse Autoritäten der Christen
durch den Kakao
gezogen werden und man verteidigt es: Recht auf Unterhaltung, Recht auf
Meinungsfreiheit. Haben wir das Recht, Buddhisten, Muslime, Hindus,
Juden durch
den Kakao zu ziehen, wenn sie ihren Kult verrichten. Wer würde
sagen, dass wir
das Recht haben? Es geht nicht um Recht
und Unrecht, es geht um Anstand, Respekt, Kultur. Wer Religion
verhöhnt, ist
kulturlos. Das muss gesagt werden. Wir alle müssten uns aufregen,
dass wir
offenbar gewisse Kulturnormen vergessen haben und uns verfangen haben
in Fragen
des Rechts. Vorsicht vor Rechtsanwälten. Bevor es eines Anwalts
bedarf,
brauchen wir Kultur. In Thomas Morus Utopia gibt es eine gute
Verfassung und
keine Anwälte. Ich komme zu den
Mohammed-Karikaturen. Als die Welt sich
aufregte über
die Mohammed-Karikaturen, fand ich – bei allem Respekt vor der Berliner
Koalitionsregierung – das, was ich da aus Berlin hörte,
unbefriedigend. Ich
erinnere mich vor allem daran, dass gesagt wurde: bei uns gilt
Pressefreiheit.
Und implizit wurde damit gesagt: die Mohammed-karikaturen sind
rechtens, man
kann nichts gegen sie sagen. Vielleicht wurde noch
viel
differenzierter reagiert. Bei mir in Rom kam fast ausschließlich
die Message
an: Solche Karikaturen muss man ertragen, denn es gilt Pressefreiheit. Ich finde die Antwort
ungenügend.
Warum: Weil gerade wo Pressefreiheit herrscht, auch Verantwortung
gefragt ist.
Wer Freiheit hat, hat gerade deswegen Verantwortung. Und ich finde es
verantwortungslos, die Welt der Muslime durch die Karikaturen zu
reizen. Warum:
erstens weil die Welt ohnehin schon genügend Spannungen hat, die
leider mit
Gewalt ausgetragen werden, zweitens weil der – ich sage mal - reifere Westen dem noch nicht so ausgereiften
muslimischen Osten mit Respekt begegnen sollte. Ich halte die
Karikaturen für
ein Zeichen mangelnder Weisheit. Pressefreiheit braucht eben auch
Weisheit. Wer
seine Freiheit voll ausspielt, erinnert mich an einen Pubertierenden,
dem es
Freude macht, andere Menschen zu reizen, auszuprobieren, wie weit er
gehen
kann, bevor er eine Ohrfeige bekommt. Ich halte es für
pubertär oder einfach
naiv, in der ohnehin so angespannten Weltlage die Islam-Welt so zu
reizen. Wenn
jemand sagt: die Muslime müssen lernen, mit solchen Dingen
umzugehen. Dann
antworte ich: Es gibt andere Felder, auf denen sie lernen müssen.
Und man lernt
nicht durch einen provozierenden Lehrer, sondern nur durch einen
pädagogisch
liebevollen und weisen Lehrer. Man könnte sich nun
denken, dass
z. B. auch ein religiöser Vollzug von Christen die Muslime reizt,
denken wir an
eine Fronleichnamsprozession in Saudi Arabien. Man kann also die Frage
stellen:
müssen die Christen nicht manchmal reizen, wenn sie ihren Glauben
nicht
verleugnen wollen, muss man von Muslimen diese Toleranz gegenüber
Christen und
Juden verlangen, damit sie lernen, in einer pluralistischen Welt zu
leben? Ich würde
antworten: wenn der
religiöse Vollzug aus dem Glauben heraus wirklich notwendig ist,
dann kommt man
um eine Provokation nicht herum. Dann muss auch trotz möglicher
Todesgefahr
provoziert werden. Jesus hat seine Gegner provoziert, die Apostel haben
in der
Apostelgeschichte provoziert, die Martyrer haben provoziert. Aber nur
durch das
Bekenntnis ihres Glaubens, nicht dadurch dass sie den Glauben anderer
lächerlich gemacht haben. Und die Schlussfolgerung
lautet
ganz einfach: Pressefreiheit ist keine Religion. Wenn sie zur Religion
wird,
dann ist es Aberglauben und Abgötterei. Dann wird ein Scheingott
zu einem Gott
stilisiert. Gehen wir noch einen
Schritt
weiter: Wenn jemand meint, aus religiösen Gründen die
religiösen Überzeugungen
anderer bekämpfen zu müssen, dann muss er oder sie bereit
sein, für diesen
seinen religiösen Glauben auch zu sterben. Religiöser Glaube
bedeutet ja, dass
es sich um einen absoluten Wert handelt, dass kein anderer Wert
vorgezogen
werden darf. Angewandt auf den Islam: wenn ein Muslim meint, aus
religiösen
Gründen die Christen oder Juden bekämpfen zu müssen,
weil sie nicht Mohammed
oder Allah anerkennen, dann muss er bereit sein, für diesen seinen
Glauben sein
Leben zu wagen. Eben weil es sein Glaube an einen absoluten Wert ist,
der nicht
relativiert werden darf. Aber hier kommen wir
schon an
einen entscheidenden Punkt, denn hier erhebt sich die Frage, was unter
Religion
verstanden wird. Wenn man unter Religion eine Glaubensüberzeugung
versteht, zu
der der einzelne Mensch nach reiflicher Überlegung gekommen ist,
zu der ihn
sein Gewissen zieht oder gar zwingt, dann wird Religion so verstanden,
wie ihn
die Katholiken oder wohl auch die Evangelischen heute verstehen. Das
ist mit
Religionsfreiheit gemeint: dass jemand aufgrund seiner innersten
Überzeugung
sich zu einem Gott oder einer Offenbarung Gottes bekennt. Religion muss
frei
gewählt werden, muss aus der Freiheit des Menschen kommen. Wenn
Religion nicht
frei gewählt, sondern aufgezwungen wird, ist es nicht Religion,
sondern eine
Ideologie. Das ist das christliche Verständnis von Religion heute.
Die Muslime,
die Juden und viele Anhänger anderer Religionen haben aber wohl
ein anderes
Verständnis von Religion. Religion ist bei ihnen eher ein Zeichen
der
Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Gruppe. Ein Grundproblem im
Verhältnis
von Christen und Muslimen kommt wohl von dem gegensätzlichen
Verständnis von
Religion: Religion aus freier Wahl oder Religion aus gesellschaftlicher
Pflicht. Aber natürlich gehen hier die Meinungen unter Muslimen
auch
auseinander – ebenso wie die Ansichten der Christen nicht einheitlich
sind. Die Spannung zwischen
dem Westen
und der Welt des Islam kommt wohl auch von einem Gegensatz zwischen dem
offiziellen Bekenntnis vieler muslimisch geprägter Staaten zu
einer Art von
UNO-Weltzivilisation einerseits und ihrer angestammten Kultur
andererseits. Was
meine ich damit: Fast alle Völker bekennen sich in ihrer
Verfassung zu Religionsfreiheit,
weil das die Voraussetzung ist, um im Kreis der UNO-Mitglieder
angenommen zu
werden. Wer UNO-Mitglied ist, muss die UNO-Menschenrechtscharta
unterschrieben
haben und anerkennen. Zu den Menschenrechten gehört das Recht auf
Religionsfreiheit. Um auf dem edlen Parkett der Weltgrößen
dazuzugehören, muss
man nach außen hin die ethischen, rechtlichen Normen anerkennen.
Diese aber
sind oft im Widerspruch zu der eigenen traditionellen Kultur. Was man
auf
internationaler Ebene bekennt, gilt im eigenen Hause nicht. Das ist
eine
Binsenweisheit. Aber auch die Großen der UNO kümmern sich
oft nicht um das, was
sie vorher unterzeichnet haben. All das ist nicht sehr verwunderlich.
Verwunderlich und ärgerlich ist nur, wenn nicht offen darüber
gesprochen wird,
sondern wenn man so tut, als hielte man sich an die Versprechen,
Verträge,
Unterzeichnungen. Und noch etwas zu den
Karikaturen
und der MTV-Serie popetown. Ich glaube, es geht
unterhalb der
Rechtsordnung um eine Frage des Lebens. Wir sprechen in manchen
Bereichen
von politischer Correctness. In gewissen Fragen gibt es ein
Übereinkommen,
politically correct zu sein. Gibt es nicht andere
Bereiche, wo
die Menschheit entweder schon Normen hat oder sich zulegen sollte.
Thomas
Gottschalk hat zu popetown gesagt: Hier gilt, was ihm sein Vater gesagt
hat:
das tut man einfach nicht – nämlich die Grundüberzeugungen
Anderer zu
beleidigen. Auf dieser Ebene möchte ich fortfahren: Die
Menschenrechte setzen
ja voraus, dass jeder Mensch mir ein gleichwertiges Gegenüber ist.
Den Respekt,
den ich für mich erwarte und erbitte, erwartet auch der oder die
andere.
Unterhalb der Ebene des einklagbaren Rechts gibt es die Ebene des
Respekts, wie
sich gleiche begegnen. Was du nicht willst, dass man dir tut, das
füg auch
keinem Anderen zu. Wenn wir eine Weltkultur wollen, müssen wir
immer mehr dahin
kommen, dass wir nicht unseren ganzen Spielraum ausreizen und
möglichst
ausdehnen, sondern dass wir unseren Spielraum mit den anderen
Mitspielern
ordnen. Wer Teilbereiche, nämlich z.B. die Pressefreiheit total
ausreizt,
schadet dem Zusammenleben. Damit hängen wir den Journalisten
keinen Maulkorb
um, sondern erinnern sie daran, dass auch sie und ihre Arbeit
eingebettet sein
müssen in ein Gewebe von weltweiten Beziehungen. Und wenn diese
Beziehungen
friedlich sein sollen, dann dürfen die Partialrechte eben nicht
ausgereizt
werden. Nochmals unser
gesamtes
zivilisiertes Zusammenleben basiert auf Grundannahmen. Eine von ihnen
ist:
Respektiere den Spielraum deines Nachbarn, wie er deinen Spielraum
respektieren
muss. Und dies gilt noch vor dem Greifen von Rechtsordnungen. Wenn das
Gemeinwesen und das Gemeinwohl ausschließlich auf Rechtsnormen
und nicht auf
zugrunde liegenden Wertordnungen beruht, dann ist es unnötig
gefährdet. Recht
ist nötig, aber es ist nicht das einzige Mittel, um Zusammenleben
in Frieden zu
garantieren. Die
Änderungen der kirchlichen Sicht auf Menschenrechte und
Religionsfreiheit Wenn ein Mann aus dem
Vatikan
über Gewissensfreiheit spricht, erwartet man zu Recht, dass er
erst einmal
erklärt, warum die katholische Kirche die Religions- und
Gewissensfreiheit so
lange nicht anerkannte oder gar bekämpft und unterdrückt hat.
Man erwartet,
dass er erst einmal an die eigene Kirchenbrust klopft und sich für
die Kirche
entschuldigt. Schließlich war der Vatikan, die katholische Kirche
eine längsten
Gegner der Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit. Als fast alle
anderen
Kulturträger Europas längst erkannt hatten, dass der
christliche Glaube nur aus
der freien Wahl der autonomen Persönlichkeit übernommen
werden kann, hielten
der Papst und die anderen Hirten der katholischen Kirche immer noch
daran fest,
dass es keine Religions- und Gewissensfreiheit geben kann, dass
christliche
Fürsten verpflichtet sind, der katholischen Kirche einen
Vorzugsplatz
einzuräumen, dass sie andere Kirchen und Religionen maximal
tolerieren dürfen,
wenn es sich nicht vermeiden lässt. Was stand theologisch
gesprochen
hinter dieser Überzeugung, für die sicher auch katholische
Männer und Frauen
ihr Leben gegeben haben. Ich antworte zunächst mit einfachen
Worten: Dahinter
stand die Überzeugung: Gott hat sich in definitiver Form in Jesus
Christus
offenbart. Der Mensch, der davon hört, weil ihm der Glaube
verkündet wird, muss
sich dem Anspruch Gottes unterwerfen. Wer sich nicht unterwirft, wird
verdammt.
Die Kirchenverantwortlichen sahen sich dazu berufen, den Anspruch
Gottes
vorzutragen und soweit als möglich durchzusetzen. Wenn Sie Gottes
Anspruch
nicht mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln durchsetzen,
werden sie
schuldig vor Gott. Hinter der Ablehnung von
Gewissens- und Religionsfreiheit stand aber natürlich auch, dass
die sozialen
Kräfte, die diese Freiheiten forderten, ausgesprochen
kirchenfeindlich waren.
Es waren ja nicht nur nachdenkliche Philosophen, die die Kirchen
kritisierten,
sondern es waren staatliche Kräfte, die ihre Macht ausweiten
wollten. Um es
konkret zu sagen: für die Päpste spielte in dieser
Auseinandersetzung eine
große Rolle, dass in Italien vor allem das Haus Savoyen die Macht
übernehmen
wollte und die Savoyer waren ganz wesentlich freimaurerisch inspiriert.
Hinter
dem italienischen Einheitsstreben und der Papstfeindschaft standen
wenigstens
indirekt und teilweise Frankreich und England. Deren Gegner saßen
in Wien, es
waren die Habsburger, die auch ihre Macht und ihren Einfluss nicht
verlieren
wollten. Wien brauchte Rom und Rom brauchte Wien. Also die Frage der
Religions-
und Gewissensfreiheit war auch ein europäisches Machtspiel. Nicht
nur Theologie
bewegte die Päpste, sondern auch eine Frage der politischen Macht.
Aber auch
für Kanzler Bismarck war Rom ein Störenfried, weil er
glaubte, Katholiken
könnten keine treuen, zuverlässigen und solidarischen
Staatsbürger sein, ihr
Herz schlage nicht beim König, sondern beim Papst. Daher
Kirchenkampf. Was aber stand hinter
der
Ablehnung Roms durch die neuen Nationalstaaten – vor allem Frankreich,
Italien,
Deutschland? Dahinter stand das
jahrhundertealte Bündnis zwischen Kirche und Thron. Ich glaube
sagen zu können:
Weil sich die Kirche vor allem in Frankreich - aber auch anderswo -
Jahrhunderte lang auf die Macht von Fürsten und Königen
gestützt hatte, musste
sie jetzt die Strafe dafür bezahlen. Die Kirche war zu politisch
geworden,
stand den Nationalstaaten und den Demokratisierungwünschen im Wege
und wurde
daher bekämpft. Die Kirche musste viel lernen, musste für
frühere Fehler büßen.
Und gottlob: die Kirche hat unter Schmerzen gelernt. Was war der Irrtum in
der
damaligen Ansicht: Die Kirchenverantwortlichen und wohl auch ihre
Theologen
übersahen, dass Jesus immer von seinen Hörern die freie
Zustimmung zu seiner
Botschaft erwartet hatte. Er hat niemand gezwungen, er hat auch keine
staatliche Macht eingesetzt oder zu Hilfe gerufen, um seinen Anspruch
durchzusetzen. Es ging ihm und es ging Paulus und den anderen Aposteln
um die
freie Zustimmung zu Jesu Botschaft. Die Freiheit war die Grundlage
für die
Übernahme der Bergpredigt. Es kam dann im Lauf der
Jahrhunderte noch die Unterscheidung zwischen dem Recht der Wahrheit
und dem
Nicht-Recht des Irrtums. Der Irrtum hat kein Recht, nur die Wahrheit
hat ein
Recht. Erst später kam die Theologie zur Unterscheidung zwischen
dem Irrtum und
dem Irrenden. Der Irrtum hat kein Recht, wohl aber hat der Irrende ein
Recht
auf Suche nach der Wahrheit. Lassen Sie mich noch ein
wenig in
den entsprechenden Dokumenten blättern. Da Sie in mir einen
Vatikanman
erbeten haben, möchte ich noch ein wenig gründlicher in die
Quellen schauen,
die die Einstellung der katholischen Kirche zu Glaubens und
Gewissensfreiheit
deutlich machen. Gehen wir zuerst zur
Erklärung
über die Religionsfreiheit des 2. Vatikanischen Konzils. Das Konzil
erklärte: „Das
Vatikanische Konzil erklärt, dass die menschliche Person das Recht
auf
religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, dass alle
Menschen frei
sein müssen von jedem Zwang sowohl von Seiten Einzelner wie
gesellschaftlicher
Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so dass in religiösen
Dingen
niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran
gehindert
wird, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit
anderen -
innerhalb der gebührenden Grenzen - nach seinem Gewissen zu
handeln. Ferner
erklärt das Konzil, das Recht auf religiöse Freiheit sei in
Wahrheit auf die
Würde der menschlichen Person selbst gegründet, so wie sie
durch das
geoffenbarte Wort Gottes und durch die Vernunft selbst erkannt wird2. Dieses
Recht der menschlichen Person auf religiöse Freiheit muss in der
rechtlichen
Ordnung der Gesellschaft so anerkannt werden, dass es zum
bürgerlichen Recht
wird. Weil die Menschen Personen sind, d. h. mit Vernunft und freiem
Willen
begabt und damit auch zu persönlicher Verantwortung erhoben,
werden alle -
ihrer Würde gemäß - von ihrem eigenen Wesen
gedrängt und zugleich durch eine
moralische Pflicht gehalten, die Wahrheit zu suchen, vor allem jene
Wahrheit,
welche die Religion betrifft. Sie sind auch dazu verpflichtet, an der
erkannten
Wahrheit festzuhalten und ihr ganzes Leben nach den Forderungen der
Wahrheit zu
ordnen. Der Mensch vermag aber dieser Verpflichtung auf die seinem
eigenen
Wesen entsprechende Weise nicht nachzukommen, wenn er nicht im Genuss
der
inneren, psychologischen Freiheit und zugleich der Freiheit von
äußerem Zwang
steht. Demnach ist das Recht auf religiöse Freiheit nicht in einer
subjektiven
Verfassung der Person, sondern in ihrem Wesen selbst begründet. So
bleibt das
Recht auf religiöse Freiheit auch denjenigen erhalten, die ihrer
Pflicht, die
Wahrheit zu suchen und daran festzuhalten, nicht nachkommen, und ihre
Ausübung
darf nicht gehemmt werden, wenn nur die gerechte öffentliche
Ordnung gewahrt
bleibt“ (Kapitel 1, Abs. 2) Ich fasse zusammen:
Niemand darf
in irgendeiner Weise zu einer religiösen Glauben gezwungen werden.
Das ist in
seiner Menschenwürde begründet. Diese Freiheit muss zu einem
bürgerlichen Recht
werden. Später heißt es: dies Recht kommt ihnen nicht nur
als Einzelpersonen,
sondern auch als Gruppe zu. Wer aber das Recht auf religiöse
Freiheit hat, hat
eine entsprechende Verantwortung: Die Rechte der anderen müssen
beachtet
werden, ebenso wie die eigenen Pflichten. Die bürgerliche
Gesellschaft hat das
Recht, sich gegen Missbräuche zu schützen, die unter dem
Vorwand der
Religionsfreiheit vorkommen können. Später heißt
es in der Erklärung
„Dignitatis humanae“ „Es ist ein
Hauptbestandteil der
katholischen Lehre…, dass der Mensch freiwillig durch seinen Glauben
Gott
antworten soll, dass dementsprechend niemand gegen seinen Willen zur
Annahme
des Glaubens gezwungen werden darf. Denn der Glaubensakt ist seiner
Natur nach
ein freier Akt, da der Mensch von seinem Erlöser Christus
losgekauft, und zur
Annahme an Sohnes Statt durch Jesus Christus berufen, dem sich
offenbarenden
Gott nicht anhangen könnte, wenn er nicht – indem der Vater ihn
zieht – Gott
einen vernunftgemäßen und freien Glaubensgehorsam leisten
würde. Es entspricht
also völlig der Wesensart des Glaubens, dass in religiösen
Dingen jede Art von
Zwang von Seiten der Menschen ausgeschlossen ist.“ (Kapitel 1, Abs. 10) Ich wollte eigens zuerst
das
zitieren, was heute gilt. Denn auf diese Weise wird deutlicher, welche
Wandlung
die katholische Kirche in der offiziellen Lehre gemacht. Im Jahr 1864
hatte
Papst Pius XI in der Enzyklika Quanta cura“ Gewissens- und
Religionsfrheit
verurteilt. Verurteilt hat er die Sätze – so wörtlich
„Gewissens- und
Religionsfreiheit sei das eigene Recht eines jeden Menschen. Das Gesetz
in
jeder wohlgeordneten Gesellschaft müsse dieses Recht proklamieren
und
sicherstellen. Für die Bürger bestehe ein Recht auf eine
allgemeine Freiheit,
die weder durch die kirchliche, noch durch die staatliche
Autorität
eingeschränkt werden darf, und die ihnen erlaubt, ihre Ansichten
und
Empfindungen durch das gesprochene Wort, durch Druckschriften, oder auf
andere
Weise offen bekannt zu geben und zu erklären. (((Während sie
dies leichtfertig
behaupten, bedenken und erwägen sie nicht, dass sie die Freiheit
des Verderbens
verkünden. Es wäre ihnen freigestellt, alles mit den Mitteln
menschlicher
Überzeugung zu erörtern, da es an solchen Menschen niemals
fehlen würde, die es
wagen, der Wahrheit zu widerstehen und auf die Geschwätzigkeit der
menschlichen
Weisheit zu vertrauen. Der christliche Glaube und die christliche
Weisheit
vermögen es, aus der Lehre unseres Herrn Jesus Christus selbst zu
erkennen, wie
sehr diese höchst lügenhafte Eitelkeit gemieden werden muss. Soweit Zitat aus der
Enzyklika
„Quanta cura“ von Papst Pius XI. Im Gegensatz dazu noch
ein Satz
aus der Erklärung des 2. Vatikanums: „Die Wahrheit erhebt
nicht
Anspruch als kraft der Wahrheit selbst, die sanft und zugleich stark
den Geist
durchdringt.“ Kein Wunder, dass der
Übergang
von der strikten Ablehnung von Religions- und Gewissensfreiheit zur
Anerkennung
dieser Freiheit und der Verpflichtung jedes Menschen, die Wahrheit zu
suchen und
an ihr festzuhalten – kein Wunder also, dass dieser Wechsel von manchen
Menschen heute als Bruch angesehen wird und dass diese Menschen die
Rückkehr
zur Kirche vor dem Konzil verlangen. Es sind die
Anhänger des
Erzbischofs Levebfre. Die Erklärung über die
Religionsfreiheit ist ihnen Stein
des Anstoßes. Und nun fragt sich
natürlich
heute, ob der Islam eines Tages die gleiche Wende wie die katholische
Kirche
machen kann. Die Frage ist, ob der Islam ebenso wie das Christentum
eine Art
Aufklärung durchmachen kann, ob die Vernunft zugelassen wird, wie
sie vond er
katholischen Kirche unter Schmerzen zugelassen wurde. Ich erinnere
daran, dass
eine Enzyklika von Papst Johannes Paul II. heißt: Fides et ratio.
Glaube und
Vernunft. Der Papst ruft darin gleichsam in die heutige Welt: glaubt
bitte
wieder an die Vernunft, verlasst Euch nicht nur auf die
Naturwissenschaft,
sondern vertraut und glaubt an die Fähigkeit, Eure eigene Vernunft
einzusetzen. Und also Frage: Was
zählt im
Islam die menschliche Vernunft? Läßt sich der Islam durch
eine Aufklärung in
die heutige Gesellschaft einfügen, lassen sich
gemäßigte Muslime auf Vernunft,
auf eine nicht aggressive Auslegung des Koran an, können sie sogar
so etwa wie
Religionsfreiheit dulden? Viele Beobachter werden
sagen:
nein, der Islam kann die freie Entscheidung seiner Anhänger nicht
dulden.
Jedenfalls nicht der Koran. Die Anhänger anderer Religionen
müssen bekehrt und
bekämpft werden. Und doch ist damit die Frage noch nicht
abgeschlossen. Ich möchte hier
noch mal von
einer persönlichen Radio-Vatikan-Erfahrung ausgehen: beim Kongress
von Kirche
in Not – der Organisation des verstorbenen Speckpaters Werenfried van
Straaten
– habe ich sehr gegensätzliche Positionen von Personen
gehört, die an sich
große Fachkenntnisse haben. Der immer noch sehr temperamentvolle
und hoch
engagierte Otto von Habsburg vertrat vehement die Ansicht: Christen und
Muslime
müssen auf politischer Ebene zusammenarbeiten – und zwar genau,
weil sie beide
von einem Gott ausgehen, der über dem Menschen und über der
Politik steht.
Diejenigen, die einen Gott anerkennen, stehen denen gegenüber, die
Gott
ablehnen. Auch auf meine Rückfrage hin, ob im Islam nicht doch
eine
Grundaggression stecke, vertrat er vehement die Ansicht: Nein, Christen
und
Muslimen können und sollten zusammenarbeiten. Es gab aber auch andere
Islam-Kenner, die hier wesentlich zurückhaltender sind. Ihr
Argument: Im Kern
des Islam steckt nicht nur Missionsgeist, sondern Aggression. Mohammed
sei
aggressiv gewesen, der Islam sei insgesamt aggressiv. Hier gelte nicht
die
Freiheit des Einzelnen, der Religion zuzustimmen, sondern hier gelte
letztlich
das Schwert. Und dennoch gibt es
vielleicht
noch ein Drittes: dass nämlich die führenden Leute bei den
Muslimen im Lauf der
nächsten Jahre oder eher Jahrzehnte eine Art Aufklärung
mitmachen, etwas von
ihrer Koraninterpretation abrücken und auf Dialog umschwenken –
ähnlich wie es
die katholische Kirche gemacht hat. Das ist natürlich mehr eine
Hoffnung als
eine Analyse. Es ist eben die Frage, welche Koraninterpretation sich
durchsetzt, die gemäßigte oder die fanatische. Und die
Christen tun gut daran,
die Gemäßigten ernst zu nehmen, sie zu fördern, mit
ihnen den Dialog zu pflegen
und sie nicht in einen Topf zu werfen mit Fanatikern. Kürzlich fand
ich im Spiegel ein
Interview mit dem ägyptischen Literatur-Nobelpreisträger
Nagib Mahfus. Er
vertritt höchst energisch die Meinungsfreiheit und meint, dass die
Kriege und
Konflikte nicht in den Religionen – im Islam und dem Christentum –
begründet
sind, sondern andere Gründe haben. Wörtlich sagte er in dem
Interview: Wann
immer es zu Auseinandersetzungen kommt, stellt sich bei genauerem
Hinsehen
heraus, dass die in Islam und Christentum verankerten Werte in keiner
Weise
Konflikte schüren. Im Gegenteil: beide Religionen rufen zu einem
friedlichen
Miteinander auf. Auf den Einwand, dass im Libanon, in Afganistan und im
Irak
wurde von islamistischen Fanatikern zum Mord aufgerufen sagte Mahfus:
Religiöse
Extremisten haben sich bislang nirgendwo auf der Welt als Hüter
menschlicher
Grundwerte profiliert. Religiöse Werte wurden manipuliert, um
Unrecht zu
rechtfertigen. Religionen sind nicht deckungsgleich, aber in den
essentiellen
Wertvorstellungen vermag ich keine gravierenden Differenzen oder gar
Gegensätzlichkeiten zwischen Islam und Christentum zu erkennen. Mahfus sagt: die von der
UNO
anerkannten und garantierten Menschenrechte mit den Werten des Islam
und des
Christentum voll vereinbar. Er meint, etliche muslimische Prediger und
Politiker verwechseln Säkularismus mit Atheismus oder
Religionsfeindlichkeit.
Sie täten dies aus purer Unkenntnis, weil sie sich mit dem Thema
nicht
hinreichend befasst haben. Es gebe aber auch eine Minderheit, die
meint, dass
ein säkularer Staat ausdrücklich immer den Kampf führt
gegen Religion. Der
Dialog wäre der Schlüssel für alle Probleme. Politisch
ist einfach Demokratie
nötig. Je mehr die Fenster geöffnet würden, umso mehr
setze sich der Wille des
Volkes durch. Auf die Frage, ob in
einem
mehrheitlich islamischen Land Demokratie überhaupt möglich
ist, sagt Mahfus:
selbstverständlich. Warum aber sehen viele
Muslime in
der Demokratie aber einen Einfall des Westens. Eine solche Invasion des
Westens
gebe es nicht. Ein Kulturkreis übernehme von einem anderen immer
das, was er
für gut hält. Das sei schon immer so gewesen. Mahfus vertritt
die Überzeugung,
dass die muslimischen Länder sehr bald die Demokratie
übernehmen werden, das
zeigen die sauberen Wahlen bei den Palästinensern. Mahfus
gehört also zu den
Optimisten, die dem Islam zutrauen, auch in die moderne demokratische
und
pluralistische Welt zu gehören. Aber es gibt nicht nur
Christentum und Islam. Es gibt überhaupt tiefgreifende kulturelle
Unterschiede.
