1. Brauchen wir eine neue Wertekultur? 
Vortrag in in der Berufsakademie Mannheim am 27. Mai 2008

2. Religiöses Erwachen  
Vortrag in Detmold am 27. Januar 2006

3. Berichterstattung aus Rom  
Vortrag anlässlich des 50-jährigen Dienstjubiläums des Korrespondenten Erich Kusch, Rom

4. Mit alten Werten die Welt neu gestalten  
Vortrag in Lauda vor den "Jungen Unternehmern in Unterfranken"

5. Religions- und Glaubensfreiheit  
Vortrag in Königstein am  6.Mai 2006

6. Wir sind Papst - Gibt dies Hoffnung?  
Vortrag in Mannheim am 23. November 2006

7. Der Papst - die Werte und die Medien
Vortrag in Düsseldorf am 22. Februar 2008 und Berlin am 25. Februar 2008

8. Ist das „Weltkulturerbe Europa“ zu retten?
Können Papst und Vatikan zur europäischen Werte-Renaissance beitragen? Vortrag im Kloster Bad Wimpfen am 8. Oktober 2007

9. Brauchen wir eine neue Wertekultur?
Was können und sollen die Kirchen dazu beitragen? Vortrag in Heilbrionn bei der "Akademie für Information und Management am 20. Oktober 2007

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Brauchen wir eine neue Wertekultur?


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Was können und sollen die Kirchen dazu beitragen?

Vortrag in der Berufsakademie Mannheim

27. Mai 2008

P. Eberhard v. Gemmingen SJ

 „Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt.“ Diesen Satz von Fjodor Dostojewski stelle ich an den Anfang meiner Ausführungen. Er bringt in kurzer präziser Weise auf den Punkt, warum die Frage nach den Werten heute virulent geworden ist.

Nachdenkliche Menschen in Mitteleuropa fragen seit ein paar Jahren nach einer neuen oder gar alten Wertekultur. Viele haben den Eindruck, dem alten Europa sei etwas Grundlegendes verloren gegangen. Daher gebe es zu viel  Lüge, Betrug, Gewalt, Untreue, zu viel Korruption, zu viel Leiden, auch zu viel Dummheit und leere Schlagworte, zu wenig Anstrengung im Guten, zu wenig Solidarität, zu wenig Gerechtigkeit und Frieden.

Bevor ich in die Einzelheiten einsteige, möchte ich Ihnen gleich meine Grundüberzeugung sagen, die Sie möglicherweise provozieren wird.

1. Fehlen die Werte, weil Gott fehlt?

Meiner persönlichen Ansicht nach steht hinter dem Verlust von Werten letztlich der Verlust von Religion, der Verlust von Transzendenz, der Verlust des Heiligen, der Verlust Gottes. Wenn eine Bevölkerung kaum mehr eine Ahnung davon hat, dass sie sich vor einer jenseitigen Macht verantworten muss, dann verfällt langfristig Wertekultur und Kultur überhaupt.

Ich muss diese These erklären und begründen: Die Hochkulturen dieser Erde sind entstanden, weil Gesellschaften sich an eine Gemeinschaftsordnung gebunden haben, die entweder transzendent begründet war oder in einer nicht hinterfragbaren Weltanschauung. Ich denke z.B. an die konfuzianische Hochkultur Chinas, an Taoismus, Buddhismus.. Es gab bei ihnen Werte und daher Normen, über die nicht diskutiert und nicht abgestimmt wurde. Sie waren unverbrüchlich und zwar weil man sie als eine göttliche Ordnung ansah, eine Ordnung, die von einer transzendenten Autorität herkam. Auch wenn es in den Hochkulturen Religionsgründer gab – oder besser Personen, die am Anfang einer Religion standen – so sah man sie doch als Boten einer jenseitigen Autorität an, vor der man sich gemeinsam beugte. Ich möchte ausdrücklich nennen die Kulturen Chinas, Japans, Indiens und des arabischen Raumes.

Die Menschen in diesen Hochkulturen waren davon überzeugt, dass die Ordnung, in die sie hineingeboren wurden,  sakrosankt ist, dass Eltern und Staat ihre Autorität letztlich von Gott, von einer transzendenten Macht haben. Der Glaube, dass hinter dem Sichtbaren etwas Mächtiges, Großes, Göttliches steht, hat die Menschen zu einem verantwortungsvollen Verhalten, zu einer Anerkennung von unerschütterlichen Werten geführt. Sie verhielten sich angesichts einer Gottheit gegen einander, gegen die ganze menschliche Gemeinschaft und gegen ihre Welt verantwortlich.

In Europa hat der Prozess der Aufklärung im Lauf der letzten 200 Jahre Religion so sehr in Frage gestellt, dass sie in der Gesellschaft fast keine Rolle mehr spielt. Religion wurde zur Privatsache. Und jetzt zeigt es sich, dass eine Gesellschaft ohne transzendente Bindung in Gefahr ist, auch kulturell zu verfallen. Was ist Aufklärung? Aufklärung  bedeutet, dass alles Religiöse, alles gesellschaftlich Vorgegebene kritisch mit der Vernunft in Frage gesellt wird. Religion und Glaube müssen sich dann vor dem Verstand rechtfertigen. Dieser Prozess ist in sich gut und sogar notwendig. Ich nenne nur zwei Namen, mit denen sich Aufklärung verbindet: in Deutschland der Philosoph Emanuel Kant, in Frankreich Voltaire.

Man kann und muss aber auch sagen: Aufklärung – nämlich  das Ernstnehmen der menschlichen Vernunft – ist eine Frucht des Christentums. Sie ist letztlich begründet im biblischen Glauben. Einer der Grundtexte christlichen Glaubens, nämlich die Genesis, die Schöpfungsgeschichte ist ein Text der Aufklärung. Er brachte gegenüber den anderen Religionen etwas revolutionär Neues. Er sagt: die Gestirne, Sonne und Mond, sind keine Götter, was in der Umwelt der Bibel geglaubt wurde. Sie sind vielmehr von Gott geschaffene Geschöpfe, dürfen nicht angebetet werden, was damals üblich war, sondern sind Beleuchtungskörper, damit die Menschen leben können.

Dies Beispiel soll zeigen: Aufklärung ist nichts grundsätzlich Antireligiöses, sondern eben die Auseinandersetzung der Vernunft mit dem Glauben. Sie musste kommen. Christlicher Glaube und Kirche mussten sich vor der immer mehr erwachenden Vernunft rechtfertigen. Das geschah mehr oder weniger im 18. Jahrhundert – vor der französischen Revolution. Damals hatten die Kirchen auch eine weltliche Macht, die ihnen eigentlich nicht zustand. Die aufgeklärte Vernunft hat auch die Kirchen gottlob entmachtet.

Gegen all dies ist nichts zu sagen. Ja, es ist sogar gut für Kirchen und Glauben. Im Zuge der Aufklärung aber wurde der religiöse Glaube dann auch zur Sache jedes einzelnen Menschen, zur Privatsache. Die Welt hat Religionsfreiheit entdeckt, das heißt das Recht jedes Menschen, selbst seine Religion zu wählen. Staat und Gesellschaft, aber auch die Kirche dürfen dem Menschen die Religion nicht diktieren oder gar aufzwingen. Das war bis zur Aufklärung nicht erkannt. Bei uns gilt also gottlob die Religionsfreiheit. Und leider ist die katholische Kirche in der Anerkennung der Religionsfreiheit hinterher gehinkt, hat sich gegen sie gewehrt. Die katholische Kirche wurde von den Aufklärern gezwungen, Religionsfreiheit und allgemeiner die Menschenrechte anzuerkennen.

Die heutigen Probleme mit den Werten aber sind entstanden, weil wir einseitig nur die Religionsfreiheit und damit Toleranz entdeckt und betont haben, andererseits aber tiefer liegende Werte teilweise aus den Augen verloren haben: Ich denke an das religiöse Urverlangen jedes Menschen, an seine Sehnsucht nach Geborgenheit, Liebe, nach Ewigkeit, ich denke an seine tief verwurzelte Sehnsucht nach dem, was man Gott nennt sowie aufgrund dieser urmenschlichen Sehnsucht an die unantastbare Menschenwürde und die Menschenrechten. Darauf muss ich später genauer eingehen.

Einwände gegen Religion

Nun stellt sich natürlich sofort die Frage nach dem Fehlern der Religionen, auch der christlichen Religion. Religiöser Glaube an eine jenseitige Gottheit hat die Menschen auch zu Menschenopfern, zu Kriegen und Unterdrückung - etwa der Frau – geführt. Christen haben im Namen ihrer Religion andere Kulturen, Religionen und Völker zerstört, haben Menschen versklavt, haben Bücher und Menschen verbrannt, haben sie unterdrückt, ausgebeutet. Sicher: auch Glaube an eine jenseitige Autorität kann Menschen zu unmenschlichem Verhalten führen, es rechtfertigen. So missbrauchen heute Terroristen mitunter die Religion des Islam. Religion ist nicht automatisch Garantie für wahre Menschlichkeit. Aber das bedeutet ja nicht, dass Religion als solche und immer inhumanes,  kulturloses Verhalten fördert. Im Gegenteil: ich bin davon überzeugt, dass die großen Weltkulturen in China, Japan, Indien, Arabien und schließlich Europa nicht ohne eine Beziehung der Menschen zu jenseitigen Werten und Gottheiten zu verstehen sind.

Wir kommen zu unserer Grundfrage: Brauchen wir eine neue Wertekultur?

Brauchen wir eine neue Wertkultur?

Um Antwort auf diese Frage zu geben, müssen wir zunächst nach der alten Wertkultur fragen. Es wäre doch sehr gewagt und schwierig, einfach neue Werte zu entwickeln und sie dann erst recht durchzusetzen.  Wir können nur zurückgreifen auf eine Wertekultur, die uns vielleicht verloren gegangen ist. Und wir müssen vor allem fragen, woraus sich diese alte, aus den Augen geratene Kultur gespeist

hat. Danach kommt die Frage, wodurch diese Kultur bedroht ist und wie wir sie wieder verlebendigen können.

Das ist auch die Gliederung meiner weiteren Ausführung:

1.    Worin bestand die alte Wertekultur und woher kam sie?

2.    Wodurch ist diese Kultur bedroht

3.    Was können die Kirchen tun für eine neue Wertekultur

Ich bitte Sie meine Ausführungen nicht als Anklage zu verstehen, sondern als Diagnose unserer Situation. Ich weiß nicht, ob ich für dieses Referat gebeten wurde, weil oder obwohl ich katholischer Priester bin. Ich verstehe meine Ausführungen nicht als Anklage, sondern als Diagnose. Und wenn ich zu Anfang sehr pessimistisch wirke, so möchte ich jetzt schon darauf hinweisen, dass ich im zweiten Teil optimistischer sprechen werde.

Unsere alte europäische Wertekultur fasse ich mit dem Wort „Weltkulturerbe Europa“ zusammen.

1. Worin bestand die alte Wertekultur und woher kam sie?

„Weltkulturerbe Europa“

Neulich zitierte Altministerpräsident Erwin Teufel den ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss. Der sagte: Europa ist auf drei Hügeln erbaut: auf dem Areopag in Athen, auf dem Kapitol in Rom und auf dem Golgothahügel in Jerusalem. Die Kultur Europas basiert auf der griechischen Philosophie, Kunst, Demokratie, auf dem römischen Recht und der Völkergemeinschaft, auf der Bergpredigt und dem gelebten Liebesgebot Jesu. Die Werte dieser drei Hügel sind gleichsam in die Verfassungen der europäischen Staaten eingegangen. In Deutschland ins Grundgesetz.

Der erste Satz unseres Grundgesetzes lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“. Ich halte diesen Satz für einen kulturgeschichtlichen Durchbruch sondergleichen. Vielleicht sollten wir ihn über unseren Schreibtisch oder in unser Wohnzimmer hängen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ In Paragraph 2 heißt es dann: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“. In Paragraph 3 heißt es: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Männer und Frauen sind gleichberechtigt“

Diese Sätze sind europäisches Kulturgut. Europa ist primär keine Frage der Geographie, sondern des Geistes, der grundlegenden Überzeugungen und Normen.

Für die Durchsetzung dieser Prinzipien sind die besten unserer Vorfahren gestorben. Und wohlgemerkt: Die dahinter stehenden Werte sind zwar keine Schöpfungen der Europäer. Denn sie bestanden, bevor es Europa gab. Aber die Europäer haben sie entdeckt, sie sich zu eigen gemacht, haben sie mühsam erkämpft.

Die meisten nicht-europäischen Staaten haben heute zwar heute gottlob ähnliche Verfassungen, aber deren Inhalt kommt weitgehend aus Europa und seiner Geschichte.

Hier noch einige weitere Zentralbegriffe aus unserer Verfassung:

Basierend auf der unantastbaren Menschenwürde stehen die  Menschenrechte. Im Einzelnen sind es: Lebens- und Entfaltungsrecht, Rechtsgleichheit, gerade auch von Männern und Frauen, Verbot jeder Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Abstammung, Rasse, Sprache, Religion; Freiheit des Glaubens und Gewissens, Meinungs-, Presse-, Kunst- Versammlungsfreiheit, Schutz von Ehe und Familie.

Alle diese Grundüberzeugungen waren Jahrhunderte lang nicht oder nur in Bruchstücken bekannt und anerkannt. Sie sind in Europa im Lauf der Jahrhunderte erkämpft und erlitten worden.

Und ganz wesentlich: Sie haben ihre Wurzeln im Glauben der Juden, bei den Griechen und Römern und schließlich vor allem im Evangelium Jesu Christi. Zur Blüte gebracht wurden sie freilich erst durch die Aufklärung. Und das hat Glaube und Staat gut getan. Auch wenn heute sehr viele Staaten diese Grundüberzeugungen auf ihre Fahnen schreiben, so ist eben doch Europa der Kontinent, auf dem diese Grundüberzeugungen errungen und erlitten wurden.

Der entscheidende Punkt für den Durchbruch zu diesen Grundüberzeugungen liegt im christlichen Menschenbild. Nach dem Glauben des alten und Neuen Testamentes ist jeder Mensch Geschöpf und Ebenbild Gottes, ja man kann ihn sogar Partner Gottes, von Gott angesprochene Person nennen. Wohlgemerkt: nicht nur Mitglieder der Kirche, sondern wirklich jeder Mensch. Alle Menschen sind von Gott geliebt und ernst genommen. Jeder Mensch ist daher unmittelbar Gottes Partner und nur ihm verantwortlich. Er braucht dazu nicht die Vermittlung von Kirche und Priestern. Diese sind aber die Überbringer dieser Botschaft. Die Weisheit Griechenlands und Roms war gute Voraussetzung für das Entstehen der christlichen Kultur.

In den anderen Weltkulturen steht der einzelne Mensch mit seiner Würde und seinem Wert nicht in gleicher Weise so im Zentrum. Wer die Kulturen Chinas, Japans, Indiens und des Arabischen Raumes auch nur ein wenig kennt, weiß, dass dort andere Menschenbilder gelten. Der einzelne Mensch hat weniger Geltung und Rechte.

Diese Gottunmittelbarkeit gibt dem Menschen, Mann und Frau, Gesundem und Kranken, Reichen und Armen, seine Unantastbarkeit. Das Verhältnis des Menschen zu Gott geht seinem Verhältnis zu Staat und Familie voraus. Es ist daher wichtiger und grundlegender. Daraus erwächst die Freiheit des Einzelnen, eine ungeahnte Freiheit, die in anderen Kulturen so kaum denkbar sind. Die in der Gottunmittelbarkeit begründete Freiheit des Menschen hat Europa zu dem gemacht, was es ist. Staat und Familie dürfen dem Menschen seine Freiheit sowie seine Grundüberzeugungen wie Religion und Gewissen nicht diktieren und nicht bestreiten. Auf all diesen Grundannahmen beruhen heute die Freiheitsrechte jedes Bürgers

2. Wodurch ist das „Weltkulturerbe Europa“ bedroht?

Eigentlich sollte man denken, dass die Kultur Europas nach dem Fall von Faschismus und Kommunismus weniger bedroht ist als vorher. Vielleicht ist das ja auch so. Aber es gibt doch auch Anzeichen dafür, dass die Überzeugungen, die Europa einst kulturell und human groß gemacht haben, heute tiefer bedroht sind. Ich denke dabei weniger an Terrorismus und fanatischen Islam, sondern eher an die stillen und daher unerkannten Feinde dieses Weltkulturerbes. Ich möchte einige nennen.

Mangel an grundlegendem Wertbewusstsein: Die allermeisten Bürger Europas sind sich wohl kaum der Werte und Vorteile bewusst, durch die ihr alltägliches Leben geprägt und gesichert ist. Beispiele: Frauen können sich um Arbeitsstellen bewerben, auf die sie Jahrhunderte lang keine Rechte hatten. Ich weiß, dass dies oft reine Theorie ist, dass sie praktisch oft kaum eine Chance auf Arbeitsplätze haben, die traditionell Männer innehaben. Aber niemand hat heute  das Recht, ihnen solche Arbeiten zu verwehren. Weiter: Alle Bürger können ihre Rechte einklagen, was Jahrhunderte lang nicht möglich war. Menschenhandel ist heute strafbar – auch wenn er leider mehr denn je praktiziert wird. Jeder kann die Zeitung lesen, die seiner Weltanschauung entspricht, kann sich politisch entsprechend betätigen, kann weltweit ohne Beschränkungen reisen, was früher nicht nur technisch unmöglich war, sondern auch politisch verhindert wurde.

Von all dem haben unsere Vorfahren nur geträumt, sie haben dafür gekämpft, sind sogar dafür gestorben. Und wir genießen die Früchte ihrer Kämpfe und jammern, wenn manches technisch nicht funktioniert oder die Politiker sich streiten. Eine Bedrohung des Weltkulturerbes besteht darin, dass wir die erkämpften Rechte zwar genießen, uns aber der Vorzüge überhaupt nicht bewusst sind,

Hier nun fünf Bereiche, in denen es sich besonders zeigt, dass es an grundlegendem Wertbewusstsein mangelt.

Medien: Wenn ich durch die zahlreichen Buch- und Zeitschriftenläden gehe, dann muss ich mich schon fragen, in welcher Unkultur wir eigentlich leben. Wie viel völlig Wertloses, Falsches, ja Schädliches wird gedruckt, gekauft und gelesen! Wie viel oberflächliches Denken ernst genommen wird. Wie oft wurde beispielsweise den Menschen schon der „ultimative Sex“ versprochen. Wie oft wurde ihnen schon weisgemacht, dass sie abmagern können – ohne zu fasten. Wie oft wurde verheißen, niemand brauche zu altern und Gesundheit sei für Jahrzehnte  garantiert.

((((Wie viel Unwahres auch über die Geschichte der Kirche, der Bibel, der Päpste geschrieben und einfältiger weise geglaubt wird. Die Menschen lassen sich billig an der Nase herumführen, wenn nur Schreiber und Schreier pseudowissenschaftlich auftreten. Dann wird auch das Dümmste geglaubt. Und wenn man die Mehrzahl der Fernsehprogramme betrachtet, so bekommt man das Grausen. Einst hatte unser Vorfahr Heinrich Heine Presse- und Meinungsfreiheit gefordert. Wir haben sie. Was würde er sagen, wenn er unsere Zeitschriften und Fernsehprogramme sähe? Wir lassen uns einnebeln, missbrauchen oft die von den Vorfahren erkämpfte Freiheit.))))

Politik: Jahrzehnte dauerte der Kampf unserer Vorfahren um politische Grundrechte: Wahlrecht, Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit, Parteienbildung, um Demokratie und Mitbestimmung in Staat und Gesellschaft. Wir haben sie. Mehr und mehr Bürger aber interessieren sich nicht für die Politik. (((((Sie wählen Politiker, die nur Parteipolitik treiben. Die Parteien sind geschlossene Gesellschaften. Geschieht heute schleichend das, was schon die Weimarer ruinierte, dass nämlich niemand mehr für die Demokratie zu kämpfen und zu sterben bereit ist?)))) Was würden die Hitler-Widerständler sagen, die ihr Leben für ein besseres Deutschland geopfert haben. ((((Ich fürchte, sie würden über unsere Demokratie weinen – nicht nur über die Politiker, auch über die Wähler)))).

Demographie: Deutschland leidet unter Nachwuchsmangel, geht vielleicht unter wegen Mangels an Kindern. Den meisten Kindern und Eltern geht es zwar heute wirtschaftlich besser als in den vergangenen 2000 Jahren. Aber in dieser Welt wollen offenbar viele nicht leben. Man schätzt das Leben nicht mehr. Die Familie wird als Auslaufmodell gesehen. Die Überbewertung der berufstätigen Frau gegenüber der Mutter, ebenso wie die totale Betreuung der Kinder durch den Staat tragen dazu bei.

Bildung: Wir surfen um die Welt, schauen aus dem Weltall auf unsere Erde, steuern unsere Autos mit Hilfe von Satelliten, kommunizieren in Sekundenschnelle rund um den Globus. Aber wie wenige haben noch eine Ahnung von Beethoven und Goethe, von Dante und Rilke, von Michelangelo und Dürer? (((((Jedenfalls habe ich beim Gang durch Buchhandlungen nicht den Eindruck, dass wir sehr gebildet sind.

Vielleicht ist tatsächlich das Weltkulturerbe Europa nicht gefährdet, aber man kann schon den Eindruck davon haben. Von den Analphabeten in Deutschland möchte ich gar nicht sprechen, auch nicht von den armen Menschen, die sich täglich mit einem 50-Cent-Blatt begnügen!))))

Sexuelle Verwirrung: Männer, die sexuell auf andere Männer hin orientiert sind, gehen für ihre Rechte auf die Straße, Frauen tun es ihnen gleich. Die tragende Mehrheit der Bevölkerung aber, die Familien, die die Zukunft der Gesellschaft und des Landes tragen, sind sprachlos, verunsichert. Alle wissen, dass jedes Land von Familien, von Kindern und Jugendlichen abhängt. Daher sollte allein heterosexuelle Ausrichtung der Maßstab des Menschen für die Gesellschaft sein. ((((((Das wird nicht oder zu wenig angesprochen. Dafür wird nicht demonstriert. Denn viele meinen, das würde die Homosexuellen diskriminieren.)))) Tatsächlich dürfen Homosexuelle wegen ihrer Orientierung persönlich nicht diskriminiert werden. Homosexuelle sollen die Recht haben, die ihnen zustehen: Besuche im Krankenhaus, Erbrecht, Vertretungsrecht, aber nicht identische Rechte wie Heterosexuelle, z.B. Adoptionsrecht. Eine Verbindung zwischen zwei Männern ist keine Ehe, es ist etwas Anderes. Nur Familien tragen die Gesellschaft. ((((Denn Kinder brauchen um psychisch ausgeglichen heranwachsen zu können, einen männlichen und einen weiblichen Elternteil. Das steht wohl in jedem Psychologiebuch. Selbst Homosexuelle hängen ja von den Heterosexuellen ab, von funktionierenden Familien, von Familien, in denen sich Kinder geborgen fühlen, in denen es auch Mann und Frau gut geht.)))))

Religion als Privatsache

Ich komme nun zu einer tieferen Bedrohung unserer grundlegenden Werte. Sie besteht darin, dass wir - wie oben schon angedeutet - einseitig Religionsfreiheit betonen und Religion fast  nur noch als Privatsache ansehen. Die meisten Bürger sind der Ansicht, dass eine transzendente Verankerung der gemeinsamen Grundwerte und Überzeugungen für das Gemeinwesen nicht nötig sind. Sie widersprächen sogar der menschlichen Freiheit.

Religionsfreiheit ist aber aufgebaut auf Menschenwürde. Religionsfreiheit setzt Menschenwürde voraus.  Wenn es keine unantastbare Menschenwürde gibt, ist es sinnlos, von Religionsfreiheit zu sprechen. Freiheit setzt Würde voraus. Die Menschenwürde ist aber nur ein Teil der grundlegenden Werte, auf denen menschliches Leben und das Leben der Gemeinschaft aufruht. Wenn Religionsfreiheit losgelöst wird von diesen zugrunde liegenden Werten, dann verkommt sie, dann wird sie zu einer schlechten, oberflächlichen Toleranz. Über Menschenwürde darf nicht abgestimmt werden. Der Mensch kann aber nur dann tolerant sein, wenn er tiefer liegende Überzeugungen hat. Nur der von grundlegenden Werten Überzeugte kann wirklich tolerant sein, kann die Überzeugungen des Anderen tolerieren. Nur der von Werten getragene Überzeugte wird die andere Überzeugung des Anderen respektiert, weil er von der Würde und Freiheit des Anderen ausgeht. Toleranz ist nicht Gleichgültigkeit, sondern Anerkennung der Menschwürde und Freiheit des Anderen. Daher kann nur der Überzeugte wirklich in richtiger Weise gegen Intoleranz kämpfen.

Religion ist also nicht einfach Privatsache.

Wenn eine ganze Gesellschaft wahre Religionsfreiheit üben will, muss sie getragen sein von einem tiefen Wertebewusstsein, von dem Bewusstsein, dass es unantastbare Werte gibt. Dieses Bewusstsein unantastbarer Werte wird am besten festgemacht durch die Überzeugung von der Würde jedes Menschen. Jeder Mensch – ob reich oder arm, schön oder hässlich, schwarz oder weiß – hat eine unantastbare Menschwürde. Und diese Überzeugung muss in einem Gemeinwesen und seiner Rechtsordnung vorfindbar sein..

Keine Verfassungsgebende Versammlung darf  Grundwerte antasten, über sie abstimmen, beispielsweise die Überzeugung, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, dass sie unantastbare Würde haben. Wenn sie es täte, würde sie die Gesellschaft dem Chaos überlassen.

Soweit zur Religion als Privatsache.

In unserer Zeit werden nun manche Werte so betont, dass sie quasi religiöse Bedeutung erlangen. Das gilt zum Beispiel für das Thema Umwelt, speziell das Thema Klima. Gerade wir Deutsche haben aus der Ökologie eine Quasi-Religion gemacht. Diese ist nicht unbedingt gefährlich oder gar Götzendienst. Aber unabhängig vom Wert dieser Modeworte, das Ganze der Werteskala bieten sie nicht.

Eine Gefahr für unsere Welt und ihre Werte ist also ein Missverständnis von Freiheit, der Liberalismus.

 Papst Benedikt sprach kurz vor seiner Wahl zum Papst von der „Diktatur des Relativismus“.

Freiheit bedeutet also zusammengefasst: Verantwortung gegenüber einer Werteordnung und gegenüber dem nächsten Menschen.

Durch ein Missverständnis der Aufklärung haben viele Menschen heute ein einseitiges und daher falsches Verständnis von Freiheit. Viele meinen, Freiheit bedeute einfach die Möglichkeit, tun und lassen zu können, was gefällt oder richtig scheint. Wenn nun aber zu viele Menschen den Begriff der Freiheit missverstehen, dann ist dies eine Bedrohung der Gesellschaft ähnlich wie die Zerstörung der Umwelt und des Weltklimas. Umwelt- und Klimazerstörung kann man messen. Die Bedrohung durch ein falsches Freiheitsverständnis aber macht blind und wird daher nicht wahrgenommen. Ein Missverständnis des Freiheitsbegriffs kann nur an den Folgen gemessen werden. Das tun etwa die Verbrechensstatistiker oder Erziehungsbehörden, wenn diese feststellen, dass Kinder immer schwerer zu sozialisieren sind

Da Europa nun aber mehr als die Kulturen Asiens, Afrikas und Amerikas die Freiheit des Menschen entdeckt hat, ist Europa selbst durch ein Missverständnis der Freiheit bedroht. Es ist wie beim Zauberlehrling, der die von ihm selbst verzauberte Welt nicht mehr bändigen kann. Immerhin ist er nicht ganz verloren, wenn er wenigstens seine Fehler als Fehler erkannt hat. Europa ist nicht ganz verloren, wenn es wenigstens sein Missverständnis von Freiheit bald erkennt und zum wahren Begriff von Freiheit zurückkehrt, das heißt zu Freiheit als Verantwortung.

Nun möchte ich mich noch einem anderen typisch europäischen Phänomen zuwenden:

Die Unfähigkeit des Menschen zu Gott

Wenn wir heute gebildete Menschen aus Afrika, Asien und Amerika treffen, so werden viele von ihnen ganz selbstverständlich bekennen, dass sie an Gott glauben. Das ist in Europa anders. Für Millionen ist der Glaube an einen Gott unfassbar, ein Überbleibsel, etwas für Zurückgebliebene.

Vor einigen Monaten wurde an vielen Orten des 100. Geburtstags von Pater Alfred Delp gedacht. Er hatte im Nazi-Kerker Intuitionen, die bis heute ihre Gültigkeit haben. Er stellte dort fest: die größte Krankheit des modernen Menschen ist seine Unfähigkeit zu Gott. Der moderne Mensch ist Gottes unfähig. Delp aber schreibt auch: Gott gehört in die Definition des Menschen. Das heißt: Der Mensch wird er selbst durch seine Frage nach Gott, durch seine Suche nach Gott. Der Mensch, der nicht nach Gott fragt, versäumt sein Eigentlichstes, sein Tiefstes, sein Bestes. Wer nicht nach Gott sucht, also nicht über sich selbst hinausfragt, ist in Gefahr, sein Humanstes zu verlieren.

Wohlgemerkt: es ist nicht des Menschen Bosheit, es sind nicht primär seine Sünden, die ihn Gottes unfähig gemacht haben. Vielleicht war die enge Verquickung von Staat und Kirche sogar daran schuld. Die Kirche wurde gottlob in ihre Schranken verwiesen

Naturwissenschaft und Psychologie

Dazu kamen die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die Gott scheinbar widerlegten. Man brauchte Gott immer weniger, denn man wusste, wie man Krankheiten ohne ihn heilte, wie man die Ernte sicherte und vermehrte, wie man mangelnden Regen ersetzen konnte. Gott wurde für das praktische Leben nicht mehr gebraucht. Aber die menschliche Seele wurde ärmer.

Man brauchte ihn auch nicht mehr zur Vergebung der Schuld, denn die Psychologie lehrte, dass niemand wirklich schuldig ist, dass die Ursachen der Fehler in den Genen und in den Vorfahren begründet sind. Man brauchte Gott weder für die Ernte, noch für den Umgang mit der Schuld. Jedenfalls meinten viele das, und so verlor der moderne Mensch seine Antennen für eine transzendente Macht, für das große Du hinter und über seinem Leben.

Ich meine: unsere Gesellschaft ist im Wesentlichen bedroht von einem Mangel an Wertebewusstsein, einem Missverständnis von Freiheit und einem Verlust der Antenne für Gott.

Heute anerkannte Grundwerte

Was ich bisher ausgeführt habe, kann den Eindruck erwecken, bei uns sei alles schlecht. Das ist ein falscher Eindruck, aber um zur Heilung, zur Therapie zu kommen, musste ich zunächst die Bedrohung aufzeigen. Gottlob gibt es in unserer Gesellschaft fünf Grundwerte, über die wir uns – wenigstens theoretisch - weitgehend einig sind: Toleranz, Solidarität, Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung. Da hier kein Erklärungsbedarf besteht, kann ich das einfach so stehen lassen.

3. Was können und sollen die Kirchen dazu beitragen?

Und nun sind wir endlich zur Frage gekommen, was die Kirchen beitragen können, um wieder zu einer neuen Wertekultur zu kommen. Ich würde zunächst mal ganz einfach sagen: die Kirchen sollten den Finger auf wunde Punkte unserer Gesellschaft legen. Vielleicht in dem Sinn wie ich es eben getan habe und versuche. Vielleicht auch in einem wesentlich besseren Sinn. Und die Kirchen mögen vorangehen – im richtigen Tun. Sie mögen Toleranz, Gerechtigkeit, Umweltschutz, Gerechtigkeit und Frieden pflegen. Aber reicht das? Ist das ihre ureigene Aufgabe? Was würden unsere christlichen Vorfahren dazu sagen? Was würde etwa Martin Luther dazu sagen? Ich denke: Gerade Martin Luther würde sagen: Nein, die Kirche muss etwas Anderes tun. Die Stärke der Kirche liegt nicht in der Politik, in der Schaffung öffentlicher Meinung. Kirche ist nicht zur Volkserziehung da. Luther würde sagen: Die Kirche muss das Wort Gottes verkünden. Die Kraft des Wortes Gottes wird dann die Welt verwandeln. Ihr, getaufte Christen glaubt wohl nicht mehr an die Kraft des Wortes Gottes. Ich, Martin Luther, habe als einzelner Mensch durch mein Tun, mein Wort, meine Verkündigung, meine Bibelübersetzung – es sei in aller Bescheidenheit gesagt – Kulturgeschichte gemacht. Eure Welt sähe ohne mich anders aus.

Und wir Katholiken können Luther in diesem Punkt voll Recht geben. Also: die Möglichkeit und die Aufgabe der Kirchen liegt nicht direkt in der Politik, sondern im Tun des Eigentlichen. Das Eigentliche ist das Hören aufs Evangelium, das Leben aus dem Evangelium. Wenn sie das in richtiger Weise tut, dann verändert sich die Welt.

Die Kirchen sollen das Wort der Bibel verkünden und Sakramente zu spenden. Sie sind keine Sozialagenturen, keine Kulturwerkstätten, keine Hilfsorganisationen für die Reparatur geschädigter Gesellschaften. Sie sind keine NGOs, die die Lateralschäden des Kapitalismus oder Kommunismus repariert. Nach katholischer Auffassung ist die Kirche ein Werkzeug oder theologisch ausgedrückt ein Sakrament, um der Welt die Erlösung durch Jesus Christus zu vermitteln. Durch ihr Dasein soll die Kirche Jesus Christus präsent machen. Diese Präsenz geschieht durch die Verkündigung des Reiches Gottes, der zehn Gebote und der Bergpredigt, sowie durch die Sakramente – vorab der Taufe und der Eucharistie. Die Kirche muss natürlich auch dazu anleiten, die Werke der Nächstenliebe zu üben und für soziale Gerechtigkeit zu sorgen.

Aber diese Tätigkeiten müssen vor allem Ausfluss des Glaubens sein, Zeichen des gelebten Glaubens an Jesus Christus, der sein Leben für die Menschen hingegeben hat. Sie soll wohl barmherziger Samariter sein, sie soll dem helfen, der unter die Räuber gefallen ist, aber ihre primäre Aufgabe ist nicht die Räuberbekämpfung. Ihre primäre Aufgabe ist nicht, eine sichere und gerechte Gesellschaft herzustellen.

Und hier müssen wir uns der Frage stellen: Was verstehen wir unter Kirche? Die Amtsträger, der Papst, die Kirchenleitungen etwa der EKD? Die Pfarrer, die Pfarrgemeinden? Die Theologieprofessoren, die Parlamentarier, die sich Christen nennen?

Ich denke, die Antwort ist eigentlich einfach: Wir alle, die wir auf den Namen Jesu Christi getauft sind, sind Kirche, und wir sollen selbst das tun, was wir von der Kirche erwarten. Die Verantwortungsträger sollen vorausgehen, voraus denken, Vorschläge machen, koordinieren. Aber es wäre lächerlich, wenn wir nicht selbst vorher schon das tun, was wir von der Kirche erwarten.

Welche Vorschläge machen wir?

Wenn es stimmt, dass der Werteverfall letztlich davon abhängt, dass wir keine transzendente Rückbindung mehr haben, dann muss sich unsere erste und wichtigste Bemühung um die Wiederentdeckung Gottes drehen. Und da wir aus der Tradition des Christentums kommen, muss sich unsere Suche auf den Vater Jesu Christi richten. Unsere Kirchentage, aber auch alle Sonntagsgottesdienste müssten sich vor allem und intensiv um nichts anderes drehen als um das Geheimnis Gottes. Wir müssten in erster Linie Gottsucher werden. Wenn wir Gottsucher sind, dann kommt unsere Welt in Ordnung.

Wenn wir „Gott“ sagen, dann kommt uns möglicherweise heimlich der Verdacht, es handle sich also vor allem um Gehorsam gegen Gebote und Kirche, um Unterwerfung. Wenn wir so denken, dann haben wir ein schiefes Gottesbild. Wer wirklich mit Gott gelebt hat, dessen Leben wurde dadurch interessant, dramatisch, aufregend. Gott ist es, der Langeweile und Mühsal des Lebens überwindet. Wer mit ihm lebt, dessen Leben wird weit und schön und aufregend. Große Dramen der Weltgeschichte haben Gott oder Götter im Hintergrund. Denken wir nur an Goethes Faust.

Und spüren wir es nicht, wie heute schon viele Menschen laut oder leise auf der Suche sind nach einer transzendenten Begründung ihrer Existenz, auf der Suche nach Religion. Ja – aber ich sage auch gleich: es taugt nicht viel, wenn es sich nur um eine Suche nach Religion handelt, es muss darüber hinaus eine Suche nach dem Gott sein, der einst unser Europa zu einer führenden Kultur der Erdgeschichte gemacht hat. Der Gott Jesu Christi steht hinter Toleranz und Solidarität, hinter Gerechtigkeit und Frieden. Es ist nicht irgendein Gott, sondern der Vater Jesu Christi. Er ist es, der uns die Würde jedes Menschen entdecken ließ, die Würde der Frau, des Greises und des kleinen Kindes. Er ließ uns auch die soziale Gerechtigkeit und den Frieden Christi entdecken.

Es geht also um die lebendige und neue Wiederentdeckung des Gottes Jesu Christi. Die Wiedergewinnung von Werten dürfen wir also nicht von den Rändern beginnen, sondern vom Zentrum.

Wenn wir das tun, werden auch gleich falsche Ideologien entmythologisiert. Ein Mythos heißt kirchliche Liberalisierung, Modernisierung. Ich meine, wir verfallen teilweise dem Irrtum, die Menschen fänden zum Glauben zurück, wenn wir liberal sind, nicht konservativ. Konkreter: die Menschen würden sich für Gott interessieren, wenn wir alte Zöpfe abschneiden. Das ist ein Irrtum. Die evangelische Kirche hat viel modernisiert, aber hat leider nicht mehr Zulauf als die katholische, obwohl sie in etlichen Punkten liberaler ist. Liberalität ist nicht attraktiv. Attraktiv ist das Evangelium. Von ihm her müssen wir denken und entscheiden. Wir dürfen auch die Kirche nicht sehen wie eine Firma oder Partei. Überhaupt darf uns der Erfolg nicht interessieren, sondern nur die Sache selbst, die Sache Jesu Christi. Er hatte bekanntlich auch keinen Erfolg, er endete am Kreuz. Das Problem freilich ist, dass unsere Umwelt uns heimlich dazu zwingt, erfolgsorientiert zu denken. Wir sollten dies wahrnehmen und uns davon trennen. Die Menschen, die unsere eins christliche Kultur groß gemacht haben – von Moses und Plato über die Heiligen und Martin Luther - dachten nicht an Erfolg.

Wenn wir der Wiederentdeckung wesentlicher Werte helfen wollen, dann müssen wir klein anfangen, dürfen das Kleine, das Alltägliche nicht unterbewerten. Die Wiederentdeckung tragender Werte fängt damit an, dass ich heute und morgen meinem Nächsten liebend begegne, liebend und aufmerksam. Und wenn wir in unserer Kirchengemeinde nur ganz wenige sind, dann kommt es darauf an, dass wir einander lieben, einander ertragen und tragen, dann muss Friede unter uns sein. Es gilt das Prinzip des Samenkorns, des Senfkorns, des Sauerteigs. Es gibt ein wunderbares altes und ganz unmodernes Wort „Die Hand, die die Wiege bewegt, bewegt auch die Welt“. Nicht nur Mutterhände sind Weltbeweger, auch Arbeiter- und Computerhände sind Weltbeweger. Wir müssen nichts Großes tun, wenn wir nicht an verantwortlichen Stellen stehen. Aber wir müssen von unserem kleinen Tun groß denken. Das Kleine und Mögliche tun, damit das Große wachse.

Sie erlauben mir, dass ich am Schluss Jesus Christus ins Spiel bringe. Ich denke, wir sind uns in der Überzeugung einig, dass die Menschheit durch ihn einen wesentlichen Schritt vorwärts gekommen ist. Er brachte eine kulturelle Kernspaltung, weil er die Gotteskindschaft jedes Menschen und die Liebe verkündet und gelebt hat. Geschichtlich gesehen war er nur ein kleiner, armer Mensch. Aber hat die Welt gewendet, weil er gegen alle Dummheit und Bosheit seiner Umgebung auf Gott vertraut und für ihn gelebt hat.  Ohne Gott ist – wie Dostojewski erkannte – alles erlaubt. Mit Gott ist das Schönste und Beste möglich.





Religiöses Erwachen


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Gibt es eine neue Suche und ein  Wiederaufblühen von Religion

in Deutschland und Europa

Vortrag von P. Eberhard v. Gemmingen SJ

Detmold 27.1. 2006

Erlauben Sie mir dass ich mit einem längeren Zitat aus einem Roman beginne. Den Autor werde ich Ihnen nachher nennen. Die Szene soll uns ein wenig in die Fragestellung und ihre Dramatik einführen.

Der Roman beginnt so:

„Papst Sing-Hua I. hatte seine Residenz in der koreanischen Hauptstadt in einem 50-stöckigen Hochhaus. Korea war zu drei viertel katholisch.  Die Sprache der katholischen Welt war chinesisch, obwohl Korea der Hauptstützpunkt der katholischen Kirche geworden war. Die meisten Katholiken wohnten jetzt in Korea, China, Vietnam, in Indonesien, ziemlich viele auch in Burma, in der Mongolei. Es gab große katholische Inseln auch in Afrika, vor allem im Kongo, in Uganda, in Kenia, Tansania und in den Kleinstaaten Westafrikas. Europa spielte für die katholische Kirche keine Rolle mehr. Die Katholiken Europas hatten sich in den Jahren von 2005 bis 2025 durch interne Auseinandersetzungen, Selbstzweifel und Kindermangel praktisch selbst aufgegeben und aufgelöst. Daher war im Jahr 2015 erstmals ein Afrikaner zum Papst gewählt worden. Der aber konnte sich gegen den moralischen Druck aus Ostasien nicht mehr durchsetzen, und so wählten die mehrheitlich asiatischen Kardinäle im Jahr 2023 einen Koreaner zu ihrem Oberhaupt. Und so blieb das Papstamt denn bis zum Jahr 2075 in koreanischer Hand.

Der Blick zurück auf die Metastasen der Kirche in Europa war so entsetzlich, dass die aus Ostasien stammenden Katholiken froh waren, ihren eigenen Weg der Nachfolge Christi gefunden zu haben. Vietnam war sogar zu 80 Prozent christlich, vermutlich als Folge der harten Religionsverfolgung in der Zeit des kommunistischen Regimes. Die Kommunisten trieben die vietnamesische Bevölkerung praktisch in die Arme der katholischen Kirche. Auch einige reformierte Gemeinschaften waren damals stark gewachsen, doch der eindeutige Sieger blieb die Kirche unter dem Papst. Noch heute schwören die vietnamesischen Katholiken auf Rom, obwohl der frühere Sitz der Päpste in Rom längst zu einem UNESCO-Museum geworden war. 

Freilich darf hier nicht verschwiegen werden, dass auf Wunsch der UNO in den so genannten europäischen Schutzgebieten noch christliche Inseln künstlich am Leben gehalten werden. Die Kulturethnologen wollen in ihnen erforschen, wie sich traditionelle Gesellschaften erhalten. Doch davon erst später.

Die Gesamtzahl aller Katholiken weltweit hatte sich im Jahr 2075 auf rund eine halbe Milliarde eingependelt. Die katholische Kirche war also eine Minderheit geworden. Ihre Stärke bezog sie in Ostasiens teilweise aus ihrer kulturellen Nähe zum wieder auferstandenen Konfuzianismus. Die moralische und gesellschaftliche Ordnung der Konfuzianer und der Katholiken berührten sich in vielen Punkten. Wichtig waren ihnen Disziplin, Rücksichtnahme, Solidarität, Respekt vor der Autorität. Beiden kulturellen Gruppen lag am Herzen, dass die Rechte des Einzelnen und die Rechte der Gemeinschaft in ein ausgewogenes Verhältnis kamen. Der extreme Individualismus hatte Europa und die europäischen Kirchen zerstört, und die Christen Asiens wussten, was sie vermeiden mussten.

An einem Dienstagmorgen kam der Archivar der päpstlichen Kurie in Seoul etwas aufgeregt zum Papst. Es platzte förmlich aus ihm heraus: „Heiliger Vater, wir haben in einem Washingtoner Archiv den Bericht eines aufmerksamen Beobachter des mongolischen Geheimdienstes gefunden, in dem dieser minutiös die Auflösung der katholischen Kirche in Europa schildert. Der Bericht stammt aus dem Jahr 2045, also vor jetzt 30 Jahren, greift aber weit in die Vergangenheit zurück, beginnend mit der Wahl Papst Benedikts im Frühjahr 2005.