Menschen und Völker sind in tieferen Schichten nicht so gleich wie
dies
UNO-Versammlungen vortäuschen. Wer Menschenrechte und
Religionsfreiheit
weltweit verwurzeln will, sollte die Grundgegebenheiten der
Weltkulturen nicht
übersehen. Man muss mit ihnen rechnen. Dazu möchte ich Ihnen
meine persönlichen
Erfahrungen in Radio Vatikan erzählen. Sie können
vielleicht für Sie
interessant sein. Vor rund einem Jahr habe
ich eine
Radio-Akademie gemacht mit dem Titel „Die christlichen Wurzeln
Europas“. Um
unseren Hörern klar zu machen, was damit eigentlich gemeint ist,
habe ich
Interviews geführt mit Fachleuten anderer Kulturen. Ich sprach mit
einem
Fachmann für di alte chinesische Kultur und ihre Eigenheiten, die
sie gerade
abheben und unterscheiden von Europa. Ich sprach zweitens mit einem
Spezialisten für Japan. Ich wollte wissen, wodurch die japanische
Kultur sich
von der europäischen unterscheidet. Ich sprach mit einem
Indienkenner. Auch er
sollte mir erklären, was die spezifischen Unterschiede sind
zwischen dem, was
man die Kultur Indiens bezeichnen kann und Europa. Schließlich
sprach ich mit
einem Kenner der arabischen Welt und ihrer Kultur. Ich wollte genau
wissen, was
in anderen Kultur- oder Zivilisationsbereichen typisch anders ist als
in
Europa. Und es ging mir um Bereiche, die im Allgemeinen von Europa als
Länder
hoher und höchster Kultur angesehen werden, wo Wissenschaft und
Kunst in Blüte
standen, angesehen sind, Zonen, die von Europäern aufmerksam
bereist werden. Was mich besonders
bewegte, war
die Auskunft, dass eigentlich in allen vier Kulturen die
Einzelpersönlichkeit
nur im Rahmen der Familie, des Stammes, des Clans gesehen und
verstanden wird.
Das Verständnis der Einzelpersönlichkeit, wie es für
Europa selbstverständlich
ist, sei – so sagte man mir – in den genannten Kulturen völlig
anders. Es gibt
nicht die Einzelpersönlichkeit, sondern nur die Familie, die
Sippe, die
Generationen und Traditionen. Nun aber haben diese
großen und
wichtigen Länder die internationalen Menschenrechte
übernommen und
unterzeichnet. Sie gelten rechtlich, aber sie sind nicht in der eigenen
Kultur
verankert. Sie kommen aus der Ferne, aus der Fremde. Natürlich
haben die
Intellektuellen der jeweiligen Länder die Menschenrechte auch
erkannt,
verstanden und angenommen, aber das Gemeinwesen ist zunächst und
spontan nicht
von ihnen her geprägt. Etwas vereinfacht könnte man wohl
sagen: Die genannten
Kulturen betonen zunächst und vorwiegend die Pflichten des
Einzelnen und die
Ordnungen der Gesellschaft. Der westliche Welt betont vorwiegend nicht
die
Pflichten, sondern die Rechte. Nicht die Rechte der Gesellschaft, des
Gemeinwesens, sondern des Einzelnen, des Individuums. Ich komme zum Schluss –
und
spreche aus der hier gewünschten vatikanischen Sicht. Es geht
meines Erachtens
heute vor allem um Ehrlichkeit. Wenn wir im Radio immer
wieder
von Menschenrechtsverletzungen in dem oder jenem Staat sprechen, und
wir dabei
genau dieses Wort „Menschenrechtsverletzung“ gebrauchen, dann kommt mir
die
Frage, ob wir nicht viel mehr differenzieren müssten. Es ist ja
doch ein
riesiger Unterschied, ob jemand etwa in Ägypten seine Meinung
nicht in der
Zeitung aussprechen darf oder ob er in der Türkei einen Tag lang
gefoltert wird
oder ob er in Guantanamo mehrere Jahre lang unmenschlich behandelt
wird. Es ist
ein riesiger Unterschied, ob in Darfur eine Frau aus politischen
Gründen vergewaltigt
wird und ihr Leben dadurch ein für alle Mal verdorben ist, oder ob
sie in einem
anderen Land gegen ihren Willen einen Schleier tragen muss oder ob sie
ein
bestimmtes politisches Amt aus gesellschaftlichen Gründen nicht
annehmen darf.
Alles sind Menschenrechtsverletzungen. Aber doch sehr unterschiedliche.
Daher
sollten wir – so meine ich – die entsprechende Verletzung auch
deutlicher beim
Namen nennen. Das Wort „Menschenrechtsverletzung“ kann die Sache -
gegen unsere
Intention - verharmlosen. Eine weitere Gefahr ist
– aus
meiner Sicht als Journalist – dass wir leider immer noch viel zu sehr
national
denken, auch wir Deutsche, aber andere Völker wohl noch viel mehr.
Zwei
entführte deutsche Ingenieure im Irak sind viel in den
Schlagzeilen, aber viele
nichtdeutsche Todesopfer werden übergangen. Natürlich gibt es
das
journalistische Gesetz, dass das Nahe wichtiger und interessanter ist
als das
Ferne, aber wenn wir uns zu sklavisch daran halten, dann tun wir vielen
Menschen Unrecht. Manchmal ist es auch nicht die Zugehörigkeit zu
einem Volk,
sondern zu einer Religion. Tote Buddhisten bewegen uns vielleicht mehr
als tote
Muslime. Dadurch dass fast alle
Länder die
internationale Charta für Menschenrechte unterzeichnet haben, ist
zwar etwas
gewonnen, aber noch nicht viel erreicht. Die Theorie der Menschenrechte
basiert
auf der abendländischen Kultur. Sie speist sich meines Erachtens
ganz
wesentlich aus drei Quellen: der griechischen Demokratie, dem
römischen
Rechtswesen und dem christlichen Denken. Die Demokratie bei den
Griechen war
eine Einrichtung der besseren Gesellschaft, das Rechtswesen der
Römer war eine
gute Pragmatik, das christliche Denken brauchte Jahrhunderte lang, um
sich
niederzuschlagen. Es ging durch die Feuertaufe der Aufklärung.
Ohne Aufklärung,
ohne französische Revolution wären wir nicht dort angelangt,
wo wir heute sind.
Die Kriege führten zu Völkerbund und UNO. Um zur
Völkerfamilie zu gehören, sind
fast alle Staaten beigetreten und anerkennen Religions-, Gewissens- und
Meinungsfreiheit, weil sie die Menschenrechtscharta unterzeichnet
haben. Aber nicht nur
politische
Interessen verhindern die tatsächliche Respektierung der
zugesagten Rechte,
auch die kulturellen Wurzeln vieler Staaten behindern wenigstens in
gewisser
Weise und für große Bevölkerungskreise die Realisierung
der Menschenrechte und
die Wahrnehmung der zugesagten Freiheiten. Ich halte es für falsch
wenig
nützlich, bei der Einhaltung der Menschenrechte alles oder nichts
zu verlangen.
Um den Menschen effektiv zu helfen, muss man wohl vor manchem die Augen
schließen, um anderes zu urgieren. Wenn man sagt: Z.B.
China hat
eine andere Kultur, daher gelten dort die Menschenrechte nicht. Das ist
zu
krass und kann nicht gehen. Aber man kann realistisch einfach nicht
davon
ausgehen, dass Staaten wie China, Indien, Vietnam, Korea die
Menschenrechte so
respektieren wie westliche Staaten. Viele Staaten werden immer wieder
entschuldigende Erklärung vorbringen. Es wäre gut, die
entsprechende Staaten zu
fragen, wie sie nach ihrer kulturellen Tradition mit der Wahrung
entsprechender
Rechte umgehen. Man sollte sie nicht eins zu eins vergleichen mit
westlichen
Staaten, weil der Dialog dann nur scheitern kann. Man sollte versuchen,
an ihre
kulturellen Werte anzuknüpfen. Johannes
Paul II. ist zu einem
starken Vertreter der Menschenrechte geworden. Papst Benedikt geht auf
seine
Spuren. Aber ich vermute, Benedikt wird sich sagen: den Menschenrechten
ist
durch die Kirche am besten gedient, wenn die Katholiken, wenn die
Christen in
aller Welt glaubensstark sind. Nicht der Papst muss Politik machen – so
vermute
ich, wird er sagen – sondern die Kirche muss so lebendig sein, dass man
an den
Grundüberzeugungen der Christen nicht vorbeikommt. Der Papst muss
seinen Teil
dazu beitragen, dass die Getauften vom Evangelium her leben. Wenn viele
Getaufte dies tun, dann müssen sich die Politiker mit ihnen
auseinandersetzen,
dann kann man sie nicht übergehen. Ich meine, so wie ich Papst
Ratzinger kenne,
wird er sagen: wenn die Kirche innerlich gefestigt und stark ist, dann
macht
sie Geschichte, Weltgeschichte – wie Christen zur Zeit der
römischen
Christenverfolgung. Damals haben sich die Kaiser mit ihnen arrangieren
müssen,
weil sie sahen, dass diese Christen nicht umkippen. Und solche inneren
Reformbewegungen gab es immer wieder in der Kirche. Sie haben
europäische
Kulturgeschichte gemacht. Ich denke an Benedikt, an Cluny, an die
Zisterzienser, an die Franziskaner, die Dominikaner, die Jesuiten, an
Vinzenz
von Paul und dann die ersten Bemühungen um Bildung der Frau, vor
allem durch
Mary Ward. Benedikt wird sich sagen:
mein Anliegen ist, dass die Kirche innerlich so gesund ist, dass sie
von diesem
Innen her wieder Kultur und Zivilisationsgeschichte macht. Dazu
müssen es nicht
viele sein, aber wenige, die vom wirklichen Innen geprägt sind.
Die dann auch
einen Beitrag leisten für die Erhaltung der Werte Europas und so
für den Gang
der Weltgeschichte. Wir sind Papst - Gibt dies Hoffnung?
Wir sind Papst – gibt dies Hoffnung? Vortrag in Mannheim, 23. 11. 2006 Überschrift der Kurpfälzer Sozialtage „Den Menschen Hoffnung geben“ P. Eberhard v. Gemmingen SJ Einteilung:
1.
Einführung: Man schaut nach
Rom, Begeisterung über Benedikt 2.
Warum fehlt es an Hoffnung? 3.
Kann Benedikt Hoffnung geben? 4.
Woher kommt Hoffnung? 5. Was
müssen wir tun? 1.
Man schaut nach Rom, Begeisterung über Benedikt Erinnern
wir uns: Wochen- wenn
nicht monatelang verfolgte die Welt mehr oder weniger aufmerksam die
Krankheit
von Papst Johannes Paul II, sein Schwächerwerden, seine
Krankenhausaufenthalte,
seine letzte Weigerung, sich ins Krankenhaus verlegen zu lassen, um im
Vatikan
zu sterben. Erinnern wir uns an die Bilder, wo er an seinem
Arbeitsfenster
erschien, zu sprechen versuchte, zu winken versuchte, dies nicht mehr
gelang,
wo zwei weiße Tauben von ihm losgeschickt werden sollten, und die
Tauben zu ihm
zurückkehrten. Dank des Fernsehens konnten Interessierte in aller
Welt
teilnehmen, mit ihm mitleiden und mitleben. Dann
ging es durch die Medien
rund um den Globus. Er ist gestorben. Es war Samstagabend 2. April,
Samstag
nach Ostern. Tausende von Menschen strömen auf den Petersplatz,
vor allem viele
junge Menschen wollen ihre innere Anteilnahme auch nach außen
zeigen, daher
stellen sie Kerzen und Blumen auf, stellen Bildchen vom geliebten Papst
auf,
bleiben auf dem Petersplatz die ganze Nacht über, knien oder
sitzen dort allein
oder mit Freunden im Gebet, legen sich zum Schlafen nieder, rollen sich
in
einen Schlafsack oder eine Decke. Die Welt sieht zu, wie Tausende
betend,
weinend von einem alten Mann Abschied nehmen, den sie offenbar schon
seit
Jahren in ihr Herz geschlossen haben. Man müsste dieses Bild lange
festhalten,
denn es ist ja nicht selbstverständlich. Hier hat kein Schumi
einen Sieg davon
getragen, hier hat keine Nationalmannschaft gesiegt, hier ist kein
Kanzler oder
Präsident vorbeigekommen, sondern ein alter Mann Gottes gestorben,
der offenbar
vielen Menschen, gerade auch vielen Jungen viel gegeben hat. Offenbar
haben
viele junge Menschen Sehnsucht und Liebe zu einem solchen Menschen. Man
wird an
Mutter Teresa erinnert. Inder mögen an den Tod von Mahatma Gandhi
erinnert
worden sein. Es war ein wenig ein Schauspiel für Engel und
für Menschen. Ganz
anders als viele andere Medienereignisse. Vielleicht Signal und Symbol
für die
Etappe eines Umdenkprozesses in manchen Teilen der Menschheit. Aber
zwei Tage danach war nicht
alles vorbei. Der Leichnam von Papst Johannes Paul wurde zunächst
in der Sala
Clementina im Vatikan aufgebahrt, Kirchenleute und Vatikanangesellte
konnte ihm
dort die letzte Ehre erweisen. Ich selbst habe es nicht geschafft, denn
ich
arbeitete noch an einem Büchlein mit dem Titel „Was passiert, wenn
ein Papst
stirbt“, das dann aber nicht erschien, denn Er war mir zu früh
gestorben. Nach
zwei Tagen wurde der Leichnam des Verstorbenen dann in St. Peter
aufgebahrt.
Und nun begann erst der Strom von Menschen. Es waren zehntausende, die
sich
dann auf den Weg machten, um ihm Lebewohl zu sagen. Und sie mussten
einiges auf
sich nehmen: Es war sehr kalt, sie brauchten zehn und mehr Stunden, bis
die
Schlange sie in den Petersdom brachte, bis sie einen Moment an seinem
Sarg
stehen konnten. Oft hatten sie ja kaum etwas zu essen und zu trinken
mitgebracht. Sie nahmen wirklich viele Strapazen auf sich, um vom Papst
Abschied zu nehmen. Für mich persönlich ist dies ein viel
größeres Phänomen als
die Zehn- oder Hunderttausende, die zu einer Papstmesse nach
München oder
Regensburg kamen. Die Menschheit besteht also nicht nur aus
Entertainment, aus
Jugend, aus Rausch, sie besteht auch aus Liebe, Zuneigung, Ehrfurcht
und
Achtung. So
ging es einige Tage lang. Und
dann kam die feierliche
Totenmesse auf dem Petersplatz. Erinnern Sie sich an den Holzsarg, auf
dem die
Bibel lag. Erinnern Sie sich, wie der Wind die Seiten umblätterte.
Ein schönes
Bild. Und erinnern Sie sich an die Predigt vom damaligen Kardinal
Ratzinger. Er
war Dekan des Kardinalskollegiums, und als solcher hatte er den Vorsitz
bei der
Messe und die Predigt. Darin sagte er: der geliebte Vorgänger
Johannes Paul II.
schaut jetzt vom Himmel her auf unser herunter. Vielleicht hat nicht
gerade
dieses Wort, aber doch diese Predigt viele Kardinäle davon
überzeugt, dass sie
Kardinal Ratzinger zu seinem Nachfolger wählen sollten. Verzeihen
Sie bitte, dass ich so
lange beim Sterben und der Beisetzung von Papst Johannes Paul II.
blieb. Denn
Benedikt ist ja nicht vom Himmel gefallen. Seine Wahl, das Wort „Wir
sind
Papst“ ist ja nicht vom Himmel gefallen. Sie waren vorbereitet
gleichsam durch
ein öffentliches Sterben, eine riesige Anteilnahme von Millionen
von Menschen,
durch die Aufmerksamkeit der Medien in aller Welt. Und
dann kam eine Woche später am
19. April der Paukenschlag: Kardinal Ratzinger ist zum Papst
gewählt worden.
Wir sind in Deutschland Papst geworden – wie wenn wir
Fußballweltmeister
geworden wären. Wie
habe ich das erlebt: ich war
live auf Sendung zusammen mit einer Kollegin. Überraschend
früh, war an diesem
Nachmittag der weiße Rauch aus dem Kamin gekommen, der Kardinal
trat heraus:
Habemus papam. Dann sagte er weiter: Dominum, Dominum sanctae Romanae
ecclesia
Kardinalem Josefum…. Ich war gespannt. Ich persönlich hatte ein
wenig mit dem
Kardinal von Portugal gerechnet, der auch Josef mit Vorname
heißt. Und ich
wusste ja, dass durch weite Teile der Kirche Deutschlands der Schrei
gehen
würde. Um Gottes Willen Ratzinger! Selbst meine Schwestern haben
mir später
erzählt, dass sie zu diesen engagierten Katholiken gehörten,
die eher skeptisch
waren gegenüber diesem Namen. Ich wusste aber auch – was viele
nicht wussten –
dass dieser Mann wahnsinnig gute Sachen gesagt und geschrieben hatte.
Und dann
kam also der Name Josefum Cardinalem Ratzinger. Ich übergehe viele
weiter
Schritte, denn es geht uns ja um die Frage, ob dieser Mann – dieser
Papst –
einen Beitrag zur Hoffnung der Menschen und vor allem der Christen
leisten
kann. Jedenfalls war die Reaktion auf die Wahl Ratzingers in vielen
Teilen der
Welt sehr erstaunlich. Für
mich persönlich war das
Erstaunlichste, dass viele Kolleginnen und Kollegen in Radio Vatikan
mich und
meine Kolleginnen und Kollegen umarmten, als wären wir selbst
Papst geworden.
Selbst Techniker, die mich meist überhaupt nicht sehen und
beachten, sind auf
mich zugestürmt und haben mich umarmt. Ich wusste gar nicht, wie
ich mir
vorkam. Man wird also als Deutscher automatisch in einen Topf geworfen,
wie
wenn man selbst dieses Fußballspiel gewonnen oder Papst geworden
wäre. So kann
ich hier schon sagen: in Radio Vatikan schauen die Kolleginnen und
Kollegen
jetzt ein wenig mehr auf uns Deutsche als vorher. Vielleicht ist das ja
jetzt
auch in vielen anderen Bereichern so, dass Menschen wegen des deutschen
Papstes
jetzt mehr von Deutschland erwarten als sie vorher erwartet haben.
Vielleicht
kann man ja auch sagen: Die Wahl des Deutschen auf den Stuhl Petri ist
auch ein
Schlussstrich unter den Schuldspruch gegen Deutschland wegen der
Nazi-Verbrechen. 2.
Warum fehlt uns Hoffnung? Bevor
wir uns nun der Frage
zuwenden, ob und warum uns die Wahl von Papst Benedikt Hoffnung
vermitteln
kann, möchte ich ein wenig die Frage reflektieren, ob und warum
uns denn
Hoffnung fehlt. Fehlt Deutschland, fehlt Europa, fehlt den Christen in
Europa
Hoffnung? Und warum? Nun
die Formulierung, die Sie für
die Kurpfälzer Sozialtage gewählt haben „Den Menschen
Hoffnung geben“ legt
nahe, dass den Menschen Hoffnung fehlt, dass sie wenigstens ein wenig
mehr
davon haben könnten. Ja – wenn man so manche Statistiken liest,
kann man wohl
den Eindruck haben, dass vielen Menschen Hoffnung fehlt. Vor allem den
Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen oder zu stehen meinen,
die
Arbeitslosen, die Chancenlosen, die Menschen, die keine
Lebensperspektive
haben, weil sie zu wenig ausgebildet sind, weil sie in keinem reichen
oder
begüterten Elternhaus auf die Welt gekommen sind. Vielleicht aber
haben viele
Menschen auch wenig Hoffnung, weil sie zu wenig Lebenssinn sehen und
erfahren,
weil sie keine Perspektive haben – trotz Beruf und Arbeit und Geld. Ist
es
richtig, dass der Mensch eine längere, weitere Perspektive haben
muss, wenn er
Hoffnung haben soll. Dass er einen tieferen Sinn in seinem Leben sehen
muss,
wenn sein Leben von Hoffnung geprägt sein soll? Braucht er gar
Religion und
Glauben an einen Gott, der ihm Lebenshoffnung gibt? Vielleicht. Noch
möchte ich
nicht näher darauf eingehen. Vergleichen
wir unsere allgemeine
Lebenssituation mit einem gewissen Mangel an Hoffnung mit der
Lebensfreude und
Lebenslust vieler Menschen in ärmeren Ländern. Man muss sich
dabei immer wieder
wundern, wie arme Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika – trotz
aller
Armut – froh sind oder wenigstens scheinen. Sie scheinen voller
Lebenslust,
leben auch nicht nur für den täglichen Broterwerb, sondern
feiern Feste, sind
gastfreundlich, scheinen nicht an das Morgen zu denken. Das
sind zunächst nur Phänomene.
Kann der Unterschied in Freude und heimlicher Hoffnungslosigkeit damit
zusammenhängen, dass Menschen in reicheren Ländern nicht mehr
Kinder sind,
sondern Erwachsene und sich daher leichter Sorgen machen? Liegt es
daran, dass
wir nicht in den Tag hinein leben, sondern über den Tag hinaus
schauen? Oder
liegt es daran, dass wir den unmittelbaren Kontakt zum Leben verloren
haben und
vieles nur durch eine Brille sehen, während Menschen mit weniger
Entwicklungsgeschichte
hinter sich einfach ganz nahe zum Leben leben und sich daher des
einfachen
Lebendürfens freuen? Ich bin nicht berufen, darüber
tiefschürfende Antworten zu
geben. Eines aber möchte ich doch sagen: vielleicht liegt der
Zweifel an der
Zukunft und der korrespondierende Hoffnungsmangel am Fehlen von
Kindern. Wer
Kinder hat, wird gezwungen, Hoffnung in die Zukunft zu haben. Und
Kinder sind
gleichzeitig Zeichen dafür, dass jemand schon die Hoffnung
mitbringt und
aufgrund dieser Hoffnung Kindern Leben schenkt. Kinderlosigkeit
und
Hoffnungslosigkeit hängen wahrscheinlich zusammen. Und
kann man allerdings nicht
erwarten, dass Papst Benedikt nun plötzlich allen Paaren Kinder in
die Wiege
legt. Kann er auf andere Weise Hoffnung vermitteln? 3.
Benedikt und die Hoffnung. Auch
hier müssen wir wieder
zurückschauen. Der Mann, der jetzt Benedikt heißt, war
gerade für viele
Kirchenleute und Theologen ein „Buhmann“. Warum? War Ratzinger wirklich
der
Panzerkardinal? Ist er ein harter Fundamentalist? Ist er Scharfmacher?
Ein
intoleranter Theologenfresser? Ich
glaube, auf diese Fragen kann
man so nicht antworten. Er ist sicher einer, der es mit dem
katholischen
Glauben ernst nimmt. Aber ich denke, Papst Johannes Paul II. hat den
Glauben
ebenso ernst genommen. Nehmen wir als Anschauungsbeispiel den Umgang
mit der
Befreiungstheologie in Lateinamerika. Ratzinger hatte die Verantwortung
für
zwei Vatikandokumente, die diese Theologie im Großen und Ganzen
verurteilte.
Papst Johannes Paul II. hatte vor Bischöfen aus Brasilien gesagt:
die Theologie
der Befreiung ist eine gute und nützliche Sache. So erzählte
mir ein
brasilianischer Kardinal. Wie kann man diese beiden Dinge
zusammenbringen? Ich
vermute: Der damalige Papst meinte den Grundansatz, Kardinal Ratzinger
verurteilte nicht alles daran, aber einige zentrale Thesen, z.B. dass
die
menschliche Geschichte immer Klassenkampf, also materialistisch
geprägt ist.
M.E. wurde Ratzinger wenigstens teilweise ein Opfer der Medienlogik.
Diese
sagt. Schlechte Nachricht ist gute Nachricht. Also alles, was Aufsehen
erregt,
wird gemeldet, was kein Aufsehen erregt, wird nicht gemeldet, weil es
auch kein
Interesse dafür gibt. Und wenn man nun jahrelang immer nur
Aufsehen Erregendes
über eine Person berichtet, dann wird dieser Mensch zum Buhmann.
Daran ist
weder die Person schuld, noch der einzelne Journalist, sondern die
Medienlogik.
Beispiel: die meisten Medien melden Unfallstatistiken, weil die
Menschen
interessiert, wie viel auf Straßen passiert ist. Das ist gut so.
Aber man
könnte ja auch mal versuchen, die Logik zu ändern: Es
ließe sich ausrechnen,
wie viel Millionen ja Milliarden Menschen im Straßenverkehr
richtig reagiert
haben, sodass kein Unfall passiert ist. Man würde sich vielleicht
wundern wie
viele Millionen Menschen jeden Tag aufmerksam und gut und sogar sehr
gut
reagieren. Man könnte sich fragen, woher es kommt, dass der Mensch
so
aufmerksam ist, dass seine Augen, seine Nerven so wahnsinnig schnell
reagieren,
dass so selten was passiert. Man könnte nicht am Negativen
hängen bleiben,
sondern am Positiven. Ich kann das nicht vertiefen, aber wir
Medienmacher, zu
denen ich ja gehöre, sollten wirklich noch einmal gründlich
über unsere Arbeit
nachdenken, denn wir machen Meinungen, machen Stimmungen, machen
herausragende
Menschen kaputt oder groß. Und
was sage ich Ihnen, den
Mediennutzern: ich sage Ihnen: seien Sie bitte kritisch gegenüber
Ihrer
Tageszeitung. Seien Sie bitte sehr kritisch. Seien Sie vielleicht sogar
überkritisch. Vieles war in Ihrer Zeitung steht – vor allem wenn
es aus fernen
Ländern oder gar aus dem Vatikan kommt – ist nicht gerade falsch,
aber ist oft
einseitig. Z.B. sollte man eigentlich nie von progressiv oder
konservativ
sprechen. Diese Etiketten sind fast immer falsch. Ist die CDU oder die
SPD
heute konservativ oder progressiv? Sind Gewerkschaften oder Arbeitgeber
progressiv oder konservativ. Vielleicht verschont man heute schon diese
Einrichtungen vor diesen Etiketten, weil sie einfach nicht stimmen.
Aber ich
befürchte, dass man über einen Papst oder Bischof immer noch
sagen kann, er sei
progressiv oder konservativ. Das ist einfach dummes Zeug. Wenn ich
Ihnen jetzt
z.B. sage, dass Papst Benedikt im Vergleich zu seinem Vorgänger
mit weniger
Leuten spricht, wird dies wahrscheinlich als konservativ bezeichnet.
Sein Vorgänger
habe sich mit vielen und über vieles unterhalten und sei daher
progressiv und
modern gewesen. So ist dies einfach Unsinn. Johannes Paul war bei
seiner Wahl
58, Benedikt 78. Mit vielen Leuten sprechen, kostet Kraft, bedeutet
aber
keineswegs, dass die Einstellung anders ist. Viele Reisen machen, das
gilt
vielleicht als progressiv, weniger reisen als konservativ. Unsinn. Sie
können
ruhig einen Journalisten ablehnen, wenn er von konservativ oder
progressiv
spricht. Das sind dumme Etiketten. Zurück
zu Benedikt: Es könnte ja
sein, dass manche Positionen, die er heute vertritt, in zehn oder
zwanzig
Jahren von vielen gelobt werden, weil sich dann gezeigt haben wird,
dass sie
richtig waren. Verwechseln wir nicht unser Lebensgefühl mit der
Wahrheit.
Vertrauen wir manchmal, dass Kirchenleute auch weiter sehen können
als wir. Unsere
Frage: Kann Benedikt
Hoffnung geben? Was
Benedikt kann, ist,
hervorragend das Evangelium auslegen. Das wirkliche Evangelium, das
zwar
radikal ist, aber keine Drohbotschaft ist, sondern eine Frohbotschaft.
Wir
sollten nur ein wenig in seinen Schriften lesen, dann würden wir
sehen, wie er
Hoffnung aus dem Evangelium vermitteln kann. Ich
möchte dazu nur an seine
bisher einzige Enzyklika erinnern. Sie alle sollten sie lesen. Sie ist
verständlich.