Kardinal Ratzinger, der scharfe Beobachter hatte in vielen Schriften bereits auf die Auflösungserscheinungen der westlichen Kultur hingewiesen und vor falscher Liberalisierung gewarnt. Von vielen war er als Fundamentalist bezeichnet worden. Dieses Schimpfwort war geeignet, seine Autorität zu untergraben, was mit Hilfe der kirchenkritischen und gewinnorientierten Medien auch leicht gelang. Die verschiedenen Bevölkerungen Europas waren auch durch raffinierte psychologische Bearbeitung und Mangel an Kriegen bereits so unkritisch geworden, dass sie die Wirklichkeit kaum noch interessierte. Persönliche Freiheitsrechte, materielle Ausstattung, Zukunftssicherung waren so dominant, dass der Sinn für Solidarität, Gerechtigkeit, Zucht und Maß völlig verloren gegangen waren. Freilich gab es kleine Inseln, in denen die Welt – wie man damals sagte – noch in Ordnung war. Aus ihnen wurden später im deutschen Sprachraum der „Austro-Zoo“, der „Teutonen-Zoo“ und der „Helveten-Zoo“. Die Bewohner dieser Human-Biotope wurden zwar von den übrigen Bevölkerungen als Fundis belächelt. Die von den Chinesen und Indern dominierte UNO und UNESCO legten jedoch größten Wert auf die Erhaltung dieser Schutzzonen, um an ihnen zu studieren, wie humanes Leben vor der Einführung der obligat gewordenen künstlichen Befruchtung sich entwickelte.

Papst Benedikt gewann zwar im Lauf seiner 12-jährigen Amtszeit weltweit hohe Autorität, seine Stimme wurde gehört, er wurde geehrt und anerkannt. Es gab aber in der katholischen Kirche vor allem in den nördlichen Ländern am Atlantik sehr viele Kräfte, die den Ernst der kirchlichen Lage nicht erkannten und meinten, mit theologischen und vor allem moraltheologischen Änderungen der Kirche aufhelfen zu können. Man sprach von Liberalisierung der Sexualmoral, von der Öffnung der Kirche für künstliche Befruchtung, von der Abschaffung des Pflichtzölibats der Priester, von der Einladung an Nichtkatholiken zur Eucharistie, von Interkommunion und Interzelebration, von der Aufwertung der Frauen in der Kirche und ihrer Zulassung zum Priestertum. Es waren nicht die Schlechtesten, die diese Themen immer wieder zur Sprache brachten. Sie übersahen dabei aber, dass die Existenz der Kirche in Europa überhaupt auf dem Spiele stand. Schon zu Benedikts Zeiten sagten nüchterne Beobachter voraus, dass ums Jahr 2050 nur noch 10 Prozent aller Europäer getauft sein würden und gleichzeitig die eigentlich europäisch denkende Bevölkerung von 350 Millionen auf 100 Millionen zurückgehen würde. Es war ums Jahr 2005 abzusehen, dass Europa rein zahlenmäßig gegenüber den Chinesen und Indern zu einer lächerlichen Minderheit absinken würde. Auch Benedikt wurde nicht müde, auf diese Entwicklung hinzuweisen. Schon mit der Wahl seines Namens zeigte er, dass ihm Europa ans Herz gewachsen war. Benedikt hatte vor dem Mythos der Wissenschaft eindringlich gewarnt. Aber seine Macht war begrenzt, die Blindheit der breiten Bevölkerung war bereits so groß, sodass der Absturz Europas kam wie er kommen musste. Religion war ein privater Bereich, der von den Politikern, von  Kultur- und Medienschaffenden belächelt wurde. Vor allem die Wirtschaftsinteressierten hatten es geschafft, das kritische Denken fast ganz auszuschalten.

Das war in Europa das Ende der öffentlichen Religion. Dazu hatte das, was die Öffentlichkeit Wissenschaft nannte, erheblich beigetragen. Die chemische Industrie überzeugte die Bevölkerung davon, dass Krankheiten durch Selektion der Embryos weitgehend verhindert werden konnten. Daher verabschiedeten die verbliebenen europäischen Parlamente Gesetze, wonach die Bürger nur noch durch künstliche Befruchtung zur Welt kommen durften.  Embryonen wurden durch von staatlichen Ämtern auf Krankheiten untersucht und bei Krankheit entsorgt. Auf ungeschütztem Geschlechtsverkehr standen höchste Gefängnisstrafen, weil durch ihn ständig Krankheiten und Seuchen übertragen werden konnten. Videoüberwachungen in allen Wohnungen und öffentlichen Räumen konnten von den Bürgern nicht abgeschaltet werden.

In einigen Regionen Europas gab es heftigen Widerstand, während andere schon seit langem so liberal waren, dass die Maßnahmen sofort griffen. Widerständig zeigten sich natürlich Polen, Kroatien und die Slovakei, in Deutschland waren es Oberschwaben, Westfalen, Teile von Südbayern, in Österreich Tirol und Vorarlberg, in der Schweiz die Kantone Uri und Unterwalden. Heftigen Widerstand gab es wie zu erwarten in Sizilien und Sardinien, in manchen Teilen Irlands, in gewissen Regionen Frankreichs. Die UNO war hier erstaunlich effizient und entschied, man solle aus den genannten Regionen „Schutzzonen“ machen, an denen Ethnologen studieren konnten, wie die dortigen Gesellschaften sich mit der traditionellen Zeugungsmethode entwickeln würden, wie viele und welche Krankheiten auftauchen und wie man sie in den Zonen bekämpfen würde. Bald wurden für sie im Volksmund eben „Human-Zoo“ genannt. Sie waren mit Stacheldraht umgeben, Kommunikation zwischen denen drinnen und draußen war streng verboten. In diesen Zonen war natürlich auch Religion weiterhin erlaubt und sogar erwünscht. Die Ethnologen suchten Populationen, die man vergleichen konnte.

Der Verfall der Kirchen in Europa hatte einen gesellschaftlichen Hintergrund, der hier nur in groben Skizzen nachgezeichnet werden soll. Die Hauptkrisenherde waren der Bereich der Bildung und der Gesundheitspflege. Der Stand der Bildung war in den ersten Jahrzehnten des 21.Jahrhunderts rapide gesunken. Zwar lernten Schüler und Studenten noch die technischen Fähigkeiten, um mit den neusten Computern umgehen zu können. Doch die Grundfähigkeiten schwanden immer weiter dahin: Rechtschreibung, Satzbau, Rechnen, Mathematik, Logik, Grundkenntnisse in Literatur, Geschichte und Geographie – hier waren teilweise die USA vorausgegangen. Die Schulbehörden verzichteten schrittweise in allen Ländern Europas auf Prüfungen. Alle Schüler besuchten nach der Mittelschule die Universitäten. Nur die Intelligentesten lernten Handwerke.

Zur Gesundheitspflege waren die wichtigsten Schritte: nur auf Krankheiten geprüfte Embryonen durften implantiert werden. Auf Verstöße standen höchste Strafen. Europa hatte einen Zehnjahresplan zur Abschaffung der Krankenhäuser. Denn Krankheit war gesellschaftlich geächtet. Durch eine langfristige, von Psychologen erarbeitete Medienkampagne war die Bevölkerung davon überzeugt, dass Kranksein unanständig und für die Gesellschaft schädlich ist. Kranke siechten in ihren Wohnungen dahin, bis sie qualvoll starben. Sie mussten heimlich beigesetzt werden.“

Hier breche ich die Lektüre dieses schrecklichen Romans ab. Ich erlaube mir zu sagen, dass ich der Autor der Schrift bin. Sie wird wohl nie veröffentlich werden.

Unsere Frage also:

Gibt es ein religiöses Erwachen? Gibt es in Deutschland und darüber hinaus eine neue Suche junger Menschen nach Religion, Glaube, gar eine Frage nach der Kirche?

Woher kommt eigentlich die Frage?

Wir wollen uns ihr stellen. Woher kommt aber eigentlich die Frage?  Ich möchte versuchen, die Gründe kurz zu nennen.

Denken wir an den Strom von Menschen, die sofort nach der Nachricht vom Tod von Papst Johannes Paul II. nach Rom gefahren sind, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Viele von ihnen waren um die 20 Jahre alt.

Man bedenke: sie mussten von jetzt auf nachher ihre Koffer packen, ihren Arbeitgeber anrufen, dass sie fehlen, mussten den Familienmitgliedern bescheid geben – dann ein Zug oder einen Flug buchen und weg. Sie hatten in Rom vermutlich keine Unterkunft, wussten nicht, wo sie ihr Haupt hinlegen wollten. Es war also schon ein bisschen mehr als pure Abenteuerlust.

Freilich so ganz überraschend war der Tod des 84-jährigen ja nicht. Man wusste von Radio und Fernsehen, dass er mit dem Tode rang. Also, man konnte sich ein bisschen darauf vorbereiten. Aber die Menschen wussten ja vermutlich auch nicht frühzeitig, dass der Leichnam des Papstes einige Tage in St. Peter aufgebahrt sein würde und dass man an ihm vorbeiziehen konnte. Sie wussten sicher auch nicht, dass man dazu im besten Fall vier Stunden, im schlechten Fall 12 Stunden anstehen musste und dass es dabei für römische Verhältnisse bitter kalt sein würde.

Also: ich wage: hinter diesem Sturm auf Rom stand wesentlich mehr Ernst als bei manchem Papstbesuch. Denn erinnern wir uns: Jeder Papstbesuch war natürlich auch ein kleines Happening, ein event. Man trifft Gleichgesinnte, kommt von zuhause weg – ein wichtiges Argument für junge Leute! – man erlebt etwas, wovon alle sprechen. Also ich würde Papstbesuche als Ausdruck religiöser Suche nicht überbewerten, wohl aber den Drang, den toten Papst zu sehen und zu ehren. Dahinter stand schon – m. E. – eine religiöse Suche. Denn er war ja sichtbar ein Mann Gottes, ein Zeuge, Mahner, Prophet. „Prophet“ hatten ihn zwei italienische Journalisten schon zu seinen Lebenszeit genannt.

Warum fragen wir nach religiösem Erwachen, neuer religiöser Suche? Weil wir den Zug zum Papst gesehen haben und nicht vergessen sollten. Wenn ich persönlich Unterhaltungssendungen am Fernsehen sehe, denke ich manchmal an die Schlange, die sich tagelang nach St. Peter wälzte. Dann muss man sich fragen: sind die Menschen vielleicht doch ganz anders als es uns die Unterhaltungsindustrie vormacht. Vielleicht sind viele Menschen doch ganz anders als es auf den ersten Blick wirkt. Diese Frage sollten wir nicht vergessen.

Und dann der Weltjugendtag in Köln. Kaum zu glauben: in dem mehr oder weniger heidnischen oder gottfernen Deutschland sind hunderttausende von jungen Leuten unterwegs zu Kirchen, zum Beten, zum Beichten, zum Austausch über religiöse Fragen, um Katechesen von Bischöfen zu hören, keine Unterhaltungs-shows. Katechesen von Bischöfen aus aller Welt.

Gut – viele von diesen jungen Leuten kamen aus frommen Ländern – oder eben aus Ländern, in denen der Glaube noch lebendiger ist: aus Polen, Kroatien, auch Italien, Spanien, Portugal. Aber nach Angaben des Bundes der deutschen katholischen Jugend kamen auch rund 100.000 deutsche Jugendliche. Das sei die größte Ansammlung deutscher katholischer Jugendlicher in der Geschichte des Landes gewesen. So viele hätte man noch nie zusammen bekommen.

Was hat sie angezogen? Das „weg von zuhause!“? Die Lust, junge Leute aus anderen Ländern zu treffen? Der Kölner Dom, das Abenteuer? – Ich denke, ihr Verhalten in Köln hat gezeigt, dass auch hier wesentlich mehr dahinter war. Denn sie waren nicht nur fröhlich und manchmal ausgelassen, nein, sie waren auch unglaublich geduldig. Sie sind stundenlang angestanden, um in Kölner Dom hineinzukommen – das stand für alle auf dem Programm, um zu den Katechesen zu kommen, um dann aufs Marienfeld hinaus zu kommen, und natürlich um den Papst zu sehen.

Ist der Wunsch, den Papst zu sehen, eine religiöse Sache? Man möchte zweifeln. Hat dieser Wunsch etwas mit Gott zu tun?

Ich würde so sagen: Zunächst: Die allermeisten Jugendlichen haben kaum einen Unterschied gemacht zwischen Johannes Paul II. und Benedikt. Für sie war es einfach der Papst, der Mann in weiß. Der Mann in weiß ist – so meine Meinung – schon einfach ein Repräsentant, ein Vertreter Gottes. Ältere mögen darüber schmunzeln. Ich denke, für viele Jugendliche war und ist der Mann in weiß ein Mann Gottes. Daher hat der Wunsch, den Papst nicht nur am Fernsehen zu sehen,  sondern in Wirklichkeit, etwas mit Gott, etwas mit Religion zu tun. Natürlich macht es auch Spaß, dabei die anderen, Menschen aus vielen Länden zu sehen, Gleichgesinnte aus fernen Ländern kennen zu lernen, Adressen auszutauschen. Aber das kann man auch anderswo, das kann man auch am Rheinufer mit einer Flasche Bier in der Hand. Sie blieben aber nicht am Rheinufer liegen, sondern kamen zum Gottesdienst aufs Marienfeld. Und es lagen nachher keine Bierflaschen herum und vermutlich auch nicht viele Kondome, denn sonst hätte man das in den Zeitungen mehr gelesen. Sicher gab es auch gebrauchte Kondome, aber nicht die Masse. Gottlob gibt’s die freie Presse, die sich zunächst mal um die liegen gebliebenen Kondome kümmert.

Warum erzähle ich dies alles?

Damit wir uns an die Frage herantasten, ob es eine neue religiöse Suche gibt.

Man kann jedenfalls den Eindruck haben, dass sich hier etwas bewegt.

Warum aber bewegt uns diese Frage?

Ich vermute, die Beweggründe, nach der Religiosität der Jugend zu fragen, ist recht unterschiedlich. Je nachdem, wer die Frage stellt: Kirchliche orientierte Eltern - Pädagogen, die um die Formkraft der Religion wissen - Politiker, die sich dafür interessieren, wie man Menschen anspricht und sie gewinnt -  Missionare, die einfach nur Gott verkünden wollen - Kirchenleute, die sich Sorgen darüber machen, ob die Gemeinschaft hält.

Warum bewegt uns die Frage nach der Suche Jugendlicher nach Gott und Religion?

Manche von uns mögen die Erfahrung gemacht haben, wie sehr religiöser Glaube sie trägt – nicht nur in schweren Stunden, sondern auch im normalen Alltag. Denn jeder Alltag hat seine Schwierigkeiten. Und der glaubende Mensch erfährt, dass ihm sein Glaube hilft. Er wünscht das auch für Jugendliche, für die eigenen Kinder.

Menschen, die in geschichtlichen Kategorien denken, werden auf die Bedeutung von Religion und Glaube im Lauf der Geschichte verweisen. Johannes Paul II. gehörte zu diesen Menschen. Für ihn war Europa als Kultur-Kontinent ohne das Christentum nicht vorstellbar. Zu diesen gehöre auch ich. Ich behaupte schon jetzt: Wenn Europa seine christlichen Wurzeln als Wurzeln seiner Kultur und Zivilisation ganz vergessen sollte, dann hat Europa sich selbst und seine Weltgeltung aufgegeben. Mit Wirtschaft allein macht man weder Kultur, noch Zivilisation. Geschichtsbewusste Menschen werden sagen: ohne Religion keine Kultur.

Missionare sind – wenn es richtig läuft – Menschen, die Gott in ihrem Herzen als Schatz erfahren haben und diesen Schatz weiterreichen wollen. Für sie ist es zweitrangig, ob Religion auch Nutzen in der Welt hat oder nicht. Sie können nicht leben ohne von ihrem Schatz zu sprechen. Wehe wenn ich nicht verkünde – sagte Paulus.

Kirchenleute sehen – neben allem eben genannten – dass der Fortbestand der Kirche als Gesellschafts- und Kulturgut eben auch davon abhängt, ob diese Gemeinschaft nur ein winziges Rinnsal ist oder eine gesellschaftsprägende Einrichtung, die den Menschen hilft. Wer soll die Kirchen erhalten, wenn niemand mehr reingeht, wenn man sie nicht mehr braucht. Auch Nicht-Kirchgänger protestieren, wenn Kirchen umgewidmet werden.

Und Politiker wollen wissen, ob Menschen auch mit religiösen Motiven angesprochen werden können oder ob sie Religion eher abstößt. Politiker sehen Kirche entweder als Hilfe, als Gefährte oder eben als Hindernis, als Feind. Denn: Ebenso wie Politiker das Gemeinwesen und seine Geschichte lenken wollen, so wollen es auch Kirchenleute.

Wie also steht es um die religiöse Suche der jungen Menschen heute?

Wir sind bei der zentralen Frage angelangt. Ich habe versucht, wissenschaftliche Daten herauszufinden, bin aber nicht sehr fündig geworden. Es gibt Daten, aber nicht gerade sehr viel.

Immerhin gab es kleinere Untersuchungen. (Ich bin kein Soziologe und mache hier vielleicht auch Interpretationsfehler)

Zunächst: Die Shell-Jugendstudie 2002 stellte im Großen und Ganzen fest: die meisten Jugendlichen in Deutschland wollen arbeiten, wollen beruflich erfolgreich sein. Sie interessieren sich wesentlich weniger für Politik als ihre Eltern. Sie sind strebsam. Also in großen Linien eine Trendwende: nicht mehr Protest und Bequemlichkeit, sondern Fleiß, Aufstieg. Allerdings – weniger erfreulich: nur 34 Prozent der westdeutschen Jugendlichen glauben an Gott, im Osten sind es sogar nur 15 Prozent.

Heute stellen verschiedene Soziologen vor allem Sinnsuche fest. Religion ist auch Antwort auf den Frage nach dem Sinn: Der Hamburger Gesellschaftsforscher Horst Opaschowski stellt fest: Die Jugend ist auf der Suche – doch nicht nach schnellem Geld oder dem angesagten Livestile. Damit zusammen hängt ein Comeback von lange abhanden geglaubten Werten wie Familie, Freundschaft, Geborgenheit und sozialer Verantwortung. Opaschowski schreibt wörtlich „Diese Jugendlichen sind Trendpioniere für ein neues Lebensgefühl und für sie gehört auch die Religion wieder dazu.“ Er spricht von einer Generation von Sinnsuchern. Er schreibt, die jugendlichen Massen vor dem toten Papst hätten ihn nicht überrascht.

Jeanette Huber vom Zukunftsinstitut in Wien meint: Als Werteinstanz und Lebenshelfer sei die Kirche gefragt. Wörtlich „Alle Anbieter von Wertesystemen haben Konjunktur. Die Kirche, aber auch der Spiritualismus, die Natur und werthaltige Marken“ Gemeinschaft ist ein Boom-Wert nach Ansicht des Wiener Zukunftsinstituts. Die Kirche schaffe es auch immer wieder Gemeinschaftserfahrungen zu vermitteln – nicht nur bei Kirchentagen, sondern auch an Weihnachten und etwa beim toten Papst.

Opaschowski meint: Mit dem 11. September sei die Spaßgesellschaft endgültig vorbei gewesen. Das Datum sei ein Wendepunkt in der Gesellschaft. Die Werte Sport, Hobby, Urlaub seien von 1980 bis 2000 ständig gestiegen, dann aber plötzlich nicht mehr, sondern schwach gefallen.

Es ist ja bekannt, dass seit einigen Jahren immer wieder festgestellt wird: Menschen machen sich heute ihre Religion selbst. Ein wenig Christentum, ein wenig Buddhismus, ein wenig Magie. Verschiedenes, je nach Geschmack und Bedürfnis! Dies ist nach Opaschowski zu Ende. Die Bastelexistenz habe ausgedient, bei der man sich den Wertecocktail selbst gemixt habe. Und: Kirche sei zukunftsfähig. Die Kirche bietet nach ihm eine Sinnantwort mit sozialem Hintergrund. Das sei die richtige Mischung, die heute von vielen – gerade jungen - Menschen gesucht werde. Sinn und Soziales.

Der Soziologe Klaus Hurrelmann von der Universität Bielefeld warnt einerseits, aufgrund des Weltjugendtages von einem Revival der Religiosität zu sprechen.  Andererseits meint er, durch den Papstbesuch habe sich verändert, dass Jugendliche es wagen, von ihrer Religiosität zu sprechen, sich dazu zu bekennen. Dadurch könne sich der Kreis derer, die mit Religion in Berührung kommen, wieder weiten. Hurrelmann hatte die Shell-Studie ausgewertet. Damals schon statuierte er, dass Jugendliche sich zwar politisch nur wenig interessieren, sich aber dennoch ehrenamtlich gut engagieren. Im persönlichen Lebensumfeld sei jeder Dritte regelmäßig aktiv. Rund 40 Prozent der Jugendlichen engagierten sich gelegentlich ehrenamtlich. Wichtig sei dabei die Frage nach einer sinnvollen Freizeitgestaltung. Viele wollen einfach die Welt ein bisschen besser machen. Soweit Hurrelmann.

Es gibt auch eine Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag der Zeitschrift Neon. Nach ihr glaubt mehr als ein Drittel junger Menschen zwischen 18 und 30 Jahren nicht an ein Leben nach dem Tod. Sie glauben, dass mit dem Tod „Leere eintritt“ – oder eben „nichts passiert.“ Ebenso ein Drittel glaubt, dass der Mensch in anderer Form weiterlebt.  Ein Viertel glaubt, dass es ein wirkliches Leben im Jenseits gibt. 13 Prozent sagen eine Wiedergeburt voraus. Der Kommentator dieser Umfrage meint: wenn man Jugendliche auf dem Weltjugendtag gefragt hätte, dann hätte man  vermutlich ein anderes Ergebnis erhalten. Allensbach befragte Katholiken, ob Kirche in die heutige Zeit passe. 1999 meinten mehr als die Hälfte „Nein“ sie passt nicht, heute sind fast zwei Drittel der Ansicht sie passe. Soweit ein paar Ergebnisse von jüngsten Meinungsumfragen. Die neue Sinnsuche führt aber nicht gleich in die Kirchen. Es ist zu früh, um von einer wirklich langfristigen Neubelebung von Glaube und Kirche zu sprechen.

Warum bewundern junge Leute den verstorbenen Papst?

Und noch die Spezialfrage: Warum bewundern viele junge Menschen den Papst?

Und: Die Kirchen – jedenfalls in Deutschland, wo vieles gut organisierst ist – leiden unter der Ablehnung von Großorganisationen wie die Parteien, die Vereine, Verbände und Gewerkschaften. Das ist seit langem bekannt. Vor 100 Jahren schossen die Vereine wie Pilze über Nacht aus dem Boden, die Menschen schlossen sich zusammen, um gemeinsam stark zu sein und weil es schön war, mit Gleichgesinnten zusammen zu sein. Heute genießt man Gemeinschaft, will sich aber nicht binden, vor allem nicht längerfristig. Das Singledasein hat Konjunktur.

Erlauben Sie mir, Ihnen meine Meinung dazu holzschnittartig zu sagen: Weil sie in ihm einen Mann Gottes sehen, weil er sich dadurch von vielen anderen unterscheidet. Auch im Dalai Lama sehen viele Menschen in der Welt einen Mann Gottes. Weitere Menschen Gottes mögen sein Mutter Teresa, Martin Luther King, Mahatma Gandhi.

Die Jugend der Welt spürt, dass er sich nicht nach Zustimmung oder Ablehnung richtet, sondern seine Überzeugungen vorträgt, auch wenn er weiß, dass sie von vielen abgelehnt werden. Die Jugend der Welt spürt, dass er echt und glaubwürdig ist, dass er sagt, was er denkt und denkt, was er sagt und dass er sich damit von vielen anderen Personen in der Öffentlichkeit wohltuend unterscheidet. Wer das beobachtet, kann schlussfolgern: Echtheit, Wahrhaftigkeit, Glaubwürdigkeit haben noch nicht ausgedient, man kann damit vielleicht nicht leicht Wahlen gewinnen, aber man kann Einfluss ausüben, geschichtlichen Einfluss ausüben.

Die Grundtendenzen: Religion und Säkularisierung

Bei unserer Frage nach neuer Religiosität, muss man natürlich ein wenig in die Weite und Ferne schauen. Ich fand einen wichtigen Aufsatz in der Neuen Züricher Zeitung. Hier schreibt eine Christel Gärtner folgendes: Jahrelang haben Sozialwissenschaftler geglaubt, dass Kirchen und Religionen untergehen je mehr eine Gesellschaft säkularisiert sei. Dann kam die Kritik an der Säkularisierungsthese, man sprach von der Renaissance der Religiösen. Die Vertreter der Säkularisierungsthese gingen mit Max Weber davon aus, dass Religion und Moderne in einem Spannungsverhältnis stehen und sich wechselseitig ausschließen. Das heißt: entweder modern oder religiös. Mit der Säkularisierung schwinde Religion ganz. Die Kritiker dieser Ansicht sagten: Wohl wird Kirche immer schwächer und bedeutungsloser, nicht aber Religion als solche. Sie bleibt. Aber sie wandelt sich. Religion findet nicht mehr in den überkommenen religiösen und kirchlichen Formen statt, sondern in neuen, anderen. Das heißt Religion wird privatisiert und individualisiert. Seither besteht ein Streit zwischen den Fachleuten: soll man von Säkularisierung, von religiöser Transformation oder von Rückkehr der Religion sprechen.

Darf ich hier nun einflechten, was Fachleute längst wissen, was ich aber bei Kardinal Joseph Ratzinger gut zusammengefasst fand: Und zwar in dem kleinen Bändchen: Werte in Zeiten des Umbruchs, erschienen vor seiner Wahl Anfang 2005:

Er schreibt (Seite 79):

„Über die mögliche Zukunft Europas gibt es zwei gegensätzliche Diagnosen. Da ist auf der einen Seite die These von Oswald Spengler, der für die großen Kulturgestalten eine Art von naturgesetzlichem Verlauf glaubte, feststellen zu können: es gibt den Augenblick der Geburt, den allmählichen Aufstieg, die Blütezeit einer Kultur, ihr langsames Ermüden, Altern und den Tod. Spengler belegt seine These eindrucksvoll aus der Geschichte der Kulturen, in der man dieses Verlaufsgesetz nachzeichnen kann. Seine These war, dass das Abendland in seiner Spätphase angelangt sei, die allen Beschwörungen zum Trotz unausweichlich auf den Tod des kulturellen Kontinents hinausläuft. Natürlich kann er seine Gaben an eine neue aufsteigende Kultur weiterreichen, wie es in früheren Untergängen geschehen ist, aber als  dieses Subjekt habe er seine Lebenszeit hinter sich.“ Soweit Ratzinger und er schreibt weiter:

„Diese biologistisch gebrandmarkte These hat zwischen den beiden Weltkriegen besonders im katholischen Raum leidenschaftliche Bestreiter gefunden. Eindrucksvoll ist ihr auch Arnold Toynbee entgegengetreten – freilich mit Postulaten, die heute wenig Gehör finden. Toynbee stellte die Differenz zwischen materiell-technischem Fortschritt einerseits, wirklichem Fortschritt andererseits heraus, den er als Vergeistigung definiert. Er räumt ein, dass sich das Abendland – die westliche Welt – in einer Krise befindet, deren Ursache er im Abfall von der Religion zum Kult der Technik, der Nation und des Militarismus sieht. Die Krise heißt für ihn letztlich: Säkularismus. Wenn man die Ursache der Krise kennt, kann man auch den Weg der Heilung angeben. Das religiöse Moment muss neu eingeführt werden, wozu für ihn das Erbe aller Kulturen gehört, besonders aber das, was vom „abendländischen Christentum übrig geblieben ist.“ Der biologistischen tritt hier eine voluntaristische Sicht entgegen, die auf die Kraft schöpferischer Minderheiten und herausragender Persönlichkeiten setzt.

Es stellt sich die Frage: ist die Diagnose richtig? Und wenn: liegt es in unserer Macht, das religiöse Moment neu einzuführen, in einer Synthese aus Restchristentum und religiösem Menschheitserbe? Letztlich bleibt die Frage zwischen Spengler und Toynbee offen, weil wir nicht in die Zukunft schauen können. Aber unabhängig davon stellt sich die Aufgabe, nach dem zu fragen, was Zukunft gewähren kann und was die innere Identität Europas in allen geschichtlichen Metamorphosen weiterzuführen vermag.“ Soweit Kardinal Ratzinger, jetzt Papst Benedikt.

Was ist Europa, was sind die Grundpfeiler Europas?

Die Zukunft ist offen. Wir wissen nicht, ob die Kultur und Zivilisation des Abendlandes untergeht. Ob der Islam, China oder die USA die Oberhand gewinnen werden – oder ob sich Europa findet, Religion und Christentum sich wandeln und neue Kraft gewinnen. Christen haben zwar die Verheißung Jesu, dass die Kirche nicht untergeht. Aber nirgends steht geschrieben, dass nicht eine christlich geprägte Kultur untergeht. Wir haben – leider meist vergessene – Beispiele: Die Türkei, alias Kleinasien und Syrien waren einmal weitgehend christlich. Ebenso Nordafrika. All das wurde durch den Islam weggefegt. Nirgends steht geschrieben, dass wir nicht Teilnehmer und Zuschauer vom Drama des Endes Europas sind, trotz allem Lärm aus Brüssel. Denn: Wo kein Geist ist, da ist letztlich kein Leben, keine Zukunft. Aber Brüssel ist auch nicht berufen, Geist zu produzieren. Brüssel zeigt nur, was wir sind. Wenn Konrad Adenauer, Robert Schumann und Alcide De Gasperri das heutige Europa sähen, würden sie vermutlich weinen: „Das haben wir nicht gemeint.“  Würden sie sagen. „Ein Europa, in dem der Schutz des Lebens, der Familie, der Ehe, der Schwachen derart ausgehöhlt ist. Ein Europa, in dem die ganze Tradition der Rechtsgeschichte so untergegangen ist, hat keine Zukunft. Unser Europa war das Gegenteil.“ So würden sie meines Erachtens sagen.

Ich persönlich vertrete die Ansicht, wenn ein Gemeinwesen, unser Europa. nicht auf unantastbaren Grundwerten aufgebaut ist, die letztlich transzendent begründet sind, dann steht es auf sehr wackeligen Füßen. Wenn alles nur von demokratischen Mehrheiten abhängt, wenn die Mehrheit auch über das Lebensrecht von Ungeborenen,  Siechen, Sterbenden, Behinderten, Unnützen entscheiden kann, dann hat sich eine solche Zivilisation schon das Grab gegraben. Es muss Prinzipien geben, die nicht angetastet werden dürfen. Wehe wenn eines Tages die Persönlichkeitsrechte von 49 Prozent der Bevölkerung durch 51 Prozent der Mitbürger bestimmt werden können. Man kann keine Kultur auf pure rechtliche Übereinkunft, auf pure Mehrheiten aufbauen. Unantastbare Überzeugungen, wie sie nach dem zweiten Weltkrieg in das deutsche Grundgesetz geschrieben wurden, sind unabdingbar.

Papst Benedikt sprach einmal von der Diktatur des Relativismus. Er meint damit, dass alles letztlich durch die Mehrheit entschieden werden kann. Z.B. ob Menschen über 60 oder über 70 oder über 80 zuviel Belastung für die Gesellschaft sind und ihnen daher zur Selbsttötung verholfen werden muss. Wer sich nicht selbst entfernt, soll wissen, dass er stört. Das wird ihm oder ihr helfen. Eine Gesellschaft, die demokratisch darüber abstimmt, dass es neben der Ehe gleichwertige Gesellschaftsformen gibt, ist in einen Relativismus verfallen, der ihr Grab ist. Es darf nicht über alles abgestimmt werden. Eine Verfassung ist eine Verfassung. Das Volk das seine Verfassung aushöhlt, schaufelt sich selbst ihr Grab. Vor 200 Jahren sind Menschen dafür gestorben, eine Verfassung zu bekommen, um das Fürstenrecht zu brechen. An die Stelle der Fürsten sind heute die Lobbys und die Mehrheiten getreten.

Ratzinger spricht auch von einem eigenartigen Selbsthass Europas gegen sich selbst. Er sagt: Gottlob respektieren, achten und schätzen gebildete Europäer den Buddhismus und Hinduismus, auch Judentum und Islam. Die europäische Religion, das Christentum aber wird hauptsächlich kritisiert. Gebetsmühlenartig werden Kreuzzüge,  Ketzerverfolgung, Hexenverbrennung und Inquisition als Gründe gegen das Christentum vorgetragen. Nur die jahrhundertealten Sünden der Kirche wreden aufgezählt, und im Übrigen darf das, was Christen heilig ist, mit Hohn und Spott übergossen werden. Das sei Freiheit der Kunst.

Das Christentum Europas hat aber auch Dante, Shakespeare, Michelangelo, Mozart und Einstein hervorgebracht. Davon wird kaum gesprochen. Sie seien nur Nebenprodukte, die auch ohne christliches Europa entstanden. Ich sage: ohne den Humus der abendländisch-christlichen Kultur hätte Europa nicht das Kulturgut hervorgebracht, um das uns Afrika, Asien und Amerika beneiden. Wir müssen es nur selbst wertschätzen und uns gegen die Fehlinterpreten wehren.

Gibt es in Europa ein neues religiöses Aufblühen oder nicht?

Wir mussten einen weiten Weg gehen, um zu unserer Frage zurückzukehren. Denn auch wenn es ein paar religiöse Blütchen auf der europäischen Wiese gibt, so dürfen wir uns doch nichts vormachen, uns nicht Sand in die Augen streuten. Die Situation ist meines Erachtens dramatisch. Auch wenn es religiöse Blüten gibt, wir dürfen uns nicht zurücklehnen und uns freuen. Es geht um mehr.
Ich neige zu Toynbee. Wenn wir die Dramatik der Situation erkennen, ist uns noch zu helfen. Wir dürfen nur nicht die Augen schließen vor der Dramatik. Wir dürfen nicht Zuschauer sein. Und wir müssen für uns selbst die richtigen Maßstäbe haben. (Gottlob ist ja die FDP eine Partei, die auf Eigenverantwortung setzt – hoffentlich nicht nur in der Wirtschaft!)

Was sind die richtigen Maßstäbe? Die Verfassung kennen und auf ihre Einhaltung achten, auch wenn es weh tut. Sich nicht einlullen lassen von spitzfindigen Interpretationen, sondern erkennen, wenn wir an der Nase herumgeführt werden. Als Politiker Standpunkte vertreten, auch wenn dies zwischenzeitlich Stimmen kostet. In Jahrzehnten oder Jahrhunderten denken – und nicht in Wahlperioden.

Hierzu nur Stichworte: Heute sind wir stolz auf Widerständler gegen Hitler und Stalin, auch wenn sie unmittelbar politisch nichts erreicht haben. Ich wünsche mir Parlamentarier, die auf ihre politische Karriere für längere oder kürzere Zeit zu verzichten, weil es ihnen ihre Überzeugungen gebieten. Wenn wir wenigstens einige solche Politiker hätten, würden junge Leute wieder zu Politikern aufschauen. Ich weiß, dass Politik Pragmatik ist, die Kunst des Möglichen, aber es gibt Prinzipien, die halten müssen, auch wenn es weh tut. Heute schämen wir uns der Politiker, die meinten, mit Hitler hoch zu kommen. Heute freuen wir uns über Politiker, die Widerstand leisteten oder ausgewandert sind. Wir schämen uns der Mitmacher.

Können sich heute Politiker schämen, dass sie schweigen oder mitmachen bei Fragen, die in der Verfassung wohl anders gesehen wurden?

Können nur Papst und Roger Schütz für religiöses Erwachen helfen?

Wir können helfen. Ich nenne die meines Erachtens wichtigsten Bereiche.

Familien: Eltern sollten feste Überzeugungen haben und sie leben. Wenn bei ihnen reiner Pragmatismus und Relativismus herrscht, werden auch ihre Kinder Relativisten, denen nichts wichtig und nichts heilige ist. Eltern müssen Zeit haben für ihre Kinder. Das kostet Kraft und Nerven, aber es rächt sich, wenn die Eltern keine Zeit haben für Kinderfragen, Kinderspiele. Eltern sollten auch Platz haben für ihre Kinder. Eltern sollten ihren Kindern auch Antwort geben können, wenn sie Fragen stellen, die mit Religion und Christentum zu tun haben. Z.B. warum wird der Mann am Kreuz dargestellt und an der Wand aufgehängt? Wozu braucht man Kirchen und warum haben sie Türme. Warum ist am Sonntag arbeitsfrei und schulfrei. Und: wer der Mann in weißem Gewand.

Schulen: Lehrer sollten nicht nur unterrichten, sondern auch erziehen. In der Schule sollte man auch lernen, wie man mit einander lebt, warum es Regeln und Gebote gibt. Und wo die Gebote herkommen, warum man einander nicht umbringen oder belügen soll. Wenn Kinder in der Schule vom Christentum nichts hören, dann haben die Deutsch-, die Geschichts- und die Sprachenlehrer versagt. Man kann unsere Kultur nicht ohne Christentum verstehen.

Kirchen: natürlich happert es auch in den Kirchen. Priester sollen Gottesmänner sein, sie sollen Jesus Christus verkünden und sonst nichts. Alle Christen sollen Zeugen des Glaubens sein. Im Gottesdienst soll Platz auch für Nicht-Grauhaarige sein.

Medien: Kürzlich hat eine Untersuchung festgestellt, dass die Kirchen in den Medien unterrepräsentiert sind. Sie kämen nicht nach der Größe ihrer Mitgliederzahlen vor. Ich denke, alle Medien-Nutzer sind ein wenig schuld daran, wenn in den Medien Nebensächliches und rein Unterhaltendes zu viel Platz hat, und Wichtiges untergeht. Die Medien sprechen von einem deutschern Entführten 100 mal mehr als von 1000 Gefangene in Guantanamo. Das ist schlecht. Ein Streit um den Gaspreis wird ausführlicher behandelt als die ernstere Frage des Energiekonsums, des Energieverbrauchs, der Abhängigkeit. Die Krawatte des Politikers und die Frisur der Kanzlerin spielen leider eine größere Rolle als die Leistung einer Partei durch viele Jahre. Sind wir so dumm? Es hapert gewaltig im Medienwald.

Parteien: Wenn ich eine Wahlrede halten würde, würde ich sagen: Schaut nicht auf gutes Aussehen und Redegewandtheit, schaut nicht einmal auf ein Parteiprogramm, es sei denn sehr gründlich, schaut darauf, was eine Partei die letzten 10 Jahr getan hat, dann wählt. Erfolg für die Menschen muss belohnt werden, nicht schöne Papiere und schöne Kleider.

Mit Gott hat das Leben einen Sinn

Ich komme zum Schluss: Jugend sucht offenbar wieder mehr als früher Religion, Glaube und sogar Kirche. Wir freuen uns darüber. Wir dürfen aber nicht nur Zuschauer bleiben. Denn dabei steht mehr auf dem Spiel als ein paar Papstbesuche oder ein paar mehr oder weniger gefüllte Kirchen. Dabei steht die Zukunft unseres alten Europa auf dem Spiel. Nicht nur der Islam steht vor der Haustür, auch China und Indien stehen in den Startlöchern. Ja – sie sind bereits heimlich-still und leise nach Afrika, Asien und Amerika gesprungen. Mit harter Arbeit und in ihrer Art zu denken, zu handeln, die nicht immer den europäischen Grundwerten entsprechen. Große europäische Heilige, die den Kontinent geprägt haben wie Benedikt, Franz von Assisi, Ignatius von Loyola, aber auch Personen wie Edith Stein, Clemens August von Galen, Dietrich Bonhoeffer würden uns vielleicht fragen: verspielt ihr gerade das, wofür wir gestorben sind? Auch Martin Luther und andere die ihr Leben für die Reform der Kirche eingesetzt haben, würden uns vielleicht kritisch fragen, ob uns die Auszehrung von Glaube und Kirche vielleicht doch zu gleichgültig sind. Ähnlich Persönlichkeiten wie Lessing und Schiller, die im Zug der Aufklärung gegen Fürstenherrlichkeit und für Menschenrechte, Grundwerte, Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz gekämpft haben und teilweise gestorben sind. Würden diese Aufklärer uns vielleicht kritisch bitten: tut die Augen auf, verspielt nicht das beste Erbe Europas. Schaut auf die Jugend, die die Krankheit der Zeit feinfühliger erkennt: sie zeigt euch:  O h n e   Gott kann man zwar leben und überleben. Aber  m i t   Gott lebt man besser, mit Gott hat das Leben einen Sinn.





50 Jahre Berichterstattung


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Berichterstattung aus Rom

anlässlich der 50 Jahre von Erich Kusch als Rom-Korrespondent
Eberhard Gemmingen

 Das Beste am Vatikan sind seine Mauern. Sie garantieren, dass er ein Mysterium ist und bleibt. Sie schaffen Geheimnis, ein bisschen Staub, ein bisschen Moder, ein bisschen Verschwörung. Was braucht ein Journalist mehr? Das zweitbeste am Vatikan ist der Petersplatz und St. Peter. Wer hat ein schöneres Panorama für seine Aufmärsche, Aufzüge, Aufstände? Ist es der Rote Platz in Moskau, sind es die Champs Elisee oder die Fifth Avenue. Nein der Petersplatz. Was gibt es Besseres fürs Fernsehen?

Das drittbeste am Vatikan ist der Papst, dass da eine Person im Zentrum steht und nicht eine Regierung, die jeden Tag gestürzt werden kann. Es gibt also gute Gründe, sich gerne nach Rom und an den Vatikan versetzen zu lassen, denn der Vatikan bietet ziemlich endlosen Stoff zum Schreiben.

Es kommt noch erfrischend dazu, dass es besonders toll ist, für Deutschland oder den deutschen Sprachraum zu berichten, denn zwischen Deutschland und der Zentrale der katholischen Kirche gibt es seit Jahrhunderten eine interessante Spannung. Wo Spannung herrscht, ist Korrespondentenathmosphäre. Während Menschen aus Lateinamerika, aus Afrika, Asien und auch aus vielen Teilen Europas voll Vertrauen, Hoffnung und Liebe nach Rom schauen, tun dies viele nördlich der Alpen mit einer gewissen Skepsis. Das gilt natürlich für evangelische Christen, gilt aber gerade in den letzten 50 Jahren auch für Katholiken.

Also Berichterstattung aus Rom in den deutschen Sprachraum – ein reines Vergnügen. Sollte man denken.

Die Wirklichkeit entspricht nicht ganz der Theorie, aber man sollte auch die Theorie kennen.

Aber schauen wir noch mal auf die Einzelheiten:

Die dicken Mauern machen den Vatikan interessant. Denn Geheimnisvolles ist interessant. Als theologischen Grundsatz verkünde ich immer wieder: Die Kirche ist ein Mysterium, daher ist der Vatikan mysteriös. Interessant machen die Mauern den Vatikan vor allem deswegen, weil hinter den Mauern ja Pläne geschmiedet werden für die Veränderung der Welt und weil man von den Plänen eigentlich nichts wissen soll oder darf, weil aber eben doch Spione heimlich aus- und eingehen, die Häppchen von den bösen Kirchenplänen zum Umsturz der Welt herausgeben – wenn nicht gar herausverkaufen.

Spaß beiseite: Man möchte vom Pressesaal mehr wissen und es ist schwer, mehr zu erfahren: rechtzeitig, umfassend, freundlich, zugänglich. Leider macht der Pressesaal nicht immer einen kollaborativen Eindruck. Vielleicht sind auch manchmal die Stile zu unterschiedlich, denn die Lebensregeln sind unterschiedlich nördlich und südlich der Alpen.

Freilich die Zeiten ändern sich. Es hat sich auch schon vieles verbessert, verändert. Aber – wie sollte es anders sein – im Vatikan gehen die Uhren halt ein bisschen langsamer als anderswo. Leider.

Gehen wir noch mal hinter die Mauern: Dort saß bis vor einem halben Jahr Johannes Paul II., der politisch denkende Papst aus Polen. Die Umstände machten es und die Begabung war vorhanden, dass ein Kirchenoberhaupt sich ziemlich aktiv in die Weltpolitik einmischte. Ich kann mir dies bei Papst Benedikt nicht so vorstellen. Aber die Konstellation aus politischen Umständen und politischer Begabung machten den Standort Rom für einen Auslandskorrespondenten nochmals interessanter. Das kann eines Tages auch wieder anders werden. Freilich: mehrere Umstände in der Welt machen die Religion, machen Glaubensfragen auch politisch im Grunde genommen interessanter. War die Welt durch fast 50 Jahre geprägt durch die ideologischen Gegensätze zwischen Ost und West, zwischen Kommunismus und freier Welt, so hat man den Eindruck, dass heute die Gegensätze zwischen den Welten wachsen, die von unterschiedlichen Religionen geprägt sind. Ob man nun von Clash of Civilisations spricht oder nicht. Man muss doch registrieren, dass die Spannungen zwischen zwei Lebensvorstellungen wachsen: denen der freien persönlichen Entfaltung – mit mehr oder weniger Verantwortungsgefühl – und der Welt, die vom Islam geprägt ist. Auf diesem Hintergrund ist natürlich die Stellungnahme der katholischen Kirche im Vatikan besonders interessant.

Die katholische Kirche steht ja doch auf der Seite des Islam, wenn es um die Anerkennung einer transzendenten Macht geht, um Verantwortung vor Gott, um Schutz der Familie, der Tradition, Schutz von Rechten und Pflichten. Die katholische Kirche steht auf der Seite des Westens, wenn es um Religionsfreiheit, Rechte der Frauen, der Minderheiten, der Einzelperson geht. Je mehr also ein etwas ideologischer Weltkonflikt am Horizont ist, desto wichtiger sind die Dinge, die hinter den vatikanischen Mauern gedacht und dann vielleicht auch gesagt werden. Und ich denke, in diesem Umfeld haben wir von Papst Benedikt noch Spannendes zu erwarten. Er hat sich schon sehr klar zur Frage der bedrohten Werte, zu den heutigen Ideologien und Mythen geäußert: Er warnt vor den Mythen des Fortschritts, der Wissenschaft und der Freiheit. Sie seien an die Stelle der Mythen des Kommunismus und des Nationalsozialismus getreten. Er wirbt für die Ehe zwischen Glauben und Vernunft. Also: Weil es im Vatikan um Grundlegendes für jeden Menschen geht, ist Berichterstattung aus Rom interessant – umso frustrierender, wenn man aber nur schwer an Sachinformation herankommt.

Allerdings besteht für einen guten Romkorrespondenten noch eine andere Quelle von Frustration – nämlich die heimische Redaktion und das angebliche Denken der Leser- oder Hörerschaft. Ich habe immer wieder von Romkorrespondenten hier gehört, sie würden gerne gründlicher und genauer über Vatikanisches in ihren Medien berichten, die heimische Redaktion aber habe dafür kein Interesse, keinen Platz. Es würde auch mitgeteilt, das interessiere die Leser oder Mediennutzer nicht. Ich erlaube mir den Hinweis: jedes Medium zieht sich natürlich auch sein Publikum heran. Wenn es lange genug mit Oberflächlichkeiten abgespeist wird, gewöhnt es sich daran. Wenn man es mit schwereren Stoffen anstrengt, beginnt es diese Anstrengung zu lieben. Kurz: die Frustration kommt nicht nur aus dem Vatikan, sondern auch vom eigenen Medium und dessen Publikum, das man selbst aufgebaut oder verdorben hat.

Und noch eine kritische Bemerkung: Ich habe den Eindruck, dass man sich in Sachen Kirche und Religion Fehler und Ungenauigkeiten erlauben kann, die in der Berichterstattung Sport, Börse, Kultur nicht erlauben dürfte. Ich habe selbst einen kritischen Briefwechsel mit dem Vorzeigekatholiken Heiner Geisler gehabt. Er hatte vor dem Weltjugendtag in der Frankfurter Rundschau geschrieben, die Kirche erlaube Sexualverkehr nur mit der Zielsetzung Kinder zu zeugen. Das ist einfach eine Falschinformation. Seit Vatikanum II. heißt es, dass der Sexualverkehr auch den Sinn hat, die Liebe zwischen den Partnern auszudrücken und zu stärken. Eine solche Falschinformation würde in der Berichterstattung Sport oder Börse sicher heftig kritisiert. In Sachen Kirche werden viele sagen: Siehste mal wieder, wie dumm die Kirche ist. Wenn schon Heiner Geisler das sagt.

Und damit sind wir bei einem weiteren kritischen Punkt: Religion betrifft ein bisschen das ganze Leben. Sport, Naturwissenschaft, Börse kann ich links liegen lassen. Religion erhebt einen Anspruch – auch über den Kreis der eigenen Leute hinaus. Wenn also jemand etwas im Bereicht Religion und Kirche sagt, kann das ja mein privates Leben betreffen, kann das die öffentliche Meinung gegen mich einnehmen. Also Vorsicht. Kommt dazu, dass wir das Ende einer Volkskirche erleben. Das bedeutet, dass viele Menschen noch eine Ahnung von Glaubenswahrheiten und Geboten haben, aber doch nur eine sehr oberflächliche Ahnung. Sie meinen aber mitsprechen zu können, obwohl ihnen leider – ohne eigene Schuld – die nötige Grundinformation fehlt.

Es ist also nicht so ganz einfach, wirklich gut aus dem Vatikan in den deutschen Sprachraum zu berichten.

Nun noch ein Blick auf eben diesen deutschen Sprachraum: Nicht nur Martin Luther ist ein typischer Deutscher, wir haben außer ihm auch die moderne Philosophie ausgedacht: Ich nenne vor allem Kant, Hegel, Nietzsche, Heidegger, die Frankfurter Schule und vieles mehr. Danken wir Gott: Wir sind nicht nur ein Volk von Kriegern, sondern auch von Denkern (und Musikern). Das macht unsre Auseinandersetzung mit dem Zentrum einer geistigen Weltbewegung, wie es die katholische Kirche durch die Jahrhunderte ist, nicht einfacher. Es macht diese Auseinandersetzung einerseits interessant, andererseits auch konfliktreich.

Wir Deutsche nehmen Sachen vielleicht manchmal ernster als andere Völker. Manchmal nehmen wir sie zu ernst, verlieren den Überblick, die Maßstäbe, auch den Humor. Manches davon gilt für Luther und andere Denker. Wer in Rom lebt, weiß, dass das italienische Herz und Hirn anders funktioniert als unseres. Und der Vatikan ist halt nach wie vor hauptsächlich italienisch geprägt. Daher kommen aus dem deutschen Sprachraum Fragen nach Rom, die hier oder in vielen anderen Ländern kaum verstanden werden. Die Ablassfrage Luthers hätte man hier vielleicht sogar verstanden, aber viele andere theologische Fragen rufen im deutschen Sprachraum größte Diskussionen bei Fachleuten und Laien hervor, die hier kaum jemand kennt.

Ich komme zum Schluß: Einerseits braucht es die Einheitskraft des Papstes für den corpus Weltkirche. Wenn es sie nicht gäbe, wäre die katholische Kirche längst in 1000 Teile zerbrochen, wie es auf der reformierten Seite längst passiert ist. Andererseits denken vermutlich fast alle Katholiken rund um den Globus hauptsächlich in ihren nationalen Kategorien: Der deutsche Katholik will eine Kirche, wie er sie sich ideal nach seinen Erfahrungen vorstellt, der italienische eine italienische, der polnische eine polnische, der französische Katholik eine französische Kirche. Unsere Kirchenvorstellungen sind – Theologie hin oder her – unterschiedlich, gegensätzlich, weil unser Denken und Fühlen primär nicht von der Bibel oder Theologie her geprägt sind, sondern vom Denken und Fühlen in unserer Population. Wir denken nicht als Christen, sondern als Mitglieder einer Population. Das müssten wir erkennen, damit wir beginnen können, wirklich vom Christentum her zu denken. Vielleicht wird uns das nicht gelingen.

Vor allem das letzte scheint mir wichtig: Die Denke im Norden und Süden sind unterschiedlich, sehr unterschiedlich. Um eine gute Korrespondentenarbeit zu machen, sollte man vielleicht öfter mal auf die Piazza Navona gehen und darüber reflektieren.




Mit alten Werten die Welt neu gestalten


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Mit alten Werten die Welt neu gestalten
Wie fasst Deutschland wieder Fuß?

P. Eberhard v. Gemmingen

in Lauda

Junge Unternehmer in Unterfranken


Es geht eine Unruhe durch unsere Welt. Viele stellen die Frage: kann man sich denn heutzutage auf niemanden mehr verlassen. Betrügen mich alle? Bin ich der einzige Anständige? Kann man denn heute noch heiraten und ihm das Ja-Wort auf Lebenszeit geben? Oder: Wo kann ich mein Geld sicher anlegen? Wie sicher ist die Auskunft des Arbeitgebers, des Beamten, des Lehrers, des Ehepartners, des Kirchenmannes, des lieben Gottes? Kann man sich überhaupt noch auf irgendjemanden verlassen?

Gelten denn heute die alten Werte gar nicht mehr, der Wert der Wahrhaftigkeit, der Solidarität, des Eigentums, des Rechts, der Religion. Schwimmt alles dahin. Gilt nur noch das Recht des Stärkeren?

Oder hat die Jugend etwa schon wieder erkannt, dass die alten Werte für die Gesellschaft nötig sind. Glaubwürdigkeit, dass man auch Religion braucht, eine Verankerung in Gott und seinen Repräsentanten? Ist der Strom zum toten Papst und zum Weltjugendtreffen ein Zeichen für neue Suche nach alten Werten? Gibt es ein religiöses Erwachen, fasst Europa, das tot geglaubte Abendland gar wieder Fuß?

All diese Fragen haben vermutlich zu meiner Einladung hierher geführt. Sie haben mir eine nicht ganz einfache Aufgabe gegeben. Sie sind Junge Unternehmer. Ich bin kein Unternehmer und Sie wissen vielleicht in vielen Bereichen besser Bescheid – sowohl über die Mängel, als auch über die Werte, die notwendig wären. Ich will mein Bestes versuchen. Und ich erlaube mir, ziemlich systematisch vorzugehen, ein bisschen schulmeisterlich. Das gehört vielleicht auch zur Suche nach alten Werten, dass man nicht nach dem Unterhaltungswert fragt, sondern nach der Didaktik und Pädagogik.

Hier also ein Überblick über die gedanklichen Schritte, die ich gehen will.

1. Was verstehen wir unter Werten?

2. Welche Werte galten wohl durch die Jahrhunderte und vor ein paar Jahrzehnten

3. Welche Werte haben sich verwandelt und welche Werte sind verloren gegangen.

4. Welche Werte müssen wir neu entdecken, pflegen und entwickeln?


1. Was verstehe wir unter Werten?

Wir unterscheiden zwischen materiellen Werten und geistigen Werten.

Materielle Werte sind z.B. Hab und Gut: ein Haus, ein Acker, Aktien, auch Kleidung, Bücher. Alles was man mit Geld kaufen kann. Der gemeinsame materielle Tauschmittel ist das Geld, weil man es gegen die genannten materiellen Wertgegenstände eintauschen kann.

Geistige Werte: da sind zunächst grundlegende Fähigkeiten:: dass man das Alphabet beherrscht, lesen, schreiben und rechnen kann. Auch solche einfachen Werte darf man nicht verlieren. Den Fernseher Anschalten zu können, ist zwar eine Fähigkeit, aber noch kein hoher Wert. 

Weiter: Wissen und Bildung: Dass man sich in den wichtigsten beruflichen und kulturellen Bereichen auskennt, auch in Geschichte und Literatur, eben in der Kultur der eigenen Lebenswelt.

Kommunikationsfähigkeit: Dass man mit Familienmitgliedern, mit Freunden und Arbeitskollegen normal sprechen und umgehen kann. Wer das nicht kann, dem fehlen geistige Werte.

Ein wichtiger Teil der geistigen Werte sind die moralischen Werte: Ehrlichkeit: Dass man nicht lügt und nicht betrügt, dass man wenigstens noch weiß, wenn man lügt und weiß, dass man es nicht tun sollte.

Solidarität: das heißt Zusammenhalten, nicht nur an sich selbst denken, darauf schauen, was dem Nächsten fehlt, was er braucht, das Notwendigste im Notfall teilen.

Achtung und Respekt vor einander: Zunächst einmal als junger Mensch vor den Eltern dann weiter vor der rechtmäßigen Autorität, dem Lehrer, Professor, dem Bürgermeister, dem Vertreter im Parlament. 

Achtung vor dem Leben: dass man im Straßenverkehr weder das eigene noch das fremde Leben willkürlich gefährdet, dass man sich um das schwache Leben des Kindes, des Kranken und des Sterbenden bemüht. Dass es einem nicht gleichgültig ist. Und dass man auch das noch nicht geborene Lebende als Wesen mit Lebensrecht anerkennt.

Achtung vor der Sexualität: Dass man die menschlichen Sexualität nicht zum Konsumgut degradiert, sondern als hohen humanen Wert achtet und respektiert.

Ich habe jetzt einfach die Werte aufgezählt, die durch einige der zehn Gebote geschützt werden sollen. Viertes Gebot: Leben, Fünftes Gebot Autorität, Sechstes Gebot: Sexualität, Siebtes Gebot: Eigentum, Achtes Gebot Wahrheit.

Später mehr davon.

Also: die Werte, um die es geht, sind vor allem moralische oder ethische Werte. Sie sind ein Teil der geistigen Werte, stehen auf dem Sockel der materiellen Werte, aber hängen nicht von ihm ab.

Welche Bedeutung haben materielle und moralische Werte: Wenn uns die materiellen fehlen, dann verhungern wir, wenn uns die moralischen Werte fehlen, dann verlieren wir langsam als einzelne Menschen unsere Humanität und wird das Zusammenleben immer schwieriger. Wenn die moralischen Werte eines Tages gar nicht mehr gelten würden, dann wären wir einander wirklich nur noch Wölfe. Dann wäre menschliche Gesellschaft unmöglich. Also braucht gesellschaftliches Zusammenleben Grundwerte, ohne die es nicht geht.

Wertewandel: Was sind denn die alten Werte? Welche Werte galten früher? Wie und warum haben sie sich verändert?

Hier muss ich nun ein bisschen holzschnittartig sprechen, damit die Unterschiede zu heute klar werden.

1) Bis vor hundert Jahren galt erstens einmal: der Mann ist der Herr ihm Haus, ihm müssen Kinder und auch die Frauen gehorchen. Es ist gut, dass sich das geändert hat. Aber die Änderungen müssen gemeistert und in neues Gleichgewicht gebracht werden. Der Mann und Vater repräsentierte Gott und den Staat. Er leistete meist auch die Grundversorgung der Familie durch Berufsarbeit. So war eine gewisse Grundordnung garantiert. Ein Grundwert lautete: der Vater hat das Sagen. Wenn ihm alle gehorchen, leben alle am besten. Also erster  moralischer Grundwert für die gesellschaftliche Ordnung: die Männer haben das Sagen. Nochmals: es ist sehr gut, dass sich das geändert hat.

2) Bis vor 100 Jahren galt ferner: in die Schule gehen und lernen ist etwas sehr Gutes und Nützliches. Wer nicht in die Schule gehen kann, ist ein armer Wicht. Lernen ist gut, es erhebt, gibt Chancen, befreit auch. Wer nichts oder wenig gelernt hat, kann nicht erwarten als etwas Wichtiges beachtet zu werden.  Also zweiter Grundwert: Bildung

3) Bis vor 100 Jahren galt: eine Frau braucht einen Mann, eine Frau, die keinen Mann hat, ist etwas irgendwie Minderwertiges. Es sei denn sie geht ins Kloster, das ist wertvoll. Also: Dritter Grundwert: Ehe

4) Bis vor 100 Jahren galt: eine Familie, die keine Kinder hat, ist keine richtige Familie, ist vielleicht von Gott geschlagen, bestraft. Wer keine Kinder hat, hat auch keine Pension, keine Sicherheit im Alter. Vierter Grundwert: Nachkommen.

5) Bis vor 100 Jahren galt: Der Staat ist die Autorität, der Vater-Staat, ihm muss man gehorchen, er schützt einen, man muss ihn verteidigen, sich mit ihm zu identifizieren, für ihn in den Krieg zu ziehen und sein Leben einzusetzen, das ist des Mannes Ehre. Fünfter Grundwert: Der Staat. Er hat Autorität, fordert Solidarität und Einsatz des Lebens und gibt Ehre.

6. Bis vor 100 Jahren galt: Die Kirche gibt Sicherheit, Orientierung fürs ganze Leben, gibt Segen, urteilt über Gut und Böse, verspricht den Himmel und droht mit der Hölle. Daher haben der Pfarrer, erst recht der Bischof und der Papst Autorität, sie sind Garanten für das Gelingen des Lebens vor und nach dem Tod. Sechster Grundwert: Religion für das Gelingen des ganzen Lebens.

Sie haben bemerkt: bisher war ich praktisch in der Gesellschaft vor der Industrialisierung. Es kamen neue Grundwerte dazu:

7. Bis vor 100 Jahren galt: der unselbständige, angestellte Industriearbeiter findet nur Sicherheit durch Zusammenschluss, durch Gewerkschaft, durch Solidarität – notfalls auch gegen den ausbeuterischen Arbeitgeber. Siebter Grundwert: Solidarität.

8) Gegen diese Bewegung kam dann als Reaktion: nur das Recht auf Privateigentum gibt dir Sicherheit. Nicht einfach die Tatsache des Privateigentums, sondern das verbriefte, unantastbare Recht auf Privateigentum gibt dir Sicherheit. Achter Grundwert: moralisches Recht auf Privateigentum.

Ich glaube, es war gut und notwendig, diesen etwas romantischen Rückblick zu halten, um uns der Frage und Antwort zu nähern, welche Werte heute bedroht oder gar untergegangen sind. Ich möchte wiederholen: vieles von dem holzschnittartig Dargestellten ist gottlob vorbei. Anderes ist leider vernachlässigt oder vergessen: z.B. der Wert der Bildung, der Wert der verlässlichen Ehe, der Familie, der Nachkommenschaft, der Solidarität im Staat und in der Gesellschaft.

Aber wir können die Vergangenheit nicht zurückwünschen.

Nun kommt der erste  und entscheidende Hauptteil: Welche Werte sind uns nun wirklich im Lauf der letzten Jahrzehnte wenigstens teilweise verloren gegangen? Das führt dann zum zweiten Hauptteil: Wie können wir die heute notwendigen Werte wieder zurückgewinnen.

Welche Werte sind verloren gegangen?

Hier muss man ein bisschen in die letzten vierzig bis sechzig Jahre zurückschauen, an die manche von uns sich noch erinnern.

1945 bis 1960 haben alle Deutschen wahnsinnig zugepackt und wie verrückt gearbeitet, um die ungeheuren Schäden des Krieges zu überwinden, vielleicht auch um die Vergessen – das Leid und die eigene Schuld. Man hatte keine Zeit, Kraft und Lust über Werte nachzudenken.

Dann etwa ab 1960 kam die zweite Nachkriegsgeneration, die aufmüpfige, der es wirtschaftlich gut, vielleicht zu gut ging und die ihre Eltern beschimpfte, sie seien Materialisten, sie verdrängten ihre Schuld am Hitlerdeutschland und es sei endlich nötig, mit Demokratie erst mal richtig anzufangen. Höhepunkt dieser Periode war dann 1968. Revolution unter dem Dach, Wechsel von CDU zu SPD. Ein besseres, demokratischeres, basisnäheres, weniger spießbürgerliches Deutschland sollte entstehen. Man sah den Hauptwert in größerer Demokratie und kritischerem Denken.

Die erste Wahl von Helmut Kohl war dann ein gewisser Einschnitt. Der Akzent wurde wieder mehr auf Wirtschaft und die Sehnsucht nach deutscher Einheit gelegt. Es gab die 68er noch, aber sie hatten weniger Einfluss. Es kam die deutsche Einheit. Jubel und dann bald Lamento – hüben und drüben. Die erste Liebe war schnell vorbei. Es kamen die mühsamen Ehejahre zwischen den lieben Wessis und den noch lieberen Ossis. Aber weil es doch vielen sehr gut ging, gingen die Werte offenbar heimlich still und leise den Bach hinunter. Die Zeit der 68-er scheint mir erst mit der Abwahl von Gerhard Schröder so ganz zu Ende. Mit Angela Merkel scheint eine neue Zeit heraufgekommen zu sein, vor allem wenn man in Betracht zieht, dass nun halb Deutschland registriert: da haben wir aber doch eine ganze Menge Werte im Lauf der letzten Zeit verloren, verspielt, vergessen oder einfach unterdrückt.

Was sind diese Werte, die wir verloren haben.

Der Blick zurück in letzten 100 Jahre zeigt leicht, was anders geworden ist, was wir bei der Veränderung verloren haben. Ich werde mich gleich auf die Fragen der Wirtschaft konzentrieren, aber vorab der Wertewandel in anderen Bereichen:

Der Vater als Vater hat seine Autorität zu einem guten Teil verloren. Leider hat die Mutter nicht gleichzeitig die entsprechende Autorität gewonnen. Autorität gewannen vor allem die Medien, das Fernsehen, die Meinungsmacher, die Mode. Viele Eltern konnten ihre Autorität auch deshalb nicht halten, weil andere die Fachkompetenz in Beruf und öffentlichem Leben übernahmen, die die Eltern früher hatten.

Der Wert der Bildung war immer weniger bewusst, weil Schulbildung zum Allgemeingut geworden war. Alle waren mehr oder weniger gebildet. Bildungsinflation.

Der Wert der Ehe sank dahin, weil einerseits eine unverheiratete Frau ebenso geachtet war wie eine verheiratete, weil die Frauen durch ihre Bildung die Möglichkeit hatten, dem unterdrückenden Mann davon zu laufen, weil immer mehr Ehen zerbrachen und viele Menschen nicht mehr wagten, eine lebenslängliche Bindung einzugehen.

Der Wert der Familie sank, weil man auch ohne Kinder im Alter versorgt war, weil Kinder in der arbeitsteiligen Gesellschaft ein Störfaktor waren.

Der Wert des Staates sank in Deutschland besonders, weil die Deutschen erlebt hatten, wie ihr Vertrauen in den Staat missbraucht worden war.

Der Wert der Religion und der Kirche sank, weil viele Menschen von der Lehre der Kirche nicht mehr überzeugt waren, weil sie die Glaubenslehre nicht mehr annehmen konnten, weil sie sie nicht mit ihrem sonstigen Wissen vereinbaren konnten. Die Kirche war auch nicht mehr notwendig, um das Leben zu interpretieren.

Geblieben waren hauptssächlich die Grundwerte Solidarität und Recht auf Privateigentum, zwei Kategorien, die mit Wirtschaft zu tun haben: Die Arbeitnehmer hatten erfahren: Macht haben wir nur, wenn wir zusammenhalten, die Arbeitgeber hatten erfahren: Gemeineigentum funktioniert nicht.

Soweit ein Blick auf Wertewandel und Werteverlust im Lauf von etwa 100 Jahren. Wohlgemerkt: es ist nicht nur ein Werteverlust, es ist auch ein positiver Wertewandel – gerade wenn man daran denkt, dass eben heute nicht mehr alleine die Väter das Sagen haben, sondern die Frauen wenigstens theoretisch gleichberechtigt mitreden.

Ich fand in einer älteren Nummer des Manager-Magazins eine riesige Abhandlung über die Werte, die im Bereich der Wirtschaft dahingeschwunden sind. Da nun junge Unternehmer mich eingeladen haben, konzentriere ich mich zunächst mal auf diese Fragen der Wirtschaft. Es beginnt so:

Manager ohne Moral: Selbstbedienung, Korruption, Betrug, Vertragsbruch -  für die Eliten scheinen keine Regeln mehr zu gelten. Das ethische Fundament der Wirtschaft bröckelt. Zerstört der Turbokapitalismus am Ende sich selbst?

Hier wird dann der Vorstandsvorsitzende der Lufthansa Jürgen Weber zitiert „Herausholen, was herauszuholen ist, und nach mir dann die Sintflut“ Weber mokierte sich hier vielleicht noch, weil die Piloten ihm eine Gehaltserhöhung von 30 Prozent abgetrotzt hatten.

Der Chef der Aktienanalyse-Firma SES Research, Robert Suckel sagte: „Die Anleger haben Angst, betrogen zu werden, man glaubt den geprüften Bilanzen nicht mehr.“

Dann wird ein Vertreter der Boston Consulting Group, Dieter Heuskel zitiert: „Die Loyalität in den Unternehmen ist durch die reine Ausrichtung auf den Kapitalmarkt bedroht worden. Wir brauchen eine Rückbesinnung auf die Institution Unternehmen.“ Manager-Magazin fasst zusammen: „Moral, Anstand, Vertrauen, Loyalität. Auf einmal sind alte Begriffe, die aus einer längst vergangenen Ära zu stammen scheinen, wieder im Gespräch. Den Exzessen der vergangenen Jahre folgt eine neue Nachdenklichkeit. Nach der großen Party, als Globalisierung, Internet und Börsenboom alles Bestehende ab- und umzuwerten schienen, kommt nun die tiefe Verunsicherung: was wird aus dieser Gesellschaft? Bricht das sittliche Fundament weg, ohne das die Wirtschaft nicht funktionieren kann?“

In einer nächsten Nummer von Manager-Magazin geht’s weiter: Die Finanzmärkte zweifeln an der Glaubwürdigkeit von Managern und Wirtschaftsprüfern. Auf Firmenbilanzen ist kein Verlass. Die Bürger zweifeln an der Integrität von Managern und Politikern. Ständig kommen neue Korruptionsfälle ans Tageslicht.

Eine internationale Antikorruptionsorganisation sagt: Deutschland ist von Platz 13 auf Platz 20 abgerutscht. Immer mehr Ermittlungsverfahren gegen bestechliche Politiker und Manager. Die Zahl der Korruptionsverfahren hat sich verfünffacht. 78 Prozent der Pleiten gehen auf verspätete Zahlungen von Kunden zurück. Manche Vorstände hätten ihre Zuschläge jährlich um 30 Prozent erhöht. Der bekannte katholische Priester und Managerberater Graf Henkel sagte:

„Volkswirtschaftlich hauen uns die hohen Gehälter nicht um, aber unter dem Gesichtspunkt der sozialen Kompetenz sind sie skandalös.“  Wirtschaftsprofessor Christian Schulz schreibt: „Oben in der Hierarchie gibt es Leute, deren Bezüge in den Himmel schießen, während die Aktienkurse in den Keller gehen. Auf der unteren Ebene klinken sich immer mehr Mitarbeiter einfach aus oder melden sich krank – ohne Rücksicht auf die Firma.“ (MM 6/2002)

Nach all diesem Lamento über die Wirtschaft nun eine erste Antwort: Auch Wirtschaft läuft langfristig nur, wenn die Moral läuft.

Das widerspricht Bert Brecht, der in der Dreigroschenoper gemeint hatte: im liberalen Raubtiersystem schlössen sich Anstand und Wohlstand gegenseitig aus. Offenbar brauch Wohlstand doch auch Anstand, wenigstens ein Mindestmaß von Anstand. Das Manager-Magazin berichtet dann von Studien der OECD und des Internationalen Währungsfonds, die belegen: je anständiger, desto erfolgreicher. Gesellschaften mit hohem Vertrauenspotential wachsen schneller. Moral ist volkswirtschaftlich gesehen ein hoher Standortfaktor. Auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist Moral ein Erfolg. Mitarbeiter, die bereit sind, untereinander und mit dem Management zu kooperieren, sind produktiver. So der IWF. Wer Kunden und Zulieferer trauen kann, hat mehr Planungssicherheit. Staatsausgaben fließen in effizientere Projekte. Der internationale Vergleich zeigt: Zwischen Korruption und Wohlstand gibt es einen eindeutigen Zusammenhang. Sensibel reagieren auch die Börsen. Wo Misstrauen herrscht, steigen die Zinsen. Die Unternehmensfinanzierung wird teurer – Moral ist auch ein Shareholder-Valeu-Thema. Wenn übertriebene Ansprüche zurückgeschraubt werden, dann bessert sich auch die Moral. Der us-amerikanische Politologe Fukuyama sagt: Der Kapitalismus frisst seine eigenen Adepten.

Das Manager-Magazin stellt dann weiter fest: In Familien und Schulen lernt der Mensch Vertrauen. Wenn er hier enttäuscht wird, leidet er schwer. Danach kommt gleich die Firma. So eine Studie der OECD. Das Unternehmen müsse als Wertegemeinschaft einer Großgruppe von Menschen geführt werden. Sie haben die gleichen Ziele mit den gleichen Mitteln. Heute aber sei es leider sehr schwer geworden, sich in einer Firma zu Hause zu fühlen und Vertrauen in sie zu haben. Bei der Suche nach supereffizienten Strukturen geht eines der wichtiges Vermögensgüter zugrunde: Das Vertrauenskapital.  Wenn Personen zu Personalnummern degradiert werden, müsse man sich nicht wundern, wenn die Mitarbeiter versuchten, so viel als möglich herauszuholen. Der deutschen Wirtschaft entstehen Schäden von zwei Milliarden Euro pro Jahr durch Veruntreuung, Betrug und Unterschlagung, so Hermes-Schätzungen. Diese Zahl habe sich im Lauf von zehn Jahren mehr als verdoppelt.

Das Manager-Magazin hat auch eine interessante Statistik über das Vertrauen, das Menschen in ihre Mitmenschen haben. An der Spitze des Vertrauens stehen: Norwegen, Schweden, Niederlande, Kanada. Dann geht es ins Mittelfeld: Finnland, Irland, Japan, Deutschland, gefolgt von Australien, USA. Den Schwanz an Vertrauen hat man in Italien, Belgien, Großbritannien, Spanien, Frankreich, Türkei, Brasilien. In Norwegen antworten rund 65 Prozent der Befragten, sie trauten ihren Mitmenschen, in Deutschland rund 40 Prozent, also etwas weniger als die Hälfte, in Frankreich sind es nur 22 Prozent, also jeder Fünfte, gefolgt in der Statistik von der Türkei mit 6,5 und Brasilien mit rund 3 Prozent. 

Da ich hier vor Unternehmern spreche, habe ich den Werteverlust im Bereich der Wirtschaft besonders unterstrichen.

Aber der Mensch lebt ja nicht nur im Unternehmen. Doch auch außerhalb scheint vielen nicht alles in Ordnung, im Gegenteil, fast alles kaputt. Eine Untersuchung hat erbracht, dass drei Viertel aller unserer Landsleute meinen, dass in Deutschland viele auf Kosten anderer zu leben versuchen. Der Focus sprach von einer Ego-Gesellschaft und der Egoismus sei ein wichtiges gesellschaftliches Problem. Viele Menschen lebten nur für Macht und Geld. Fast 50 Prozent der Deutschen denken angeblich, man habe nur Nachteile wenn man anderen helfe. Der Soziologe Helmut Klages spricht von einer Egoistengesellschaft, die sich selbst verachtet.

Gründlicher möchte ich nun auf eine Studie der bekannten Meinungsforscherin Professor Noelle-Neumann, Gründerin und langjährige Leiterin des Meinungsforschungsinstituts Allensbach eingehen. Denn hinter dem moralischen Absacken in der Wirtschaft steht ja ein allgemeiner Wertewandel in den Menschen. Sie schreibt: In allen so genannten westlichen Ländern ist in den letzten 30 Jahren ein tief greifender Wertewandel zu bemerken, besonders stark aber ist er in Westdeutschland. Zwischen 1967 und 1972 sank in Deutschland die Hochschätzung so genannter bürgerlicher Tugenden – also Höflichkeit, Gutes Benehmen, Sauberkeit und Sparsamkeit– von 80 auf rund 50 Prozent Zustimmung. Man habe das Wertewandlungsschub genannt. Dieser Schub habe sich in allen sozialen Schichten ereignet und immer besonders stark bei den unter 30-jährigen. Bereich Arbeit: Die Hochschätzung von gewissenhafter Arbeit sank von 1967 bis 1972 von rund 70 auf rund 50 Prozent Zustimmung. Bereich Sexualität: 1967 fanden es nur ein Viertel der jungen Frauen in Ordnung mit einem Mann zusammenzuleben ohne verheiratet zu sein, fünf Jahr später waren es dreimal so viel, rund 75 Prozent.  Noelle-Neumann nennt dies eine stille Revolution. Sie spricht davon, dass Wertvorstellungen die seit rund 250 Jahren gepflegt wurden, sich über Nacht geändert hatten. Dieser Wertewandel war in Deutschland stärker als in allen anderen westlichen Ländern. Es entstand eine früher nicht gekannte Generationenkluft. Dass Eltern und Kinder sich unterscheiden, ist normal, aber dass sie sich so grundlegend unterschieden, war noch nie beobachtet worden. Anthropologen wissen, dass in der Regel Kinder sich in Wertfragen an den Eltern ausrichten. Wörtlich sagt sie: Dieser Prozess war in Westdeutschland offensichtlich gestört. Das zeigt ein Vergleich mit den USA: 1981 sagten 23 Prozent der unter 30-jährigen Deutschen sie stimmten nicht mit den Eltern überein in Vorstellungen zu Religion, Politik, Moral, Sexualität. In den USA stimmten nur 10 Prozent nicht überein. In Deutschland stieg sogar im Lauf der nächsten Jahre diese Zahl der Nichtübereinstimmenden.

Frau Professor Noelle-Neumann vertritt die Ansicht, dass hinter diesem starken Bruch zwischen Eltern in Kindern in Westdeutschland die Lehren von Professor Theodor Adorno standen. Er lehrte, die Weitergabe von Wertvorstellungen von Eltern an Kinder müsse in Deutschland unterbrochen werden. Nur so könne eine Wiederholung der Nazigreuel verhindert werden. Denn hinter ihnen stehe die autoritäre Erziehung im deutschen Elternhaus, die Kindern das Rückgrat breche. So entstand die 68-er Generation.

1975 habe man sogar schon gedacht, der Wertwandel sei beendet. Kohl siegte mit dem Slogan „Freiheit statt Sozialismus“. Frau Noelle-Neumann meint jedoch, der Wertewandel war nicht zu Ende. In den ganzen 80-er und noch in den ersten 90-er Jahren sagten 30 Prozent der unter 30-jährigen: in keinem Punkt stimme ich mit meinen Eltern überein. Es kam die deutsche Einheit. Die ersten Umfragen in deutschen Osten zeigten: die Jugend dort stimmte in Fragen Arbeit, Kindererziehung, Familie noch so sehr mit den Eltern überein wie die westdeutsche noch in den 50-er Jahren. Es gab keine Generationenkluft. Doch das änderte sich rapide: Es zog die hedonistische Lebenseinstellung ein, die sagt: ich möchte mein Leben vor allem genießen. In Ostdeutschland stieg in den Jahren zwischen 1990 und 96 der Anteil derer, die das Leben vor allem genießen wollten von 21 auf 48 Prozent.

Dann kam um 1995 die Trendwende: Es gewannen wieder die Werte Höflichkeit, Sparsamkeit, Fleiß und Ordnung in der Gesellschaft.

Bis etwa 1995 meinten die unter 30-jährigen, am liebsten seien ihnen die Stunden, in denen sie nicht arbeiten, ab 1995 waren ihnen Arbeitszeit gleich lieb oder sogar lieber als Freizeit. Und noch etwas erfreuliches: Zwischen 1997 und 1998 näherte sich die Grundeinstellung der Jugend in größtem Maße dem Denker ihrer Eltern an. Die Abweichung fiel von 31 auf 18 Prozent. Die Abweichung in Deutschland ist zwar immer noch wesentlich größer als in vergleichbaren Ländern, aber sie ist wesentlich gesunken. Kurz: Jüngere haben jetzt wesentlich ähnlichere Werte wie ihre Eltern. Heute denken junge Eltern über Erziehung zu Arbeit und Ordnung fast genauso wie ihre Eltern vor 30 Jahren. Das war in der Zwischenzeit völlig anders.

Aber es geht der heutigen Jugend nicht nur um Arbeit, es geht ihr gleichzeitig um Lebensgenuss. So die Umfrageergebnisse. Man will etwas leisten und gleichzeitig das Leben genießen. Der Sinn des Lebens sei es, glücklich zu sein und Freunde zu haben. Man kann also nicht sagen, dass die heute Jungen schlechthin zu den Wertvorstellungen ihrer Eltern oder Großeltern zurückgekehrt sind. Ein Wertewandel hat tatsächlich stattgefunden, aber die Jugend lehnt Leistung nicht mehr so kategorisch ab wie vor 30 Jahren.

Außer der Allensbacher Professorin Noelle-Neumann möchte ich noch Professor Gerd Hepp zitieren. Er basiert zunächst auf der 13. Shell-Jugendstudie. Sie sagt: Jugend schätzt Familie als Ort verlässlicher Partnerschaft, sie hat Lern- und Leistungsbereitschaft. Vor allem aber – so Hepp – schätzt Jugend Glaubwürdigkeit, Toleranz, Respekt vor dem Anderen, Menschlichkeit und Solidarität. Der bekannte Soziologe Gerhard Schmidtchen spricht sogar von einer moralischen Generation, die es ernst meint mit der Suche nach dem Lebenssinn und persönlicher Identität. Schmidtchen beeindruck die Moralsehnsucht junger Menschen, die Lauterkeit des Strebens nach persönlicher Ehrlichkeit, der durchgehende Wunsch, in der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit den Sinn des Lebens zu finden.

Mitunter wird beklagt, dass Jugend sich zu wenig für Politik und das Gemeinwesen interessiert. Diese Klage wird relativiert, wenn man auch weiß, dass ein Drittel der Deutschen sich irgendwo ehrenamtlich engagiert, bei den unter 24-jährigen sind es sogar 37 Prozent. So der Freiwilligensurvey von 1999. Von 1985 bis 1994 hätten das Ehrenamtliche Engagement in Bayern und Sachsen sogar um 5 Prozent zugenommen.

Also: keine schwarz-weiß Malerei.

Unsere Frage lautet aber nicht nur: welche Werte galten mal, welche Werte haben sich wie geändert, was läuft alles schlecht, was läuft erträglich? Das alles ist nur die Voraussetzung zur Antwort:

Alte Werte neu entdecken und so Deutschland wieder Fuß fassen lassen.

Was sind nun aber die alten Werte, gibt es für sie eine Grundordnung, gibt es für sie sozusagen eine Weltanschauung, ein Koordinatensystem. Und welche Koordinaten soll man zugrunde legen, wenn man nicht nur beliebig Moralforderungen aufstellen will. Die Koordinaten sollten ja möglichst viele Menschen überzeugen, wenn man eine ganze Gesellschaft prägen will. Soll man gleichsam die Landkarte der Wertordnung von Eltern und Großeltern wieder herzustellen. Ich denke, das ist kein guter Ansatz. Soll man die Landkarte der Französischen Revolution hernehmen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Alle sollen sich frei entfalten, gleich behandelt werden und sich geschwisterlich verhalten. Zu wenig.

Warum nicht die zehn Gebote hernehmen? Nach Hans Küng enthalten sie ja Grundregeln, die auch in den anderen Religionen gelten. Zudem weiß der Historiker, dass sie eine der Säulen der europäischen Kultur bilden. Griechische Philosophie, römisches Recht und der Dekalog, die zehn Gebote. Auf diesen drei Säulen ist das Europa entstanden, das eine Weltkultur sonder gleichen hervorgebracht hat und um das uns Afrika, Asien und Amerika beneiden – wenn wir nicht gerade dabei sind, diese abendländische Kultur zu verspielen.

Also alte Werte – nach den zehn Geboten der Juden und Christen – neu entdecken:

Beginnen wir mit dem ersten Gebot, das nicht Gott, sondern die Menschen betrifft: Das vierte Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren.

Was heißt das: Du sollst eine Grundordnung in deinem Leben anerkennen. Wenn du dich als Individuum wahrnimmst – mit 14, 15, 16 Jahren – dann nimm wahr, dass sich deine Eltern um dein Leben, dein Überleben, dein Lernen, dein körperliches und seelisches Wachstum bemüht haben längst bevor du gemerkt hast, dass es dich als Individuum überhaupt gibt. Auch wenn es dir manchmal schwer fällt, respektiere deine Eltern: ohne sie bist du nichts. Auch wenn du es jetzt noch nicht merkst, du wirst eines Tages wahrnehmen, dass du ohne deine Eltern überhaupt nichts wärest. Von ihnen hast du gelernt, dass Menschen für einander da sein müssen, sich um einander sorgen müssen, einander tragen und ertragen müssen. Wenn du überhaupt ein jemand geworden bist, dann verdankst du das zu 90 Prozent deinen Eltern. Im Umkehrschluss merken wir natürlich hier: wenn Eltern versagen, zerstören sie einen Menschen, denn ohne Elternliebe und –sorge wird keiner zum wirklichen Menschen. Und über den Eltern stehen als zu respektierende Autorität gewählte Vertreter der Gesellschaft vom Bürgermeister bis zum Staatsoberhaupt. Auch sie haben Anspruch auf einen normalen Respekt, ob sie nun ihre Sache gut machen oder nicht. Denn wenn sie nicht ordentlich arbeiten und nicht respektiert werden, dann wird der Staat zur Räuberbande – wie Augustinus sagt. Träger öffentlicher Verantwortung haben Anspruch auf Respekt vor ihrem Amt.

Fünftes Gebot: Du sollst nicht töten

Du sollst jedes menschliche Leben respektieren. Es ist ein so erstaunliches, wunderbares Geschen, das es unseren Respekt verdient. Keiner von uns kann ja Leben schaffen. Wir nehmen es entgegen. Auch wenn die Chemie noch so weit ist, ist vermag es nicht, den Übergang vom Nicht-lebendigen zum Lebendigen zu schaffen. Vor allem würde sie nur kopieren, was sie vorfindet. Leben ist ein Wunder. Daher: Nicht töten. Du hast kein Recht, dem anderen das Leben zu nehmen. Du sollst Leben bewundern, bewahren, hüten, schützen, pflegen. Daher: Du sollst das ungeborene Kind hüten und pflegen. An den meisten Abtreibungen sind nicht die Mütter schuld, sondern die Väter, Eltern, Geschwister, Freunde und Feinde. Wer sagt: mach das Kind doch weg, stiftet an zur Tötung. Gleiches gilt für den Schutz von Behinderten, Kranken, Alten, Sterbenden. Leben ist kostbar, ist heilig, ist göttlich. Eigentlich sollten wir, die wir den Schutz der Umwelt entdeckt haben, auch den Lebensschutze entdeckt haben. Denn Leben ist der kostbarste innere Kern der Umwelt.

Sechstes Gebot: Du sollst nicht ehebrechen – Und zehntes Gebot: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib.

Worum geht es: es geht um den Schutz des Schönsten, was Gott dem Menschen gegeben hat: die Möglichkeit durch den Leib die Liebe der Seele auszudrücken. Eros führt den Menschen an die Grenze des Göttlichen, so Papst Benedikt in „Deus caritas est“. Im Bereich der Erotik erfährt der Mensch einen Überstieg – letztlich zum Göttlichen. So hoch diese menschliche Möglichkeit ist, so groß auch die Gefahr des Abstiegs. Eros ist der Anfang, er soll den Menschen hinführen zu Agape, zur Liebe des Anderen um des Anderen willen. Die sexuelle Anziehung ist der Ausgang. Wenn der Mensch beim Anfang stehen bleibt, dann bleibt er pubertär, dann bleibt er unreif, kindisch. Du sollst die Ehe nicht brechen, sagt auch: Geschlechtsverkehr ist wunderbar, aber gehört in das Treueversprechen. Ohne Treueversprechen ist Geschlechtsverkehr ein Versprechen, das nicht gehalten werden soll, ein falsches Versprechen. Freilich kann man zur Entschuldigung derer, die sich nicht daran halten, sagen: sie wissen nicht immer, was sie tun. Aber je ehrlicher sie sind, desto mehr werden sie wissen, dass die große Liebe Selbsthingabe sein will und nicht nur Vergnügen und Lust. Lust ist gut, wenn sie ihren tiefen Sinn sucht und findet, aber wenn sie pure Lust bleibt, ist sie des Menschen nicht würdig. All dies sagt das sechste Gebot. Es will dem Menschen das Leben nicht vergällen, sondern den Menschen zu seiner ganzen Größe, zu seiner göttlichen Größe empor führen.

Siebtes Gebot: Du sollst nicht stehlen - Und neuntes Gebot: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.

Hier sind wir an dem Gebot angekommen, das am direktesten die Unternehmer – auch die jungen Unternehmer – betrifft. Es geht ums Eigentum, um Güter, Waren, auch Dienstleistungen. Man kann stehlen, also wegnehmen, was einem anderen gehört. Man kann aber auch vorenthalten, also jemanden das nicht geben, was man ihm geben müsste, z.B. Zahlungen. Man kann auch zu viel verlangen, man kann die Not des Anderen ausnützen, man kann seine Schwäche ausnützen und die eigene geistige oder wirtschaftliche Überlegenheit zum Schaden des Anderen ungerecht einsetzen. Man kann auch die Gemeinschaft schädigen, Steuern hinterziehen, den Staat betrügen, die anderen, die Ärmeren schädigen. Man kann lügen und betrügen und dadurch stehlen. Man kann den Reichtum, der einem durch Klugheit zugewachsen ist, unredlich verwenden, nämlich nicht mehr zum Nutzen der Gemeinschaft. Denn letztlich sind ja alle Dinge dieser Erde von Gott geschaffen, damit sie allen dienen. Der Bettelarme darf im Notfall sogar stehlen, um nicht zu verhungern – vor allem, wenn er ohne eigene Schuld so arm geworden ist.

Achtes Gebot: Du sollst nicht lügen. Genau genommen: du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten.

Es geht um die Wahrheit. Man muss ich nur einmal vorstellen, wenn man sich ganz  allgemein auf kein Wort eines anderen mehr verlassen könnte. Ich frage jemanden nach der Zeit, und er gibt ein Fantasieantwort, ich frage jemanden nach dem Weg und er schickt mich in die falsche Richtung, ich frage meine Eltern, ob sie meine Eltern sind und ich weiß nicht ob ihre Antwort stimmt, ich frage jemanden, ob er mich mag und ich weiß von vorne herein nie, ob ich mit seiner Antwort rechnen kann, denn es ist nicht üblich sich das zu sagen, was man denkt. Wenn es einfach üblich wäre, mal die richtige, mal die falsche Antwort zu geben, dann wäre kein Zusammenleben möglich. Zusammenleben basiert darauf, dass sich Menschen auf das Wort des Anderen verlassen können. Man kann einwenden, durch die eine oder andere Lüge bricht die Gesellschaft noch nicht zusammen. Das hat die Geschichte gezeigt. Ja – aber wenn genau an heiklen Stellen die Frage nach der Wahrheit nicht sicher ist, dann kommt die menschliche Gesellschaft ins Rutschen. Zusammenleben braucht den Willen zur Wahrheit. Wo der Wille zur Wahrheit fehlt, bricht Vertrauen zusammen – und wie wir gesehen haben – verträgt auch die Wirtschaft nur ein gewisses Maß an Lüge. Je ehrlicher – umso erfolgreicher – sagen Wirtschaftler.

Und zu den ersten drei Geboten, die sich nicht auf Menschen, sondern auf Gott beziehen

Erstes Gebot: Ich bin der Herr Dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Du sollst dir auch kein geschnitztes Bild von Gott machen.

Was heißt dies? Es bedeutet: Wir sollen und dürfen Gott als unseren Herrn anerkennen. Wenn wir Gott nicht anerkennen, uns ihm nicht unterordnen, ist alles erlaubt. Ohne Gott – ist alles erlaubt. So Dostojewki.