Deus caritas est, heißt sie. Er geht dabei aus vom Eros, von der
geschlechtlichen Anziehung von Mann und Frau. Er verurteilt Eros
keineswegs,
sondern sagt, der Mensch ist eingeladen, wenn er Mensch sein und
bleiben will,
durch den Eros über den Eros hinauszuwachsen. Er ist eingeladen,
im Zuge der
eigenen Menschwerdung hinzuwachsen auf Agape. Eros ist nichts vom
Teufel,
sondern von Gott. Aber wer bei der Erotik stehen bleibt, bleibt ein
Kindskopf.
Und dann zeigt er, dass Kirche als Kirche zum Liebesdienst berufen ist.
Benedikt greift in seiner Antrittsenzyklika zwei Grundfragen der
heutigen
Menschheit auf: erstens wie steht es um Erotik und Liebe, und wie steht
es mit
dem Liebesdienst der Kirche. 4.
Woher kommt Hoffnung? Benedikt
kann Hoffnung stärken,
aber ich meine eher: Es zeigt tiefer liegende Gründe, die uns
Menschen, uns
Christen Hoffnung geben können. Es trifft sich – durch Gottes
Fügung – dass
Benedikt gerade dann gewählt wurde, als gewisse Parameter sich
änderten. Wir
nehmen – wenn manche Interpreten recht haben – teil an einer kleinen
Zeiten-
oder Einstellungswende. Das hängt damit zusammen, dass die
Menschen, die die
68-Generation geprägt haben, langsam alt werden. Es hängt
ferner damit
zusammen, dass auch diejenigen, die die vorkonziliare Kirche erlebt und
erlitten haben, alt oder älter werden. Es hängt damit
zusammen, dass der alte
Ost-Westkonflikt vorbei ist, aber wir einen clash of civilisations –
einen
Zusammenstoß zwischen dem so genannten Westen und der muslimisch
geprägten Welt
haben. Ich
kann leider nicht sehr ins
Einzelne gehen, sondern muss ein bisschen schwarz-weiß malen. Gescheite
Menschen sprechen heute
von der Wiederkehr der Religionen. Schöner sollte man vielleicht
sprechen von
der Wiederentdeckung der Religion. Religion wird wieder hoffähig,
während sie
eben durch die Aufklärung und ihre Folgen als überholt
angesehen wurde. Nicht
nur dass religiöse Phänomene bei einfachen oder auch weniger
einfachen Menschen
unausrottbar scheinen. Auch die Argumente und Waffen der scharfen
Denker gegen
Religion werden immer schwächer und stumpfer. Ich
möchte hier vor allem ein
kleines Büchlein heranziehen, das ich Ihnen herzlich empfehle. Es
stammt aus
der Feder vom Chefredakteur von Cicero, Wolfram Weimer. Dieser Mann und
seine
Zeitschrift sind beachtenswert. Fragen Sie im Wust der
Bahnhofsbuchhandlungen
nach „Cicero“, die monatlich erscheint und schenken Sie jemandem ein
Jahresabonnement, dann haben Sie mehr getan als einen Nackten zu
bekleiden. Also
Wolfram Weimer zitiert in
dem Büchlein „Credo“ aus der Shellstudie des Jahres 2002. Demnach
ist bei
Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren Glauben ganz hoch im Kurs.
Glauben – so
heißt es - sei „in“ bei 61 Prozent der Jugendlichen. Was das
bedeutet kann man
nur ersehen aus anderen Bereichen, die auch „in“ bzw. weniger gefragt
sind.
Sich selbständig machen ist erfreulicherweise ebenso gefragt wie
Glauben.
Wesentlich weniger gefragt ist allerdings das Heiraten und sind die
Aktien. Sie
werden von 40 bzw. 39 Prozent als „in“ bezeichnet. Zum Vergleich:
Bioläden
werden von 32 Prozent als „in“ bezeichnet, Bürgerinitiativen von
26, sich in
Politik einmischen und Drogen von 25 Prozent. Schön, dass Religion
und Glauben
so hoch im Kurs stehen, schade oder schlimm, dass Politik und
Bürgeriniativen
so schlecht abschneiden. Es wäre gut, wenn junge Leute nicht nur
gen Himmel
schauten, sondern auch gen Erde, gen Gemeinwesen. Hier
nur noch ein paar besonders
interessante Aussagen von Wolfram Weimer. Ich zitiere: „Gerade
die Zunft der
Naturwissenschaftler mit ihren Grenzerfahrungen in der Forschung
diskutiert
immer lauter die religiöse Dimension ihrer Erkenntnis…Nach manchen
Konzeptionen
ist Gott nicht als eine äußere Kraft anzusehen, die Wunder
wirkt und über den
Weltengang wacht, sondern er ist immer und überall präsent.
Der pantheistische
Zug der hoch entwickelten Naturwissenschaft ertscheintden Philosophen
so, als
käme die durch die Hintertür der Vernunft erledigte Religion
durch die
Vordertür der Naturwissenschaft wieder zurück…. Dieser Trend,
dass ausgerechnet
aus wissenschaftlicher Arbeit ein stark religiöser
Erkenntnisimpuls erwächst,
dürfte sich im 21. Jahrhundert verstärken.“ (Credo Seite 45)
Also nicht nur die
möglicherweise romantische Sehnsucht von jungen Leuten nach
Glauben, Religion,
Festhalten am Unsichtbaren oder gar Mystik, sondern auch
Religionsentdeckung
durch Naturwissenschaftler. Da ich persönlich eher zu den 68-ern
gehöre, muss
ich sagen: Wir haben uns was vorgemacht oder herbeigewünscht. Und
ein Detail dazu: wer glaubt
an die Existenz Gottes? In Deutschland sind dies wesentlich weniger als
in den
USA und anderen Ländern. Aber dieser Glaube ist auch in
Deutschland gewachsen.
Nach der Europäischen Wertestudie von 2003 glaubten an einen
persönlichen Gott In
Ostdeutschland sieht es leider
schlechter aus, aber auch dort bewegt sich etwas; 1990
waren es dort 14 Prozent,
1999 waren es 19 Prozent. Und
noch eine Zahl. Nach einer
Gallup-Untersuchung glauben 14 bis 19-jährige zu fast 80 Prozent
an Gott (nicht
ausdrücklich an einen persönlichen Gott), 40 bis
49-jährige nur zu 58 Prozent.
Also die Jugend glaubt mehr an Gott als Ältere. Und der Glaube an
ein Leben
nach dem Tod. Da sieht es in den verschiedenen Ländern Europas
sehr
unterschiedlich aus: In Polen glauben an ein Leben nach dem Tod 97
Prozent, in
Deutschland immerhin 67 Prozent, also etwa zwei Drittel, in Tschechien
sind es
nur 37 Prozent, in den Niederlanden etwas mehr 51 Prozent. Nach
allem, was die
Sozialwissenschaftler sagen, ist Religion wieder im Kommen. Nicht nur
beim
einfachen Volk, sondern vielleicht gerade und erst recht bei
Naturwissenschaftlern. Wer religiös ist, ist modern und braucht
sich nicht zu
schämen. Freilich führt diese Religiosität nicht direkt
in die Kirchen, im
Gegenteil: wenn Sekten wach sind, fangen sie diese Sehnsucht und die
Menschen
auf. Kirchen müssen gut sein, dann kommen die Menschen. Aber
gerade auch in
kirchlichen Schulen schlägt sich die Trendwende nieder: Wolfram
Weimer
schreibt: In Deutschland erfreuen sich die Privat- und Klosterschulen
regen
Zulaufs, die klassischen Internate und Gymnasien, die den Kernbestand
unserer
Kultur wieder zum Zentrum ihrer Bildungsmühen machen und nicht
deren Negation. Wir
fragen nach Benedikt. Er
schwimmt auf einer Welle, die er nicht gemacht, die er aber
verstärken kann.
Und wenn wir mithelfen, können wir Mitverstärker sein. Wie
zeigt sich in Rom der
Interesse an ihm und der Religion? Jeden Mittwoch gibt es
Generalaudienz, an
der alle teilnehmen können, die wollen. Im Schnitt kommen jede
Woche so etwa
30.000 Menschen. Viele Junge, viele aus deutschsprachigen Landen. Ich
interpretiere dies nicht nur durch die Liebe und Hochachtung für
Benedikt, sondern
auch durch die Neugierde vieler, die um Ostern letzten Jahres viel auf
den
Petersplatz geschaut haben und nun auch mal dorthin wollen. Wir
fragen also: Woher kommt
Hoffnung? Je
nachdem, woher wir kommen,
lautet die Antwort ein wenig verschieden: Manche
Menschen mögen Hoffnung
haben, weil sie sehen, dass Religion zu ihrer großen Freude
wieder kommt. Das
gibt Hoffnung auch für Kinder und Enkel. Andere begründen
ihre Hoffnung nicht
nur auf dieses soziale Phänomen. Sie freuen sich darüber.
Aber letztlich kommt
die Hoffnung aus dem Glauben daran, dass Gott die Welt in der Hand
hält, dass
gerade auch dunkle, geistlose und gottlose Zeiten nicht von ihm
vergessen und
verlassen sind. Hoffnung kommt aus dem Glauben, dass Gott bei uns ist –
gerade
auch in dunklen Stunden. Wer Glauben hat, hat auch Hoffnung. Wer keinen
Glauben
hat, dem fällt sicher Hoffen schwerer. Und da nun Papst Benedikt
auch ein
hervorragender Glaubensverkünder ist, ist er auch ein
Hoffnungszeichen. Ein
Hoffnungszeichen ist, dass viele Menschen ihn hören, ihm
aufmerksam zuhören,
ihm Vertrauen schenken, dass seine Bücher und Schriften gelesen
werden.
Hoffnung schenkt er auch dadurch, dass er im Allgemeinen sehr
verständlich
schreibt und spricht. Man kann Papst Benedikt leicht verstehen. Das
gilt nicht
nur wenn er predigt, sondern auch wenn er gescheite Dinge schreibt.
Benedikt
gibt nun gerade uns Deutschen Hoffnung, weil wir stolz sind auf ihn.
Ich
wünsche mir aber, dass unser Glaube und unsere Hoffnung nicht
davon abhängen,
dass wir einen Landsmann, womöglich
noch
einen Bayern in Rom auf dem Stuhl Petri haben. Wir sollen auch Glauben
und
Hoffnung haben, wenn der nächste Papst ein Chinese oder Tibeter
oder Australier
ist. Was sollen die armen Franzosen sagen, wenn sie keinen Papst ihrer
Nation
haben. Uns Deutschen, die wir uns mit Rom manchmal besonders schwer
tun,
schwerer als andere Völker, uns Deutschen ist nun die Gnade
geschenkt, dass wir
mit besonderer Neugier nach Rom schauen und uns inspirieren lassen
können. Vor
allem alle, die bisher Ratzinger eher skeptisch gegenüber standen,
sollten ihm
eine Chance geben. Wer eine solche Gnade bekommt, der ist auch
besonders
gefragt. Was also sollen wir tun – angesichts eines deutschen Papstes? 5.
Was sollen wir tun? Wir
haben die Chance, auf der
Welle von Papst Benedikt die Welt ein wenig heller zu machen. Worin
kann das
bestehen? Schauen
wir möglichst genau hin,
hören wir möglichst genau zu, was Benedikt sagt. Es lohnt
sich. Wenn wir
ehrlich sind, wissen wir ja sehr vieles über die Bibel, das
Christentum, die
Kirche nicht. Rom macht uns neugierig, nutzen wir die Chance, unsere
Wissenslücken zu schließen. Dazu gehört schon einmal,
dass man weiß, wie man
Papst schreibt. Unzählige, die mir mails schicken, schreiben Papst
mit einem b
in der Mitte. Das ist falsch. Und dann sagen manche: wie kann ein Papst
unfehlbar sein? Klar, er ist es ja auch nur, wenn er in Sachen Glauben
und
Sitte in feierlicher Form etwas für die ganze Kirche
verkündet. Das ist seit 50
Jahren nicht geschehen. Und dann sagen viele: warum dürfen
Protestanten
nicht die Kommunion empfangen. Die Frage kann man verstehen, aber wenn
man sich
ein bisschen informiert hat, kennt man wenigstens die Argumente, die
dagegen
sprechen, auch wenn man sie nicht annehmen kann. Viele Getaufte sind
kirchliche
Analphabeten – woran möglicherweise auch die Pfarrer schuld sind.
Aber wir
haben als Christen schon die Pflicht uns up-to-date zu halten. Wenn wir
in
anderen Bereichen uns ständig weiterbilden müssen, dann
dürfen wir in Sachen
Kirche nicht Kindsköpfe bleiben. Also: Benedikt gibt uns die
Chance und auch
die Verpflichtung, uns wenigstens über das Allerwichtigste unseres
Glaubens zu
informieren. Konkret: kaufen Sie sich Benedikt-Bücher.
Anspruchsvoll ist seine
„Einführung ins Christentum“. Aktuell ist sein Büchlein
„Werte in Zeiten des
Umbruchs“ oder sein Interviewbuch „Salz der Erde“ oder etwas
Anspruchsvolles
„Glaube, Wahrheit, Toleranz, das Christentum und die Weltreligionen“. Was
sollen wir tun: Achten auf
das, was die Medien – Zeitungen, Radio, Fernsehen – berichten und
fragen uns
kritisch, ob das, was wir lesen oder hören, stimmen kann. Bitte
werden Sie
kritisch, wenn Sie es nicht schon sind. Meist meinen wir, kritisch zu
sein und
fallen doch auf Einseitigkeiten rein. Meist sind die Sachen ja nicht
falsch, die
wir erfahren, aber sie werden einseitig dargestellt. Vielleicht
sollen wir unsere
Bistumszeitung, die wir vor Jahren abbestellt haben, wieder abonnieren.
Vielleicht merken wir gar nicht, wie der Grundwasserspiegel unserer
Information
gesunken ist. Vielleicht
sollten Sie den
Newsletter von Radio Vatikan abonnieren. Er kostet nichts und hält
sie auf dem
Laufenden. Bestellen Sie ihn per Mail bei Radio Vatikan oder notieren
Sie hier
die Anschrift. Entschuldigen
Sie, wenn ich so
praktisch – ja geradezu pragmatisch werde. Eines Tages könnten wir
von Menschen
oder auch von Gott gefragt werden: Sie haben durch die Wahl von Papst
Benedikt
einen Denkanstoß bekommen. Was haben Sie damit gemacht. Haben Sie
nur
mitgejubelt oder haben Sie die Substanz dieser Wahl ernst genommen?
Haben Sie
sich weiterhin zu denen gehalten, die Benedikt-Ratzinger für eine
Zumutung
hielten. Wenn Sie die Richtigkeit dieser Zumutung geprüft haben,
dann bitte,
wenn Sie aber einfach das nachgesprochen haben, was andere vorsagten,
dann
haben Sie Ihre moderne Verantwortung nicht wahrgenommen, sind Sie nicht
reif
gewesen. Wir
haben die Möglichkeit, uns zu
informieren, wir haben Lesen und Schreiben gelernt, wir haben Zeitung,
Radio
und Fernsehen. Wehe, wenn wir diese wunderbaren
Kommunikationsinstrumente nur
zur Unterhaltung nutzen. Und
dennoch: lassen Sie uns ruhig
ein wenig hin- und mitreißen. Auch wenn der Papst aus Bayern
stammt und wir
nicht diese Gnade haben, aus Bayern zu kommen, so dürfen wir uns
doch über den
bayrischen Tellerrand beugen und ihm, dem Papst auf die Finger schauen.
Wir
werden merken, wie liebevolle und zarte Hände er hat. Ich danke
Ihnen Der Papst - die Werte und die Medien
Der Papst - die Werte und die Medien Vortrag in Düsseldorf am 22. Februar
2008 und Berlin am 25. Februar 2008
Pater Eberhard v. Gemmingen SJ Vor 50 Jahren wurde der
Ruf erfunden: Quer durch die
Alpen gellt ein Schrei „Zimmer frei“. Seit einigen Jahren hallt es
durch
Europa: „Rettet Europa, Werte herbei!“ Kein Wunder,
jahrzehntelang haben wir zugeschaut, wie
primäre und sekundäre Tugenden und Werte lächerlich
gemacht und als spießig
bezeichnet worden sind. Anstand, Disziplin, Respekt und vor allem
Religion
galten als überholt und unnötig. Und jetzt haben wir das
Malheur. Eigentlich
ist es ja erstaunlich, dass es immer noch Menschen gibt, die meinen,
der Papst
könne etwas reparieren, er solle seine moralische Autorität
einsetzen. Denn
allein mit Polizei geht es auch nicht. Sie kostet auch zu viel. Ich möchte
versuchen, die Möglichkeiten des Papstes zur
Rettung und Wiedergewinnung grundlegender Werte aufzuzeigen. Erwarten
Sie sich
bitte nicht zu viel – weder von mir noch vom Papst. Eine Chance dazu hat er,
wenn er am 19. April in New York
vor der UNO spricht. Ich bin gespannt darauf, was er da sagen wird. Es
geht
dabei sicher um Gerechtigkeit und Frieden, vor allem Frieden zwischen
den
Religionen. Und ich vermute, er wird sagen: solange wir uns nicht
ernstlich um
grundlegende Werte, vor allem den Respekt vor der Menschenwürde,
bemühen, sind
alle anderen Anstrengungen ohne Fundament. Und diesen Respekt vor der
Menschenwürde – so vermute ich die Argumentation des Papstes –
gewinnt der
Mensch am leichtesten und am grundlegendsten, wenn er wieder ernsthaft
nach
Gott fragt. Ich vermute: seine Grundthese könnte sein: Nur wenn
die Menschheit
zurückfindet zu einer Verantwortung vor einer transzendenten
Autorität, vor der
sie Rechenschaft geben muss, nur dann ist sie in der Lage den Elenden
dieser
Erde Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, eine Friedensordnung zu
bauen, die
Erde und ihr Klima nicht zerstören. Wer Papst Benedikt ein wenig
verfolgt, hat
all diese Themen schon lange bei ihm gehört. Und weil ich nun
weiß, dass man sich den Inhalt einer
Rede leichter merkt, wenn man ihn gut gliedert, so fasse ich meine
Gedanken in
zehn Punkte - oder wenn man will auch – in zehn Thesen. Aber für
die Erinnerung
ist diese Gliederung günstiger. Erstens: Die
meisten Papstthemen, die in Deutschland diskutiert werden, sind relativ
unwichtig.
So z.B. die
Wiedererlaubnis der tridentinischen Messe. Manche sagen dazu
lateinische Messe.
Das ist ein Missverständnis, denn auch die nachkonziliare Messe
konnte und
sollte immer auch auf Latein gefeiert werden. Relativ unwichtig ist
auch das
Wohlwollen von Papst Benedikt für Bischof Müller von
Regensburg, selbst die
Berufung von Bischof Marx ist nicht soo wichtig. Relativ unwichtig ist
sogar
die Erklärung über das Kirchesein der evangelischen Kirche,
denn das war in der
Form eine vermeidbare Panne. Relativ unwichtig ist auch die
Verurteilung des
Befreiungstheologen Jon Sobrino, Das meiste, was von deutschen Medien
aus Rom
berichtet wird, sind peanuts, nicht wirklich wichtig. Zweitens: Papstthemen,
die
die Zukunft Europas oder gar der Menschheit betreffen, werden kaum
vermittelt.
Und von ihnen wird fast gar nicht gesprochen. Ein paar Beispiele: Vor
kurzem hat der Papst seine
Botschaft zum Mediensonntag 2008 veröffentlicht. Darin vertritt er
erstaunliche
Thesen, die eigentlich diskutiert werden müssten. Wörtlich
schreibt der Papst „Die
Menschheit steht heute an einem Scheideweg. Man muss
sich im Bereich der Medien fragen, ob es klug ist zuzulassen, dass die
Kommunikations-mittel einer wahllosen Selbstdarstellung unterworfen
sind oder
in die Hände von Leuten gelangen, die sich ihrer bedienen, um die
Gewissen zu
manipulieren: Sollte man nicht vielmehr sicherstellen, dass sie im
Dienst der
Menschen und des Gemeinwohls verbleiben? Ihre außerordentliche
Auswirkung im
Leben der Menschen und der Gesellschaft ist eine weithin anerkannte
Gegebenheit…. In immer ausgeprägterer Weise scheint die
Kommunikation heute
gelegentlich den Anspruch zu erheben, die Wirklichkeit nicht nur
abzubilden,
sondern dank der ihr innewohnenden Macht und Suggestionskraft zu
bestimmen. Es
ist z. B. festzustellen, dass bei manchen Gelegenheiten die Medien
nicht für
eine korrekte Informationsfunktion benutzt werden, sondern die
Ereignisse
selbst „schaffen“…. Gerade weil es sich um Realitäten handelt, die
tiefe
Auswirkungen in allen Bereichen des menschlichen Lebens (moralisch,
intellektuell, religiös, im Bereich der Beziehungen und
Gefühle, kulturell)
haben und das Wohl der Menschen aufs Spiel setzen, ist zu betonen, dass
nicht
alles, was technisch möglich ist, auch ethisch durchführbar
ist. Die Wirkung
der Kommunikationsmittel auf das Leben der Zeitgenossen wirft daher
unausweichlich Fragen auf, die Entscheidungen und Antworten erwarten,
die nicht
länger aufgeschoben werden können.“ (Nr.39) Auch
wenn man nicht in allem mit dem Papst
übereinstimmt, so werden doch nachdenkliche Menschen kaum leugnen
können, dass
in den Medien, vor allem beim Fernsehen manches sehr schief läuft.
Und wer
spricht es laut aus? Wenigstens der Papst. Aber wer nimmt es zur
Kenntnis? Für
die meisten Medien ist es viel zu anspruchsvoll. Der Papst
schlussfolgert:
„Einige denken, dass heute in diesem Bereich eine „Info-Ethik“ ebenso
notwendig
ist wie die Bio-Ethik im Bereich der Medizin und der wissenschaftlichen
Forschung, die mit dem menschlichen Leben zu tun hat.“
In welcher Zeitung haben Sie das gelesen? Ein weiteres Beispiel:
Die nicht gehaltene Rede des
Papstes in der römischen Sapienza-Universität. In ihr wollte
der Papst vor dem
reinen Wissens-Positivismus warnen. Er hat die Rede schriftlich dorthin
geschickt, sie wurde verlesen. In ihr heißt es wörtlich: „Der Mensch will erkennen
– er will Wahrheit. Aber
Wahrheit meint mehr als Wissen: Die Erkenntnis der Wahrheit zielt auf
die
Erkenntnis des Guten. Manches, was von Theologen im Laufe der
Geschichte gesagt
oder auch von kirchlicher Autorität praktiziert wurde, ist von der
Geschichte
falsifiziert worden und beschämt uns heute…. Die
Gefahr der westlichen Welt – um nur davon zu sprechen – ist es heute,
dass der
Mensch gerade angesichts der Größe seines Wissens und
Könnens vor der
Wahrheitsfrage kapituliert. Und das bedeutet zugleich, dass die
Vernunft sich
dann letztlich dem Druck der Interessen und der Frage der
Nützlichkeit beugt,
sie als letztes Kriterium anerkennen muss. Von
der Struktur der Universität her gesagt: Die Gefahr ist, dass die
Philosophie
sich ihre eigentliche Aufgabe nicht mehr zutraut und in Positivismus
abgleitet;
dass die Theologie mit ihrer an die Vernunft gewandten Botschaft ins
Private
einer mehr oder weniger großen Gruppe abgedrängt wird.
Aber wenn die
Vernunft aus Sorge um ihre vermeintliche Reinheit taub wird für
die große
Botschaft, die ihr aus dem christlichen Glauben und seiner Weisheit
zukommt,
dann verdorrt sie wie ein Baum, dessen Wurzeln nicht mehr zu den
Wassern
hinunterreichen, die ihm Leben geben.“ Man kann natürlich
sagen, das seien keine vitalen Fragen,
sondern nur Überlegungen für Theoretiker. Wenn wir diese
Meinung einfach so
akzeptieren würden, muss man sich nicht wundern, wenn Jugendliche
gewalttätig
sind, wenn sie sich betrinken, wenn sie in der Schule nichts lernen
wollen. Und noch ein Beispiel:
Warum konsumiert die Menschheit
ihre Erde, samt ihrem Klima wie ein Butterbrot? Weil sie vergessen hat,
was der
Mensch eigentlich ist, nämlich ein abhängiges Geschöpf
Gottes. Weil sie Gott
verloren hat, hat sie Maßstäbe verloren. Gegen den Einwand,
das sei ja nur
christlich argumentiert, würde der Papst sagen: alle Hochkulturen
haben mit
einer Gottheit, mit Gott, mit der Verantwortung vor einer
transzendenten Macht
gerechnet. Dadurch wurden sie Hochkulturen. Wer Gott aus dem
öffentlichen
Bewusstsein streicht, muss sich nicht wundern, wenn dann die
Maßstäbe für das
Handeln verloren gehen. Die Menschheit wird maßlos, plündert
den Planeten,
vernichtet, verzehrt sich selbst. Und ein letztes Beispiel
für Themen des Papstes, die
eigentlich durch die Medien gehen müssten: zwei Tage vor seiner
Wahl auf den
Stuhl Petri hat der damalige Kardinal Ratzinger bei einem Vortrag in
Subiaco
gesagt: Die Menschheit hat technisch ungeheuer viel gelernt: nicht nur,
dass
sie zum Mond und zu den Planeten fliegen kann, sie kann eigentlich auch
den
Menschen von morgen neu bauen, erschaffen. Sie ist nahe daran, es dem
Schöpfer
gleich zu tun. Aber die moralischen Kräfte sind nicht mit
gewachsen. Die
Menschheit weiß nicht mehr, was gut und böse ist, was gut
ist für den Menschen
und was schlecht, was sie also darf. Darf sie den Menschen, sein Erbgut
umbauen. Ist das gut, ist das nützlich. Was für einen Sinn
hat es? These zwei: Der Papst hat
wichtige Themen, die an der
Öffentlichkeit nahezu spurlos vorbeirauschen. Viele von uns lassen
sich
einlullen mit kirchlichen peanuts und merken kaum, worum es wirklich
geht. Drittens:
Erstaunlicherweise hält die katholische Weltkirche zusammen. 1,1 Milliarden nennen
sich katholisch. Indirekt sagen sie
damit auch, dass der Papst in Rom ihr Chef ist. Die meisten von ihnen
werden
nicht viel darüber nachdenken, manche von ihnen hätten lieber
keinen Chef in
Rom. Die allermeisten haben das Katholischsein nicht gewählt,
sondern wurden
ohne ihr Wissen von ihren Eltern getauft und bleiben eben katholisch,
weil es
so üblich ist. Dennoch ist es ein erstaunliches Phänomen,
dass ein
soziologisches Gebilde von dieser Größe ohne besondere
Zwangsmaß-nahmen zusammenhält.
Und dies angesichts von zentrifugalen Kräften: Nationalismen sind
groß,
Partikularismen gedeihen. Ich denke, rein soziologisch ist es nicht
ganz
langweilig, sich darüber Gedanken zu machen, warum die katholische
Weltkirche
bei sehr begrenzter Verwaltungskraft dennoch zusammenhält. Meine Ansicht: ohne
Papsttum wäre die katholische Kirche
längst in viele Teile zerfallen. Man mag vieles an Rom
kritisieren. Dass das
Papsttum dann doch sein Gutes hat, lässt sich vom
organisatorischen Standpunkt
aus nicht leugnen. Vielleicht ist nicht allgemein bekannt, dass die
national
organisierten orthodoxen oder altorientalischen Ostkirchen keinerlei
Einheit
bilden und nicht daran denken, sich zusammen zu tun. Seit Jahrzehnten
ringen
sie um ein gesamtorthodoxes Konzil – ohne Erfolg. Die nationalen und
partikulären Kräfte sind übergroß. Im Westen
gedeihen die unabhängigen
Freikirchen – je nach Land, je nach Gruppe, je nach Charisma. Von
Einheit keine
Spur. Dagegen ist die katholische Kirche ein relativ geschlossener
Block. Woher kommt das? Kommt es
einfach von der Tradition? Oder
daher, dass von Rom nur solche Priester zu Bischöfen gemacht
werden, die sich
Rom unterordnen. Kommt es daher, dass nur Männer zu Priestern
geweiht werden?