Es ist gleichzeitig aber auch die Ablehnung jeder Huldigung von materiellen Gütern und von geistigen Werten, die nicht Gott selbst sind. Solche Huldigung kann gelten dem Geld, dem Ansehen, der Macht, der Ehre. Man kann gleichsam anbeten die Wissenschaft und die Technik, den Sport und die Freizeit, die Literatur und Kunst. Man kann auf dem Bauch liegen vor weiblicher Schönheit und männlicher Kraft, vor wirtschaftlichem Erfolg und wissenschaftlichem Ruhm. All dies kann und soll man respektieren, aber es immer in Beziehung setzen zum Schöpfer aller Dinge. Ohne ihn wäre nichts. Wenn es ohne Gott geschieht, ist es ein Tanz ums goldene Kalb. Gott ist eifersüchtig, er duldet keine anderen Götter neben sich. Und wenn der Mensch andere Götter anbetet, wird er deren Sklave. Gott selbst allein befreit, erhebt, die Götter versklaven, machen abhängig, machen unfrei.

Zweites Gebot: Du sollst den Namen Gottes heiligen – nicht unnütz nennen.

Es ist eine Folge des ersten Gebotes. Der Name Gottes wird meines Erachtens heute oft unnütz genannt. Man sagt leichthin „um Gottes Willen“ oder ähnlich. Und oft ist der Zusammenhang so, dass man merkt, der Sprecher lehnt Gott sogar ab, beugt sich nicht vor ihm, spielt mit Gottes Namen. Früher im Altertum haben Menschen wohl in anderer Form und abergläubisch den Namen Gottes im Mund geführt. Sie wollten ihn beschwören, nahmen ihn aber nicht ernst. Heute ist Gott bei manchem zu einem Gebrauchs- oder Wegwerfartikel geworden. Das wird verurteilt. Ich sage manchmal: wenn wir täten, was wir im Vater-unser beten: „Dein Name werde geheiligt“, dann wäre die Welt in Ordnung. Wenn sein Name geheiligt wird, dann ist die Welt in Ordnung.

Drittes Gebot: Du sollst den Sabbat heiligen

Das Verhältnis zu Gott ist nicht nur ein privates Verhältnis von mir zu ihm, sondern auch ein gesellschaftliches Verhältnis von vielen Glaubenden zu ihm und untereinander. Daher gibt es auch einen gesellschaftlich, äußerlich begangenen Feiertag, für die Juden den Sabbat, für die Christen den Sonntag. Wir Deutsche kämpfen vorbildlich für die Erhaltung des Sonntag. In diesem Punkt sind wir manchen anderen Ländern wesentlich voraus. Also: Gottesbeziehung ist keine Privatsache. Wenn möglich soll sie auch eine gesellschaftliche Sache sein, daher Sonntag. Christ ist man nicht alleine.

Nun, ich habe vieles in Erinnerung gerufen, was Sie schon wussten. Bleibt eigentlich nur die Frage: was kann und muss man tun, damit Deutschland durch die Rückkehr zu diesen grundlegenden Werten wieder Fuß fasst. Das Kennen der alten Werte genügt ja nicht. Wie werden sie in die Praxis der Familien, der Kommunen, der Betriebe, der Gesellschaft zurückgeführt?

Hier nun Andeutungen:

Natürlich durch das richtige, wertbewußte Leben der Einzelnen. Jeder von uns kann zweifeln, ob sein Leben die Gesellschaft bewegen kann: Ich zitiere hier nur das alte portugiesische Wort: die Hand, die die Wiege bewegt, bewegt auch die Welt. Auch die Hand, die die Maschine bewegt, bewegt die Welt, wenn die Hand vom Geist bewegt wird und nicht selbst zur Maschine wird. Ignatius von Loyola sagt: keiner von uns weiß, was Gott aus ihm machen würde, wenn er sich ihm ganz überließe. Keiner von uns weiß, wie sehr sein eigenes Leben das Leben anderer bewegt, prägt, verwandelt. Also trauen wir uns, überlassen wir den Effekt dem Lieben Gott.

Zweitens: natürlich soll jeder, der kann, auch Politik machen, das bedeutet, einen kleinen Teil der Öffentlichkeit zu prägen. Es muss und kann nicht Bundestag sein, muss nicht Landtag sein, muss nicht Gemeinderat sein, kann gesellschaftliche Tätigkeit in und durch den Betrieb sein.

Drittens: Wir brauchen Zivilcourage. Heute sind wir stolz auf Rupert Mayer, Alfred Delp, Dietrich Bonhoeffer, Kardinal Galen, Edith Stein und viele andere. Sie hatten Zivilcourage und haben dadurch ihr Leben verloren und unsere Welt geprägt. Ohne Zivilcourage und auch den Mut, eine Schlappe einzustecken, kann man nicht christlich in der Öffentlichkeit leben.

Viertens und letztens: Christentum ist zunächst keine Morallehre, keine Sittenlehre, wie man leben soll. Christentum ist zunächst die Mitteilung an den Menschen: Gott liebt dich, lass dich lieben. Daher werden wir unsere Welt nur dann wieder zu alten, guten und neuen Werten hinführen können, wenn wir uns wirklich richtig von Gottes Liebe treffen lassen. Sündigen gehört fast fest zum Menschsein. Aber der Glaube, dass Gott zu mir ja sagt, obwohl ich ein Sünder bin, der hebt die Welt aus den Angeln. Also zuerst sich in Gottes Liebe zu mir versenken, damit rechnen, dass er auf mich persönlich wartet, dass er unendlich lange schon auf mich wartet, das rettet die Welt. Aus diesem Glauben werde ich dann im rechten Augenblick das Richtige tun. Gott hilft mir und uns. Das ist unsere Hoffnung.





Religions- und Glaubensfreiheit


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Religions- und Glaubensfreiheit
Anmerkungen aus der Sicht
eines vatikanischen Medienmannes
P. Eberhard v. Gemmingen SJ
Königstein, 6. Mai 2006

Da ich kein Fachmann für Menschenrechte bin und auch kein Spezialist für katholische Glaubenslehre, möchte ich Sie bitten, nur das von mir zu erwarten, worum ich gebeten wurde: die Sicht aus dem Vatikan auf die Fragen Glaubens- und Gewissensfreiheit im Kontext der Begegnung zwischen Christen und Muslimen und auf dem Hintergrund der Zusammenstöße zwischen Anhängern der beiden Religionen nach dem Karikaturenstreit darzulegen.

Nun bin ich auch nicht    d e r   Vatikan, sondern halt jemand, der am Vatikan Radio-Arbeit macht, daher kann ich auch nur vortragen, was ich als solcher beobachte. Wer weiß, welche klugen Leute es im Vatikan noch gibt, die sich in Recht und Politik besser auskennen als ich!  Alle anderen Vatikanpersönlichkeiten kann ich nicht in Haftung nehmen für meine Ansichten. Manche werden mich vielleicht sogar korrigieren.

Und noch eine Vorbemerkung: Da ich im Rahmen der Gesellschaft für Menschenrechte spreche, gehe ich auch davon aus, dass die allermeisten meiner Hörerinnen und Hörer, sich in Fragen der Menschenrechte, ihrer Begründung, ihrer Geschichte, ihrer Realisierung besser auskennen als ich. Daher bitte ich meine Ausführungen eben nur als die eines Beobachters im Vatikan zu nehmen. Manches was ich sage, wird eher grundsätzlicher Art sein, da ich mich hier eher auskenne.

Hier einige Kapitelüberschriften

Karikaturenstreit und Religionsbeleidigung – aus meiner Sicht.

Die Änderung der kirchlichen Sicht auf Menschenrechte und Religionsfreiheit.

Die unterschiedlichen Kulturen in Ost und West, Nord und Süd.

Schlussbemerkungen

Karikaturenstreit und Religionsbeleidigung

Ich beginne mit Popetown, schließe komme ich aus popetown, dem Vatikan. Wie sehe ich es im Vatikan? Ich kann nur meine persönliche Meinung dazu sagen, dabei fließt aber wohl ein, was ich von Papst Benedikt gelesen und wie ich ihn verstanden habe. Er hat schon vor mehr als 25 Jahren – noch in München – gesagt: nur wenn Scheiben eingeworfen werden, wird der Staat einschreiten gegen Religionsbeleidigung. Das ist ein Manko, dass nur bei Störung des öffentlichen Friedens die öffentliche Gewalt einschreitet. Ich erinnere mich, aber kann keine genaueren Details mehr nennen.

Ich persönlich meine:

Die Pressefreiheit soll nicht in Frage gestellt werden. Sie ist ein hohes Gut. Aber wer Freiheit hat, hat auch Verantwortung. Man kann die Freiheit unverantwortlich gebrauchen oder verantwortlich. Also man muss gegen möglichen Missbrauch der Verantwortung einschreiten, nicht gegen die Freiheit als solche. Es gibt ja auch die freiwillige Selbstkontrolle. Sie müsste sich vielleicht gerade im Interesse der Pressefreiheit mehr aktivieren.

Wichtiger aber scheint mir zweitens, dass wir unabhängig vom Recht, vor allem vom Respekt reden. Respekt hat mit Bildung zu tun. Der Ungebildete ist respektlos, weil er gar nicht weiß, was er tut, und nicht bedenkt, was sein Tun auslöst. Unser ganzes Zusammenleben basiert auf gegenseitigem Respekt. Wir respektieren die Rechte des Mitbürgers, die Rechte der Frau, die Rechte des Behinderten, die Rechte des Kindes und des Greises. Wenn wir das nicht täten, viele unsere Kultur in sich zusammen. Vor dem Recht kommt der Respekt. Respektlosigkeit heißt Mangel an Bildung, heißt blanker Kapitalismus. Beispiele für Respekt, die auf der Hand liegen: Wir würden es verabscheuen, den Dalai Lama durch den Kakao zu ziehen oder buddhistische Mönche und Nonnen. Wir würden es als primitiv ansehen, wenn wir hier im Westen fromme Hindus bei ihren Kulten lächerlich machen, oder Shiks oder Animisten. Erst recht würde hier ein Aufschrei durch die Welt gehen, wenn wir fromme Juden beim Gebet vor der Klagemauer auf die Schippe nähmen. Komischerweise dürfen religiöse Autoritäten der Christen durch den Kakao gezogen werden und man verteidigt es: Recht auf Unterhaltung, Recht auf Meinungsfreiheit. Haben wir das Recht, Buddhisten, Muslime, Hindus, Juden durch den Kakao zu ziehen, wenn sie ihren Kult verrichten. Wer würde sagen, dass wir das Recht haben? Es geht  nicht um Recht und Unrecht, es geht um Anstand, Respekt, Kultur.

Wer Religion verhöhnt, ist kulturlos. Das muss gesagt werden. Wir alle müssten uns aufregen, dass wir offenbar gewisse Kulturnormen vergessen haben und uns verfangen haben in Fragen des Rechts. Vorsicht vor Rechtsanwälten. Bevor es eines Anwalts bedarf, brauchen wir Kultur. In Thomas Morus Utopia gibt es eine gute Verfassung und keine Anwälte.

Ich komme zu den Mohammed-Karikaturen.

Als die Welt sich aufregte über die Mohammed-Karikaturen, fand ich – bei allem Respekt vor der Berliner Koalitionsregierung – das, was ich da aus Berlin hörte, unbefriedigend. Ich erinnere mich vor allem daran, dass gesagt wurde: bei uns gilt Pressefreiheit. Und implizit wurde damit gesagt: die Mohammed-karikaturen sind rechtens, man kann nichts gegen sie sagen.

Vielleicht wurde noch viel differenzierter reagiert. Bei mir in Rom kam fast ausschließlich die Message an: Solche Karikaturen muss man ertragen, denn es gilt Pressefreiheit.

Ich finde die Antwort ungenügend. Warum: Weil gerade wo Pressefreiheit herrscht, auch Verantwortung gefragt ist. Wer Freiheit hat, hat gerade deswegen Verantwortung. Und ich finde es verantwortungslos, die Welt der Muslime durch die Karikaturen zu reizen. Warum: erstens weil die Welt ohnehin schon genügend Spannungen hat, die leider mit Gewalt ausgetragen werden, zweitens weil der – ich sage mal -  reifere Westen dem noch nicht so ausgereiften muslimischen Osten mit Respekt begegnen sollte. Ich halte die Karikaturen für ein Zeichen mangelnder Weisheit. Pressefreiheit braucht eben auch Weisheit. Wer seine Freiheit voll ausspielt, erinnert mich an einen Pubertierenden, dem es Freude macht, andere Menschen zu reizen, auszuprobieren, wie weit er gehen kann, bevor er eine Ohrfeige bekommt. Ich halte es für pubertär oder einfach naiv, in der ohnehin so angespannten Weltlage die Islam-Welt so zu reizen. Wenn jemand sagt: die Muslime müssen lernen, mit solchen Dingen umzugehen. Dann antworte ich: Es gibt andere Felder, auf denen sie lernen müssen. Und man lernt nicht durch einen provozierenden Lehrer, sondern nur durch einen pädagogisch liebevollen und weisen Lehrer.

Man könnte sich nun denken, dass z. B. auch ein religiöser Vollzug von Christen die Muslime reizt, denken wir an eine Fronleichnamsprozession in Saudi Arabien. Man kann also die Frage stellen: müssen die Christen nicht manchmal reizen, wenn sie ihren Glauben nicht verleugnen wollen, muss man von Muslimen diese Toleranz gegenüber Christen und Juden verlangen, damit sie lernen, in einer pluralistischen Welt zu leben?

Ich würde antworten: wenn der religiöse Vollzug aus dem Glauben heraus wirklich notwendig ist, dann kommt man um eine Provokation nicht herum. Dann muss auch trotz möglicher Todesgefahr provoziert werden. Jesus hat seine Gegner provoziert, die Apostel haben in der Apostelgeschichte provoziert, die Martyrer haben provoziert. Aber nur durch das Bekenntnis ihres Glaubens, nicht dadurch dass sie den Glauben anderer lächerlich gemacht haben.

Und die Schlussfolgerung lautet ganz einfach: Pressefreiheit ist keine Religion. Wenn sie zur Religion wird, dann ist es Aberglauben und Abgötterei. Dann wird ein Scheingott zu einem Gott stilisiert.

Gehen wir noch einen Schritt weiter: Wenn jemand meint, aus religiösen Gründen die religiösen Überzeugungen anderer bekämpfen zu müssen, dann muss er oder sie bereit sein, für diesen seinen religiösen Glauben auch zu sterben. Religiöser Glaube bedeutet ja, dass es sich um einen absoluten Wert handelt, dass kein anderer Wert vorgezogen werden darf. Angewandt auf den Islam: wenn ein Muslim meint, aus religiösen Gründen die Christen oder Juden bekämpfen zu müssen, weil sie nicht Mohammed oder Allah anerkennen, dann muss er bereit sein, für diesen seinen Glauben sein Leben zu wagen. Eben weil es sein Glaube an einen absoluten Wert ist, der nicht relativiert werden darf.

Aber hier kommen wir schon an einen entscheidenden Punkt, denn hier erhebt sich die Frage, was unter Religion verstanden wird. Wenn man unter Religion eine Glaubensüberzeugung versteht, zu der der einzelne Mensch nach reiflicher Überlegung gekommen ist, zu der ihn sein Gewissen zieht oder gar zwingt, dann wird Religion so verstanden, wie ihn die Katholiken oder wohl auch die Evangelischen heute verstehen. Das ist mit Religionsfreiheit gemeint: dass jemand aufgrund seiner innersten Überzeugung sich zu einem Gott oder einer Offenbarung Gottes bekennt. Religion muss frei gewählt werden, muss aus der Freiheit des Menschen kommen. Wenn Religion nicht frei gewählt, sondern aufgezwungen wird, ist es nicht Religion, sondern eine Ideologie. Das ist das christliche Verständnis von Religion heute. Die Muslime, die Juden und viele Anhänger anderer Religionen haben aber wohl ein anderes Verständnis von Religion. Religion ist bei ihnen eher ein Zeichen der Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Gruppe.

Ein Grundproblem im Verhältnis von Christen und Muslimen kommt wohl von dem gegensätzlichen Verständnis von Religion: Religion aus freier Wahl oder Religion aus gesellschaftlicher Pflicht. Aber natürlich gehen hier die Meinungen unter Muslimen auch auseinander – ebenso wie die Ansichten der Christen nicht einheitlich sind.

Die Spannung zwischen dem Westen und der Welt des Islam kommt wohl auch von einem Gegensatz zwischen dem offiziellen Bekenntnis vieler muslimisch geprägter Staaten zu einer Art von UNO-Weltzivilisation einerseits und ihrer angestammten Kultur andererseits. Was meine ich damit: Fast alle Völker bekennen sich in ihrer Verfassung zu Religionsfreiheit, weil das die Voraussetzung ist, um im Kreis der UNO-Mitglieder angenommen zu werden. Wer UNO-Mitglied ist, muss die UNO-Menschenrechtscharta unterschrieben haben und anerkennen. Zu den Menschenrechten gehört das Recht auf Religionsfreiheit. Um auf dem edlen Parkett der Weltgrößen dazuzugehören, muss man nach außen hin die ethischen, rechtlichen Normen anerkennen. Diese aber sind oft im Widerspruch zu der eigenen traditionellen Kultur. Was man auf internationaler Ebene bekennt, gilt im eigenen Hause nicht. Das ist eine Binsenweisheit. Aber auch die Großen der UNO kümmern sich oft nicht um das, was sie vorher unterzeichnet haben. All das ist nicht sehr verwunderlich. Verwunderlich und ärgerlich ist nur, wenn nicht offen darüber gesprochen wird, sondern wenn man so tut, als hielte man sich an die Versprechen, Verträge, Unterzeichnungen.

Und noch etwas zu den Karikaturen und der MTV-Serie popetown.

Ich glaube, es geht unterhalb der Rechtsordnung um eine Frage des Lebens.

Wir sprechen in manchen Bereichen von politischer Correctness. In gewissen Fragen gibt es ein Übereinkommen, politically correct zu sein.

Gibt es nicht andere Bereiche, wo die Menschheit entweder schon Normen hat oder sich zulegen sollte. Thomas Gottschalk hat zu popetown gesagt: Hier gilt, was ihm sein Vater gesagt hat: das tut man einfach nicht – nämlich die Grundüberzeugungen Anderer zu beleidigen. Auf dieser Ebene möchte ich fortfahren: Die Menschenrechte setzen ja voraus, dass jeder Mensch mir ein gleichwertiges Gegenüber ist. Den Respekt, den ich für mich erwarte und erbitte, erwartet auch der oder die andere. Unterhalb der Ebene des einklagbaren Rechts gibt es die Ebene des Respekts, wie sich gleiche begegnen. Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem Anderen zu. Wenn wir eine Weltkultur wollen, müssen wir immer mehr dahin kommen, dass wir nicht unseren ganzen Spielraum ausreizen und möglichst ausdehnen, sondern dass wir unseren Spielraum mit den anderen Mitspielern ordnen. Wer Teilbereiche, nämlich z.B. die Pressefreiheit total ausreizt, schadet dem Zusammenleben. Damit hängen wir den Journalisten keinen Maulkorb um, sondern erinnern sie daran, dass auch sie und ihre Arbeit eingebettet sein müssen in ein Gewebe von weltweiten Beziehungen. Und wenn diese Beziehungen friedlich sein sollen, dann dürfen die Partialrechte eben nicht ausgereizt werden.

Nochmals unser gesamtes zivilisiertes Zusammenleben basiert auf Grundannahmen. Eine von ihnen ist: Respektiere den Spielraum deines Nachbarn, wie er deinen Spielraum respektieren muss. Und dies gilt noch vor dem Greifen von Rechtsordnungen. Wenn das Gemeinwesen und das Gemeinwohl ausschließlich auf Rechtsnormen und nicht auf zugrunde liegenden Wertordnungen beruht, dann ist es unnötig gefährdet. Recht ist nötig, aber es ist nicht das einzige Mittel, um Zusammenleben in Frieden zu garantieren.

Die Änderungen der kirchlichen Sicht auf Menschenrechte und Religionsfreiheit

Wenn ein Mann aus dem Vatikan über Gewissensfreiheit spricht, erwartet man zu Recht, dass er erst einmal erklärt, warum die katholische Kirche die Religions- und Gewissensfreiheit so lange nicht anerkannte oder gar bekämpft und unterdrückt hat. Man erwartet, dass er erst einmal an die eigene Kirchenbrust klopft und sich für die Kirche entschuldigt. Schließlich war der Vatikan, die katholische Kirche eine längsten Gegner der Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit. Als fast alle anderen Kulturträger Europas längst erkannt hatten, dass der christliche Glaube nur aus der freien Wahl der autonomen Persönlichkeit übernommen werden kann, hielten der Papst und die anderen Hirten der katholischen Kirche immer noch daran fest, dass es keine Religions- und Gewissensfreiheit geben kann, dass christliche Fürsten verpflichtet sind, der katholischen Kirche einen Vorzugsplatz einzuräumen, dass sie andere Kirchen und Religionen maximal tolerieren dürfen, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

Was stand theologisch gesprochen hinter dieser Überzeugung, für die sicher auch katholische Männer und Frauen ihr Leben gegeben haben. Ich antworte zunächst mit einfachen Worten: Dahinter stand die Überzeugung: Gott hat sich in definitiver Form in Jesus Christus offenbart. Der Mensch, der davon hört, weil ihm der Glaube verkündet wird, muss sich dem Anspruch Gottes unterwerfen. Wer sich nicht unterwirft, wird verdammt. Die Kirchenverantwortlichen sahen sich dazu berufen, den Anspruch Gottes vorzutragen und soweit als möglich durchzusetzen. Wenn Sie Gottes Anspruch nicht mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln durchsetzen, werden sie schuldig vor Gott.

Hinter der Ablehnung von Gewissens- und Religionsfreiheit stand aber natürlich auch, dass die sozialen Kräfte, die diese Freiheiten forderten, ausgesprochen kirchenfeindlich waren. Es waren ja nicht nur nachdenkliche Philosophen, die die Kirchen kritisierten, sondern es waren staatliche Kräfte, die ihre Macht ausweiten wollten. Um es konkret zu sagen: für die Päpste spielte in dieser Auseinandersetzung eine große Rolle, dass in Italien vor allem das Haus Savoyen die Macht übernehmen wollte und die Savoyer waren ganz wesentlich freimaurerisch inspiriert. Hinter dem italienischen Einheitsstreben und der Papstfeindschaft standen wenigstens indirekt und teilweise Frankreich und England. Deren Gegner saßen in Wien, es waren die Habsburger, die auch ihre Macht und ihren Einfluss nicht verlieren wollten. Wien brauchte Rom und Rom brauchte Wien. Also die Frage der Religions- und Gewissensfreiheit war auch ein europäisches Machtspiel. Nicht nur Theologie bewegte die Päpste, sondern auch eine Frage der politischen Macht. Aber auch für Kanzler Bismarck war Rom ein Störenfried, weil er glaubte, Katholiken könnten keine treuen, zuverlässigen und solidarischen Staatsbürger sein, ihr Herz schlage nicht beim König, sondern beim Papst. Daher Kirchenkampf.

Was aber stand hinter der Ablehnung Roms durch die neuen Nationalstaaten – vor allem Frankreich, Italien, Deutschland?

Dahinter stand das jahrhundertealte Bündnis zwischen Kirche und Thron. Ich glaube sagen zu können: Weil sich die Kirche vor allem in Frankreich - aber auch anderswo - Jahrhunderte lang auf die Macht von Fürsten und Königen gestützt hatte, musste sie jetzt die Strafe dafür bezahlen. Die Kirche war zu politisch geworden, stand den Nationalstaaten und den Demokratisierungwünschen im Wege und wurde daher bekämpft. Die Kirche musste viel lernen, musste für frühere Fehler büßen. Und gottlob: die Kirche hat unter Schmerzen gelernt.

Was war der Irrtum in der damaligen Ansicht: Die Kirchenverantwortlichen und wohl auch ihre Theologen übersahen, dass Jesus immer von seinen Hörern die freie Zustimmung zu seiner Botschaft erwartet hatte. Er hat niemand gezwungen, er hat auch keine staatliche Macht eingesetzt oder zu Hilfe gerufen, um seinen Anspruch durchzusetzen. Es ging ihm und es ging Paulus und den anderen Aposteln um die freie Zustimmung zu Jesu Botschaft. Die Freiheit war die Grundlage für die Übernahme der Bergpredigt.

Es kam dann im Lauf der Jahrhunderte noch die Unterscheidung zwischen dem Recht der Wahrheit und dem Nicht-Recht des Irrtums. Der Irrtum hat kein Recht, nur die Wahrheit hat ein Recht. Erst später kam die Theologie zur Unterscheidung zwischen dem Irrtum und dem Irrenden. Der Irrtum hat kein Recht, wohl aber hat der Irrende ein Recht auf Suche nach der Wahrheit.

Lassen Sie mich noch ein wenig in den entsprechenden Dokumenten blättern.

Da Sie in mir einen Vatikanman erbeten haben, möchte ich noch ein wenig gründlicher in die Quellen schauen, die die Einstellung der katholischen Kirche zu Glaubens und Gewissensfreiheit deutlich machen.

Gehen wir zuerst zur Erklärung über die Religionsfreiheit des 2. Vatikanischen Konzils.

Das Konzil erklärte: „Das Vatikanische Konzil erklärt, dass die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von Seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so dass in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen - innerhalb der gebührenden Grenzen - nach seinem Gewissen zu handeln. Ferner erklärt das Konzil, das Recht auf religiöse Freiheit sei in Wahrheit auf die Würde der menschlichen Person selbst gegründet, so wie sie durch das geoffenbarte Wort Gottes und durch die Vernunft selbst erkannt wird2. Dieses Recht der menschlichen Person auf religiöse Freiheit muss in der rechtlichen Ordnung der Gesellschaft so anerkannt werden, dass es zum bürgerlichen Recht wird. Weil die Menschen Personen sind, d. h. mit Vernunft und freiem Willen begabt und damit auch zu persönlicher Verantwortung erhoben, werden alle - ihrer Würde gemäß - von ihrem eigenen Wesen gedrängt und zugleich durch eine moralische Pflicht gehalten, die Wahrheit zu suchen, vor allem jene Wahrheit, welche die Religion betrifft. Sie sind auch dazu verpflichtet, an der erkannten Wahrheit festzuhalten und ihr ganzes Leben nach den Forderungen der Wahrheit zu ordnen. Der Mensch vermag aber dieser Verpflichtung auf die seinem eigenen Wesen entsprechende Weise nicht nachzukommen, wenn er nicht im Genuss der inneren, psychologischen Freiheit und zugleich der Freiheit von äußerem Zwang steht. Demnach ist das Recht auf religiöse Freiheit nicht in einer subjektiven Verfassung der Person, sondern in ihrem Wesen selbst begründet. So bleibt das Recht auf religiöse Freiheit auch denjenigen erhalten, die ihrer Pflicht, die Wahrheit zu suchen und daran festzuhalten, nicht nachkommen, und ihre Ausübung darf nicht gehemmt werden, wenn nur die gerechte öffentliche Ordnung gewahrt bleibt“ (Kapitel 1, Abs. 2)

Ich fasse zusammen: Niemand darf in irgendeiner Weise zu einer religiösen Glauben gezwungen werden. Das ist in seiner Menschenwürde begründet. Diese Freiheit muss zu einem bürgerlichen Recht werden. Später heißt es: dies Recht kommt ihnen nicht nur als Einzelpersonen, sondern auch als Gruppe zu. Wer aber das Recht auf religiöse Freiheit hat, hat eine entsprechende Verantwortung: Die Rechte der anderen müssen beachtet werden, ebenso wie die eigenen Pflichten. Die bürgerliche Gesellschaft hat das Recht, sich gegen Missbräuche zu schützen, die unter dem Vorwand der Religionsfreiheit vorkommen können.

Später heißt es in der Erklärung „Dignitatis humanae“

„Es ist ein Hauptbestandteil der katholischen Lehre…, dass der Mensch freiwillig durch seinen Glauben Gott antworten soll, dass dementsprechend niemand gegen seinen Willen zur Annahme des Glaubens gezwungen werden darf. Denn der Glaubensakt ist seiner Natur nach ein freier Akt, da der Mensch von seinem Erlöser Christus losgekauft, und zur Annahme an Sohnes Statt durch Jesus Christus berufen, dem sich offenbarenden Gott nicht anhangen könnte, wenn er nicht – indem der Vater ihn zieht – Gott einen vernunftgemäßen und freien Glaubensgehorsam leisten würde. Es entspricht also völlig der Wesensart des Glaubens, dass in religiösen Dingen jede Art von Zwang von Seiten der Menschen ausgeschlossen ist.“ (Kapitel 1, Abs. 10)

Ich wollte eigens zuerst das zitieren, was heute gilt. Denn auf diese Weise wird deutlicher, welche Wandlung die katholische Kirche in der offiziellen Lehre gemacht. Im Jahr 1864 hatte Papst Pius XI in der Enzyklika Quanta cura“ Gewissens- und Religionsfrheit verurteilt. Verurteilt hat er die Sätze – so wörtlich „Gewissens- und Religionsfreiheit sei das eigene Recht eines jeden Menschen. Das Gesetz in jeder wohlgeordneten Gesellschaft müsse dieses Recht proklamieren und sicherstellen. Für die Bürger bestehe ein Recht auf eine allgemeine Freiheit, die weder durch die kirchliche, noch durch die staatliche Autorität eingeschränkt werden darf, und die ihnen erlaubt, ihre Ansichten und Empfindungen durch das gesprochene Wort, durch Druckschriften, oder auf andere Weise offen bekannt zu geben und zu erklären. (((Während sie dies leichtfertig behaupten, bedenken und erwägen sie nicht, dass sie die Freiheit des Verderbens verkünden. Es wäre ihnen freigestellt, alles mit den Mitteln menschlicher Überzeugung zu erörtern, da es an solchen Menschen niemals fehlen würde, die es wagen, der Wahrheit zu widerstehen und auf die Geschwätzigkeit der menschlichen Weisheit zu vertrauen. Der christliche Glaube und die christliche Weisheit vermögen es, aus der Lehre unseres Herrn Jesus Christus selbst zu erkennen, wie sehr diese höchst lügenhafte Eitelkeit gemieden werden muss.
Wo die Religion aus der bürgerlichen Gesellschaft verbannt sowie die Lehre und Autorität der göttlichen Offenbarung verworfen wurde, wird sogar der wahre Begriff der Gerechtigkeit und des menschlichen Rechts verdunkelt und geht verloren. Materielle Gewalt tritt an die Stelle der Gerechtigkeit und des gesetzmäßigen Rechts. Daher ist es verständlich, weshalb einige Menschen, indem sie die sichersten Grundsätze der gesunden Vernunft missachten und an die letzte Stelle setzen, miteinander auszurufen wagen: Der Wille des Volkes, kundgegeben durch die so genannte „öffentliche Meinung“ oder auf irgendeine andere Weise, begründe das oberste Gesetz, unabhängig von jedem göttlichen und menschlichen Recht. In der politischen Ordnung haben vollendete Tatsachen bereits durch ihre Vollendung die Bedeutung einer Rechtskraft. Wer versteht und empfindet nicht ganz deutlich, dass die menschliche Gesellschaft, gelöst von der Bindung an die Religion und des wahren Rechts, keine andere Ausrichtung mehr haben kann, als sich den Erwerb und die Anhäufung von Reichtümern zum Ziel zu setzen? Sie folgen in ihren Handlungen keinem anderen Gesetz mehr, als der ungezähmten Begierde des Herzens, den eigenen Gelüsten und dem persönlichen Vorteil zu dienen.“

Soweit Zitat aus der Enzyklika „Quanta cura“ von Papst Pius XI.

Im Gegensatz dazu noch ein Satz aus der Erklärung des 2. Vatikanums:

„Die Wahrheit erhebt nicht Anspruch als kraft der Wahrheit selbst, die sanft und zugleich stark den Geist durchdringt.“

Kein Wunder, dass der Übergang von der strikten Ablehnung von Religions- und Gewissensfreiheit zur Anerkennung dieser Freiheit und der Verpflichtung jedes Menschen, die Wahrheit zu suchen und an ihr festzuhalten – kein Wunder also, dass dieser Wechsel von manchen Menschen heute als Bruch angesehen wird und dass diese Menschen die Rückkehr zur Kirche vor dem Konzil verlangen.

Es sind die Anhänger des Erzbischofs Levebfre. Die Erklärung über die Religionsfreiheit ist ihnen Stein des Anstoßes.

Und nun fragt sich natürlich heute, ob der Islam eines Tages die gleiche Wende wie die katholische Kirche machen kann. Die Frage ist, ob der Islam ebenso wie das Christentum eine Art Aufklärung durchmachen kann, ob die Vernunft zugelassen wird, wie sie vond er katholischen Kirche unter Schmerzen zugelassen wurde. Ich erinnere daran, dass eine Enzyklika von Papst Johannes Paul II. heißt: Fides et ratio. Glaube und Vernunft. Der Papst ruft darin gleichsam in die heutige Welt: glaubt bitte wieder an die Vernunft, verlasst Euch nicht nur auf die Naturwissenschaft, sondern vertraut und glaubt an die Fähigkeit, Eure eigene Vernunft einzusetzen.

Und also Frage: Was zählt im Islam die menschliche Vernunft? Läßt sich der Islam durch eine Aufklärung in die heutige Gesellschaft einfügen, lassen sich gemäßigte Muslime auf Vernunft, auf eine nicht aggressive Auslegung des Koran an, können sie sogar so etwa wie Religionsfreiheit dulden?

Viele Beobachter werden sagen: nein, der Islam kann die freie Entscheidung seiner Anhänger nicht dulden. Jedenfalls nicht der Koran. Die Anhänger anderer Religionen müssen bekehrt und bekämpft werden. Und doch ist damit die Frage noch nicht abgeschlossen.

Ich möchte hier noch mal von einer persönlichen Radio-Vatikan-Erfahrung ausgehen: beim Kongress von Kirche in Not – der Organisation des verstorbenen Speckpaters Werenfried van Straaten – habe ich sehr gegensätzliche Positionen von Personen gehört, die an sich große Fachkenntnisse haben. Der immer noch sehr temperamentvolle und hoch engagierte Otto von Habsburg vertrat vehement die Ansicht: Christen und Muslime müssen auf politischer Ebene zusammenarbeiten – und zwar genau, weil sie beide von einem Gott ausgehen, der über dem Menschen und über der Politik steht. Diejenigen, die einen Gott anerkennen, stehen denen gegenüber, die Gott ablehnen. Auch auf meine Rückfrage hin, ob im Islam nicht doch eine Grundaggression stecke, vertrat er vehement die Ansicht: Nein, Christen und Muslimen können und sollten zusammenarbeiten.

Es gab aber auch andere Islam-Kenner, die hier wesentlich zurückhaltender sind. Ihr Argument: Im Kern des Islam steckt nicht nur Missionsgeist, sondern Aggression. Mohammed sei aggressiv gewesen, der Islam sei insgesamt aggressiv. Hier gelte nicht die Freiheit des Einzelnen, der Religion zuzustimmen, sondern hier gelte letztlich das Schwert.

Und dennoch gibt es vielleicht noch ein Drittes: dass nämlich die führenden Leute bei den Muslimen im Lauf der nächsten Jahre oder eher Jahrzehnte eine Art Aufklärung mitmachen, etwas von ihrer Koraninterpretation abrücken und auf Dialog umschwenken – ähnlich wie es die katholische Kirche gemacht hat. Das ist natürlich mehr eine Hoffnung als eine Analyse. Es ist eben die Frage, welche Koraninterpretation sich durchsetzt, die gemäßigte oder die fanatische. Und die Christen tun gut daran, die Gemäßigten ernst zu nehmen, sie zu fördern, mit ihnen den Dialog zu pflegen und sie nicht in einen Topf zu werfen mit Fanatikern.

Kürzlich fand ich im Spiegel ein Interview mit dem ägyptischen Literatur-Nobelpreisträger Nagib Mahfus. Er vertritt höchst energisch die Meinungsfreiheit und meint, dass die Kriege und Konflikte nicht in den Religionen – im Islam und dem Christentum – begründet sind, sondern andere Gründe haben. Wörtlich sagte er in dem Interview: Wann immer es zu Auseinandersetzungen kommt, stellt sich bei genauerem Hinsehen heraus, dass die in Islam und Christentum verankerten Werte in keiner Weise Konflikte schüren. Im Gegenteil: beide Religionen rufen zu einem friedlichen Miteinander auf. Auf den Einwand, dass im Libanon, in Afganistan und im Irak wurde von islamistischen Fanatikern zum Mord aufgerufen sagte Mahfus: Religiöse Extremisten haben sich bislang nirgendwo auf der Welt als Hüter menschlicher Grundwerte profiliert. Religiöse Werte wurden manipuliert, um Unrecht zu rechtfertigen. Religionen sind nicht deckungsgleich, aber in den essentiellen Wertvorstellungen vermag ich keine gravierenden Differenzen oder gar Gegensätzlichkeiten zwischen Islam und Christentum zu erkennen.

Mahfus sagt: die von der UNO anerkannten und garantierten Menschenrechte mit den Werten des Islam und des Christentum voll vereinbar. Er meint, etliche muslimische Prediger und Politiker verwechseln Säkularismus mit Atheismus oder Religionsfeindlichkeit. Sie täten dies aus purer Unkenntnis, weil sie sich mit dem Thema nicht hinreichend befasst haben. Es gebe aber auch eine Minderheit, die meint, dass ein säkularer Staat ausdrücklich immer den Kampf führt gegen Religion. Der Dialog wäre der Schlüssel für alle Probleme. Politisch ist einfach Demokratie nötig. Je mehr die Fenster geöffnet würden, umso mehr setze sich der Wille des Volkes durch.

Auf die Frage, ob in einem mehrheitlich islamischen Land Demokratie überhaupt möglich ist, sagt Mahfus: selbstverständlich.

Warum aber sehen viele Muslime in der Demokratie aber einen Einfall des Westens. Eine solche Invasion des Westens gebe es nicht. Ein Kulturkreis übernehme von einem anderen immer das, was er für gut hält. Das sei schon immer so gewesen. Mahfus vertritt die Überzeugung, dass die muslimischen Länder sehr bald die Demokratie übernehmen werden, das zeigen die sauberen Wahlen bei den Palästinensern. Mahfus gehört also zu den Optimisten, die dem Islam zutrauen, auch in die moderne demokratische und pluralistische Welt zu gehören.

Aber es gibt nicht nur Christentum und Islam. Es gibt überhaupt tiefgreifende kulturelle Unterschiede. Menschen und Völker sind in tieferen Schichten nicht so gleich wie dies UNO-Versammlungen vortäuschen. Wer Menschenrechte und Religionsfreiheit weltweit verwurzeln will, sollte die Grundgegebenheiten der Weltkulturen nicht übersehen. Man muss mit ihnen rechnen. Dazu möchte ich Ihnen meine persönlichen Erfahrungen in Radio Vatikan erzählen.

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Vor rund einem Jahr habe ich eine Radio-Akademie gemacht mit dem Titel „Die christlichen Wurzeln Europas“. Um unseren Hörern klar zu machen, was damit eigentlich gemeint ist, habe ich Interviews geführt mit Fachleuten anderer Kulturen. Ich sprach mit einem Fachmann für di alte chinesische Kultur und ihre Eigenheiten, die sie gerade abheben und unterscheiden von Europa. Ich sprach zweitens mit einem Spezialisten für Japan. Ich wollte wissen, wodurch die japanische Kultur sich von der europäischen unterscheidet. Ich sprach mit einem Indienkenner. Auch er sollte mir erklären, was die spezifischen Unterschiede sind zwischen dem, was man die Kultur Indiens bezeichnen kann und Europa. Schließlich sprach ich mit einem Kenner der arabischen Welt und ihrer Kultur. Ich wollte genau wissen, was in anderen Kultur- oder Zivilisationsbereichen typisch anders ist als in Europa. Und es ging mir um Bereiche, die im Allgemeinen von Europa als Länder hoher und höchster Kultur angesehen werden, wo Wissenschaft und Kunst in Blüte standen, angesehen sind, Zonen, die von Europäern aufmerksam bereist werden.

Was mich besonders bewegte, war die Auskunft, dass eigentlich in allen vier Kulturen die Einzelpersönlichkeit nur im Rahmen der Familie, des Stammes, des Clans gesehen und verstanden wird. Das Verständnis der Einzelpersönlichkeit, wie es für Europa selbstverständlich ist, sei – so sagte man mir – in den genannten Kulturen völlig anders. Es gibt nicht die Einzelpersönlichkeit, sondern nur die Familie, die Sippe, die Generationen und Traditionen.

Nun aber haben diese großen und wichtigen Länder die internationalen Menschenrechte übernommen und unterzeichnet. Sie gelten rechtlich, aber sie sind nicht in der eigenen Kultur verankert. Sie kommen aus der Ferne, aus der Fremde. Natürlich haben die Intellektuellen der jeweiligen Länder die Menschenrechte auch erkannt, verstanden und angenommen, aber das Gemeinwesen ist zunächst und spontan nicht von ihnen her geprägt. Etwas vereinfacht könnte man wohl sagen: Die genannten Kulturen betonen zunächst und vorwiegend die Pflichten des Einzelnen und die Ordnungen der Gesellschaft. Der westliche Welt betont vorwiegend nicht die Pflichten, sondern die Rechte. Nicht die Rechte der Gesellschaft, des Gemeinwesens, sondern des Einzelnen, des Individuums.

Ich komme zum Schluss – und spreche aus der hier gewünschten vatikanischen Sicht. Es geht meines Erachtens heute vor allem um Ehrlichkeit.

Wenn wir im Radio immer wieder von Menschenrechtsverletzungen in dem oder jenem Staat sprechen, und wir dabei genau dieses Wort „Menschenrechtsverletzung“ gebrauchen, dann kommt mir die Frage, ob wir nicht viel mehr differenzieren müssten. Es ist ja doch ein riesiger Unterschied, ob jemand etwa in Ägypten seine Meinung nicht in der Zeitung aussprechen darf oder ob er in der Türkei einen Tag lang gefoltert wird oder ob er in Guantanamo mehrere Jahre lang unmenschlich behandelt wird. Es ist ein riesiger Unterschied, ob in Darfur eine Frau aus politischen Gründen vergewaltigt wird und ihr Leben dadurch ein für alle Mal verdorben ist, oder ob sie in einem anderen Land gegen ihren Willen einen Schleier tragen muss oder ob sie ein bestimmtes politisches Amt aus gesellschaftlichen Gründen nicht annehmen darf. Alles sind Menschenrechtsverletzungen. Aber doch sehr unterschiedliche. Daher sollten wir – so meine ich – die entsprechende Verletzung auch deutlicher beim Namen nennen. Das Wort „Menschenrechtsverletzung“ kann die Sache - gegen unsere Intention - verharmlosen.

Eine weitere Gefahr ist – aus meiner Sicht als Journalist – dass wir leider immer noch viel zu sehr national denken, auch wir Deutsche, aber andere Völker wohl noch viel mehr. Zwei entführte deutsche Ingenieure im Irak sind viel in den Schlagzeilen, aber viele nichtdeutsche Todesopfer werden übergangen. Natürlich gibt es das journalistische Gesetz, dass das Nahe wichtiger und interessanter ist als das Ferne, aber wenn wir uns zu sklavisch daran halten, dann tun wir vielen Menschen Unrecht. Manchmal ist es auch nicht die Zugehörigkeit zu einem Volk, sondern zu einer Religion. Tote Buddhisten bewegen uns vielleicht mehr als tote Muslime.

Dadurch dass fast alle Länder die internationale Charta für Menschenrechte unterzeichnet haben, ist zwar etwas gewonnen, aber noch nicht viel erreicht. Die Theorie der Menschenrechte basiert auf der abendländischen Kultur. Sie speist sich meines Erachtens ganz wesentlich aus drei Quellen: der griechischen Demokratie, dem römischen Rechtswesen und dem christlichen Denken. Die Demokratie bei den Griechen war eine Einrichtung der besseren Gesellschaft, das Rechtswesen der Römer war eine gute Pragmatik, das christliche Denken brauchte Jahrhunderte lang, um sich niederzuschlagen. Es ging durch die Feuertaufe der Aufklärung. Ohne Aufklärung, ohne französische Revolution wären wir nicht dort angelangt, wo wir heute sind. Die Kriege führten zu Völkerbund und UNO. Um zur Völkerfamilie zu gehören, sind fast alle Staaten beigetreten und anerkennen Religions-, Gewissens- und Meinungsfreiheit, weil sie die Menschenrechtscharta unterzeichnet haben.

Aber nicht nur politische Interessen verhindern die tatsächliche Respektierung der zugesagten Rechte, auch die kulturellen Wurzeln vieler Staaten behindern wenigstens in gewisser Weise und für große Bevölkerungskreise die Realisierung der Menschenrechte und die Wahrnehmung der zugesagten Freiheiten. Ich halte es für falsch wenig nützlich, bei der Einhaltung der Menschenrechte alles oder nichts zu verlangen. Um den Menschen effektiv zu helfen, muss man wohl vor manchem die Augen schließen, um anderes zu urgieren. 

Wenn man sagt: Z.B. China hat eine andere Kultur, daher gelten dort die Menschenrechte nicht. Das ist zu krass und kann nicht gehen. Aber man kann realistisch einfach nicht davon ausgehen, dass Staaten wie China, Indien, Vietnam, Korea die Menschenrechte so respektieren wie westliche Staaten. Viele Staaten werden immer wieder entschuldigende Erklärung vorbringen. Es wäre gut, die entsprechende Staaten zu fragen, wie sie nach ihrer kulturellen Tradition mit der Wahrung entsprechender Rechte umgehen. Man sollte sie nicht eins zu eins vergleichen mit westlichen Staaten, weil der Dialog dann nur scheitern kann. Man sollte versuchen, an ihre kulturellen Werte anzuknüpfen.

Johannes Paul II. ist zu einem starken Vertreter der Menschenrechte geworden. Papst Benedikt geht auf seine Spuren. Aber ich vermute, Benedikt wird sich sagen: den Menschenrechten ist durch die Kirche am besten gedient, wenn die Katholiken, wenn die Christen in aller Welt glaubensstark sind. Nicht der Papst muss Politik machen – so vermute ich, wird er sagen – sondern die Kirche muss so lebendig sein, dass man an den Grundüberzeugungen der Christen nicht vorbeikommt. Der Papst muss seinen Teil dazu beitragen, dass die Getauften vom Evangelium her leben. Wenn viele Getaufte dies tun, dann müssen sich die Politiker mit ihnen auseinandersetzen, dann kann man sie nicht übergehen. Ich meine, so wie ich Papst Ratzinger kenne, wird er sagen: wenn die Kirche innerlich gefestigt und stark ist, dann macht sie Geschichte, Weltgeschichte – wie Christen zur Zeit der römischen Christenverfolgung. Damals haben sich die Kaiser mit ihnen arrangieren müssen, weil sie sahen, dass diese Christen nicht umkippen. Und solche inneren Reformbewegungen gab es immer wieder in der Kirche. Sie haben europäische Kulturgeschichte gemacht. Ich denke an Benedikt, an Cluny, an die Zisterzienser, an die Franziskaner, die Dominikaner, die Jesuiten, an Vinzenz von Paul und dann die ersten Bemühungen um Bildung der Frau, vor allem durch Mary Ward.  Benedikt wird sich sagen: mein Anliegen ist, dass die Kirche innerlich so gesund ist, dass sie von diesem Innen her wieder Kultur und Zivilisationsgeschichte macht. Dazu müssen es nicht viele sein, aber wenige, die vom wirklichen Innen geprägt sind. Die dann auch einen Beitrag leisten für die Erhaltung der Werte Europas und so für den Gang der Weltgeschichte.





Wir sind Papst - Gibt dies Hoffnung?


Vortrag "Wir sind Papst" herunterladen

Wir sind Papst – gibt dies Hoffnung?
Vortrag in Mannheim, 23. 11. 2006
Überschrift der Kurpfälzer Sozialtage
„Den Menschen Hoffnung geben“
P. Eberhard v. Gemmingen SJ

Einteilung:

1. Einführung: Man schaut nach Rom, Begeisterung über Benedikt

2. Warum fehlt es an Hoffnung?

3. Kann Benedikt Hoffnung geben?

4. Woher kommt Hoffnung?

5. Was müssen wir tun?

 

1. Man schaut nach Rom, Begeisterung über Benedikt

Erinnern wir uns: Wochen- wenn nicht monatelang verfolgte die Welt mehr oder weniger aufmerksam die Krankheit von Papst Johannes Paul II, sein Schwächerwerden, seine Krankenhausaufenthalte, seine letzte Weigerung, sich ins Krankenhaus verlegen zu lassen, um im Vatikan zu sterben. Erinnern wir uns an die Bilder, wo er an seinem Arbeitsfenster erschien, zu sprechen versuchte, zu winken versuchte, dies nicht mehr gelang, wo zwei weiße Tauben von ihm losgeschickt werden sollten, und die Tauben zu ihm zurückkehrten. Dank des Fernsehens konnten Interessierte in aller Welt teilnehmen, mit ihm mitleiden und mitleben.

Dann ging es durch die Medien rund um den Globus. Er ist gestorben. Es war Samstagabend 2. April, Samstag nach Ostern. Tausende von Menschen strömen auf den Petersplatz, vor allem viele junge Menschen wollen ihre innere Anteilnahme auch nach außen zeigen, daher stellen sie Kerzen und Blumen auf, stellen Bildchen vom geliebten Papst auf, bleiben auf dem Petersplatz die ganze Nacht über, knien oder sitzen dort allein oder mit Freunden im Gebet, legen sich zum Schlafen nieder, rollen sich in einen Schlafsack oder eine Decke. Die Welt sieht zu, wie Tausende betend, weinend von einem alten Mann Abschied nehmen, den sie offenbar schon seit Jahren in ihr Herz geschlossen haben. Man müsste dieses Bild lange festhalten, denn es ist ja nicht selbstverständlich. Hier hat kein Schumi einen Sieg davon getragen, hier hat keine Nationalmannschaft gesiegt, hier ist kein Kanzler oder Präsident vorbeigekommen, sondern ein alter Mann Gottes gestorben, der offenbar vielen Menschen, gerade auch vielen Jungen viel gegeben hat. Offenbar haben viele junge Menschen Sehnsucht und Liebe zu einem solchen Menschen. Man wird an Mutter Teresa erinnert. Inder mögen an den Tod von Mahatma Gandhi erinnert worden sein. Es war ein wenig ein Schauspiel für Engel und für Menschen. Ganz anders als viele andere Medienereignisse. Vielleicht Signal und Symbol für die Etappe eines Umdenkprozesses in manchen Teilen der Menschheit.

Aber zwei Tage danach war nicht alles vorbei. Der Leichnam von Papst Johannes Paul wurde zunächst in der Sala Clementina im Vatikan aufgebahrt, Kirchenleute und Vatikanangesellte konnte ihm dort die letzte Ehre erweisen. Ich selbst habe es nicht geschafft, denn ich arbeitete noch an einem Büchlein mit dem Titel „Was passiert, wenn ein Papst stirbt“, das dann aber nicht erschien, denn Er war mir zu früh gestorben. Nach zwei Tagen wurde der Leichnam des Verstorbenen dann in St. Peter aufgebahrt. Und nun begann erst der Strom von Menschen. Es waren zehntausende, die sich dann auf den Weg machten, um ihm Lebewohl zu sagen. Und sie mussten einiges auf sich nehmen: Es war sehr kalt, sie brauchten zehn und mehr Stunden, bis die Schlange sie in den Petersdom brachte, bis sie einen Moment an seinem Sarg stehen konnten. Oft hatten sie ja kaum etwas zu essen und zu trinken mitgebracht. Sie nahmen wirklich viele Strapazen auf sich, um vom Papst Abschied zu nehmen. Für mich persönlich ist dies ein viel größeres Phänomen als die Zehn- oder Hunderttausende, die zu einer Papstmesse nach München oder Regensburg kamen. Die Menschheit besteht also nicht nur aus Entertainment, aus Jugend, aus Rausch, sie besteht auch aus Liebe, Zuneigung, Ehrfurcht und Achtung.

So ging es einige Tage lang.

Und dann kam die feierliche Totenmesse auf dem Petersplatz. Erinnern Sie sich an den Holzsarg, auf dem die Bibel lag. Erinnern Sie sich, wie der Wind die Seiten umblätterte. Ein schönes Bild. Und erinnern Sie sich an die Predigt vom damaligen Kardinal Ratzinger. Er war Dekan des Kardinalskollegiums, und als solcher hatte er den Vorsitz bei der Messe und die Predigt. Darin sagte er: der geliebte Vorgänger Johannes Paul II. schaut jetzt vom Himmel her auf unser herunter. Vielleicht hat nicht gerade dieses Wort, aber doch diese Predigt viele Kardinäle davon überzeugt, dass sie Kardinal Ratzinger zu seinem Nachfolger wählen sollten.

Verzeihen Sie bitte, dass ich so lange beim Sterben und der Beisetzung von Papst Johannes Paul II. blieb. Denn Benedikt ist ja nicht vom Himmel gefallen. Seine Wahl, das Wort „Wir sind Papst“ ist ja nicht vom Himmel gefallen. Sie waren vorbereitet gleichsam durch ein öffentliches Sterben, eine riesige Anteilnahme von Millionen von Menschen, durch die Aufmerksamkeit der Medien in aller Welt.

Und dann kam eine Woche später am 19. April der Paukenschlag: Kardinal Ratzinger ist zum Papst gewählt worden. Wir sind in Deutschland Papst geworden – wie wenn wir Fußballweltmeister geworden wären.

Wie habe ich das erlebt: ich war live auf Sendung zusammen mit einer Kollegin. Überraschend früh, war an diesem Nachmittag der weiße Rauch aus dem Kamin gekommen, der Kardinal trat heraus: Habemus papam. Dann sagte er weiter: Dominum, Dominum sanctae Romanae ecclesia Kardinalem Josefum…. Ich war gespannt. Ich persönlich hatte ein wenig mit dem Kardinal von Portugal gerechnet, der auch Josef mit Vorname heißt. Und ich wusste ja, dass durch weite Teile der Kirche Deutschlands der Schrei gehen würde. Um Gottes Willen Ratzinger! Selbst meine Schwestern haben mir später erzählt, dass sie zu diesen engagierten Katholiken gehörten, die eher skeptisch waren gegenüber diesem Namen. Ich wusste aber auch – was viele nicht wussten – dass dieser Mann wahnsinnig gute Sachen gesagt und geschrieben hatte. Und dann kam also der Name Josefum Cardinalem Ratzinger. Ich übergehe viele weiter Schritte, denn es geht uns ja um die Frage, ob dieser Mann – dieser Papst – einen Beitrag zur Hoffnung der Menschen und vor allem der Christen leisten kann. Jedenfalls war die Reaktion auf die Wahl Ratzingers in vielen Teilen der Welt sehr erstaunlich.

Für mich persönlich war das Erstaunlichste, dass viele Kolleginnen und Kollegen in Radio Vatikan mich und meine Kolleginnen und Kollegen umarmten, als wären wir selbst Papst geworden. Selbst Techniker, die mich meist überhaupt nicht sehen und beachten, sind auf mich zugestürmt und haben mich umarmt. Ich wusste gar nicht, wie ich mir vorkam. Man wird also als Deutscher automatisch in einen Topf geworfen, wie wenn man selbst dieses Fußballspiel gewonnen oder Papst geworden wäre. So kann ich hier schon sagen: in Radio Vatikan schauen die Kolleginnen und Kollegen jetzt ein wenig mehr auf uns Deutsche als vorher. Vielleicht ist das ja jetzt auch in vielen anderen Bereichern so, dass Menschen wegen des deutschen Papstes jetzt mehr von Deutschland erwarten als sie vorher erwartet haben. Vielleicht kann man ja auch sagen: Die Wahl des Deutschen auf den Stuhl Petri ist auch ein Schlussstrich unter den Schuldspruch gegen Deutschland wegen der Nazi-Verbrechen.

2. Warum fehlt uns Hoffnung?

Bevor wir uns nun der Frage zuwenden, ob und warum uns die Wahl von Papst Benedikt Hoffnung vermitteln kann, möchte ich ein wenig die Frage reflektieren, ob und warum uns denn Hoffnung fehlt. Fehlt Deutschland, fehlt Europa, fehlt den Christen in Europa Hoffnung? Und warum?

Nun die Formulierung, die Sie für die Kurpfälzer Sozialtage gewählt haben „Den Menschen Hoffnung geben“ legt nahe, dass den Menschen Hoffnung fehlt, dass sie wenigstens ein wenig mehr davon haben könnten. Ja – wenn man so manche Statistiken liest, kann man wohl den Eindruck haben, dass vielen Menschen Hoffnung fehlt. Vor allem den Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen oder zu stehen meinen, die Arbeitslosen, die Chancenlosen, die Menschen, die keine Lebensperspektive haben, weil sie zu wenig ausgebildet sind, weil sie in keinem reichen oder begüterten Elternhaus auf die Welt gekommen sind. Vielleicht aber haben viele Menschen auch wenig Hoffnung, weil sie zu wenig Lebenssinn sehen und erfahren, weil sie keine Perspektive haben – trotz Beruf und Arbeit und Geld. Ist es richtig, dass der Mensch eine längere, weitere Perspektive haben muss, wenn er Hoffnung haben soll. Dass er einen tieferen Sinn in seinem Leben sehen muss, wenn sein Leben von Hoffnung geprägt sein soll? Braucht er gar Religion und Glauben an einen Gott, der ihm Lebenshoffnung gibt? Vielleicht. Noch möchte ich nicht näher darauf eingehen.

Vergleichen wir unsere allgemeine Lebenssituation mit einem gewissen Mangel an Hoffnung mit der Lebensfreude und Lebenslust vieler Menschen in ärmeren Ländern. Man muss sich dabei immer wieder wundern, wie arme Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika – trotz aller Armut – froh sind oder wenigstens scheinen. Sie scheinen voller Lebenslust, leben auch nicht nur für den täglichen Broterwerb, sondern feiern Feste, sind gastfreundlich, scheinen nicht an das Morgen zu denken.

Das sind zunächst nur Phänomene. Kann der Unterschied in Freude und heimlicher Hoffnungslosigkeit damit zusammenhängen, dass Menschen in reicheren Ländern nicht mehr Kinder sind, sondern Erwachsene und sich daher leichter Sorgen machen? Liegt es daran, dass wir nicht in den Tag hinein leben, sondern über den Tag hinaus schauen? Oder liegt es daran, dass wir den unmittelbaren Kontakt zum Leben verloren haben und vieles nur durch eine Brille sehen, während Menschen mit weniger Entwicklungsgeschichte hinter sich einfach ganz nahe zum Leben leben und sich daher des einfachen Lebendürfens freuen? Ich bin nicht berufen, darüber tiefschürfende Antworten zu geben. Eines aber möchte ich doch sagen: vielleicht liegt der Zweifel an der Zukunft und der korrespondierende Hoffnungsmangel am Fehlen von Kindern. Wer Kinder hat, wird gezwungen, Hoffnung in die Zukunft zu haben. Und Kinder sind gleichzeitig Zeichen dafür, dass jemand schon die Hoffnung mitbringt und aufgrund dieser Hoffnung Kindern Leben schenkt.

Kinderlosigkeit und Hoffnungslosigkeit hängen wahrscheinlich zusammen.

Und kann man allerdings nicht erwarten, dass Papst Benedikt nun plötzlich allen Paaren Kinder in die Wiege legt. Kann er auf andere Weise Hoffnung vermitteln?

3. Benedikt und die Hoffnung.

Auch hier müssen wir wieder zurückschauen. Der Mann, der jetzt Benedikt heißt, war gerade für viele Kirchenleute und Theologen ein „Buhmann“. Warum? War Ratzinger wirklich der Panzerkardinal? Ist er ein harter Fundamentalist? Ist er Scharfmacher? Ein intoleranter Theologenfresser?

Ich glaube, auf diese Fragen kann man so nicht antworten. Er ist sicher einer, der es mit dem katholischen Glauben ernst nimmt. Aber ich denke, Papst Johannes Paul II. hat den Glauben ebenso ernst genommen. Nehmen wir als Anschauungsbeispiel den Umgang mit der Befreiungstheologie in Lateinamerika. Ratzinger hatte die Verantwortung für zwei Vatikandokumente, die diese Theologie im Großen und Ganzen verurteilte. Papst Johannes Paul II. hatte vor Bischöfen aus Brasilien gesagt: die Theologie der Befreiung ist eine gute und nützliche Sache. So erzählte mir ein brasilianischer Kardinal. Wie kann man diese beiden Dinge zusammenbringen? Ich vermute: Der damalige Papst meinte den Grundansatz, Kardinal Ratzinger verurteilte nicht alles daran, aber einige zentrale Thesen, z.B. dass die menschliche Geschichte immer Klassenkampf, also materialistisch geprägt ist. M.E. wurde Ratzinger wenigstens teilweise ein Opfer der Medienlogik. Diese sagt. Schlechte Nachricht ist gute Nachricht. Also alles, was Aufsehen erregt, wird gemeldet, was kein Aufsehen erregt, wird nicht gemeldet, weil es auch kein Interesse dafür gibt. Und wenn man nun jahrelang immer nur Aufsehen Erregendes über eine Person berichtet, dann wird dieser Mensch zum Buhmann. Daran ist weder die Person schuld, noch der einzelne Journalist, sondern die Medienlogik. Beispiel: die meisten Medien melden Unfallstatistiken, weil die Menschen interessiert, wie viel auf Straßen passiert ist. Das ist gut so. Aber man könnte ja auch mal versuchen, die Logik zu ändern: Es ließe sich ausrechnen, wie viel Millionen ja Milliarden Menschen im Straßenverkehr richtig reagiert haben, sodass kein Unfall passiert ist. Man würde sich vielleicht wundern wie viele Millionen Menschen jeden Tag aufmerksam und gut und sogar sehr gut reagieren. Man könnte sich fragen, woher es kommt, dass der Mensch so aufmerksam ist, dass seine Augen, seine Nerven so wahnsinnig schnell reagieren, dass so selten was passiert. Man könnte nicht am Negativen hängen bleiben, sondern am Positiven. Ich kann das nicht vertiefen, aber wir Medienmacher, zu denen ich ja gehöre, sollten wirklich noch einmal gründlich über unsere Arbeit nachdenken, denn wir machen Meinungen, machen Stimmungen, machen herausragende Menschen kaputt oder groß.

Und was sage ich Ihnen, den Mediennutzern: ich sage Ihnen: seien Sie bitte kritisch gegenüber Ihrer Tageszeitung. Seien Sie bitte sehr kritisch. Seien Sie vielleicht sogar überkritisch. Vieles war in Ihrer Zeitung steht – vor allem wenn es aus fernen Ländern oder gar aus dem Vatikan kommt – ist nicht gerade falsch, aber ist oft einseitig. Z.B. sollte man eigentlich nie von progressiv oder konservativ sprechen. Diese Etiketten sind fast immer falsch. Ist die CDU oder die SPD heute konservativ oder progressiv? Sind Gewerkschaften oder Arbeitgeber progressiv oder konservativ. Vielleicht verschont man heute schon diese Einrichtungen vor diesen Etiketten, weil sie einfach nicht stimmen. Aber ich befürchte, dass man über einen Papst oder Bischof immer noch sagen kann, er sei progressiv oder konservativ. Das ist einfach dummes Zeug. Wenn ich Ihnen jetzt z.B. sage, dass Papst Benedikt im Vergleich zu seinem Vorgänger mit weniger Leuten spricht, wird dies wahrscheinlich als konservativ bezeichnet. Sein Vorgänger habe sich mit vielen und über vieles unterhalten und sei daher progressiv und modern gewesen. So ist dies einfach Unsinn. Johannes Paul war bei seiner Wahl 58, Benedikt 78. Mit vielen Leuten sprechen, kostet Kraft, bedeutet aber keineswegs, dass die Einstellung anders ist. Viele Reisen machen, das gilt vielleicht als progressiv, weniger reisen als konservativ. Unsinn. Sie können ruhig einen Journalisten ablehnen, wenn er von konservativ oder progressiv spricht. Das sind dumme Etiketten.

Zurück zu Benedikt: Es könnte ja sein, dass manche Positionen, die er heute vertritt, in zehn oder zwanzig Jahren von vielen gelobt werden, weil sich dann gezeigt haben wird, dass sie richtig waren. Verwechseln wir nicht unser Lebensgefühl mit der Wahrheit. Vertrauen wir manchmal, dass Kirchenleute auch weiter sehen können als wir.

Unsere Frage: Kann Benedikt Hoffnung geben?

Was Benedikt kann, ist, hervorragend das Evangelium auslegen. Das wirkliche Evangelium, das zwar radikal ist, aber keine Drohbotschaft ist, sondern eine Frohbotschaft. Wir sollten nur ein wenig in seinen Schriften lesen, dann würden wir sehen, wie er Hoffnung aus dem Evangelium vermitteln kann.

Ich möchte dazu nur an seine bisher einzige Enzyklika erinnern. Sie alle sollten sie lesen. Sie ist verständlich. Deus caritas est, heißt sie. Er geht dabei aus vom Eros, von der geschlechtlichen Anziehung von Mann und Frau. Er verurteilt Eros keineswegs, sondern sagt, der Mensch ist eingeladen, wenn er Mensch sein und bleiben will, durch den Eros über den Eros hinauszuwachsen. Er ist eingeladen, im Zuge der eigenen Menschwerdung hinzuwachsen auf Agape. Eros ist nichts vom Teufel, sondern von Gott. Aber wer bei der Erotik stehen bleibt, bleibt ein Kindskopf. Und dann zeigt er, dass Kirche als Kirche zum Liebesdienst berufen ist. Benedikt greift in seiner Antrittsenzyklika zwei Grundfragen der heutigen Menschheit auf: erstens wie steht es um Erotik und Liebe, und wie steht es mit dem Liebesdienst der Kirche.

4. Woher kommt Hoffnung?

Benedikt kann Hoffnung stärken, aber ich meine eher: Es zeigt tiefer liegende Gründe, die uns Menschen, uns Christen Hoffnung geben können. Es trifft sich – durch Gottes Fügung – dass Benedikt gerade dann gewählt wurde, als gewisse Parameter sich änderten. Wir nehmen – wenn manche Interpreten recht haben – teil an einer kleinen Zeiten- oder Einstellungswende. Das hängt damit zusammen, dass die Menschen, die die 68-Generation geprägt haben, langsam alt werden. Es hängt ferner damit zusammen, dass auch diejenigen, die die vorkonziliare Kirche erlebt und erlitten haben, alt oder älter werden. Es hängt damit zusammen, dass der alte Ost-Westkonflikt vorbei ist, aber wir einen clash of civilisations – einen Zusammenstoß zwischen dem so genannten Westen und der muslimisch geprägten Welt haben.

Ich kann leider nicht sehr ins Einzelne gehen, sondern muss ein bisschen schwarz-weiß malen.

Gescheite Menschen sprechen heute von der Wiederkehr der Religionen. Schöner sollte man vielleicht sprechen von der Wiederentdeckung der Religion. Religion wird wieder hoffähig, während sie eben durch die Aufklärung und ihre Folgen als überholt angesehen wurde. Nicht nur dass religiöse Phänomene bei einfachen oder auch weniger einfachen Menschen unausrottbar scheinen. Auch die Argumente und Waffen der scharfen Denker gegen Religion werden immer schwächer und stumpfer.

Ich möchte hier vor allem ein kleines Büchlein heranziehen, das ich Ihnen herzlich empfehle. Es stammt aus der Feder vom Chefredakteur von Cicero, Wolfram Weimer. Dieser Mann und seine Zeitschrift sind beachtenswert. Fragen Sie im Wust der Bahnhofsbuchhandlungen nach „Cicero“, die monatlich erscheint und schenken Sie jemandem ein Jahresabonnement, dann haben Sie mehr getan als einen Nackten zu bekleiden. 

Also Wolfram Weimer zitiert in dem Büchlein „Credo“ aus der Shellstudie des Jahres 2002. Demnach ist bei Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren Glauben ganz hoch im Kurs. Glauben – so heißt es - sei „in“ bei 61 Prozent der Jugendlichen. Was das bedeutet kann man nur ersehen aus anderen Bereichen, die auch „in“ bzw. weniger gefragt sind. Sich selbständig machen ist erfreulicherweise ebenso gefragt wie Glauben. Wesentlich weniger gefragt ist allerdings das Heiraten und sind die Aktien. Sie werden von 40 bzw. 39 Prozent als „in“ bezeichnet. Zum Vergleich: Bioläden werden von 32 Prozent als „in“ bezeichnet, Bürgerinitiativen von 26, sich in Politik einmischen und Drogen von 25 Prozent. Schön, dass Religion und Glauben so hoch im Kurs stehen, schade oder schlimm, dass Politik und Bürgeriniativen so schlecht abschneiden. Es wäre gut, wenn junge Leute nicht nur gen Himmel schauten, sondern auch gen Erde, gen Gemeinwesen.

Hier nur noch ein paar besonders interessante Aussagen von Wolfram Weimer. Ich zitiere:

„Gerade die Zunft der Naturwissenschaftler mit ihren Grenzerfahrungen in der Forschung diskutiert immer lauter die religiöse Dimension ihrer Erkenntnis…Nach manchen Konzeptionen ist Gott nicht als eine äußere Kraft anzusehen, die Wunder wirkt und über den Weltengang wacht, sondern er ist immer und überall präsent. Der pantheistische Zug der hoch entwickelten Naturwissenschaft ertscheintden Philosophen so, als käme die durch die Hintertür der Vernunft erledigte Religion durch die Vordertür der Naturwissenschaft wieder zurück…. Dieser Trend, dass ausgerechnet aus wissenschaftlicher Arbeit ein stark religiöser Erkenntnisimpuls erwächst, dürfte sich im 21. Jahrhundert verstärken.“ (Credo Seite 45) Also nicht nur die möglicherweise romantische Sehnsucht von jungen Leuten nach Glauben, Religion, Festhalten am Unsichtbaren oder gar Mystik, sondern auch Religionsentdeckung durch Naturwissenschaftler. Da ich persönlich eher zu den 68-ern gehöre, muss ich sagen: Wir haben uns was vorgemacht oder herbeigewünscht.

Und ein Detail dazu: wer glaubt an die Existenz Gottes? In Deutschland sind dies wesentlich weniger als in den USA und anderen Ländern. Aber dieser Glaube ist auch in Deutschland gewachsen. Nach der Europäischen Wertestudie von 2003 glaubten an einen persönlichen Gott 1990 in Westdeutschland 25,1 Prozent der Bevölkerung, also genau ein Viertel, im Jahr 1999 waren es 38,3 Prozent also fast 40 Prozent.

In Ostdeutschland sieht es leider schlechter aus, aber auch dort bewegt sich etwas;

1990 waren es dort 14 Prozent, 1999 waren es 19 Prozent.

Und noch eine Zahl. Nach einer Gallup-Untersuchung glauben 14 bis 19-jährige zu fast 80 Prozent an Gott (nicht ausdrücklich an einen persönlichen Gott), 40 bis 49-jährige nur zu 58 Prozent. Also die Jugend glaubt mehr an Gott als Ältere. Und der Glaube an ein Leben nach dem Tod. Da sieht es in den verschiedenen Ländern Europas sehr unterschiedlich aus: In Polen glauben an ein Leben nach dem Tod 97 Prozent, in Deutschland immerhin 67 Prozent, also etwa zwei Drittel, in Tschechien sind es nur 37 Prozent, in den Niederlanden etwas mehr 51 Prozent.

Nach allem, was die Sozialwissenschaftler sagen, ist Religion wieder im Kommen. Nicht nur beim einfachen Volk, sondern vielleicht gerade und erst recht bei Naturwissenschaftlern. Wer religiös ist, ist modern und braucht sich nicht zu schämen. Freilich führt diese Religiosität nicht direkt in die Kirchen, im Gegenteil: wenn Sekten wach sind, fangen sie diese Sehnsucht und die Menschen auf. Kirchen müssen gut sein, dann kommen die Menschen. Aber gerade auch in kirchlichen Schulen schlägt sich die Trendwende nieder: Wolfram Weimer schreibt: In Deutschland erfreuen sich die Privat- und Klosterschulen regen Zulaufs, die klassischen Internate und Gymnasien, die den Kernbestand unserer Kultur wieder zum Zentrum ihrer Bildungsmühen machen und nicht deren Negation.

Wir fragen nach Benedikt. Er schwimmt auf einer Welle, die er nicht gemacht, die er aber verstärken kann. Und wenn wir mithelfen, können wir Mitverstärker sein.

Wie zeigt sich in Rom der Interesse an ihm und der Religion? Jeden Mittwoch gibt es Generalaudienz, an der alle teilnehmen können, die wollen. Im Schnitt kommen jede Woche so etwa 30.000 Menschen. Viele Junge, viele aus deutschsprachigen Landen. Ich interpretiere dies nicht nur durch die Liebe und Hochachtung für Benedikt, sondern auch durch die Neugierde vieler, die um Ostern letzten Jahres viel auf den Petersplatz geschaut haben und nun auch mal dorthin wollen.

Wir fragen also: Woher kommt Hoffnung?

Je nachdem, woher wir kommen, lautet die Antwort ein wenig verschieden:

Manche Menschen mögen Hoffnung haben, weil sie sehen, dass Religion zu ihrer großen Freude wieder kommt. Das gibt Hoffnung auch für Kinder und Enkel. Andere begründen ihre Hoffnung nicht nur auf dieses soziale Phänomen. Sie freuen sich darüber. Aber letztlich kommt die Hoffnung aus dem Glauben daran, dass Gott die Welt in der Hand hält, dass gerade auch dunkle, geistlose und gottlose Zeiten nicht von ihm vergessen und verlassen sind. Hoffnung kommt aus dem Glauben, dass Gott bei uns ist – gerade auch in dunklen Stunden. Wer Glauben hat, hat auch Hoffnung. Wer keinen Glauben hat, dem fällt sicher Hoffen schwerer. Und da nun Papst Benedikt auch ein hervorragender Glaubensverkünder ist, ist er auch ein Hoffnungszeichen. Ein Hoffnungszeichen ist, dass viele Menschen ihn hören, ihm aufmerksam zuhören, ihm Vertrauen schenken, dass seine Bücher und Schriften gelesen werden. Hoffnung schenkt er auch dadurch, dass er im Allgemeinen sehr verständlich schreibt und spricht. Man kann Papst Benedikt leicht verstehen. Das gilt nicht nur wenn er predigt, sondern auch wenn er gescheite Dinge schreibt. Benedikt gibt nun gerade uns Deutschen Hoffnung, weil wir stolz sind auf ihn. Ich wünsche mir aber, dass unser Glaube und unsere Hoffnung nicht davon abhängen, dass  wir einen Landsmann, womöglich noch einen Bayern in Rom auf dem Stuhl Petri haben. Wir sollen auch Glauben und Hoffnung haben, wenn der nächste Papst ein Chinese oder Tibeter oder Australier ist. Was sollen die armen Franzosen sagen, wenn sie keinen Papst ihrer Nation haben. Uns Deutschen, die wir uns mit Rom manchmal besonders schwer tun, schwerer als andere Völker, uns Deutschen ist nun die Gnade geschenkt, dass wir mit besonderer Neugier nach Rom schauen und uns inspirieren lassen können. Vor allem alle, die bisher Ratzinger eher skeptisch gegenüber standen, sollten ihm eine Chance geben. Wer eine solche Gnade bekommt, der ist auch besonders gefragt. Was also sollen wir tun – angesichts eines deutschen Papstes?

5. Was sollen wir tun?

Wir haben die Chance, auf der Welle von Papst Benedikt die Welt ein wenig heller zu machen. Worin kann das bestehen?

Schauen wir möglichst genau hin, hören wir möglichst genau zu, was Benedikt sagt. Es lohnt sich. Wenn wir ehrlich sind, wissen wir ja sehr vieles über die Bibel, das Christentum, die Kirche nicht. Rom macht uns neugierig, nutzen wir die Chance, unsere Wissenslücken zu schließen. Dazu gehört schon einmal, dass man weiß, wie man Papst schreibt. Unzählige, die mir mails schicken, schreiben Papst mit einem b in der Mitte. Das ist falsch. Und dann sagen manche: wie kann ein Papst unfehlbar sein? Klar, er ist es ja auch nur, wenn er in Sachen Glauben und Sitte in feierlicher Form etwas für die ganze Kirche verkündet. Das ist seit 50 Jahren nicht geschehen. Und dann sagen viele: warum dürfen Protestanten nicht die Kommunion empfangen. Die Frage kann man verstehen, aber wenn man sich ein bisschen informiert hat, kennt man wenigstens die Argumente, die dagegen sprechen, auch wenn man sie nicht annehmen kann. Viele Getaufte sind kirchliche Analphabeten – woran möglicherweise auch die Pfarrer schuld sind. Aber wir haben als Christen schon die Pflicht uns up-to-date zu halten. Wenn wir in anderen Bereichen uns ständig weiterbilden müssen, dann dürfen wir in Sachen Kirche nicht Kindsköpfe bleiben. Also: Benedikt gibt uns die Chance und auch die Verpflichtung, uns wenigstens über das Allerwichtigste unseres Glaubens zu informieren. Konkret: kaufen Sie sich Benedikt-Bücher. Anspruchsvoll ist seine „Einführung ins Christentum“. Aktuell ist sein Büchlein „Werte in Zeiten des Umbruchs“ oder sein Interviewbuch „Salz der Erde“ oder etwas Anspruchsvolles „Glaube, Wahrheit, Toleranz, das Christentum und die Weltreligionen“.

Was sollen wir tun: Achten auf das, was die Medien – Zeitungen, Radio, Fernsehen – berichten und fragen uns kritisch, ob das, was wir lesen oder hören, stimmen kann. Bitte werden Sie kritisch, wenn Sie es nicht schon sind. Meist meinen wir, kritisch zu sein und fallen doch auf Einseitigkeiten rein. Meist sind die Sachen ja nicht falsch, die wir erfahren, aber sie werden einseitig dargestellt.

Vielleicht sollen wir unsere Bistumszeitung, die wir vor Jahren abbestellt haben, wieder abonnieren. Vielleicht merken wir gar nicht, wie der Grundwasserspiegel unserer Information gesunken ist.

Vielleicht sollten Sie den Newsletter von Radio Vatikan abonnieren. Er kostet nichts und hält sie auf dem Laufenden. Bestellen Sie ihn per Mail bei Radio Vatikan oder notieren Sie hier die Anschrift.

Entschuldigen Sie, wenn ich so praktisch – ja geradezu pragmatisch werde. Eines Tages könnten wir von Menschen oder auch von Gott gefragt werden: Sie haben durch die Wahl von Papst Benedikt einen Denkanstoß bekommen. Was haben Sie damit gemacht. Haben Sie nur mitgejubelt oder haben Sie die Substanz dieser Wahl ernst genommen? Haben Sie sich weiterhin zu denen gehalten, die Benedikt-Ratzinger für eine Zumutung hielten. Wenn Sie die Richtigkeit dieser Zumutung geprüft haben, dann bitte, wenn Sie aber einfach das nachgesprochen haben, was andere vorsagten, dann haben Sie Ihre moderne Verantwortung nicht wahrgenommen, sind Sie nicht reif gewesen.

Wir haben die Möglichkeit, uns zu informieren, wir haben Lesen und Schreiben gelernt, wir haben Zeitung, Radio und Fernsehen. Wehe, wenn wir diese wunderbaren Kommunikationsinstrumente nur zur Unterhaltung nutzen.

Und dennoch: lassen Sie uns ruhig ein wenig hin- und mitreißen. Auch wenn der Papst aus Bayern stammt und wir nicht diese Gnade haben, aus Bayern zu kommen, so dürfen wir uns doch über den bayrischen Tellerrand beugen und ihm, dem Papst auf die Finger schauen. Wir werden merken, wie liebevolle und zarte Hände er hat. Ich danke Ihnen 

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Der Papst - die Werte und die Medien


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Der Papst - die Werte und die Medien
Vortrag in Düsseldorf am 22. Februar 2008 und Berlin am 25. Februar 2008
Pater Eberhard v. Gemmingen SJ

Vor 50 Jahren wurde der Ruf erfunden: Quer durch die Alpen gellt ein Schrei „Zimmer frei“. Seit einigen Jahren hallt es durch Europa: „Rettet Europa, Werte herbei!“

Kein Wunder, jahrzehntelang haben wir zugeschaut, wie primäre und sekundäre Tugenden und Werte lächerlich gemacht und als spießig bezeichnet worden sind. Anstand, Disziplin, Respekt und vor allem Religion galten als überholt und unnötig. Und jetzt haben wir das Malheur. Eigentlich ist es ja erstaunlich, dass es immer noch Menschen gibt, die meinen, der Papst könne etwas reparieren, er solle seine moralische Autorität einsetzen. Denn allein mit Polizei geht es auch nicht. Sie kostet auch zu viel.

Ich möchte versuchen, die Möglichkeiten des Papstes zur Rettung und Wiedergewinnung grundlegender Werte aufzuzeigen. Erwarten Sie sich bitte nicht zu viel – weder von mir noch vom Papst.

Eine Chance dazu hat er, wenn er am 19. April in New York vor der UNO spricht. Ich bin gespannt darauf, was er da sagen wird. Es geht dabei sicher um Gerechtigkeit und Frieden, vor allem Frieden zwischen den Religionen. Und ich vermute, er wird sagen: solange wir uns nicht ernstlich um grundlegende Werte, vor allem den Respekt vor der Menschenwürde, bemühen, sind alle anderen Anstrengungen ohne Fundament. Und diesen Respekt vor der Menschenwürde – so vermute ich die Argumentation des Papstes – gewinnt der Mensch am leichtesten und am grundlegendsten, wenn er wieder ernsthaft nach Gott fragt. Ich vermute: seine Grundthese könnte sein: Nur wenn die Menschheit zurückfindet zu einer Verantwortung vor einer transzendenten Autorität, vor der sie Rechenschaft geben muss, nur dann ist sie in der Lage den Elenden dieser Erde Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, eine Friedensordnung zu bauen, die Erde und ihr Klima nicht zerstören. Wer Papst Benedikt ein wenig verfolgt, hat all diese Themen schon lange bei ihm gehört.

Und weil ich nun weiß, dass man sich den Inhalt einer Rede leichter merkt, wenn man ihn gut gliedert, so fasse ich meine Gedanken in zehn Punkte - oder wenn man will auch – in zehn Thesen. Aber für die Erinnerung ist diese Gliederung günstiger.

Erstens: Die meisten Papstthemen, die in Deutschland diskutiert werden, sind relativ unwichtig. So z.B. die Wiedererlaubnis der tridentinischen Messe. Manche sagen dazu lateinische Messe. Das ist ein Missverständnis, denn auch die nachkonziliare Messe konnte und sollte immer auch auf Latein gefeiert werden. Relativ unwichtig ist auch das Wohlwollen von Papst Benedikt für Bischof Müller von Regensburg, selbst die Berufung von Bischof Marx ist nicht soo wichtig. Relativ unwichtig ist sogar die Erklärung über das Kirchesein der evangelischen Kirche, denn das war in der Form eine vermeidbare Panne. Relativ unwichtig ist auch die Verurteilung des Befreiungstheologen Jon Sobrino, Das meiste, was von deutschen Medien aus Rom berichtet wird, sind peanuts, nicht wirklich wichtig.

Zweitens: Papstthemen, die die Zukunft Europas oder gar der Menschheit betreffen, werden kaum vermittelt. Und von ihnen wird fast gar nicht gesprochen.

Ein paar Beispiele: Vor kurzem hat der Papst seine Botschaft zum Mediensonntag 2008 veröffentlicht. Darin vertritt er erstaunliche Thesen, die eigentlich diskutiert werden müssten. Wörtlich schreibt der Papst „Die Menschheit steht heute an einem Scheideweg. Man muss sich im Bereich der Medien fragen, ob es klug ist zuzulassen, dass die Kommunikations-mittel einer wahllosen Selbstdarstellung unterworfen sind oder in die Hände von Leuten gelangen, die sich ihrer bedienen, um die Gewissen zu manipulieren: Sollte man nicht vielmehr sicherstellen, dass sie im Dienst der Menschen und des Gemeinwohls verbleiben? Ihre außerordentliche Auswirkung im Leben der Menschen und der Gesellschaft ist eine weithin anerkannte Gegebenheit…. In immer ausgeprägterer Weise scheint die Kommunikation heute gelegentlich den Anspruch zu erheben, die Wirklichkeit nicht nur abzubilden, sondern dank der ihr innewohnenden Macht und Suggestionskraft zu bestimmen. Es ist z. B. festzustellen, dass bei manchen Gelegenheiten die Medien nicht für eine korrekte Informationsfunktion benutzt werden, sondern die Ereignisse selbst „schaffen“…. Gerade weil es sich um Realitäten handelt, die tiefe Auswirkungen in allen Bereichen des menschlichen Lebens (moralisch, intellektuell, religiös, im Bereich der Beziehungen und Gefühle, kulturell) haben und das Wohl der Menschen aufs Spiel setzen, ist zu betonen, dass nicht alles, was technisch möglich ist, auch ethisch durchführbar ist. Die Wirkung der Kommunikationsmittel auf das Leben der Zeitgenossen wirft daher unausweichlich Fragen auf, die Entscheidungen und Antworten erwarten, die nicht länger aufgeschoben werden können.“ (Nr.39)

Auch wenn man nicht in allem mit dem Papst übereinstimmt, so werden doch nachdenkliche Menschen kaum leugnen können, dass in den Medien, vor allem beim Fernsehen manches sehr schief läuft. Und wer spricht es laut aus? Wenigstens der Papst. Aber wer nimmt es zur Kenntnis? Für die meisten Medien ist es viel zu anspruchsvoll. Der Papst schlussfolgert: „Einige denken, dass heute in diesem Bereich eine „Info-Ethik“ ebenso notwendig ist wie die Bio-Ethik im Bereich der Medizin und der wissenschaftlichen Forschung, die mit dem menschlichen Leben zu tun hat.“    In welcher Zeitung haben Sie das gelesen?

Ein weiteres Beispiel: Die nicht gehaltene Rede des Papstes in der römischen Sapienza-Universität. In ihr wollte der Papst vor dem reinen Wissens-Positivismus warnen. Er hat die Rede schriftlich dorthin geschickt, sie wurde verlesen. In ihr heißt es wörtlich:

„Der Mensch will erkennen – er will Wahrheit. Aber Wahrheit meint mehr als Wissen: Die Erkenntnis der Wahrheit zielt auf die Erkenntnis des Guten. Manches, was von Theologen im Laufe der Geschichte gesagt oder auch von kirchlicher Autorität praktiziert wurde, ist von der Geschichte falsifiziert worden und beschämt uns heute…. Die Gefahr der westlichen Welt – um nur davon zu sprechen – ist es heute, dass der Mensch gerade angesichts der Größe seines Wissens und Könnens vor der Wahrheitsfrage kapituliert. Und das bedeutet zugleich, dass die Vernunft sich dann letztlich dem Druck der Interessen und der Frage der Nützlichkeit beugt, sie als letztes Kriterium anerkennen muss. Von der Struktur der Universität her gesagt: Die Gefahr ist, dass die Philosophie sich ihre eigentliche Aufgabe nicht mehr zutraut und in Positivismus abgleitet; dass die Theologie mit ihrer an die Vernunft gewandten Botschaft ins Private einer mehr oder weniger großen Gruppe abgedrängt wird. Aber wenn die Vernunft aus Sorge um ihre vermeintliche Reinheit taub wird für die große Botschaft, die ihr aus dem christlichen Glauben und seiner Weisheit zukommt, dann verdorrt sie wie ein Baum, dessen Wurzeln nicht mehr zu den Wassern hinunterreichen, die ihm Leben geben.“

Man kann natürlich sagen, das seien keine vitalen Fragen, sondern nur Überlegungen für Theoretiker. Wenn wir diese Meinung einfach so akzeptieren würden, muss man sich nicht wundern, wenn Jugendliche gewalttätig sind, wenn sie sich betrinken, wenn sie in der Schule nichts lernen wollen.

Und noch ein Beispiel: Warum konsumiert die Menschheit ihre Erde, samt ihrem Klima wie ein Butterbrot? Weil sie vergessen hat, was der Mensch eigentlich ist, nämlich ein abhängiges Geschöpf Gottes. Weil sie Gott verloren hat, hat sie Maßstäbe verloren. Gegen den Einwand, das sei ja nur christlich argumentiert, würde der Papst sagen: alle Hochkulturen haben mit einer Gottheit, mit Gott, mit der Verantwortung vor einer transzendenten Macht gerechnet. Dadurch wurden sie Hochkulturen. Wer Gott aus dem öffentlichen Bewusstsein streicht, muss sich nicht wundern, wenn dann die Maßstäbe für das Handeln verloren gehen. Die Menschheit wird maßlos, plündert den Planeten, vernichtet, verzehrt sich selbst.

Und ein letztes Beispiel für Themen des Papstes, die eigentlich durch die Medien gehen müssten: zwei Tage vor seiner Wahl auf den Stuhl Petri hat der damalige Kardinal Ratzinger bei einem Vortrag in Subiaco gesagt: Die Menschheit hat technisch ungeheuer viel gelernt: nicht nur, dass sie zum Mond und zu den Planeten fliegen kann, sie kann eigentlich auch den Menschen von morgen neu bauen, erschaffen. Sie ist nahe daran, es dem Schöpfer gleich zu tun. Aber die moralischen Kräfte sind nicht mit gewachsen. Die Menschheit weiß nicht mehr, was gut und böse ist, was gut ist für den Menschen und was schlecht, was sie also darf. Darf sie den Menschen, sein Erbgut umbauen. Ist das gut, ist das nützlich. Was für einen Sinn hat es?

These zwei: Der Papst hat wichtige Themen, die an der Öffentlichkeit nahezu spurlos vorbeirauschen. Viele von uns lassen sich einlullen mit kirchlichen peanuts und merken kaum, worum es wirklich geht.

Drittens: Erstaunlicherweise hält die katholische Weltkirche zusammen.

1,1 Milliarden nennen sich katholisch. Indirekt sagen sie damit auch, dass der Papst in Rom ihr Chef ist. Die meisten von ihnen werden nicht viel darüber nachdenken, manche von ihnen hätten lieber keinen Chef in Rom. Die allermeisten haben das Katholischsein nicht gewählt, sondern wurden ohne ihr Wissen von ihren Eltern getauft und bleiben eben katholisch, weil es so üblich ist. Dennoch ist es ein erstaunliches Phänomen, dass ein soziologisches Gebilde von dieser Größe ohne besondere Zwangsmaß-nahmen zusammenhält. Und dies angesichts von zentrifugalen Kräften: Nationalismen sind groß, Partikularismen gedeihen. Ich denke, rein soziologisch ist es nicht ganz langweilig, sich darüber Gedanken zu machen, warum die katholische Weltkirche bei sehr begrenzter Verwaltungskraft dennoch zusammenhält.