Frauen wären aufmüpfiger. Kommt es daher, dass nur
Zölibatäre Priester werden
können? Sicher haben alle diese Gründe etwas zu bedeuten.
Dennoch wage ich zu
behaupten: die Zentrierung durch den Papst und durch Rom hat zwar
manchmal
problematisch Züge, ist aber im Grunde genommen auch soziologisch
gut.
Freilich: die Form der Zentralität müsste heute neu gefunden
werden, gerade
damit sie nicht durch Übertreibung zerbricht. These drei:
Erstaunlicherweise hält die Gemeinschaft von 1,1 Milliarden
Menschen in der
katholischen Kirche zusammen. Viertens:
Die katholische Kirche wächst, wenn auch nicht so schnell wie die
Weltbevölkerung. Also: im Vergleich zur
Weltbevölkerung wird die
katholische Kirche immer kleiner. Kommt dazu, dass die katholische
Kirche in
Europa ausgesprochen schwächelt. Aber sie wächst im
Süden. Ich beziehe mich
hier vor allem auf Angaben von Professor Philipp Jenkins von der
Pennsylvania
State University in den USA: Er schreibt: „Von 2004 bis 2050 – so die
Schätzungen – wird die katholische Bevölkerung wachsen in
Afrika um 146 Prozent,
in Asien um 63 Prozent, in Lateinamerika und der Karibik um 42 Prozent
und in
Nordamerika um 38 Prozent, während Europa einen Rückgang von
6 Prozent für den
gleichen Zeitraum verzeichnen wird.“ weiter schreibt Jenkins:
„Insbesondere in
Afrika nahm der Anstieg der Katholiken fast dramatische Züge an,
vor allem in
ehemaligen Territorien der Franzosen und Belgier. Es sind nur 50 Jahre
her, als
die katholische Kirche die Zahl der Katholiken im gesamten Afrika mit
16
Millionen angab. 1978 waren es bereit 55 Millionen und heute etwa 140
Millionen. Im gesamten 20. Jahrhundert wuchs die katholische
Bevölkerung
Afrikas um 6.700 Prozent, der schnellste und größte Anstieg
der je in der
Geschichte der Kirche verzeichnet worden ist. Heute machen die
Afrikaner ein Achtel
der katholischen Weltbevölkerung aus, und im Jahr 2025 werden die
230 Millionen
afrikanischer Katholiken ein Sechstel aller Katholiken weltweit
ausmachen. Das
20. Jahrhundert war mit Sicherheit des letzte, in dem Weiße die
katholische
Kirche dominierten.“ (Forum Weltkirche 1/2007) Sie mögen sagen:
wenn Afrikaner, Asiaten und
Lateinamerikaner mal reicher werden, werden sie die Religion auch
abstreifen
wie früher die Europäer. Mag sein. Religion hat keine
Erfolgsgarantie, auch
nicht von Jesus Christus. Aber Religion ist gut für Kultur,
Zusammenleben, das
Menschsein. Vielleicht geht in Europa heute manches schief, weil
Religion zu
lange als überflüssig angesehen wurde. These vier:
Die katholische Weltkirche wächst. Es geht uns aber immer
noch um die Werte und was Papst
Benedikt für ihre Erhaltung tun kann. These fünf:
Papst Benedikt ringt primär um Europa und seine Werte, denn von
ihnen hängt
seiner Meinung nach auch das kulturelle Schicksal der anderen
Kontinente ab. Dass es Benedikt
primär um Europa geht, sieht man erstens
an der Wahl seines Namens: Benedikt ist der Patron Europas. Und wer
auch nur
eine kleine Ahnung hat, wie und warum Europa der weltweit führende
Kulturkontinent geworden ist, der weiß auch um die Rolle des
heiligen
Benedikts, seiner Regel, seiner Klöster, seiner Nachfahren, der
Zisterzienser,
ihrer Rodungsarbeiten, weiß, dass die Klöster die geistigen
Schätze des
Altertums gerettet haben. Aufklärung konnte nur geschehen, weil
Klöster
vorausgedacht haben. Benedikt geht es um
Europa. Das sieht man, wenn man seine
wichtigsten Schriften als Kardinal und als Papst liest. Man mag es
bedauern,
dass er in seinen Enzykliken und Reden sich kaum mit den Theologien
Asiens,
Afrikas und Lateinamerikas auseinandersetzt. Sie sind ihm vielleicht
auch innerlich
fremd. Aber ich bin davon überzeugt: Er ist der Ansicht: Wenn
Europa seine von
Antike, Christentum und der Aufklärung geprägten Geist und
entsprechend seine
Seele verliert, dann verlieren auch Asien, Afrika und Amerika sehr
viel. Die
jungen Kontinente und ihre Kulturen wünschen sich ja die
Grundüberzeugen, die
in Europa durch viele Leiden gewachsen sind: unantastbare
Menschenwürde - basierend auf der vom
Christentum
entdeckten Überzeugung der Gottebenbildlichkeit jedes Menschen.
Unantastbare
Menschenrechte, Rechtsgleichheit von Mann und Frau, Lebensrecht von der
Empfängnis bis zum natürlichen Tod, Demokratie. Auch wenn
Asien, Afrika und
Amerika andere Traditionen haben, die Europa respektieren muss und
nicht
zerstören darf, so wird doch weltweit erkannt, dass in Europa
vieles relativ
besser läuft, vor allem was Respekt vor der Menschenwürde und
vor der Freiheit
des Menschen betrifft. Benedikt würde sagen: Wenn Europa sich
selbst, seine
Wurzeln, seine Seele verliert, dann verliert die ganze Welt viel. Und
wohlgemerkt: Für Benedikt zählt eben dann nicht nur Glaube,
sondern ebenso
Vernunft, nicht nur Gehorsam und Disziplin, sondern auch Freiheit. Das
Klischee: Benedikt rudert zurück ist einfach zu kurz. Hiermit sind wir schon
bei den Werten. Aber wir müssen
noch tiefer bohren. Daher These sechs:
Die Katholiken können ihren Beitrag für Ökumene, Dialog
mit dem Islam, Dialog
mit der modernen Welt, Auseinander-setzung mit Naturwissenschaft und
Technik,
nur leisten, wenn sie ihr Eigenes, ihren Glauben, Jesus Christus
wirklich
kennen. Ich habe die Vermutung,
Benedikt befürchtet, dass viele
getaufte Katholiken nur eine sehr oberflächliche Ahnung vom
Christentum haben.
Ich vermute, er hat Recht. Wer beobachtet, was er predigt, sagt und
schreibt,
kann leicht erkennen: es geht ihm in seinen Worten an getaufte
Katholiken um
das Einfachste und Zentralste. Zeugnis davon ist sein Buch über
Jesus von
Nazareth. Er will darin wohl sagen: die modernen Exegeten haben so viel
in
Frage gestellt, was die Christen jetzt verunsichert. Er möchte
dagegen halten,
was wir dennoch über Jesus Christus sicher wissen und glauben
können. Auch wenn
die Exegese manches Gute gebracht hat, so darf sie dennoch das Zentrale
nicht
zerstören, die Gestalt Jesu Christi, seine Botschaft, seine
Geschichte. Und dann hat er bei den
Generalaudienzen anfangs über die
Apostel, dann über die Kirchenväter gesprochen. Er will ganz
einfach in
Erinnerung rufen, was grundlegend ist für den Glauben, der ja
nicht erst
gestern angefangen, sondern eine wunderbare lange Geschichte hat. Er
will die
Schätze des Glaubens heben, damit die Getauften so wie er
erkennen: der Glaube
ist keine Last, sondern gibt Flügel – das seine Formulierung. Und drittens in diesem
Zusammenhang: Seine zwei ersten
Enzykliken zeigen ins Zentrum: erstens „Gott ist die Liebe“. Daher gilt
auch:
Die sexuelle Anziehung der Geschlechter, Eros ist von Gott geschaffen.
Und die
Kirche muss als erstes Liebe sein und Liebe verkünden. Banalste
Wahrheit, aber
offenbar nicht im Bewusstsein. Und dann die Enzyklika über die
Hoffnung: Mit
gefällt daran am besten seine These: Die Menschheit hat vor 300
Jahren
angefangen darauf zu hoffen, dass mit der Entmachtung der Kirche und
der
Thronbesteigung der Vernunft, mit der bürgerlichen, der
französischen Revolution
und dann der sozialistischen, marxistischen Revolution das Reich der
Freiheit,
der Gerechtigkeit und des Glückes hereinbricht. Große
Enttäuschung, die
Menschen sind immer noch egoistisch, verhalten sich unvernünftig
und ungerecht.
Also: Hoffnung auf Fortschritt ist schon recht, aber das Menschenherz
sucht
mehr, vom rein Soziologischen und Rationalen kann menschliche Hoffnung
nie ganz
befriedigt werden. Wer Hoffnung auf Gott hat, besteht Welt und Ihre
Dramatik
wesentlich besser. Setzt Eure Hoffnung auf Gott und es wird euch besser
gehen. Kurz: der Papst weist die
getauften Katholiken auf
Zentrales. Er rudert auch hier nicht zurück, sondern zeigt seine
Überzeugung:
Vor der Kirche liegen die Aufgaben der Kircheneinheit, des Friedens mit
dem
Islam, des rationalen Umgangs mit Wissenschaft und Technik. Aber sie
wird das
alles nur gut anpacken können, wenn sie wirklich aus ihrer Mitte
lebt, aus
ihrem Glauben an Jesus Christus. Wenn sie ihr Eigenstes nicht kennen,
dann ist
alle andere Bemühung Windhauch. Vielleicht ist Papst
Benedikt zu skeptisch, psychologisch
zu nahe am Pessimismus. Vielleicht. Aber wenn man ein wenig genauer
hinschaut,
dann kann man ihm nicht einfach vorwerfen, er rudere zurück oder
Ähnliches. These
sieben: Der Vatikan ist ein relativ kleines Zentralorgan für die
Leitung einer
milliardenschweren Weltkirche. Wenn man Vertreter von
Regierungen und großen
Verwaltungsbehörden fragt, wie sie den Vatikan beurteilen, dann
sagen sie oft:
erstaunlich, wie der Vatikan mit ziemlich wenigen Personen effizient
arbeitet.
Ich gebe diese Ansicht nur wieder. Da ich in Rom lebe, kenne ich auch
die
Grenzen besser. Die Effizienz hält
sich in Grenzen. Das liegt meiner Ansicht nach auch an der
Personalrekrutierung. Welcher Bischof gibt schon gute Leute nach Rom
ab? Daher
sind in Rom neben Allerbesten, auch weniger Beste. Es liegt sicher auch
daran,
dass eben die Weltkirche in rund hundert Jahren von einer
europäischen und von
Italien geprägten Einrichtung zu einem global player geworden ist.
Und dem
entsprechen noch Personal und Struktur des Vatikans noch nicht. Wir
sind noch
viel zu europäisch, auch zu italienisch. Und es muss ein neuer
Ausgleich
zwischen Zentralität und Dezentralisierung gefunden werden. Heute
läuft zu viel
über Rom. Positive Impulse für
das Leben der Christen und ihrer
Kirchen vor Ort gehen fast nur von den Päpsten persönlich
aus, nicht von seinen
Behörden. Das hat sein Gutes, aber ist auch problematisch. Die
Kongregationen,
die den staatlichen Ministerien entsprechen, sind im Wesentlichen nicht
Impulsgeber,
sondern Moderatoren – negativer ausgedrückt – Kontrolleure, was
auch sein Gutes
hat. Ohne Glaubenskongregation besteht eben schon die Gefahr, dass
alles
mögliche als katholisch gilt, aber nicht ist. Ohne
Bischofskongregation könnten
Bischöfe Dummheiten machen, ohne Kleruskongregation der Klerus,
ohne
Ordenskongregation die Ordensmänner und –frauen, ohne
Gottesdienstkongregation
könnte der Gottesdienst aus dem Ruder laufen. Ohne
Ostkirchenkongregation
könnten die Ostkirchen sich mehr streiten. Das klingt alles eher
negativ. Und
sicher könnte manches in den Kongregationen noch viel
transparenter,
menschenfreundlicher und mit mehr Rechtssicherheit laufen. Aber wenn
man den
katholischen Apparat mit dem anderer Kirchen vergleicht, kann man schon
sehen, dass
eben römische Behörden zwar unangenehme, aber eben doch
nötige Funktionen
haben. Aufbauender und konstruktiver dürfen die nachkonziliaren
Räte sein: Hier
nur die Titel: Rat für die Laien, die Familie, die Medien, die
Kultur, die
Ökumene, den Dialog mit anderen Religionen, den Dienst an Kranken,
für
Gerechtigkeit und Frieden, für die Wohltätigkeit. Wenn man
sich vorstellt, dass
sich mehr als eine Milliarde Menschen zur katholischen Kirche
zählen, dann muss
man sich wundern, wie wenig vom Vatikan aus eingesetzt wird, um diese
Masse
zusammen zu halten und zu motivieren. Meine
persönliche Überzeugung:
abgesehen von allen
menschlichen Schwächen und der ganzmenschlichen Trägheit ist
es eben doch die
Überzeugung zur richtigen Glaubensgemeinschaft zu gehören, in
die man durch die
Eltern gekommen ist – oder die man heute in Afrika und Asien ziemlich
oft durch
überzeugende Personen gefunden hat. These
sieben: der Vatikan ist eigentlich ein sehr kleines Instrument zum
Zusammenhalt
der katholischen Weltkirche. These acht:
Manche meinen, die Päpste spielten heute in der Kirche eine zu
sichtbare Rolle.
Die spezielle Persönlichkeit des jeweiligen Papstes ist heute
jedenfalls
sichtbarer als früher. Wir haben es
während 25 Jahren erlebt, wie sehr die starke Persönlichkeit
von Papst Johannes
Paul II. das Image von Kirche geprägt hat. Er war ein bisschen
omnipräsent –
sogar in der Weise, dass man theologisch Bedenken anmelden konnte: Er
wirkte
wie ein weltweiter Superbischof oder ein Superpfarrer, der alle
Gläubigen
betreuen wollte. Er war genial im Auftritt, im Inszenieren, in seinen
politischen Taten und Äußerungen. Denken wir an seinen Gang
durch das
Brandenburger Tor zusammen mit Helmut Kohl, an sein Gebet an der
Klagemauer,
seinen Besuch in der Moschee in Damaskus, an die Besuch bei
Buddhistischen
Mönchen, an seine Rede vor muslimischen Jugendlichen in Marokko,
an seinen
Besuch in der römischen Synagoge, an sein Auftreten in Stadien vor
zehntausenden von Jugendlichen und an sein öffentliches
Rosenkranzbeten und
schließlich den Bodenkuss. Johannes Paul war ein Genie des
öffentlichen
Auftritts. Dagegen ist Papst Benedikt vergleichsweise blass, auch wenn
seine
Art in anderer Weise und bei anderen Leuten ankommt. Ich denke, er ist
eher der
Mann, der davon überzeugt ist: Nicht nur Waffen und Wirtschaft
machen
Weltgeschichte, sondern auch Denker, Vordenker. Er ist sicher davon
überzeugt:
ebenso wie Cäsar und Augustus, Karl der Große und Napoleon
haben Plato und
Aristotoles, Augustinus und Thomas von Aquin, Voltaire und Kant, Marx
und Freud
die Weltgeschichte geprägt. Die Kirche hat und will keine Waffen
und keine
Wirtschaftsmacht, aber sie kann durch Glauben und Vernunft
Weltgeschichte zum
Nutzen der Menschen gestalten – mit gestalten. Benedikt sagt sich: wenn
schon
Talente nach dem Evangelium, dann muss ich mein Talent des Mit- und
Vorausdenkers in die Wagschale werfen. Also: Päpste prägen
durch ihre
Persönlichkeit stark das Leben von Kirche, von katholischer
Weltkirche. Das
kann man für übertrieben halten, aber zunächst muss man
mal registrieren, dass
es wenigstens teilweise so ist. These neun:
Der Vatikan ist in der Medienarbeit bis heute nicht sehr stark. Zunächst: Welche
Medien hat der Vatikan? Das wichtigste
ist der Pressesaal und der Pressesprecher. Durch den Sprecher und die
beim
Vatikan akkreditierten Journalisten kommen Nachrichten in
Sekundenschnelle rund
um den Globus. Wenn der Vatikan oder der Papst medienrelevante Aussagen
machen
oder Entscheidungen treffen – etwa die Stellungnahme gegen den
Irakkrieg – dann
sind diese Informationen durch den Pressesaal und die Agenturen in
Sekundenschnelle rund um den Globus und in den Medien. Es kommt also
hier nur
darauf an, dass Inhalte weltweit interessieren. Dann gehen sie um den
Globus.
Ganz ohne eigene Kirchenmedien. Dann gibt es seit fast
150 Jahren die Vatikanische
Tageszeitung Osservatore Romano. Sie hat hauptsächlich
dokumentarischen Wert
und kann manchmal durch Kommentare die kirchliche Position zu aktuellen
Fragen
präsentieren. Sie ist offiziös, nicht offiziell. Wegen ihrer
geringen Auflage
spielt sie für die breite Öffentlichkeit keine Rolle.
Gleiches gilt für die
Wochenausgaben in Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch,
Portugiesisch und
die Monatsausgabe in Polnisch. Radio Vatikan ist
für die Information einer breiten
Weltöffentlichkeit auch nicht gerade ideal aufgestellt. Bis zum
Zusammenbruch
des Kommunismus waren die meisten Hörer sicher in den
kommunistisch geführten
Ländern und hatte dort große Bedeutung. Dieser Markt ist –
wie ich sage –
leider zusammengebrochen. Heute ist der Hauptmarkt in Lateinamerika, wo
Sendungen in spanischer und portugiesischer Sprache von rund 1000
Radiostationen wieder ausgestrahlt werden. Dennoch vermute ich, dass
nur wenige
politische Führer oder Parteien Angst haben vor dem Einfluss des
Vatikans in
ihren Ländern. Viele Hörerinnen und Hörer erreicht Radio
Vatikan heute über
Kurzwelle und Wiederausstrahlungen in Afrika und Asien. Speziell in
Indien etwa
auch sehr viele Hindus und Muslime. Ich persönlich wäre sehr
für die
Erweiterung der Sprachpaletten in Afrika und Asien und die Reduzierung
in
Europa. Radio Vatikan macht nämlich Programme in rund 40 Sprachen,
davon die
allermeisten für Europa. Der Sender hat rund 370 Angestellte aus
60 Ländern,
kostet den Vatikan jährlich rund 25 Millionen Euro. Aber er ist
wohl kein
Instrument, die Weltmeinung zu beeinflussen. Ähnliches gilt
für die Homepage.
Bisher weitgehend nur ein Archiv und kein Informationsfenster. Also: die Weltmeinung
wird möglicherweise erreicht durch
Stellungnahmen des Papstes, die weltweit interessieren und durch den
vatikanischen Pressesaal vermittelt werden. Mit anderen Worten: wenn
der Papst
irgendwelche Möglichkeit hat, die Weltmeinung zu beeinflussen, so
nur durch den
Inhalt seiner Aussagen, die von zivilen Medien verbreitet werden, nicht
durch
eigene Medien. Hier muss ich den ehemaligen Intendanten des
Österreichischen
Rundfunks Gerd Bacher zitieren. Nach der ersten Reise von Johannes Paul
II.
nach Wien hat er in Rom einen Vortrag gehalten. Und damals sagte er
einen Satz,
der mich sehr bewegt hat: Johannes Paul II. hat die These widerlegt,
dass das
Medium selbst die Message, die Botschaft ist, the medium is the message. Seine Botschaft
an Österreich damals bewegte von ihrem Inhalt her. Also: nur wenn
der Papst
einen Punkt trifft, der in der einen oder anderen Weise auf das
Interesse der
Weltöffentlichkeit trifft, wird seine Stimme verbreitet und
gehört. Schlussthese
zehn: Der christliche Glauben hatte seine größten
geschichtlichen Erfolge oft
aus der Situation der Ohnmacht heraus. Die Kirche muss zwar wie Jesus
von
Nazareth auf die Straßen der Welt, ihre Regeln aber sind nicht
politisch. Ihre
Aufgabe ist es, den Menschen Gottes Liebe zu verkünden und sie
Gott näher zu
bringen. Es klingt ein wenig zu
pompös, wenn ich sage: Der
christliche Glaube hat heute ebensoviel Chancen wie damals als Jesus am
See
Genesareth anfing, zu predigen und Menschen zu sammeln, die sich –
nebenbei
bemerkt - später als ziemliche Versager zeigten. Aber um
verstanden zu werden,
muss man manchmal zuspitzen. Warum haben die Evangelisten zwei
Generationen
später das aufgeschrieben, was der kleine Mann aus Nazareth gesagt
und getan
hat? Es war völlig anders als das Tun von sonstigen Predigern, es
war
umstürzend. Viele hatten ihn für einen Spinner oder gar einen
arroganten
Hochstapler gehalten. Weil Jesu Reden und Tun die Menschen bewegt
hatte, und
weil dieser Mann für seine Sache gestorben ist, obwohl sie gegen
den Strich
gebürstet war. Eine Kraft ging von ihm aus. Eine Kraft, die
Menschen gesund
machte, gesund an Leib und Seele. Vor allem aber eine Kraft des
Geistes. Er
redete wie einer der Macht hat, der Autorität hat. Er wagte zu
sagen: Bei Moses
lest Ihr, ich aber sage euch. Und das hat er oft wiederholt. Er
provozierte.
Auch durch das Wort „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist
meiner nicht
wert“. Ist das nicht ein schreckliches, ein gefährliches, ein
verbotenes Wort?
Aber durch sein Tun machte er wahr, was er sagte. Er überzeugte.
Soziologisch
gesehen hatte er gar keinen Erfolg, er endete am Kreuz und seine
zwölf Apostel
haben ihn sitzen lassen. Keiner hat versucht, Jesus das Kreuz zu tragen. Jesus war stark in all seiner
Schwäche. Und an dieser Stärke erhielten im Lauf der
Jahrhunderte Heilige
Anteil, die im Grunde nur Gott suchten, die aber genau dadurch Welt und
Geschichte gestalteten. Meine Musterbeispiele dafür: der heilige
Benedikt von
Nursia. Er wollte nur sein Verhältnis zu Gott in Ordnung bringen
durch das
Leben in einer Höhle von Wasser und Brot. Er kam nicht drum herum,
Freunde, die
mit ihm leben wollten, zu sammeln. Er und sein Denken schufen
europäische
Geschichte. Und als die Kirche korrupt war, wollte Franz von Assisi
leben wie
Jesus. Auch er und die Seinen machten europäische
Kulturgeschichte, obwohl sie
nur so leben wollten wie Jesus. Und Ignatius von Loyola, der
Gründer der
Jesuiten. Auch er ging in die Höhle zum Beten, wollte dann
einzelnen Menschen
auf ihrem persönlichen Weg zu Jesus helfen durch die Exerzitien
und siehe da:
Sein Geist schuf in den Jesuitenschulen Kirchenreform. Benedikt, Franz
und
Ignatius – sie wollten nur mit Gott in Ordnung kommen und haben ohne es
anzustreben Kulturgeschichte gemacht. Wenn wir heute auf die
Kirche schauen, machen wir
manchmal den Fehler, sie wie eine große Firma oder eine NGO zu
betrachten. Das
ist im Grunde falsch. Vielleicht wird christlicher Glaube in Zukunft
Erfolg
haben, vielleicht wird Kirche wachsen, vielleicht auch zusammenwachsen,
aber
das alles kann man nicht organisieren wie man Firmen oder politische
Einrichtungen organisiert. Man kann und muss zwar Vernunft und Technik
einsetzen, dennoch kann man das Eigentliche nicht in die Hand nehmen.
Daher
kann ich dem Papst und dem Vatikan nur wünschen, alle ihre
Möglichkeiten zu
nutzen, an die Kraft Jesu Christi, an die Kraft Gottes zu glauben, aber
dabei
immer zu wissen: Wir tun, was wir können, aber wir sind nur kleine
Knechte. Je
kleiner wir uns wissen, umso mehr Chancen haben wir. Schlussthese:
Die Kirche hat heute ebenso viele Chancen wie zur Zeit Jesu Christi.
Vor allem
hat sie eine Vision für den Menschen und für die Welt. |
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Ist das „Weltkulturerbe
Europa“ zu retten?
Können Papst und Vatikan zur europäischen Werte-Renaissance beitragen? Vortrag im Kloster Bad Wimpfen am 8. Oktober
2007
Pater Eberhard v. Gemmingen SJ Unter „Weltkulturerbe
Europa“
verstehe ich die Werte und Überzeugungen, die Europa im Lauf
seiner Geschichte
zu einer Wertegemeinschaft und kulturell groß gemacht haben.
Diese Werte sind im
jüdischen Erbe, in der griechischen Kultur, dem römischen
Recht und der
Aufklärung, vor allem aber im Christentum begründet. Ich
denke dabei vor allem
an Menschenwürde und Menschenrechte. Zugrunde liegt das
christliche Menschenbild,
wonach jeder Mensch ist Geschöpf und Ebenbild Gottes ist, ja man
kann ihn sogar
Partner Gottes, von Gott angesprochene Person nennen. Wohlgemerkt:
nicht nur
Mitglieder der Kirche, sondern . wirklich jeder Mensch. Alle Menschen
sind von
Gott geliebt und ernst genommen. Jeder Mensch ist daher unmittelbar
Gottes
Partner und nur ihm verantwortlich. Er braucht dazu nicht die
Vermittlung von
Kirche und Priestern. Diese sind aber die Überbringer dieser
Botschaft. In
keiner anderen Weltkultur steht der einzelne Mensch in seinem Wert und
in
seiner Würde so im Zentrum. Auf all diesen
Grundannahmen
beruhen heute die Freiheitsrechte jedes Bürgers. Nicht der Staat
oder die
Gesellschaft geben dem Menschen seine Würde und seinen Wert. Er
hat sie
vorgängig durch sein Verhältnis zu Gott. Was mit „christlichem
Menschenbild“ gemeint ist, versteht man ziemlich leicht, wenn man die
Menschenbilder anderer Hochkulturen betrachtet, beispielweise die
Menschenbilder
Chinas, Indiens, Japans und des Arabischen Raumes. (Lassen wir einmal
Afrika
und Amerika beiseite.) Diese
Hochkulturen sind zwar ähnlich wie die europäische in
grundlegenden
transzendenten Werten begründet, haben aber doch ein sehr
unterschiedliches
Menschenbild. Denken wir nur beispielsweise an das Menschenbild im
indischen
Hinduismus. Hier wird jeder Mensch in eine Kaste hineingeboren. Sein
Wert und
seine Würde und auch seine Rechte hängen ganz wesentlich von
der jeweiligen
Kaste ab. Unterdrückung und Ausbeutung sind nicht nur erlaubt,
sondern geboten.
Der Mann ist auf jeden Fall der Frau übergeordnet. An dieser Stelle
möchte ich nun
eine kurze Gliederung meiner Ausführung einschieben, damit Sie
wissen, an
welchem Punkt der Argumentation wir stehen. Eingangs erläuterte
und erläutere
ich, was ich unter „Weltkulturerbe Europa“ verstehe. Dann komme ich zweitens
zur Bedrohung
dieses Erbes: Warum und wodurch ist es bedroht. Drittens versuche ich
eine Antwort
auf die Frage, was Papst und Vatikan tun können. Abschließend nenne
ich viertens zehn
Akzente die Papst Benedikt schon gesetzt hat. Nun nochmals zum
Weltkulturerbe
Europa: Was Europa geprägt
hat und auch
heute prägen sollte, ist in den Verfassungen europäischer
Länder wieder zu
finden, für Deutschland im Grundgesetz. Der erste Satz unseres
Grundgesetzes
lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und
zu schützen
ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“. In Paragraph 2 heißt
es: „Jeder
hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“. In
Paragraph 3
heißt es: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Männer
und Frauen sind
gleichberechtigt“ Diese Sätze sind europäisches Kulturgut.
Und wohlgemerkt: Die
dahinter stehenden Werte sind keine Schöpfungen der Europäer.
Sie bestanden,
bevor es Europa gab. Aber sie wurden wesentlich von Europäern
entdeckt und auch
mühsam erkämpft. Die meisten
nicht-europäischen
Staaten haben heute zwar heute gottlob ähnliche Verfassungen, aber
deren Inhalt
kommt weitgehend aus Europa und seiner Geschichte. Hier noch einige weitere
Zentralbegriffe
aus unserer Verfassung: Basierend auf der
unantastbaren
Menschenwürde stehen die Menschenrechte.
Im Einzelnen sind es: Lebens- und
Entfaltungsrecht,
Rechtsgleichheit, gerade auch von Männern und Frauen, Verbot jeder
Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Abstammung, Rasse, Sprache,
Religion;
Freiheit des Glaubens und Gewissens, Meinungs-, Presse-, Kunst-
Versammlungsfreiheit, Schutz von Ehe und Familie. Alle diese
Grundüberzeugungen sind
in Europa durch Jahrhunderte erkämpft und erlitten worden. Sie
haben ihre
Wurzeln im Glauben der Juden, bei den Griechen und Römern, im
Evangelium Jesu
Christi. Zur Blüte gebracht wurden sie leider erst durch die
Aufklärung, das
heißt durch die Trennung von Staat und Religion – zum Nutzen
beider. Auch wenn
heute sehr viele Staaten diese Grundüberzeugungen auf ihre Fahnen
schreiben, so
ist eben doch Europa der Kontinent, auf dem diese
Grundüberzeugungen errungen
und erlitten wurden.. Einwände gegen das
„Weltkulturerbe Europa“ Nun mag jemand einwenden:
Europa
hat nicht nur Segen in die Welt gebracht, sondern auch unendliches
Leid. Europa
hat fremde Kulturen in Afrika, Asien und Amerika zerstört, es hat
Millionen von
Menschen versklavt, hat Urbevölkerungen ausgerottet. Christen
haben andere Religionen
mit Waffen bekämpft, haben religiöse Kulturen zerstört.
Christen haben mit ihren Kolonien
ausgebeutet, andere
Völker
veramt, dezimiert, zerstört. Und in Europa selbst wurden
Bücher und vor allem
auch Menschen wegen ihrer Überzeugungen verbrannt, wurden Hexen
hingerichtet,
wurden die schlimmsten Kriege geführt – oft sogar im Namen von
religiösem Glauben
- wurden die schlimmsten Waffen entwickelt, wurden die inhumansten
Ideologien
erfunden, wurden Konzentrationslager geschaffen. Zu den einzelnen
Vorwürfen: Auch
auf den anderen Kontinenten und in den anderen Kulturen wurden viele
der
genannten Untaten ebenso verübt: Z. B. Sklaverei, Menschenopfer
aus religiösen
Gründen, schreckliche Kriege und Morde, Unterdrückung und
Ausbeutung. All die genannten Untaten
Europas
kann und will ich nicht leugnen, ich bin dennoch der Überzeugung,
dass man von
einem „Weltkulturerbe Europa“ sprechen kann, und dass in Europa
Wertvorstellungen und Überzeugungen entwickelt wurden, die auch
für die anderen
Kontinente ein Segen sind. Weil Europa sich
technisch so viel
schneller entwickelte als andere Kontinente, konnte es seine Untaten
gleichsam
exportieren, anderswo durchführen und auf Erdteile ausdehnen.
Andere Kontinente
blieben mit ihren Untaten im eigenen Bereich. Wenn man nun an die
wirklichen
Fortschritte der Menschheit denkt, dann muss man diese eben doch auf
Europa
zurückführen: Gleichberechtigung von Mann und Frau,
Abschaffung der Sklaverei,
Rechtsgleichheit, Menschenwürde und Menschenrechte. Europa ist
meiner Ansicht
nach nicht deswegen herausragend, weil es technisch an der Spitze lag
oder
liegt, sondern weil hier der Mensch immer mehr in den Mittelpunkt
gerückt ist,
weil die Würde und die Rechte des Menschen immer zentralen gesehen
und
berücksichtigt wurden. Und wenn wir dies annehmen können,
dann fällt auch
sofort ins Auge, warum heute offenbar die Werte, die Europa groß
gemacht haben,
bedroht sind. Wodurch ist das
„Weltkulturerbe Europa“ bedroht? Eigentlich sollte man
denken, dass
die Kultur Europas nach dem Fall von Faschismus und Kommunismus weniger
bedroht
ist als vorher. Vielleicht ist das ja auch so. Aber es gibt doch auch
Anzeichen
dafür, dass die Überzeugungen, die Europa einst kulturell und
human groß
gemacht haben, heute tiefer bedroht sind. Ich denke dabei weniger an
Terrorismus und fanatischen Islam, sondern eher an die stillen und
daher
unerkannten Feinde dieses Weltkulturerbes. Ich möchte einige
nennen. Mangel an grundlegendem
Wertbewusstsein: Die allermeisten Bürger Europas sind sich wohl
kaum der Werte
und Vorteile bewusst, durch die ihr alltägliches Leben
geprägt und gesichert
ist. Beispiele: Frauen können sich um Arbeitsstellen bewerben, auf
die sie
Jahrhunderte lang keine Rechte hatten. Ich weiß, dass dies oft
reine Theorie
ist, dass sie praktisch oft kaum eine Chance auf Arbeitsplätze
haben, die
traditionell Männer innehaben. Aber niemand hat heute
das Recht, ihnen solche Arbeiten zu verwehren. Weiter:
Alle
Bürger können ihre Rechte einklagen, was jahrhunderte lang
nicht möglich war.
Menschenhandel ist heute strafbar – auch wenn er leider praktiziert
wird. Jeder
kann die Zeitung lesen, die seiner Weltanschauung entspricht, kann sich
politisch entsprechend betätigen, kann weltweit ohne
Beschränkungen reisen, was
früher nicht nur technisch unmöglich war, sondern auch
politisch verhindert
wurde. Von all dem haben unsere
Vorfahren
nur geträumt, sie haben dafür gekämpft, sind sogar
dafür gestorben. Und wir
genießen die Früchte ihrer Kämpfe und jammern, wenn
manches technisch nicht
funktioniert oder die Politiker sich streiten. Eine Bedrohung des
Weltkulturerbes besteht darin, dass wir die erkämpften Rechte zwar
genießen,
uns aber der Vorzüge überhaupt nicht bewusst sind,. Medien: Wenn ich durch
die
zahlreichen Buch- und Zeitschriftenläden gehe, dann muss ich mich
schon fragen,
in welcher Kultur oder Unkultur wir eigentlich leben. Wie viel
völlig
Wertloses, ja Schädliches wird gedruckt, gekauft und gelesen! Wie
viel
oberflächliches Denken ernst genommen wird, wie oft der
„ultimative Sex“ wird
versprochen, Liebe und Zuneigung aber keine Rolle spielen. Wie oft
wurde uns
schon versprochen, wir könnten grenzenlos tafeln, Abnehmen sei
keine Kunst. Wie
oft wurde verheißen, niemand brauche zu altern, Gesundheit sei
für
Jahrzehnte garantiert. Wie viel
Unwahres auch über die Geschichte der Kirche, der Bibel, der
Päpste geschrieben
und einfältigerweise geglaubt wird. Schreiber und Schreier
müssen nur überzeugt
auftreten, wissenschaftlich erscheinen, dann wird auch das Dümmste
geglaubt.
Und wenn man die Mehrzahl der Fernsehprogramme betrachtet, so bekommt
man das
Grausen. Einst hatte unser Vorfahr Heinrich Heine Presse- und
Meinungsfreiheit
gefordert. Wir haben sie. Was würde er sagen, wenn er unsere
Zeitschriften und
Fernsehprogramme sähe? Wir lassen uns einnebeln, missbrauchen oft
die von den
Vorfahren erkämpfte Freiheit. Politik: Jahrzehnte
dauerte der
Kampf unserer Vorfahren um politische Grundrechte: Wahlrecht,
Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit, Parteienbildung, um Demokratie
und
Mitbestimmung in Staat und Gesellschaft. Wir haben sie. Mehr und mehr
Bürger
aber interessieren sich nicht für die Politik. Sie wählen
Politiker, die nur
Parteipolitik treiben. Die Parteien sind geschlossene Gesellschaften.
Geschieht
heute schleichend das, was schon die Weimarer ruinierte, dass
nämlich niemand
mehr für die Demokratie zu kämpfen und zu sterben bereit ist?
Was würden die Hitler-Widerständler
sagen, die ihr Leben für ein besseres Deutschland geopfert haben.
Ich fürchte,
sie würden über unsere Demokratie weinen – nicht nur
über die Politiker, auch
über die Wähler. Demographie: Deutschland
leidet
unter Nachwuchsmangel, geht vielleicht unter wegen Mangels an Kindern.
Den
meisten Kindern und Eltern geht es zwar heute wirtschaftlich besser als
in den
vergangenen 2000 Jahren. Aber in dieser Welt wollen offenbar viele
nicht leben.
Man schätzt das Leben nicht mehr. Die Familie wird als
Auslaufmodell gesehen.
Die Überbewertung der berufstätigen Frau gegenüber der
Mutter, ebenso wie die
totale Versorgung der Kinder durch den Staat tragen dazu bei. Bildung: Wir surfen um
die Welt,
schauen aus dem Weltall auf unsere Erde, steuern unsere Autos mit Hilfe
von
Satelliten, kommunizieren in Sekundenschnelle rund um den Globus. Aber
wie
wenige haben noch eine Ahnung von Beethoven und Goethe, von Dante und
Rilke,
von Michelangelo und Dürer? Jedenfalls habe ich beim Gang durch
Buchhandlungen
nicht den Eindruck, dass wir sehr gebildet sind. Vielleicht ist
tatsächlich das
Weltkulturerbe Europa nicht gefährdet, aber man kann schon den
Eindruck davon
haben. Von den Analphabeten in Deutschland möchte ich gar nicht
sprechen, auch
nicht von den armen Menschen, die sich täglich mit einem
50-Cent-Blatt
begnügen! Sexuelle Verwirrung:
Männer, die sexuell auf andere Männer hin orientiert
sind, gehen für ihre Rechte auf die Straße, Frauen tun es
ihnen gleich. Die
Mehrheit der Bevölkerung aber, die Familien, die die Zukunft der
Gesellschaft
und des Landes tragen, sind sprachlos, verunsichert. Alle wissen, dass
jedes
Land von Familien, von Kindern und Jugendlichen abhängt.
Heterosexuelle
Ausrichtung muss der Maßstab des Menschen für die
Gesellschaft sein. Das wird
nicht oder zu wenig angesprochen. Dafür wird nicht demonstriert.
Denn viele
meinen, das würde die Homosexuellen diskriminieren.
Tatsächlich dürfen
Homosexuelle wegen ihrer Orientierung persönlich nicht
diskriminiert werden,
aber sie dürfen nicht Maßstab der Gesellschaft werden, sie
dürfen nicht gleiche
Rechte wie Heterosexuelle erhalten, beispielsweise das Recht, Kinder zu
adoptieren. Denn Kinder brauchen um psychisch ausgeglichen heranwachsen
zu
können, einen männlichen und einen weiblichen Elternteil. Das
steht wohl in
jedem Psychologiebuch. Selbst Homosexuelle hängen ja von den
Heterosexuellen
ab, von funktionierenden Familien, von Familien, in denen sich Kinder
geborgen
fühlen, in denen es auch Mann und Frau gut geht. Religion als Privatsache Ich komme nun zu einer
noch
tieferen Bedrohung des Weltkulturerbes Europa. Eine ganz zentrale
Ursache dafür
besteht darin, dass die meisten Europäer Religion
nur noch als Privatsache ansehen. Denn die
Entdeckung der
Religionsfreiheit hat uns dazu geführt, dass wir meinen,
Gesellschaft könne
ohne transzendente Verankerung der gemeinsamen Grundwerte und
Überzeugungen
funktionieren. Wir sind in einem Dilemma, das wir nur lösen
können, wenn wir
uns dessen bewusst sind. Das Dilemma besteht darin, dass wir sagen:
Jeder Mensch
hat die Freiheit, einen religiösen Glauben selbst zu bestimmen und
zu leben,
die Gesellschaft darf ihm seinen religiösen Glauben weder
verbieten noch
befehlen. Andererseits erkennen wir, dass die Gesellschaft einen Rahmen
an
Werten und Grundüberzeugungen braucht, weil sie sonst rein
pragmatisch über ihr
Funktionieren bestimmt. Beispielsweise könnte dann eine
verfassungsändernde
Versammlung mit zwei Drittel beschließen, dass Frauen oder Kinder
oder alte
Menschen minderwertig sind und beseitigt werden können. Derzeit
scheinen letzte
Werte nur von der Verfassung abzuhängen. Diese aber kann
mehrheitlich geändert
werden. Darum brauchen wir also Werte und Grundüberzeugungen, die
der
Verfassung vorausgehen. Diese Werte und Grundüberzeugungen
bestehen zwar in sich,
müssen aber auch von einer Mehrheit der Gesellschaft gesehen
werden. Wenn diese
Mehrheit zusammenbricht, kann auch der Wertekanon zusammenbrechen. Es
muss also
nicht nur die Religionsfreiheit garantiert sein, sondern auch die den
Staat
tragenden Werte. Über diese kann nicht verhandelt und darf nicht
abgestimmt
werden. In unserer Zeit werden
nun manche
Werte so betont, dass sie quasi religiöse Bedeutung erlangen. Das
gilt zum
Beispiel für das Thema Umwelt. Gerade wir Deutsche haben aus der
Ökologie eine
Quasi-Religion gemacht. Diese ist nicht unbedingt ungefährlich
oder gar
Götzendienst. Gefährlich ist eine
andere
Quasi-Religion, nämlich der Liberalismus oder ein falscher Begriff
von
Freiheit. Ich möchte dies etwas ausführlich erklären:
Wir Menschen haben anders
als Pflanzen und Tiere durch die Natur viele offene Möglichkeiten,
unser Leben
zu gestalten. Wir entscheiden selbst, wie wir uns ernähren und
kleiden, welchen
Beruf wir ergreifen, welchen Partner wir heiraten, wie viele Kinder wir
haben,
wo wir Ferien machen, ja sogar, welcher Religion wir angehören
wollen. Wir
haben viele Wahlmöglichkeiten und also Freiheit. Wir sind aber
auch
andererseits durch unsere Geburt vorbestimmt. Vorgegeben sind uns unser
Geschlecht, unsere Eltern und damit unsere soziale Klasse, finanzielle
und
Bildungsmöglichkeiten. Das sind psycho-physische Begrenzungen
unserer Freiheit,
die wir nicht ändern können. Wir stehen aber auch vor
geistigen
und moralischen Begrenzungen unserer Freiheit, die wir frei annehmen
sollen,
wozu wir aber nicht von außen gezwungen werden. Es handelt sich
im Wesentlichen
um das, was in den zehn Geboten steht: Du sollst nicht töten,
sollst die
Wahrheit sagen, sollst nicht betrügen, sollst deinen Ehepartner
nicht
verlassen, du sollst deine Eltern ehren, du sollst niemand
übervorteilen und
beneiden. Grundlegend könnte man sagen: was du nicht willst, was
man dir tut,
das füg auch keinem anderen zu. Diese Vorgaben für unsere
Freiheit müssen frei
angenommen werden. Wer sie annimmt, erhebt sein Menschsein, wer sie
nicht
annimmt, verliert etwas davon. Freiheit bedeutet also zusammengefasst:
Verantwortung gegenüber einer gottgegebenen Ordnung und
gegenüber dem nächsten
Menschen. Man könnte auch sagen: Freiheit ist die
Möglichkeit, sich in Annahme
einer vorgegebenen Humanordnung auf ein Ziel hin zu entwickeln. Noch
anders:
Freiheit besteht in zwei Stufen: die untere Stufe besteht in der
Annahme einer
vorgegebenen Humanordnung, die obere Stufe in der Entfaltung der
eigenen Gaben
auf ein göttliches und humanes Ziel. Durch ein
Missverständnis der
Aufklärung haben viele Menschen heute ein falsches
Verständnis von Freiheit.
Und wenn dieses Missverständnis bei der Mehrheit einer
Bevölkerung besteht,
dann ist diese Gesellschaft in Gefahr, wenigstens ist ihre kulturelle
Höhe
bedroht. Denn Kultur bedeutet mit anderen Worten gemeinsamer Ausbau von
echten
humanen Werten. Wenn zu viele Menschen den Begriff der Freiheit
missverstehen,
dann ist dies eine Bedrohung der Menschheit ähnlich wie die
Zerstörung der
Umwelt und des Weltklimas. Umwelt- und Klimazerstörung kann man
messen, ist
auch mit bloßen Augen zu sehen. Zerstörung durch
Freiheitsmissbrauch schafft
selbst neue Blindheit, sodass die Schäden nicht mehr wahrgenommen
werden. Das Europa nun mehr als
die
Kulturen Asiens, Afrikas und Amerikas die Freiheit des Menschen
entdeckt hat,
ist Europa selbst durch seine Entdeckung bedroht. Es ist wie beim
Zauberlehrling, der die von ihm selbst verzauberte Welt nicht mehr
bändigen
kann. Immerhin ist er nicht ganz verloren, wenn er wenigstens seine
Fehler als
Fehler erkannt hat. Europa ist nicht ganz verloren, wenn es wenigstens
sein
Missverständnis von Freiheit bald erkennt und zum wahren Begriff
von Freiheit
zurückkehrt, das heißt zu Freiheit als Verantwortung. Nun möchte ich mich
noch einem
anderen typisch europäischen Phänomen zuwenden: Der Unfähigkeit des
Menschen zu
Gott Vor rund einem Monat
wurde des
100. Geburtstags von Pater Alfred Delp gedacht. Er war am 15. September
1907
geboren worden. Delp kann man wohl einen der heraus ragendsten
christlichen
Vordenker unserer Zeit nennen. Er hatte vor 60 Jahren Intuitionen, die
bis
heute ihre Gültigkeit haben. Eine seiner Feststellungen ist die
Unfähigkeit des
modernen Menschen zu Gott. Der moderne Mensch ist Gottes unfähig –
schreibt Delp
mit gefesselten Händen. Zur gleichen Zeit aber schreibt er, Gott
gehört in die
Definition des Menschen. Das heißt: Der Mensch wird er selbst
durch seine Frage
nach Gott, durch seine Suche nach Gott. Der Mensch, der nicht nach Gott
fragt,
versäumt sein Eigentlichstes, sein Tiefstes, sein Bestes, er
verliert seine
Höhe und Tiefe, seine Mitte, sein Herz. Nur der Mensch, der nach
Gott fragt,
ist zu der humanen Höhe fähig, die in ihm angelegt ist. Ohne
Gott verkümmert
der Mensch, verkrümmt sich in sich selbst. Und nun eben auch seine
Feststellung: der moderne Mensch ist aber Gottes unfähig.
Wohlgemerkt: es ist
nicht des Menschen Bosheit, es sind nicht primär seine
Sünden, die ihn Gottes
unfähig gemacht haben. Der moderne Mensch hat im Lauf der
Geschichte sein natürliches
Fragen nach Gott verlernt, er weiß nicht mehr, wie das geht. Er
müsste es
wieder lernen. Das Lernen aber ist schwer, es braucht Zeit, es braucht
Lehrer.
Und wenige Menschen lernen ganz allein, meist braucht man
Mitschüler, eine
Gruppe, die gemeinsam lernt. Wie Recht Alfred Delp
hat, erkennt
man, wenn man Asiaten, Afrikaner und manche Amerikaner kennen lernt.
Für
Millionen von ihnen ist auch heute das Glauben an Gott
selbstverständlich. Sie
gehen ganz natürlich davon aus, dass sie sich gegenüber einer
transzendenten
Macht verantworten müssen. Sie gehen ganz selbstverständlich
davon aus, dass
ein Gott sie sieht, dass er ihnen eine Lebensordnung vorgegeben hat,
dass er
die Welt geschaffen hat und dass in ihr gewisse Regeln gelten. Auch
heute wissen
Millionen von Afrikanern, Asiaten und Amerikaner, dass ihre Kultur mit
ihrer
Religion zusammenhängt, dass Kulturen Gott brauchen, dass Kultur
in religiösem
Glauben begründet ist, und dass Kultur eigentlich nur durch den
Glauben an
einen transzendenten Gott entstehen und standhalten kann. Europa hat sich von
dieser
religiösen Grundhaltung im Lauf der Aufklärung entfernt.
Vielleicht war die
enge Verquickung von Staat und Kirche sogar daran schuld. Die Kirche
wurde in
ihre Schranken verwiesen, der Mensch hat sich von ihr und ihren
Überzeugungen
entfernt. Gott wurde verdrängt. Dazu kamen die
naturwissenschaftlichen
Erkenntnisse, die Gott scheinbar widerlegten. Man brauchte Gott immer
weniger,
denn man wusste, wie man Krankheiten ohne ihn heilte, wie man Gefahren
für das
Leben vermied, wie man die Ernte sicherte und vermehrte, wie man
mangelnden
Regen ersetzen konnte. Gott wurde für das praktische Leben nicht
mehr
gebraucht. Aber die menschliche Seele wurde immer ärmer. Man brauchte ihn auch
nicht mehr
zur Vergebung der Schuld, denn die Psychologie lehrte, dass niemand
wirklich
schuldig ist, dass die Ursachen der Fehler in den Genen und in den
Vorfahren
begründet sind. Man brauchte Gott weder für die Ernte, noch
für den Umgang mit
der Schuld. Jedenfalls meinten viele, dass sie Gott nicht mehr
brauchten, und
so verlor der moderne Mensch seine Antennen für eine transzendente
Macht, für
das große Du hinter und über seinem Leben. Und Alfred Delp
wünscht sich für
den modernen Menschen nun vor allem die Anbetung Gottes. Anbetung ist
für ihn
eine zentrale Kategorie. Nicht Bitte, nicht Frage, nicht Anklage, nicht
Busse,
sondern Anbetung. Mit gefesselten Händen schreibt er: „Brot ist
wichtig,
Freiheit ist wichtiger, am wichtigsten ist die ungebrochene Treue und
die nicht
verratene Anbetung“. Delp war Soziologe, er wusste, dass für den
Menschen die
Nahrung, das tägliche Brot grundlegend sind, er wusste gerade,
weil er die
Diktatur Hitlers erlebte, dass der Mensch Freiheit braucht um leben und
atmen
zu können. Er stellte aber an die Spitze der menschlichen
Bedürfnisse die Treue
dem Menschen gegenüber und die Anbetung Gottes. Delp wurde im
Gefängnis von der
Gestapo gefoltert. Vermutlich wollte man von ihm Namen von anderen
Hitlergegnern herausprügeln. Daher galt für ihn „Treue“, das
heißt niemanden
verraten, zu den Freunden stehen, zusammenhalten, treu sein. Aber die
Spitze
der Werte und Grundhaltungen besteht für ihn in der Anbetung
Gottes. Anbetung
heißt Anerkennen, Gottes Hoheit anerkennen, annehmen, Wissen,
dass man selbst unter
einer höheren Autorität steht, dass man selbst nicht Herr
ist, dass man sein
Leben empfangen hat und nicht selbst schaffen kann. Gott anbeten ist
für Delp
die entscheidende Grundhaltung des Menschen. Durch Anbetung wird der
Mensch
erst wirklich Mensch, kommt zu seiner Höhe, wird zu dem, was Gott
für ihn
erdacht und geplant hat. Durch Anbetung kommt der Mensch zu wahrem
Menschsein. Neben dem
Missverständnis der
Freiheit ist der Verlust der Antenne für Gott die zentrale
Bedrohung des
Menschen, der Gesellschaft, des Staates, ja sogar Europas. Was können Papst und
Vatikan zur Werterenaissance beitragen? Wer einen Schaden
wahrnimmt, sucht
natürlich sofort die Polizei oder den Doktor oder den Anwalt. Kein
Wunder, dass
kirchlich Interessierte in unserem Fall nach Papst und Vatikan rufen.
Man
braucht sie als Retter in der Not. Man sollte sie auch sonst dann und
wann
befragen. Jeder einzelne fühlt
sich
natürlich überfordert, Wesentliches für die
Überwindung von Trends zu tun. Auch
daher der Ruf nach der großen Autorität. Kann man aus Rom
Hilfe für eine
Werterenaissance erwarten und erhoffen? Und welche Hilfe? Ich möchte hier
zunächst einmal
aufzählen, was ich grundsätzlich von Rom erwarten würde.
Später möchte ich dann
das nennen, was man konkret und realistisch erwarten kann: Zunächst das
Grundsätzliche: Ein Papst sollte
prophetische
Zeitdiagnosen geben. Er ist hoch genug erhoben über die Zeit und
sollte auf
Chancen und Möglichkeiten sowie auf Gefahren hinweisen. Er muss
kritisch sein,
unterscheiden zwischen dem, was Bestand hat und was vorübergehend
ist, er soll die
tieferen Anliegen und Bedürfnisse der Menschen erkennen und
aussprechen. Er
sollte prophetische Zeichen setzen. Ich würde sagen:
Papst Johannes
Paul II. hat dies in außergewöhnlich guter Weise getan.
Denken wir an seinen
Gang durch das Brandenburger Tor, als er kurz nach dem Fall der Mauern
nach
Deutschland gekommen war. Denken wir an Reisen durch Afrika und
Lateinamerika,
an seinen Besuch in Auschwitz, in der Moschee in Damaskus, an seinen
Besuch in
Jerusalem. Benedikt hatte noch nicht so viele Gelegenheiten, solche
Zeichen zu
setzen, aber denken wir dennoch an sein stilles Verweilen in der Blauen
Moschee
in Istanbul, seinen Gang durch Auschwitz, seine Fahrt auf dem Rhein bei
Köln.
Päpste haben die Chancen solche prophetischen Zeichen zu setzen,
Es kommt nur
darauf an, dass diese Zeichen auch gesehen und interpretiert werden. Päpste sollten aber
nicht nur
prophetisch auftreten, sondern auch nüchtern und kühl
analysieren und
diagnostizieren. In diesem Punkt ist meines Erachtens Papst Benedikt
stark.
Denken wir an unzählige Reden und Schriften aus der Zeit vor
seiner Wahl auf
den Stuhl Petri. Er legt den Finger auf wunde Stellen der
Weltgesellschaft.
Aber auch hier muss man sagen: es muss Menschen geben, die solche
Diagnosen
lesen und verstehen, sich für sie überhaupt interessieren. Päpste sollen weiter
spirituell
helfen. Spiritualität ist gefragt, wird gebraucht. Daher sollen
Päpste auch
dazu helfen, Gott zu suchen und zu finden. Sie sollen den Menschen
helfen, in
ihre eigene Tiefe abzusteigen, wo sie Gott finden können. Also
nicht nur den
Glauben lehren, sondern auch zum Glauben verhelfen. Menschen werden
heute mehr
durch die Person und ihr Leben überzeugt als durch das, was sie
sagen. Päpste müssen
auch Personalpolitik
betreiben. Sie müssen Bischöfe ernennen und ihre Mitarbeiter
im Vatikan
auswählen. Es kommt dabei darauf an, dass sie richtig beraten
werden, dass sie
sich richtig beraten lassen, dass sie
sich nicht von fragwürdigen Informanten führen und
verführen lassen.
Personalentscheidungen und Personalpolitik ist langfristig auch
Kirchenpolitik
und Kirchengeschichte. Papst Johannes Paul II. hat mit der Berufung von
Kardinal Ratzinger nach Rom, von Kardinal Martini nach Mailand, von
Kardinal Lustiger
nach Paris. sehr wichtige und gute Entscheidungen getroffen. Leider ist
er für
Österreich und der Schweiz unklugen Ratgebern gefolgt. Nicht der Papst, sondern
der
Vatikan muss die richtige und gute Medienarbeit leisten. Heute gilt
nicht nur
die Sache selbst, sondern besonders ihrer Vermittlung durch Medien.