Meine Ansicht: ohne Papsttum wäre die katholische Kirche längst in viele Teile zerfallen. Man mag vieles an Rom kritisieren. Dass das Papsttum dann doch sein Gutes hat, lässt sich vom organisatorischen Standpunkt aus nicht leugnen. Vielleicht ist nicht allgemein bekannt, dass die national organisierten orthodoxen oder altorientalischen Ostkirchen keinerlei Einheit bilden und nicht daran denken, sich zusammen zu tun. Seit Jahrzehnten ringen sie um ein gesamtorthodoxes Konzil – ohne Erfolg. Die nationalen und partikulären Kräfte sind übergroß. Im Westen gedeihen die unabhängigen Freikirchen – je nach Land, je nach Gruppe, je nach Charisma. Von Einheit keine Spur. Dagegen ist die katholische Kirche ein relativ geschlossener Block.

Woher kommt das? Kommt es einfach von der Tradition? Oder daher, dass von Rom nur solche Priester zu Bischöfen gemacht werden, die sich Rom unterordnen. Kommt es daher, dass nur Männer zu Priestern geweiht werden? Frauen wären aufmüpfiger. Kommt es daher, dass nur Zölibatäre Priester werden können? Sicher haben alle diese Gründe etwas zu bedeuten. Dennoch wage ich zu behaupten: die Zentrierung durch den Papst und durch Rom hat zwar manchmal problematisch Züge, ist aber im Grunde genommen auch soziologisch gut. Freilich: die Form der Zentralität müsste heute neu gefunden werden, gerade damit sie nicht durch Übertreibung zerbricht.

These drei: Erstaunlicherweise hält die Gemeinschaft von 1,1 Milliarden Menschen in der katholischen Kirche zusammen.

Viertens: Die katholische Kirche wächst, wenn auch nicht so schnell wie die Weltbevölkerung.

Also: im Vergleich zur Weltbevölkerung wird die katholische Kirche immer kleiner. Kommt dazu, dass die katholische Kirche in Europa ausgesprochen schwächelt. Aber sie wächst im Süden. Ich beziehe mich hier vor allem auf Angaben von Professor Philipp Jenkins von der Pennsylvania State University in den USA: Er schreibt: „Von 2004 bis 2050 – so die Schätzungen – wird die katholische Bevölkerung wachsen in Afrika um 146 Prozent, in Asien um 63 Prozent, in Lateinamerika und der Karibik um 42 Prozent und in Nordamerika um 38 Prozent, während Europa einen Rückgang von 6 Prozent für den gleichen Zeitraum verzeichnen wird.“ weiter schreibt Jenkins: „Insbesondere in Afrika nahm der Anstieg der Katholiken fast dramatische Züge an, vor allem in ehemaligen Territorien der Franzosen und Belgier. Es sind nur 50 Jahre her, als die katholische Kirche die Zahl der Katholiken im gesamten Afrika mit 16 Millionen angab. 1978 waren es bereit 55 Millionen und heute etwa 140 Millionen. Im gesamten 20. Jahrhundert wuchs die katholische Bevölkerung Afrikas um 6.700 Prozent, der schnellste und größte Anstieg der je in der Geschichte der Kirche verzeichnet worden ist. Heute machen die Afrikaner ein Achtel der katholischen Weltbevölkerung aus, und im Jahr 2025 werden die 230 Millionen afrikanischer Katholiken ein Sechstel aller Katholiken weltweit ausmachen. Das 20. Jahrhundert war mit Sicherheit des letzte, in dem Weiße die katholische Kirche dominierten.“

(Forum Weltkirche 1/2007)

Sie mögen sagen: wenn Afrikaner, Asiaten und Lateinamerikaner mal reicher werden, werden sie die Religion auch abstreifen wie früher die Europäer. Mag sein. Religion hat keine Erfolgsgarantie, auch nicht von Jesus Christus. Aber Religion ist gut für Kultur, Zusammenleben, das Menschsein. Vielleicht geht in Europa heute manches schief, weil Religion zu lange als überflüssig angesehen wurde.

These vier: Die katholische Weltkirche wächst.

Es geht uns aber immer noch um die Werte und was Papst Benedikt für ihre Erhaltung tun kann.

These fünf: Papst Benedikt ringt primär um Europa und seine Werte, denn von ihnen hängt seiner Meinung nach auch das kulturelle Schicksal der anderen Kontinente ab.

Dass es Benedikt primär um Europa geht, sieht man erstens an der Wahl seines Namens: Benedikt ist der Patron Europas. Und wer auch nur eine kleine Ahnung hat, wie und warum Europa der weltweit führende Kulturkontinent geworden ist, der weiß auch um die Rolle des heiligen Benedikts, seiner Regel, seiner Klöster, seiner Nachfahren, der Zisterzienser, ihrer Rodungsarbeiten, weiß, dass die Klöster die geistigen Schätze des Altertums gerettet haben. Aufklärung konnte nur geschehen, weil Klöster vorausgedacht haben.

Benedikt geht es um Europa. Das sieht man, wenn man seine wichtigsten Schriften als Kardinal und als Papst liest. Man mag es bedauern, dass er in seinen Enzykliken und Reden sich kaum mit den Theologien Asiens, Afrikas und Lateinamerikas auseinandersetzt. Sie sind ihm vielleicht auch innerlich fremd. Aber ich bin davon überzeugt: Er ist der Ansicht: Wenn Europa seine von Antike, Christentum und der Aufklärung geprägten Geist und entsprechend seine Seele verliert, dann verlieren auch Asien, Afrika und Amerika sehr viel. Die jungen Kontinente und ihre Kulturen wünschen sich ja die Grundüberzeugen, die in Europa durch viele Leiden gewachsen sind: unantastbare Menschenwürde  - basierend auf der vom Christentum entdeckten Überzeugung der Gottebenbildlichkeit jedes Menschen. Unantastbare Menschenrechte, Rechtsgleichheit von Mann und Frau, Lebensrecht von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod, Demokratie. Auch wenn Asien, Afrika und Amerika andere Traditionen haben, die Europa respektieren muss und nicht zerstören darf, so wird doch weltweit erkannt, dass in Europa vieles relativ besser läuft, vor allem was Respekt vor der Menschenwürde und vor der Freiheit des Menschen betrifft. Benedikt würde sagen: Wenn Europa sich selbst, seine Wurzeln, seine Seele verliert, dann verliert die ganze Welt viel. Und wohlgemerkt: Für Benedikt zählt eben dann nicht nur Glaube, sondern ebenso Vernunft, nicht nur Gehorsam und Disziplin, sondern auch Freiheit. Das Klischee: Benedikt rudert zurück ist einfach zu kurz.

Hiermit sind wir schon bei den Werten. Aber wir müssen noch tiefer bohren. Daher

These sechs: Die Katholiken können ihren Beitrag für Ökumene, Dialog mit dem Islam, Dialog mit der modernen Welt, Auseinander-setzung mit Naturwissenschaft und Technik, nur leisten, wenn sie ihr Eigenes, ihren Glauben, Jesus Christus wirklich kennen.

Ich habe die Vermutung, Benedikt befürchtet, dass viele getaufte Katholiken nur eine sehr oberflächliche Ahnung vom Christentum haben. Ich vermute, er hat Recht. Wer beobachtet, was er predigt, sagt und schreibt, kann leicht erkennen: es geht ihm in seinen Worten an getaufte Katholiken um das Einfachste und Zentralste. Zeugnis davon ist sein Buch über Jesus von Nazareth. Er will darin wohl sagen: die modernen Exegeten haben so viel in Frage gestellt, was die Christen jetzt verunsichert. Er möchte dagegen halten, was wir dennoch über Jesus Christus sicher wissen und glauben können. Auch wenn die Exegese manches Gute gebracht hat, so darf sie dennoch das Zentrale nicht zerstören, die Gestalt Jesu Christi, seine Botschaft, seine Geschichte.

Und dann hat er bei den Generalaudienzen anfangs über die Apostel, dann über die Kirchenväter gesprochen. Er will ganz einfach in Erinnerung rufen, was grundlegend ist für den Glauben, der ja nicht erst gestern angefangen, sondern eine wunderbare lange Geschichte hat. Er will die Schätze des Glaubens heben, damit die Getauften so wie er erkennen: der Glaube ist keine Last, sondern gibt Flügel – das seine Formulierung.

Und drittens in diesem Zusammenhang: Seine zwei ersten Enzykliken zeigen ins Zentrum: erstens „Gott ist die Liebe“. Daher gilt auch: Die sexuelle Anziehung der Geschlechter, Eros ist von Gott geschaffen. Und die Kirche muss als erstes Liebe sein und Liebe verkünden. Banalste Wahrheit, aber offenbar nicht im Bewusstsein. Und dann die Enzyklika über die Hoffnung: Mit gefällt daran am besten seine These: Die Menschheit hat vor 300 Jahren angefangen darauf zu hoffen, dass mit der Entmachtung der Kirche und der Thronbesteigung der Vernunft, mit der bürgerlichen, der französischen Revolution und dann der sozialistischen, marxistischen Revolution das Reich der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Glückes hereinbricht. Große Enttäuschung, die Menschen sind immer noch egoistisch, verhalten sich unvernünftig und ungerecht. Also: Hoffnung auf Fortschritt ist schon recht, aber das Menschenherz sucht mehr, vom rein Soziologischen und Rationalen kann menschliche Hoffnung nie ganz befriedigt werden. Wer Hoffnung auf Gott hat, besteht Welt und Ihre Dramatik wesentlich besser. Setzt Eure Hoffnung auf Gott und es wird euch besser gehen.

Kurz: der Papst weist die getauften Katholiken auf Zentrales. Er rudert auch hier nicht zurück, sondern zeigt seine Überzeugung: Vor der Kirche liegen die Aufgaben der Kircheneinheit, des Friedens mit dem Islam, des rationalen Umgangs mit Wissenschaft und Technik. Aber sie wird das alles nur gut anpacken können, wenn sie wirklich aus ihrer Mitte lebt, aus ihrem Glauben an Jesus Christus. Wenn sie ihr Eigenstes nicht kennen, dann ist alle andere Bemühung Windhauch.

Vielleicht ist Papst Benedikt zu skeptisch, psychologisch zu nahe am Pessimismus. Vielleicht. Aber wenn man ein wenig genauer hinschaut, dann kann man ihm nicht einfach vorwerfen, er rudere zurück oder Ähnliches.

These sieben: Der Vatikan ist ein relativ kleines Zentralorgan für die Leitung einer milliardenschweren Weltkirche.

Wenn man Vertreter von Regierungen und großen Verwaltungsbehörden fragt, wie sie den Vatikan beurteilen, dann sagen sie oft: erstaunlich, wie der Vatikan mit ziemlich wenigen Personen effizient arbeitet. Ich gebe diese Ansicht nur wieder. Da ich in Rom lebe, kenne ich auch die Grenzen besser. Die Effizienz hält sich in Grenzen. Das liegt meiner Ansicht nach auch an der Personalrekrutierung. Welcher Bischof gibt schon gute Leute nach Rom ab? Daher sind in Rom neben Allerbesten, auch weniger Beste. Es liegt sicher auch daran, dass eben die Weltkirche in rund hundert Jahren von einer europäischen und von Italien geprägten Einrichtung zu einem global player geworden ist. Und dem entsprechen noch Personal und Struktur des Vatikans noch nicht. Wir sind noch viel zu europäisch, auch zu italienisch. Und es muss ein neuer Ausgleich zwischen Zentralität und Dezentralisierung gefunden werden. Heute läuft zu viel über Rom.

Positive Impulse für das Leben der Christen und ihrer Kirchen vor Ort gehen fast nur von den Päpsten persönlich aus, nicht von seinen Behörden. Das hat sein Gutes, aber ist auch problematisch. Die Kongregationen, die den staatlichen Ministerien entsprechen, sind im Wesentlichen nicht Impulsgeber, sondern Moderatoren – negativer ausgedrückt – Kontrolleure, was auch sein Gutes hat. Ohne Glaubenskongregation besteht eben schon die Gefahr, dass alles mögliche als katholisch gilt, aber nicht ist. Ohne Bischofskongregation könnten Bischöfe Dummheiten machen, ohne Kleruskongregation der Klerus, ohne Ordenskongregation die Ordensmänner und –frauen, ohne Gottesdienstkongregation könnte der Gottesdienst aus dem Ruder laufen. Ohne Ostkirchenkongregation könnten die Ostkirchen sich mehr streiten. Das klingt alles eher negativ. Und sicher könnte manches in den Kongregationen noch viel transparenter, menschenfreundlicher und mit mehr Rechtssicherheit laufen. Aber wenn man den katholischen Apparat mit dem anderer Kirchen vergleicht, kann man schon sehen, dass eben römische Behörden zwar unangenehme, aber eben doch nötige Funktionen haben. Aufbauender und konstruktiver dürfen die nachkonziliaren Räte sein: Hier nur die Titel: Rat für die Laien, die Familie, die Medien, die Kultur, die Ökumene, den Dialog mit anderen Religionen, den Dienst an Kranken, für Gerechtigkeit und Frieden, für die Wohltätigkeit. Wenn man sich vorstellt, dass sich mehr als eine Milliarde Menschen zur katholischen Kirche zählen, dann muss man sich wundern, wie wenig vom Vatikan aus eingesetzt wird, um diese Masse zusammen zu halten und zu motivieren.

Meine persönliche Überzeugung: abgesehen von allen menschlichen Schwächen und der ganzmenschlichen Trägheit ist es eben doch die Überzeugung zur richtigen Glaubensgemeinschaft zu gehören, in die man durch die Eltern gekommen ist – oder die man heute in Afrika und Asien ziemlich oft durch überzeugende Personen gefunden hat.

These sieben: der Vatikan ist eigentlich ein sehr kleines Instrument zum Zusammenhalt der katholischen Weltkirche.

These acht: Manche meinen, die Päpste spielten heute in der Kirche eine zu sichtbare Rolle. Die spezielle Persönlichkeit des jeweiligen Papstes ist heute jedenfalls sichtbarer als früher. Wir haben es während 25 Jahren erlebt, wie sehr die starke Persönlichkeit von Papst Johannes Paul II. das Image von Kirche geprägt hat. Er war ein bisschen omnipräsent – sogar in der Weise, dass man theologisch Bedenken anmelden konnte: Er wirkte wie ein weltweiter Superbischof oder ein Superpfarrer, der alle Gläubigen betreuen wollte. Er war genial im Auftritt, im Inszenieren, in seinen politischen Taten und Äußerungen. Denken wir an seinen Gang durch das Brandenburger Tor zusammen mit Helmut Kohl, an sein Gebet an der Klagemauer, seinen Besuch in der Moschee in Damaskus, an die Besuch bei Buddhistischen Mönchen, an seine Rede vor muslimischen Jugendlichen in Marokko, an seinen Besuch in der römischen Synagoge, an sein Auftreten in Stadien vor zehntausenden von Jugendlichen und an sein öffentliches Rosenkranzbeten und schließlich den Bodenkuss. Johannes Paul war ein Genie des öffentlichen Auftritts. Dagegen ist Papst Benedikt vergleichsweise blass, auch wenn seine Art in anderer Weise und bei anderen Leuten ankommt. Ich denke, er ist eher der Mann, der davon überzeugt ist: Nicht nur Waffen und Wirtschaft machen Weltgeschichte, sondern auch Denker, Vordenker. Er ist sicher davon überzeugt: ebenso wie Cäsar und Augustus, Karl der Große und Napoleon haben Plato und Aristotoles, Augustinus und Thomas von Aquin, Voltaire und Kant, Marx und Freud die Weltgeschichte geprägt. Die Kirche hat und will keine Waffen und keine Wirtschaftsmacht, aber sie kann durch Glauben und Vernunft Weltgeschichte zum Nutzen der Menschen gestalten – mit gestalten. Benedikt sagt sich: wenn schon Talente nach dem Evangelium, dann muss ich mein Talent des Mit- und Vorausdenkers in die Wagschale werfen. Also: Päpste prägen durch ihre Persönlichkeit stark das Leben von Kirche, von katholischer Weltkirche. Das kann man für übertrieben halten, aber zunächst muss man mal registrieren, dass es wenigstens teilweise so ist.

These neun: Der Vatikan ist in der Medienarbeit bis heute nicht sehr stark.

Zunächst: Welche Medien hat der Vatikan? Das wichtigste ist der Pressesaal und der Pressesprecher. Durch den Sprecher und die beim Vatikan akkreditierten Journalisten kommen Nachrichten in Sekundenschnelle rund um den Globus. Wenn der Vatikan oder der Papst medienrelevante Aussagen machen oder Entscheidungen treffen – etwa die Stellungnahme gegen den Irakkrieg – dann sind diese Informationen durch den Pressesaal und die Agenturen in Sekundenschnelle rund um den Globus und in den Medien. Es kommt also hier nur darauf an, dass Inhalte weltweit interessieren. Dann gehen sie um den Globus. Ganz ohne eigene Kirchenmedien.

Dann gibt es seit fast 150 Jahren die Vatikanische Tageszeitung Osservatore Romano. Sie hat hauptsächlich dokumentarischen Wert und kann manchmal durch Kommentare die kirchliche Position zu aktuellen Fragen präsentieren. Sie ist offiziös, nicht offiziell. Wegen ihrer geringen Auflage spielt sie für die breite Öffentlichkeit keine Rolle. Gleiches gilt für die Wochenausgaben in Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch und die Monatsausgabe in Polnisch.

Radio Vatikan ist für die Information einer breiten Weltöffentlichkeit auch nicht gerade ideal aufgestellt. Bis zum Zusammenbruch des Kommunismus waren die meisten Hörer sicher in den kommunistisch geführten Ländern und hatte dort große Bedeutung. Dieser Markt ist – wie ich sage – leider zusammengebrochen. Heute ist der Hauptmarkt in Lateinamerika, wo Sendungen in spanischer und portugiesischer Sprache von rund 1000 Radiostationen wieder ausgestrahlt werden. Dennoch vermute ich, dass nur wenige politische Führer oder Parteien Angst haben vor dem Einfluss des Vatikans in ihren Ländern. Viele Hörerinnen und Hörer erreicht Radio Vatikan heute über Kurzwelle und Wiederausstrahlungen in Afrika und Asien. Speziell in Indien etwa auch sehr viele Hindus und Muslime. Ich persönlich wäre sehr für die Erweiterung der Sprachpaletten in Afrika und Asien und die Reduzierung in Europa. Radio Vatikan macht nämlich Programme in rund 40 Sprachen, davon die allermeisten für Europa. Der Sender hat rund 370 Angestellte aus 60 Ländern, kostet den Vatikan jährlich rund 25 Millionen Euro. Aber er ist wohl kein Instrument, die Weltmeinung zu beeinflussen. Ähnliches gilt für die Homepage. Bisher weitgehend nur ein Archiv und kein Informationsfenster.

Also: die Weltmeinung wird möglicherweise erreicht durch Stellungnahmen des Papstes, die weltweit interessieren und durch den vatikanischen Pressesaal vermittelt werden. Mit anderen Worten: wenn der Papst irgendwelche Möglichkeit hat, die Weltmeinung zu beeinflussen, so nur durch den Inhalt seiner Aussagen, die von zivilen Medien verbreitet werden, nicht durch eigene Medien. Hier muss ich den ehemaligen Intendanten des Österreichischen Rundfunks Gerd Bacher zitieren. Nach der ersten Reise von Johannes Paul II. nach Wien hat er in Rom einen Vortrag gehalten. Und damals sagte er einen Satz, der mich sehr bewegt hat: Johannes Paul II. hat die These widerlegt, dass das Medium selbst die Message, die Botschaft ist, the medium is the message. Seine Botschaft an Österreich damals bewegte von ihrem Inhalt her. Also: nur wenn der Papst einen Punkt trifft, der in der einen oder anderen Weise auf das Interesse der Weltöffentlichkeit trifft, wird seine Stimme verbreitet und gehört.

Schlussthese zehn: Der christliche Glauben hatte seine größten geschichtlichen Erfolge oft aus der Situation der Ohnmacht heraus. Die Kirche muss zwar wie Jesus von Nazareth auf die Straßen der Welt, ihre Regeln aber sind nicht politisch. Ihre Aufgabe ist es, den Menschen Gottes Liebe zu verkünden und sie Gott näher zu bringen.

Es klingt ein wenig zu pompös, wenn ich sage: Der christliche Glaube hat heute ebensoviel Chancen wie damals als Jesus am See Genesareth anfing, zu predigen und Menschen zu sammeln, die sich – nebenbei bemerkt - später als ziemliche Versager zeigten. Aber um verstanden zu werden, muss man manchmal zuspitzen. Warum haben die Evangelisten zwei Generationen später das aufgeschrieben, was der kleine Mann aus Nazareth gesagt und getan hat? Es war völlig anders als das Tun von sonstigen Predigern, es war umstürzend. Viele hatten ihn für einen Spinner oder gar einen arroganten Hochstapler gehalten. Weil Jesu Reden und Tun die Menschen bewegt hatte, und weil dieser Mann für seine Sache gestorben ist, obwohl sie gegen den Strich gebürstet war. Eine Kraft ging von ihm aus. Eine Kraft, die Menschen gesund machte, gesund an Leib und Seele. Vor allem aber eine Kraft des Geistes. Er redete wie einer der Macht hat, der Autorität hat. Er wagte zu sagen: Bei Moses lest Ihr, ich aber sage euch. Und das hat er oft wiederholt. Er provozierte. Auch durch das Wort „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert“. Ist das nicht ein schreckliches, ein gefährliches, ein verbotenes Wort? Aber durch sein Tun machte er wahr, was er sagte. Er überzeugte. Soziologisch gesehen hatte er gar keinen Erfolg, er endete am Kreuz und seine zwölf Apostel haben ihn sitzen lassen. Keiner hat versucht, Jesus das Kreuz zu  tragen. Jesus war stark in all seiner Schwäche. Und an dieser Stärke erhielten im Lauf der Jahrhunderte Heilige Anteil, die im Grunde nur Gott suchten, die aber genau dadurch Welt und Geschichte gestalteten. Meine Musterbeispiele dafür: der heilige Benedikt von Nursia. Er wollte nur sein Verhältnis zu Gott in Ordnung bringen durch das Leben in einer Höhle von Wasser und Brot. Er kam nicht drum herum, Freunde, die mit ihm leben wollten, zu sammeln. Er und sein Denken schufen europäische Geschichte. Und als die Kirche korrupt war, wollte Franz von Assisi leben wie Jesus. Auch er und die Seinen machten europäische Kulturgeschichte, obwohl sie nur so leben wollten wie Jesus. Und Ignatius von Loyola, der Gründer der Jesuiten. Auch er ging in die Höhle zum Beten, wollte dann einzelnen Menschen auf ihrem persönlichen Weg zu Jesus helfen durch die Exerzitien und siehe da: Sein Geist schuf in den Jesuitenschulen Kirchenreform. Benedikt, Franz und Ignatius – sie wollten nur mit Gott in Ordnung kommen und haben ohne es anzustreben Kulturgeschichte gemacht.

Wenn wir heute auf die Kirche schauen, machen wir manchmal den Fehler, sie wie eine große Firma oder eine NGO zu betrachten. Das ist im Grunde falsch. Vielleicht wird christlicher Glaube in Zukunft Erfolg haben, vielleicht wird Kirche wachsen, vielleicht auch zusammenwachsen, aber das alles kann man nicht organisieren wie man Firmen oder politische Einrichtungen organisiert. Man kann und muss zwar Vernunft und Technik einsetzen, dennoch kann man das Eigentliche nicht in die Hand nehmen. Daher kann ich dem Papst und dem Vatikan nur wünschen, alle ihre Möglichkeiten zu nutzen, an die Kraft Jesu Christi, an die Kraft Gottes zu glauben, aber dabei immer zu wissen: Wir tun, was wir können, aber wir sind nur kleine Knechte. Je kleiner wir uns wissen, umso mehr Chancen haben wir.

Schlussthese: Die Kirche hat heute ebenso viele Chancen wie zur Zeit Jesu Christi. Vor allem hat sie eine Vision für den Menschen und für die Welt.



Werteverfall und Renaissance, Möglichkeiten des Papstes



Vortrag "Werteverfall" herunterladen

Ist das „Weltkulturerbe Europa“ zu retten?
Können Papst und Vatikan zur europäischen Werte-Renaissance beitragen?
Vortrag im Kloster Bad Wimpfen am 8. Oktober 2007
Pater Eberhard v. Gemmingen SJ

Unter „Weltkulturerbe Europa“ verstehe ich die Werte und Überzeugungen, die Europa im Lauf seiner Geschichte zu einer Wertegemeinschaft und kulturell groß gemacht haben. Diese Werte sind im jüdischen Erbe, in der griechischen Kultur, dem römischen Recht und der Aufklärung, vor allem aber im Christentum begründet. Ich denke dabei vor allem an Menschenwürde und Menschenrechte. Zugrunde liegt das christliche Menschenbild, wonach jeder Mensch ist Geschöpf und Ebenbild Gottes ist, ja man kann ihn sogar Partner Gottes, von Gott angesprochene Person nennen. Wohlgemerkt: nicht nur Mitglieder der Kirche, sondern . wirklich jeder Mensch. Alle Menschen sind von Gott geliebt und ernst genommen. Jeder Mensch ist daher unmittelbar Gottes Partner und nur ihm verantwortlich. Er braucht dazu nicht die Vermittlung von Kirche und Priestern. Diese sind aber die Überbringer dieser Botschaft. In keiner anderen Weltkultur steht der einzelne Mensch in seinem Wert und in seiner Würde so im Zentrum.

Die Gottunmittelbarkeit gibt dem Menschen, Mann und Frau, Gesundem und Kranken, Reichen und Armen, seine Unantastbarkeit. Das Verhältnis des Menschen zu Gott geht seinem Verhältnis zu Staat und Familie voraus. Es ist daher wichtiger und grundlegender. Daraus erwächst die Freiheit des Einzelnen, eine ungeahnte Freiheit, die in anderen Kulturen so nicht denkbar sind. Die in der Gottunmittelbarkeit begründete Freiheit des Menschen hat Europa zu dem gemacht, was es ist. Staat und Familie dürfen dem Menschen seine Freiheit sowie seine Grundüberzeugungen wie Religion und Gewissen nicht diktieren.

Auf all diesen Grundannahmen beruhen heute die Freiheitsrechte jedes Bürgers. Nicht der Staat oder die Gesellschaft geben dem Menschen seine Würde und seinen Wert. Er hat sie vorgängig durch sein Verhältnis zu Gott.

Was mit „christlichem Menschenbild“ gemeint ist, versteht man ziemlich leicht, wenn man die Menschenbilder anderer Hochkulturen betrachtet, beispielweise die Menschenbilder Chinas, Indiens, Japans und des Arabischen Raumes. (Lassen wir einmal Afrika und Amerika beiseite.)  Diese Hochkulturen sind zwar ähnlich wie die europäische in grundlegenden transzendenten Werten begründet, haben aber doch ein sehr unterschiedliches Menschenbild. Denken wir nur beispielsweise an das Menschenbild im indischen Hinduismus. Hier wird jeder Mensch in eine Kaste hineingeboren. Sein Wert und seine Würde und auch seine Rechte hängen ganz wesentlich von der jeweiligen Kaste ab. Unterdrückung und Ausbeutung sind nicht nur erlaubt, sondern geboten. Der Mann ist auf jeden Fall der Frau übergeordnet.

An dieser Stelle möchte ich nun eine kurze Gliederung meiner Ausführung einschieben, damit Sie wissen, an welchem Punkt der Argumentation wir stehen.

Eingangs erläuterte und erläutere ich, was ich unter „Weltkulturerbe Europa“ verstehe.

Dann komme ich zweitens zur Bedrohung dieses Erbes: Warum und wodurch ist es bedroht.

Drittens versuche ich eine Antwort auf die Frage, was Papst und Vatikan tun können.

Abschließend nenne ich viertens zehn Akzente die Papst Benedikt schon gesetzt hat.

Nun nochmals zum Weltkulturerbe Europa:

Was Europa geprägt hat und auch heute prägen sollte, ist in den Verfassungen europäischer Länder wieder zu finden, für Deutschland im Grundgesetz. Der erste Satz unseres Grundgesetzes lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“. In Paragraph 2 heißt es: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“. In Paragraph 3 heißt es: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ Diese Sätze sind europäisches Kulturgut. Und wohlgemerkt: Die dahinter stehenden Werte sind keine Schöpfungen der Europäer. Sie bestanden, bevor es Europa gab. Aber sie wurden wesentlich von Europäern entdeckt und auch mühsam erkämpft.

Die meisten nicht-europäischen Staaten haben heute zwar heute gottlob ähnliche Verfassungen, aber deren Inhalt kommt weitgehend aus Europa und seiner Geschichte.

Hier noch einige weitere Zentralbegriffe aus unserer Verfassung:

Basierend auf der unantastbaren Menschenwürde stehen die  Menschenrechte. Im Einzelnen sind es: Lebens- und Entfaltungsrecht, Rechtsgleichheit, gerade auch von Männern und Frauen, Verbot jeder Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Abstammung, Rasse, Sprache, Religion; Freiheit des Glaubens und Gewissens, Meinungs-, Presse-, Kunst- Versammlungsfreiheit, Schutz von Ehe und Familie.

Alle diese Grundüberzeugungen sind in Europa durch Jahrhunderte erkämpft und erlitten worden. Sie haben ihre Wurzeln im Glauben der Juden, bei den Griechen und Römern, im Evangelium Jesu Christi. Zur Blüte gebracht wurden sie leider erst durch die Aufklärung, das heißt durch die Trennung von Staat und Religion – zum Nutzen beider. Auch wenn heute sehr viele Staaten diese Grundüberzeugungen auf ihre Fahnen schreiben, so ist eben doch Europa der Kontinent, auf dem diese Grundüberzeugungen errungen und erlitten wurden..

Einwände gegen das „Weltkulturerbe Europa“

Nun mag jemand einwenden: Europa hat nicht nur Segen in die Welt gebracht, sondern auch unendliches Leid. Europa hat fremde Kulturen in Afrika, Asien und Amerika zerstört, es hat Millionen von Menschen versklavt, hat Urbevölkerungen ausgerottet. Christen haben andere Religionen mit Waffen bekämpft, haben religiöse Kulturen zerstört. Christen haben mit ihren Kolonien ausgebeutet, andere Völker veramt, dezimiert, zerstört. Und in Europa selbst wurden Bücher und vor allem auch Menschen wegen ihrer Überzeugungen verbrannt, wurden Hexen hingerichtet, wurden die schlimmsten Kriege geführt – oft sogar im Namen von religiösem Glauben - wurden die schlimmsten Waffen entwickelt, wurden die inhumansten Ideologien erfunden, wurden Konzentrationslager geschaffen.

Zu den einzelnen Vorwürfen: Auch auf den anderen Kontinenten und in den anderen Kulturen wurden viele der genannten Untaten ebenso verübt: Z. B. Sklaverei, Menschenopfer aus religiösen Gründen, schreckliche Kriege und Morde, Unterdrückung und Ausbeutung.

All die genannten Untaten Europas kann und will ich nicht leugnen, ich bin dennoch der Überzeugung, dass man von einem „Weltkulturerbe Europa“ sprechen kann, und dass in Europa Wertvorstellungen und Überzeugungen entwickelt wurden, die auch für die anderen Kontinente ein Segen sind.

Weil Europa sich technisch so viel schneller entwickelte als andere Kontinente, konnte es seine Untaten gleichsam exportieren, anderswo durchführen und auf Erdteile ausdehnen. Andere Kontinente blieben mit ihren Untaten im eigenen Bereich.

Wenn man nun an die wirklichen Fortschritte der Menschheit denkt, dann muss man diese eben doch auf Europa zurückführen: Gleichberechtigung von Mann und Frau, Abschaffung der Sklaverei, Rechtsgleichheit, Menschenwürde und Menschenrechte. Europa ist meiner Ansicht nach nicht deswegen herausragend, weil es technisch an der Spitze lag oder liegt, sondern weil hier der Mensch immer mehr in den Mittelpunkt gerückt ist, weil die Würde und die Rechte des Menschen immer zentralen gesehen und berücksichtigt wurden. Und wenn wir dies annehmen können, dann fällt auch sofort ins Auge, warum heute offenbar die Werte, die Europa groß gemacht haben, bedroht sind.

Wodurch ist das „Weltkulturerbe Europa“ bedroht?

Eigentlich sollte man denken, dass die Kultur Europas nach dem Fall von Faschismus und Kommunismus weniger bedroht ist als vorher. Vielleicht ist das ja auch so. Aber es gibt doch auch Anzeichen dafür, dass die Überzeugungen, die Europa einst kulturell und human groß gemacht haben, heute tiefer bedroht sind. Ich denke dabei weniger an Terrorismus und fanatischen Islam, sondern eher an die stillen und daher unerkannten Feinde dieses Weltkulturerbes. Ich möchte einige nennen.

Mangel an grundlegendem Wertbewusstsein: Die allermeisten Bürger Europas sind sich wohl kaum der Werte und Vorteile bewusst, durch die ihr alltägliches Leben geprägt und gesichert ist. Beispiele: Frauen können sich um Arbeitsstellen bewerben, auf die sie Jahrhunderte lang keine Rechte hatten. Ich weiß, dass dies oft reine Theorie ist, dass sie praktisch oft kaum eine Chance auf Arbeitsplätze haben, die traditionell Männer innehaben. Aber niemand hat heute  das Recht, ihnen solche Arbeiten zu verwehren. Weiter: Alle Bürger können ihre Rechte einklagen, was jahrhunderte lang nicht möglich war. Menschenhandel ist heute strafbar – auch wenn er leider praktiziert wird. Jeder kann die Zeitung lesen, die seiner Weltanschauung entspricht, kann sich politisch entsprechend betätigen, kann weltweit ohne Beschränkungen reisen, was früher nicht nur technisch unmöglich war, sondern auch politisch verhindert wurde.

Von all dem haben unsere Vorfahren nur geträumt, sie haben dafür gekämpft, sind sogar dafür gestorben. Und wir genießen die Früchte ihrer Kämpfe und jammern, wenn manches technisch nicht funktioniert oder die Politiker sich streiten. Eine Bedrohung des Weltkulturerbes besteht darin, dass wir die erkämpften Rechte zwar genießen, uns aber der Vorzüge überhaupt nicht bewusst sind,.

Medien: Wenn ich durch die zahlreichen Buch- und Zeitschriftenläden gehe, dann muss ich mich schon fragen, in welcher Kultur oder Unkultur wir eigentlich leben. Wie viel völlig Wertloses, ja Schädliches wird gedruckt, gekauft und gelesen! Wie viel oberflächliches Denken ernst genommen wird, wie oft der „ultimative Sex“ wird versprochen, Liebe und Zuneigung aber keine Rolle spielen. Wie oft wurde uns schon versprochen, wir könnten grenzenlos tafeln, Abnehmen sei keine Kunst. Wie oft wurde verheißen, niemand brauche zu altern, Gesundheit sei für Jahrzehnte  garantiert. Wie viel Unwahres auch über die Geschichte der Kirche, der Bibel, der Päpste geschrieben und einfältigerweise geglaubt wird. Schreiber und Schreier müssen nur überzeugt auftreten, wissenschaftlich erscheinen, dann wird auch das Dümmste geglaubt. Und wenn man die Mehrzahl der Fernsehprogramme betrachtet, so bekommt man das Grausen. Einst hatte unser Vorfahr Heinrich Heine Presse- und Meinungsfreiheit gefordert. Wir haben sie. Was würde er sagen, wenn er unsere Zeitschriften und Fernsehprogramme sähe? Wir lassen uns einnebeln, missbrauchen oft die von den Vorfahren erkämpfte Freiheit.

Politik: Jahrzehnte dauerte der Kampf unserer Vorfahren um politische Grundrechte: Wahlrecht, Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit, Parteienbildung, um Demokratie und Mitbestimmung in Staat und Gesellschaft. Wir haben sie. Mehr und mehr Bürger aber interessieren sich nicht für die Politik. Sie wählen Politiker, die nur Parteipolitik treiben. Die Parteien sind geschlossene Gesellschaften. Geschieht heute schleichend das, was schon die Weimarer ruinierte, dass nämlich niemand mehr für die Demokratie zu kämpfen und zu sterben bereit ist? Was würden die Hitler-Widerständler sagen, die ihr Leben für ein besseres Deutschland geopfert haben. Ich fürchte, sie würden über unsere Demokratie weinen – nicht nur über die Politiker, auch über die Wähler.

Demographie: Deutschland leidet unter Nachwuchsmangel, geht vielleicht unter wegen Mangels an Kindern. Den meisten Kindern und Eltern geht es zwar heute wirtschaftlich besser als in den vergangenen 2000 Jahren. Aber in dieser Welt wollen offenbar viele nicht leben. Man schätzt das Leben nicht mehr. Die Familie wird als Auslaufmodell gesehen. Die Überbewertung der berufstätigen Frau gegenüber der Mutter, ebenso wie die totale Versorgung der Kinder durch den Staat tragen dazu bei.

Bildung: Wir surfen um die Welt, schauen aus dem Weltall auf unsere Erde, steuern unsere Autos mit Hilfe von Satelliten, kommunizieren in Sekundenschnelle rund um den Globus. Aber wie wenige haben noch eine Ahnung von Beethoven und Goethe, von Dante und Rilke, von Michelangelo und Dürer? Jedenfalls habe ich beim Gang durch Buchhandlungen nicht den Eindruck, dass wir sehr gebildet sind.

Vielleicht ist tatsächlich das Weltkulturerbe Europa nicht gefährdet, aber man kann schon den Eindruck davon haben. Von den Analphabeten in Deutschland möchte ich gar nicht sprechen, auch nicht von den armen Menschen, die sich täglich mit einem 50-Cent-Blatt begnügen!

Sexuelle Verwirrung: Männer, die sexuell auf andere Männer hin orientiert sind, gehen für ihre Rechte auf die Straße, Frauen tun es ihnen gleich. Die Mehrheit der Bevölkerung aber, die Familien, die die Zukunft der Gesellschaft und des Landes tragen, sind sprachlos, verunsichert. Alle wissen, dass jedes Land von Familien, von Kindern und Jugendlichen abhängt. Heterosexuelle Ausrichtung muss der Maßstab des Menschen für die Gesellschaft sein. Das wird nicht oder zu wenig angesprochen. Dafür wird nicht demonstriert. Denn viele meinen, das würde die Homosexuellen diskriminieren. Tatsächlich dürfen Homosexuelle wegen ihrer Orientierung persönlich nicht diskriminiert werden, aber sie dürfen nicht Maßstab der Gesellschaft werden, sie dürfen nicht gleiche Rechte wie Heterosexuelle erhalten, beispielsweise das Recht, Kinder zu adoptieren. Denn Kinder brauchen um psychisch ausgeglichen heranwachsen zu können, einen männlichen und einen weiblichen Elternteil. Das steht wohl in jedem Psychologiebuch. Selbst Homosexuelle hängen ja von den Heterosexuellen ab, von funktionierenden Familien, von Familien, in denen sich Kinder geborgen fühlen, in denen es auch Mann und Frau gut geht.

Religion als Privatsache

Ich komme nun zu einer noch tieferen Bedrohung des Weltkulturerbes Europa. Eine ganz zentrale Ursache dafür besteht darin, dass die meisten Europäer  Religion nur noch als Privatsache ansehen. Denn die Entdeckung der Religionsfreiheit hat uns dazu geführt, dass wir meinen, Gesellschaft könne ohne transzendente Verankerung der gemeinsamen Grundwerte und Überzeugungen funktionieren. Wir sind in einem Dilemma, das wir nur lösen können, wenn wir uns dessen bewusst sind. Das Dilemma besteht darin, dass wir sagen: Jeder Mensch hat die Freiheit, einen religiösen Glauben selbst zu bestimmen und zu leben, die Gesellschaft darf ihm seinen religiösen Glauben weder verbieten noch befehlen. Andererseits erkennen wir, dass die Gesellschaft einen Rahmen an Werten und Grundüberzeugungen braucht, weil sie sonst rein pragmatisch über ihr Funktionieren bestimmt. Beispielsweise könnte dann eine verfassungsändernde Versammlung mit zwei Drittel beschließen, dass Frauen oder Kinder oder alte Menschen minderwertig sind und beseitigt werden können. Derzeit scheinen letzte Werte nur von der Verfassung abzuhängen. Diese aber kann mehrheitlich geändert werden. Darum brauchen wir also Werte und Grundüberzeugungen, die der Verfassung vorausgehen. Diese Werte und Grundüberzeugungen bestehen zwar in sich, müssen aber auch von einer Mehrheit der Gesellschaft gesehen werden. Wenn diese Mehrheit zusammenbricht, kann auch der Wertekanon zusammenbrechen. Es muss also nicht nur die Religionsfreiheit garantiert sein, sondern auch die den Staat tragenden Werte. Über diese kann nicht verhandelt und darf nicht abgestimmt werden.

In unserer Zeit werden nun manche Werte so betont, dass sie quasi religiöse Bedeutung erlangen. Das gilt zum Beispiel für das Thema Umwelt. Gerade wir Deutsche haben aus der Ökologie eine Quasi-Religion gemacht. Diese ist nicht unbedingt ungefährlich oder gar Götzendienst.

Gefährlich ist eine andere Quasi-Religion, nämlich der Liberalismus oder ein falscher Begriff von Freiheit. Ich möchte dies etwas ausführlich erklären: Wir Menschen haben anders als Pflanzen und Tiere durch die Natur viele offene Möglichkeiten, unser Leben zu gestalten. Wir entscheiden selbst, wie wir uns ernähren und kleiden, welchen Beruf wir ergreifen, welchen Partner wir heiraten, wie viele Kinder wir haben, wo wir Ferien machen, ja sogar, welcher Religion wir angehören wollen. Wir haben viele Wahlmöglichkeiten und also Freiheit. Wir sind aber auch andererseits durch unsere Geburt vorbestimmt. Vorgegeben sind uns unser Geschlecht, unsere Eltern und damit unsere soziale Klasse, finanzielle und Bildungsmöglichkeiten. Das sind psycho-physische Begrenzungen unserer Freiheit, die wir nicht ändern können.

Wir stehen aber auch vor geistigen und moralischen Begrenzungen unserer Freiheit, die wir frei annehmen sollen, wozu wir aber nicht von außen gezwungen werden. Es handelt sich im Wesentlichen um das, was in den zehn Geboten steht: Du sollst nicht töten, sollst die Wahrheit sagen, sollst nicht betrügen, sollst deinen Ehepartner nicht verlassen, du sollst deine Eltern ehren, du sollst niemand übervorteilen und beneiden. Grundlegend könnte man sagen: was du nicht willst, was man dir tut, das füg auch keinem anderen zu. Diese Vorgaben für unsere Freiheit müssen frei angenommen werden. Wer sie annimmt, erhebt sein Menschsein, wer sie nicht annimmt, verliert etwas davon. Freiheit bedeutet also zusammengefasst: Verantwortung gegenüber einer gottgegebenen Ordnung und gegenüber dem nächsten Menschen. Man könnte auch sagen: Freiheit ist die Möglichkeit, sich in Annahme einer vorgegebenen Humanordnung auf ein Ziel hin zu entwickeln. Noch anders: Freiheit besteht in zwei Stufen: die untere Stufe besteht in der Annahme einer vorgegebenen Humanordnung, die obere Stufe in der Entfaltung der eigenen Gaben auf ein göttliches und humanes Ziel.

Durch ein Missverständnis der Aufklärung haben viele Menschen heute ein falsches Verständnis von Freiheit. Und wenn dieses Missverständnis bei der Mehrheit einer Bevölkerung besteht, dann ist diese Gesellschaft in Gefahr, wenigstens ist ihre kulturelle Höhe bedroht. Denn Kultur bedeutet mit anderen Worten gemeinsamer Ausbau von echten humanen Werten. Wenn zu viele Menschen den Begriff der Freiheit missverstehen, dann ist dies eine Bedrohung der Menschheit ähnlich wie die Zerstörung der Umwelt und des Weltklimas. Umwelt- und Klimazerstörung kann man messen, ist auch mit bloßen Augen zu sehen. Zerstörung durch Freiheitsmissbrauch schafft selbst neue Blindheit, sodass die Schäden nicht mehr wahrgenommen werden.

Das Europa nun mehr als die Kulturen Asiens, Afrikas und Amerikas die Freiheit des Menschen entdeckt hat, ist Europa selbst durch seine Entdeckung bedroht. Es ist wie beim Zauberlehrling, der die von ihm selbst verzauberte Welt nicht mehr bändigen kann. Immerhin ist er nicht ganz verloren, wenn er wenigstens seine Fehler als Fehler erkannt hat. Europa ist nicht ganz verloren, wenn es wenigstens sein Missverständnis von Freiheit bald erkennt und zum wahren Begriff von Freiheit zurückkehrt, das heißt zu Freiheit als Verantwortung.