Wenn der
Papst noch so gute Enzykliken schreibt und noch so gute Entscheidungen
trifft,
wenn diese nicht vermittelt werden, dann existieren sie für die
breite
Öffentlichkeit nicht. Ebenso gilt: wenn Bischöfe die
schönsten Texte verfassen,
aber wenn sie in den Medien nicht oder schlecht vermittelt werden, dann
bleiben
sie toter Buchstabe. Die breite Öffentlichkeit wird fast nur
über die
elektronischen Medien erreicht: Hörfunk, Fernsehen, Internet. Prophetie, Zeitdiagnose,
Spiritualität, Personalpolitik und Medienarbeit. Das sind die
Bereiche, in
denen man aus Rom und vom Papst etwas erwarten darf. Wie sehe ich die Praxis,
die
konkreten Möglichkeiten? Sie könnten meiner Ansicht nach noch
wesentlich
verbessert werden. Aber ich muss auch
unterstreichen,
dass der Papst und der Vatikan für die Katholiken rund um den
Globus zuständig
sind. Daher kann er oft keine sehr konkreten Aussagen machen. Die
Situation in
den einzelnen Ländern und Kontinenten ist sehr unterschiedlich. In
sehr vielen
Ländern fehlt es den Menschen am Notwendigsten. Es fehlt nicht nur
das tägliche
Brot, sondern auch Schule, Gesundheitsversorgung, Sicherheit,
politische
Struktur, Demokratie, am Schutz der Menschenwürde und der
Menschenrechte. Aussagen des Papstes an
alle
Katholiken müssen also eher allgemein sein, können nicht sehr
konkret sein. Er
kann sich nicht ununterbrochen an einzelne Länder wenden. Vor
allem gilt hier
in Abwandlung von einem alten Sprichwort: Hilf dir selbst, so hilft dir
auch
der Papst. Der einzelne Christ, die Kirche vor Ort müssen selbst
Initiative
ergreifen, wenn sie nur aus Hilfe aus Rom warten, werden sie selbst die
Hilfsangebote von dort nicht einmal wahrnehmen. Die Hilfe aus Rom wird
ja nur
als solche erkannt, wenn die eigene Situation als Leidensdruck erkannt
wird. Mit
anderen Worten: man hört die Botschaft aus Rom nur dann, wenn man
nach ihr
ausschaut, auf sie wartet, sie ersehnt. Nur wer Interesse hat an einer
Botschaft, nimmt sie wahr. Sonst wird sie überhört. Unsere Medienwelt ist
leider so,
dass subtilere Meldungen und Ereignisse untergehen. Nur wenn der Papst
gleichsam
auf die „Pauke haut“, wird seine Botschaft übermittelt. Wenn er
versucht, in
die Herzen und Hirne hineinzuflüstern, dann wird es von den Medien
vermutlich
gar nicht aufgenommen. Wenn er plump daherreden würde, würde
es übermittelt,
wenn er differenziert, unterscheidet, fein analysiert, ist das zu
kompliziert
für die Massenmedien. Wir können also aus
Rom und vom
Papst nicht erhoffen, dass er mit großen Worten die Welt auf den
Kopf stellt,
wenn wir nicht sehr offene Ohren haben. Und dennoch kann auch heute ein
Papst
der Welt etwas sagen, was sie aufhorchen lässt. Ich denke jetzt
konkret an die
erste Enzyklika Deus Caritas est von Papst Benedikt und an sein Buch
„Jesus von
Nazareth“. Lassen Sie mich einen
Vergleich ziehen zwischen Papst-Äußerungen und dem Film
„Passion“ von Mel
Gibson, der vor einigen Jahren viele Gemüter bewegte. Damals
hofften einige
Beobachter, der Film werde die Welt verändern. Leider hat er es
nicht getan. Es
war wohl auch nur eine fromme Hoffnung, dass so ein Streifen das Denken
vieler
Menschen grundlegend verändern könnte. So dürfen wir
auch von päpstlichen
Machtworten oder Ermahnungen nicht Wunder erwarten. Diese Worte
können nur
etwas bewirken, wenn es Menschen gibt, die sie wirklich hören. Die
Zahl der
hörbereiten Menschen muss wachsen, dann können Papstworte
etwas bewegen. Viel
eher schon hat das Leben von Mutter Theresa die Welt bewegt oder das
öffentliche Leiden und Sterben von Papst Johannes Paul II. oder es
bewegt das
Leben und Sterben von unbekannten Christen, die überzeugend leben.
Verba docent
- exempla trahunt – Worte belehren, Beispiele reißen mit. Dies
Wort geht auf
einen ähnlichen Satz des alten Römers Seneca zurück. Lehrakzente von Papst
Benedikt Wir haben uns gefragt,
was man vom
Papst und Vatikan für eine Renaissance der Werte erwarten kann und
darf. Noch
ist Papst Benedikt erst kurz im Amt. Wir dürfen ihn also nicht
überfordern.
Aber fragen wir uns doch: was hat er bisher schon gesagt, welche
Akzente hat er
gesetzt und vor allem: haben wir sie vernommen, gehört,
aufgenommen? Hat die
Welt sie gehört, nimmt die Welt, nehmen die Christen sie ernst?
Ich habe einmal
zehn Lehrakzente von Papst Benedikt zusammengestellt. Was sind nun die
entscheidenden
Anstöße und Aussagen von Papst Benedikt in den ersten zwei
Jahren seines
Pontifikats? Was wollte er zentral der Christen in aller Welt sagen? Erstens: Glaube an Gott
und Jesus
Christus ist schön. Es ist keine Last, sondern der Glaube gibt
Flügel. Benedikt
geht offenbar davon aus, dass die öffentliche Meinung lautet:
christlicher
Glaube ist etwas Mühseliges, ist anstrengend. Dagegen stellt er
die These:
Glauben erleichtert das Leben, er verleiht eben Flügel. Wer
glaubt, kann
fliegen, kann sich erheben, sein Leben wird nicht schwerer, sondern
leichter
und schöner. Zweitens: Die
Geschlechtlichkeit
des Menschen, die heute so viele Menschen bewegt, ist ein Geschenk
Gottes. Eros
ist nichts Böses, nichts vom Teufel, sondern eine Gabe Gottes. Wer
aber bei der
Erotik stehen bleibt, bleibt ein Kindskopf, bleibt unterentwickelt.
Eros muss
hinwachsen zu wirklicher Liebe, zu Agape und Caritas,
Danken wir Gott für unsere
Geschlechtlichkeit und lassen wir
sie wachsen, lassen wir sie nicht in der Erotik verkümmern. Drittens: Die Kirche ist
vor allem
dazu da, die Liebe Gottes auf der Erde zu verkünden. Sie muss
künden „Deus
caritas est“. Gott ist Liebe. Gott ist keine Drohung, kein Strafender,
sondern
liebender Vater. Wenn wir das richtige Gottesbild haben, wird unser
Leben schön
und wird gelingen. Viertens: Die Kirche wird
nicht
wachsen, wenn wir den Glauben verdünnen, wenn wir die Moral
heruntersetzen,
wenn wir liberal, modern, angepasst sind. Anziehend ist nur ein
fordernder Glaube.
Überzeugend ist die Kirche nur, wenn sie das Evangelium in seiner
Fülle
verkündet. Zugeständnisse an den Zeitgeist füllen die
Kirchen nicht. Fünftens: Die
Menschen suchen im Gottesdienst
das Geheimnis, das Mysterium, sie suchen nicht das, was der Mensch aus
sich
macht, sondern das, was dem Menschen geschenkt und gegeben ist. Die
kirchliche
Gemeinde darf sich nicht selbst feiern, sondern sie muss Gott feiern.
Liturgie
ist nichts vom Menschen Gemachtes, sondern heilige Handlung. Sechstens: Papst
Benedikt hat wiederholt betont, dass
die Spaltung der Kirchen ein Skandal ist, dass für ihn die
Bemühung um die
Einheit der Kirchen weiterhin gilt. Er ist aber auch davon
überzeugt: es ist
noch ein langer Weg, die Kirchen können die Einheit nicht einfach
machen wie
sich etwa Parteien zusammenschließen können. Einheit ist ein
Geschenk Gottes,
die Kirchen können und müssen an der Einheit
arbeiten. Aber sie können sie nicht herstellen. Siebtens: Entscheidend
für den Glauben
sind nicht die Theologen, sondern alle Getauften. Theologen sind nicht
die
Herren des christlichen Glaubens, sondern seine Diener. Sie müssen
den Glauben
so verkünden, dass der getaufte Christ davon leben kann. Achtens: Noch vor seiner
Wahl auf
den Stuhl Petri hat der damalige Kardinal Ratzinger von der Diktatur
des Relativismus
gesprochen und vor ihr gewarnt. Er diagnostiziert eine verbreitete
Grundhaltung, dass es keine Wahrheit gibt, dass alles relativ ist, dass
nichts
absolut feststeht. Er sagt: Nicht die Wahrheit hängt vom Menschen
ab, sondern
der Mensch von der Wahrheit. Die entgegen gesetzte These werde sogar zu
einer
Diktatur. Alle Menschen würden gezwungen, jede absolut
gültige Wahrheit zu
verwerfen. Wer an Wahrheit glaube, sei ein Fundamentalist. Diese
Ansicht
verwirft der Papst und bekennt: es gibt Wahrheit und die Wahrheit sei
Jesus
Christus. Neuntens: Papst Benedikt
will in
seinem Jesus-Buch allen Christen zeigen, dass aus der Heiligen Schrift
des
Neuen Testamentes glaubhaft hervorgeht, dass Jesus der Sohn Gottes ist.
Er
verwirft damit die Ansicht, der Glaube an Jesus als Offenbarung des
Vaters habe
nur die Kirche erfunden, aus der Bibel gehe nur ein rein menschlicher
Jesus
hervor. Für den Papst sind die Quellen klar genug. In dem
Jesus-Buch bezeugt er
seinen Glauben an Jesus den Christus. Zehntens: Christen
dürfen sich
nicht von ihren Wurzeln abschneiden. Wir müssen vielmehr den
Glauben und die
großen Glaubenszeugen kennen. Der Papst hat daher in seinen
Katechesen bei den
Generalaudienzen zuerst die Apostel und ersten Glaubenzeugen
vorgestellt und
stellt jetzt die Kirchenväter vor. Wir kommen zum Schluss: Wir leben zwar in einer
kritischen
Situation. Aber nur wenige Zeitgenossen nehmen das wahr. Die
Gesellschaften
Europas sind von einer schleichenden Auszehrung, ja vielleicht sogar
Krankheit
befallen. Noch hat die Öffentlichkeit die Phänomene kaum
wahrgenommen. Diagnose
und Therapie stehen aus. Hauptsächlich Beobachter von außen
haben einen
schärferen Blick. Therapie ist möglich. Aber sie darf nicht
vor allem von einer
Autorität erwartet werden. Der Patient selbst muss wahrnehmen,
dass seine
Gesundheit gefährdet ist. Aber innerhalb der Gesellschaft leben
auch die
Heilungskräfte für den Patienten. Sie müssen erkannt und
gestärkt werden. Der
Patient darf nicht auf den Arzt starren und von ihm ein Wunder
wirkendes
Medikament erhoffen. Er muss einfach aus seinem weichen Lager
aufstehen, sich
auf seine kulturellen Beine stellen und gehen. Er wird merken: es geht,
ich
habe alle Lebenskräfte in mir, muss mich ihrer entsinnen, sie
ernst nehmen und
gehen. Siehe da: Wenn Europa an die eigenen Werte glaubt und ihnen
vertraut,
kann es der Welt weiterhin mit gutem Beispiel vorangehen. Zusammenfassung: Es gibt ein
„Weltkulturerbe
Europa“. Es besteht in Entdeckung der Menschenwürde und der
Menschenrechte.
Dahinter steht das christliche Menschenbild. Dies begründete die
Entdeckung der
Freiheit. Das Weltkulturerbe Europa
ist
bedroht durch Mangel an Bewusstsein der erreichten Werte. Das zeigt
sich in den
Medien, in der Politik, in Bildung, in moralischer Verirrung, in einem
falschen
Freiheitsverständnis, im Verlust einer Antenne für Gott.
Grundsätzlich können
Päpste Einfluss nehmen durch prophetische Aussagen,
Spiritualität, Analyse,
Medienarbeit und Personalentscheidungen. Papst Benedikt hat Akzente
gesetzt in
Lehre, Zeichen, Ökumene. zum
Seitenanfang Brauchen
wir eine neue Wertekultur?
Vortrag in Heilbronn bei
der „Akademie für
Information und
Management“
20. Oktober 2007.
P. Eberhard v. Gemmingen
SJ
Stimmt
der Satz von Fjodor
Dostojeski „Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt“? Sollte er
stimmten,
so bringt er in kurzer präziser Weise auf den Punkt, warum die
Frage nach den
Werten heute virulent geworden ist. Denn viele nachdenkliche
Menschen in Mitteleuropa fragen
seit ein paar Jahren nach einer neuen oder gar alten Wertekultur. Viele
haben
den Eindruck, dem alten Europa sei etwas Grundlegendes verloren
gegangen. Daher
gebe es zu viel Lüge, Betrug, Gewalt, Untreue, zu viel Korruption,
zu viel
Leiden, auch zu viel Dummheit und leere Schlagworte, zu wenig
Anstrengung im
Guten, zu wenig Solidarität, zu wenig Gerechtigkeit und Frieden. Bevor ich in die
Einzelheiten einsteige, möchte ich Ihnen
gleich meine Grundüberzeugung sagen, die Sie möglicherweise
provozieren wird. 1. Die Werte fehlen –
weil Gott fehlt Meiner persönlichen
Ansicht nach steht hinter dem Verlust
von Werten letztlich der Verlust von Religion, von Transzendenz, der
Verlust
des Heiligen und Gottes. Wenn eine Bevölkerung kaum mehr eine
Ahnung davon hat,
dass sie sich vor einer jenseitigen Macht verantworten muss, dann
verfällt
langfristig Wertekultur und Kultur überhaupt. Ich möchte diese
These, die vermutlich von vielen scharf
kritisiert wird, erklären und begründen: Hochkulturen sind
entstanden, weil
Gesellschaften sich an eine transzendent begründete
Gemeinschaftsordnung
gebunden haben. Es gab bei ihnen Werte und daher Normen, über die
nicht
diskutiert und nicht abgestimmt wurde. Sie waren unverbrüchlich
und zwar weil
man sie als eine göttliche Ordnung ansah, eine Ordnung, die von
einer
transzendenten Autorität herkam. Auch wenn es in den Hochkulturen
Religionsgründer gab – oder besser Personen, die am Anfang einer
Religion
standen – so sah man sie doch als Boten einer jenseitigen
Autorität an, vor der
man sich gemeinsam beugte. Ich möchte ausdrücklich nennen die
Kulturen Chinas,
Japans, Indiens und des arabischen Raumes. Die Menschen in diesen
Hochkulturen waren davon überzeugt,
dass die Ordnung, in die sie hineingeboren wurden, sakrosankt ist, dass
Eltern
und Staat ihre Autorität letztlich von Gott, von einer
transzendenten Macht
haben. Der Glaube, dass hinter dem Sichtbaren etwas Mächtiges,
Großes,
Göttliches steht, hat die Menschen zu einem verantwortungsvollen
Verhalten, zu
einer Anerkennung von unerschütterlichen Werten geführt. Sie
verhielten sich
angesichts einer Gottheit gegen einander, gegen die ganze
Volksgemeinschaft und
gegen ihre Welt verantwortlich. In Europa hat der Prozess
der Aufklärung im Lauf der letzten
200 Jahre Religion so sehr in Frage gestellt, dass sie in der
Gesellschaft fast
keine Rolle mehr spielt. Religion wurde zur Privatsache. Und jetzt
zeigt es
sich, dass eine Gesellschaft ohne transzendente Bindung auch in Gefahr
ist,
kulturell verfallen. Ich spreche bis jetzt wohlgemerkt nicht vom
Christentum,
auch nicht vom Glauben an einen Gott, sondern von einer transzendenten
Bindung.
Aufklärung bedeutet, dass alles Religiöse, alles
gesellschaftlich Vorgegebene
kritisch mit der Vernunft in Frage gesellt wird. Religion und Glaube
müssen
sich vor dem Verstand rechtfertigen. Dieser Prozess ist in sich gut und
sogar
notwendig. Ich nenne nur zwei Namen, mit denen sich Aufklärung
verbindet: in
Deutschland der Philosoph Emanuel Kant, in Frankreich Voltaire. Man kann und muss aber
auch sagen: Aufklärung – nämlich das
Ernstnehmen der menschlichen Vernunft – ist eine Frucht des
Christentums. Sie
ist letztlich begründet im biblischen Glauben. Einer der
Grundtexte
christlichen Glaubens, nämlich die Genesis, die
Schöpfungsgeschichte ist ein
Text der Aufklärung .Er sagt: die Gestirne, Sonne und Mond, sind
keine Götter,
was in der Umwelt der Bibel geglaubt wurde. Sie sind vielmehr von Gott
geschaffene Geschöpfe, müssen und dürfen nicht angebetet
werden, sondern sind
Beleuchtungskörper, damit die Menschen leben können. Dies
Beispiel soll zeigen:
Aufklärung ist nichts grundsätzlich Antireligiöses,
sondern eben die
Auseinandersetzung der Vernunft mit dem Glauben. Sie musste kommen.
Christlicher Glaube und Kirche mussten sich vor der immer mehr
erwachenden
Vernunft rechtfertigen. Das geschah mehr oder weniger im 18.
Jahrhundert – vor
der französischen Revolution. Damals hatten die Kirchen auch eine
weltliche
Macht, die ihnen nicht zustand. Die aufgeklärte Vernunft hat auch
die Kirchen
entmachtet. Gegen all dies ist nichts zu sagen. Ja, es ist sogar gut
für
Kirchen und Glauben. Im Zuge der Aufklärung aber wurde der
religiöse Glaube
dann auch zur Sache jedes einzelnen Menschen, zur Privatsache. Die Welt
hat
Religionsfreiheit entdeckt, das heißt das Recht jedes Menschen,
selbst seine
Religion zu wählen. Staat und Gesellschaft, aber auch die Kirche
dürfen dem
Menschen die Religion nicht diktieren oder gar aufzwingen. Das war bis
zur
Aufklärung nicht erkannt. Bei uns gilt also gottlob die
Religionsfreiheit. Die heutigen Probleme mit
den Werten aber sind entstanden,
weil wir einseitig nur die Religionsfreiheit und damit Toleranz
entdeckt und
betont haben, andererseits aber tiefer liegende Werte teilweise aus den
Augen
verloren haben: Ich denke an das religiöse Urverlangen jedes
Menschen, an seine
Sehnsucht nach Geborgenheit, Liebe, nach Ewigkeit, ich denke an seine
tief
verwurzelte Sehnsucht nach dem, was man Gott nennt sowie aufgrund
dieser
urmenschlichen Sehnsucht an die unantastbare Menschenwürde und die
Menschenrechten. Darauf muss ich später genauer eingehen. Einwände gegen
Religion Nun stellt sich
natürlich sofort die Frage nach dem Fehlern
der Religionen, auch der christlichen Religion. Religiöser Glaube
an eine
jenseitige Gottheit hat die Menschen auch zu Menschenopfern, zu Kriegen
und
Unterdrückung - etwa der Frau – geführt hat. Christen haben
im Namen ihrer
Religion andere Kulturen, Religionen und Völker zerstört,
haben Menschen
versklavt, haben Bücher und Menschen verbrannt, haben sie
unterdrückt,
ausgebeutet. Sicher: auch Glaube an eine jenseitige Autorität kann
Menschen zu
unmenschlichem Verhalten führen, es rechtfertigen. So missbrauchen
heute
Terroristen mitunter die Religion des Islam. Religion ist nicht
automatisch
Garantie für wahre Menschlichkeit. Aber das bedeutet ja nicht,
dass Religion
als solche und immer inhumanes, kulturloses Verhalten fördert. Im
Gegenteil:
ich bin davon überzeugt, dass die großen Weltkulturen in
China, Japan, Indien,
Arabien und schließlich Europa nicht ohne eine Beziehung der
Menschen zu
jenseitigen Werten und Gottheiten zu verstehen sind. Wir kommen zu unserer
Grundfrage: Brauchen wir eine neue
Wertekultur? Brauchen wir eine neue
Wertkultur? Um Antwort auf diese
Frage zu geben, müssen wir zunächst
nach der alten Wertkultur fragen. Es wäre
kindisch, sozusagen
neue Werte erfinden zu wollen. Wir können nur zurückgreifen
auf eine Kultur,
die uns vielleicht verloren gegangen ist. Und wir müssen vor allem
fragen,
woraus sich diese alte, aus den Augen geratene Kultur gespeist hat.
Danach
kommt die Frage, wodurch diese Kultur bedroht ist und wie wir sie
wieder
verlebendigen können. Das ist auch die
Gliederung meiner weiteren Ausführung:
Ich bitte Sie meine
Ausführungen nicht als Anklage zu
verstehen, sondern als Diagnose unserer Situation. Ich weiß
nicht, ob ich für
dieses Referat gebeten wurde, weil oder obwohl ich katholischer
Priester bin.
Ich verstehe meine Ausführungen nicht als Anklage, sondern als
Diagnose. Und
wenn ich zu Anfang sehr pessimistisch wirke, so möchte ich jetzt
schon darauf
hinweisen, dass ich im zweiten Teil optimistischer sprechen werde. Unsere alte
europäische Wertekultur fasse ich mit dem Wort
„Weltkulturerbe Europa“ zusammen. „Weltkulturerbe Europa“ Neulich zitierte
Altministerpräsident Erwin Teufel den
ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss. Der sagte:
Europa ist auf
drei Hügeln erbaut: auf dem Areopag in Athen, auf dem Kapitol in
Rom und auf
dem Golgothahügel in Jerusalem. Die Kultur Europas basiert auf der
griechischen
Philosophie, Kunst, Demokratie, auf dem römischen Recht und der
Völkergemeinschaft, auf der Bergpredigt und dem gelebten
Liebesgebot Jesu. Die
Werte dieser drei Hügel sind gleichsam in die Verfassungen der
europäischen
Staaten eingegangen. In Deutschland ins Grundgesetz. Der erste Satz unseres Grundgesetzes
lautet:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu
schützen ist
Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“. Ich halte diesen Satz für
einen
kulturgeschichtlichen Durchbruch sondergleichen. Vielleicht sollten wir
ihn
über unseren Schreibtisch oder in unser Wohnzimmer hängen.
„Die Würde des
Menschen ist unantastbar“ In Paragraph 2 heißt es dann: „Jeder
hat das Recht
auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“. In Paragraph 3
heißt es: „Alle
Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Männer und Frauen sind
gleichberechtigt“ Diese Sätze sind
europäisches Kulturgut. Europa ist primär
keine Frage der Geographie, sondern des Geistes, der grundlegenden
Überzeugungen und Normen. Für die Durchsetzung
dieser Prinzipien sind
die besten unserer Vorfahren gestorben. Und wohlgemerkt: Die dahinter
stehenden
Werte sind zwar keine Schöpfungen der Europäer. Denn sie
bestanden, bevor es
Europa gab. Aber sie wurden wesentlich von Europäern entdeckt und
auch mühsam
erkämpft. Die meisten
nicht-europäischen Staaten haben heute zwar
heute gottlob ähnliche Verfassungen, aber deren Inhalt kommt
weitgehend aus
Europa und seiner Geschichte. Hier noch einige weitere Zentralbegriffe
aus
unserer Verfassung: Basierend auf der
unantastbaren Menschenwürde stehen die
Menschenrechte. Im Einzelnen sind es: Lebens- und Entfaltungsrecht,
Rechtsgleichheit, gerade auch von Männern und Frauen, Verbot jeder
Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Abstammung, Rasse, Sprache,
Religion;
Freiheit des Glaubens und Gewissens, Meinungs-, Presse-, Kunst-
Versammlungsfreiheit, Schutz von Ehe und Familie. Alle diese
Grundüberzeugungen waren Jahrhunderte lang nicht
oder nur in Bruchstücken bekannt und anerkannt. Sie sind in Europa
im Lauf der
Jahrhunderte erkämpft und erlitten worden. Und ganz wesentlich: Sie
haben ihre Wurzeln im Glauben der
Juden, bei den Griechen und Römern und schließlich vor allem
im Evangelium Jesu
Christi. Zur Blüte gebracht wurden sie freilich erst durch die Aufklärung.
Und das hat Glaube und Staat gut getan. Auch wenn heute sehr viele
Staaten
diese Grundüberzeugungen auf ihre Fahnen schreiben, so ist eben
doch Europa der
Kontinent, auf dem diese Grundüberzeugungen errungen und erlitten
wurden. Der entscheidende Punkt
für den Durchbruch zu diesen
Grundüberzeugungen liegt im christlichen Menschenbild.
Nach
dem Glauben des alten und Neuen Testamentes ist jeder Mensch
Geschöpf und
Ebenbild Gottes, ja man kann ihn sogar Partner Gottes, von Gott
angesprochene
Person nennen. Wohlgemerkt: nicht nur Mitglieder der Kirche, sondern
wirklich
jeder Mensch. Alle Menschen sind von Gott geliebt und ernst genommen.
Jeder
Mensch ist daher unmittelbar Gottes Partner und nur ihm verantwortlich.
Er
braucht dazu nicht die Vermittlung von Kirche und Priestern. Diese sind
aber
die Überbringer dieser Botschaft. Die Weisheit Griechenlands und
Roms war gute
Voraussetzung für das Entstehen der christlichen Kultur. In den anderen
Weltkulturen steht der einzelne Mensch mit
seiner Würde und seinem Wert nicht in gleicher Weise so im
Zentrum. Wer die
Kulturen Chinas, Japans, Indiens und des Arabischen Raumes auch nur ein
wenig
kennt, weiß, dass dort andere Menschenbilder gelten. Der einzelne
Mensch hat
weniger Geltung und Rechte. Diese Gottunmittelbarkeit
gibt dem
Menschen, Mann und Frau, Gesundem und Kranken, Reichen und Armen, seine
Unantastbarkeit. Das Verhältnis des Menschen zu Gott geht seinem
Verhältnis zu
Staat und Familie voraus. Es ist daher wichtiger und grundlegender.
Daraus
erwächst die Freiheit des Einzelnen, eine ungeahnte Freiheit, die
in anderen
Kulturen so kaum denkbar sind. Die in der Gottunmittelbarkeit
begründete
Freiheit des Menschen hat Europa zu dem gemacht, was es ist. Staat und
Familie
dürfen dem Menschen seine Freiheit sowie seine
Grundüberzeugungen wie Religion
und Gewissen nicht diktieren und nicht bestreiten. Auf all diesen
Grundannahmen
beruhen heute die Freiheitsrechte jedes Bürgers Wodurch ist das
„Weltkulturerbe Europa“ bedroht? Eigentlich sollte man
denken, dass die Kultur Europas nach
dem Fall von Faschismus und Kommunismus weniger bedroht ist als vorher.
Vielleicht ist das ja auch so. Aber es gibt doch auch Anzeichen
dafür, dass die
Überzeugungen, die Europa einst kulturell und human groß
gemacht haben, heute
tiefer bedroht sind. Ich denke dabei weniger an Terrorismus und
fanatischen
Islam, sondern eher an die stillen und daher unerkannten Feinde dieses
Weltkulturerbes. Ich möchte einige nennen. Mangel an grundlegendem
Wertbewusstsein: Die allermeisten
Bürger Europas sind sich wohl kaum der
Werte und Vorteile bewusst, durch die ihr alltägliches Leben
geprägt und
gesichert ist. Beispiele: Frauen können sich um Arbeitsstellen
bewerben, auf
die sie Jahrhunderte lang keine Rechte hatten. Ich weiß, dass
dies oft reine
Theorie ist, dass sie praktisch oft kaum eine Chance auf
Arbeitsplätze haben,
die traditionell Männer innehaben. Aber niemand hat heute das
Recht, ihnen
solche Arbeiten zu verwehren. Weiter: Alle Bürger können ihre
Rechte einklagen,
was jahrhunderte lang nicht möglich war. Menschenhandel ist heute
strafbar –
auch wenn er leider praktiziert wird. Jeder kann die Zeitung lesen, die
seiner
Weltanschauung entspricht, kann sich politisch entsprechend
betätigen, kann
weltweit ohne Beschränkungen reisen, was früher nicht nur
technisch unmöglich
war, sondern auch politisch verhindert wurde. Von all dem haben unsere
Vorfahren nur geträumt, sie haben
dafür gekämpft, sind sogar dafür gestorben. Und wir
genießen die Früchte ihrer
Kämpfe und jammern, wenn manches technisch nicht funktioniert oder
die
Politiker sich streiten. Eine Bedrohung des Weltkulturerbes besteht
darin, dass
wir die erkämpften Rechte zwar genießen, uns aber der
Vorzüge überhaupt nicht
bewusst sind, Hier nun fünf
Bereiche, in denen es sich
besonders zeigt, dass es an grundlegendem Wertbewusstsein mangelt. Medien: Wenn
ich durch die zahlreichen Buch- und Zeitschriftenläden gehe, dann
muss ich mich
schon fragen, in welcher Kultur oder Unkultur wir eigentlich leben. Wie
viel
völlig Wertloses, Falsches, ja Schädliches wird gedruckt,
gekauft und gelesen!
Wie viel oberflächliches Denken ernst genommen wird. Wie oft wurde
beispielsweise den Menschen schon der „ultimative Sex“ versprochen,
Liebe und
Zuneigung aber keine Rolle spielen. Wie oft wurde ihnen schon
weisgemacht, dass
sie abmagern können – ohne zu fasten. Wie oft wurde
verheißen, niemand brauche
zu altern und Gesundheit sei für Jahrzehntegarantiert. Wie viel Unwahres auch
über die Geschichte der
Kirche, der Bibel, der Päpste geschrieben und
einfältigerweise
geglaubt wird. Die Menschen lassen sich billig an der Nase
herumführen, wenn
nur Schreiber und Schreier pseudowissenschaftlich auftreten. Dann wird
auch das
Dümmste geglaubt. Und wenn man die Mehrzahl der Fernsehprogramme
betrachtet, so
bekommt man das Grausen. Einst hatte unser Vorfahr Heinrich Heine
Presse- und
Meinungsfreiheit gefordert. Wir haben sie. Was würde er sagen,
wenn er unsere
Zeitschriften und Fernsehprogramme sähe? Wir lassen uns einnebeln,
missbrauchen
oft die von den Vorfahren erkämpfte Freiheit. Politik: Jahrzehnte
dauerte der Kampf unserer Vorfahren um politische Grundrechte:
Wahlrecht,
Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit, Parteienbildung, um Demokratie
und Mitbestimmung
in Staat und Gesellschaft. Wir haben sie. Mehr und mehr Bürger
aber
interessieren sich nicht für die Politik. Sie wählen
Politiker, die nur
Parteipolitik treiben. Die Parteien sind geschlossene Gesellschaften.
Geschieht
heute schleichend das, was schon die Weimarer ruinierte, dass
nämlich niemand
mehr für die Demokratie zu kämpfen und zu sterben bereit ist?
Was würden die
Hitler-Widerständler sagen, die ihr Leben für ein besseres
Deutschland geopfert
haben. Ich fürchte, sie würden über unsere Demokratie
weinen – nicht nur über
die Politiker, auch über die Wähler. Demographie: Deutschland
leidet unter Nachwuchsmangel, geht vielleicht unter wegen Mangels an
Kindern.
Den meisten Kindern und Eltern geht es zwar heute wirtschaftlich besser
als in
den vergangenen 2000 Jahren. Aber in dieser Welt wollen offenbar viele
nicht
leben. Man schätzt das Leben nicht mehr. Die Familie wird als
Auslaufmodell
gesehen. Die Überbewertung der berufstätigen Frau
gegenüber der Mutter, ebenso
wie die totale Versorgung der Kinder durch den Staat tragen dazu bei. Bildung: Wir
surfen um die Welt, schauen aus dem Weltall auf unsere Erde, steuern
unsere
Autos mit Hilfe von Satelliten, kommunizieren in Sekundenschnelle rund
um den
Globus. Aber wie wenige haben noch eine Ahnung von Beethoven und
Goethe, von
Dante und Rilke, von Michelangelo und Dürer? Jedenfalls habe ich
beim Gang
durch Buchhandlungen nicht den Eindruck, dass wir sehr gebildet sind. Vielleicht ist
tatsächlich das Weltkulturerbe Europa nicht
gefährdet, aber man kann schon den Eindruck davon haben. Von den
Analphabeten
in Deutschland möchte ich gar nicht sprechen, auch nicht von den
armen
Menschen, die sich täglich mit einem 50-Cent-Blatt begnügen! Sexualität: Es ist gut, dass
über Sexuelle Fragen heute nicht mehr
gemunkelt, sondern offen gesprochen wird. Es ist gut, dass Männer
und Frauen
auch in diesem Bereich gleiche Rechte haben. Aber ich komme nicht umhin
zu
beobachten, dass Frauen unglaublich ausgebeutet werden. Frauen werden
maßlos
missbraucht in der Werbung. Sie werden zu Sexobjekten degradiert. Und
zur Frage der homosexuellen Orientierung: Männer, die
sexuell auf
andere Männer hin orientiert sind, gehen für ihre Rechte auf
die Straße, Frauen
tun es ihnen gleich. Die Mehrheit der Bevölkerung aber, die
Familien, die die
Zukunft der Gesellschaft und des Landes tragen, sind sprachlos,
verunsichert.
Alle wissen, dass jedes Land von Familien, von Kindern und Jugendlichen
abhängt. Daher muss heterosexuelle Ausrichtung der Maßstab
des Menschen für die
Gesellschaft sein. Das wird nicht oder zu wenig angesprochen.
Dafür wird nicht
demonstriert. Denn viele meinen, das würde die Homosexuellen
diskriminieren.
Tatsächlich dürfen Homosexuelle wegen ihrer Orientierung
persönlich nicht
diskriminiert werden, aber sie dürfen nicht Maßstab der
Gesellschaft werden,
sie dürfen nicht gleiche Rechte wie Heterosexuelle erhalten,
beispielsweise das
Recht, Kinder zu adoptieren. Denn Kinder brauchen um psychisch
ausgeglichen
heranwachsen zu können, einen männlichen und einen weiblichen
Elternteil. Das
steht wohl in jedem Psychologiebuch. Selbst Homosexuelle hängen ja
von den
Heterosexuellen ab, von funktionierenden Familien, von Familien, in
denen sich
Kinder geborgen fühlen, in denen es auch Mann und Frau gut geht. Religion als Privatsache Ich komme nun zu einer
tieferen Bedrohung unserer
grundlegenden Werte. Sie besteht darin, dass wir - wie oben schon
angedeutet -
einseitig Religionsfreiheit betonen und Religion fast nur noch als
Privatsache
ansehen. Die meisten Bürger sind der Ansicht, dass eine
transzendente
Verankerung der gemeinsamen Grundwerte und Überzeugungen nicht
nötig und
überflüssig ist, und der menschlichen Freiheit widerspreche.
Religionsfreiheit
ist aber aufgebaut auf der Menschenwürde. Religionsfreiheit setzt
Menschenwürde
voraus. Wenn es keine unantastbare Menschenwürde gibt, ist es
sinnlos, von
Religionsfreiheit zu sprechen. Freiheit setzt Würde voraus. Die
Menschenwürde
ist aber nur ein Teil der grundlegenden Werte, auf denen menschliches
Leben und
das Leben der Gemeinschaft aufruht. Wenn Religionsfreiheit
losgelöst wird von
diesen zugrunde liegenden Werten, dann verkommt sie, dann wird sie zu
einer
schlechten, oberflächlichen Toleranz. Der Mensch kann aber nur
dann tolerant
sein, wenn er tiefer liegende Überzeugungen hat. Nur der von
grundlegenden
Werten Überzeugte kann wirklich tolerant sein, kann die
Überzeugungen des
Anderen tolerieren. Nur der von Werten getragene Überzeugte wird
die andere
Überzeugung des Anderen respektiert, weil er von der Würde
und Freiheit des
Anderen ausgeht. Toleranz ist nicht Gleichgültigkeit, sondern
Anerkennung der
Menschwürde und Freiheit des Anderen. Daher kann nur der
Überzeugte wirklich in
richtiger Weise gegen Intoleranz kämpfen. Religion ist also nicht
einfach Privatsache. Wenn eine ganze
Gesellschaft wirklicher Religionsfreiheit
üben will, muss sie getragen sein von einem tiefen
Wertebewusstsein, von dem
Bewusstsein, dass es unantastbare Werte gibt. Dieses Bewusstsein
unantastbarer
Werte wird am besten festgemacht durch die Überzeugung der
Würde jedes
Menschen. Jeder Mensch – ob reich oder arm, schön oder
hässlich, schwarz oder
weiß – hat eine unantastbare Menschwürde. Und diese
Überzeugung muss in einem
Gemeinwesen und seiner Rechtsordnung vorfindbar sein. Nur dann ist
Religionsfreiheit
nicht einfach Oberflächlichkeit. Die Folge davon ist, dass
keine Verfassungsgebende
Versammlung die Grundwerte antasten oder ändern darf,
beispielsweise die
Überzeugung, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, dass
sie
unantastbare Würde haben. Wenn sie es täte, würde sie
die Gesellschaft dem
Chaos überlassen. Soweit zur Religion als
Privatsache. In unserer Zeit werden
nun manche Werte so betont, dass sie
quasi religiöse Bedeutung erlangen. Das gilt zum Beispiel für
das Thema Umwelt.
Gerade wir Deutsche haben aus der Ökologie eine Quasi-Religion
gemacht. Diese
ist nicht unbedingt ungefährlich oder gar Götzendienst. Liberalismus und
Missverständnis von Freiheit Gefährlich ist eine
andere Quasi-Religion, nämlich der Liberalismus
oder ein falscher Begriff von Freiheit. Papst Benedikt sprach
kurz vor
seiner Wahl zum Papst von der Diktatur des Relativismus. Ich
möchte dies etwas
ausführlich erklären: Alle Menschen sind durch ihr
Geschlecht, durch ihre
Eltern und das Volk, in dem sie geboren werden, durch ihren sozialen
Status und
ihre Gesundheit festgelegt und haben hier keine Wahlmöglichkeit.
Aber sie
können auf der Basis dieser Vorgaben vieles frei entscheiden. Wir
entscheiden
selbst, wie wir uns ernähren und kleiden, welchen Beruf wir
ergreifen, welchen
Partner wir wählen, wie viele Kinder wir haben, ja sogar, welcher
Religion wir
angehören wollen. Wir sind also gleichzeitig vorgeprägt und
daher unfrei und
frei. Wir haben aber
gleichzeitig auch geistige und moralische
Vorgaben unserer Freiheit, die wir frei annehmen sollen, wozu wir aber
nicht
von außen gezwungen werden. Es handelt sich im Wesentlichen um
das, was in den
zehn Geboten steht: Du sollst nicht töten, sollst die Wahrheit
sagen, sollst
nicht betrügen, sollst deinen Ehepartner nicht verlassen, du
sollst deine
Eltern ehren, du sollst niemand übervorteilen und beneiden.
Grundlegend könnte
man sagen: was du nicht willst, was man dir tut, das füg auch
keinem anderen
zu. Diese Vorgaben für unsere Freiheit müssen frei angenommen
werden. Wer sie
annimmt, erhebt sein Menschsein, wer sie nicht annimmt, verliert etwas
davon.
Freiheit bedeutet also zusammengefasst: Verantwortung gegenüber
einer
vorgegebenen Ordnung und gegenüber dem nächsten Menschen.
Freiheit besteht in
zwei Stufen: die untere Stufe besteht in der freien Annahme einer
vorgegebenen
Humanordnung, die obere Stufe in der Entfaltung der eigenen Gaben auf
ein
göttliches und humanes Ziel. Durch ein
Missverständnis der Aufklärung haben viele
Menschen heute ein falsches Verständnis von Freiheit. Sie meinen
meist,
Freiheit bedeute einfach die Möglichkeit, tun und lassen zu
können, was gefällt
oder richtig scheint. Wenn nun aber zu viele Menschen den Begriff der
Freiheit
missverstehen, dann ist dies eine Bedrohung der Gesellschaft
ähnlich wie die
Zerstörung der Umwelt und des Weltklimas. Umwelt- und
Klimazerstörung kann man
messen. Zerstörung durch Freiheitsmissbrauch ist kaum messbar,
denn sie schafft
selbst wieder eine Blindheit, sodass die Schäden nicht mehr
wahrgenommen
werden. Da Europa nun aber mehr
als die Kulturen Asiens,
Afrikas und Amerikas die Freiheit des Menschen entdeckt hat, ist Europa
selbst
durch seine Entdeckung bedroht. Es ist wie beim
Zauberlehrling, der
die von ihm selbst verzauberte Welt nicht mehr bändigen kann.
Immerhin ist er
nicht ganz verloren, wenn er wenigstens seine Fehler als Fehler erkannt
hat.
Europa ist nicht ganz verloren, wenn es wenigstens sein
Missverständnis von
Freiheit bald erkennt und zum wahren Begriff von Freiheit
zurückkehrt, das
heißt zu Freiheit als Verantwortung. Nun möchte ich mich
noch einem anderen typisch europäischen
Phänomen zuwenden: Die Unfähigkeit des
Menschen zu Gott Wenn wir heute gebildete
Menschen aus Afrika, Asien und
Amerika treffen, so werden viele von ihnen ganz selbstverständlich
bekennen,
dass sie an Gott glauben. Das ist in Europa anders. Für Millionen
ist der
Glaube an einen Gott unfassbar, ein Überbleibsel, etwas für
Zurückgebliebene. Vor rund einem Monat
wurde an vielen Orten des 100.
Geburtstags von Pater Alfred Delp gedacht. Er war am 15. September 1907
geboren
worden. Delp kann man wohl einen der heraus ragendsten christlichen
Vordenker
unserer Zeit nennen. Er hatte in Nazi-Kerker Intuitionen, die bis heute
ihre
Gültigkeit haben. Eine seiner Feststellungen ist die
Unfähigkeit des modernen
Menschen zu Gott. Der moderne Mensch ist Gottes unfähig. Zur
gleichen Zeit aber
schreibt er, Gott gehört in die Definition des Menschen. Das
heißt: Der Mensch
wird er selbst durch seine Frage nach Gott, durch seine Suche nach
Gott. Der
Mensch, der nicht nach Gott fragt, versäumt sein Eigentlichstes,
sein Tiefstes,
sein Bestes, Wer nicht an Gott glaubt, ist in Gefahr, sein Humanstes zu
verlieren. Ohne Gott ist der Mensch in Gefahr, zu verkümmern. Und nun eben auch seine
Feststellung: der moderne Mensch ist
aber Gottes unfähig geworden. Wohlgemerkt: es ist nicht des
Menschen Bosheit,
es sind nicht primär seine Sünden, die ihn Gottes
unfähig gemacht haben. Der
moderne Mensch hat im Lauf der Geschichte sein natürliches Fragen
nach Gott
verlernt, er weiß nicht mehr, wie das geht. Er müsste es
wieder lernen. Auch heute wissen
Millionen von Afrikanern, Asiaten und
Amerikaner, dass ihre Kultur mit ihrer Religion zusammenhängt,
dass Kulturen
Gott brauchen, dass Kultur in religiösem Glauben begründet
ist, und dass Kultur
nur zu ihrer eigentlichen Größe kommen kann, wenn sie nach
Gott fragt, sich auf
ihn hin orientiert. Europa hat sich von
dieser religiösen Grundhaltung im Lauf
der Aufklärung entfernt. Vielleicht war die enge Verquickung
von Staat
und Kirche sogar daran schuld. Die Kirche wurde in ihre
Schranken
verwiesen, der Mensch hat sich von ihr und ihren Überzeugungen
entfernt. Gott
wurde verdrängt. Naturwissenschaft und
Psychologie Dazu kamen die
naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die
Gott scheinbar widerlegten. Man brauchte Gott immer weniger, denn man
wusste,
wie man Krankheiten ohne ihn heilte, wie man sich gegen Gefahren
versicherte,
wie man die Ernte sicherte und vermehrte, wie man mangelnden Regen
ersetzen
konnte. Gott wurde für das praktische Leben nicht mehr gebraucht.
Aber die
menschliche Seele wurde ärmer. Man brauchte ihn auch
nicht mehr zur Vergebung der
Schuld, denn die Psychologie lehrte, dass niemand wirklich
schuldig
ist, dass die Ursachen der Fehler in den Genen und in den Vorfahren
begründet
sind. Man brauchte Gott weder für die Ernte, noch für den
Umgang mit der
Schuld. Jedenfalls meinten viele, dass sie Gott nicht mehr brauchten,
und so
verlor der moderne Mensch seine Antennen für eine transzendente
Macht, für das
große Du hinter und über seinem Leben. Und Alfred Delp
wünscht sich für den modernen Menschen nun
vor allem die Anbetung Gottes. Anbetung ist für
ihn eine
zentrale Kategorie. Nicht Bitte, nicht Frage, nicht Anklage, nicht
Busse,
sondern Anbetung. Mit gefesselten Händen schreibt er: „Brot ist
wichtig,
Freiheit ist wichtiger, am wichtigsten ist die ungebrochene Treue und
die nicht
verratene Anbetung“. Delp war Soziologe, er wusste, dass für den
Menschen die
Nahrung, das tägliche Brot grundlegend sind, er wusste gerade,
weil er die
Diktatur Hitlers erlebte, dass der Mensch Freiheit braucht um leben und
atmen
zu können. Er stellte aber an die Spitze der menschlichen
Bedürfnisse die Treue
dem Menschen gegenüber und die Anbetung Gottes. Delp wurde im
Gefängnis von der
Gestapo gefoltert. Vermutlich wollte man von ihm Namen von anderen
Hitlergegnern herausprügeln. Daher galt für ihn „Treue“, das
heißt niemanden
verraten, zu den Freunden stehen, zusammenhalten, treu sein. Aber die
Spitze
der Werte und Grundhaltungen besteht für ihn in der Anbetung
Gottes. Anbetung
heißt Anerkennen, Gottes Hoheit anerkennen, annehmen, Wissen,
dass man selbst
unter einer höheren Autorität steht, dass man selbst nicht
Herr ist, dass man
sein Leben empfangen hat und nicht selbst schaffen kann. Gott anbeten
ist für
Delp die entscheidende Grundhaltung des Menschen. Durch Anbetung wird
der
Mensch erst wirklich Mensch, kommt zu seiner Höhe, wird zu dem,
was Gott für
ihn erdacht und geplant hat. Durch Anbetung kommt der Mensch zu wahrem
Menschsein. Ich meine: unsere
Gesellschaft ist im Wesentlichen bedroht
von einem Mangel an Wertebewusstsein, einem Missverständnis von
Freiheit und
einem Verlust der Antenne für Gott. Heute anerkannte
Grundwerte Was ich bisher
ausgeführt habe, kann den Eindruck erwecken, bei
uns sei alles schlecht. Das ist ein falscher Eindruck, aber um zur
Heilung, zur
Therapie zu kommen, musste ich zunächst die Bedrohung aufzeigen.
Gottlob gibt
es in unserer Gesellschaft fünf Grundwerte, über die wir uns
weitgehend einig
sind: Toleranz, Solidarität, Gerechtigkeit, Frieden,
Bewahrung der
Schöpfung. Aber offenbar sind sie einerseits bedroht.
Andererseits
scheinen sie nicht ganz auszureichen für eine gesunde
Gesellschaft. Irgendetwas
fehlt dennoch. Denn woher kommen: Jugendkriminalität,
Brutalität in Stadien,
Gewaltverherrlichung im Fernsehen, allgemeiner Verrohung,
Wirtschaftskriminalität, Intoleranz gegen Kinder und Jugendliche,
Rechts- und
früher auch Linksradikalismus. Daher also die Frage nach
einer alten und neuen Wertekultur.
Sind etwa manche Werte nur theoretisch anerkannt, aber praktisch am
verschwinden? Schauen wir uns die
fünf Grundwerte im Einzelnen an: Toleranz und Achtung vor
der Überzeugung des Anderen: sie steht heute hoch im
Kurs: Man muss Denken und Tun des
anderen respektieren, darf ihn nicht an seinen Entscheidungen hindern,
man muss
daher auch Jugendlichen die Freiheit lassen, ihre Erfahrungen zu
machen. Der
Kunst muss man die Freiheit lassen, auch Dinge zu tun, für die
sich unsere
Vorfahren geschämt hätten. Auch das Sexualleben des
Nächsten muss man
tolerieren, denn es ist seine Privatsache. Der Staat darf sich in das
freie
Spiel dessen, was im Internet gezeigt wird, nicht einmischen, denn das
widerspricht der Meinungsfreiheit. Freilich zeigte sich – gottlob –
auch, dass man
gegen Intoleranz intolerant sein muss. Gewalt darf man nicht
tolerieren. Die
Gesellschaft braucht – wie wir oben gezeigt haben -
Grundüberzeugungen und
nicht nur Toleranz. Wenn aber nicht alles toleriert werden darf,
braucht es
Maßstäbe, braucht es Grundüberzeugungen, Grundwerte,
Grundannahmen, sonst fällt
eine Gesellschaft auseinander. Und nur wenn diese Grundwerte
gesellschaftlich
getragen werden, kann Kultur wachsen. Zur Geschichte der
Toleranz: Die Fehler und
Einseitigkeiten der mittelalterlichen Kirchenverwaltung
haben die Reformatoren auf die Barrikaden getrieben. Eine späte
Folge war der
Dreißigjährige Krieg, an dessen Ende eine gewisse Toleranz
zwischen den
Konfessionen gefunden wurde. Martin Luther hatte also Bedeutung
dafür, dass
Religionsfreiheit entdeckt wurde. Mehr Gewicht kommt der
Aufklärung zu. Die
Aufklärer forderten, dass sich Religion vor der Vernunft
verantwortet. Die
höhere Autorität war also die menschliche Vernunft. Religion
musste sich
rechtfertigen. Mit der Entdeckung der Menschen- und Völkerrechte -
wobei die
katholische Kirche eine gewisse Rolle spielte - bekam die Idee der
Toleranz
einen neuen Schub. Er lautete: kein Mensch darf zu einem Tun oder
Lassen
gezwungen werden, es sei denn er verhält sich gefährlich.
Oberstes Prinzip ist
seine Freiheit. Das begründet scheinbar Abartigkeit in der Kunst,
Gewaltdarstellung im Fernsehen, Sex im Internet, staatliche Anerkennung
homosexueller Partnerschaften. Ökologie Ein anderer heute
unbestrittener fast religiöser Wert ist
die Schonung der Umwelt. Wer sich gegen die Umwelt
versündigt,
muss mit sozialer Ächtung rechnen. Die Motive dafür sind
teils rational, weil
wir erkennen, dass wir unseren Nachfahren einen geplünderten
Planeten
hinterlassen, teils politisch: Politische Parteien gewinnen durch
Umweltpolitik
Stimmen, teilweise auch einfach romantisch: Wie hängen gerade auch
im
Schwabenland an der Heimat, was auch gut ist. Zum Wert des Umweltschutzes
ist nicht viel zu sagen: noch vor 30 Jahren hätten nur wenige
gewusst, was
damit gemeint ist. Unser Verhalten hat uns das Thema aufgezwungen. Wir
müssen
uns damit befassen, schon aus Eigennutz. Frieden Auch der Wert des Friedens
ist heute
unbestritten. Wir haben aus der Geschichte gelernt, dass ein Waffengang
mehr
zerstört als er bringt. Zudem können wir uns im Gegensatz zu
unseren Vorfahren
kaum einen Wert vorstellen, für den ein Krieg gerechtfertigt
wäre. Früher
dachte man noch, dass ein Landstrich, die Ehre eines Volkes, ein
materieller
Gewinn einen Krieg rechtfertige. Solidarität Schwieriger wird es bei –
wie ich sagen möchte – aktiven
Werten:Solidarität und Gerechtigkeit. Es kostet schon
etwas, sich zu
engagieren für alte Eltern oder gar kranke Nachbarn. Das fordert
Solidarität.
Durch die in mühsamen Kämpfen gewachsenen
Gewerkschaftsbewegungen und
Versicherungseinrichtungen hat Solidarität eine offizielle
Struktur erhalten,
wurde aber dadurch entpersönlicht. Man muss sich um den
Nächsten nicht mehr
kümmern, denn er ist ja organisiert und versichert.
Solidarität ist zur Technik
und Maschine geworden. Mühsam ist auch ehrenamtliche politische
und
gewerkschaftliche Tätigkeit, wenn man nicht selbst finanziell
davon lebt. Es
gibt zwar unzählige freiwillige Hilfsorganisationen, in denen der
Helfer
erfährt, wie schön Helfen ist. Aber es fehlen wohl ideal
gesinnte Menschen, die
sich aus Solidarität politisch engagieren. Gerechtigkeit Und schließlich Gerechtigkeit:
Vor dreißig
Jahren haben viele junge und alte Menschen soziale Gerechtigkeit auf
ihreFahnen
geschrieben. Die sind jetzt vielleicht frustriert und müde
geworden. Sich
heutzutage für weltweite Gerechtigkeit, aber auch Gerechtigkeit in
der eigenen
Gesellschaft zu engagieren, ist seltener geworden und erhält nicht
mehr so viel
Applaus wie vor einer Generation. Ein Bereich der Gerechtigkeit ist
freilich
relativ neu: die Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen. Frauen
haben
erkannt, dass sie Jahrhunderte lang von Männern ungerecht
behandelt wurden.
Heute können sie die Zahl ihrer Kinder selbst bestimmen, sind gut
ausgebildet,
fühlen sich den Männern gleichrangig und kämpfen
für gleichwertige Behandlung
in Gesellschaft und Beruf. Dies nur eine sehr kurze
Zeitdiagnose. Ich wiederhole: Rein
theoretisch wird kaum jemand diese fünf Grundwerte bestreiten. Sie
praktisch zu
verwirklichen, wird schon wesentlich schwerer. Frieden:
Auch hier ist der Weg kurz: Die Erfahrungen der beiden Weltkriege, aber
auch
das Scheitern der US-Amerikaner in Vietnam und jetzt im Irak lehren,
dass Krieg
meist mehr schadet als er nutzt. Aber hier muss ich auch das Fernsehen
loben:
Wir kennen heute auch ferne Kriege und das Leiden, das sie über
die Menschen
bringen. Das kannten unsere Vorfahren, die Kaiser Wilhelm 1914 folgten,
nicht.
Sie waren Krieg spielende Kinder. Solidarität: hier
sind wir m. E. an einem heute wunden Punkt: Durch Jahrhunderte war die
Familie
die Solidargemeinschaft schlechthin: Eltern brauchten Kinder, die sie
im Alter
ernähren und versorgen konnten. Kinder brauchten Eltern, die sie
in Krankheit
pflegten. Eine Generation trug die andere. Das hatte Vor- und
Nachteile. Es gab
mehr Arme als heute. Wir haben gelernt, die Risiken auf
größere Gruppen zu
verteilen. Alle Bürger müssen versichert sein. Der Staat ist
zum Helfer,
Retter, möglicherweise sogar zum Erzieher geworden. Und weil der
Bürger den
Anderen, der für ihn oder sie einsteht, nicht persönlich
kennt, wird die
Versicherung zu einer Maschine, die man ausnützen oder eine Kuh,
die man melken
kann. Sicherung hängt nicht mehr von der Familie ab, sondern ist
anonym. Man
wird dabei leicht zum Handaufhalter. Heute kann man leicht sagen: ich
zahle,
also habe ich einen Anspruch. Das stimmt. Aber wenn dabei ganz
vergessen wird,
dass grundlegend die Haltung oder Tugend der Solidarität, des
Zusammenstehens
nötig ist, dann geht in der menschlichen Gesellschaft etwas
grundlegend
verloren. Ich denke, dass wir hier an einem wunden Punkt in unserer
Wertekultur
stehen. Erwachsene wissen, was sie an einer Versicherung haben. Jungen
Menschen
muss man das wohl ausdrücklich sagen: „Nach einem Beinbruch beim
Fußball
bekommst Du im Krankenhaus gratis eine sehr teuere Reparatur, die von
denen
gezahlt wird, die das Glück haben, ihr Bein nicht zu brechen. Wir
sitzen alle
im gleichen Boot. Wenn im Boot nur Egoisten sitzen, dann wird das Boot
beim
ersten Sturm untergehen. Zum Zeichen dafür, dass Du diese
Solidargemeinschaft
anerkennst, könntest Du mal freiwillig einen ehrenamtlichen Dienst
bei einer
Hilfsorganisation übernehmen.“ Zur Wertekultur: Ich denke, Eltern
und Erzieher
müssen jungen Menschen helfen, die anonym gewordene
Solidargemeinschaft als
solche zu erkennen und dafür dankbar zu sein und sie durch Zeichen
mit zu
tragen. Der Staat und die Versicherungen sind keine Maschinen. Es ist
unser
Staat, es sind unsere Versicherungen. Das was für Erwachsene
selbstverständlich
sein mag, ist es für Jugendliche nicht. Und leider geben
Erwachsene manchmal
auch ein schlechtes Beispiel. Wir müssen die Frage
der Solidarität ausweiten: Auch Demokratie braucht
Freunde, Anhänger und Verteidiger.
Unsere Vorfahren vor und nach dem zweiten Weltkrieg haben sie
erkämpft und
erlitten. Wenn sie sähen, wie wenig Liebe und Hochachtung wir
für die
demokratischen Strukturen und Mechanismen haben, würden sie
weinen. Es braucht
in jeder Generation staatsbürgerliche Erziehung. Ich weiß,
dass Parlamentarier
auf allen Ebenen heute auch vielfach versagen, es gibt zuviel
Parteienwirtschaft und Geklüngel, die Parlamentarier hängen
zu wenig von ihren
Wählern ab und zu sehr von ihrer Partei, Bundestagsdebatten sind
langweilig,
Entscheidendes wird in Talkshows gesagt und nicht im Parlament.