Nun möchte ich mich noch einem anderen typisch europäischen Phänomen zuwenden:

Der Unfähigkeit des Menschen zu Gott

Vor rund einem Monat wurde des 100. Geburtstags von Pater Alfred Delp gedacht. Er war am 15. September 1907 geboren worden. Delp kann man wohl einen der heraus ragendsten christlichen Vordenker unserer Zeit nennen. Er hatte vor 60 Jahren Intuitionen, die bis heute ihre Gültigkeit haben. Eine seiner Feststellungen ist die Unfähigkeit des modernen Menschen zu Gott. Der moderne Mensch ist Gottes unfähig – schreibt Delp mit gefesselten Händen. Zur gleichen Zeit aber schreibt er, Gott gehört in die Definition des Menschen. Das heißt: Der Mensch wird er selbst durch seine Frage nach Gott, durch seine Suche nach Gott. Der Mensch, der nicht nach Gott fragt, versäumt sein Eigentlichstes, sein Tiefstes, sein Bestes, er verliert seine Höhe und Tiefe, seine Mitte, sein Herz. Nur der Mensch, der nach Gott fragt, ist zu der humanen Höhe fähig, die in ihm angelegt ist. Ohne Gott verkümmert der Mensch, verkrümmt sich in sich selbst. Und nun eben auch seine Feststellung: der moderne Mensch ist aber Gottes unfähig. Wohlgemerkt: es ist nicht des Menschen Bosheit, es sind nicht primär seine Sünden, die ihn Gottes unfähig gemacht haben. Der moderne Mensch hat im Lauf der Geschichte sein natürliches Fragen nach Gott verlernt, er weiß nicht mehr, wie das geht. Er müsste es wieder lernen. Das Lernen aber ist schwer, es braucht Zeit, es braucht Lehrer. Und wenige Menschen lernen ganz allein, meist braucht man Mitschüler, eine Gruppe, die gemeinsam lernt.

Wie Recht Alfred Delp hat, erkennt man, wenn man Asiaten, Afrikaner und manche Amerikaner kennen lernt. Für Millionen von ihnen ist auch heute das Glauben an Gott selbstverständlich. Sie gehen ganz natürlich davon aus, dass sie sich gegenüber einer transzendenten Macht verantworten müssen. Sie gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass ein Gott sie sieht, dass er ihnen eine Lebensordnung vorgegeben hat, dass er die Welt geschaffen hat und dass in ihr gewisse Regeln gelten. Auch heute wissen Millionen von Afrikanern, Asiaten und Amerikaner, dass ihre Kultur mit ihrer Religion zusammenhängt, dass Kulturen Gott brauchen, dass Kultur in religiösem Glauben begründet ist, und dass Kultur eigentlich nur durch den Glauben an einen transzendenten Gott entstehen und standhalten kann.

Europa hat sich von dieser religiösen Grundhaltung im Lauf der Aufklärung entfernt. Vielleicht war die enge Verquickung von Staat und Kirche sogar daran schuld. Die Kirche wurde in ihre Schranken verwiesen, der Mensch hat sich von ihr und ihren Überzeugungen entfernt. Gott wurde verdrängt. Dazu kamen die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die Gott scheinbar widerlegten. Man brauchte Gott immer weniger, denn man wusste, wie man Krankheiten ohne ihn heilte, wie man Gefahren für das Leben vermied, wie man die Ernte sicherte und vermehrte, wie man mangelnden Regen ersetzen konnte. Gott wurde für das praktische Leben nicht mehr gebraucht. Aber die menschliche Seele wurde immer ärmer.

Man brauchte ihn auch nicht mehr zur Vergebung der Schuld, denn die Psychologie lehrte, dass niemand wirklich schuldig ist, dass die Ursachen der Fehler in den Genen und in den Vorfahren begründet sind. Man brauchte Gott weder für die Ernte, noch für den Umgang mit der Schuld. Jedenfalls meinten viele, dass sie Gott nicht mehr brauchten, und so verlor der moderne Mensch seine Antennen für eine transzendente Macht, für das große Du hinter und über seinem Leben.

Und Alfred Delp wünscht sich für den modernen Menschen nun vor allem die Anbetung Gottes. Anbetung ist für ihn eine zentrale Kategorie. Nicht Bitte, nicht Frage, nicht Anklage, nicht Busse, sondern Anbetung. Mit gefesselten Händen schreibt er: „Brot ist wichtig, Freiheit ist wichtiger, am wichtigsten ist die ungebrochene Treue und die nicht verratene Anbetung“. Delp war Soziologe, er wusste, dass für den Menschen die Nahrung, das tägliche Brot grundlegend sind, er wusste gerade, weil er die Diktatur Hitlers erlebte, dass der Mensch Freiheit braucht um leben und atmen zu können. Er stellte aber an die Spitze der menschlichen Bedürfnisse die Treue dem Menschen gegenüber und die Anbetung Gottes. Delp wurde im Gefängnis von der Gestapo gefoltert. Vermutlich wollte man von ihm Namen von anderen Hitlergegnern herausprügeln. Daher galt für ihn „Treue“, das heißt niemanden verraten, zu den Freunden stehen, zusammenhalten, treu sein. Aber die Spitze der Werte und Grundhaltungen besteht für ihn in der Anbetung Gottes. Anbetung heißt Anerkennen, Gottes Hoheit anerkennen, annehmen, Wissen, dass man selbst unter einer höheren Autorität steht, dass man selbst nicht Herr ist, dass man sein Leben empfangen hat und nicht selbst schaffen kann. Gott anbeten ist für Delp die entscheidende Grundhaltung des Menschen. Durch Anbetung wird der Mensch erst wirklich Mensch, kommt zu seiner Höhe, wird zu dem, was Gott für ihn erdacht und geplant hat. Durch Anbetung kommt der Mensch zu wahrem Menschsein.

Neben dem Missverständnis der Freiheit ist der Verlust der Antenne für Gott die zentrale Bedrohung des Menschen, der Gesellschaft, des Staates, ja sogar Europas.

Was können Papst und Vatikan zur Werterenaissance beitragen?

Wer einen Schaden wahrnimmt, sucht natürlich sofort die Polizei oder den Doktor oder den Anwalt. Kein Wunder, dass kirchlich Interessierte in unserem Fall nach Papst und Vatikan rufen. Man braucht sie als Retter in der Not. Man sollte sie auch sonst dann und wann befragen.

Jeder einzelne fühlt sich natürlich überfordert, Wesentliches für die Überwindung von Trends zu tun. Auch daher der Ruf nach der großen Autorität. Kann man aus Rom Hilfe für eine Werterenaissance erwarten und erhoffen? Und welche Hilfe?

Ich möchte hier zunächst einmal aufzählen, was ich grundsätzlich von Rom erwarten würde. Später möchte ich dann das nennen, was man konkret und realistisch erwarten kann:

Zunächst das Grundsätzliche:

Ein Papst sollte prophetische Zeitdiagnosen geben. Er ist hoch genug erhoben über die Zeit und sollte auf Chancen und Möglichkeiten sowie auf Gefahren hinweisen. Er muss kritisch sein, unterscheiden zwischen dem, was Bestand hat und was vorübergehend ist, er soll die tieferen Anliegen und Bedürfnisse der Menschen erkennen und aussprechen. Er sollte prophetische Zeichen setzen.

Ich würde sagen: Papst Johannes Paul II. hat dies in außergewöhnlich guter Weise getan. Denken wir an seinen Gang durch das Brandenburger Tor, als er kurz nach dem Fall der Mauern nach Deutschland gekommen war. Denken wir an Reisen durch Afrika und Lateinamerika, an seinen Besuch in Auschwitz, in der Moschee in Damaskus, an seinen Besuch in Jerusalem. Benedikt hatte noch nicht so viele Gelegenheiten, solche Zeichen zu setzen, aber denken wir dennoch an sein stilles Verweilen in der Blauen Moschee in Istanbul, seinen Gang durch Auschwitz, seine Fahrt auf dem Rhein bei Köln. Päpste haben die Chancen solche prophetischen Zeichen zu setzen, Es kommt nur darauf an, dass diese Zeichen auch gesehen und interpretiert werden.

Päpste sollten aber nicht nur prophetisch auftreten, sondern auch nüchtern und kühl analysieren und diagnostizieren. In diesem Punkt ist meines Erachtens Papst Benedikt stark. Denken wir an unzählige Reden und Schriften aus der Zeit vor seiner Wahl auf den Stuhl Petri. Er legt den Finger auf wunde Stellen der Weltgesellschaft. Aber auch hier muss man sagen: es muss Menschen geben, die solche Diagnosen lesen und verstehen, sich für sie überhaupt interessieren.  

Päpste sollen weiter spirituell helfen. Spiritualität ist gefragt, wird gebraucht. Daher sollen Päpste auch dazu helfen, Gott zu suchen und zu finden. Sie sollen den Menschen helfen, in ihre eigene Tiefe abzusteigen, wo sie Gott finden können. Also nicht nur den Glauben lehren, sondern auch zum Glauben verhelfen. Menschen werden heute mehr durch die Person und ihr Leben überzeugt als durch das, was sie sagen.

Päpste müssen auch Personalpolitik betreiben. Sie müssen Bischöfe ernennen und ihre Mitarbeiter im Vatikan auswählen. Es kommt dabei darauf an, dass sie richtig beraten werden, dass sie sich richtig  beraten lassen, dass sie sich nicht von fragwürdigen Informanten führen und verführen lassen. Personalentscheidungen und Personalpolitik ist langfristig auch Kirchenpolitik und Kirchengeschichte. Papst Johannes Paul II. hat mit der Berufung von Kardinal Ratzinger nach Rom, von Kardinal Martini nach Mailand, von Kardinal Lustiger nach Paris. sehr wichtige und gute Entscheidungen getroffen. Leider ist er für Österreich und der Schweiz unklugen Ratgebern gefolgt.

Nicht der Papst, sondern der Vatikan muss die richtige und gute Medienarbeit leisten. Heute gilt nicht nur die Sache selbst, sondern besonders ihrer Vermittlung durch Medien. Wenn der Papst noch so gute Enzykliken schreibt und noch so gute Entscheidungen trifft, wenn diese nicht vermittelt werden, dann existieren sie für die breite Öffentlichkeit nicht. Ebenso gilt: wenn Bischöfe die schönsten Texte verfassen, aber wenn sie in den Medien nicht oder schlecht vermittelt werden, dann bleiben sie toter Buchstabe. Die breite Öffentlichkeit wird fast nur über die elektronischen Medien erreicht: Hörfunk, Fernsehen, Internet.

Prophetie, Zeitdiagnose, Spiritualität, Personalpolitik und Medienarbeit. Das sind die Bereiche, in denen man aus Rom und vom Papst etwas erwarten darf.

Wie sehe ich die Praxis, die konkreten Möglichkeiten? Sie könnten meiner Ansicht nach noch wesentlich verbessert werden.

Aber ich muss auch unterstreichen, dass der Papst und der Vatikan für die Katholiken rund um den Globus zuständig sind. Daher kann er oft keine sehr konkreten Aussagen machen. Die Situation in den einzelnen Ländern und Kontinenten ist sehr unterschiedlich. In sehr vielen Ländern fehlt es den Menschen am Notwendigsten. Es fehlt nicht nur das tägliche Brot, sondern auch Schule, Gesundheitsversorgung, Sicherheit, politische Struktur, Demokratie, am Schutz der Menschenwürde und der Menschenrechte.

Aussagen des Papstes an alle Katholiken müssen also eher allgemein sein, können nicht sehr konkret sein. Er kann sich nicht ununterbrochen an einzelne Länder wenden. Vor allem gilt hier in Abwandlung von einem alten Sprichwort: Hilf dir selbst, so hilft dir auch der Papst. Der einzelne Christ, die Kirche vor Ort müssen selbst Initiative ergreifen, wenn sie nur aus Hilfe aus Rom warten, werden sie selbst die Hilfsangebote von dort nicht einmal wahrnehmen. Die Hilfe aus Rom wird ja nur als solche erkannt, wenn die eigene Situation als Leidensdruck erkannt wird. Mit anderen Worten: man hört die Botschaft aus Rom nur dann, wenn man nach ihr ausschaut, auf sie wartet, sie ersehnt. Nur wer Interesse hat an einer Botschaft, nimmt sie wahr. Sonst wird sie überhört.

Unsere Medienwelt ist leider so, dass subtilere Meldungen und Ereignisse untergehen. Nur wenn der Papst gleichsam auf die „Pauke haut“, wird seine Botschaft übermittelt. Wenn er versucht, in die Herzen und Hirne hineinzuflüstern, dann wird es von den Medien vermutlich gar nicht aufgenommen. Wenn er plump daherreden würde, würde es übermittelt, wenn er differenziert, unterscheidet, fein analysiert, ist das zu kompliziert für die Massenmedien.

Wir können also aus Rom und vom Papst nicht erhoffen, dass er mit großen Worten die Welt auf den Kopf stellt, wenn wir nicht sehr offene Ohren haben. Und dennoch kann auch heute ein Papst der Welt etwas sagen, was sie aufhorchen lässt. Ich denke jetzt konkret an die erste Enzyklika Deus Caritas est von Papst Benedikt und an sein Buch „Jesus von Nazareth“.  Lassen Sie mich einen Vergleich ziehen zwischen Papst-Äußerungen und dem Film „Passion“ von Mel Gibson, der vor einigen Jahren viele Gemüter bewegte. Damals hofften einige Beobachter, der Film werde die Welt verändern. Leider hat er es nicht getan. Es war wohl auch nur eine fromme Hoffnung, dass so ein Streifen das Denken vieler Menschen grundlegend verändern könnte. So dürfen wir auch von päpstlichen Machtworten oder Ermahnungen nicht Wunder erwarten. Diese Worte können nur etwas bewirken, wenn es Menschen gibt, die sie wirklich hören. Die Zahl der hörbereiten Menschen muss wachsen, dann können Papstworte etwas bewegen. Viel eher schon hat das Leben von Mutter Theresa die Welt bewegt oder das öffentliche Leiden und Sterben von Papst Johannes Paul II. oder es bewegt das Leben und Sterben von unbekannten Christen, die überzeugend leben. Verba docent - exempla trahunt – Worte belehren, Beispiele reißen mit. Dies Wort geht auf einen ähnlichen Satz des alten Römers Seneca zurück. 

Lehrakzente von Papst Benedikt

Wir haben uns gefragt, was man vom Papst und Vatikan für eine Renaissance der Werte erwarten kann und darf. Noch ist Papst Benedikt erst kurz im Amt. Wir dürfen ihn also nicht überfordern. Aber fragen wir uns doch: was hat er bisher schon gesagt, welche Akzente hat er gesetzt und vor allem: haben wir sie vernommen, gehört, aufgenommen? Hat die Welt sie gehört, nimmt die Welt, nehmen die Christen sie ernst? Ich habe einmal zehn Lehrakzente von Papst Benedikt zusammengestellt.

Was sind nun die entscheidenden Anstöße und Aussagen von Papst Benedikt in den ersten zwei Jahren seines Pontifikats? Was wollte er zentral der Christen in aller Welt sagen?

Erstens: Glaube an Gott und Jesus Christus ist schön. Es ist keine Last, sondern der Glaube gibt Flügel. Benedikt geht offenbar davon aus, dass die öffentliche Meinung lautet: christlicher Glaube ist etwas Mühseliges, ist anstrengend. Dagegen stellt er die These: Glauben erleichtert das Leben, er verleiht eben Flügel. Wer glaubt, kann fliegen, kann sich erheben, sein Leben wird nicht schwerer, sondern leichter und schöner.

Zweitens: Die Geschlechtlichkeit des Menschen, die heute so viele Menschen bewegt, ist ein Geschenk Gottes. Eros ist nichts Böses, nichts vom Teufel, sondern eine Gabe Gottes. Wer aber bei der Erotik stehen bleibt, bleibt ein Kindskopf, bleibt unterentwickelt. Eros muss hinwachsen zu wirklicher Liebe, zu Agape und  Caritas, Danken wir Gott für unsere Geschlechtlichkeit und lassen wir sie wachsen, lassen wir sie nicht in der Erotik verkümmern.

Drittens: Die Kirche ist vor allem dazu da, die Liebe Gottes auf der Erde zu verkünden. Sie muss künden „Deus caritas est“. Gott ist Liebe. Gott ist keine Drohung, kein Strafender, sondern liebender Vater. Wenn wir das richtige Gottesbild haben, wird unser Leben schön und wird gelingen.

Viertens: Die Kirche wird nicht wachsen, wenn wir den Glauben verdünnen, wenn wir die Moral heruntersetzen, wenn wir liberal, modern, angepasst sind. Anziehend ist nur ein fordernder Glaube. Überzeugend ist die Kirche nur, wenn sie das Evangelium in seiner Fülle verkündet. Zugeständnisse an den Zeitgeist füllen die Kirchen nicht.

Fünftens: Die Menschen suchen im Gottesdienst das Geheimnis, das Mysterium, sie suchen nicht das, was der Mensch aus sich macht, sondern das, was dem Menschen geschenkt und gegeben ist. Die kirchliche Gemeinde darf sich nicht selbst feiern, sondern sie muss Gott feiern. Liturgie ist nichts vom Menschen Gemachtes, sondern heilige Handlung.

Sechstens:  Papst Benedikt hat wiederholt betont, dass die Spaltung der Kirchen ein Skandal ist, dass für ihn die Bemühung um die Einheit der Kirchen weiterhin gilt. Er ist aber auch davon überzeugt: es ist noch ein langer Weg, die Kirchen können die Einheit nicht einfach machen wie sich etwa Parteien zusammenschließen können. Einheit ist ein Geschenk Gottes, die Kirchen können und müssen an der Einheit  arbeiten. Aber sie können sie nicht herstellen.

Siebtens: Entscheidend für den Glauben sind nicht die Theologen, sondern alle Getauften. Theologen sind nicht die Herren des christlichen Glaubens, sondern seine Diener. Sie müssen den Glauben so verkünden, dass der getaufte Christ davon leben kann.

Achtens: Noch vor seiner Wahl auf den Stuhl Petri hat der damalige Kardinal Ratzinger von der Diktatur des Relativismus gesprochen und vor ihr gewarnt. Er diagnostiziert eine verbreitete Grundhaltung, dass es keine Wahrheit gibt, dass alles relativ ist, dass nichts absolut feststeht. Er sagt: Nicht die Wahrheit hängt vom Menschen ab, sondern der Mensch von der Wahrheit. Die entgegen gesetzte These werde sogar zu einer Diktatur. Alle Menschen würden gezwungen, jede absolut gültige Wahrheit zu verwerfen. Wer an Wahrheit glaube, sei ein Fundamentalist. Diese Ansicht verwirft der Papst und bekennt: es gibt Wahrheit und die Wahrheit sei Jesus Christus.

Neuntens: Papst Benedikt will in seinem Jesus-Buch allen Christen zeigen, dass aus der Heiligen Schrift des Neuen Testamentes glaubhaft hervorgeht, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Er verwirft damit die Ansicht, der Glaube an Jesus als Offenbarung des Vaters habe nur die Kirche erfunden, aus der Bibel gehe nur ein rein menschlicher Jesus hervor. Für den Papst sind die Quellen klar genug. In dem Jesus-Buch bezeugt er seinen Glauben an Jesus den Christus.

Zehntens: Christen dürfen sich nicht von ihren Wurzeln abschneiden. Wir müssen vielmehr den Glauben und die großen Glaubenszeugen kennen. Der Papst hat daher in seinen Katechesen bei den Generalaudienzen zuerst die Apostel und ersten Glaubenzeugen vorgestellt und stellt jetzt die Kirchenväter vor.

Wir kommen zum Schluss:

Wir leben zwar in einer kritischen Situation. Aber nur wenige Zeitgenossen nehmen das wahr. Die Gesellschaften Europas sind von einer schleichenden Auszehrung, ja vielleicht sogar Krankheit befallen. Noch hat die Öffentlichkeit die Phänomene kaum wahrgenommen. Diagnose und Therapie stehen aus. Hauptsächlich Beobachter von außen haben einen schärferen Blick. Therapie ist möglich. Aber sie darf nicht vor allem von einer Autorität erwartet werden. Der Patient selbst muss wahrnehmen, dass seine Gesundheit gefährdet ist. Aber innerhalb der Gesellschaft leben auch die Heilungskräfte für den Patienten. Sie müssen erkannt und gestärkt werden. Der Patient darf nicht auf den Arzt starren und von ihm ein Wunder wirkendes Medikament erhoffen. Er muss einfach aus seinem weichen Lager aufstehen, sich auf seine kulturellen Beine stellen und gehen. Er wird merken: es geht, ich habe alle Lebenskräfte in mir, muss mich ihrer entsinnen, sie ernst nehmen und gehen. Siehe da: Wenn Europa an die eigenen Werte glaubt und ihnen vertraut, kann es der Welt weiterhin mit gutem Beispiel vorangehen.

Zusammenfassung:

Es gibt ein „Weltkulturerbe Europa“. Es besteht in Entdeckung der Menschenwürde und der Menschenrechte. Dahinter steht das christliche Menschenbild. Dies begründete die Entdeckung der Freiheit.

Das Weltkulturerbe Europa ist bedroht durch Mangel an Bewusstsein der erreichten Werte. Das zeigt sich in den Medien, in der Politik, in Bildung, in moralischer Verirrung, in einem falschen Freiheitsverständnis, im Verlust einer Antenne für Gott. Grundsätzlich können Päpste Einfluss nehmen durch prophetische Aussagen, Spiritualität, Analyse, Medienarbeit und Personalentscheidungen. Papst Benedikt hat Akzente gesetzt in Lehre, Zeichen, Ökumene.

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Vortrag "Wertekultur" herunterladen

Brauchen wir eine neue Wertekultur?
 Was können und sollen die Kirchen dazu beitragen?
 Vortrag in Heilbronn bei der „Akademie für Information und Management“
20. Oktober 2007.
 P. Eberhard v. Gemmingen SJ

Stimmt der Satz von Fjodor Dostojeski „Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt“? Sollte er stimmten, so bringt er in kurzer präziser Weise auf den Punkt, warum die Frage nach den Werten heute virulent geworden ist.

Denn viele nachdenkliche Menschen in Mitteleuropa fragen seit ein paar Jahren nach einer neuen oder gar alten Wertekultur. Viele haben den Eindruck, dem alten Europa sei etwas Grundlegendes verloren gegangen. Daher gebe es zu viel Lüge, Betrug, Gewalt, Untreue, zu viel Korruption, zu viel Leiden, auch zu viel Dummheit und leere Schlagworte, zu wenig Anstrengung im Guten, zu wenig Solidarität, zu wenig Gerechtigkeit und Frieden.

Bevor ich in die Einzelheiten einsteige, möchte ich Ihnen gleich meine Grundüberzeugung sagen, die Sie möglicherweise provozieren wird.

1. Die Werte fehlen – weil Gott fehlt

Meiner persönlichen Ansicht nach steht hinter dem Verlust von Werten letztlich der Verlust von Religion, von Transzendenz, der Verlust des Heiligen und Gottes. Wenn eine Bevölkerung kaum mehr eine Ahnung davon hat, dass sie sich vor einer jenseitigen Macht verantworten muss, dann verfällt langfristig Wertekultur und Kultur überhaupt.

Ich möchte diese These, die vermutlich von vielen scharf kritisiert wird, erklären und begründen: Hochkulturen sind entstanden, weil Gesellschaften sich an eine transzendent begründete Gemeinschaftsordnung gebunden haben. Es gab bei ihnen Werte und daher Normen, über die nicht diskutiert und nicht abgestimmt wurde. Sie waren unverbrüchlich und zwar weil man sie als eine göttliche Ordnung ansah, eine Ordnung, die von einer transzendenten Autorität herkam. Auch wenn es in den Hochkulturen Religionsgründer gab – oder besser Personen, die am Anfang einer Religion standen – so sah man sie doch als Boten einer jenseitigen Autorität an, vor der man sich gemeinsam beugte. Ich möchte ausdrücklich nennen die Kulturen Chinas, Japans, Indiens und des arabischen Raumes.

Die Menschen in diesen Hochkulturen waren davon überzeugt, dass die Ordnung, in die sie hineingeboren wurden, sakrosankt ist, dass Eltern und Staat ihre Autorität letztlich von Gott, von einer transzendenten Macht haben. Der Glaube, dass hinter dem Sichtbaren etwas Mächtiges, Großes, Göttliches steht, hat die Menschen zu einem verantwortungsvollen Verhalten, zu einer Anerkennung von unerschütterlichen Werten geführt. Sie verhielten sich angesichts einer Gottheit gegen einander, gegen die ganze Volksgemeinschaft und gegen ihre Welt verantwortlich.

In Europa hat der Prozess der Aufklärung im Lauf der letzten 200 Jahre Religion so sehr in Frage gestellt, dass sie in der Gesellschaft fast keine Rolle mehr spielt. Religion wurde zur Privatsache. Und jetzt zeigt es sich, dass eine Gesellschaft ohne transzendente Bindung auch in Gefahr ist, kulturell verfallen. Ich spreche bis jetzt wohlgemerkt nicht vom Christentum, auch nicht vom Glauben an einen Gott, sondern von einer transzendenten Bindung. Aufklärung bedeutet, dass alles Religiöse, alles gesellschaftlich Vorgegebene kritisch mit der Vernunft in Frage gesellt wird. Religion und Glaube müssen sich vor dem Verstand rechtfertigen. Dieser Prozess ist in sich gut und sogar notwendig. Ich nenne nur zwei Namen, mit denen sich Aufklärung verbindet: in Deutschland der Philosoph Emanuel Kant, in Frankreich Voltaire.

Man kann und muss aber auch sagen: Aufklärung – nämlich das Ernstnehmen der menschlichen Vernunft – ist eine Frucht des Christentums. Sie ist letztlich begründet im biblischen Glauben. Einer der Grundtexte christlichen Glaubens, nämlich die Genesis, die Schöpfungsgeschichte ist ein Text der Aufklärung .Er sagt: die Gestirne, Sonne und Mond, sind keine Götter, was in der Umwelt der Bibel geglaubt wurde. Sie sind vielmehr von Gott geschaffene Geschöpfe, müssen und dürfen nicht angebetet werden, sondern sind Beleuchtungskörper, damit die Menschen leben können. Dies Beispiel soll zeigen: Aufklärung ist nichts grundsätzlich Antireligiöses, sondern eben die Auseinandersetzung der Vernunft mit dem Glauben. Sie musste kommen. Christlicher Glaube und Kirche mussten sich vor der immer mehr erwachenden Vernunft rechtfertigen. Das geschah mehr oder weniger im 18. Jahrhundert – vor der französischen Revolution. Damals hatten die Kirchen auch eine weltliche Macht, die ihnen nicht zustand. Die aufgeklärte Vernunft hat auch die Kirchen entmachtet. Gegen all dies ist nichts zu sagen. Ja, es ist sogar gut für Kirchen und Glauben. Im Zuge der Aufklärung aber wurde der religiöse Glaube dann auch zur Sache jedes einzelnen Menschen, zur Privatsache. Die Welt hat Religionsfreiheit entdeckt, das heißt das Recht jedes Menschen, selbst seine Religion zu wählen. Staat und Gesellschaft, aber auch die Kirche dürfen dem Menschen die Religion nicht diktieren oder gar aufzwingen. Das war bis zur Aufklärung nicht erkannt. Bei uns gilt also gottlob die Religionsfreiheit.

Die heutigen Probleme mit den Werten aber sind entstanden, weil wir einseitig nur die Religionsfreiheit und damit Toleranz entdeckt und betont haben, andererseits aber tiefer liegende Werte teilweise aus den Augen verloren haben: Ich denke an das religiöse Urverlangen jedes Menschen, an seine Sehnsucht nach Geborgenheit, Liebe, nach Ewigkeit, ich denke an seine tief verwurzelte Sehnsucht nach dem, was man Gott nennt sowie aufgrund dieser urmenschlichen Sehnsucht an die unantastbare Menschenwürde und die Menschenrechten. Darauf muss ich später genauer eingehen.

Einwände gegen Religion

Nun stellt sich natürlich sofort die Frage nach dem Fehlern der Religionen, auch der christlichen Religion. Religiöser Glaube an eine jenseitige Gottheit hat die Menschen auch zu Menschenopfern, zu Kriegen und Unterdrückung - etwa der Frau – geführt hat. Christen haben im Namen ihrer Religion andere Kulturen, Religionen und Völker zerstört, haben Menschen versklavt, haben Bücher und Menschen verbrannt, haben sie unterdrückt, ausgebeutet. Sicher: auch Glaube an eine jenseitige Autorität kann Menschen zu unmenschlichem Verhalten führen, es rechtfertigen. So missbrauchen heute Terroristen mitunter die Religion des Islam. Religion ist nicht automatisch Garantie für wahre Menschlichkeit. Aber das bedeutet ja nicht, dass Religion als solche und immer inhumanes, kulturloses Verhalten fördert. Im Gegenteil: ich bin davon überzeugt, dass die großen Weltkulturen in China, Japan, Indien, Arabien und schließlich Europa nicht ohne eine Beziehung der Menschen zu jenseitigen Werten und Gottheiten zu verstehen sind.

Wir kommen zu unserer Grundfrage: Brauchen wir eine neue Wertekultur?

Brauchen wir eine neue Wertkultur?

Um Antwort auf diese Frage zu geben, müssen wir zunächst nach der alten Wertkultur fragen. Es wäre kindisch, sozusagen neue Werte erfinden zu wollen. Wir können nur zurückgreifen auf eine Kultur, die uns vielleicht verloren gegangen ist. Und wir müssen vor allem fragen, woraus sich diese alte, aus den Augen geratene Kultur gespeist hat. Danach kommt die Frage, wodurch diese Kultur bedroht ist und wie wir sie wieder verlebendigen können.

Das ist auch die Gliederung meiner weiteren Ausführung:

  • Worin bestand die alte Wertekultur und woher kam sie?
  • Wodurch ist diese Kultur bedroht
  • Was können die Kirchen tun für eine neue Wertekultur

Ich bitte Sie meine Ausführungen nicht als Anklage zu verstehen, sondern als Diagnose unserer Situation. Ich weiß nicht, ob ich für dieses Referat gebeten wurde, weil oder obwohl ich katholischer Priester bin. Ich verstehe meine Ausführungen nicht als Anklage, sondern als Diagnose. Und wenn ich zu Anfang sehr pessimistisch wirke, so möchte ich jetzt schon darauf hinweisen, dass ich im zweiten Teil optimistischer sprechen werde.

Unsere alte europäische Wertekultur fasse ich mit dem Wort „Weltkulturerbe Europa“ zusammen.

„Weltkulturerbe Europa“

Neulich zitierte Altministerpräsident Erwin Teufel den ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss. Der sagte: Europa ist auf drei Hügeln erbaut: auf dem Areopag in Athen, auf dem Kapitol in Rom und auf dem Golgothahügel in Jerusalem. Die Kultur Europas basiert auf der griechischen Philosophie, Kunst, Demokratie, auf dem römischen Recht und der Völkergemeinschaft, auf der Bergpredigt und dem gelebten Liebesgebot Jesu. Die Werte dieser drei Hügel sind gleichsam in die Verfassungen der europäischen Staaten eingegangen. In Deutschland ins Grundgesetz.

Der erste Satz unseres Grundgesetzes lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“. Ich halte diesen Satz für einen kulturgeschichtlichen Durchbruch sondergleichen. Vielleicht sollten wir ihn über unseren Schreibtisch oder in unser Wohnzimmer hängen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ In Paragraph 2 heißt es dann: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“. In Paragraph 3 heißt es: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Männer und Frauen sind gleichberechtigt“

Diese Sätze sind europäisches Kulturgut. Europa ist primär keine Frage der Geographie, sondern des Geistes, der grundlegenden Überzeugungen und Normen.

Für die Durchsetzung dieser Prinzipien sind die besten unserer Vorfahren gestorben. Und wohlgemerkt: Die dahinter stehenden Werte sind zwar keine Schöpfungen der Europäer. Denn sie bestanden, bevor es Europa gab. Aber sie wurden wesentlich von Europäern entdeckt und auch mühsam erkämpft.

Die meisten nicht-europäischen Staaten haben heute zwar heute gottlob ähnliche Verfassungen, aber deren Inhalt kommt weitgehend aus Europa und seiner Geschichte.

Hier noch einige weitere Zentralbegriffe aus unserer Verfassung:

Basierend auf der unantastbaren Menschenwürde stehen die Menschenrechte. Im Einzelnen sind es: Lebens- und Entfaltungsrecht, Rechtsgleichheit, gerade auch von Männern und Frauen, Verbot jeder Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Abstammung, Rasse, Sprache, Religion; Freiheit des Glaubens und Gewissens, Meinungs-, Presse-, Kunst- Versammlungsfreiheit, Schutz von Ehe und Familie.

Alle diese Grundüberzeugungen waren Jahrhunderte lang nicht oder nur in Bruchstücken bekannt und anerkannt. Sie sind in Europa im Lauf der Jahrhunderte erkämpft und erlitten worden.

Und ganz wesentlich: Sie haben ihre Wurzeln im Glauben der Juden, bei den Griechen und Römern und schließlich vor allem im Evangelium Jesu Christi. Zur Blüte gebracht wurden sie freilich erst durch die Aufklärung. Und das hat Glaube und Staat gut getan. Auch wenn heute sehr viele Staaten diese Grundüberzeugungen auf ihre Fahnen schreiben, so ist eben doch Europa der Kontinent, auf dem diese Grundüberzeugungen errungen und erlitten wurden.

Der entscheidende Punkt für den Durchbruch zu diesen Grundüberzeugungen liegt im christlichen Menschenbild. Nach dem Glauben des alten und Neuen Testamentes ist jeder Mensch Geschöpf und Ebenbild Gottes, ja man kann ihn sogar Partner Gottes, von Gott angesprochene Person nennen. Wohlgemerkt: nicht nur Mitglieder der Kirche, sondern wirklich jeder Mensch. Alle Menschen sind von Gott geliebt und ernst genommen. Jeder Mensch ist daher unmittelbar Gottes Partner und nur ihm verantwortlich. Er braucht dazu nicht die Vermittlung von Kirche und Priestern. Diese sind aber die Überbringer dieser Botschaft. Die Weisheit Griechenlands und Roms war gute Voraussetzung für das Entstehen der christlichen Kultur.

In den anderen Weltkulturen steht der einzelne Mensch mit seiner Würde und seinem Wert nicht in gleicher Weise so im Zentrum. Wer die Kulturen Chinas, Japans, Indiens und des Arabischen Raumes auch nur ein wenig kennt, weiß, dass dort andere Menschenbilder gelten. Der einzelne Mensch hat weniger Geltung und Rechte.

Diese Gottunmittelbarkeit gibt dem Menschen, Mann und Frau, Gesundem und Kranken, Reichen und Armen, seine Unantastbarkeit. Das Verhältnis des Menschen zu Gott geht seinem Verhältnis zu Staat und Familie voraus. Es ist daher wichtiger und grundlegender. Daraus erwächst die Freiheit des Einzelnen, eine ungeahnte Freiheit, die in anderen Kulturen so kaum denkbar sind. Die in der Gottunmittelbarkeit begründete Freiheit des Menschen hat Europa zu dem gemacht, was es ist. Staat und Familie dürfen dem Menschen seine Freiheit sowie seine Grundüberzeugungen wie Religion und Gewissen nicht diktieren und nicht bestreiten. Auf all diesen Grundannahmen beruhen heute die Freiheitsrechte jedes Bürgers

Wodurch ist das „Weltkulturerbe Europa“ bedroht?

Eigentlich sollte man denken, dass die Kultur Europas nach dem Fall von Faschismus und Kommunismus weniger bedroht ist als vorher. Vielleicht ist das ja auch so. Aber es gibt doch auch Anzeichen dafür, dass die Überzeugungen, die Europa einst kulturell und human groß gemacht haben, heute tiefer bedroht sind. Ich denke dabei weniger an Terrorismus und fanatischen Islam, sondern eher an die stillen und daher unerkannten Feinde dieses Weltkulturerbes. Ich möchte einige nennen.

Mangel an grundlegendem Wertbewusstsein: Die allermeisten Bürger Europas sind sich wohl kaum der Werte und Vorteile bewusst, durch die ihr alltägliches Leben geprägt und gesichert ist. Beispiele: Frauen können sich um Arbeitsstellen bewerben, auf die sie Jahrhunderte lang keine Rechte hatten. Ich weiß, dass dies oft reine Theorie ist, dass sie praktisch oft kaum eine Chance auf Arbeitsplätze haben, die traditionell Männer innehaben. Aber niemand hat heute das Recht, ihnen solche Arbeiten zu verwehren. Weiter: Alle Bürger können ihre Rechte einklagen, was jahrhunderte lang nicht möglich war. Menschenhandel ist heute strafbar – auch wenn er leider praktiziert wird. Jeder kann die Zeitung lesen, die seiner Weltanschauung entspricht, kann sich politisch entsprechend betätigen, kann weltweit ohne Beschränkungen reisen, was früher nicht nur technisch unmöglich war, sondern auch politisch verhindert wurde.

Von all dem haben unsere Vorfahren nur geträumt, sie haben dafür gekämpft, sind sogar dafür gestorben. Und wir genießen die Früchte ihrer Kämpfe und jammern, wenn manches technisch nicht funktioniert oder die Politiker sich streiten. Eine Bedrohung des Weltkulturerbes besteht darin, dass wir die erkämpften Rechte zwar genießen, uns aber der Vorzüge überhaupt nicht bewusst sind,

Hier nun fünf Bereiche, in denen es sich besonders zeigt, dass es an grundlegendem Wertbewusstsein mangelt.

Medien: Wenn ich durch die zahlreichen Buch- und Zeitschriftenläden gehe, dann muss ich mich schon fragen, in welcher Kultur oder Unkultur wir eigentlich leben. Wie viel völlig Wertloses, Falsches, ja Schädliches wird gedruckt, gekauft und gelesen! Wie viel oberflächliches Denken ernst genommen wird. Wie oft wurde beispielsweise den Menschen schon der „ultimative Sex“ versprochen, Liebe und Zuneigung aber keine Rolle spielen. Wie oft wurde ihnen schon weisgemacht, dass sie abmagern können – ohne zu fasten. Wie oft wurde verheißen, niemand brauche zu altern und Gesundheit sei für Jahrzehntegarantiert.

Wie viel Unwahres auch über die Geschichte der Kirche, der Bibel, der Päpste geschrieben und einfältigerweise geglaubt wird. Die Menschen lassen sich billig an der Nase herumführen, wenn nur Schreiber und Schreier pseudowissenschaftlich auftreten. Dann wird auch das Dümmste geglaubt. Und wenn man die Mehrzahl der Fernsehprogramme betrachtet, so bekommt man das Grausen. Einst hatte unser Vorfahr Heinrich Heine Presse- und Meinungsfreiheit gefordert. Wir haben sie. Was würde er sagen, wenn er unsere Zeitschriften und Fernsehprogramme sähe? Wir lassen uns einnebeln, missbrauchen oft die von den Vorfahren erkämpfte Freiheit.

Politik: Jahrzehnte dauerte der Kampf unserer Vorfahren um politische Grundrechte: Wahlrecht, Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit, Parteienbildung, um Demokratie und Mitbestimmung in Staat und Gesellschaft. Wir haben sie. Mehr und mehr Bürger aber interessieren sich nicht für die Politik. Sie wählen Politiker, die nur Parteipolitik treiben. Die Parteien sind geschlossene Gesellschaften. Geschieht heute schleichend das, was schon die Weimarer ruinierte, dass nämlich niemand mehr für die Demokratie zu kämpfen und zu sterben bereit ist? Was würden die Hitler-Widerständler sagen, die ihr Leben für ein besseres Deutschland geopfert haben. Ich fürchte, sie würden über unsere Demokratie weinen – nicht nur über die Politiker, auch über die Wähler.

Demographie: Deutschland leidet unter Nachwuchsmangel, geht vielleicht unter wegen Mangels an Kindern. Den meisten Kindern und Eltern geht es zwar heute wirtschaftlich besser als in den vergangenen 2000 Jahren. Aber in dieser Welt wollen offenbar viele nicht leben. Man schätzt das Leben nicht mehr. Die Familie wird als Auslaufmodell gesehen. Die Überbewertung der berufstätigen Frau gegenüber der Mutter, ebenso wie die totale Versorgung der Kinder durch den Staat tragen dazu bei.

Bildung: Wir surfen um die Welt, schauen aus dem Weltall auf unsere Erde, steuern unsere Autos mit Hilfe von Satelliten, kommunizieren in Sekundenschnelle rund um den Globus. Aber wie wenige haben noch eine Ahnung von Beethoven und Goethe, von Dante und Rilke, von Michelangelo und Dürer? Jedenfalls habe ich beim Gang durch Buchhandlungen nicht den Eindruck, dass wir sehr gebildet sind.

Vielleicht ist tatsächlich das Weltkulturerbe Europa nicht gefährdet, aber man kann schon den Eindruck davon haben. Von den Analphabeten in Deutschland möchte ich gar nicht sprechen, auch nicht von den armen Menschen, die sich täglich mit einem 50-Cent-Blatt begnügen!

Sexualität:

Es ist gut, dass über Sexuelle Fragen heute nicht mehr gemunkelt, sondern offen gesprochen wird. Es ist gut, dass Männer und Frauen auch in diesem Bereich gleiche Rechte haben. Aber ich komme nicht umhin zu beobachten, dass Frauen unglaublich ausgebeutet werden. Frauen werden maßlos missbraucht in der Werbung. Sie werden zu Sexobjekten degradiert. Und zur Frage der homosexuellen Orientierung: Männer, die sexuell auf andere Männer hin orientiert sind, gehen für ihre Rechte auf die Straße, Frauen tun es ihnen gleich. Die Mehrheit der Bevölkerung aber, die Familien, die die Zukunft der Gesellschaft und des Landes tragen, sind sprachlos, verunsichert. Alle wissen, dass jedes Land von Familien, von Kindern und Jugendlichen abhängt. Daher muss heterosexuelle Ausrichtung der Maßstab des Menschen für die Gesellschaft sein. Das wird nicht oder zu wenig angesprochen. Dafür wird nicht demonstriert. Denn viele meinen, das würde die Homosexuellen diskriminieren. Tatsächlich dürfen Homosexuelle wegen ihrer Orientierung persönlich nicht diskriminiert werden, aber sie dürfen nicht Maßstab der Gesellschaft werden, sie dürfen nicht gleiche Rechte wie Heterosexuelle erhalten, beispielsweise das Recht, Kinder zu adoptieren. Denn Kinder brauchen um psychisch ausgeglichen heranwachsen zu können, einen männlichen und einen weiblichen Elternteil. Das steht wohl in jedem Psychologiebuch. Selbst Homosexuelle hängen ja von den Heterosexuellen ab, von funktionierenden Familien, von Familien, in denen sich Kinder geborgen fühlen, in denen es auch Mann und Frau gut geht.

Religion als Privatsache

Ich komme nun zu einer tieferen Bedrohung unserer grundlegenden Werte. Sie besteht darin, dass wir - wie oben schon angedeutet - einseitig Religionsfreiheit betonen und Religion fast nur noch als Privatsache ansehen. Die meisten Bürger sind der Ansicht, dass eine transzendente Verankerung der gemeinsamen Grundwerte und Überzeugungen nicht nötig und überflüssig ist, und der menschlichen Freiheit widerspreche. Religionsfreiheit ist aber aufgebaut auf der Menschenwürde. Religionsfreiheit setzt Menschenwürde voraus. Wenn es keine unantastbare Menschenwürde gibt, ist es sinnlos, von Religionsfreiheit zu sprechen. Freiheit setzt Würde voraus. Die Menschenwürde ist aber nur ein Teil der grundlegenden Werte, auf denen menschliches Leben und das Leben der Gemeinschaft aufruht. Wenn Religionsfreiheit losgelöst wird von diesen zugrunde liegenden Werten, dann verkommt sie, dann wird sie zu einer schlechten, oberflächlichen Toleranz. Der Mensch kann aber nur dann tolerant sein, wenn er tiefer liegende Überzeugungen hat. Nur der von grundlegenden Werten Überzeugte kann wirklich tolerant sein, kann die Überzeugungen des Anderen tolerieren. Nur der von Werten getragene Überzeugte wird die andere Überzeugung des Anderen respektiert, weil er von der Würde und Freiheit des Anderen ausgeht. Toleranz ist nicht Gleichgültigkeit, sondern Anerkennung der Menschwürde und Freiheit des Anderen. Daher kann nur der Überzeugte wirklich in richtiger Weise gegen Intoleranz kämpfen.

Religion ist also nicht einfach Privatsache.

Wenn eine ganze Gesellschaft wirklicher Religionsfreiheit üben will, muss sie getragen sein von einem tiefen Wertebewusstsein, von dem Bewusstsein, dass es unantastbare Werte gibt. Dieses Bewusstsein unantastbarer Werte wird am besten festgemacht durch die Überzeugung der Würde jedes Menschen. Jeder Mensch – ob reich oder arm, schön oder hässlich, schwarz oder weiß – hat eine unantastbare Menschwürde. Und diese Überzeugung muss in einem Gemeinwesen und seiner Rechtsordnung vorfindbar sein. Nur dann ist Religionsfreiheit nicht einfach Oberflächlichkeit.

Die Folge davon ist, dass keine Verfassungsgebende Versammlung die Grundwerte antasten oder ändern darf, beispielsweise die Überzeugung, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, dass sie unantastbare Würde haben. Wenn sie es täte, würde sie die Gesellschaft dem Chaos überlassen.

Soweit zur Religion als Privatsache.

In unserer Zeit werden nun manche Werte so betont, dass sie quasi religiöse Bedeutung erlangen. Das gilt zum Beispiel für das Thema Umwelt. Gerade wir Deutsche haben aus der Ökologie eine Quasi-Religion gemacht. Diese ist nicht unbedingt ungefährlich oder gar Götzendienst.

Liberalismus und Missverständnis von Freiheit

Gefährlich ist eine andere Quasi-Religion, nämlich der Liberalismus oder ein falscher Begriff von Freiheit. Papst Benedikt sprach kurz vor seiner Wahl zum Papst von der Diktatur des Relativismus. Ich möchte dies etwas ausführlich erklären: Alle Menschen sind durch ihr Geschlecht, durch ihre Eltern und das Volk, in dem sie geboren werden, durch ihren sozialen Status und ihre Gesundheit festgelegt und haben hier keine Wahlmöglichkeit. Aber sie können auf der Basis dieser Vorgaben vieles frei entscheiden. Wir entscheiden selbst, wie wir uns ernähren und kleiden, welchen Beruf wir ergreifen, welchen Partner wir wählen, wie viele Kinder wir haben, ja sogar, welcher Religion wir angehören wollen. Wir sind also gleichzeitig vorgeprägt und daher unfrei und frei.