Demokratieverdrossenheit. Die Jugend müsste aufstehen und eine
bessere
Demokratie einfordern. Ich fürchte, sie interessiert sich zu
wenig. Auch dies
ist eine Frage der großen Solidarität. Und – wir dürfen
uns sagen: Vom guten
Funktionieren Deutschlands hängen manche oder gar viele
Entwicklungsländer ab.
Wenn es schon bei uns Demokratiemängel und Korruption gibt, um wie
viel mehr
dann bei ihnen? Wir kommen zur
Gerechtigkeit: Rein theoretisch sind wir
sicher dafür, dass allen Menschen
ihr Recht gegeben wird. Wenn es aber praktisch wird und uns selbst
berührt,
dann hapert es doch auch wieder. Denken wir an die Chancen, die die
relativ
reichen Ländern den relativ armen auf dem Weltmarkt geben. Ich
höre jedenfalls,
dass wir immer noch Handelsschranken haben, die die eigene Wirtschaft
beschützen. Man kann es verstehen, aber es widerspricht unseren
hehren
Prinzipien des offenen Marktes und der internationalen Gerechtigkeit.
Wir
fordern friedliche Entwicklungsländer, verdienen aber durch
Waffenhandel und
Export unserer Güter, die den armen Ländern schaden. Die
meisten Menschen
wissen darum wenig. Es fehlt an politischem Interesse. Es fehlt
vielleicht auch
an den Zeitungen und Rundfunkanstalten, die ihren Lesern und Nutzern
mal etwas
fremden Stoff zumuten müssten. Man kann einwenden, dies seien im
Grunde
Nebenfragen, keine vitalen Fragen unserer Gesellschaft. Dagegen sage
ich:
Umweltverschmutzung war vor 30 Jahren auch noch eine Nebenfrage, bis
sie uns
jetzt eingeholt hat. Wir haben uns mit
fünf Grundwerten befasst: Nochmals in der
Systematik: Solidarität betrifft die
Zusammengehörigkeit der Menschen, Toleranz ihre richtige Distanz,
Gerechtigkeit
meint die Gleichbehandlung aller durch die öffentlichen
Autoritäten, Frieden
das Zusammenleben zwischen Gruppen und Völkern, Umweltschutz den
Schutz unserer
Erde. Die Kultur dieser Werte
war zeitweise schon höher. Wenn ich
etwa an den Mut und Lebenseinsatz von Widerständlern unter Hitler
und in der
DDR denke. Sie haben ihr Leben gewagt für eine bessere
Gesellschaft. Angesichts
ihres Mutes und ihrer Leiden, frage ich mich, ob wir uns nicht
schämen müssen
für die Gesellschaft, in der wir leben, ob wir nicht mit unendlich
größerer
Kraft für eine bessere, humanere Gesellschaft kämpfen
müssten. Konkreter:
Besonders Solidarität und Gerechtigkeit sind durch Anonymität
bedroht. Eine andere Schicht von
Werten und Unwerten Nun gibt es aber auch
eine andere Schicht von Werten bzw.
von Verstößen gegen diese Werte.
Die Verstöße heißen Gewalt, Sex und
Stillosigkeit. Die korrespondierenden
Werte heißen: Friedfertigkeit, Geschlechtlichkeit und Stil. Gewalt:
Die Welt schrickt auf, wenn 17-Jährige ein Mädchen
vergewaltigen oder zu Tode
quälen, wenn Fußballfans Polizisten angreifen oder erst
recht, wenn es
Rechtsradikale sind. Sie schrickt leidern nicht auf, wenn Kinder und
Jugendliche stunden und tagelang gewalttätige Fernsehprogramme
oder Videospiele
sehen. Sie schrickt nicht auf, wenn Kinder und Jugendliche ihre Eltern
nur am
Wochenende sehen, wenn sie grundsätzlich aus dem Eisschrank essen
müssen, wenn
Eltern nur auf Probe zusammenleben und Kinder ständig in der Angst
leben
müssen, dass sich ihre Eltern trennen, wenn Millionen von
Männern zweifeln, ob
ihre Kinder wirklich von ihnen gezeugt wurden. Was ist zu tun?
Medienmacher und Pädagogen sollten sich vielleicht
entschließen, den jeweils
sichereren Weg zu empfehlen und nicht mit der Möglichkeit zu
rechnen, dass
Gewaltvideos doch nicht so schlimm sind. Kindern schaden vielleicht
Gewalt-Video-Spiele nicht, wenn sie dann auch mal mit ihren Eltern
darüber
reden können. Solche Spiele schaden vielleicht nicht, wenn die
Kinder auch mal
im Wald tollen können. Aber wenn Jugendliche allein gelassen
werden mit solchen
Spielen und Gewaltfilmen, dann drehen sie eben mal durch. Nicht
monokausal
denken, sondern plurikausal. Wenn Jugendlichen echte menschliche
Begleitung und
Liebe fehlt, gehen sie kaputt. Es darf auch im Bereich von Erziehung
wieder von
Liebe gesprochen werden, nicht nur von Lernprogrammen. Mich wundert es
überhaupt nicht, wenn Jugendliche gewalttätig agieren und
reagieren. Sie haben
es in der Gesellschaft gelernt, die wir – durch falsche Toleranz oder
Feigheit
– geschaffen haben. Jugendliche brauchen Gesprächspartner,
Zuwendung, Toleranz,
Liebe. Früher haben Väter ihren Kindern den Hosenboden
versohlt. Das war
vielleicht nicht ganz das Richtige. Aber damit wussten sie, dass der
Vater sich
für sie interessiert. Wissen sie das heute oft nicht oder zu
wenig? Wir müssen
zurück zu wirklichen Erziehung und dürfen das nicht nur von
den Lehrern
verlangen, sondern vor allem von den Eltern. Sex: Erlauben
Sie mir hier prononcierte Aussagen: Die Menschheit weiß, dass die
geschlechtliche Begegnung zwischen einem Mann und einer Frau zu den
beglückendsten Erfahrungen des Menschen gehört. Aus ihr
nährt sich nicht nur
familiäre Kraft, sondern auch gesellschaftliche Stärke,
künstlerische Größe.
Liebe schafft eine fast grenzenlose Ausdauer, wenn Liebende, die durch
Krieg
oder Ähnliches getrennt sind, einander suchen. Soldaten im Krieg
oder Matrosen
in Gefahr auf hoher See können davon leben, dass zuhause ihre
geliebte Frau auf
sie wartet. Frauen, die entehrt und gedemütigt werden, können
es überstehen,
wenn sie darauf vertrauen können, dass ihr Ehemann auf sie wartet
und zu ihr
steht. Lebt nicht die Literatur seit Jahrhunderten von der Liebe, auch
der
geschlechtlichen Liebe zwischen Frau und Mann? Und wenn nun ein Mensch
des klassischen Griechenland, des
hohen Mittelalters oder des 19. Jahrhunderts auf einige homepage
schauen
könnten und die Sex-Anzeigen sehen würden, so würden er
sich vermutlich fragen:
in was für einer Kultur leben meine Nachkommen eigentlich? Das
Prickelnde der
Erotik fehlt, sie ist zum Sex als Ware verkommen. Der Beischlaf kann
gekauft
werden. Nun der Vorfahr aus
Griechenland wird vielleicht sagen: Auch
zu unserer Zeit gab es Prostitution. Aber wir haben es doch ein ganz
klein
wenig versteckt. Wir haben es gemacht, aber es war sozial nicht
angesehen. Wir
hätten es nicht hinausposaunt. Und: wir Griechen sind leider dann
auch an Sittenlosigkeit
zugrunde gegangen. Es kann also mit der Kultur des 21. Jahrhunderts
nicht mehr
lange gehen. So etwa der alte Grieche. Klar: Sex wurde immer
betrieben. Aber man darf sich daran
erinnern, dass das Verhältnis zwischen Mann und Frau bis vor rund
200 Jahren
gesellschaftlich auch noch ganz anders war als heute. Die Frau war
Eigentum des
Mannes. Sie wurde aus ihrem Vaterhaus in das Haus des Ehemannes
übergeben. In
den meisten Gesellschaften sprachen – Ausnahmen abgesehen - auch
Männer
hauptsächlich mit Männern und Frauen mit Frauen. Zwischen
verheirateten
Eheleuten gab es wesentlich weniger Dialog oder gar streitige
Auseinandersetzung. Sie war seine Bettgefährtin, die Mutter seiner
Kinder, die
Frau, die das Haus bestellte. In Sonderfällen mögen sie auch
wirklich Partner
im heutigen Sinne gewesen sein. Aber vermutlich nur in
Sonderfällen. Meist
galt, dass er herrschte und sie diente. Das wünsche ich mir nicht
zurück. Auf
diesem Hintergrund ist auch das Prostituiertenwesen noch anders zu
sehen.
Damals wurde die Frau zwar von ihrem Mann betrogen, aber nicht im
heutigen
Sinne gekränkt. Heute sprechen wir von
partnerschaftlicher Ehe. Ein hohes,
schwer zu verwirklichendes Ideal. Wenn also heute Sex betrieben und
kommerziell
gefördert wird, dann ist das ein besonderer Schlag ins Gesicht der
Frau und ein
Schlag für unsere aufgeklärte Vorstellung von den Beziehungen
zwischen Mann und
Frau. Wir hängen unser Ideal höher und steigen gleichzeitig
tiefer ab. Ich gehe mal davon aus,
dass die Mehrheit der Eheleute auch heute
versucht, in Treue mit einander zu leben – auch wenn das heute schwerer
ist als
früher. Aber die öffentlich gebilligte und geförderte
Sex-Kultur ist eine
Kulturschande. Ich würde mal sagen: selbst unser Goethe, der mit
vielen Frauen
ins Bett gegangen ist, würde sich auf die Schenkel schlagen und
fragen: „Was
ist Deutschland, was ist Europa primitiv geworden! Es gibt nicht mehr
die
prickelnde Erotik, die die Künstler der Welt inspiriert hat, es
gibt nur noch
Sex. Sind wir nach dem Jahrtausende langem Aufstieg aus dem Tierreich
wieder
dorthin abgestiegen. Es gibt keine Geliebten mehr, sondern nur noch
Puff.
Entspannt Euch mit einander, aber vergesst nicht die scheußliche
Reklame mit
den Gurken, Karotten und Zitronen, damit ihr beim Vergnügen nicht
krank werdet.
Wirklicher Eros ist zum Sex verkommen. Soweit stelle ich mir Goethes
Kommentar
vor. Und er würde vielleicht noch sagen: Wenn ich mit einer
schönen Frau ins
Bett gegangen bin, habe ich auch ein wenig ihre Seele gesucht. Meine
Nachfahren
suchen nur mehr den Leib. Da hat sogar der Papst versucht, den Eros als
Geschöpf Gottes zu retten.“ So stelle ich mir einen Kommentar von
Johann
Wolfgang von Goethe vor. Wohlgemerkt: es geht mir
nicht um eine Verteufelung der
Sexualität. Es geht mir um die Kultur der Sexualität. Die
haben wir teilweise
oder ganz verloren. Wir stehen bei einer
anderen Schicht von Werten bzw.
Unwerten. Bei Gewalt, Sex und nun die Nummer drei: Stillosigkeit. Über dieses Thema
mögen Sie zunächst lächeln. Ich nenne es
einmal Stillosigkeit. Vielleicht könnte man auch einfach
sagen:
Kulturlosigkeit. Sie werden gleich sehen, was ich damit meine:
Ich
erlaube mir die Ansicht, dass bei uns wirklich schöne Kleidung zur
Mangelware
geworden ist: Erinnern Sie sich bitte daran, wie sich die Menschen etwa
in
Indien, in Japan, in Thailand farbig kleiden, aber auch Afrikaner und
Indios in
Lateinamerika. Sie versuchen – auch wenn sie noch so arm sind - sich so
schön
wie möglich anzuziehen. Und das auf jeden Fall für Feste,
wenn möglich aber
auch im Alltag. Und wir tragen im Unterschied dazu möglichst oft
langweiligen
Freizeitlook. Viele Völker außerhalb Europas tragen
traditionell Farben, viele
Farben. Erinnern wir uns auch daran, wie sich unsere Vorfahren in
Europa
kleideten, denken wir an die Trachten. Damals waren viele noch sehr
arm, aber
wenn sie konnten, kleideten sie sich – nach ihren Vorstellungen –
schön, auch
bunt und möglichst klassisch, damit man erkennen konnte, zu
welcher
gesellschaftlichen Gruppe sie gehörten. Und dann stellen Sie sich
bitte den
heute meist üblichen Freizeitlook bei uns vor. Ich finde, er ist
armselig, er
ist oft schlampig, er ist oft farblos, er ist ungebügelt und
manchmal auch
ungewaschen. Grau oder beige sind beliebte Farben. Über
Schönheit kann man
nicht streiten. Die Geschmäcker sind verschieden. Ich schlage
Ihnen vor, sich
einmal ihre Umgebung anzuschauen, in die Schaufenster zu schauen und
das, was
Sie sehen, zu vergleichen mit Bildern von Menschen in fernen
Ländern oder
fernen Zeiten. Die Kleidung ist für mich nur ein Symptom
dafür, dass wir
gepflegte Lebens- und Umgangsformen teilweise verlernt haben. Alles ist
leger,
freizeit-geprägt, locker, un-anstrengend. Zur Stillosigkeit
gehört meiner Ansicht nach auch, dass
Familien immer seltener gemeinsam essen, dass man
zur fest
gesetzten Zeit am Tisch sitzt, gemeinsam anfängt und gemeinsam
aufhört.
Vielleicht könnte man ja sogar ein Tischgebet sprechen. Viele
leben nur aus dem
Kühlschrank, aus der Mikrowelle. Ich nenne das Kulturverfall, wenn
es fast rund
um die Woche so geht. Ein weiteres
Phänomen ist das Verschwinden von einfachen Anstandsregeln.
Lernen Jugendliche und Kinder noch, ihre Eltern, ältere Verwandte,
Lehrer oder
Vorgesetzten zu grüßen? Dass es gewisse gepflegte
Umgangsformen gibt, mit denen
man sich begegnet, wissen auch manche Erwachsene kaum mehr. Früher
sind jüngere
Menschen aufgestanden, wenn Ältere einen Sitzplatz in Bus oder
Bahn brauchten.
Früher sind Herren sogar aufgestanden, wenn Damen – jedenfalls
ältere Damen –
in einen Raum gekommen sind. Sicher – wir Ältere
erinnern uns daran, dass unsere
Vorfahren in diesen Bereichen vielleicht übertrieben haben. Ich
habe aber den
Eindruck, dass wir heute in den gegenüberliegenden
Straßengraben gefallen sind.
Gewisse Formen des Umgangs und der Kleidung gibt es gerade noch bei den
Bänkern
in Frankfurt und bei Hochzeiten. Sonst sind wir möglichst rund um
die Uhr
locker, unanstrengend, unverbindlich. Frage: Ob diese Oberfläche
unserer Kultur
zusammenhängt mit Gewalt und sexueller Unkultur? Man zieht sich
Jeans an, zieht
für die Kinder Videospiele rein und geht mit der Blondine aus dem
Internet ins
Bett. Wo es früher
vielleicht zu viele Stil- und Kulturregeln gab,
gibt es heute vielleicht zu wenig. Das waren Fragen zu
Sekundärwerten unter den Stichworten:
Gewalt, Sex und Stillosigkeit. Was können und
sollen die Kirchen dazu beitragen? Und nun sind wir endlich
zur Frage gekommen, was die Kirchen
beitragen können, um wieder zu einer neuen Wertekultur zu kommen.
Damit wir der
Kirche einen Auftrag geben können, mussten wir die Situation lange
anschauen.
Um bei der Antwort nicht ins Träumen und Schwärmen zu
geraten, müssen wir die
Frage bescheiden und systematisch angehen und eingangs fragen: 1. Was ist die Aufgabe
der Kirchen, wozu sind sie da? Und
was darf man von den Kirchen erwarten? Die Kirchen sind dazu da,
das Wort der Bibel zu verkünden
und die Sakramente zu spenden. Sie sind keine Sozialagenturen, keine
Kulturwerkstätten, keine Hilfsorganisationen für die
Reparatur geschädigter
Gesellschaften. Sie sind keine NGOs, die die Lateralschäden des
Kapitalismus
oder Kommunismus repariert. Ich sage dies – jedenfalls für die
katholische
Kirche - so scharf, damit man sich keine falschen Vorstellungen macht.
Nach
katholischer Auffassung ist die Kirche ein Werkzeug oder theologisch
ausgedrückt ein Sakrament, um der Welt die Erlösung durch
Jesus Christus zu
vermitteln. Sie soll sowohl dem einzelnen Menschen durch Glauben und
Taufe die
Erlösung bringen, aber auch der ganzen Menschheit. Durch ihr
Dasein soll die
Kirche die ganze menschliche Geschichte entlang Jesus Christus und sein
Heil
für den Menschen präsent machen. Diese Präsenz geschieht
durch die Verkündigung
des Reiches Gottes, der zehn Gebote und der Bergpredigt, sowie durch
die
Sakramente – vorab der Taufe und der Eucharistie. Die Kirche muss
natürlich
auch dazu anleiten, die Werke der Nächstenliebe zu üben und
für soziale
Gerechtigkeit zu sorgen. Aber diese
Tätigkeiten müssen vor allem Ausfluss des
Glaubens sein, Zeichen des gelebten Glaubens an Jesus Christus, der
sein Leben
für die Menschen hingegeben hat. Nach katholischer Auffassung ist
die Kirche
keine politischen Partei, keine Gewerkschaft oder Kulturorganisation.
Aber wenn
die Gemeinschaft der Glaubenden richtig Kirche ist, dann wird sie
politischen
und kulturellen Einfluss haben. Kirche wird dann Salz der Erde und
Licht der
Welt sein. Und dann muss ich hier
natürlich gleich von den Fehlern
der Kirchen sprechen. Wenn die Kirchen heute wenig
gesellschaftlichen
oder politischen Einfluss haben, so liegt es auch daran, dass sie ihren
Grundauftrag nicht gut genug erfüllen. Wenn die Kirchen das
Evangelium saft-
und kraftlos verkünden, geht von Kirchen auch keine Energie in die
Politik aus.
Und konkreter: die Mitglieder der Kirchen streiten, sind gespalten,
sind auch
kleinlich, sind zu wenig liebevoll, sind spießbürgerlich und
engstirnig. Sie
sprechen nicht glaubwürdig von Gott und Jesus Christus. Sie leben
die Liebe zu
wenig. Da wir trennen
müssen zwischen Kirche und Staat, da schon
Jesus gesagt hat: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was
Gottes
ist“, können und dürfen wir keine falschen Erwartungen an die
Kirchen richten.
Sie soll wohl barmherziger Samariter sein, sie soll dem helfen, der
unter die
Räuber gefallen ist, aber ihre primäre Aufgabe ist nicht die
Räuberbekämpfung.
Ihre primäre Aufgabe ist nicht, eine sichere und gerechte
Gesellschaft
herzustellen. Caritas und Diakonie sollen Wunden heilen. Sie
dürfen auch auf
den Marktplätzen schreien, dass der Staat, die Gesellschaft
versagen. Wir haben
lange genug eine Kirche gehabt, die an der Leine der Fürsten hing.
Was also sollen die
Kirchen heute tun? Hier müssen wir uns
der Frage stellen: Was verstehen wir
unter Kirche? Die Amtsträger, der Papst, die Kirchenleitungen etwa
der EKD? Die
Pfarrer, die Pfarrgemeinden? Die Theologieprofessoren, die
Parlamentarier, die
sich Christen nennen? Ich denke, die Antwort
ist eigentlich einfach: Wir alle, die
wir auf den Namen Jesu Christi getauft sind, sind Kirche, und wir
sollen selbst
das tun, was wir von der Kirche erwarten. Die Verantwortungsträger
sollen
vorausgehen, voraus denken, Vorschläge machen, koordinieren. Aber
es wäre
lächerlich, wenn wir nicht selbst vorher schon das tun, was wir
von der Kirche
erwarten. Wir dürfen den Verantwortungsträgern
Vorschläge machen, wenn wir
selbst das tun, was wir von unserer Seite aus tun können. Welche Vorschläge
machen wir? Wenn es stimmt, dass der
Werteverfall letztlich davon
abhängt, dass wir keine transzendente Rückbindung mehr haben,
also Glauben an
einen Gott, dann muss sich unsere erste und wichtigste Bemühung um
die
Wiederentdeckung Gottes drehen. Und da wir aus der Tradition des
Christentums
kommen, muss sich unsere Suche auf den Vater Jesu Christi richten.
Unsere
Kirchentage, aber auch alle Sonntagsgottesdienste müssten sich vor
allem und
intensiv um nichts anderes drehen als um das Geheimnis Gottes. Wir
müssten in
erster Linie Gottsucher werden. Wenn wir Gottsucher sind, dann kommt
unsere
Welt in Ordnung. Wenn wir „Gott“ sagen,
dann kommt uns möglicherweise
heimlich der Verdacht, es handle sich also vor allem um Gehorsam gegen
Gebote
und Kirche, um Unterwerfung, um Bravsein, um Beten, also um Dinge, die
unser
Leben langweilig machen. Wenn wir so denken, dann haben wir ein
schiefes
Gottesbild. Wer wirklich mit Gott gelebt hat, dessen Leben wurde
dadurch
interessant, dramatisch, aufregend. Gott ist es, der Langeweile und
Mühsal des
Lebens überwindet. Wer mit ihm lebt, dessen Leben wird weit und
schön und
aufregend. Große Dramen der Weltgeschichte haben Gott oder
Götter im Hintergrund.
Denken wir nur an Goethes Faust. Und spüren wir es
nicht, wie heute schon viele Menschen laut
oder leise auf der Suche sind nach einer transzendenten Begründung
ihrer
Existenz, auf der Suche nach Religion. Ja – aber ich sage auch gleich:
es taugt
nicht viel, wenn es sich nur um eine Suche nach Religion
handelt, es muss darüber hinaus eine Suche nach dem Gott
sein,
der einst unser Europa zu einer führenden Kultur der Erdgeschichte
gemacht hat.
Der Gott Jesu Christi steht hinter Toleranz und Solidarität,
hinter
Gerechtigkeit und Frieden. Es ist nicht irgendein Gott, sondern der
Vater Jesu
Christi. Er ist es, der uns die Würde jedes Menschen entdecken
ließ, die Würde
der Frau, des Greises und des kleinen Kindes. Er ließ uns auch
die soziale
Gerechtigkeit und den Frieden Christi entdecken. Der Gott Jesu Christi
steht
hinter der wundervollen europäischen Kultur. Wenn wir ihn wieder
entdecken,
dann retten wir Europa. Es geht also erstens um
die lebendige und neue
Wiederentdeckung des Gottes Jesu Christi. Die Wiedergewinnung von
Werten dürfen
wir nicht von den Rändern beginnen, sondern vom Zentrum. Wenn wir das tun, werden
auch gleich falsche Ideologien
entmythologisiert. Ein Mythos heißt Liberalismus. Ich meine, wir
verfallen
teilweise dem Irrtum, die Menschen fänden zum Glauben zurück,
wenn wir liberal
sind, nicht konservativ. Konkreter: die Menschen würden sich
wieder für Gott
interessieren, wenn wir alte Zöpfe abschneiden, wenn wir modern
sind. Das ist
ein Irrtum. Die evangelische Kirche hat nicht mehr Zulauf als die
katholische,
obwohl sie in manchen Punkten liberaler ist. Liberalität ist nicht
attraktiv.
Attraktiv ist das Evangelium. Von ihm her müssen wir denken und
entscheiden.
Wir dürfen auch die Kirche nicht sehen wie eine Firma oder Partei.
Wir dürfen
uns zwar nicht dümmer verhalten als sie, aber Glaubenwachstum
hängt nicht von
gutem Management ab. Überhaupt darf uns der Erfolg nicht
interessieren, sondern
nur die Sache selbst, die Sache Jesu Christi. Er hatte bekanntlich auch
keinen
Erfolg, er endete am Kreuz. Das Problem freilich ist, dass unsere
Umwelt uns
heimlich dazu zwingt, erfolgsorientiert zu denken. Wir sollten dies
wahrnehmen
und uns davon trennen. Die Menschen, die unsere eins christliche Kultur
groß
gemacht haben – von Moses und Plato über die Heiligen und Martin
Luther -
dachten nicht an Erfolg. Schauen wir ein wenig, wo
Glaube derzeit rund um den
Globusgewachsen ist und wächst: Als erstes möchte
ich mal die
Ökumenische Gemeinschaft von Taizé nennen. Als Roger
Schütz dort anfing, dachte
er vermutlich überhaupt nicht an eine Bewegung, eine
Massenbewegung. Er ging
gleichsam in die Wüste und die Menschen kamen zu ihm wie zu
Johannes dem
Täufer. Seine Konzentration aufs Evangelium machte Geschichte. Ich
erinnere
dann an Dietrich Bonhoeffer: Er ist heute ein Prophet für viele.
Sein Sterben
machte sein Denken fruchtbar. Wäre er nicht für seinen
Glauben gestorben, so
würden ihn nur Theologiestudenten kennen. Ich denke an Mutter
Theresa: Ihr
Engagementbewegte vielleicht mehr als die Arbeit von tausende von
Missionaren.
Und heute wächst Kirche dort am meisten, wo es am schwierigsten
ist: in
Vietnam, in China, in machen Ländern Afrikas, Wenn wir dem Glauben und
damit der Kultur und den Werten
dienen wollen, dann müssen wir innerkirchlichen Streit
so gut
wie möglich vermeiden. Die vatikanische Erklärung über
das Kirchesein der
Evangelischen Kirche war eine Panne. Man hätte auf das zugrunde
liegende
Problem ohne jede Verletzung hinweisen können und sollen. Dann
dürfen wir auch
nicht an Kleinigkeiten hängen bleiben. Wenn wir uns mit ihnen
befassen, sie zu
großen Problemen aufbauschen, behindern wir die Neuentdeckung der
wirklichen
Werte. Wenn wir der
Wiederentdeckung wesentlicher Werte helfen
wollen, dann müssen wir klein anfangen, dürfen das
Kleine, das
Alltägliche nicht unterbewerten. Die Wiederentdeckung
tragender Werte
fängt damit an, dass ich heute und morgen meinem Nächsten
liebend begegne,
liebend und aufmerksam. Und wenn wir in unserer Kirchengemeinde nur
ganz wenige
sind, dann kommt es darauf an, dass wir einander lieben, einander
ertragen und
tragen, dann muss Friede unter uns sein. Es gilt das Prinzip des
Samenkorns,
des Senfkorns, des Sauerteigs. Es gibt ein wunderbares altes und ganz
unmodernes Wort „Die Hand, die die Wiege bewegt, bewegt auch die Welt“.
Nicht
nur Mutterhände sind Weltbeweger, auch Arbeiter- und
Computerhände sind
Weltbeweger. Wir müssen nichts Großes tun, wenn wir nicht an
verantwortlichen
Stellen stehen. Aber wir müssen von unserem kleinen Tun groß
denken. Das Kleine
und Mögliche tun, damit das Große wachse. Sie erlauben mir, dass
ich am Schluss Jesus Christus ins
Spiel bringe. Vielleicht sind wir uns in der Überzeugung einig,
dass die
Menschheit durch ihn einen wesentlichen Schritt vorwärts gekommen
ist. Er
brachte eine kulturelle Kernspaltung, weil er die Gotteskindschaft
jedes
Menschen und die Liebe verkündet und gelebt hat. Geschichtlich
gesehen war er
nur ein kleiner, armer Mensch. Aber hat die Welt gewendet, weil er
gegen alle
Dummheit und Bosheit seiner Umgebung auf Gott vertraut und für ihn
gelebt
hat.Ohne Gott ist – wie Dostojewski erkannte – alles erlaubt. Mit Gott
ist das
Schönste und Beste möglich. Kurz-Zusammenfassung Wir suchen nach Werten, weil wir den Eindruck haben, sie seien verloren gegangen. Warum sind sie verloren gegangen? Die tiefste Grund ist, dass wir als Gesellschaft Gott verloren haben, dass wir Gott zur Privatsache des Einzelnen gemacht haben, weil wir uns darauf geeinigt haben, dass Gott im öffentlichen Leben keine Rolle spielt, weil wir uns darauf geeinigt haben, dass nur noch das gilt, was |