Wir haben aber gleichzeitig auch geistige und moralische Vorgaben unserer Freiheit, die wir frei annehmen sollen, wozu wir aber nicht von außen gezwungen werden. Es handelt sich im Wesentlichen um das, was in den zehn Geboten steht: Du sollst nicht töten, sollst die Wahrheit sagen, sollst nicht betrügen, sollst deinen Ehepartner nicht verlassen, du sollst deine Eltern ehren, du sollst niemand übervorteilen und beneiden. Grundlegend könnte man sagen: was du nicht willst, was man dir tut, das füg auch keinem anderen zu. Diese Vorgaben für unsere Freiheit müssen frei angenommen werden. Wer sie annimmt, erhebt sein Menschsein, wer sie nicht annimmt, verliert etwas davon. Freiheit bedeutet also zusammengefasst: Verantwortung gegenüber einer vorgegebenen Ordnung und gegenüber dem nächsten Menschen. Freiheit besteht in zwei Stufen: die untere Stufe besteht in der freien Annahme einer vorgegebenen Humanordnung, die obere Stufe in der Entfaltung der eigenen Gaben auf ein göttliches und humanes Ziel.

Durch ein Missverständnis der Aufklärung haben viele Menschen heute ein falsches Verständnis von Freiheit. Sie meinen meist, Freiheit bedeute einfach die Möglichkeit, tun und lassen zu können, was gefällt oder richtig scheint. Wenn nun aber zu viele Menschen den Begriff der Freiheit missverstehen, dann ist dies eine Bedrohung der Gesellschaft ähnlich wie die Zerstörung der Umwelt und des Weltklimas. Umwelt- und Klimazerstörung kann man messen. Zerstörung durch Freiheitsmissbrauch ist kaum messbar, denn sie schafft selbst wieder eine Blindheit, sodass die Schäden nicht mehr wahrgenommen werden.

Da Europa nun aber mehr als die Kulturen Asiens, Afrikas und Amerikas die Freiheit des Menschen entdeckt hat, ist Europa selbst durch seine Entdeckung bedroht. Es ist wie beim Zauberlehrling, der die von ihm selbst verzauberte Welt nicht mehr bändigen kann. Immerhin ist er nicht ganz verloren, wenn er wenigstens seine Fehler als Fehler erkannt hat. Europa ist nicht ganz verloren, wenn es wenigstens sein Missverständnis von Freiheit bald erkennt und zum wahren Begriff von Freiheit zurückkehrt, das heißt zu Freiheit als Verantwortung.

Nun möchte ich mich noch einem anderen typisch europäischen Phänomen zuwenden:

Die Unfähigkeit des Menschen zu Gott

Wenn wir heute gebildete Menschen aus Afrika, Asien und Amerika treffen, so werden viele von ihnen ganz selbstverständlich bekennen, dass sie an Gott glauben. Das ist in Europa anders. Für Millionen ist der Glaube an einen Gott unfassbar, ein Überbleibsel, etwas für Zurückgebliebene.

Vor rund einem Monat wurde an vielen Orten des 100. Geburtstags von Pater Alfred Delp gedacht. Er war am 15. September 1907 geboren worden. Delp kann man wohl einen der heraus ragendsten christlichen Vordenker unserer Zeit nennen. Er hatte in Nazi-Kerker Intuitionen, die bis heute ihre Gültigkeit haben. Eine seiner Feststellungen ist die Unfähigkeit des modernen Menschen zu Gott. Der moderne Mensch ist Gottes unfähig. Zur gleichen Zeit aber schreibt er, Gott gehört in die Definition des Menschen. Das heißt: Der Mensch wird er selbst durch seine Frage nach Gott, durch seine Suche nach Gott. Der Mensch, der nicht nach Gott fragt, versäumt sein Eigentlichstes, sein Tiefstes, sein Bestes, Wer nicht an Gott glaubt, ist in Gefahr, sein Humanstes zu verlieren. Ohne Gott ist der Mensch in Gefahr, zu verkümmern.

Und nun eben auch seine Feststellung: der moderne Mensch ist aber Gottes unfähig geworden. Wohlgemerkt: es ist nicht des Menschen Bosheit, es sind nicht primär seine Sünden, die ihn Gottes unfähig gemacht haben. Der moderne Mensch hat im Lauf der Geschichte sein natürliches Fragen nach Gott verlernt, er weiß nicht mehr, wie das geht. Er müsste es wieder lernen.

Auch heute wissen Millionen von Afrikanern, Asiaten und Amerikaner, dass ihre Kultur mit ihrer Religion zusammenhängt, dass Kulturen Gott brauchen, dass Kultur in religiösem Glauben begründet ist, und dass Kultur nur zu ihrer eigentlichen Größe kommen kann, wenn sie nach Gott fragt, sich auf ihn hin orientiert.

Europa hat sich von dieser religiösen Grundhaltung im Lauf der Aufklärung entfernt. Vielleicht war die enge Verquickung von Staat und Kirche sogar daran schuld. Die Kirche wurde in ihre Schranken verwiesen, der Mensch hat sich von ihr und ihren Überzeugungen entfernt. Gott wurde verdrängt.

Naturwissenschaft und Psychologie

Dazu kamen die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die Gott scheinbar widerlegten. Man brauchte Gott immer weniger, denn man wusste, wie man Krankheiten ohne ihn heilte, wie man sich gegen Gefahren versicherte, wie man die Ernte sicherte und vermehrte, wie man mangelnden Regen ersetzen konnte. Gott wurde für das praktische Leben nicht mehr gebraucht. Aber die menschliche Seele wurde ärmer.

Man brauchte ihn auch nicht mehr zur Vergebung der Schuld, denn die Psychologie lehrte, dass niemand wirklich schuldig ist, dass die Ursachen der Fehler in den Genen und in den Vorfahren begründet sind. Man brauchte Gott weder für die Ernte, noch für den Umgang mit der Schuld. Jedenfalls meinten viele, dass sie Gott nicht mehr brauchten, und so verlor der moderne Mensch seine Antennen für eine transzendente Macht, für das große Du hinter und über seinem Leben.

Und Alfred Delp wünscht sich für den modernen Menschen nun vor allem die Anbetung Gottes. Anbetung ist für ihn eine zentrale Kategorie. Nicht Bitte, nicht Frage, nicht Anklage, nicht Busse, sondern Anbetung. Mit gefesselten Händen schreibt er: „Brot ist wichtig, Freiheit ist wichtiger, am wichtigsten ist die ungebrochene Treue und die nicht verratene Anbetung“. Delp war Soziologe, er wusste, dass für den Menschen die Nahrung, das tägliche Brot grundlegend sind, er wusste gerade, weil er die Diktatur Hitlers erlebte, dass der Mensch Freiheit braucht um leben und atmen zu können. Er stellte aber an die Spitze der menschlichen Bedürfnisse die Treue dem Menschen gegenüber und die Anbetung Gottes. Delp wurde im Gefängnis von der Gestapo gefoltert. Vermutlich wollte man von ihm Namen von anderen Hitlergegnern herausprügeln. Daher galt für ihn „Treue“, das heißt niemanden verraten, zu den Freunden stehen, zusammenhalten, treu sein. Aber die Spitze der Werte und Grundhaltungen besteht für ihn in der Anbetung Gottes. Anbetung heißt Anerkennen, Gottes Hoheit anerkennen, annehmen, Wissen, dass man selbst unter einer höheren Autorität steht, dass man selbst nicht Herr ist, dass man sein Leben empfangen hat und nicht selbst schaffen kann. Gott anbeten ist für Delp die entscheidende Grundhaltung des Menschen. Durch Anbetung wird der Mensch erst wirklich Mensch, kommt zu seiner Höhe, wird zu dem, was Gott für ihn erdacht und geplant hat. Durch Anbetung kommt der Mensch zu wahrem Menschsein.

Ich meine: unsere Gesellschaft ist im Wesentlichen bedroht von einem Mangel an Wertebewusstsein, einem Missverständnis von Freiheit und einem Verlust der Antenne für Gott.

 

Heute anerkannte Grundwerte

Was ich bisher ausgeführt habe, kann den Eindruck erwecken, bei uns sei alles schlecht. Das ist ein falscher Eindruck, aber um zur Heilung, zur Therapie zu kommen, musste ich zunächst die Bedrohung aufzeigen. Gottlob gibt es in unserer Gesellschaft fünf Grundwerte, über die wir uns weitgehend einig sind: Toleranz, Solidarität, Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung. Aber offenbar sind sie einerseits bedroht. Andererseits scheinen sie nicht ganz auszureichen für eine gesunde Gesellschaft. Irgendetwas fehlt dennoch. Denn woher kommen: Jugendkriminalität, Brutalität in Stadien, Gewaltverherrlichung im Fernsehen, allgemeiner Verrohung, Wirtschaftskriminalität, Intoleranz gegen Kinder und Jugendliche, Rechts- und früher auch Linksradikalismus.

Daher also die Frage nach einer alten und neuen Wertekultur. Sind etwa manche Werte nur theoretisch anerkannt, aber praktisch am verschwinden?

Schauen wir uns die fünf Grundwerte im Einzelnen an:

Toleranz und Achtung vor der Überzeugung des Anderen: sie steht heute hoch im Kurs: Man muss Denken und Tun des anderen respektieren, darf ihn nicht an seinen Entscheidungen hindern, man muss daher auch Jugendlichen die Freiheit lassen, ihre Erfahrungen zu machen. Der Kunst muss man die Freiheit lassen, auch Dinge zu tun, für die sich unsere Vorfahren geschämt hätten. Auch das Sexualleben des Nächsten muss man tolerieren, denn es ist seine Privatsache. Der Staat darf sich in das freie Spiel dessen, was im Internet gezeigt wird, nicht einmischen, denn das widerspricht der Meinungsfreiheit. Freilich zeigte sich – gottlob – auch, dass man gegen Intoleranz intolerant sein muss. Gewalt darf man nicht tolerieren. Die Gesellschaft braucht – wie wir oben gezeigt haben - Grundüberzeugungen und nicht nur Toleranz. Wenn aber nicht alles toleriert werden darf, braucht es Maßstäbe, braucht es Grundüberzeugungen, Grundwerte, Grundannahmen, sonst fällt eine Gesellschaft auseinander. Und nur wenn diese Grundwerte gesellschaftlich getragen werden, kann Kultur wachsen.

Zur Geschichte der Toleranz: Die Fehler und Einseitigkeiten der mittelalterlichen Kirchenverwaltung haben die Reformatoren auf die Barrikaden getrieben. Eine späte Folge war der Dreißigjährige Krieg, an dessen Ende eine gewisse Toleranz zwischen den Konfessionen gefunden wurde. Martin Luther hatte also Bedeutung dafür, dass Religionsfreiheit entdeckt wurde. Mehr Gewicht kommt der Aufklärung zu. Die Aufklärer forderten, dass sich Religion vor der Vernunft verantwortet. Die höhere Autorität war also die menschliche Vernunft. Religion musste sich rechtfertigen. Mit der Entdeckung der Menschen- und Völkerrechte - wobei die katholische Kirche eine gewisse Rolle spielte - bekam die Idee der Toleranz einen neuen Schub. Er lautete: kein Mensch darf zu einem Tun oder Lassen gezwungen werden, es sei denn er verhält sich gefährlich. Oberstes Prinzip ist seine Freiheit. Das begründet scheinbar Abartigkeit in der Kunst, Gewaltdarstellung im Fernsehen, Sex im Internet, staatliche Anerkennung homosexueller Partnerschaften.

Ökologie

Ein anderer heute unbestrittener fast religiöser Wert ist die Schonung der Umwelt. Wer sich gegen die Umwelt versündigt, muss mit sozialer Ächtung rechnen. Die Motive dafür sind teils rational, weil wir erkennen, dass wir unseren Nachfahren einen geplünderten Planeten hinterlassen, teils politisch: Politische Parteien gewinnen durch Umweltpolitik Stimmen, teilweise auch einfach romantisch: Wie hängen gerade auch im Schwabenland an der Heimat, was auch gut ist. Zum Wert des Umweltschutzes ist nicht viel zu sagen: noch vor 30 Jahren hätten nur wenige gewusst, was damit gemeint ist. Unser Verhalten hat uns das Thema aufgezwungen. Wir müssen uns damit befassen, schon aus Eigennutz.

Frieden

Auch der Wert des Friedens ist heute unbestritten. Wir haben aus der Geschichte gelernt, dass ein Waffengang mehr zerstört als er bringt. Zudem können wir uns im Gegensatz zu unseren Vorfahren kaum einen Wert vorstellen, für den ein Krieg gerechtfertigt wäre. Früher dachte man noch, dass ein Landstrich, die Ehre eines Volkes, ein materieller Gewinn einen Krieg rechtfertige.

Solidarität

Schwieriger wird es bei – wie ich sagen möchte – aktiven Werten:Solidarität und Gerechtigkeit. Es kostet schon etwas, sich zu engagieren für alte Eltern oder gar kranke Nachbarn. Das fordert Solidarität. Durch die in mühsamen Kämpfen gewachsenen Gewerkschaftsbewegungen und Versicherungseinrichtungen hat Solidarität eine offizielle Struktur erhalten, wurde aber dadurch entpersönlicht. Man muss sich um den Nächsten nicht mehr kümmern, denn er ist ja organisiert und versichert. Solidarität ist zur Technik und Maschine geworden. Mühsam ist auch ehrenamtliche politische und gewerkschaftliche Tätigkeit, wenn man nicht selbst finanziell davon lebt. Es gibt zwar unzählige freiwillige Hilfsorganisationen, in denen der Helfer erfährt, wie schön Helfen ist. Aber es fehlen wohl ideal gesinnte Menschen, die sich aus Solidarität politisch engagieren.

Gerechtigkeit

Und schließlich Gerechtigkeit: Vor dreißig Jahren haben viele junge und alte Menschen soziale Gerechtigkeit auf ihreFahnen geschrieben. Die sind jetzt vielleicht frustriert und müde geworden. Sich heutzutage für weltweite Gerechtigkeit, aber auch Gerechtigkeit in der eigenen Gesellschaft zu engagieren, ist seltener geworden und erhält nicht mehr so viel Applaus wie vor einer Generation. Ein Bereich der Gerechtigkeit ist freilich relativ neu: die Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen. Frauen haben erkannt, dass sie Jahrhunderte lang von Männern ungerecht behandelt wurden. Heute können sie die Zahl ihrer Kinder selbst bestimmen, sind gut ausgebildet, fühlen sich den Männern gleichrangig und kämpfen für gleichwertige Behandlung in Gesellschaft und Beruf.

Dies nur eine sehr kurze Zeitdiagnose. Ich wiederhole: Rein theoretisch wird kaum jemand diese fünf Grundwerte bestreiten. Sie praktisch zu verwirklichen, wird schon wesentlich schwerer.

Frieden: Auch hier ist der Weg kurz: Die Erfahrungen der beiden Weltkriege, aber auch das Scheitern der US-Amerikaner in Vietnam und jetzt im Irak lehren, dass Krieg meist mehr schadet als er nutzt. Aber hier muss ich auch das Fernsehen loben: Wir kennen heute auch ferne Kriege und das Leiden, das sie über die Menschen bringen. Das kannten unsere Vorfahren, die Kaiser Wilhelm 1914 folgten, nicht. Sie waren Krieg spielende Kinder.

Solidarität: hier sind wir m. E. an einem heute wunden Punkt: Durch Jahrhunderte war die Familie die Solidargemeinschaft schlechthin: Eltern brauchten Kinder, die sie im Alter ernähren und versorgen konnten. Kinder brauchten Eltern, die sie in Krankheit pflegten. Eine Generation trug die andere. Das hatte Vor- und Nachteile. Es gab mehr Arme als heute. Wir haben gelernt, die Risiken auf größere Gruppen zu verteilen. Alle Bürger müssen versichert sein. Der Staat ist zum Helfer, Retter, möglicherweise sogar zum Erzieher geworden. Und weil der Bürger den Anderen, der für ihn oder sie einsteht, nicht persönlich kennt, wird die Versicherung zu einer Maschine, die man ausnützen oder eine Kuh, die man melken kann. Sicherung hängt nicht mehr von der Familie ab, sondern ist anonym. Man wird dabei leicht zum Handaufhalter. Heute kann man leicht sagen: ich zahle, also habe ich einen Anspruch. Das stimmt. Aber wenn dabei ganz vergessen wird, dass grundlegend die Haltung oder Tugend der Solidarität, des Zusammenstehens nötig ist, dann geht in der menschlichen Gesellschaft etwas grundlegend verloren. Ich denke, dass wir hier an einem wunden Punkt in unserer Wertekultur stehen. Erwachsene wissen, was sie an einer Versicherung haben. Jungen Menschen muss man das wohl ausdrücklich sagen: „Nach einem Beinbruch beim Fußball bekommst Du im Krankenhaus gratis eine sehr teuere Reparatur, die von denen gezahlt wird, die das Glück haben, ihr Bein nicht zu brechen. Wir sitzen alle im gleichen Boot. Wenn im Boot nur Egoisten sitzen, dann wird das Boot beim ersten Sturm untergehen. Zum Zeichen dafür, dass Du diese Solidargemeinschaft anerkennst, könntest Du mal freiwillig einen ehrenamtlichen Dienst bei einer Hilfsorganisation übernehmen.“ Zur Wertekultur: Ich denke, Eltern und Erzieher müssen jungen Menschen helfen, die anonym gewordene Solidargemeinschaft als solche zu erkennen und dafür dankbar zu sein und sie durch Zeichen mit zu tragen. Der Staat und die Versicherungen sind keine Maschinen. Es ist unser Staat, es sind unsere Versicherungen. Das was für Erwachsene selbstverständlich sein mag, ist es für Jugendliche nicht. Und leider geben Erwachsene manchmal auch ein schlechtes Beispiel.

Wir müssen die Frage der Solidarität ausweiten: Auch Demokratie braucht Freunde, Anhänger und Verteidiger. Unsere Vorfahren vor und nach dem zweiten Weltkrieg haben sie erkämpft und erlitten. Wenn sie sähen, wie wenig Liebe und Hochachtung wir für die demokratischen Strukturen und Mechanismen haben, würden sie weinen. Es braucht in jeder Generation staatsbürgerliche Erziehung. Ich weiß, dass Parlamentarier auf allen Ebenen heute auch vielfach versagen, es gibt zuviel Parteienwirtschaft und Geklüngel, die Parlamentarier hängen zu wenig von ihren Wählern ab und zu sehr von ihrer Partei, Bundestagsdebatten sind langweilig, Entscheidendes wird in Talkshows gesagt und nicht im Parlament. Demokratieverdrossenheit. Die Jugend müsste aufstehen und eine bessere Demokratie einfordern. Ich fürchte, sie interessiert sich zu wenig. Auch dies ist eine Frage der großen Solidarität. Und – wir dürfen uns sagen: Vom guten Funktionieren Deutschlands hängen manche oder gar viele Entwicklungsländer ab. Wenn es schon bei uns Demokratiemängel und Korruption gibt, um wie viel mehr dann bei ihnen?

Wir kommen zur Gerechtigkeit: Rein theoretisch sind wir sicher dafür, dass allen Menschen ihr Recht gegeben wird. Wenn es aber praktisch wird und uns selbst berührt, dann hapert es doch auch wieder. Denken wir an die Chancen, die die relativ reichen Ländern den relativ armen auf dem Weltmarkt geben. Ich höre jedenfalls, dass wir immer noch Handelsschranken haben, die die eigene Wirtschaft beschützen. Man kann es verstehen, aber es widerspricht unseren hehren Prinzipien des offenen Marktes und der internationalen Gerechtigkeit. Wir fordern friedliche Entwicklungsländer, verdienen aber durch Waffenhandel und Export unserer Güter, die den armen Ländern schaden. Die meisten Menschen wissen darum wenig. Es fehlt an politischem Interesse. Es fehlt vielleicht auch an den Zeitungen und Rundfunkanstalten, die ihren Lesern und Nutzern mal etwas fremden Stoff zumuten müssten. Man kann einwenden, dies seien im Grunde Nebenfragen, keine vitalen Fragen unserer Gesellschaft. Dagegen sage ich: Umweltverschmutzung war vor 30 Jahren auch noch eine Nebenfrage, bis sie uns jetzt eingeholt hat.

Wir haben uns mit fünf Grundwerten befasst: Nochmals in der Systematik: Solidarität betrifft die Zusammengehörigkeit der Menschen, Toleranz ihre richtige Distanz, Gerechtigkeit meint die Gleichbehandlung aller durch die öffentlichen Autoritäten, Frieden das Zusammenleben zwischen Gruppen und Völkern, Umweltschutz den Schutz unserer Erde.

Die Kultur dieser Werte war zeitweise schon höher. Wenn ich etwa an den Mut und Lebenseinsatz von Widerständlern unter Hitler und in der DDR denke. Sie haben ihr Leben gewagt für eine bessere Gesellschaft. Angesichts ihres Mutes und ihrer Leiden, frage ich mich, ob wir uns nicht schämen müssen für die Gesellschaft, in der wir leben, ob wir nicht mit unendlich größerer Kraft für eine bessere, humanere Gesellschaft kämpfen müssten. Konkreter: Besonders Solidarität und Gerechtigkeit sind durch Anonymität bedroht.

Eine andere Schicht von Werten und Unwerten

Nun gibt es aber auch eine andere Schicht von Werten bzw. von Verstößen gegen diese Werte. Die Verstöße heißen Gewalt, Sex und Stillosigkeit. Die korrespondierenden Werte heißen: Friedfertigkeit, Geschlechtlichkeit und Stil.

Gewalt: Die Welt schrickt auf, wenn 17-Jährige ein Mädchen vergewaltigen oder zu Tode quälen, wenn Fußballfans Polizisten angreifen oder erst recht, wenn es Rechtsradikale sind. Sie schrickt leidern nicht auf, wenn Kinder und Jugendliche stunden und tagelang gewalttätige Fernsehprogramme oder Videospiele sehen. Sie schrickt nicht auf, wenn Kinder und Jugendliche ihre Eltern nur am Wochenende sehen, wenn sie grundsätzlich aus dem Eisschrank essen müssen, wenn Eltern nur auf Probe zusammenleben und Kinder ständig in der Angst leben müssen, dass sich ihre Eltern trennen, wenn Millionen von Männern zweifeln, ob ihre Kinder wirklich von ihnen gezeugt wurden.

Was ist zu tun? Medienmacher und Pädagogen sollten sich vielleicht entschließen, den jeweils sichereren Weg zu empfehlen und nicht mit der Möglichkeit zu rechnen, dass Gewaltvideos doch nicht so schlimm sind. Kindern schaden vielleicht Gewalt-Video-Spiele nicht, wenn sie dann auch mal mit ihren Eltern darüber reden können. Solche Spiele schaden vielleicht nicht, wenn die Kinder auch mal im Wald tollen können. Aber wenn Jugendliche allein gelassen werden mit solchen Spielen und Gewaltfilmen, dann drehen sie eben mal durch. Nicht monokausal denken, sondern plurikausal. Wenn Jugendlichen echte menschliche Begleitung und Liebe fehlt, gehen sie kaputt. Es darf auch im Bereich von Erziehung wieder von Liebe gesprochen werden, nicht nur von Lernprogrammen. Mich wundert es überhaupt nicht, wenn Jugendliche gewalttätig agieren und reagieren. Sie haben es in der Gesellschaft gelernt, die wir – durch falsche Toleranz oder Feigheit – geschaffen haben. Jugendliche brauchen Gesprächspartner, Zuwendung, Toleranz, Liebe. Früher haben Väter ihren Kindern den Hosenboden versohlt. Das war vielleicht nicht ganz das Richtige. Aber damit wussten sie, dass der Vater sich für sie interessiert. Wissen sie das heute oft nicht oder zu wenig? Wir müssen zurück zu wirklichen Erziehung und dürfen das nicht nur von den Lehrern verlangen, sondern vor allem von den Eltern.

Sex: Erlauben Sie mir hier prononcierte Aussagen: Die Menschheit weiß, dass die geschlechtliche Begegnung zwischen einem Mann und einer Frau zu den beglückendsten Erfahrungen des Menschen gehört. Aus ihr nährt sich nicht nur familiäre Kraft, sondern auch gesellschaftliche Stärke, künstlerische Größe. Liebe schafft eine fast grenzenlose Ausdauer, wenn Liebende, die durch Krieg oder Ähnliches getrennt sind, einander suchen. Soldaten im Krieg oder Matrosen in Gefahr auf hoher See können davon leben, dass zuhause ihre geliebte Frau auf sie wartet. Frauen, die entehrt und gedemütigt werden, können es überstehen, wenn sie darauf vertrauen können, dass ihr Ehemann auf sie wartet und zu ihr steht. Lebt nicht die Literatur seit Jahrhunderten von der Liebe, auch der geschlechtlichen Liebe zwischen Frau und Mann?

Und wenn nun ein Mensch des klassischen Griechenland, des hohen Mittelalters oder des 19. Jahrhunderts auf einige homepage schauen könnten und die Sex-Anzeigen sehen würden, so würden er sich vermutlich fragen: in was für einer Kultur leben meine Nachkommen eigentlich? Das Prickelnde der Erotik fehlt, sie ist zum Sex als Ware verkommen. Der Beischlaf kann gekauft werden.

Nun der Vorfahr aus Griechenland wird vielleicht sagen: Auch zu unserer Zeit gab es Prostitution. Aber wir haben es doch ein ganz klein wenig versteckt. Wir haben es gemacht, aber es war sozial nicht angesehen. Wir hätten es nicht hinausposaunt. Und: wir Griechen sind leider dann auch an Sittenlosigkeit zugrunde gegangen. Es kann also mit der Kultur des 21. Jahrhunderts nicht mehr lange gehen. So etwa der alte Grieche.

Klar: Sex wurde immer betrieben. Aber man darf sich daran erinnern, dass das Verhältnis zwischen Mann und Frau bis vor rund 200 Jahren gesellschaftlich auch noch ganz anders war als heute. Die Frau war Eigentum des Mannes. Sie wurde aus ihrem Vaterhaus in das Haus des Ehemannes übergeben. In den meisten Gesellschaften sprachen – Ausnahmen abgesehen - auch Männer hauptsächlich mit Männern und Frauen mit Frauen. Zwischen verheirateten Eheleuten gab es wesentlich weniger Dialog oder gar streitige Auseinandersetzung. Sie war seine Bettgefährtin, die Mutter seiner Kinder, die Frau, die das Haus bestellte. In Sonderfällen mögen sie auch wirklich Partner im heutigen Sinne gewesen sein. Aber vermutlich nur in Sonderfällen. Meist galt, dass er herrschte und sie diente. Das wünsche ich mir nicht zurück. Auf diesem Hintergrund ist auch das Prostituiertenwesen noch anders zu sehen. Damals wurde die Frau zwar von ihrem Mann betrogen, aber nicht im heutigen Sinne gekränkt.

Heute sprechen wir von partnerschaftlicher Ehe. Ein hohes, schwer zu verwirklichendes Ideal. Wenn also heute Sex betrieben und kommerziell gefördert wird, dann ist das ein besonderer Schlag ins Gesicht der Frau und ein Schlag für unsere aufgeklärte Vorstellung von den Beziehungen zwischen Mann und Frau. Wir hängen unser Ideal höher und steigen gleichzeitig tiefer ab.

Ich gehe mal davon aus, dass die Mehrheit der Eheleute auch heute versucht, in Treue mit einander zu leben – auch wenn das heute schwerer ist als früher. Aber die öffentlich gebilligte und geförderte Sex-Kultur ist eine Kulturschande. Ich würde mal sagen: selbst unser Goethe, der mit vielen Frauen ins Bett gegangen ist, würde sich auf die Schenkel schlagen und fragen: „Was ist Deutschland, was ist Europa primitiv geworden! Es gibt nicht mehr die prickelnde Erotik, die die Künstler der Welt inspiriert hat, es gibt nur noch Sex. Sind wir nach dem Jahrtausende langem Aufstieg aus dem Tierreich wieder dorthin abgestiegen. Es gibt keine Geliebten mehr, sondern nur noch Puff. Entspannt Euch mit einander, aber vergesst nicht die scheußliche Reklame mit den Gurken, Karotten und Zitronen, damit ihr beim Vergnügen nicht krank werdet. Wirklicher Eros ist zum Sex verkommen. Soweit stelle ich mir Goethes Kommentar vor. Und er würde vielleicht noch sagen: Wenn ich mit einer schönen Frau ins Bett gegangen bin, habe ich auch ein wenig ihre Seele gesucht. Meine Nachfahren suchen nur mehr den Leib. Da hat sogar der Papst versucht, den Eros als Geschöpf Gottes zu retten.“ So stelle ich mir einen Kommentar von Johann Wolfgang von Goethe vor.

Wohlgemerkt: es geht mir nicht um eine Verteufelung der Sexualität. Es geht mir um die Kultur der Sexualität. Die haben wir teilweise oder ganz verloren.

Wir stehen bei einer anderen Schicht von Werten bzw. Unwerten. Bei Gewalt, Sex und nun die Nummer drei: Stillosigkeit.

Über dieses Thema mögen Sie zunächst lächeln. Ich nenne es einmal Stillosigkeit. Vielleicht könnte man auch einfach sagen: Kulturlosigkeit. Sie werden gleich sehen, was ich damit meine: Ich erlaube mir die Ansicht, dass bei uns wirklich schöne Kleidung zur Mangelware geworden ist: Erinnern Sie sich bitte daran, wie sich die Menschen etwa in Indien, in Japan, in Thailand farbig kleiden, aber auch Afrikaner und Indios in Lateinamerika. Sie versuchen – auch wenn sie noch so arm sind - sich so schön wie möglich anzuziehen. Und das auf jeden Fall für Feste, wenn möglich aber auch im Alltag. Und wir tragen im Unterschied dazu möglichst oft langweiligen Freizeitlook. Viele Völker außerhalb Europas tragen traditionell Farben, viele Farben. Erinnern wir uns auch daran, wie sich unsere Vorfahren in Europa kleideten, denken wir an die Trachten. Damals waren viele noch sehr arm, aber wenn sie konnten, kleideten sie sich – nach ihren Vorstellungen – schön, auch bunt und möglichst klassisch, damit man erkennen konnte, zu welcher gesellschaftlichen Gruppe sie gehörten. Und dann stellen Sie sich bitte den heute meist üblichen Freizeitlook bei uns vor. Ich finde, er ist armselig, er ist oft schlampig, er ist oft farblos, er ist ungebügelt und manchmal auch ungewaschen. Grau oder beige sind beliebte Farben. Über Schönheit kann man nicht streiten. Die Geschmäcker sind verschieden. Ich schlage Ihnen vor, sich einmal ihre Umgebung anzuschauen, in die Schaufenster zu schauen und das, was Sie sehen, zu vergleichen mit Bildern von Menschen in fernen Ländern oder fernen Zeiten. Die Kleidung ist für mich nur ein Symptom dafür, dass wir gepflegte Lebens- und Umgangsformen teilweise verlernt haben. Alles ist leger, freizeit-geprägt, locker, un-anstrengend.

Zur Stillosigkeit gehört meiner Ansicht nach auch, dass Familien immer seltener gemeinsam essen, dass man zur fest gesetzten Zeit am Tisch sitzt, gemeinsam anfängt und gemeinsam aufhört. Vielleicht könnte man ja sogar ein Tischgebet sprechen. Viele leben nur aus dem Kühlschrank, aus der Mikrowelle. Ich nenne das Kulturverfall, wenn es fast rund um die Woche so geht.

Ein weiteres Phänomen ist das Verschwinden von einfachen Anstandsregeln. Lernen Jugendliche und Kinder noch, ihre Eltern, ältere Verwandte, Lehrer oder Vorgesetzten zu grüßen? Dass es gewisse gepflegte Umgangsformen gibt, mit denen man sich begegnet, wissen auch manche Erwachsene kaum mehr. Früher sind jüngere Menschen aufgestanden, wenn Ältere einen Sitzplatz in Bus oder Bahn brauchten. Früher sind Herren sogar aufgestanden, wenn Damen – jedenfalls ältere Damen – in einen Raum gekommen sind.

Sicher – wir Ältere erinnern uns daran, dass unsere Vorfahren in diesen Bereichen vielleicht übertrieben haben. Ich habe aber den Eindruck, dass wir heute in den gegenüberliegenden Straßengraben gefallen sind. Gewisse Formen des Umgangs und der Kleidung gibt es gerade noch bei den Bänkern in Frankfurt und bei Hochzeiten. Sonst sind wir möglichst rund um die Uhr locker, unanstrengend, unverbindlich. Frage: Ob diese Oberfläche unserer Kultur zusammenhängt mit Gewalt und sexueller Unkultur? Man zieht sich Jeans an, zieht für die Kinder Videospiele rein und geht mit der Blondine aus dem Internet ins Bett.

Wo es früher vielleicht zu viele Stil- und Kulturregeln gab, gibt es heute vielleicht zu wenig.

Das waren Fragen zu Sekundärwerten unter den Stichworten: Gewalt, Sex und Stillosigkeit.

Was können und sollen die Kirchen dazu beitragen?

Und nun sind wir endlich zur Frage gekommen, was die Kirchen beitragen können, um wieder zu einer neuen Wertekultur zu kommen. Damit wir der Kirche einen Auftrag geben können, mussten wir die Situation lange anschauen. Um bei der Antwort nicht ins Träumen und Schwärmen zu geraten, müssen wir die Frage bescheiden und systematisch angehen und eingangs fragen:

1. Was ist die Aufgabe der Kirchen, wozu sind sie da? Und was darf man von den Kirchen erwarten?

Die Kirchen sind dazu da, das Wort der Bibel zu verkünden und die Sakramente zu spenden. Sie sind keine Sozialagenturen, keine Kulturwerkstätten, keine Hilfsorganisationen für die Reparatur geschädigter Gesellschaften. Sie sind keine NGOs, die die Lateralschäden des Kapitalismus oder Kommunismus repariert. Ich sage dies – jedenfalls für die katholische Kirche - so scharf, damit man sich keine falschen Vorstellungen macht. Nach katholischer Auffassung ist die Kirche ein Werkzeug oder theologisch ausgedrückt ein Sakrament, um der Welt die Erlösung durch Jesus Christus zu vermitteln. Sie soll sowohl dem einzelnen Menschen durch Glauben und Taufe die Erlösung bringen, aber auch der ganzen Menschheit. Durch ihr Dasein soll die Kirche die ganze menschliche Geschichte entlang Jesus Christus und sein Heil für den Menschen präsent machen. Diese Präsenz geschieht durch die Verkündigung des Reiches Gottes, der zehn Gebote und der Bergpredigt, sowie durch die Sakramente – vorab der Taufe und der Eucharistie. Die Kirche muss natürlich auch dazu anleiten, die Werke der Nächstenliebe zu üben und für soziale Gerechtigkeit zu sorgen.

Aber diese Tätigkeiten müssen vor allem Ausfluss des Glaubens sein, Zeichen des gelebten Glaubens an Jesus Christus, der sein Leben für die Menschen hingegeben hat. Nach katholischer Auffassung ist die Kirche keine politischen Partei, keine Gewerkschaft oder Kulturorganisation. Aber wenn die Gemeinschaft der Glaubenden richtig Kirche ist, dann wird sie politischen und kulturellen Einfluss haben. Kirche wird dann Salz der Erde und Licht der Welt sein.

Und dann muss ich hier natürlich gleich von den Fehlern der Kirchen sprechen. Wenn die Kirchen heute wenig gesellschaftlichen oder politischen Einfluss haben, so liegt es auch daran, dass sie ihren Grundauftrag nicht gut genug erfüllen. Wenn die Kirchen das Evangelium saft- und kraftlos verkünden, geht von Kirchen auch keine Energie in die Politik aus. Und konkreter: die Mitglieder der Kirchen streiten, sind gespalten, sind auch kleinlich, sind zu wenig liebevoll, sind spießbürgerlich und engstirnig. Sie sprechen nicht glaubwürdig von Gott und Jesus Christus. Sie leben die Liebe zu wenig.

Da wir trennen müssen zwischen Kirche und Staat, da schon Jesus gesagt hat: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist“, können und dürfen wir keine falschen Erwartungen an die Kirchen richten. Sie soll wohl barmherziger Samariter sein, sie soll dem helfen, der unter die Räuber gefallen ist, aber ihre primäre Aufgabe ist nicht die Räuberbekämpfung. Ihre primäre Aufgabe ist nicht, eine sichere und gerechte Gesellschaft herzustellen. Caritas und Diakonie sollen Wunden heilen. Sie dürfen auch auf den Marktplätzen schreien, dass der Staat, die Gesellschaft versagen. Wir haben lange genug eine Kirche gehabt, die an der Leine der Fürsten hing.

Was also sollen die Kirchen heute tun?

Hier müssen wir uns der Frage stellen: Was verstehen wir unter Kirche? Die Amtsträger, der Papst, die Kirchenleitungen etwa der EKD? Die Pfarrer, die Pfarrgemeinden? Die Theologieprofessoren, die Parlamentarier, die sich Christen nennen?

Ich denke, die Antwort ist eigentlich einfach: Wir alle, die wir auf den Namen Jesu Christi getauft sind, sind Kirche, und wir sollen selbst das tun, was wir von der Kirche erwarten. Die Verantwortungsträger sollen vorausgehen, voraus denken, Vorschläge machen, koordinieren. Aber es wäre lächerlich, wenn wir nicht selbst vorher schon das tun, was wir von der Kirche erwarten. Wir dürfen den Verantwortungsträgern Vorschläge machen, wenn wir selbst das tun, was wir von unserer Seite aus tun können.

Welche Vorschläge machen wir?

Wenn es stimmt, dass der Werteverfall letztlich davon abhängt, dass wir keine transzendente Rückbindung mehr haben, also Glauben an einen Gott, dann muss sich unsere erste und wichtigste Bemühung um die Wiederentdeckung Gottes drehen. Und da wir aus der Tradition des Christentums kommen, muss sich unsere Suche auf den Vater Jesu Christi richten. Unsere Kirchentage, aber auch alle Sonntagsgottesdienste müssten sich vor allem und intensiv um nichts anderes drehen als um das Geheimnis Gottes. Wir müssten in erster Linie Gottsucher werden. Wenn wir Gottsucher sind, dann kommt unsere Welt in Ordnung.

Wenn wir „Gott“ sagen, dann kommt uns möglicherweise heimlich der Verdacht, es handle sich also vor allem um Gehorsam gegen Gebote und Kirche, um Unterwerfung, um Bravsein, um Beten, also um Dinge, die unser Leben langweilig machen. Wenn wir so denken, dann haben wir ein schiefes Gottesbild. Wer wirklich mit Gott gelebt hat, dessen Leben wurde dadurch interessant, dramatisch, aufregend. Gott ist es, der Langeweile und Mühsal des Lebens überwindet. Wer mit ihm lebt, dessen Leben wird weit und schön und aufregend. Große Dramen der Weltgeschichte haben Gott oder Götter im Hintergrund. Denken wir nur an Goethes Faust.

Und spüren wir es nicht, wie heute schon viele Menschen laut oder leise auf der Suche sind nach einer transzendenten Begründung ihrer Existenz, auf der Suche nach Religion. Ja – aber ich sage auch gleich: es taugt nicht viel, wenn es sich nur um eine Suche nach Religion handelt, es muss darüber hinaus eine Suche nach dem Gott sein, der einst unser Europa zu einer führenden Kultur der Erdgeschichte gemacht hat. Der Gott Jesu Christi steht hinter Toleranz und Solidarität, hinter Gerechtigkeit und Frieden. Es ist nicht irgendein Gott, sondern der Vater Jesu Christi. Er ist es, der uns die Würde jedes Menschen entdecken ließ, die Würde der Frau, des Greises und des kleinen Kindes. Er ließ uns auch die soziale Gerechtigkeit und den Frieden Christi entdecken. Der Gott Jesu Christi steht hinter der wundervollen europäischen Kultur. Wenn wir ihn wieder entdecken, dann retten wir Europa.

Es geht also erstens um die lebendige und neue Wiederentdeckung des Gottes Jesu Christi. Die Wiedergewinnung von Werten dürfen wir nicht von den Rändern beginnen, sondern vom Zentrum.

Wenn wir das tun, werden auch gleich falsche Ideologien entmythologisiert. Ein Mythos heißt Liberalismus. Ich meine, wir verfallen teilweise dem Irrtum, die Menschen fänden zum Glauben zurück, wenn wir liberal sind, nicht konservativ. Konkreter: die Menschen würden sich wieder für Gott interessieren, wenn wir alte Zöpfe abschneiden, wenn wir modern sind. Das ist ein Irrtum. Die evangelische Kirche hat nicht mehr Zulauf als die katholische, obwohl sie in manchen Punkten liberaler ist. Liberalität ist nicht attraktiv. Attraktiv ist das Evangelium. Von ihm her müssen wir denken und entscheiden. Wir dürfen auch die Kirche nicht sehen wie eine Firma oder Partei. Wir dürfen uns zwar nicht dümmer verhalten als sie, aber Glaubenwachstum hängt nicht von gutem Management ab. Überhaupt darf uns der Erfolg nicht interessieren, sondern nur die Sache selbst, die Sache Jesu Christi. Er hatte bekanntlich auch keinen Erfolg, er endete am Kreuz. Das Problem freilich ist, dass unsere Umwelt uns heimlich dazu zwingt, erfolgsorientiert zu denken. Wir sollten dies wahrnehmen und uns davon trennen. Die Menschen, die unsere eins christliche Kultur groß gemacht haben – von Moses und Plato über die Heiligen und Martin Luther - dachten nicht an Erfolg.

Schauen wir ein wenig, wo Glaube derzeit rund um den Globusgewachsen ist und wächst: Als erstes möchte ich mal die Ökumenische Gemeinschaft von Taizé nennen. Als Roger Schütz dort anfing, dachte er vermutlich überhaupt nicht an eine Bewegung, eine Massenbewegung. Er ging gleichsam in die Wüste und die Menschen kamen zu ihm wie zu Johannes dem Täufer. Seine Konzentration aufs Evangelium machte Geschichte. Ich erinnere dann an Dietrich Bonhoeffer: Er ist heute ein Prophet für viele. Sein Sterben machte sein Denken fruchtbar. Wäre er nicht für seinen Glauben gestorben, so würden ihn nur Theologiestudenten kennen. Ich denke an Mutter Theresa: Ihr Engagementbewegte vielleicht mehr als die Arbeit von tausende von Missionaren. Und heute wächst Kirche dort am meisten, wo es am schwierigsten ist: in Vietnam, in China, in machen Ländern Afrikas,

Wenn wir dem Glauben und damit der Kultur und den Werten dienen wollen, dann müssen wir innerkirchlichen Streit so gut wie möglich vermeiden. Die vatikanische Erklärung über das Kirchesein der Evangelischen Kirche war eine Panne. Man hätte auf das zugrunde liegende Problem ohne jede Verletzung hinweisen können und sollen. Dann dürfen wir auch nicht an Kleinigkeiten hängen bleiben. Wenn wir uns mit ihnen befassen, sie zu großen Problemen aufbauschen, behindern wir die Neuentdeckung der wirklichen Werte.

Wenn wir der Wiederentdeckung wesentlicher Werte helfen wollen, dann müssen wir klein anfangen, dürfen das Kleine, das Alltägliche nicht unterbewerten. Die Wiederentdeckung tragender Werte fängt damit an, dass ich heute und morgen meinem Nächsten liebend begegne, liebend und aufmerksam. Und wenn wir in unserer Kirchengemeinde nur ganz wenige sind, dann kommt es darauf an, dass wir einander lieben, einander ertragen und tragen, dann muss Friede unter uns sein. Es gilt das Prinzip des Samenkorns, des Senfkorns, des Sauerteigs. Es gibt ein wunderbares altes und ganz unmodernes Wort „Die Hand, die die Wiege bewegt, bewegt auch die Welt“. Nicht nur Mutterhände sind Weltbeweger, auch Arbeiter- und Computerhände sind Weltbeweger. Wir müssen nichts Großes tun, wenn wir nicht an verantwortlichen Stellen stehen. Aber wir müssen von unserem kleinen Tun groß denken. Das Kleine und Mögliche tun, damit das Große wachse.

Sie erlauben mir, dass ich am Schluss Jesus Christus ins Spiel bringe. Vielleicht sind wir uns in der Überzeugung einig, dass die Menschheit durch ihn einen wesentlichen Schritt vorwärts gekommen ist. Er brachte eine kulturelle Kernspaltung, weil er die Gotteskindschaft jedes Menschen und die Liebe verkündet und gelebt hat. Geschichtlich gesehen war er nur ein kleiner, armer Mensch. Aber hat die Welt gewendet, weil er gegen alle Dummheit und Bosheit seiner Umgebung auf Gott vertraut und für ihn gelebt hat.Ohne Gott ist – wie Dostojewski erkannte – alles erlaubt. Mit Gott ist das Schönste und Beste möglich.

Kurz-Zusammenfassung

Wir suchen nach Werten, weil wir den Eindruck haben, sie seien verloren gegangen. Warum sind sie verloren gegangen? Die tiefste Grund ist, dass wir als Gesellschaft Gott verloren haben, dass wir Gott zur Privatsache des Einzelnen gemacht haben, weil wir uns darauf geeinigt haben, dass Gott im öffentlichen Leben keine Rolle spielt, weil wir uns darauf geeinigt haben, dass nur noch das gilt, was